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Bildungskarrieren ins Abseits - Ausgrenzung durch Schule


(2004):
Bildungskarrieren ins Abseits - Ausgrenzung durch Schule. Heftthema.
In: DISKURS.
Jg. 14, H. 1, S. 60

"Es ist ein Ruck durch dieses Land gegangen - als mittlerer Schock: Deutschland hat für den Zustand seines Bildungswesens schlechte Noten bekommen - noch dazu von einer unabhängigen Jury: PISA." So die einleitenden Bemerkungen zum Themenschwerpunkt Kindheit und Bildung im DISKURS 2/2002. Zwischenzeitlich schreiben wir Herbst 2004 - und immer noch belegen deutsche Schüler und Schülerinnen in der internationalen Vergleichsstudie PISA II Plätze in der unteren Hälfte der untersuchten OECD-Länder. Ist die Bundesrepublik schon wieder "sitzengeblieben", hat sie ihr Klassenziel, bei der Bildung der nachgeborenen Humankapitals - als der Ressource in der Konkurrenz der nationalen Volkswirtschaften - unter den Ersten zu sein, wieder mal nicht erreicht?
Besonnene Stimmen aus Politik und Wissenschaft warnen vor einer neuerlichen PISA-Hysterie und verweisen auf wichtige Reformschritte wie das vom Bund aufgelegte Programm für Ganztagsschulen und die Verständigung zwischen den Ländern auf verbindliche Bildungsstandards. Gleichwohl ist ein ganzheitliches Reformkonzept noch nicht in Sicht, hält der Streit um die Chancen auf "Bildung für alle" und um entsprechende Schulformen unvermindert an. Neben eher grundsätzlichen forschungsmethodischen Fragen "Welcher Bildungsbegriff liegt den OECD-Leistungsvergleichen zugrunde?" (technokratisch-funktional versus humanistisch-traditional), "Welche Fähigkeiten messen die PISA-Aufgaben wie scharf?", "Wird gemessen, was eine(r) oder ob jemand was besser und schneller weiß?", geht es in den öffentlichen Debatten vor allem um Perspektiven des Abbaus sozialer Ungleichheit, i. e. um die Neutarierung des Verhältnisses von Integration und Selektion, von Fordern und Fördern. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei die wegen ihrer sozialen Herkunft massiv benachteiligten Kinder und Jugendlichen - insbesondere die mit Migrationshintergrund.
Das THEMA dieses Heftes fokussiert Bildungskarrieren ins Abseits und spürt Benachteiligungen, Belastungen und Ausgrenzung durch Schule nach. Es kreist um den Sachverhalt, dass das System Schule alle Schüler(innen) dem gleichen Leistungsmaßstab unterwirft, ohne den jeweiligen Ausgangsbedingungen der Einzelnen für die Bewältigung schulischer Anforderungen institutionell Rechnung tragen zu können. Messung und Bewertung schulischer Leistungen erfolgen nicht beiläufig, sondern sind konstitutiv für Selektionsprozesse und machen deutlich, wie bedingt die Forderung "Bildung für alle" - runtergeholt auf den schulischen Lernalltag - gelesen werden muss. Wenn aber an "Bildung als Bürgerrecht" festgehalten wird (siehe hierzu die thematische Einführung von Wolfgang Mack), wenn "Bildung für alle" nicht zu einer euphemistischen Phrase verkommen soll, wird es darum gehen, sich der Bedingungen zu versichern, unter denen Schüler und Schülerinnen Lernanforderungen erleben und - häufig genug - überleben: mithin um eine Bilanzierung der subjektiven Kosten von Bildung.
Eine solche Annäherung erfolgt hier über die Differenzierung schulpädagogisch relevanter Benachteiligungssituationen, über empirische Befunde zu markanten Belastungserfahrungen von Schüler(inne)n in der Grundschule und in der Hauptschule sowie über Beispiele gelingender schulischer Förderung und Beratung - nicht nur in Schweden.
SPEKTRUM stellt drei Beiträge vor:
Franziska Wächter fragt, wieweit das in den Sozialwissenschaften und der Umfrageforschung fest etablierte Links-Rechts-Schema für Jugendliche und junge Erwachsene noch als Orientierungsrahmen im politischen Raum taugt. Was verbinden junge Leute mit einer Politik und den Debatten über diese, die sich solcher Wegweiser bedienen? Diesen Fragen wird vor dem Hintergrund repräsentativer Jugendstudien wie auch qualitativer Zugänge nachgegangen. Zudem wird diskutiert, wie bedeutsam "links" und "rechts" als "politischer Code" für die politische Selbstverortung von 15- bis 25-Jährigen ist.
Claus J.Tully untersucht Arbeitsweltkontakte von Schülerinnen und Schülern. Ausgehend von dem Sachverhalt, dass Schule und Arbeit unterschiedlichen Regeln folgen - unabhängig davon immer mehr junge Leute neben der Schule einem Job nachgehen, fragt der Autor, wie die eher traditionelle arbeitsweltbezogene Unterweisung im Schulalltag modifiziert, aktualisiert und mit konkreten Erfahrungen angereichert werden kann. Aufgrund der höchst vielfältigen Joberfahrungen von Schülerinnen und Schülern lässt der Beitrag offen, ob die Idee einer Verzahnung von "Schule" und "Arbeitswelt" curricular verwirklicht werden kann.
Der Beitrag von Paloma Fernández de la Hoz erörtert anhand sekundärer Quellen einzelne Zusammenhänge im Kontext von "Familie und Gesundheit": Familienleben, Gesundheit und Armut sowie soziale Ausgrenzung. Untersucht wird, welche soziale Faktoren für die Gesundheit im Familienleben maßgeblich sind und welche Brisanz diese Faktoren insbesondere bei Risikofamilien entwickeln können. Die Autorin schließt mit Empfehlungen für gesundheitspolitische Projekte mit dem Ziel, Familien in ihrer Funktion als gesundheitsfördernde Instanzen zu bestärken.
Andreas Lange und Peggy Szymenderski machen sich in TRENDS auf Spurensuche nach dem "Neuen" in der Gesellschaft. Entlang kultureller Phänomene wie David Beckham und den "Pokemons" resümieren sie die Grundideen der Debatte über Konzepte der "Entgrenzung", "Verflüssigung" und "Hybridisierung", mittels derer in der Soziologie neue Verlaufsformen sozialen Wandels zum Sprechen gebracht werden. Neben den wirtschaftlichen Entgrenzungen als wesentliche Triebfedern dieses Wandels wird der Rolle der Medien im Entgrenzungsgeschehen nachgegangen. Der Beitrag formuliert zudem markante, aus den dargelegten Veränderungen in Wirtschaft, Arbeit und Medien sich ergebende Herausforderungen für die Einzelnen, die Forschung und die Politik.


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