Alleinsein wird zunächst vor einem breiten kindheits- und sozialisationstheoretischen, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen Hintergrund erörtert.
Im Unterschied zu Thesen aus der Kindheitsforschung, welche die Eigenständigkeit von Kindern betonen und die Gleichaltrigenwelt zur zentralen Instanz kindlicher Realitäts- und Selbstkonstruktion erheben, wird davon ausgegangen, daß Selbstwerdung nicht ohne Bezug auf eine Entwicklungs- und Sozialisationsperspektive zu erfassen ist, bei der auch das Angewiesensein des Kindes auf Erwachsene eine wichtige Rolle spielt. Hypothetisch wird die Frage gestellt, ob Alleinsein als eine selbstbewußte, autonome Entscheidung gesehen werden kann oder angemessener als Anpassungsstrategie auf innere und äußere Umwelten zu betrachten ist. Es wird die These vertreten, daß Kinder weder in der Rolle des Akteurs noch in der eines Sozialisanden aufgehen.

Befunde:
In der qualitativen Fallstudie mit einem Dutzend 10-bis 13jährigen Kindern wird der Frage nachgegangen, welche Erfahrungen Kinder, die viel allein sind, mit anderen Menschen machen, wie sie ihr Leben gestalten, welches Selbstbild sie haben und wie sie Alleinsein erleben. Die Untersuchung wurde vor dem Hintergrund der verbreiteten Annahme durchgeführt, dass Kinder, die wenig oder keine Freunde haben, Problemkinder sind und unter ihrem Alleinsein auch leiden. Viele Kinder sind Hänselei, einige Schikanen ausgesetzt. Was den meisten abgeht, ist eine wirklich freie, alle Aspekte ihrer Person ansprechende Selbstentwicklung. In ihrer Freizeit beschäftigen sie sich mehrheitlich recht vielfältig. Einige, aber nicht die Mehrzahl, zeigen wenig soziales Engagement und Hilfsbereitschaft. Keines der Kinder fühlt sich einsam, jedoch erweisen sie sich auch nicht als „überzeugte Singles", die aus ganz freien Stücken und eigener Entscheidung viel Zeit allein verbringen. Alleinsein hat sehr unterschiedliche Ursachen und Beweggründe, die vom Temperament der Kinder über Familienbiographien bis hin zu Erfahrungen in Betreuungs- und Bildungsinstitutionen reichen. Modernisierte Umweltbedingungen spielen eine sekundäre Rolle. Am ehesten kommen modernisierte Lebensverhältnisse über die Lebensführung der Eltern zum tragen. Sowohl traditionelle wie individualisierte Lebensformen können Alleinsein befördern.

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