DJI:Herr Wahl, Sie haben früher am DJI zur Entstehung von Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Gewalt geforscht. Nun haben Sie die Thematik wieder aufgenommen und ein Buch geschrieben, das den heutigen internationalen und interdisziplinären Forschungsstand zusammenfasst. Was hat Sie dazu motiviert? Und warum haben Sie das Buch auf Englisch geschrieben?

Wahl: Die Probleme sind immer noch buchstäblich brandaktuell, nicht nur in Deutschland. Doch die Forschung darüber ist mittlerweile unübersichtlich. Als ich vor einigen Jahren an der Ludwig-Maximilians-Universität München Seminare über Rechtsradikalismus hielt, suchte ich für die Leseliste für die Studierenden einen Aufsatz, der nicht nur historische und sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse resümiert, sondern auch Erkenntnisse anderer Wissenschaften zur Entstehung von Fremdenfurcht und -feindlichkeit, Vorurteilen, Aggression und rechtsradikalen Ideologien. Das findet sich in den Life Sciences – von der Evolutions- bis zur Entwicklungspsychologie, von der Verhaltens- bis zur Gehirnforschung. Doch ich entdeckte keinen Artikel, der diese verschiedenen Sichtweisen bündelte und begann daher, selbst zu schreiben. Und wie es Autoren während des Schreibens so ergeht: Man trifft auf immer weitere interessante, teils auch widersprüchliche Ergebnisse, will alles integrieren und aktuell bleiben - und schwupp wird aus dem geplanten Aufsatz ein dickes Buch. Auf Englisch, weil das die weltweite Wissenschaftssprache ist und Rechtsradikalismus nicht nur in Deutschland existiert.

DJI:Warum ist Ihnen der interdisziplinäre Forschungsansatz wichtig?

Wahl: Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften haben zwar einige sich überlappende Forschungsinteressen, arbeiten aber immer noch oft ohne vertiefte wechselseitige Kenntnisnahme, es gibt auch noch gegenseitige Vorurteile. Das ist bedauerlich, weil somit Synergieeffekte ausbleiben. Ich habe jahrzehntelang mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen und Institute geforscht und gelehrt und dabei interdisziplinäre Einsichten gewonnen, die auch für die Prävention gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus weiterführend sind.

DJI:Was ist das Erfolgsrezept der radikalen Rechten, das ihre ideologischen Angebote insbesondere in Europa und den USA für viele attraktiv macht?

Wahl: Man findet diese Zauberformel in der Antrittsrede von US-Präsident Donald Trump am 20. Januar 2017 wie in der berühmten Nussschale. Trump beschuldigt darin das Establishment der Hauptstadt, auf Kosten des immer weiter verarmten Volkes zu leben, verrostete Fabriken und kriminelle Stadtviertel zu dulden, Milliarden im Ausland, statt im Inland auszugeben. Trump verspricht, dieses „Massaker an Amerika“ zu beenden. Nach dem Motto America first will er Grenzen errichten, das Land „vor der Verwüstung schützen, die andere Länder anrichten, die unsere Produkte herstellen, unsere Unternehmen stehlen und unsere Arbeitsplätze zerstören.“ Er will Arbeitsplätze und Wohlstand zurückbringen. Das Volk werde durch Militär, Sicherheitskräfte und Gott beschützt. Die Bürger Amerikas seien in einer Anstrengung geeint, das Land wiederaufzubauen und die Hoffnung für das ganze Volk wiederherzustellen.

Trumps Rede zeigt die Schlüsselelemente der rechtsradikalen Ideologien, den Dreiklang von negativen und positiven Emotionen: Furcht, Wut und Zuversicht. Furcht: Das eigene Volk wird von innen und außen bedroht und beraubt. Wut auf die Sündenböcke für den Niedergang Amerikas, die Eliten, das Ausland und die Kriminellen. Zuversicht durch das Versprechen von Sicherheit, Arbeit und Wohlstand.

DJI:Können Sie die Versprechungen der radikalen Rechten etwas weiter ausbuchstabieren?

Wahl: Nachdem die radikale Rechte weltweit mit ihrer „Politik mit der Angst“ (Ruth Wodak) Menschen noch ängstlicher machen will, als sie es schon sind, verspricht sie paradoxerweise eine bessere Zukunft durch Rückwärtsgang. Sie propagiert gesellschaftlich antimoderne Ideen zur Bewältigung von Aufgaben, Spannungen und Risiken innerhalb und zwischen Nationen. Dabei geht es um die Stärkung des eigenen Volks mit Solidarität nach innen, aber Distanzierung und Diskriminierung nach außen (Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus). Man nutzt einen doppelten Volksbegriff – nativistisch und politisch, ethnos und demos. Anders gesagt: „Wir sind ein Volk“ mit exklusiver Herkunft und Privilegien gegenüber anderen und „wir sind das Volk“ als Souverän der „einfachen, anständigen, fleißigen, normalen“ Leute im Gegensatz zu „korrupten Eliten“ und angeblichen Verschwörungen im Staat, der Finanzwelt, unter Intellektuellen und in internationaler Organisationen (EU, UNO). Dazu kommt die Rechtfertigung von sozialer Ungleichheit und Hierarchien in der Gesellschaft, mit Privilegien für bestimmte Gruppen und einem starken Führer. Man propagiert traditionelle starre Moralvorschriften und Religion ebenso wie frühere Familienstrukturen, Geschlechterverhältnisse und Lebensstile. Ergänzt wird dies durch Diskriminierungen und Strafen (bis zu Gewalt) gegen Menschen, die den eigenen Vorstellungen oder Normen nicht entsprechen (bestimmte Ausländer, sexuelle Minderheiten usw.). Weiter hat die radikale Rechte ein vordemokratisches Staatsverständnis (weniger Menschen-, Bürgerrechte, Pressefreiheit, Gewaltenteilung, Pluralismus). Im Gegensatz zu solchen vormodernen Sozialideologien akzeptiert und nutzt die Rechte aber technischen Fortschritt, etwa die sozialen Medien. Wirtschaftspolitisch favorisiert die Rechte meist mehr Markt und weniger Staat (Wirtschaftsliberalismus), gelegentlich aber auch protektionistische Maßnahmen zum Schutz der eigenen Wirtschaft und Arbeitnehmer/innen.

Was den Erfolg der radikalen Rechten zudem beflügelt, ist ihre Reduktion von Komplexität durch einfache, binäre Weltbilder und Moralprinzipien (richtig/falsch, gut/böse). Weiter gehört zu ihrem Erfolgsrezept ihre Attraktivität für verschiedene Persönlichkeiten und Menschen mit unterschiedlichem Status, denn sie verheißt doppelte Chancen: Einerseits verspricht sie ängstlichen, schwachen, unterwürfig-autoritären Personen, jenen mit niedrigem Rang oder Abgehängten den Anschluss an eine großartige kollektive Identität (Nationalgefühl). Zudem können sie ihre eigene Identität durch das Hinabschauen auf niedriger Rangierende oder Außenstehende (z.B. Migranten) erhöhen. Andererseits verspricht die radikale Rechte starken, dominanten Personen und jenen, die einen gewissen Status erreicht haben, Statuserhalt und eventuell Führungspositionen in Hierarchien (wie in rechtsextrem-paramilitärischen Gruppen in Osteuropa).

DJI:Sehen Sie Abstufungen hinsichtlich der Radikalität bei rechten Parteien und Bewegungen?

Wahl: Ja, aber leider gibt es dafür in der Politikwissenschaft in Deutschland und international eine verwirrende Begrifflichkeit. Wenn man es entlang einer Skala von zunehmender ideologischer Radikalität (weniger Menschen- und Bürgerrechte, Diskriminierung von Ausländern usw.) und der Akzeptanz oder gar Nutzung von Gewalt aufgliedert, beginnt es bei den Ultrakonservativen (Tea Party, WerteUnion), geht über die populistische Rechte (AfD, FPÖ) und extreme Rechte (NPD, Jobbik) bis zur terroristischen (Ku Klux Klan; NSU) und totalitären Rechten (NSDAP). Die Ideologien beginnen bei einer exklusiven „Leitkultur“ sowie Fundamentalkritik an der EU und reichen über die Diskreditierung von Ausländerntypo3/#_msocom_1 und Verachtung des Parlamentarismus bis zur Gewalt gegen Minderheiten. Dabei kann es im Zeitverlauf wachsende Radikalisierungen geben wie bei der AfD oder bei einzelnen Mitgliedern von Parteien und Bewegungen.

DJI: Gibt es Unterschiede bzw. Analogien der radikalen Rechten in Europa und den USA? Und wenn ja, welche und woher kommen sie?

Wahl: In den ideologischen Grundelementen ähneln sie sich. Aber schon innerhalb Europas gibt es einige Unterschiede zwischen Ost und West, wegen der anders verlaufenen Geschichte, die die Entstehung rechter Bewegungen und Parteien förderte. In Westeuropa wanderten jahrzehntelang Arbeitskräfte ein, Anlass für Agitation der Rechten, aber die Bevölkerung insgesamt arrangierte sich damit. In Mittel- und Osteuropa gab es statt Einwanderung häufig ein historisches Erbe ethnischer Minderheiten im eigenen Land samt entsprechenden Konflikten sowie dauerhaften Nationalismus. Im Westen waren Wirtschaftskrisen, Globalisierung und Migration Ansatzpunkte für die Rechten, im Osten der Umbruch vom Realsozialismus zum Kapitalismus und von Diktaturen zu demokratischeren Systemen. Die radikale Rechte instrumentalisierte die ökonomischen, sozialen und psychischen Belastungen durch diese Umbrüche und suchte die Schuldigen in ethnischen und anderen Minderheiten sowie in der politischen Elite.

Was die USA betrifft, so betont der amerikanische Rechtspopulismus nicht nur die Tugenden der einfachen Leute, sondern stärker als in Westeuropa auch Moral und Christentum. Wiederum ist die auf beiden Seiten des Atlantiks verschiedenartige Geschichte für Unterschiede der radikalen Rechten wichtig. Die USA waren eine rassistische Sklavengesellschaft, rassistische Gesetze galten bis weit ins 20. Jahrhundert. Erst das 21. Jahrhundert sah einen afroamerikanischen Präsidenten, der aber gleich von der Tea Party bekämpft wurde. In Europa gab es im 20. Jahrhundert einige rechtsextreme Diktaturen, teils mit Nachfolgeorganisationen, teils aber so diskreditiert, dass sich rechte Parteien später von ihnen distanzieren mussten. Das Wahlsystem der USA erschwert Erfolge von kleinen radikalen Parteien, daher versuchten radikale Bewegungen wie die Tea Party, die etablierten Republicans unter Druck zu setzen. Aber auch in Europa haben sich einige Parteien der politischen Mitte den rechtsradikalen Parteien ideologisch angenähert. Worin sich die radikale Rechte in den USA und Europa derzeit ähnlich sind, ist der Antiislamismus.

DJI: Was sind die Ursachen für das Erstarken von Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, Autoritarismus, rechtsradikalen Parteien und Bewegungen sowie Gewalt?

Wahl: Die Politikwissenschaft unterscheidet oft das politische Angebot der Rechten und die Nachfrage nach solchen Ideologien. Auf der Angebotsseite wird z.B. auf das tatsächliche oder von der Rechten behauptete Versagen von Regierungen bei der Bewältigung von Problemen hingewiesen (etwa bei der Steuerung der Einwanderung), aber auch auf die programmatische Ähnlichkeit der Mainstream-Parteien, die alternative Angebote der radikalen Rechten attraktiver machten.

Auf der Nachfrageseite untersucht man hauptsächlich zwei Erklärungsstränge: Der eine Strang umfasst die großen Prozesse in Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Hier werden neben historischen Ideologierelikten (Nationalismus) vor allem bedrohliche Auswirkungen der Globalisierung und Einwanderung auf Arbeitsmarkt, Kultur und Gesellschaft genannt. Der andere Erklärungsstrang umfasst all das, was zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung, Erziehung, Bildung und Erfahrung beiträgt und die emotionale Grundstimmung (Ängste), Vorurteile, politischen Einstellungen und Aggressivität einzelner Menschen prägt. Natürlich gibt es Wechselwirkungen zwischen beiden Erklärungssträngen. Das führt mitunter zu überraschenden Ergebnissen.

DJI: Können Sie ein paar Beispiele dafür geben?

Wahl: Anders als manche populäre These über die Ursachen des Rechtsradikalismus ist die Forschungslage dazu kompliziert und teils widersprüchlich. So wird oft gesagt, wirtschaftliche Faktoren wie die Globalisierung, Arbeitslosigkeit oder Abstieg produzierten abgehängte, ökonomisch Benachteiligte, die aus Frustration die radikale Rechte wählten. Aber die internationale Forschung zeigt, dass auch bessergestellte Bürger mit stabilen Jobs aus Abstiegsangst dazu neigen. Oft ist es nicht Arbeitslosigkeit, sondern die Furcht davor, die Wähler nach rechts treibt. Auch niedrige Bildungwird häufig für Vorurteile verantwortlich gemacht, aber Personen mit mittlerer Bildung unterscheiden sich oft wenig davon. Unter Wählern rechtsradikaler Parteien und bei rechter Gewalt dominieren Männer, aber bei Vorurteilen und Rassismus unterscheiden sich Frauen kaum von ihnen. Auch der beliebte Verweis auf Asylsuchende und Einwandernde als Auslöser für Rassismus und Rechtsruck taugt nur bedingt, denn in Regionen mit wenigen Ausländern sind solche Einstellungen oft sogar stärker verbreitet. Manchmal soll eine Abnahme des Stellenwertes von Religion Fremdenfeindlichkeit erklären. Aber Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus sind nicht nur bei Atheisten im Durchschnitt höher, sondern auch bei sehr Religiösen, statistisch gleicht das einer U-Kurve.

DJI:Sie haben auch gemeinsam mit Hirn- und Verhaltensforschern verschiedener Institute Untersuchungen an Rechtsradikalen durchgeführt.

Wahl: Wenn man einen Überblick über die vielen Faktoren will, die bei einzelnen Menschen die Nachfrage nach rechtsradikalen Ideologien hervorbringen, dann lohnt sich ein Blick ins Gehirn, wie es durch zahlreiche Experimente geschieht. Im Gehirn laufen alle möglichen Einflüsse zusammen und werden zu politischem Verhalten weiterverarbeitet. Dabei schöpft das Gehirn aus seinen drei Geschichten. Die längste und älteste Geschichte ist die Evolution. In ihr haben sich Mechanismen für Gefahrensituationen im Gehirn entwickelt, die wie ein emotionsbasierter Autopilot funktionieren. Zuerst Emotionen wie Furcht oder Angst, die Abwehrreflexe, sozialen Zusammenhalt der Eigengruppe sowie Aggression aktivieren können. Solche alten Mechanismen werden durch die rhetorische Angstmacherei der radikalen Rechten angesprochen. Welche Personen dafür besonders anfällig sind, wird durch die zweite, kürzere Geschichte des Gehirns geprägt. Sie beginnt mit der Zeugung, äußeren Einflüssen in der Schwangerschaft und Erfahrungen ab frühester Kindheit in Familien, Kitas und Schulen, die allesamt die Persönlichkeit formen. Diese Einflüsse können besonders ängstliche Menschen hervorbringen, die sich Sicherheit und Selbsterhöhung durch die Versprechungen der radikalen Rechten erhoffen. Schließlich folgt die dritte Geschichte des Gehirns: Der Erwerb kognitiver Inhalte innerhalb der Familie, durch das Bildungssystem und die Medien, von Ideologien wie Nationalismus bis zu Vorurteilen über Juden und Muslime.

Die Verhaltensforschung ist interessant, weil sie eben auf das tatsächliche Verhalten von Menschen blickt und nicht nur wie häufig die Sozialwissenschaften nur auf Vorstellungen und Einstellungen, weil die per Fragebogen günstig abfragbar sind. So kann man etwa das reale Verhalten gegenüber Ausländern beobachten, statt nur rassistische Einstellungen abzufragen. Einstellungen und Verhalten korrelieren ohnehin oft nicht besonders stark.

DJI: Welche Rolle spielen das Internet und die sozialen Medien?

Wahl: Zunächst spielen alle Medien, aber auch Politiker und andere Interpreten des Weltgeschehens eine enorme Rolle in der Politik. Wir Bürger nehmen meist nur kleine Ausschnitte davon direkt wahr. Unsere Ansichten, Befürchtungen und Hoffnungen werden vor allem von diesen Interpreten geprägt. Die radikale Rechte profitiert davon, dass sie durch dramatisierende Rhetorik die politisch relevante Stimmung von Menschen weitgehend unabhängig von objektiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen verändern kann.

Die neuen sozialen Medien sind in unserer Mediendemokratie für die radikale Rechte (gerade auch für kleine extreme Gruppen) kostengünstig und schnell, um ihre Propaganda weitgehend unzensiert zu verbreiten. Twitter, Facebook und Co. machen es nicht nur Politikern leichter, ihre Botschaften auch direkt an ihre Zielgruppen zu schicken und als besonders bürgernah zu erscheinen. Präsident Trump hat Government by Twitter auf die Weltbühne gehoben.

Passend zur rechtsradikalen „Politik mit der Angst“ fand man im Experiment, dass Menschen, die sich bedroht fühlen, unter gegensätzlichen Ansichten diejenige wählen, die ihre bestehende Einstellung verstärkt. Solche Tendenzen sind vor allem in den Echokammern und Filterblasen unter weit rechts Eingestellten wirksam und tragen zu sozialer Spaltung bei. Seit die großen Social- Media-Anbieter stärker auf Hassbotschaften kontrolliert werden, tummeln sich Rechtsextremisten wie die Identitären auch in alternativen Plattformen, die das Prinzip Meinungsfreiheit sehr breit auslegen.

DJI: Sie haben Erkenntnisse unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen in einen multiperspektivischen Erklärungsansatz integriert. Wie sieht der aus?

Wahl: Man kann neurologische Erkenntnisse zur Bedrohungsverarbeitung mit Ergebnissen anderer Wissenschaften verbinden, etwa aus der Entwicklungspsychologie über den Einfluss des elterlichen Erziehungsstils auf vorurteilshafte und aggressive Neigungen der Kinder. Dazu kommen aus der Medienforschung Wirkungen sozialer Medien auf die politischen Ansichten Jugendlicher. Weiter gibt es Einsichten der Geschichtswissenschaft und Soziologie über wirtschaftliche und soziale Umbrüche, die Menschen verunsichern können, Studien der Politikwissenschaft über demokratieskeptische politische Kulturen, den Einfluss von Wahlsystemen auf Erfolge der radikalen Rechten und vieles mehr. All das habe ich zu einem biopsychosoziologischen Erklärungsmodell der radikalen Rechten zusammengefasst, ihrer Attraktivität, den Ideologien, Einstellungen, Handlungen und Organisationsformen.

DJI: Das klingt komplex und zeitaufwändig. Worin besteht der Vorteil dieses Ansatzes?

Wahl: Biopsychosoziologische Modelle sind etwa in der Medizin und Psychiatrie schon lange üblich und hilfreich, die Sozialwissenschaften öffnen sich dafür erst langsam. In meiner Habilitationsschrift "Kritik der soziologischen Vernunft. Sondierungen zu einer Tiefensoziologie"habe ich dazu vorgearbeitet. Natürlich gibt es auch noch viele Forschungslücken: insbesondere an Berührungspunkten zwischen den Interessensgebieten der verschiedenen Disziplinen. Doch kann man in dem Modell schon jetzt die strategischen Faktoren und Prozesse aufzeigen, an denen präventive Maßnahmen gegen Rechtsextremismus wirkungsvoll ansetzen sollten. Das tut not, weil sich bisherige Präventionsprogramme oft an untauglichen Faktoren abarbeiten.

DJI: Was genau kann man daraus für die Praxis lernen?

Wahl: Zu den Tricks der radikalen Rechten gehört, durch Angstmacherei alte evolutionäre Emotionen auszulösen: Furcht angesichts einer direkten Bedrohung oder Angst angesichts einer undurchsichtigen Gefahrenlage. Diese Emotionen aktivieren Vermeidungs-, Flucht- oder Kampfreflexe und dienten damit in der Evolution der eigenen Überlebenssicherheit. Weitere Mechanismen in bedrohlichen Situationen sind der wachsende Zusammenhalt der Eigengruppe und die Erwartung an einen Führer, das Problem zu lösen, es werden Sündenböcke gesucht und bestraft, das kann Normabweichler im Innern wie Fremde draußen betreffen. Auch wenn uns aufgeklärten modernen Menschen das atavistisch vorkommt, in Experimenten lassen sich durch (vermeintliche) Gefahr, Stress oder Zeitdruck solche Reaktionen schnell auslösen. Das gilt besonders für Personen, die von früher Kindheit an ängstlicher als andere sind. Wenn später keine nachhaltigen anderen Erfahrungen dazu kommen, sind diese Menschen im Jugend- und Erwachsenenalter für Versprechungen der radikalen Rechten anfälliger. Ebenso weiß man, dass schon kleine Kinder latente Vorurteile über andere Ethnien lernen und dass diese Vorurteile ziemlich stabil gegen spätere Änderungsversuche sind. Auch andauernde Aggressivität, wie sie spätere Intensivgewalttäter kennzeichnet, ist meist schon früh in der Kindheit zu beobachten.

Aus psychologischen, neurologischen und ethologischen Experimenten wissen wir außerdem, dass Emotionen und Automatismen unser Verhalten rascher und stärker beeinflussen als Denken und Moral. Längsschnittstudien zeigen, dass die sozioemotionale Persönlichkeit – ob man ängstlich oder mutig, irritierbar oder selbstbewusst, verschlossen oder interessiert, friedlich oder aggressiv durchs Leben geht – schon in der Schwangerschaft und frühen Kindheit nachhaltig geprägt wird. Daher müsste auch Prävention gegen Rechtsextremismus und andere Extremismen mehr an den Emotionen (Angst, Furcht, Wut usw.) ansetzen als sich primär auf politische, historische oder moralische Aufklärung zu verlassen, wie das derzeit geschieht – und Prävention müsste früh in der Kindheit beginnen.

DJI: Damit sprechen Sie Tätigkeitsfelder des DJI an.

Wahl: Ja. Man muss sicher auch die Wirtschafts- oder Außenpolitik im Auge haben, die auf die großen Hintergrundfaktoren für Rechtsradikalismus wie Globalisierung, Migration und Digitalisierung einwirken. Da sich aber auch gezeigt hat, wie früh und nachhaltig in der kindlichen Entwicklung vorpolitische Voraussetzungen für Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Autoritarismus und Aggression angelegt und gelernt werden, bietet die Kindheit einen präventiv sehr wichtigen Ansatzpunkt. So können durch frühe Hilfen für Familien sowie in Kitas und Grundschulen die Persönlichkeiten von Kindern so gefördert werden, dass sie sicherer, resilienter, empathischer, reflexiver, friedlicher, vorurteilsfreier, kritischer, kommunikations-, kooperations- und konfliktfähiger werden und damit später nicht mehr so leicht den emotionalen Appellen, simplen Weltbildern und Heilsversprechungen der radikalen Rechten folgen. Es bedarf dazu nicht spezifischer Präventionsprogramme, die viele nicht benötigen und die Bedürftigen kaum erreichen, sondern z.B. einer Systematisierung, Professionalisierung und langfristigen Evaluation bereits laufender sozialpädagogischer Aktivitäten in der Regelpraxis von Kitas. Das sollte ergänzt werden um individuelle Hilfestellungen für jene Kinder, die früh und dauernd als besonders ängstlich oder aggressiv auffallen. Man muss das dann nicht einmal Prävention nennen, sondern es geht um soziale Lebenskompetenzen, die generell für die Entwicklung von Kindern nachhaltig sind.

Klaus Wahl forschte am DJI bis 2009 über Aggression und Fremdenfeindlichkeit und leitete mehrfach das Wissenschaftliche Referat beim Vorstand. Daneben lehrte er als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Weil er „Ruhestand“ zu langweilig findet und "Wissenschaftler" als lebenslangen Beruf versteht, veröffentlichte er unter anderem eine Kritik der oft als pädagogisches Allheilmittel propagierten Werteerziehung („Wie kommt die Moral in den Kopf?“ Heidelberg: Springer Spektrum 2015) und aktuell die hier besprochene Analyse der radikalen Rechten "The Radical Right".

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