„Ich liebe Formulare!“

Wie die neue Verwaltungschefin Astrid Fischer Administration mit Leidenschaft verbindet

Heiter und gelassen sitzt er im Regal, der 20 Zentimeter hohe signalrote Buddha in Astrid Fischers Büro. Fast tiefenentspannt wirkt er, und strahlt dabei doch viel Kraft und Energie aus. Dass auch die neue Verwaltungsdirektorin des Deutschen Jugendinstituts beides brauchen wird – Power und gute Nerven – zeigen allein schon die vielen Aufgabenbereiche, für die Fischer und ihr 35-köpfiges Team zuständig sind: Personal, Finanzen, IT, Innerer Dienst und die Bibliothek. Die 50-jährige Juristin scheint bestens gerüstet dafür.

„Die Welt war ständig bei uns am MPI zu Gast“

Die vergangenen zwölf Jahre verbrachte sie am Max-Planck-Institut (MPI) für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. „Die Arbeit war dort stark international geprägt“, sagt Astrid Fischer. „Im Schnitt hatten wir pro Jahr mehr als 400 ausländische Wissenschaftler zu betreuen, eine große Zahl der Doktoranden kam aus dem Ausland, und die Forscher im Haus stellten uns mit ihren 59 verschiedenen Nationalitäten oft genug vor interkulturelle Herausforderungen.“

2004 als Wissenschaftskoordinatorin eingestellt übernimmt sie am MPI zwei Jahre später zusätzlich die Leitung der Verwaltung. Weil das Institut expandiert, wird ihr die Verantwortung für mehrere größere Bauvorhaben übertragen. „Das bedeutete für mich nicht nur, dass permanent Sanierungs- und Umbauarbeiten auf meinem Programm standen, sondern auch mit der Kommune politisch zu verhandeln war.“ Doch damit nicht genug. In ihren Aufgabenbereich fallen Dinge, die sich für Laien wie Schreckensmeldungen aus dem Reich der Bürokratie anhören: die Verabschiedung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG), die Einführung der Kosten- und Leistungsrechnung (KLR) oder die administrative Umsetzung des neuen Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst. Astrid Fischer hingegen kann bei solchen Themen regelrecht ins Schwärmen geraten.

Studium in Passau, Würzburg, Cardiff

Ihre Chefs am Max-Planck-Institut in Freiburg sind damals der Strafrechtsexperte und Kriminologe Hans-Jörg Albrecht und der Strafrechtsexperte und Informationsrechtler Ulrich Sieber. Bei Ulrich Sieber hat Astrid Fischer bereits Anfang der 1990er-Jahre während ihres Studiums an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg gearbeitet, zunächst als studentische, später als wissenschaftliche Hilfskraft.

Begonnen hat sie ihr Jurastudium aber in Passau. Den Studienplatz hat sie sich kurioserweise schon vor dem Abitur gesichert. „Es waren wohl die Leistungskurse Gemeinschaftskunde und Englisch, die mein Interesse für internationale Rechtsfragen weckten“, vermutet Astrid Fischer. Noch während der Schulzeit recherchiert sie, welche Universitäten hierfür in Frage kommen. Sie entscheidet sich für Passau: „Nur dort wurde damals das Jurastudium mit einer fachspezifischen Fremdsprachenausbildung kombiniert angeboten.“ In einem Informationsgespräch in Passau muss die Schülerin sehr überzeugend gewirkt haben. Bald darauf liegt nämlich im Briefkasten nicht nur Informationsmaterial, sondern auch ihre Studienzulassung – noch vor dem Reifezeugnis.

Nach dem Grundstudium geht sie als Erasmus-Stipendiatin für ein Jahr an die Partner-Universität im walisischen Cardiff. „Als ich aus Wales zurück kam, wollte ich gern in eine größere Stadt wechseln. Passau lag damals ja ziemlich am Ende der Welt. Meine Wahl fiel dann auf Würzburg.“ Nach dem Studium absolviert sie ihr Referendariat in Würzburg, drei Monate in einer New Yorker Anwaltskanzlei inklusive. Ihre Begeisterung für die angloamerikanischen Länder hat Fischer schon in jungen Jahren entwickelt.

„Ich hatte schon als Kind einen Manageralltag“

Aufgewachsen ist sie in einer Kleinstadt an der südhessischen Bergstraße. Zwar ohne Geschwister, wie sie selbst sagt, dafür aber im Kreise ihrer Cousine und Cousins. Eine große Familie inklusive Hund, die sich regelmäßig zum Mittagessen bei der Großmutter versammelt, sobald alle aus Kindergarten und Schule heimkommen. „Das war eine glückliche Kindheit in einer heilen Welt“, erinnert sich Fischer. „Ich war immer die Jüngste von allen, aber vermutlich die, die am meisten beschäftigt war.“ Denn das musikbegeisterte Mädchen lernt nicht nur Klavier und alle Arten der Blockflöte, sondern sogar Kontrabass. Sie engagiert sich in der katholischen und evangelischen Jugendarbeit und singt als Alt in verschiedenen Chören. Mit dem Gernsheimer Kinderchor nimmt sie am Bundesleistungssingen teil, eine Schallplatte wird aufgenommen, erste Auslandsreisen folgen. „Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie meine schulische und berufliche Entwicklung immer unterstützten und mir dabei viele Freiheiten gaben. Die Arbeitsfelder, in denen sie tätig waren – Buchhaltung und Arbeitswirtschaft –, haben meinen Weg letztlich auch geprägt. Von ihnen habe ich gelernt, formale Regeln mit Herz und Augenmaß zu verbinden.“

In der 9. Klasse nutzt Astrid Fischer die Gelegenheit, im Rahmen eines Schüleraustauschs einen Monat in Ohio zu verbringen. Später gehört sie zu den ersten, die an dem damals neu aufgelegten Parlamentarischen Patenschaftsprogramm des Bundestages teilnehmen. So kommt sie ins tiefste Amerika. „In Texas hatte fast jeder eine Waffe, die an Halloween auch gern hervorgeholt wurde; und auf dem Campus der Texas A&M University, mit dem meine Highschool enge Kontakte unterhielt, gab es sogar militärischen Drill.“

Dieser american way of life wirkt sehr befremdlich auf die Schülerin, begeistert aber ist sie vom Leben ihrer Gastfamilie: ein Wissenschaftler-Haushalt. Die Gasteltern sind weltoffen und weitgereist, haben schon viele Universitäten im In- und Ausland besucht. Befreundete Forscher gehen bei ihnen ein und aus, unterschiedlichste Sprachen werden beim Abendessen gesprochen. Fischers Interesse an der Welt des Wissenschaftsbetriebs ist damit geweckt. Ihre ursprüngliche Ambition, Musiktherapeutin zu werden, begräbt sie in Amerika. Stattdessen schlägt sie die juristische Laufbahn ein.

Munich revisited

Der klassische Anwaltsberuf aber ist nichts für die Juristin. „Mir war in meinem Leben bald klar, wo meine Berufung liegt. Ich wollte unbedingt an der Schnittstelle von Wissenschaft und Verwaltung arbeiten.“ Der Startpunkt für den klaren Kurs, der sie nun ans Deutsche Jugendinstitut nach München geführt hat.

Natürlich sei es ihr nicht ganz leicht gefallen, die idyllische Universitätsstadt im Breisgau dafür zu verlassen. Vor allem die großen Fensterfronten in ihrem Freiburger Büro und in ihrer Wohnung vermisst sie. „Nun ja, einen Preis für das Leben in der Großstadt muss man halt zahlen“, sagt Astrid Fischer, die genau wusste, was sie in der bayerischen Landeshauptstadt erwartet. Denn vier Jahre lang hat sie schon einmal hier beruflich Station gemacht, als es sie im Jahr 2000 aus privaten Gründen nach München zog.

Damals gibt sie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) Einführungskurse in Rechtsinformatik, zu einer Zeit, als sich die Infrastruktur für die juristische Informationsrecherche zu entwickeln beginnt. Daneben baut sie das Juristische Universitätsprüfungsamt mit auf und leitet es zwei Jahre lang kommissarisch. Außerdem arbeitet sie am Lehrstuhl für Strafrecht, Informationsrecht und Rechtsinformatik von Ulrich Sieber im Projekt „Schulen ans Netz“. Hier bearbeitet sie Fragen des Software-Lizenzrechts und der Persönlichkeitsrechte von Kindern. „Die Einwilligungsfähigkeit von Kindern, insbesondere im Hinblick auf die Preisgabe persönlicher Bilder und Informationen, ist ja bis heute ein hochsensibler Bereich, der allzu häufig unterschätzt wird“, gibt die Juristin zu bedenken.

„Ich liebe Formulare!“

Besonderen Spaß macht ihr damals an der LMU jedoch die Beantragung von Drittmitteln. Als sie später nach Freiburg wechselt, bedanken sich die Kollegen mit einer besonderen Abschiedskarte. Auf ihr prangt in dicken Lettern die Aufforderung „Organize me!“. Die Verwaltungsexpertin Astrid Fischer ist stolz darauf und bekennt sich zu ihren Neigungen: „Ja, ich liebe Formulare, und ich liebe es, Ordnung zu schaffen, den Laden am Laufen zu halten und verschiedenste Welten zusammenzuführen.“

Das Aufgabenfeld, das sie am Deutschen Jugendinstitut erwartet, bietet da ideale Bedingungen. Astrid Fischer umreißt die ersten Schwerpunkte ihrer Arbeit so: „Vorrang haben für mich momentan die Organisationsentwicklung, die Informations- und Datensicherheit im Haus, die Software-Ausstattung der Verwaltung und die Umsetzung der Vergaberechtsreform 2016.“ Die erfahrene Verwaltungsexpertin wird wohl auch diese Herausforderungen wie gewohnt voller Energie und Gelassenheit angehen – ganz im Sinne ihrer letzten Lektüre. „Das war ein Buch über Achtsamkeit“, sagt Astrid Fischer lächelnd – in ihrem roten Kleid.

 

Text und Foto: Susanne John (DJI Online Redaktion)

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