Die Covid-19-Pandemie beeinflusst das gesellschaftliche, wie gemeinschaftliche Leben nach wie vor. Bedingt durch die räumlichen und sozialen Einschränkungen, etwa die Schließung vieler Einrichtungen im sozialen Bereich, aber auch die mit der Pandemie verbundene, soziale Distanzierung in Form von Kontaktverboten und Kontaktbegrenzungen ist die Arbeit in der Offenen Jugendarbeit verstärkt digitalisiert worden. Auch wenn vorab bereits Diskussionen darüber geführt wurden, ob, wie und mit welchen Folgen die Offene Jugendarbeit sich durch eine Digitalisierung verändert bzw. verändern sollte, ist diese Frage pandemiebedingt wie durch ein Brennglas stärker in den Fokus gerückt. Die Arbeit in Jugendzentren und somit die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) wird zum Teil, nach wie vor, davon tangiert und eingeschränkt. Sowohl Jugendverbände als auch Einrichtungen der OKJA haben ihre Angebote (anteilig) digitalisiert und in den virtuellen Raum verlegt. Inzwischen liegen regionale Studien vor (z.B. Voigts 2020; ISM 2020), die zeigen, wie die Nutzung digitaler Techniken in diese Angebote integriert wurden. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Wunsch der Jugendlichen nach Online-Angeboten beschränkt bleibt und ein großer Teil von ihnen darin keinen Ersatz für reale Treffen sieht (ISM 2020).

 

Vor dem Hintergrund eines voranschreitenden Einsatzes digitaler Techniken in unser Gesellschaft, der auch das Arbeitsfeld der OKJA erreicht, erscheinen die eingangs beschriebenen Befunde besonders interessant. Das professionelle Handlungsfeld der OKJA wird grundlegend und handlungsleitend von Grundprinzipien getragen, die sowohl das Arbeiten mit Jugendlichen in diesem Bereich strukturieren als auch ermöglichen sollen. Jugendarbeit soll laut §11, Abs. 1, Satz 2 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) „an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.“ (§11, Abs. 1, Satz 2, SGB VIII, dejure.org).

Bisher gilt die unmittelbare Begegnung im analogen Raum sowohl für einen gelingenden Peer-Kontakt als auch die professionelle Beziehungsgestaltung und Beziehungsarbeit zwischen Fachkraft und Jugendlichen als Grundlage der OKJA. Junge Menschen brauchen Räume für sich, in denen unmittelbare Erfahrungen, ein Lernen durch Ausprobieren und Erleben im direkten Kontakt zu anderen möglich werden. Die Grundprinzipien der OKJA, insbesondere Freiwilligkeit, Partizipation und Offenheit erhalten dabei ein besonderes Gewicht. Es stellt sich somit die Frage, wie eine gelingende Jugendarbeit auch in digitalen Formaten möglich sein kann und inwiefern eine solche Erweiterung oder gar Verschiebung Auswirkungen auf die Grundprinzipien der OKJA hat.

Die OKJA ist ein Arbeitsfeld, in dem eine erhebliche Dynamik dadurch entsteht, dass alles was dort geschieht, aus der mehr oder weniger spontanen Aktion und Interaktion der Anwesenden, also Jugendlichen und Fachkräften, basiert. Die Umsetzung der Grundprinzipien in der OKJA, insbesondere Freiwilligkeit, Partizipation, Niedrigschwelligkeit und Offenheit, bedarf der Begegnung im realen Raum (z.B. Cloos u.a. 2009). Damit verbunden sind auch Fragen nach der Lebensweltorientierung und Sozialraumorientierung der Jugendlichen, insbesondere im Hinblick auf den Aspekt digitaler Partizipationsmöglichkeiten und Chancen, die sich durch entsprechende Technologien ergeben.

Interessant erscheint dabei, inwiefern der Einsatz digitaler Techniken und Kommunikationsformen Rahmenbedingungen schafft, in denen eine Umsetzung der grundlegenden Prinzipien der OKJA möglich wird. Auch bisher wichtige Funktionen von Jugendarbeit, die Jugendlichen z.B. ermöglicht sich ohne kritisiert zu werden einfach auszuruhen oder zu beobachten, wirken im digitalen Raum nur eingeschränkt möglich.

Von besonderer Bedeutung erscheinen Fragen der Umsetzung und Umsetzbarkeit, d.h. nach einem möglichen Wandel der Grundprinzipien der OKJA, etwa deren digitaler Ausgestaltung, oder den Vorstellungen digitaler oder digitalisierter Jugendarbeit im Hinblick auf die Zukunft der OKJA. Wie lassen sich die Grundprinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im digitalen Raum oder in digitalisierter Form umsetzen und ausgestalten?

Das Projekt beleuchtet die Digitalisierung der OKJA mit Fokus auf den Aspekt der Arbeitsweisen in der Offenen Jugendarbeit. Konkret ergibt sich die Frage, wie und ob sich die Grundprinzipien der OKJA durch Digitalisierung verändern. D.h. die Grundprinzipien der OKJA, welche die Basis der OKJA bilden, sollen im Kontext von Digitalisierung via empirischer Verfahren ausgeleuchtet werden. Geforscht wird entlang der Fragen, 1.) ob und wie es gelingen kann die Grundprinzipien der OKJA in virtuellen Angeboten zu verwirklichen und 2.) mit welchen spezifischen Herausforderungen dabei umgegangen werden muss, um die Arbeit der OKJA entlang der Grundprinzipien im digitalen Raum zu gestalten.

Um (Teil)Antworten auf diese Fragen zu finden, werden in diesem Projekt qualitative und quantitative Datenerhebungen kombiniert (Mix-Method-Design), die in zwei Phasen erfolgt. In 2021 werden in Form mehrerer Gruppendiskussionen mit Fachkräften der OKJA Antworten auf die beiden Fragen gesucht. Auf Basis der so gewonnenen Erkenntnisse wird im Jahr 2022 eine breit angelegte quantitative Befragung bei Einrichtungen der offenen Jugendarbeit durchgeführt. Diese dient dazu, einen Eindruck zu erhalten, inwieweit die durch den qualitativen Zugang entdeckten Herausforderungen und Veränderungen auch in der Breite das Feld der offenen Jugendarbeit erreicht haben.

Cloos, P., Köngeter, St., Müller, B. & Thole, W. (Hrsg.) (2009): Die Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit. Wiesbaden: Springer VS.

[ism] Servicestelle Kinder und Jugend beim Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz gGmbH (ism) (2020): Statusbericht (mobile) Jugendarbeit und (aufsuchende) Jugendsozialarbeit in Rheinland-Pfalz in Zeiten von Corona

Otto, Philipp (2017): Leben im Datenraum – Handlungsaufruf für eine gesellschaftlich sinnvolle Nutzung von Big Data. In: Hermann Hill, Dieter Kugelmann und Mario Martini (Hrsg.): Perspektiven der digitalen Lebenswelt. 1. Auflage. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 9–36,

Spanhel, Dieter (2020): Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in digitalisierten Lebenswelten. In: Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer, Friederike Siller, Angela Tillmann und Isabel Zorn (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Weinheim Basel: Beltz, S. 101–114.

Voigts, Gunda (2020): Gestalten in Krisenzeiten: „Der Lockdown ist kein Knock-Down!“ Erste Ergebnisse einer empirischen Befragung von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Hamburg in geschlossenen Zeiten (Stand: 30.06.2020).

SGB VIII §11 Jugendarbeit: https://dejure.org/gesetze/SGB_VIII/11.html (zuletzt abgerufen am 05.10.2021).

Kontakt

+49 89 62306-213
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

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