Innovative Finanzierung und Gestaltung flexibler und erweiterter Angebote in der Kindertagesbetreuung
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Ausgangslage Angesichts der tief greifenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, v.a der Zunahme atypischer, variabler Arbeitszeiten, nehmen flexibel gestaltete Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder eine Schlüsselrolle in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Aktuelle Studien verdeutlichen, dass die immer komplexer werdenden (zeitlichen) Betreuungsbedarfe von Familien an die Grenzen stark standardisierter Öffnungszeiten stoßen. An etlichen Orten bemühen sich inzwischen Träger und Einrichtungen, die Lücken in den Angeboten zur Betreuung, Bildung und Erziehung zu schließen und Familien in der Bewältigung ihres Alltags zu unterstützen.
Im Vordergrund stehen dabei folgende Ansatzpunkte:
• eine Erweiterung und Flexibilisierung der Öffnungszeiten, zum Teil bis in den Abend hinein und auch an Wochenenden;
• die Bündelung zusätzlicher Betreuungs-, Bildungs- aber auch Dienstleistungsangebote in der Tageseinrichtung für Kinder;
• eine Kooperation und Vernetzung mit verschiedenen Akteuren im regionalen Umfeld (sozialer Nahraum) als Reaktion auf lokale Bedarfslagen der Familien, wobei diese örtlich gebunden oder auch virtuell stattfinden kann.
In Anbetracht der sich abzeichnenden gesellschaftlichen Entwicklungen erscheinen solche Angebote als zukunftsweisend. Sie gehen aber oft über das Regelangebot und über die gesetzlich verankerten Regelfinanzierungen hinaus. Das bedeutet, dass innovative Lösungen oft unter Einbezug unterschiedlicher Kooperationspartner entwickelt werden müssen.
Ein zunehmend flexibleres, erweitertes Bildungs- und Betreuungsangebot hat damit zur Konsequenz, dass es die traditionellen Kindertageseinrichtungen sowie ihre Träger vor enorme Herausforderungen stellt: zum einen betrifft dies die Finanzierung der Angebote. Zum anderen müssen aber auch neue Strukturen und neue Module der Bildungsvermittlung für den pädagogischen Alltag entwickelt werden, die sich mit einer Flexibilisierung vereinbaren lassen. Das bedeutet, auch die konkrete Gestaltung sowie die Weiterentwicklung der flexiblen Angebotsstrukturen im Betreuungskontext sind von Interesse.
Das Modellprojekt „Kinderhaus Regenbogen“ Die Fragestellungen des Projektes zur Weiterentwicklung der Betreuungsangebote sollen zunächst am Kinderhaus Regenbogen in Stuttgart exemplarisch untersucht werden. Es ist eine der wenigen Kindertageseinrichtungen mit traditionellem Träger, die seit Jahren versuchen, durch stete Angebotsveränderungen familialen Bedarfen vor Ort gerecht zu werden. Durch die Veränderungen in der Erwerbswelt stößt aber auch das bestehende Angebot an seine Grenzen.
Deshalb möchte das Kinderhaus durch eine Verlängerung der Öffnungszeiten der veränderten Bedarfslage gerecht werden. Das Angebot des Kinderhauses wird wochentags auf die Abendstunden (bis 20.00 Uhr) sowie auf den Samstag (9.00 Uhr bis 16.00 Uhr) ausgeweitet. Zeitlich befristete notwendige Erweiterungen der bestehenden Betreuungsverträge und zusätzliche Kurzzeitbetreuungsplätze werden ebenfalls ermöglicht.
Die Finanzierung dieser Angebote erfolgt nicht über die Regelförderung Kommune Stuttgart, die nach einer Reform des baden-württembergischen Kindertagesbetreuungsgesetzes (KiTaG) seit 2004 die Gesamtverantwortung für die Finanzierung und Planung des Betreuungsangebotes trägt. Deshalb hat das Kinderhaus einen außergewöhnlichen Weg eingeschlagen, um dieses Angebot zu finanzieren. Dieser Weg geht auch über die bereits bekannten „public-private-partnership“-Modelle hinaus: mit einem zweiten Träger, I.S.AR GmbH aus München soll dieses erweiterte Angebot ermöglicht werden. Das bedeutet, neben der katholischen Kirche als Träger für das Regelangebot wird das erweiterte Angebot durch einen zweiten Träger sichergestellt. Finanziert bzw. refinanziert werden sollen die Bausteine durch die Nutzer, wie die Eltern, die Arbeitgeber/ Unternehmen, die öffentliche Hand und/oder die Wirtschaftsförderung.
Eine solche Form der Mischfinanzierung und Co-Trägerschaft von der katholischen Kirchen und der I.S.AR GmbH ist ein neuartiges Konzept, welches sich von den herkömmlichen Trägerzuständigkeiten und bereits existierenden öffentlichen-privaten Partnerschaften löst, indem alternative Wege der Finanzierung gesucht werden. Auf die Bedarfslagen vor Ort wird mit neuen Kooperationspartnern und regionalen Ressourcen reagiert. Dabei kennzeichnet sich das Modell durch eine Kooperation von verschiedenen Akteuren aus, die auch unterschiedliche Interessen einbringen.
Das Kinderhaus stellt damit ein denkbares Modell für die Weiterentwicklung der Organisations- und Finanzierungsstrukturen dar. Zusätzlich sind in diesem Forschungsvorhaben aber auch weitere Kooperationsmodelle, die über die Neuregelung der Trägerrolle hinausgehen, von Interesse.
Link zur Angebotsbeschreibung
Projektkonzeption und methodisches Vorgehen Derzeit entstehen vielfältige Kooperationsmodelle zwischen bestehenden (öffentlichen) und neuen, meist privatwirtschaftlichen Trägern und Unternehmen, um eine nachhaltige Finanzierung flexibler Angebote zu erreichen. Im Projekt sollen Erkenntnisinteressen gewonnen werden, wie dieses Zusammenspiel verschiedener Akteure zur Schaffung neuer Infrastrukturen für die veränderten Bedarfe der Familien funktioniert und welches Verständnis diesen Kooperationen zu Grunde liegt. Dabei liegt der Fokus sowohl auf innovativen Finanzierungsmodellen als auch auf der organisatorischen wie pädagogischen Gestaltung der erweiterten Angebote.
Das Modellprojekt des Kinderhauses Regenbogen dient hier als Ausgangsbasis:
Es sind unterschiedliche Parteien mit sehr unterschiedlichen Hintergründen beteiligt, die vermutlich unterschiedlichen Handlungs- und Interessenslogiken unterworfen sind. Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung sind die strukturellen Konstellationen herauszuarbeiten und zu analysieren sowie die verschiedenen Positionen zu klären. Neben der Dokumentation und Analyse der Strategien und Interessen der beteiligten Institutionen und ihrer Vertreter/innen im Stuttgarter Modell, gilt es zudem zu prüfen, welche Effekte solche Angebote für die Gestaltung und Organisation der pädagogischen Arbeit sowie für die Nutzer/innen haben.
In einem ersten Schritt gilt es, die Entwicklung des Kinderhauses sowie die Planung der erweiterten Angebotsstrukturen systematisch nachzuvollziehen. Dies geschieht durch eine Analyse der zusammengestellten Dokumente des Kinderhauses.
Im Mittelpunkt der Empirie stehen leitfadengestütze Interviews mit allen am Modell beteiligten Akteuren. Durch diese Befragung sollen Handlungslogiken und bestehende Interessen an der gemeinsamen Bereitstellung eines erweiterten Betreuungsangebotes ermittelt und analysiert werden. Die wesentlichen Schwerpunkte der Interviews mit den Personen, die das Angebot organisieren, finanzieren und gestalten, konzentrieren sich auf Erfahrungen mit der Kooperation sowie mit der eigenen Rolle in der gegebenen Konstellation (Grenzen und Schwierigkeiten der Kooperation), die Bereitstellung und Sicherung der Finanzierung sowie der organisatorischen Umsetzung der neuen Angebote in den bestehenden Betreuungskontext. Hier stellt sich z.B. die Frage nach veränderten Personalplanungen und den neuen konzeptionellen und pädagogischen Modellen. Es gilt zum einen herauszuarbeiten, wie ein solch komplexes Kooperationsmodell funktionieren kann, zum anderen gilt es aber auch, mögliche Reibungspunkte und Interessenskonflikte herauszuarbeiten, die eine nachhaltige Sicherung der bestehenden Infrastruktur gefährden könnten.
Durch Befragungen der Nutzer, also primär der Eltern, soll herausgefunden werden, wie und warum sie die erweiterten Angebote nutzen. Es interessieren jedoch auch die Gründe, warum Eltern das Angebot nicht annehmen (z.B. wegen relativ hoher Kosten). Dabei gilt es zugleich die Effekte der erweiterten Angebote für die Eltern (z.B. Organisation des Familienalltags, Vereinbarkeit von Familie und Beruf) sowie für die Kinder (z.B. Vereinbarkeit von kindlichen Bedürfnisse mit neuen Organisationsstrukturen) zu prüfen. Letztere sollen durch Hospitationen in den Kindergruppen erfasst werden (teilnehmende Beobachtungen).
In diesem Projekt geht es weiterhin darum, einen Überblick über die in Deutschland vorzufindenden innovativen Finanzierungswege erweiterter Angebotsformen zu gewinnen. Hierfür wurde eine Expertise in Auftrag gegeben, die u.a. weitere Modelle und deren Finanzierungsarten recherchiert, die wiederum vergleichend herangezogen werden sollen.
Insgesamt soll analysiert werden, wie das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure zur Schaffung neuer Infrastrukturen für die veränderten Bedarfe von Kindern und ihren Familien funktioniert, und welches Verständnis diesen Kooperationen zu Grunde liegt. Dabei liegt der Fokus auf den beiden ungeklärten Sachverhalten: 1. der Finanzierung sowie, 2., der Gestaltung (organisatorisch wie pädagogisch) erweiterter, flexibler Betreuungsangebote. In dem Modellprojekt des Kinderhauses Regenbogen sind unterschiedliche Parteien mit sehr unterschiedlichen Hintergründen (katholische Kirche, I.S.AR, Unternehmen, Stadt Stuttgart, Eltern) beteiligt, die vermutlich unterschiedlichen Handlungs- und Interessenslogiken unterworfen sind.
Ergebnisse und weiterführende Forschungsfragen Ziel ist es, den Ansatz des Projektes in einen übergreifenden, allgemeinen Kontext - zukunftsweisende Weiterentwicklung der Kinderbetreuungsangebote – einzubetten.
Inwiefern kann das Modell "Kinderhaus Regenbogen" auch Impulsgeber für andere Standorte sein?
Welche anderen Modelle zur Finanzierung und Gestaltung von erweiterten Angeboten gibt es darüber hinaus?
Um diesen Fragen nachgehen zu können, werden im Rahmen des Projektes "Die Entwicklung erweiteter und flexibler Angebote der Kindertagesbetreuung in ausgewählten Bundesländern Deutschlands", welches als ein Folge- oder Kooperationsprojekt zur wissenschaftlichen Begleitung des Kinderhauses entstanden ist, zudem Einrichtungen mit ähnlichen Entwicklungsprozesse und Handlungsansätzen recherchiert und analysiert. Zum einen ist es so möglich, einen Vergleich von verschiedenen Modellen sowie deren Organisations- und Finanzierungsformen vorzunehmen. Zum anderen kann durch die Erweiterung des Projektrahmens der grundsätzlichen Frage nachgegangen werden, wie unter welchen Rahmenbedingungen und unter Einbezug welcher Akteure Strukturen für eine nachhaltige Angebotsentwicklung in der Kindertagesbetreuung geschaffen werden können.
Der abschließende Bericht steht als Download zur Verfügung.
Das Kooperationsprojekt "Die Entwicklung erweiteter und flexibler Angebote der Kindertagesbetreuung in ausgewählten Bundesländern Deutschlands"
Endbericht des Projekts
Klinkhammer, Nicole Flexibilität in der Kinderbetreuung: Erste Befunde aus der Forschung Podiumsdiskussion/ Beitrag 2006-00-00 Fachtagung: Von der Kindertageseinrichtung zum Familienzentrum, am Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen (NRW)
Klinkhammer, Nicole Entgrenzte Arbeit - Entgrenzte Familie Impulse für die Familienpolitik in Zeiten von Entgrenzung. Handlungsbedarf aus Sicht der Familienmitglieder. 2005-00-00 Arbeitspapier II DJI
Klinkhammer, Nicole Deutsches Jugendinstitut e.V. Tageseinrichtungen mit flexiblen Angebotsstrukturen. Neue Herausforderungen für die Gestaltung des pädagogischen Alltags von ErzieherInnen und Kindern. Projektbericht 2005-00-00 DJI
Klinkhammer, Nicole Bedarfsgerechte Angebote im Trägerverbund? Die wissenschaftliche Begleitung des Stuttgarter Kinderhauses Regenbogen 2007-00-00 DJI
Klinkhammer, Nicole COST A 19 "Childrens Welfare Time flexibilisation of institutional child care Economisation of childrens time and space? 2006-00-00 Childrens welfare in ageing Europe: Challenges and Chances. Tagung in Roskilde (Dänemark) Kampmann, Jan; Lindorff, Annette; Jensen, An-Magritt
Klinkhammer, Nicole Fachtagung des Lokalen Bündnisses Mainz-Bingen „Zukunftsfähige Kindertagesstätten“ Modelle flexibler Kindertagesbetreuung Herausforderungen und Gestaltungswege. 2006-00-00 Ingelheim
Klinkhammer, Nicole Arbeitsmarkt versus Kindeswohl? 2006-00-00 Theorie und Praxis der Sozialpädagogik (TPS) 5-6 74-78
Klinkhammer, Nicole Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH (G.I.B.) - NRW Flexibilität in der Kindertagesbetreuung Organisatorische und pädagogische Herausforderungen für ErzieherInnen 2006-00-00 Beratung - Vernetzung - Internetinformationen - zur Erweiterung der Kinderbetreuung. Erfahrungsaustausch von Projekten in NRW 8. Veranstaltung zur Begleitung der Initiative "Regionen stärken Frauen", Castrop-Rauxel
Klinkhammer, Nicole Flexibility in Child Care Services Discussing Quality Criteria 2006-00-00 Flexibility and Quality in Childcare Konferenz, Universität Luxemburg
Klinkhammer, Nicole Veranstaltung „Erwerbsarbeit im Wandel – Flexible Kinderbetreuung“;Friedrich-Ebert-Stiftung Flexible Kinderbetreuung Entwicklungstrends und Rahmenbedingungen 2006-00-00 Chemnitz
Klinkhammer, Nicole Gleichstellungsbeirates der Landeshauptstadt Differenzierte Angebote in der Kinderbetreuung Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf 2006-00-00 Stuttgart
Klinkhammer, Nicole Familienentwicklung und familienpolitische Reformansätze in der Bundesrepublik Am Beispiel der Gestaltung öffentlicher Kindertagesbetreuung 2006-00-00 Universität Trier, Abtl. Sozialpädagogik II, Lehrstuhl Hr. Prof. Dr. M.-S. Honig (WS 2006/2007)
Klinkhammer, Nicole Flexibilität als Handlungs- und Organisationsproblem öffentlicher Kindertagesbetreuung 2005-00-00 2 Universität Trier, Abtl. Sozialpädagogik II, Lehrstuhl Hr. Prof. Dr. M.-S. Honig (WS 2005/2006)
Klinkhammer, Nicole Betreuung - "zeitgemäß" gestaltet? 2007-00-00 Welt des Kindes 5 13-15
Klinkhammer, Nicole Altgeld, Karin/ Klaudy, Elke Katharina/ Stöbe-Blossey, Sybille Flexibilität ermöglichen, Qualität sichern Herausforderungen für die Veränderungen in der zeitlichen Angebotsstruktur von Kindertageseinrichtungen. 2007-00-00 Flexible Kinderbetreuung – online Handbuch