Kinder- und Familienarmut ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus von Forschung und Politik gerückt. Die sozialwissenschaftliche Forschung konzentriert sich derzeit vor allem auf die Lebenslagen von Familien in relativer Einkommensarmut, Familien im SGB-II-Bezug, Alleinerziehende als besonders von Armut betroffene Gruppe sowie die Auswirkungen von Armut auf Kinder und Jugendliche (z.B. BMFSFJ 2011, Ott/Hancioglu/Hartmann 2011, Achatz et al. 2013, Lenze 2014). Nur am Rande werden „Working Poor“- Familien als eigene Gruppe in den Blick genommen, d.h. Familien, die trotz Erwerbsarbeit an oder unterhalb der Armutsschwelle leben und weniger als 60% des Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben. Die sogenannte Arbeits-Armutsgefährdungsquote ist europaweit gestiegen und lag in Deutschland 2013 bei 8,6% (EU-Durchschnitt 8,9%) im Vergleich zu 7,2% im Jahr 2010 (EU-Durchschnitt 8,3%).

Aktuell liegen vor allem Expertisen und Studien vor, die – punktuell bezogen auf einzelne Kommunen, Bezirke oder Regionen – die Lebensrealitäten und das Bewältigungshandeln armutsgefährdeter Familien erforschen (Meier/Preuße/Sunnus 2003, Diakonisches Werk Braunschweig 2011, Laubstein 2014). Meier, Preuße und Sunnus sprechen bei den „Working Poor“- Familien insbesondere von den „erschöpften EinzelkämpferInnen“ (2003), d.h. Alleinerziehenden, aber auch Paaren mit Kindern, die überproportional durch die Gleichzeitigkeit von familialen und beruflichen Anforderungen belastet sind und die trotz ihrer Erwerbstätigkeit den Alltag dennoch mit vergleichsweise niedrigen Äquivalenzeinkommen bewältigen müssen. Gerade dieser Gruppe, so die Autorinnen, fehle es an institutioneller Unterstützung. Bird und Hübner (2013) charakterisieren die „Working Poor“- Familien als „ausgebrannt und überarbeitet“, da sie u.a. durch geringe materielle Ressourcen und hohen Zeitdruck besonders belastet seien. Genau diese Gruppe der „Working Poor“- Familien will das Projekt gesondert in seinen Fokus nehmen, da sie meist miterfasst, aber nicht für sich genommen untersucht wurden.

Neben einer regionalisierten Differenzierung von Einkommensarmut (IW 2014) gehen neuere Entwicklungen der nationalen und internationalen Forschung über Armut von einer Verschränkung des relativen Armutskonzepts mit einem Deprivationsindex aus (UNICEF 2012, World Vision Studie 2013; BMAS 2013).

Unter „Working Poor“-Familien sollen beim vorliegenden Forschungsvorhaben grundsätzlich Haushalte mit Kindern unter 18 verstanden werden, in denen mindestens ein Elternteil erwerbstätig ist und die dennoch in relativer Armut leben (d.h. weniger als 50% des mittleren Netto-Äquivalenzeinkommens zur Verfügung haben) bzw. von Armut bedroht sind (weniger als 60% des mittleren Netto-Äquivalenzeinkommens). Zusätzlich sollen Familien des "prekären Wohlstands" (Hübinger 1996) in den Blick genommen werden, die zwischen 60% und 70% des mittleren Netto-Äquivalenzeinkommens zur Verfügung haben und die mit Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen umgehen müssen. Ziel des Projekts ist es, empirische Kenntnisse über Verbreitung, Erscheinungsformen, Gründe, Bewältigungsstrategien und Folgen der Armut von Familien trotz Erwerbstätigkeit zu gewinnen und familienpolitische Ansatzpunkte zur Unterstützung von "Working Poor"-Familien aufzuzeigen.

 

 

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