Pflegekinder sind eine besonders vulnerable Gruppe von Kindern und Jugendlichen, da sie zum einen die Trennung von ihrer Herkunftsfamilie bewältigen müssen, zum anderen mehrheitlich durch Erfahrungen unzureichender Fürsorge (Misshandlung, Vernachlässigung) belastet sind. Pflegefamilien bieten den Kindern die Chance, neue positive Beziehungserfahrungen zu machen, ein Gefühl von emotionaler Sicherheit zu entwickeln und einen sicheren und zuverlässigen Lebensort zu erfahren. Die Herausforderungen, denen Pflegeeltern bei der Aufnahme eines Pflegekindes begegnen, sind jedoch vielfältig und komplex.

Die in Deutschland angewandten Konzepte zur Vorbereitung und anfänglichen Begleitung von Pflegeeltern wurden bislang hinsichtlich ihrer Wirkungen nicht wissenschaftlich evaluiert. Befunde aus dem angloamerikanischen Raum zeigen, dass insbesondere mit Hilfe von Beratungsansätzen, die auf den Aufbau einer sicheren Bindungsbeziehung zu den Pflegeeltern abzielen, die Integration der Kinder in die Pflegefamilie gefördert und langfristig die Entwicklungsperspektiven der Kinder verbessert werden können.

Das Beratungskonzept „Attachment and Biobehavioral Catch-up“ (ABC) wurde von Bindungsforscherin Mary Dozier an der University of Delaware entwickelt und gilt in den USA als der am besten erprobte bindungsbasierte Ansatz für Pflegefamilien. In Studien zeigte sich ein positiver Effekt der Beratung auf die elterliche Feinfühligkeit im Umgang mit dem Pflegekind sowie auf die kindlichen Fähigkeiten zum Aufbau positiver Bindungsbeziehungen und die selbstregulativen Kompetenzen der Kinder.

Ziel der Studie ist es, das ABC-Programm in Form eines Modellprojekts an drei Standorten in Deutschland zu implementieren und den Implementierungsprozess wissenschaftlich zu begleiten, um die Wirksamkeit des Trainings empirisch zu überprüfen.

Folgende Forschungsfragen sollen mit dem geplanten Vorhaben beantwortet werden:

Frage 1:

Kann durch die Beratung von Pflegeeltern mit dem ABC-Programm eine positive Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung bei Pflegefamilien in Deutschland unterstützt werden, d.h. zeigen sich positive Auswirkungen des Programms auf

  • die Qualität des Elternverhaltens
  • die Belastung von Pflegeeltern und ihr Erleben von Selbstwirksamkeit im Umgang mit problematischen Verhaltensweisen des Kinder
  • die Bindungsqualität der Pflegekinder

Frage 2:

Inwieweit und unter welchen Bedingungen ist es möglich, das ABC-Beratungsprogramm in die Regelstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe zu integrieren? Welche Anpassungen des Beratungsprogramms an den deutschen Kontext sind notwendig?

Das ABC-Programm ist ein bindungstheoretisch fundierter Beratungsansatz für Pflegefamilien mit Pflegekindern im Alter von 6 bis 24 Monaten und hat das Ziel, feinfühliges und fürsorgliches Verhalten von Pflegeeltern und dadurch die Entwicklung von sicheren Bindungsbeziehungen der Kinder zu fördern. Das Beratungsprogramm ist als aufsuchende Kurzzeitberatung angelegt, die insgesamt 10 Stunden in Form von einstündigen Hausbesuchen bei der Familie umfasst.

Der Beratungsansatz verfolgt hauptsächlich drei Ziele:

  1. Pflegeeltern lernen, abweisende kindliche Signale zu reinterpretieren und dem Kind auch dann Fürsorge zu geben, wenn es den Anschein macht, diese Fürsorge nicht zu brauchen bzw. zu wollen.
  2. Pflegeeltern lernen, ihre eigenen Bindungserfahrungen und ihre Schwierigkeiten, feinfühlig auf das Kind einzugehen, zu reflektieren.
  3. Pflegeeltern lernen das Pflegekind dabei zu unterstützen, selbstregulierende Fähigkeiten zu entwickeln, indem sie eine vorhersagbare und responsive, d.h. auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtete Umgebung, schaffen.

Kontakt

+49 89 62306-102
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

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