Auf einen Blick

Offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein eigenständiges Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe mit einer langen Tradition. Sie hat sich zum Einen aus den Impulsen der Jugendbewegung zu Beginn des letzten Jahrhunderts entwickelt, die die Notwendigkeit eines den Jugendlichen vorbehaltenen Bereiches betonte, sowie zum Anderen aus den Experimenten der Sozialarbeit, die nach Angeboten für Jugendliche des städtischen Proletariats suchte, wobei hier eher kompensatorische, disziplinierende und spezifischen Bildungszielen verpflichtete Aspekte im Vordergrund standen.

Wodurch zeichnen sich Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit heute aus? Wie stark stehen sie in der einen oder der anderen oben skizzierten Tradition der Jugendarbeit? Sind Jugendzentren Orte, die der Entwicklung einer eigenen Identität als Erwachsener dienen? Kompensieren diese Angebote soziale Benachteiligungen, und fördern sie eine gelingende Integration? Können Jugendzentren dazu beitragen, das Eigene und Besondere der Jugendphase vor den Zugriffen und Erwartungen der Erwachsenengesellschaft zu bewahren? Solche Fragen lassen sich mit den Ergebnissen des DJI-Projekts Jugendhilfe und sozialer Wandel nicht abschließend beantworten, sie geben aber wichtige und empirisch gut abgesicherte Hinweise darauf, wie sich die offene Kinder- und Jugendarbeit heute darstellt.

Im Folgenden werden Ergebnisse zur Angebotspalette und Besucherstruktur aus einer Erhebung bei Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit ebenso dargestellt wie Möglichkeiten der Jugendlichen, sich an der Gestaltung des Angebots durch eigene Ideen und Kritik zu beteiligen. Schließlich wird am Beispiel von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung der Frage nachgegangen, wie inklusiv die Angebote der offenen Jugendarbeit tatsächlich sind.

1. Angebote in Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit

  • Offene Kinder- und Jugendarbeit – ein Kaleidoskop vielfältiger Aktivitäten und Angebote
  • Jugendzentren in Ballungsräumen übernehmen kompensatorische Aufgaben
  • Unterschiedliches Verständnis von offener Kinder- und Jugendarbeit in Ost und West

2. Besucher/innen der Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit

  • Jugendzentren sind ein Ort für klein und groß
  • Quote der Besucher/innen mit Migrationshintergrund korreliert meist mit lokalem Bevölkerungsanteil
  • Jugendzentren sind offen für alle

3. Beteiligungsmöglichkeiten in Jugendzentren vielfältig, aber eingeschränkt

  • Vielfalt an Mitbestimmungsformen in Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit vorhanden
  • Einfluss der Jugendlichen bleibt auf bestimmte Themen begrenzt

4. Jugendzentren – noch kein Ort der Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung

  • Jedes zweite Jugendzentrum wird von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung genutzt
  • Gute personelle Ausstattung verringert Zugangsschwellen für Behinderte
  • Nur ein Teil der Angebote steht de facto junge Menschen mit Behinderung tatsächlich offen 

1. Angebote in Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit

Offene Angebote verlieren in den Diskussionen über die Weiterentwicklung der Jugendarbeit an Stellenwert. Auch Jugendarbeit soll sich zunehmend auf ihren Beitrag zur Bildung und auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen fokussieren, die der Öffentlichkeit unangenehm auffallen. Sie soll sich am Ausbau der Ganztagsschule beteiligen und gezielt diejenigen fördern, die benachteiligt sind. Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) beschreibt diese Entwicklungen in einem Positionspapier so: „Die Zunahme von Kinderarmut und die Verschärfung sozialer Problemlagen führen zu der verstärkten Erwartung, durch Kinder- und Jugendarbeit kompensatorische Aufgaben zu erfüllen. Der Ansatz, alle Kinder und Jugendlichen in ihre Angebote einzubeziehen und durch soziale Vielfalt gegenseitige Förderung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Selbstorganisation zu ermöglichen, wird dadurch unterlaufen, dass die politische Akzeptanz von Kinder- und Jugendarbeit zunehmend an die Bearbeitung sozialer Benachteiligungen und aktueller gesellschaftlicher Problemlagen gebunden wird“ (AGJ 2011).

Die nachfolgenden Auswertungen gehen der Frage nach, ob sich diese vermutete Entwicklung an dem Angebotsspektrum der Einrichtungen offener Jugendarbeit erkennen lässt und ob es regionale Unterschiede gibt, die sich durch eine solche Entwicklung erklären lassen. Bislang vorliegende Studien zu Angeboten in der offenen Kinder- und Jugendarbeit können keine für die Bundesrepublik aussagekräftigen Ergebnisse bereitstellen, da sie ausschließlich einen lokalen oder regionalen Bezug aufweisen (z.B. Birkner 2008; Fehrlen/Koss 2003; Rauschenbach u.a. 2000).

Offene Kinder- und Jugendarbeit: ein Kaleidoskop vielfältiger Aktivitäten und Angebote
Die Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit setzen sich aus einem breiten Spektrum an Aktivitäten zusammen (vgl. Abb. 1).

In der Mehrzahl der Einrichtungen (86,1%) wird ein offener Treff/Café angeboten, aber eben nicht bei allen. In einer Vielzahl an Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit gibt es strukturierte Angebote in Form von Kursen, Gruppen oder Ähnlichem. Insgesamt konnten 38 unterschiedliche Angebotsformen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit identifiziert werden. Im Durchschnitt (Mittelwert) bietet ein Jugendzentrum aus diesem Spektrum 11,7 verschiedene Angebote/Aktivitäten an. Neben dem offenen Angebot haben weitere „klassische Angebotsformen“ der offenen Kinder- und Jugendarbeit einen hohen Verbreitungsgrad: Ferienmaßnahmen/Ausflüge (85,1%), Sportangebote (69,6%), Veranstaltungen (69,1%), angeleitete Gruppenstunden (45,5%) (vgl. Abbildung 1). Auch jugendbezogene Beratungsangebote gehören zum festen Repertoire. Eher neue Themen wie Nachmittagsangebote in Zusammenarbeit mit Schule (27,6%), Vorbereitung auf einen Schulabschluss (18,7%) und Mittagstisch (17,3%) gehören zwar zunehmend zu den Angeboten von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, finden sich aber (noch) nicht im Angebotsprofil der Mehrheit der Jugendzentren wieder. Die breite Angebotspalette sowie die Mischung aus traditionellen und neuen Angeboten zeigen, dass Jugendzentren sich den veränderten Anforderungen anpassen und über diese Weiterentwicklung ihre Zukunftsfähigkeit sichern.

Jugendzentren in Ballungsräumen übernehmen kompensatorische Aufgaben
Wie die Ergebnisse der Jugendzentrums-Befragung zeigen, bieten die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit eine breite Palette an Angeboten und Aktivitäten an. Dies ist nicht immer im Sinne der lokalen Politik, die insbesondere in Regionen mit besonderen Belastungen zunehmend fordert, dass sich die gut ausgebildeten Fachkräfte der Jugendarbeit auf die Kinder und Jugendlichen konzentrieren, die besonderen Unterstützungsbedarf haben. Insbesondere in Ballungsgebieten werden entsprechende kompensatorische Angebote erwartet. In Tabelle 1 sind die Angebote aufgelistet, die sich in ihrer Häufigkeit zwischen Ballungsräumen (so genannten Agglomerationsräumen), Regionen mit mittlerer Bevölkerungsdichte (so genannten verstädterten Räumen) und ländlichen Regionen signifikant unterscheiden (Definition der Regionstypen). So gibt es in Ballungsräumen signifikant mehr Jugendzentren mit einem offenen Betrieb als in den anderen beiden Regionstypen. In Agglomerationsräumen machen Jugendzentren signifikant häufiger Angebote, denen man eine gewisse kompensatorische Bedeutung unterstellen kann wie schulische Förderung oder die Vorbereitung auf das Berufsleben. Ob der Mittagstisch als kompensatorisches Angebot in dem Sinne gewertet werden kann, dass die Kinder und Jugendlichen sonst ohne Essen blieben, es also eine Reaktion auf verstärkte Armutslagen in Ballungsräumen ist, oder ob dies nur an der intensiveren Zusammenarbeit mit den Schulen sowie einem gewachsenen Bedarf an Ganztagesbetreuung liegt, lässt sich auf Grundlage der Daten nicht entscheiden.

Jugendzentren in Ballungsräumen unterscheiden sich von solchen in ländlichen Räumen hauptsächlich dadurch, dass sie ein breiteres Angebotsspektrum besitzen und damit auch unterschiedliche Gruppen von Kindern und Jugendlichen gleichzeitig ansprechen. Sie kommen damit dem Ideal einer Einrichtung nahe, die möglichst für alle Kinder und Jugendlichen offen ist.

Jugendliche auf dem Land, die ihre Freizeit anders als die Mehrheit der Jugendlichen in ihrer Altersgruppe gestalten möchten, haben es schwerer als in Ballungsräumen, Gleichgesinnte zu finden und die öffentlich geförderte Infrastruktur nutzen zu können. Schließlich werden dort ihre Interessen nicht ausreichend berücksichtigt. Dies ist jedoch weniger ein konzeptionelles Problem, d.h. die Mitarbeiter/innen in den Jugendzentren wollen diese Jugendlichen sicherlich nicht bewusst ausschließen, als vielmehr ein Problem der kleinen Zahl. In dünnbesiedelten Regionen ist es schwierig, überhaupt ein Angebot zu etablieren und noch sehr viel schwieriger, dieses breit auszudifferenzieren.

Unterschiedliches Verständnis von offener Kinder- und Jugendarbeit in Ost und West
In der Angebotsstruktur gibt es zum Teil sehr deutliche Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Jugendzentren (vgl. Tabelle 2).



Ostdeutsche Jugendzentren bieten den Besuchern und Besucherinnen seltener Raum für offene Angebote und machen signifikant häufiger als westdeutsche Jugendzentren Angebote zur schulischen Förderung (z.B. Nachhilfe) sowie sportlich-erlebnisorientierte Angebote. Westdeutsche Jugend­zentren hingegen bieten deutlich häufiger mehr Freiraum durch offene Treffs/Cafés, und es gibt mehr Veranstaltungen mit Event-Charakter (z.B. Partys, Discos, Filmabende etc.). Sie unterbreiten häufiger genderspezifische Angebote, unterstützen die Qualifizierung von in der Jugendarbeit Aktiven, haben angeleitete Gruppenstunden im Programm oder fördern aktiv interkulturelle Kompetenzen. Außerdem wird in westdeutschen Jugendzentren häufiger ein Mittagstisch angeboten.

Der Vergleich der Angebotsstruktur in Ost- und Westdeutschland weist auf unterschiedliche Lebensbezüge der jungen Menschen hin. So erklärt sich ein geringeres Angebot im Bereich der Förderung interkultureller Kompetenzen beispielsweise dadurch, dass der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Ostdeutschland geringer ist als in Westdeutschland. Die dortigen Jugendzentren gehen daher vermutlich von einer geringeren Nachfrage bzw. Notwendigkeit von Angeboten in diesem Bereich aus. Die Befunde verweisen aber auch darauf, dass sich ostdeutsche Jugendzentren bei der Ausgestaltung ihrer Arbeit stärker an schulbezogenen Inhalten orientieren und ihren Besuchern und Besucherinnen weniger (Handlungsspiel-)Räume in Form von offenen Angeboten zur Verfügung stellen.


2. Besucher/innen der Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit

Die Frage, wer ins Jugendzentrum geht und wer eigentlich hingehen sollte, beschäftigt die offene Kinder- und Jugendarbeit schon lange. Sie will ein Angebot für alle Kinder und Jugendlichen sein, erreicht aber – so die häufige Klage – nur bestimmte Gruppen von Jugendlichen. Immer wieder wird z.B. behauptet, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Einrichtungen der offenen Jugendarbeit deutlich überrepräsentiert seien. Zudem besteht die Erwartung, dass sich Jugendzentren gezielt an bestimmte Gruppen von Jugendlichen richten. Insbesondere vor dem Hintergrund demografischer Entwicklungen und der Anforderung, enger mit den Schulen zusammenzuarbeiten, wird von Jugendzentren erwartet, sich auch an jüngere Kinder zu wenden. Allerdings geht im Umgang mit Kindern eine höhere Verbindlichkeit bei der Erfüllung der Aufsichtspflicht einher.

Jugendzentren sind ein Ort für Groß und Klein
Die Einrichtungen der offenen Jugendarbeit werden sowohl von Kindern, als auch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen besucht. Jugendzentren sind somit kein rein jugendbezogenes Angebot (vgl. Abb. 2). Bei deutlich mehr als der Hälfte der Jugendzentren gibt es Besucher/innen im Alter von sechs bis neun Jahren sowie über 21 Jahren. Überraschend hoch ist der Anteil an Jugendzentren, immerhin ein Fünftel der Einrichtungen, die von Kindern unter sechs Jahren besucht werden (vgl. Abb. 2). Immer weniger Jugendzentren bzw. Einrichtungen der offenen Jugendarbeit sind also Jugendlichen vorbehalten. Aus einem exklusiven Angebot für Jugendliche (vgl. Giesecke 1980, S.15) ist ein pädagogisch gestaltetes Angebot für Minderjährige geworden. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei weniger die Tatsache, dass es innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit Angebote und Orte für Kinder gibt, denn diese haben sich im letzten Vierteljahrhundert in Form von Aktivspielplätzen, Jugendfarmen, Kinderhäusern oder Spielmobilen etabliert, sondern das Verschwinden von Räumen, die ausschließlich für Jugendliche gedacht sind.

Abb. 2: Anteil der Jugendzentren mit Besucher/innen in verschiedenen Altersgruppen nach Ost-West

Das Altersspektrum der Besucher/innen gibt noch keine Auskunft darüber, wie hoch der Anteil der jeweiligen Altersgruppe in einem Jugendzentrum ist. In Tabelle 3 ist deshalb der durchschnittliche Anteil, den die Besucher/innen der jeweiligen Altersgruppe an allen Besucher/innen haben, getrennt für Einrichtungen der Jugendarbeit in Ost und West dargestellt. Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren stellen mit 34 Prozent noch immer die größte Besuchergruppe im Jugendzentrum. Die nächstgrößten Gruppen im Jugendzentrum sind die 10- bis 13-Jährigen mit einem mittleren Anteil von 26 Prozent und die 18- bis 21-Jährigen mit 16 Prozent. Der durchschnittliche Anteil der Besucher/innen, die jünger als 10 Jahre alt sind, liegt bei durchschnittlich 13 Prozent und ist somit im Mittel recht gering. Auch gibt es nur sehr wenige Einrichtungen, die sich ausschließlich an Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren richten (2%). Wenig überraschend zeigt sich ein statistischer Zusammenhang, wenn das Jugendzentrum mit Schule kooperiert: Der Anteil der Kinder bis zu einem Alter von 13 Jahren ist in diesem Fall höher und der Anteil von jungen Erwachsenen niedriger. Die Kooperation mit Schule trägt also dazu bei, dass Orte, an denen Jugendliche unter sich sein können, innerhalb der offenen Jugendarbeit seltener werden: Nur 11 Prozent der Einrichtungen zählen ausschließlich Jugendliche, die älter als 14 Jahre sind, zu ihrem Nutzerkreis.

Es gibt mehr Einrichtungen in Ostdeutschland mit einer breiteren Altersspanne, und auch die durchschnittlichen Anteile der jeweiligen Altersgruppen zeigen deutlich, dass offene Jugendarbeit im Osten anders ist: Der Anteil an Vorschulkindern unter den Besucher/innen ist doppelt so groß und der Anteil der über 21-Jährigen fast dreimal so groß wie im Westen. Offensichtlich haben Jugendzentren in Ostdeutschland eine andere soziale Funktion; sie scheinen auch von jungen Familien als Treffpunkt genutzt zu werden. Ob sich aus den dabei in den ostdeutschen Jugendzentren gewonnenen Erfahrungen auch methodische und konzeptionelle Weiterentwicklungen der intergenerationellen Ansätze ableiten lassen, ist eine ernsthaft zu prüfende Frage.

Quote der Besucher/innen mit Migrationshintergrund korreliert meist mit lokalem Bevölkerungsanteil
Im bundesdeutschen Mittel hat knapp die Hälfte der Besucher/innen von Einrichtungen der offenen Jugendarbeit einen Migrationshintergrund (46%). In mehr als einem Drittel der Einrichtungen bundesweit stellen junge Menschen mit Migrationshintergrund die Mehrheit der Besucher/innen. In 16 Prozent der Einrichtungen – es handelt sich in der Mehrzahl um kleine Einrichtungen mit einer geringen Angebotspalette, vor allem in Ostdeutschland – gibt es überhaupt keine Besucher/innen mit Migrationshintergrund. Nur in einer Minderheit der Jugendzentren ist der Anteil von Besucher/innen mit Migrationshintergrund überproportional hoch.

Die Anteile der Besucher/innen mit Migrationshintergrund variieren zwischen den Einrichtungen der offenen Jugendarbeit erheblich nach Ost/West und Stadt/Land (vgl. Tabelle 4).

So gibt es in Westdeutschland sowie in Städten deutlich mehr Einrichtungen, in denen Besucher/innen mit Migrationshintergrund die Mehrheit stellen und deutlich weniger Einrichtungen ohne Besucher/innen mit einem Migrationshintergrund als in Ostdeutschland bzw. in Landkreisen. Neben regionalen Unterschieden, die die Bevölkerungsstruktur widerspiegeln dürften, zeigen sich auch Differenzen hinsichtlich der Größe der Einrichtungen der offenen Jugendarbeit – gemessen an ihrer finanziellen Ausstattung sowie der Anzahl des Personals: Einrichtungen ohne Personal und mit geringer finanzieller Ausstattung werden signifikant seltener von jungen Menschen mit Migrationshintergrund besucht als besser ausgestattete Jugendzentren.

Eine Einschätzung, ob Besucher/innen mit Migrationshintergrund in der Einrichtung stärker oder weniger stark als im Einzugsgebiet vertreten sind, traut sich fast ein Viertel der befragten Einrichtungen nicht zu. Signifikant häufiger sind dies Jugendzentren mit einem geringeren Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und solche, die sich konzeptionell nicht damit auseinandersetzen, wen sie erreichen wollen. Ein Drittel geht davon aus, dass es eine ungefähre Übereinstimmung mit dem Anteil an der örtlichen Bevölkerung gibt (vgl. Tabelle 5). Insgesamt nimmt nur eine kleine Zahl der Befragten eine „Überrepräsentanz“ junger Menschen mit Migrationshintergrund in ihrem Jugendzentrum wahr.

Jugendzentren sind offen für alle
Angesichts der Besucherstruktur und der von unterschiedlichen Seiten formulierten Aufträge an die offene Kinder- und Jugendarbeit stellt sich die Frage, ob und wie die Einrichtungen gezielt darauf Einfluss nehmen, wer zu ihnen ins Haus kommt. Legen sie möglicherweise konzeptionell fest, wen sie erreichen wollen, und gibt es Tendenzen, die Offenheit für alle jungen Menschen in der Region einzuschränken? Fast alle befragten Einrichtungen der offenen Jugendarbeit sagen von sich, dass sie mit allen Jugendlichen arbeiten, die zu ihnen kommen, und kein Jugendlicher von vorneherein ausgeschlossen wird (vgl. Tabelle 6).

Das heißt aber nicht, dass die Einrichtungen es dem Zufall überlassen, ob und wer die Einrichtung besucht. Denn die Mehrzahl der Einrichtungen (62,4%) hat konzeptionelle Vorstellungen darüber, welche Jugendlichen sie erreichen wollen (z.B. Mädchen, Jugendliche ab 14 Jahre). Somit macht sich aber auch mehr als ein Drittel darüber keine Gedanken – mit der möglichen Folge, dass jene Einrichtungen dem Legitimationsdruck, der vielerorts auf der offenen Jugendarbeit lastet, wenig entgegensetzen können. Dies sind häufiger kleinere Einrichtungen ohne Personal und mit einer geringen finanziellen Ausstattung. Nur eine Minderheit der Jugendzentren (7,4%) gibt an, dass sich ihre Angebote überwiegend an bestimmte Besuchergruppen richten. Dies lässt sich einerseits als realistische Wahrnehmung verstehen, eben nicht alle Jugendlichen, sondern nur bestimmte Jugendliche mit dem eigenen Angebot zu erreichen. Dazu zählen andererseits aber auch Einrichtungen, die sich bewusst und konzeptionell begründet auf bestimmte Zielgruppen konzentrieren – wie z.B. Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf, Schüler/innen oder Jugendliche mit spezifischen Interessen, zum Beispiel Musik zu machen.

Das Gros der Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit arbeitet gezielt daran, Besucher/innen zu gewinnen (93,3%): Sie versuchen, dies über Öffentlichkeitsarbeit (86,2%), die inhaltliche Ausrichtung ihrer Angebote (75,7%), durch die Zusammenarbeit mit Schulen (72,3%) und anderen Akteuren (67,9%) sowie durch weitere Maßnahmen zu erreichen.


3. Beteiligungsmöglichkeiten in Jugendzentren vielfältig, aber eingeschränkt

Die Angebote der (offenen) Jugendarbeit stehen im Vergleich zu anderen Sozialisationsorten (z.B. Schule) in dem Ruf, Kindern und Jugendlichen gute Partizipationsmöglichkeiten zu bieten. Auch die gesetzliche Vorgabe bestimmt, dass Angebote der Jugendarbeit an den Interessen der Kinder und Jugendlichen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden sollen (§ 11 SGB VIII). Trotz der klaren programmatischen Vorgaben gibt es nur wenig empirisches Wissen zu den Mitgestaltungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten in den Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Mitunter wird bereits die Freiwilligkeit des Angebotes damit gleichgesetzt, dass die Beteiligungsmöglichkeiten gut sind.

In der Vergangenheit gab es sowohl Zeiten, in denen die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit Vorreiter in Sachen Partizipation und Demokratieförderung waren (z.B. in den 1970er Jahren mit der Gründung selbstverwalteter Jugendzentren), als auch Zeiten, in denen dieses politische Ziel eher in den Hintergrund gerückt ist. In den letzten Jahren setzt sich die Fachdebatte zwar wieder verstärkt mit dem Partizipationsanspruch auseinander, aber die offene Jugendarbeit gerät immer stärker in Bedrängnis: Es wird schwerer, dem eigenen Anspruch weiter konsequent gerecht zu werden, Gelegenheitsstrukturen für die Interessen und die Selbstorganisation von Jugendlichen zu schaffen. Immer konkreter werden die Erwartungen, dass auch die offene Jugendarbeit formale Bildungsziele verwirklicht und sich aktiv mit ihrem Angebot an der Sicherstellung der ganztägigen Betreuung von Kindern und Jugendlichen beteiligt. Wie selbstorganisiert und selbstbestimmt Jugendliche noch agieren können, wenn von Jugendarbeit erwartet wird, schulisch verwertbare Bildungsangebote zu machen und finanzielle Unterstützung vor allem in Angebote der Nachmittagsbetreuung an Schulen fließt, wird sich in den nächsten Jahren weisen.

Im Folgenden wird gezeigt, auf welchen Wegen und bei welchen Themen Jugendliche in den Jugendzentren mitbestimmen, Kritik anbringen und Veränderungen initiieren können.

Vielfalt an Mitbestimmungsformen in Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit vorhanden
Wird der Partizipationsanspruch ernst genommen, braucht es transparente Wege, die Kinder und Jugendliche nutzen können, um Einfluss auf die Gestaltung des Jugendzentrums zu nehmen. Aus der Perspektive der Einrichtungen stehen den Kindern und Jugendlichen bundesweit unterschiedliche Formen der Mitsprache zur Verfügung. Tabelle 7 gibt dazu einen Überblick.



Das Gespräch mit den Hauptamtlichen stellt bei fast allen Jugendzentren eine Möglichkeit dar, Kritik und Veränderungswünsche zu äußern. Dies entspricht der fachlichen Erwartung, dass sich Hauptamtliche aktiv darum bemühen, das Angebot an den Interessen und Wünschen von Jugendlichen auszurichten und sich mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu begeben. Davon, wie offensiv die Mitarbeiter/innen sich in dieser Rolle anbieten oder nicht, hängt ab, ob Kinder und Jugendliche diese Form der Einflussnahme auch nutzen. Klöver und Straus konnten zudem in ihrer Studie herausarbeiten, dass das Wissen über solche Beteiligungsmöglichkeiten erst über den regelmäßigen Besuch entsteht (Klöver/Straus 2005, S. 47). Für Kinder und Jugendliche erschließen sich die Einflussmöglichkeiten nicht auf den ersten Blick.

Während Gespräche lediglich in einem von sechs Jugendzentren die einzige Möglichkeit darstellen, Veränderungen anzuregen und Kritik zu üben, bieten die meisten Einrichtungen durchschnittlich drei Wege bzw. Möglichkeiten hierzu an. Neben dem Gespräch kommen am zweithäufigsten (zwei von fünf Einrichtungen) Ideenwände, Gästebücher, die Homepage und das soziale Internet-Netzwerk Facebook zum Einsatz. Fast genauso viele nutzen Umfragen, um Wünsche und Kritik der Besucher/innen zu ermitteln.

Hat eine Einrichtung hauptamtliches Personal, werden die möglichen Formen der Partizipation häufiger genannt. Dies spricht dafür, dass sich die Hauptamtlichen aktiv darum bemühen, Mitwirkungsmöglichkeiten zu schaffen.

Über die Einschätzung der Jugendlichen zu ihren eigenen Einflussmöglichkeiten ist empirisch wenig bekannt. Die Befragung von Besucher/innen Münchner Freizeitstätten zeigt, dass der Anteil derer, die der Ansicht sind, dass sie Einfluss auf das Jugendzentrum nehmen können, vergleichsweise hoch ist. So kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass drei Viertel der Besucher/innen der Auffassung sind, sich einbringen zu können (Klöver/Straus 2005, S. 46). Jedoch zeigt sich in dieser Studie auch, dass der Anteil derer, die dies von sich aus tun, sehr viel geringer ist als der Anteil derer, die sich aufgrund der Anregung von Fachkräften einbringen (vgl. ebenda, S. 46). Dies bestätigt, dass Fachkräfte sich aktiv darum bemühen müssen, sowohl Beteiligungsgelegenheiten zu eröffnen als auch Jugendliche dazu zu motivieren, diese zu nutzen.

Konkret danach gefragt, ob es ein Mitbestimmungsgremium in der Einrichtung gibt, bejaht dies gut die Hälfte der Einrichtungen (53%). Regionale Unterschiede zeigen sich nur nach Bundesländern. Jugendzentren in Hamburg, Bayern, Bremen, dem Saarland und Brandenburg haben am häufigsten Mitbestimmungsgremien. Hält die Einrichtung Demokratieförderung für wichtig, dann gibt es in der Einrichtung signifikant häufiger Mitwirkungsmöglichkeiten über ein Gremium, das sich in der Folge wiederum positiv auf die Mitspracheintensität von Kindern und Jugendlichen auswirkt.

Einfluss der Jugendlichen bleibt auf bestimmte Themen begrenzt

In der Erhebung wurde erfragt, wie häufig Kinder und Jugendliche bei zentralen Themen mitbestimmen können. Die Übersicht in Tabelle 8 verdeutlicht, dass die Mitwirkungsmöglichkeiten je nach Thema stark differieren.

Während es in knapp der Hälfte der Einrichtungen durchgängig möglich ist, das Programm des Jugendzentrums mitzubestimmen, ist dies bei der Einstellung neuer Mitarbeiter/innen nur in zwei Prozent der Einrichtungen der Fall. Zieht man die Nennungen hinzu, in denen eine Mitbestimmung eingeschränkt möglich ist, bieten nahezu alle Jugendzentren den Jugendlichen die Chance, sich an der Gestaltung des Programms, der Räumlichkeiten und der Planung von Anschaffungen zu beteiligen. Dies trifft auf die Einstellung neuer Mitarbeiter/innen jedoch nur auf 15 Prozent der Einrichtungen zu. Zudem hält ein Drittel der befragten Jugendzentren (mit oder ohne Personal) die Mitbestimmung bei Personalentscheidungen grundsätzlich für nicht zutreffend. Das heißt, es gibt einen Teil der Einrichtungen, für die eine Beteiligung bei Personalfragen fernab der Einflussmöglichkeiten erscheint (vielleicht auch für das vorhandene Personal) und gar nicht als Mitwirkungsmöglichkeit wahrgenommen wird.

Die Möglichkeiten der Einflussnahme hängen in den Jugendzentren wie auch in den anderen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe sehr von der Thematik ab. Dieser Zusammenhang ist auch insofern nachvollziehbar, als bestimmte Rahmenbedingungen von der Einrichtung nur begrenzt beeinflusst werden können. Eine Beteiligung der Kinder und Jugendlichen erscheint somit aus der Perspektive der Fachkräfte auch nicht fair, denn es soll keine Alibibeteiligung geben. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch immer wieder, dass hinter so manchem Sachzwang Spielräume existieren und von Kindern und Jugendlichen mehr mitgestaltet werden könnte. Mitunter wird von Fachkräften auch argumentiert, dass Kinder und Jugendliche an Mitbestimmung und Mitgestaltung gar nicht interessiert seien (vgl.  Klöver/Straus 2005, S. 43) oder dies noch nicht könnten. Dies mag für einen Teil der Kinder und Jugendlichen durchaus gelten, ist aber häufig ein Effekt der Erfahrung von vorausgegangener „Nicht-Beteiligung“.


4. Jugendzentren – noch kein Ort der Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung

Jugendliche mit einer Behinderung sowie deren Möglichkeiten, ihre Freizeit selbst und aktiv zu gestalten, spielen in den öffentlichen Debatten um Inklusion kaum eine Rolle. Diese Lücke in der Inklusionsdiskussion darf aus vielen Gründen nicht länger unbeachtet blei­ben. Schließlich kann in verschiedenen Studien gezeigt werden (z.B. Poulsen et al. 2008; Beresford/Clarke/Borthwick 2010), wie wichtig Freizeitaktivitäten für das Wohl­befinden und die psychische Gesundheit Jugendlicher sind. Auch an der Bedeutung von Peer Groups für einen erfolgreichen Übergang in das Erwachsenenleben zweifelt nie­mand. Aber gerade der Gruppe von Jugendlichen, deren Aktivitäten in Gleichaltrigengruppen auf­grund ihrer Beeinträchtigungen sowieso schon eingeschränkt sind, wird der Zugang zu Freizeit­angeboten erschwert. Somit haben diese zusätzliche Herausforderungen auf dem Weg zur Verselbstständigung zu überwinden. Eltern von Jugendlichen mit Behinderung stehen vor besonderen Herausforderungen, die Verselbstständigung ihrer Kinder zu unterstützen. Es besteht bei ihnen mehr als bei Eltern von Kindern ohne Behinderung die Gefahr, dass sie die Freiräume der Kinder nicht altersgemäß erweitern. Jugendzentren mit ihrem häufig gut ausgebildeten Per­sonal könnten insbesondere für Jugendliche mit Behinderungen eine Brücke zu einem eigenständigeren Leben schlagen, indem sie außerhalb des Elternhauses Begegnungsmöglichkeiten eröffnen und pädagogisch begleiten.

Es lagen bis jetzt keine systematischen Daten darüber vor, ob und inwieweit Jugend­zentren tatsächlich von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung besucht wer­den. In der DJI-Befragung von Jugendzentren gibt es einige Fragen, die dazu beitra­gen, diese Wissenslücke zu verkleinern.

Jedes zweite Jugendzentrum wird von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung genutzt
Über die Hälfte der Jugendzentren in Deutschland wird von Kindern bzw. Jugend­lichen mit Behinderung besucht (vgl. Tabelle 9).

Mit Abstand am häufigsten werden Kinder bzw. Jugendliche mit einer Lernbehinderung genannt. Bei mehrfachbehinderten und bei psychisch beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen sinkt der Anteil der Jugend­zentren erheblich, die angeben, solche Besucher/innen zu haben. Dennoch liegen die Anteile der Nutzer/innen mit Behinderung über alle Formen von Beeinträchtigung hinweg höher als die Werte, die in einer Vorstudie aus Expertensicht vermutet wurden. Selbst wenn man die Kinder und Jugendlichen mit einer Lernbehinderung nicht mitzählt, werden noch immer über 47 Prozent der Jugendzentren von Menschen mit Behinderung genutzt.

Dies ist – zumindest auf den ersten Blick – im Sinne der Inklusion ein erfreuliches Ergebnis. Der große Unterschied bei den Nutzungsanteilen zwischen Jugendzentren mit und ohne Personal (vgl. Tabelle 9) belegt, dass eine Ausstattung mit Personalressourcen hilft, die Schwellen für die Nutzung von Jugendzentren durch Kinder bzw. Jugendliche mit einer Behinderung abzusenken. 

Gute personelle Ausstattung verringert Zugangsschwellen für Behinderte
Im Durchschnitt wird eine Einrichtung der offenen Jugendarbeit von 12,7 Kindern mit einer Behinderung besucht. Die Relation der unterschiedlichen Behinderungsformen untereinander entspricht in etwa der, wie sie auch an den sonderpädagogischen Schulen zu finden ist (vgl. BMAS 2009, S. 35) und somit in etwa der Verteilung von Kindern mit bestimmten Behinderungsformen in der Bevölkerung. Auch dies spricht dafür, dass Jugendzentren zumindest das Potenzial zu einem inklusiven Angebot für alle Kinder und Jugendlichen haben.

Ein anderer Hinweis darauf, wie inklusiv das Angebot eines Jugendzentrums ist, ist über die Öffentlichkeitsarbeit des Jugendzentrums zu gewinnen. Denn nachdem es nach wie vor nicht selbstverständlich ist, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung Jugendzentren für ihre Freizeitgestaltung in Betracht ziehen, ist es umso wichtiger, dass die Jugendzentren ihre Offenheit gegenüber jungen Menschen mit Behinderungen aktiv signalisieren.

Die in der Tabelle 10 dargestellten Ergebnisse verdeutlichen zweierlei: Erstens gibt es insgesamt wenig gezielte Maßnahmen, die Jugendzentren als einen Ort der sozialraumnahen Inklusion bewerben, und zweitens bemühen sich Einrichtungen der offenen Jugendarbeit mit heil-/sonderpä-dagogisch geschultem Personal stärker, durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit und Kooperationen die Zugangsschwelle für junge Menschen mit Behinderungen abzusenken. Aber entsprechend geschultes Personal findet sich nur in 12 Prozent der Jugendzentren.

Nur mit speziellen Angeboten werden junge Menschen mit Behinderung erreicht
Ein weiterer Hinweis darauf, wie inklusiv Jugendzentren sind, ergibt sich auch aus den Angeboten, die junge Menschen mit Behinderungen nutzen. Denn je stärker sie spezifisch für sie konzipierte Angebote nutzen, desto weniger wird damit Inklusion ge­fördert. Idealerweise wären alle Angebote der offenen Jugendarbeit für alle Zielgruppen in gleicher Weise interessant und würden auch von allen genutzt.

Tabelle 11 weist bereits auf den ersten Blick relativ niedrige Nutzungsraten aus (prozentuiert auf diejenigen Jugendzentren, die von jungen Menschen mit Behinderung besucht werden), vor allem vor dem Hintergrund, dass über 80 Prozent der Jugendzentren Angebote des offenen Betriebs haben und ungefähr genauso viele Ferienangebote, Fahrten oder Ausflüge organisieren. Auch finden in zwei Dritteln der Jugendzentren regelmäßig Discos und Feste statt. Die Daten signalisieren damit eine sehr selektive Nutzung der Jugend­zentren durch Jugendliche mit Behinderungen. Die geringe Beteiligung an Angeboten der offenen Tür/Café und an Ferienmaßnahmen sowie Fahrten lässt doch erhebliche Zweifel an der Inklusion aufkommen. Die Unterschiede zwischen den Jugendzentren mit und ohne spezialisierte Fachkraft weisen daraufhin, dass die erhöhte Qualifikation dazu beiträgt, die Schwelle für junge Menschen mit Behinderungen zu senken, aber gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass sich diese Gruppe häufiger in besonderen Angeboten wiederfindet. Möglicherweise stellt dies einen notwendigen Zwischenschritt in Richtung Inklusion dar, denn die besonderen Angebote können dazu beitragen, Vertrauen bei Eltern und jungen Menschen aufzubauen, das Jugendzentrum als einen sicheren Ort auch für diese Zielgruppe zu etablieren sowie bei Fachkräften durch die konkreten Erfahrungen das Inklusionspotenzial der offenen Jugendarbeit sichtbarer werden zu lassen und mögliche Vorbehalte als unberechtigt erkennen zu können.


Zusammenfassung der Ergebnisse

Angebote: Jugendzentren bieten ein breites Spektrum unterschiedlicher Angebote und Aktivitäten, die von offenen bis zu strukturierten spezifischen Angeboten reichen (z.B. für Menschen mit Behinderungen). Die „Top 5“ der Nennungen sind offene Treffs/Cafés, Ferienfreizeiten/Ausflüge, kreativ-künstlerische Angebote, Beratung und Sportangebote. Die Formen der Ausgestaltung variieren je nach Bevölkerungsdichte (Stadt-Land) und der Region (Ost-West). Vor allem Jugendzentren in Ballungsräumen scheinen durch ihre Angebotspalette auch kompensatorische Angebote in offener Kinder- und Jugendarbeit vorzuhalten. Westdeutsche Jugendzentren bieten den Jugendlichen ein anderes Angebotsspektrum als Einrichtungen in Ostdeutschland.

Zielgruppen: Einrichtungen der offenen Jugendarbeit erreichen Besucher/innen aller Altersgruppen. Die Spanne reicht von unter 6-Jährigen bis zu den über 21-Jährigen. Das Gros der Besucher/innen stellen jedoch die 10- bis 21-Jährigen. Kinder gehören bislang nicht zur Hauptgruppe der Nutzer/innen, aber dies kann sich vor dem Hintergrund einer stärkeren Hinwendung der offenen Kinder- und Jugendarbeit zur Kooperation mit Schulen weiter verändern und muss deshalb weiter beobachtet werden. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind nach Einschätzung der befragten Fachkräfte in der Mehrzahl der Jugendzentren nicht überproportional häufig vertreten. Je besser die Jugendzentren finanziell und personell ausgestattet sind, desto besser gelingt es ihnen, von einer Vielfalt junger Menschen besucht zu werden.

Partizipation: Mitbestimmung gehört zum Selbstverständnis und vielfach schon zum Alltag in der Kinder- und Jugendarbeit. Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit bieten Kindern und Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten der Einflussnahme. Je formaler diese Formen allerdings gestaltet sind, desto seltener kommen sie vor. Als häufigste Form der Partizipation wurde in der Befragung das Gespräch mit den Erwachsenen genannt. Der Grad der Einflussnahme ist stark abhängig von den Themen. Sobald es um institutionelle Rahmenbedingungen wie die Einstellung von Personal geht, stößt die Mitbestimmung schnell an Grenzen. Um Partizipationsprozesse in Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit anzustoßen, werden nicht nur die aktive Unterstützung und Motivation der Fachkräfte, sondern auch auf die spezifischen Themenfelder zugeschnittene Formen der Mitwirkung benötigt.

Inklusion: Junge Menschen mit Behinderungen nutzen Jugendzentren stärker als angenommen. Über die Hälfte der Jugendzentren in Deutschland wird von Kindern bzw. Jugend­lichen mit einer Behinderung besucht. Jugendzentren mit qualifiziertem Personal erleichtern dieser Zielgruppe den Zugang. Heil- bzw. sonderpädagogisch weitergebildetes Personal sorgt zwar für ein größeres Angebotsspektrum, aber auch für eine geringere Teilnahme an den allgemeinen Angeboten. Trotz guter Ansätze wäre es verfrüht, heute schon von Jugendzentren als Orten gelungener Inklusion zu sprechen. Konzeptionelle Weiterentwicklungen sind ebenso erforderlich wie die systematische Darstellung guter Praxis und partizipative Forschungsprojekte, die Jugendliche mit Behinderung an der Weiterentwicklung und Evaluation der Inklusionsstrategien beteiligen.

Dr. Mike Seckinger, Dr. Tina Gadow, Christian Peucker, Dr. Liane Pluto

Zur Datenerhebung

Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell geförderte Projekt Jugendhilfe und sozialer Wandel – Leistungen und Strukturen führte im Jahr 2011 zum ersten Mal eine postalische Befragung bei Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit durch. Die Erhebung ist damit Teil eines größeren Projektzusammenhangs, dessen Ziel es ist, kontinuierlich Daten über strukturelle Bedingungen der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe zu generieren und sie in ihrer Bedeutung für die fachliche Weiterentwicklung des Feldes zu bewerten. Im Fokus des Projekts stehen sowohl die Organisationsstruktur von Kinder- und Jugendhilfe, die Ausstattung und Personalressourcen, als auch die Angebotsstruktur, Beratungsbedarfe, Formen der Zusammenarbeit mit Schule im Rahmen der Nachmittagsbetreuung sowie die Beteiligungsmöglichkeiten im Jugendzentrum für Kinder und Jugendliche und das Thema Inklusion von jungen Menschen mit Behinderung. Die dazu wiederkehrend durchgeführten Fragebogenuntersuchungen bei verschiedenen Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe (Jugendämter, Einrichtungen der stationären Hilfen zur Erziehung, Jugendverbände, Jugendringe, Kindertageseinrichtungen) sind überregional, bundesweit sowie trägerübergreifend. Insgesamt liegen Daten zur Situation und Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe über den Zeitraum der vergangenen 20 Jahre vor.

In Bayern wurde in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Jugendring, der die Adressen der Jugendzentren zur Verfügung stellte, eine Vollerhebung durchgeführt. In den anderen Bundesländern wurden in den Kreisen und kreisfreien Städten, die sich in der (Quoten)Stichprobe des Projekts „Jugendhilfe und sozialer Wandel“ befinden, alle verfügbaren Adressen von Jugendzentren recherchiert. Betrug die Anzahl der pro Jugendamtsbezirk vorliegenden Adressen mehr als 46, wurde aus diesem Adresspool eine Zufallsauswahl vorgenommen. Insgesamt wurden so knapp 3.900 Adressen ausgewählt. Der Rücklauf der Erhebung beträgt 43 Prozent. Es stehen damit zum ersten Mal bundesweite Daten für dieses Arbeitsfeld zur Verfügung.

Literatur

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DJI Online / Stand: 17. Oktober 2012