Blick von außen I

von Dr. Gry Mette D. Haugen (Norwegian University of Science and Technology, Social Research AS, Trondheim)

Die Betreuung im 50/50-Wechselmodell und das Kindeswohl: Gesetzliche Regelungen, das Kind als sozialer Akteur und altersbedingte Schwierigkeiten

Die Scheidungsrate in Europa hat sich in den letzten drei Jahrzehnten verdreifacht. Natürlich gibt es hier Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und auch kurzfristige Schwankungen auf nationaler Ebene, aber der Trend insgesamt zeigt unerbittlich nach oben (Therborn 2004). Die Auswirkungen solcher großen gesellschaftlichen Trends auf den Einzelnen, auf Familien und auf Gemeinschaften sind vielfältig. Besonders bedenklich aber sind die möglichen Auswirkungen einer Scheidung auf die vielen Kinder, die die Beziehungen ihrer Eltern scheitern sehen und davon betroffen sind. Schätzungen zeigen, dass gut 50 Prozent aller in Norwegen geschlossenen Ehen geschieden werden (Statistisches Amt Norwegen 2006).


Die Situation in Norwegen

In Norwegen werden Scheidungsanträge beim Fylkesmannen, dem zuständigen Standesbeamten, eingereicht[1] Nach norwegischem Familienrecht müssen sich alle Paare (sowohl Ehepaare als auch nichteheliche Lebensgemeinschaften) mit gemeinsamen Kindern unter 16 Jahren beraten lassen und einen Familienmediator oder eine Familienmediatorin aufsuchen.[2]. Bei Ehepaaren[3] wird der Scheidungsantrag erst nach erfolgter Familienmediation vom zuständigen Standesbeamten weiter bearbeitet. Nichteheliche Lebensgemeinschaften dagegen müssen eine Familienmediation[4] nachweisen, bevor sie Sozialleistungen beim Staat beantragen können (genauere Beschreibung und weitere Details siehe James et.al. 2010). Viele Kinder erleben die Trennung ihrer Eltern. Lebten im Jahr 1990 noch 83 Prozent aller Kinder mit beiden Elternteilen in einem gemeinsamen Haushalt, so trifft dies 2011 nur noch auf 75 Prozent  aller Kinder zu. Abbildung 1 zeigt einen Überblick über Familien mit Kindern in Norwegen und die von den Eltern für ihre Kinder getroffenen Aufenthaltsarrangements.

 

Abbildung 1: Kinder im Alter von 0 bis 17 Jahren nach Anzahl der im gemeinsamen Haushalt lebenden Eltern (biologische Eltern und Adoptiveltern) und Formen des Zusammenlebens der Eltern im Jahr 2011 in Prozent

Quelle


 
Childrens families. Parents' cohabitation arrangement in Norway, 2011. Per cent.(N. = 1 102 000 children) Familien mit Kindern. Formen des Zusammenlebens der Eltern in Norwegen, 2011. In Prozent (N = 1 102 000 Kinder)
 
Married Verheiratet
Cohabitant In nichtehelicher Lebensgemeinschaft
Only mother Nur Mutter
Mother and step parent Mutter und Stiefvater
Only father Nur Vater
FAther and step mother Vater und Stiefmutter
 

Laut der nationalen Statistik lebt eines von vier Kindern mit nur einem biologischen Elternteil in einem Haushalt. 21 Prozent der Trennungskinder leben bei ihren Müttern (davon sieben Prozent in einem Haushalt mit Mutter und Stiefvater) und vier Prozent bei ihren Vätern (davon ein Prozent in einem Haushalt mit Vater und Stiefmutter). Da Kinder in Norwegen nur in einem Haushalt offiziell gemeldet sein dürfen, geben diese Zahlen über Nachtrennungsfamilien keine Auskunft über die Betreuung im Wechselmodell, bei dem das Kind im Haushalt des Vaters und im Haushalt der Mutter zwei annähernd gleichberechtigte oder gleichwertige Lebensmittelpunkte hat. Dementsprechend gibt es über die Betreuung im Wechselmodell nur unzureichendes statistisches Material. In der oben dargestellten Abbildung beispielsweise sind die nach diesem Modell betreuten Kinder in den anderen Kategorien enthalten. Die Betreuung im Wechselmodell ist jedoch erneut in das Interesse der Öffentlichkeit gerückt, da das Thema nach neueren Änderungen des norwegischen Kindergesetzes Gegenstand öffentlicher Debatten wurde. Diese Änderungen des Kindergesetzes ermöglichen es dem Gericht, eine Betreuung im Wechselmodell anzuordnen, d.h. vorzuschreiben, dass ein Kind nach einer Scheidung oder Trennung in den Haushalten beider Elternteile leben muss.

    Betreuung im Wechselmodell
    Die Betreuung im Wechselmodell ist die Regelung der elterlichen Sorge mit der derzeit höchsten Zuwachsrate bei norwegischen Nachtrennungsfamilien. Im Jahr 1996 wurde das sogenannte Wechselmodell von nur vier Prozent der Nachtrennungsfamilien praktiziert, im Jahr 2004 waren es dann bereits zehn Prozent (Kitterød 2005: 36). Die Betreuung im Wechselmodell wird häufig als die Regelung beschrieben, die nach einer Scheidung oder Trennung der Eltern im besten Interesse des Kindes ist. Laut Kurki-Suonio (2000) könnte man das Ideal der gemeinsamen elterlichen Sorge (dazu zählt sowohl das gemeinsame gesetzliche Sorgerecht als auch die gemeinsame physische Betreuung einschließlich des Wechselmodells) als die derzeit in unserem Kulturkreis gültige Interpretation des Prinzips dessen, was im besten Interesse des Kindes ist, betrachten.

    Gleichzeitig aber behauptet z.B. Mary Ann Mason (2002: 80-81), dass der in den USA in den 1980er Jahren  stattgefundene „Run auf die gemeinsame elterliche Sorge“ zur Folge hatte, dass „nicht mehr das beste Interesse des Kindes, sondern vielmehr das beste Interesse der Eltern oder genauer gesagt, das beste Interesse des Vaters im Mittelpunkt steht“. Carol Smart (2004) argumentiert bezüglich der gegenwärtigen Situation in Großbritannien ähnlich. Norwegen ist ein Land, das von sich behauptet, tendenziell großen Wert darauf zu legen, dass die Väter aktiv am Leben ihrer Kinder teilnehmen (Skjevik 2006), und auch in öffentlichen Diskussionen zu diesem Thema wird häufig angeführt, dass eine Betreuung im Wechselmodell nach einer Scheidung oder Trennung im Sinne der Gleichberechtigung von Mann und Frau zur Norm werden sollte.

    Laut diesen Argumenten fördert eine Betreuung im Wechselmodell die Gleichberechtigung von Mann und Frau und steht für eine Ideologie der Gerechtigkeit. Forderungen nach einer Betreuung im Wechselmodell werden in mehreren Ländern vermehrt vernommen, aber einige Sozialwissenschaftler/innen, darunter auch Carol Smart (2004:484), geben zu bedenken, dass diese Forderungen die Erfahrungen der von diesem Aufenthaltsarrangement betroffenen Kinder „völlig außer Acht lassen“. Die Entscheidung der Eltern zugunsten eines Betreuungsmodells, bei dem die Kinder gleich viel Zeit bei Vater und Mutter verbringen, ist zwar möglicherweise tatsächlich im besten Interesse des Kindes getroffen worden. Sie kann aber auch auf Selbstinteresse basieren, beispielsweise um Konflikte zu vermeiden, Geld zu sparen oder einfach, weil auch Eltern Zeit für sich brauchen (eine Reihe verschiedener Gründe findet sich z.B. bei Folberg 1991). Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob eine Betreuung im Wechselmodell, die aus Sicht der Eltern im besten Interesse des Kindes ist, auch aus Sicht des Kindes die beste Lösung darstellt.

Empirische Stichprobe, Ziele und Forschungsfragen

Ziel dieser Abhandlung ist die Diskussion, wie sich die verschiedenen Interpretationen der Begriffe Rechte, Agency (das Kind als sozialer Akteur) und Alter bezogen auf die Betreuung im Wechselmodell auf die Vorstellung auswirken, im „besten Interesse des Kindes“ zu handeln. Zu diesem Zweck bedient sich dieser Beitrag der Erkenntnisse aus zwei Studien. Hierbei handelt es sich erstens um die Ergebnisse aus Interviews mit norwegischen Kindern im Alter zwischen 9 und 18 Jahren, die im Wechselmodell betreut werden (diese Studie wird im weiteren Text als "Wechselmodellstudie" bezeichnet). Die Wechselmodellstudie war Teil einer größeren Studie, in der Informationen über 114 geschiedene oder getrennte Eltern und 96 Kinder der gleichen Stichprobe erhoben wurden und die Teil der Doktorarbeit der Verfasserin dieses Beitrags war (nähere Beschreibung siehe Haugen 2007, 2010). Die Wechselmodell-Gruppe umfasste 15 Kinder und die Studie ging der Frage nach: Wie sehen die Kinder selbst die Betreuung im Wechselmodell?

Zweitens stützt sich dieser Beitrag auf neue im Rahmen einer Bewertung des norwegischen Mediationssystems gewonnene Erkenntnisse (diese Studie wird im weiteren Verlauf als "Bewertungsstudie" bezeichnet). Die wichtigste Datenquelle für diese Bewertung ist eine Querschnittstudie. Diese Studie umfasst 1.460 Fälle aus der Familienmediation; befragt wurden sowohl die Mediatoren als auch die Eltern mit Hilfe von Fragebögen. Die Mediationsfälle bieten Informationen über 2.131 Kinder. Die in diesem Beitrag behandelten Erkenntnisse liefern Zahlen über Regelungen der elterlichen Sorge[5], die im Februar 2010 im Rahmen der Mediation für 1.646 Kinder erreicht wurden und gehen der Frage nach: In welchem Umfang wählen Eltern für ihre Kinder die Betreuung im Wechselmodell? Dieser Beitrag konzentriert sich drittens auf das Alter der Kinder und untersucht die Frage: Wie bewerten Mediatoren die Betreuung im Wechselmodell bei sehr kleinen Kindern?

Erkenntnisse aus der Wechselmodellstudie

Die Auswertung der mit den Kindern geführten Interviews ergab, dass es drei Kategorien des Wechselmodells zu geben scheint: i) das flexible Modell; ii) das unsichere Modell; und iii) das starre Modell. Diese Kategorien zeigen sich jedoch in der auf die Trennung bzw. Scheidung folgenden Zeit nicht als fest und unveränderlich, sondern sind vielmehr Teil des Nachtrennungsprozesses, der von Natur aus dynamisch abläuft und Veränderungen unterworfen ist. Die Kategorisierung ist daher eher als ein Versuch zu sehen, die wichtigsten Dimensionen, die sich in den Schilderungen der Kinder finden, zu beleuchten und dazu beizutragen, die Erfahrungen, die die Kinder mit der Betreuung im Wechselmodell gemacht haben, aus empirischer Sicht zu verstehen. 

Bei den in dieser Abhandlung präsentierten Fällen lagen die beiden Haushalte der getrennt lebenden Eltern von einer Ausnahme abgesehen in fußläufiger Entfernung, die Eltern hatten im Durchschnitt eine höhere Bildung als die anderen Elternpaare, die an der Studie teilnahmen, und die Kooperation zwischen den Elternteilen war meist gut. 

Das flexible Wechselmodell: „Wenn es mir hier langweilig wird, kann ich dorthin gehen“
Die Kinder in dieser Kategorie waren zufrieden und freuten sich, dass sie ihre Zeit in den Haushalten beider Elternteile verbringen konnten. Die geschiedenen oder getrennten Partner dieser Gruppe zeigten eine ausreichende Bereitschaft zur Kooperation und wohnten in fußläufiger Entfernung. Die Eltern schienen ferner offen für die Bedürfnisse ihrer Kinder zu sein, z.B. wenn das Kind mehr Zeit mit dem anderen Elternteil verbringen wollte. Die Kinder betonten die Bedeutung, gleich viel Zeit mit beiden Elternteilen zu verbringen und Aussagen wie z.B. „Ich bin froh über diese Regelung, weil ich so beide gleich viel sehen kann“ oder „Das Wechselmodell ist die beste Regelung, weil man so Zeit mit beiden Elternteilen verbringen kann“, zeigen, dass auch die Kinder das gerechte Aufteilen ihrer Zeit mit Gleichberechtigung und Gerechtigkeit gleichsetzen. Eine Dimension, die sich jedoch in dieser Gruppe durch alle Geschichten zieht, war das Prinzip der Flexibilität im Alltag, d h. die Kinder konnten beispielsweise einfach schnell zum anderen Elternteil „hinüber laufen“ oder „Sachen holen“, die sie brauchten. Die Art, in der die Kinder in dieser Gruppe das Wechselmodell erlebten, unterstreicht auch das von Christiansen (2002) vorgebrachte Argument, dass Kinder normalerweise Wert darauf legen „selbst über ihre Zeit bestimmen zu können“ (Christiansen 2002: 85). Diese Selbstbestimmung spielt auch im Kontext des Wechselmodells eine große Rolle, denn sie bedeutet, dass man die Bedürfnisse der Kinder erkennt und akzeptiert.

Selbst über die eigene Zeit bestimmen zu können, spielt für Kinder und ihr Wohlbefinden eine wichtige Rolle. Aus Sicht der Eltern jedoch erfordert es ein bestimmtes Maß an Kooperation, um die Aufenthaltsarrangements flexibel zu handhaben und kurzfristige Änderungen zu organisieren. Bei den in dieser Gruppe vertretenen Fällen war die Kooperation der Eltern deutlich zu spüren. Mehrere sowohl skandinavische (Haaland 1988; Moxnes 2003) als auch internationale Studien (Amato 2000; Amato and Afifi 2006; Ahrons 1994; Kelly 2002, 2003; Smart 2002, 2004; Pryor and Rodgers 2001), betonen, wie wichtig die Kooperation der Eltern für das Gelingen der Betreuung im Wechselmodell ist. Die Eltern in dieser Gruppe schienen erfolgreich zu praktizieren, was von Smart (2004) als erfolgreiche gemeinsame elterliche Sorge beschrieben wird, bei der Flexibilität und Respekt für die Entscheidungen der Kinder eine wichtige Rolle spielen. Diese Aspekte wurden auch von den Eltern der nächsten Gruppe als wichtig erachtet, wobei sich dies nicht immer mit dem Verständnis der Kinder deckte.

Das unsichere Wechselmodell: „Es hieß, wir könnten Zeit in beiden Haushalten verbringen“
Alle Kinder in dieser Gruppe schienen mit der Betreuung im Wechselmodell ganz gut zurechtzukommen. Ihre Eltern lebten in fußläufiger Entfernung und zeigten ein ausreichendes Maß an Kooperation, wobei das Konfliktniveau jedoch höher zu sein schien als in der Gruppe des flexiblen Wechselmodells. Lediglich ein Jugendlicher dieser Gruppe, ein 18-jähriger Junge, gab an, dass er die Regelung gern ändern würde.

Die Kinder dieser Gruppe schienen es zwar zu schätzen, dass sie ihre Zeit zu gleichen Teilen in den Haushalten beider Elternteile verbringen konnten, waren aber in ihren Äußerungen nicht uneingeschränkt positiv. Viele von ihnen erzählten, dass ihre Eltern zwar sagten, die Regelung sei flexibel und sie könnten jederzeit schnell zu dem anderen Elternteil gehen, ihnen dabei aber das Gefühl gaben, dass dies nicht wirklich so sei. Die Kinder erzählten, dass ihre Eltern unter Umständen enttäuscht waren und sie das Gefühl hätten, das Elternteil, bei dem sie eigentlich gerade wohnen sollten, im Stich zu lassen. Aber obwohl die Kinder die Regelung nicht als so flexibel empfanden, wie sie eigentlich sein sollte, gaben sie die Schuld daran nicht ihren Eltern. Die Kinder hatten vielmehr das Gefühl, dass es ihre Pflicht sei, ihre Zeit korrekt zwischen den beiden Haushalten der getrennt lebenden Eltern zu teilen. Das Aufteilen ihrer Zeit war damit für sie nicht nur gleichbedeutend mit Gerechtigkeit, sondern auch mit Verantwortung. Ein Junge beispielsweise wollte manchmal mehr Zeit im Haushalt seines Vaters verbringen, weil er sich dort mehr zuhause fühlte (sein Vater lebte in dem Haus, in dem die Familie vor der Scheidung gemeinsam gelebt hatte) und weil die meisten seiner Freunde in dieser Gegend wohnten. Der Junge hatte jedoch das Gefühl, er müsse in beiden Haushalten gleich viel Zeit verbringen. Dieses Phänomen zeigte sich bei mehreren der von uns befragten Kinder (Haugen 2005, 2010; Moxnes 2003). Das Beispiel weist somit sowohl auf die emotionalen als auch auf die Beziehungsaspekte hin, mit denen Kinder fertig werden müssen und die häufig ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen. 

Die Kinder dieser Gruppe legten auch bei der Frage, ob Kinder an den Diskussionen über die elterliche Sorge und über Besuchsregelungen beteiligt werden sollten, eine ambivalente Haltung an den Tag. Einerseits waren sie der Meinung, dass Kinder bezüglich der Regelung der elterlichen Sorge und der Aufenthaltsdauer bei den einzelnen Elternteilen ein Mitspracherecht haben sollten, andererseits aber empfanden sie eine Beteiligung an diesen Entscheidungen als problematisch, da sich diese Fragen auf die Aufenthaltsregelungen auswirken und damit auch wirtschaftliche Folgen für die Eltern haben können, die die Kinder und Jugendlichen als „Erwachsenensache“ betrachteten.

Während Lee (1999) geltend macht, dass Wissenschaftler/innen empfindsamer für die Ambiguität in der Kindheit sein sollten, weist Kjørholt (2004) darauf hin, dass die Vorstellung von Kindern als autonome Wesen voller Paradoxa ist. Staales Aussagen zeigen, dass es für Kinder nicht immer leicht ist, mit „den Problemen der Erwachsenen“ umzugehen und dass die Partizipation von Kindern am Scheidungsprozess auch mit einer gewissen Vulnerabilität der Kinder einhergeht (Haugen 2005; Moxnes 2003). Die Vorstellungen der Vulnerabilität in diesem Kontext können leicht mit Verantwortungs- oder sogar Schuldgefühlen in Bezug gesetzt werden. Für Kinder und Jugendliche scheint das Prinzip des Wechselmodells, d.h. das Aufteilen ihrer Zeit zwischen beiden Elternteilen, wie hier beschrieben, stark mit einem Verantwortungsgefühl für das Wohlbefinden ihrer Eltern verbunden zu sein. In ihrer Studie zum Verantwortungsverständnis von Kindern kamen Such und Walker (2004) zu ähnlichen Ergebnissen. Obwohl die in ihrer Studie befragten Kinder jünger waren (im Alter zwischen neun und zehn Jahren) als die Kinder und Jugendlichen, mit denen sich diese Abhandlung befasst, weisen sie doch darauf hin, dass sich diese Verantwortungsgefühle im täglichen Leben der Kinder manifestieren. Sie konzentrieren sich ferner auf die Beziehungsaspekte der Verantwortung und betonen, dass Verantwortung zu verstehen ist als „das Bedürfnis, Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen, dazu zählen auch Geschwister und Eltern“ (Such und Walker 2004: 240). Letzteres scheint sich in der Gruppe des „unsicheren Wechselmodells“ durch mehrere Schilderungen zu ziehen. Diese Erkenntnisse stehen auch in Zusammenhang mit Untersuchungen, die sich kritisch mit der sozialen Partizipation von Kindern in diversen Kontexten auseinandersetzen und davor warnen, Kindern zu viel Verantwortung bei gleichzeitig zu wenig Fürsorge und Schutz zu geben und ihnen damit eine schwere Last aufzubürden (Winter 1997; Kjørholt 2004).

Das starre Wechselmodell: „Ich wollte nicht, aber ich musste“
Die Gruppe des „starren Wechselmodells“ bestand aus lediglich einem Mädchen, beleuchtet aber dennoch mehrere Punkte, die wichtige Dimensionen der Betreuung im Wechselmodell betonen. Die Geschichte dieses Mädchens zeigt insbesondere, dass ein Konflikt der Eltern starke Auswirkungen auf ein Kind haben kann, und dass die Entscheidung der Eltern für das Wechselmodell auf Drängen des Vaters, das von Lunde (1999: 40) als „Druck des Vaters“ bezeichnet wird, zustande kam. Das Mädchen hätte nach der Trennung lieber im neuen Haushalt der Mutter gelebt, aber ihr Vater bestand darauf, dass sie genauso viel Zeit bei ihm verbringen sollte. Dieses Beispiel zeigt, dass das scheinbar logische Prinzip des Wechselmodells, das auf Gerechtigkeit für Eltern und Kinder abzielt, in der Realität nicht immer gerecht ist. Das Mädchen musste den Forderungen ihrer Eltern entsprechen, und ihre Situation verdeutlicht das Ausmaß, in dem Recht und Gerechtigkeit Konstrukte der Erwachsenen sind.

Der Fall des Mädchens veranschaulicht auch die Ausführungen von Ennew, die „Zeit als Machtfaktor der Erwachsenen“ bezeichnet (1994: 134) und unterstreicht Smarts Beobachtung (2002: 313), „dass Kinder über ihre Zeit nicht frei bestimmen dürfen“. Obwohl es das Mädchen als ziemlich schwierig empfand, ihre Zeit zu gleichen Teilen in beiden Haushalten zu verbringen, hielt sie sich an die Anweisungen und wechselte mehrere Jahre lang wöchentlich den Haushalt.

Wie bereits anfangs erwähnt ist die Betreuung im Wechselmodell die Form der Aufenthaltsregelung mit den größten Zuwachsraten bei norwegischen Nachtrennungsfamilien. Nichtsdestotrotz sind die Zahlen, auf die sich diese Abhandlung bezieht, gering. Die „Bewertungsstudie“ zeichnet ein repräsentatives Bild der Betreuungs- und Aufenthaltsregelungen, die im Februar 2010 bei 1.460 Familien in der Mediation erzielt wurden und bietet daher wichtige Informationen über die verschiedenen Aufenthaltsarrangements.

Erkenntnisse aus der Bewertungsstudie

Laut der Studie leben 63 Prozent der Kinder aus Nachtrennungsfamilien bei ihren Müttern, 11 Prozent bei ihren Vätern und 25 Prozent werden im Wechselmodell betreut. Da 25 Prozent der Kinder in dieser Studie im Wechselmodell betreut werden, enthält die Studie Informationen über eine große Zahl von im Wechselmodell betreuten Kindern. Diese Zahl ist sehr viel höher als die Zahlen, die von anderen norwegischen Studien gemeldet werden und lässt darauf schließen, dass die Betreuung im Wechselmodell sehr viel häufiger praktiziert wird als bislang angenommen. Eine der Fragen untersucht, inwiefern die für die Eltern und das Kind in der Mediation erzielten Regelungen der elterlichen Sorge (nach Einschätzung der Situation durch die Mediatoren) tatsächlich „im besten Interesse des Kindes“ getroffen wurden. Die Mediatoren gaben nur in wenigen Fällen an, dass die Vereinbarung der Eltern nicht im besten Interesse des Kindes war. In diesen Fällen wurden die Mediatoren gebeten, ihre Aussagen durch die Beantwortung weiterer offener Fragen näher zu erläutern. Viele dieser Antworten betrafen Fälle, in denen die Kinder noch klein waren und sich die Eltern auf eine Betreuung im Wechselmodell geeinigt hatten, obwohl dies von den Mediatoren nicht für gut befunden wurde.

Angesichts dieser Bedenken lohnt sich ein genauerer Blick auf die in der Mediation erzielten Regelungen der elterlichen Sorge, bezogen auf das Alter der Kinder. Dies erfolgt mit Hilfe der unten dargestellten Tabelle 1.

Tabelle 1: Die in der Familienmediation erzielten Betreuungs- und Aufenthaltsarrangements (n=1.646)

 
 

Altersgruppen

 
Aufenthaltsarrangement

0-2 Jahre

3-6 Jahre

7-11 Jahre

12-16 Jahre

Gesamt

Wechselmodell

16

23

30

31

25

Hauptwohnung beim Vater

3

11

13

19

11

Hauptwohnung bei der Mutter

81

66

56

49

63

Sonstige Regelungen

3

1

1

1

1

 
Gesamt

100

101

100

100

100

(n)

(287)

(485)

(423)

(269)

(1.646)

 

p 0,01

Tabelle 1 zeigt, dass die meisten Kinder dauerhaft im Haushalt ihrer Mütter leben und eine Besuchsregelung mit den Vätern besteht. Dies gilt für alle Altersgruppen. Mit zunehmendem Alter sinkt die Anzahl der Kinder, die dauernd bei ihren Müttern leben; frühere norwegische Studien bekräftigen dieses Ergebnis (Skjevik 2006; Kitterød 2005; Skjørten et. al. 2007). Diese früheren Studien bestätigen auch, dass mit zunehmendem Alter die Zahl der Kinder, die dauerhaft bei ihren Vätern leben, steigt, wobei jedoch die in der Bewertungsstudie gemeldeten Zahlen die früher im norwegischen Kontext genannten Zahlen übersteigen. Das auffälligste Ergebnis ist jedoch die relativ große Zahl kleiner Kinder, die im Wechselmodell betreut werden oder ausschließlich im Haushalt ihrer Väter leben. In der Altersgruppe von 0 bis 2 Jahren werden 16 Prozent der Kinder im Wechselmodell betreut (und 3 Prozent leben im Haushalt der Väter). In der Altersgruppe der 3- bis 6-Jährigen werden 23 Prozent der Kinder im Wechselmodell betreut und 11 Prozent leben bei ihren Vätern. Auffällig ist, dass in der Altersgruppe der bis zu 2-Jährigen fast eines von fünf Kindern und in der Altersgruppe der 3- bis 6-Jährigen sogar eines von drei Kindern nicht permanent bei ihren Müttern lebt. Die Zahlen deuten auf massive Veränderungen bei den Aufenthalts- und Betreuungsarrangements von Kindern und zeigen, dass viele der Väter in großem Umfang im täglichen Leben ihrer Kinder präsent sind.

Die hier gemeldeten Zahlen weisen insbesondere hinsichtlich der Zahl der im Wechselmodell betreuten Kleinkinder auf einen Wandel hin. Während die Entwicklung, dass die Väter im täglichen Leben der Kleinkinder präsenter sind, positiv zu sehen ist, geht der oben erwähnte Wandel auch mit bestimmten Bedenken einher. Es zeigt sich ein statistisch relevanter negativer Zusammenhang zwischen der Bewertung der Mediatoren „die von den Eltern erzielte Aufenthaltsregelung ist im besten Interesse des Kindes“ mit der im Wechselmodell betreuten Altersgruppe der bis zu 2-Jährigen (Ådnanes et. al. 2011). Der norwegische Ombudsmann für Kinder hat ebenfalls auf die negativen Auswirkungen einer Betreuung im Wechselmodell bei Kleinkindern verwiesen und sich öffentlich gegen diese Form der Betreuung und des Aufenthaltsarrangements bei sehr kleinen Kindern ausgesprochen. Die qualitativen Daten der Bewertungsstudie und zwar sowohl die von den teilnehmenden Mediatoren als auch die von den teilnehmenden Eltern erhobenen Daten zeigen ebenfalls gewisse Bedenken hinsichtlich der Betreuung im Wechselmodell. Diese Bedenken lassen sich entlang der Dimensionen der Rechte des Vaters und der Grundsätze der Gleichberechtigung und Gerechtigkeit kategorisieren. Das Prinzip der Rechte des Vaters hängt mit Vorstellungen zusammen wie z.B. „Ich habe das gleiche Recht darauf, Zeit mit dem Kind zu verbringen wie du“ und weckt Bedenken bezüglich Vätern, die selbst bei Kindern, die noch gestillt werden, auf ihr Recht pochen, genauso viel Zeit mit dem Kind verbringen zu dürfen. Die Mediatoren hatten ferner Bedenken bei Fällen, in denen die Haushalte der getrennt lebenden Eltern geographisch weit voneinander entfernt lagen und auch bei Fällen, in denen Väter von Kleinkindern eine Betreuung im Wechselmodell wünschten, weil sie der Meinung waren, sie hätten ein Recht darauf.

Die Mediatoren äußerten insbesondere auch Bedenken bei jungen Eltern, die der Meinung waren, „eine Betreuung im Wechselmodell ist die einzig normale und gerechte Form der Betreuung“ sowie bei Eltern, die eine Betreuung im Wechselmodell selbst bei Kindern unter einem Jahr als gerecht und im besten Interesse des Kindes erachteten.

Zu diskutierende Punkte
Die Erkenntnisse der „Wechselmodellstudie“ zeigen, dass eine Betreuung im Wechselmodell aus Sicht der Kinder und Jugendlichen sowohl als angenehm als auch als belastend empfunden werden kann. Da die Daten jedoch auf einer kleinen Stichprobe basieren, ist eine verallgemeinerbare Schlussfolgerung sehr vorsichtig zu formulieren. Es ist davon auszugehen, dass die Befürworter des Wechselmodells, die das Argument anführen, das Wechselmodell sei im besten Interesse des Kindes, Gefahr laufen, die kindlichen Bedürfnisse aus Sicht der Erwachsenen wiederzugeben. Die Ergebnisse der „Bewertungsstudie“ aus Sicht der Mediatoren und aus Sicht der Mütter bestätigen diesen Punkt und setzen ihn in Verbindung mit den Prinzipien der Rechte des Vaters und den Prinzipien der Gleichberechtigung und Gerechtigkeit.  

Hat das Kind ein Mitspracherecht und werden seine Meinungen und Entscheidungen respektiert, so ist das Wechselmodell möglicherweise im besten Interesse des Kindes. Es stellt sich jedoch die Frage, wie wir die Bedürfnisse und Wünsche eines Babys oder eines Kleinkinds erkennen und respektieren können, und ob wir den Eltern im Kontext der Familienmediation konkretere Ratschläge hinsichtlich der Aufenthalts- und Betreuungsarrangements für ihre Kinder geben sollten. Bezüglich der Debatte und Diskussion über die Betreuung im Wechselmodell scheinen weitere empirische Nachweise erforderlich zu sein, insbesondere auch in Bezug auf das Alter der betroffenen Kinder und die Frage, inwiefern ein Aufenthaltsarrangement und eine Betreuung im Wechselmodell als im besten Interesse des Kindes gewertet werden kann.

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Gry Mette D. Haugen (Jg. 1965) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am NTNU Samfunnsforskning AS und Stellvertretende Direktoren und Assistenzprofessorin am Norwegian Centre for Child Research, NTNU in Trondheim (Norwegen).

Links
NTNU Samfunnsforskning AS
Norwegian Centre for Child Research, NTNU

Kontakt
Dr. Gry Mette D. Haugen
E-Mail: gry.mette.haugen@samfunn.ntnu.no


DJI Online /Stand: 1. Dezember 2011


[1] Scheidungen, bei denen Gewalt oder Missbrauch eine Rolle spielen, werden vor Gericht geregelt. 2007 war dies bei 73 von 10280 Scheidungen der Fall (Zahlen angefordert vom statistischen Amt in Norwegen, 13. März 2009).

 

[2] Eine Familienmediation muss auch durchgeführt werden, bevor ein Elternteil ein Sorgerechtsverfahren vor Gericht einleiten kann. In diese Kategorie fallen ungefähr ein Drittel aller Mediationen.

 

[3] Siehe Eheschließungsgesetz aus dem Jahr 1993, Absatz 26

 

[4] Siehe Kindergesetz 1981, Abschnitt 51

[5]