Auf einen Blick


von Dr. Michaela Schier, Nina Bathmann, Sandra Hubert, Diane Nimmo und Anna Proske


Die konstant hohe Zahl von Trennungen und Scheidungen in Deutschland führt dazu, dass sich das Familienleben nach Trennung oder Scheidung oftmals verteilt über mehrere Haushalte und mitunter an verschiedenen Orten abspielt. Zunehmend mehr Kinder, Väter und Mütter sind zwischen den verschiedenen Wohnorten der Familie unterwegs, um in Kontakt miteinander zu bleiben – eine große Herausforderung für alle Beteiligten.

Ergebnisse der Schumpeter-Nachwuchsgruppe „Multilokalität von Familie“ am DJI geben nicht nur näheren Aufschluss darüber, in welch unterschiedlichen Familien- und Wohnarrangements Kinder nach einer Trennung der Eltern aufwachsen, wie häufig sie Mutter und Vater sehen und welchen Einfluss Wohnentfernungen sowie das Sorgerecht darauf haben. Sie zeigen auch deutlich, vor welche neuen emotionalen, organisatorischen und kommunikativen Herausforderungen das „Doing Family“ (Morgan 1996; Schier/Jurczyk 2007) an mehreren Orten Kinder wie Eltern stellt und welche Umgangspraktiken Familien für den mehrörtigen Alltag entwickeln. Die Ergebnisse resultieren einerseits aus Auswertungen des DJI-Surveys „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) sowie andererseits aus der ethnographischen Studie „Multilokales Familienleben nach Scheidung oder Trennung“, die im Rahmen der Forschungen der Schumpeter-Nachwuchsgruppe zur Multilokalität von Familien in Deutschland in den letzten zwei Jahren durchgeführt wurden.

Theoretische Grundlagen des Forschungsdesigns sind die raumsensiblen Konzepte des „Doing Family“ und der „Multilokalität“. Die haushaltsübergreifende Sichtweise von Familiensystemen erlaubt es, neues Wissen über das Leben von Nachtrennungsfamilien zu generieren. Anders als in der Scheidungs-, Stieffamilien- oder Alleinerziehendenforschung, die bislang primär haushaltszentriert arbeiten und vorrangig problematische Folgen einer Trennung oder Scheidung in den Blick nehmen, gelingt es mit dem Ansatz des „Doing Multi-local Family“ (Schier 2011), Kinder und Erwachsene über ihr alltägliches Tun als aktive Gestalter ihres multilokalen Lebens wahrzunehmen. Auf diese Weise rücken die funktionalen und emotionalen Zusammenhänge zwischen Familienmitgliedern in den Blick, die auch nach der Auflösung einer Partnerschaft über Haushaltsgrenzen hinweg weiter bestehen bleiben, die beispielhaft in der folgenden Abbildung 1 deutlich werden.

Abbildung 1: Beispiel eines multilokalen Nachtrennungsfamiliensystems


Quelle: Michaela Schier, Schumpeter-Nachwuchsgruppe, DJI, München; Darstellung in Anlehnung an Bernstein (1988)

A) Hintergrund

B) Ergebnisse aus AID:A: Familiale Strukturen nach Trennung und Scheidung

C) Ergebnisse einer ethnographischen Studie

1. Alltägliche Herausforderungen und Umgangspraktiken in Nachtrennungsfamilien

a) aus Sicht der Kinder

b) aus Sicht der Eltern

2. Einflussfaktoren für das multilokale „Doing Family“ nach einer Trennung

A) Hintergrund 

Der soziale Wandel der letzten fünf Jahrzehnte hat dazu geführt, dass sich in immer mehr Familien mit minderjährigen Kindern das „Doing Family“ nach einer Trennung oder Scheidung der Eltern an mehreren Orten abspielt. Im Unterschied zu beruflich bedingten, multilokalen Familien, in denen vornehmlich die erwachsenen Familienmitglieder räumliche Distanzen überwinden müssen, sind es in den sogenannten Nachtrennungsfamilien Annahmen zufolge vorwiegend die Kinder, die abwechselnd an den Wohnorten ihrer Eltern leben. Nach konservativen Schätzungen leben derzeit etwas unter einer Million Minderjährige in Deutschland multilokal.

Rechtliche Änderungen und der normative Wandel im letzten Jahrzehnt fördern sogar die Multilokalität von Kindern. Hintergrund ist die Kindschaftsrechtsreform von 1998, durch die in Deutschland die gemeinsame Sorge nach Trennung oder Scheidung als Normalfall etabliert wird. Der Gesetzgeber nimmt an, dass der Kontakt mit beiden Eltern dem Wohl des Kindes am besten entspricht. Zeitgleich hat ein normativer Wandel des Vaterschaftsbildes vom Vater als Ernährer zum „aktiven“ Vater stattgefunden, der sich, wenn auch noch wenig im Handeln, so doch deutlich in den Einstellungen von Vätern niederschlägt. Beide Entwicklungen erzeugen einen gewissen Druck auf Mütter und Väter, in der Alltagspraxis Wege zu finden, Elternschaft trotz Auflösung der Partnerschaft und trotz unterschiedlicher Wohnorte gemeinsam auszuüben.

Dies hat Folgen für ihren Alltag und den ihrer Kinder. Selbst, wenn der Alltag nach der Trennung durch eine konfliktfreie Beziehung der Eltern und einen gut organisierten Ablauf gekennzeichnet ist, sind die Kinder und Eltern durch die neue zeit-räumliche Lebenssituation mit besonderen Anforderungen konfrontiert.

Obwohl die Multilokalität von Familien nach Trennung und Scheidung ein weit verbreitetes, gesellschaftlich hoch relevantes und zunehmendes Phänomen ist, wissen wir bisher nur wenig über die familialen Strukturen nach Trennung und Scheidung sowie die Art und Weise der Alltagsgestaltung über Haushaltsgrenzen hinweg. Die folgenden Ergebnisse der Forschungen der Schumpeter-Nachwuchsgruppe „Multilokalität von Familie“ geben hier erste genauere Einblicke.

B) Ergebnisse aus AID:A: Familiale Strukturen nach Trennung und Scheidung

Der DJI-Survey Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten (AID:A) erhebt Daten zum Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen sowie zu den Lebenslagen von Erwachsenen und Familien in Deutschland. Die Befragung wurde 2009 im Auftrag des DJI durchgeführt und hat mehr als 25.000 Personen erfasst. Die hier dargestellten Ergebnisse sind auf die 0- bis 17-jährigen Kinder, ihre Situation und Familienformen begrenzt (n = 12.412 Zielpersonen).

Jede sechste Familie ist eine Nachtrennungsfamilie
Wie in vielen anderen europäischen Gesellschaften sind Nachtrennungsfamilien mittlerweile ein durchaus häufiges Phänomen in Deutschland. Auswertungen des DJI-Surveys AID:A belegen dies: Auch wenn in 85 Prozent der Familien, in denen mindestens ein minderjähriges Kind lebt, beide leiblichen Eltern mit ihren Kindern immer noch unter einem Dach wohnen (vgl. Abb. 1), handelt es sich bei insgesamt gut 15 Prozent um Familien, bei denen nach der Auflösung der Partnerschaft nur mehr ein leiblicher Elternteil zusammen mit den Kindern im gleichen Haushalt lebt. Damit leben mindestens 12,5 Prozent der Minderjährigen inzwischen mit getrennt lebenden Eltern.

Häufigste Form nach der Trennung ist die Single-Mutter
Nachtrennungsfamilien existieren in den unterschiedlichsten Formen. Mit AID:A können im Wesentlichen sechs unterschiedliche Typen identifiziert werden. Dabei bleibt der Blick aufgrund der vorliegenden Informationen auf „eine Seite“ des Nachtrennungsfamiliensystems beschränkt.

 

Abbildung 2: Die sechs häufigsten Formen von Nachtrennungsfamilien

 

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009: 0- bis 17-Jährige, Daten gewichtet, n = 12.412

Die größte Gruppe der Nachtrennungsfamilien bilden mit gut sieben Prozent aller Familien mit minderjährigen Kindern getrennt lebende Mütter oder Väter, die keine neue Paarbeziehung haben (Typ 1). Sie machen knapp die Hälfte aller Nachtrennungsfamilien aus. Etwas mehr als zwei Prozent entfallen jeweils auf getrennt lebende Mütter oder Väter in einer Living-apart-together-Beziehung bzw. mit neuem Partner im Haushalt (Typen 2 und 3). Hier wurden bereits neue Paarbeziehungen eingegangen. Entweder wohnt der neue Partner (mit oder ohne eigene Kinder) noch in einer eigenen Wohnung (Typ 2), oder es erfolgte bereits der Zusammenzug mit einem neuen Partner, der aber keine eigenen Kinder hat (Typ 3). Die drei unterschiedlichen Typen von Patchwork-Familien haben gemeinsam einen Anteil von knapp vier Prozent an allen Familien mit minderjährigen Kindern. Typ 4 umfasst Familien, in denen ein Partner Kinder aus einer früheren Partnerschaft mitbringt und zusätzlich ein gemeinsames Kind geboren ist. Bei Typ 5 und 6 bringen beide Partner Kinder aus vorhergehenden Partnerschaften mit, bei Typ 6 lebt zudem ein gemeinsames Kind im Haushalt.

Nachtrennungsfamilien im Osten Deutschlands sowie in Großstädten stärker verbreitet
Während 14,5 Prozent aller Familien im Westen Nachtrennungsfamilien sind, liegt dieser Prozentsatz im Osten bei rund 20 Prozent. Bei einer differenzierteren Betrachtung auf Bundeslandebene zeigt sich, dass Sachsen-Anhalt den höchsten Anteil aller Nachtrennungsfamilien hat (23 Prozent aller Familien mit minderjährigen Kindern) und Baden-Württemberg mit 12 Prozent den niedrigsten. Nachtrennungsfamilien sind etwas häufiger in den Großstädten ab einer halben Million Einwohner vertreten. In dünner besiedelten Gegenden kommen Nachtrennungsfamilien tendenziell seltener vor.

Ökonomische Situation in Single-Mütter Haushalten deutlich häufiger prekär als in Paarhaushalten nach Trennung
Die Armutsgefährdungsquote, d.h. der Anteil derer, die Arbeitslosgengeld II oder Sozialhilfe beziehen oder aufstocken, ist über alle Typen von Nachtrennungsfamilien hinweg höher als bei Familien, in denen die Eltern nicht getrennt sind (dort liegt der Anteil gerade einmal bei dreieinhalb Prozent). Gut ein Viertel der getrennt lebenden Mütter/Väter ohne neue/n Lebenspartner/in (Typ 1) lebt von Arbeitslosengeld II. Wenn es bereits einen neuen Living-apart-together-Partner gibt (Typ 2), sind es noch 15 Prozent. Bewohnen die neuen Partner bereits eine gemeinsame Wohnung, sinkt der Anteil weiter auf knapp sechs Prozent. In Patchwork-Familien liegt der Wert wiederum bei rund zehn Prozent. Es bestätigt sich das Ergebnis anderer Studien: Eine zweite erwachsene Person im Haushalt senkt das Armutsrisiko erheblich ab.

Ein Drittel der Kinder hat intensiven Kontakt zum externen Elternteil
Anders, als Begriffe wie „zerbrochene“ oder „gescheiterte Familie“ suggerieren, löst sich mit einer Scheidung oder Trennung die Familie nicht auf, sondern mit ihr gehen Prozesse der sozialen, emotionalen und raum-zeitlichen Neuorganisation des Familiensystems einher (Ahrons 1979; Hater 2003; Schier 2011; Walper/Gerhard 2001). Die Lebensführung von Kindern in Nachtrennungsfamilien erstreckt sich häufig sowohl über den mütterlichen als auch den väterlichen Haushalt sowie manchmal auch über weitere Wohnorte (z.B. der Großeltern oder neuer Partner/innen ihrer Eltern), die nah beieinander, aber auch weit voneinander entfernt liegen können. Wie zentral jeder der Haushalte für das Kind ist und wie in den Familien die Mehrörtigkeit der Kinder verhandelt und organisiert wird, kann sehr unterschiedlich sein.

Auswertungen des DJI-Surveys AID:A hierzu zeigen, dass bei immerhin 34 Prozent der Kinder in Nachtrennungsfamilien der nicht bei ihnen wohnende Elternteil regen Anteil am Leben seines Kindes bzw. seiner Kinder nimmt: Knapp 11 Prozent dieser Väter oder Mütter unternimmt beides, trifft ihr Kind bzw. ihre Kinder mehrmals die Woche oder täglich und telefoniert, chattet oder mailt mit ihnen mehrmals die Woche oder täglich. Je die Hälfte der restlichen dieser Väter oder Mütter trifft entweder ihr Kind bzw. ihre Kinder mehrmals die Woche oder täglich oder telefoniert, chattet, mailt mehrmals die Woche oder täglich mit ihrem Kind. Mädchen pflegen zum externen Elternteil eine etwas intensivere Kommunikation. Bei den persönlichen Treffen verhält es sich genau anders herum: Jungen treffen ihren externen Elternteil etwas häufiger. Die Geschlechterunterschiede sind jedoch eher gering. Das Alter hat keinen Einfluss auf die Kontakthäufigkeit.

In 20 Prozent der Fälle kommt es nach der Trennung zum – wenn auch eventuell nur vorübergehenden – Abbruch des Kontakts. Es gibt weder Treffen noch Kontakt über sonstige Kommunikationswege. Bei der AID:A-Befragung handelt es sich um eine Momentaufnahme. Nachtrennungsarrangements sind jedoch äußerst dynamisch.

Gemeinsames Sorgerecht fördert Eltern-Kind-Kontakte nach Trennung oder Scheidung
In über 60 Prozent der Fälle haben nach einer Trennung oder Scheidung beide Elternteile das Sorgerecht, in 37 Prozent die Mütter (n = 1.452). In den restlichen Fällen sind es der Vater oder eine andere Person. Wird das Sorgerecht von beiden Elternteilen gemeinsam wahrgenommen, ist die Kontakthäufigkeit – durch persönliche Treffen oder telefonieren, chatten, mailen, Briefe schreiben – mit dem extern lebenden Elternteil höher. Während es bei 44 Prozent der Kinder zu mehrmaligem Kontakt zum externen Elternteil in der Woche kommt, trifft das nur auf 18 Prozent der Kinder zu, bei denen die Eltern das Sorgerecht nicht miteinander teilen.

Räumliche Nähe der Wohnorte der Eltern begünstigt eine mehrörtige Lebensführung der Kinder
Knapp 20 Prozent der Väter (oder Mütter) wohnen nach der Trennung höchstens 15 Gehminuten von ihrem Kind entfernt. Hingegen leben 23 Prozent in größerer Entfernung und benötigen mindestens eine Stunde Fahrtzeit, um zu ihren Kindern zu gelangen. Die restlichen wohnen zwischen 15 Gehminuten und einer Stunde Fahrtzeit entfernt.

Die AID:A-Daten zeigen – und frühere Studien belegen dies ebenso (Schmitz 2000; Jensen 2009; Smyth 2004; Tazi-Preve et al. 2007) –, dass räumliche Nähe häufige Treffen zwischen Kindern und ihren externen Elternteilen begünstigt. 36 Prozent der Väter/Mütter und Kinder sehen sich täglich oder mehrmals die Woche, wenn sie nah beieinander wohnen. Weitere 17 Prozent haben anderweitigen Kontakt miteinander. Sie treffen sich zwar nicht so häufig, telefonieren oder chatten stattdessen. Auch bei hoher Wohnentfernung treffen sich immerhin noch 13 Prozent der Väter/Mütter und Kinder alle zwei Wochen. Mehrmalige Treffen pro Woche sind hier jedoch die absolute Ausnahme. Allerdings wird die fehlende Möglichkeit der persönlichen Kontakte bei einigen durch andere Kontaktarten ersetzt: 16 Prozent telefonieren oder mailen mehrmals wöchentlich.

Kontakte reißen häufiger ab, wenn Vater/Mutter und Kind sehr weit auseinander wohnen. Allerdings ist auch eine geringe Wohnentfernung keine Garantie für ein weiteres Bestehen von Kontakten nach einer Trennung. Wohnen Vater/Mutter und Kind höchstens 15 Fußminuten auseinander, war der Kontakt immerhin bei mehr als 11 Prozent zum Zeitpunkt der Befragung abgebrochen. Wohnen die beiden mindestens eine Stunde Fahrtzeit voneinander entfernt, war der Kontakt jedoch in fast 30 Prozent aller Fälle abgebrochen.

C) Ergebnisse einer ethnographischen Studie

Die in Deutschland bisher vorliegenden statistischen Daten geben keinerlei Aufschluss darüber, wie Kinder und Erwachsene in Nachtrennungsfamilien den mehrörtigen Alltag gestalten und daraus resultierende alltägliche Anforderungen bewältigen. Diese Frage hat die Schumpeter-Nachwuchsgruppe unter Rückgriff auf das Konzept des „Doing Family“ deshalb ins Zentrum ihrer ethnographischen Studie „Multilokales Familienleben nach Scheidung oder Trennung“ gestellt.

Das Sample der ethnographischen Studie „Multilokales Familienleben nach Scheidung oder Trennung“ umfasste elf multilokale Nachtrennungsfamiliensysteme. Es wurden 41 themenzentrierte, erzählgenerierende Interviews mit 28 Erwachsenen sowie 13 aktiv multilokal lebenden Kindern im Alter von 6 bis 17 Jahren geführt. Die Erwachsenen machten zusätzlich Angaben in einem soziodemographischen Kurzfragebogen. Zudem liegen von den Kindern erstellte sozialräumliche Netzwerkspiele sowie Fotos zu ihrem Leben bei Vater und Mutter vor. In sieben der Nachtrennungsfamilien wurden videogestützte teilnehmende Beobachtungen durchgeführt. Die Eltern aller Kinder leben seit mindestens zwei Jahren getrennt. Das Sample weist eine breite Streuung in Bezug auf das Wohnarrangement der Kinder, die Entfernung zwischen den Wohnorten von Mutter und Vater sowie die personelle Konstellation des Nachtrennungsfamiliensystems auf.

1. Alltägliche Herausforderungen und Umgangspraktiken in Nachtrennungsfamilien
Generell lässt sich feststellen, dass die Entscheidung von Eltern, ihre Paarbeziehung zu beenden und zukünftig getrennt voneinander zu wohnen, dem Familienleben sowie dem Alltag von Kindern und ihren Müttern und Vätern einen neuen raum-zeitlichen Rahmen gibt (Schier 2011). Je nachdem, wohin Mütter und Väter nach der Trennung ziehen, für welches Wohnarrangement der Kinder sowie welche „Pendelrhythmen“ zwischen den Haushalten der Eltern optiert wird, erhält das gemeinsame Familienleben neue Konturen: Die Zahl der zusammen lebenden Haushaltsmitglieder verändert sich periodisch; lange oder kurze Phasen der gemeinsamen Anwesenheit wechseln mit Phasen der Abwesenheit von Familienmitgliedern; um sich weiterhin zu sehen, wird das Unterwegs-sein von einem zum anderen Ort zu einem zentralen Element des Alltags. Allgemein bedeutet dies, dass Eltern, Kinder und andere Mitglieder der Familie neue Umgangspraktiken entwickeln müssen, damit das multilokale Alltagsleben funktioniert und Nähe trotz Wohnen an verschiedenen Orten und nur periodischem Zusammenwohnen aufrecht erhalten wird.

Für die aktiv multilokal lebenden Kinder ergibt sich grundlegend die Herausforderung, die beiden familialen Lebensbereiche miteinander zu verknüpfen, ihren Alltag hier und dort zu gestalten sowie die periodischen Wechsel und Übergänge von einem Wohnort zum anderen zu bewältigen. Dies erfolgt in Auseinandersetzung mit deren jeweiligen spezifischen Strukturen und unter Rückgriff auf individuell vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten.

a) aus Sicht der Kinder

Kinder, die nach einer Trennung oder Scheidung ihrer Eltern in zwei familialen Welten leben, sind mit vielfachen Anforderungen konfrontiert. Dies trifft sowohl auf Kinder zu, die ihren primären Wohnort bei einem Elternteil haben, als auch auf Kinder, die zwei in zeitlicher Hinsicht annähernd gleichwertige Lebensmittelpunkte bei Mutter und Vater haben. Sie entwickeln Umgangspraktiken, um den Anforderungen ihres mehrörtigen Familienalltags zu begegnen. Im Rahmen der ethnographischen Studie „Multilokalität von Familie nach Trennung und Scheidung" wurden verschiedene Anforderungen sowie die jeweiligen Umgangspraktiken der Kinder identifiziert.

An zwei Orten Zuhause
Auch wenn eine Trennung oder Scheidung der Eltern für die Kinder ein einschneidendes Erlebnis ist, werden der Alltag an zwei Orten sowie das Pendeln zwischen diesen für sie nach einiger Zeit zur Normalität. Zu diesem Ergebnis kommen auch andere Studien (Levin 2004; Walper 2010). Die Ergebnisse der Studie „Multilokalität von Familie“ zeigt darüber hinaus, dass es den Kindern gelingt, Praktiken zu entwickeln, um mit den vielfältigen und zum Teil auch widersprüchlichen Bezügen ihres multilokalen Alltags umzugehen. Sie entwickeln multiple Ortsbezüge und Zugehörigkeitsmuster, fühlen sich an zwei Orten zu Hause und betrachten Mutter und Vater weiterhin als Teil ihrer Familie.

Große Herausforderung: Der Umgang mit Gefühlen
Trotz des ausdrücklichen Wunsches der Kinder, den Kontakt mit beiden Eltern aufrecht zu erhalten, stellt das Pendeln zwischen zwei Welten mitunter eine körperliche und emotionale Herausforderung dar. Es zeigt sich, dass die Kinder Gefühlsarbeit auf unterschiedlichen Ebenen betreiben. Sie managen einerseits ihre eigenen Gefühle: Traurigkeit, Abschiednehmen, Vorfreude und Aufregung sowie Freude über das Wiedersehen. Andererseits managen sie aber auch die emotionalen Reaktionen und Erwartungen ihrer Eltern oder Geschwister. So liest beispielsweise ein interviewter Jugendlicher seinem Bruder auf der Zugfahrt nach Hause in der Regel etwas vor, um dessen Traurigkeit nach dem Abschied von seinem Vater zu zerstreuen.

Herstellung von Kontinuität über Rituale
Eine weitere Anforderung der multilokalen alltäglichen Lebensführung liegt in der Herstellung von Kontinuität innerhalb der familialen Lebensbereiche sowie über diese hinweg. Um mit dieser Anforderung umzugehen entwickeln die Kinder unterschiedliche Routinen und Rituale. Um Kontinuität innerhalb der familialen Lebensbereiche herzustellen, greifen die Kinder einerseits auf Tätigkeiten zurück, die sie nur in einem der familialen Lebensbereiche immer wieder tun, beispielsweise das Spielen eines bestimmten Computerspiels. Andererseits nutzen sie ähnliche Tätigkeiten an beiden Orten, um eine Kontinuität über beide Lebensbereiche hinweg herzustellen wie z.B. das Kuscheln mit bestimmten Kuscheltieren.

Vier Muster der alltäglichen Lebensführung
Mehrörtig lebende Kinder sind im Rahmen ihrer alltäglichen Lebensführung gefordert, zwei sich unter Umständen voneinander stark unterscheidende familiale Lebensbereiche, hier und dort, miteinander zu verknüpfen. Mit welchen spezifischen Anforderungen die Kinder dabei jeweils konfrontiert sind, lässt sich nicht pauschal beantworten. Diese ergeben sich einerseits aus den konkreten strukturellen Rahmenbedingungen der jeweiligen beiden familialen Welten. Die qualitative Studie "Multilokalität von Familie nach Trennung und Scheidung" hat gezeigt, dass weder das Aufenthaltsarrangement noch die räumliche Distanz zwischen den Wohnorten der Eltern als strukturelle Rahmenbedingungen allein bestimmend sind für die alltägliche Lebensführung der multilokal lebenden Kinder. Sie bilden vielmehr das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Einflussfaktoren. Zudem spielen die Kompetenzen der Kinder sowie die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen eine wichtige Rolle dabei, wie die Kinder die beiden familialen Lebensbereiche miteinander verbinden.

Vergleicht man den Umgang der Kinder mit ihrem Leben an mehreren Orten, so lassen sich vier verschiedene Muster erkennen. Diese unterscheiden sich darin, wie die Kinder die beiden familialen Welten in ihrem Verhältnis wahrnehmen: als kontrastreich oder ähnlich. So basieren Muster 1 und 2 auf der primären Wahrnehmung von Kontrasten bezüglich der strukturellen Rahmenbedingungen. Die Kinder, die Muster 3 und 4 zu zuordnen sind, hingegen, nehmen primär strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den beiden familialen Welten wahr. Zudem unterscheiden sich die Muster darin, welche Umgangspraktiken die Kinder entwickeln, um mit diesen Differenzen oder Ähnlichkeiten umzugehen.

Muster 1: „Hier halte ich mich an die Vorgaben, dort genieße ich die Freiheiten!"

Charakteristisch für Muster 1 ist, dass einem durch starke Strukturen, Fremdbestimmung, Einschränkung und Konflikte belastenden Lebensbereich ein unbelasteter, sich durch Freiheit und Selbstbestimmung auszeichnender Lebensbereich gegenüber steht. Die Kinder passen sich einerseits den klaren Vorgaben und Regeln des einen Lebensbereichs an, während sie andererseits die Freiheiten des anderen Bereichs nutzen.

Muster 2: „Ich kann das Beste aus beiden Welten nutzen!“

Auch in Muster 2 werden die beiden familialen Lebensbereiche als sehr kontrastreich wahrgenommen. Beide Lebensbereiche bieten jedoch aus der Sicht der Kinder trotz der Unterschiede gleichermaßen Vorteile und eröffnen ihnen jeweils Handlungsmöglichkeiten. Sie ergänzen sich positiv. Die Alltagsgestaltung der Kinder zeichnet sich durch unterschiedliche Aktivitäten an beiden Orten aus.

Muster 3: „Mein Alltag ist der gleiche – bei meinem Vater wie bei meiner Mutter!“

Die familialen Lebensbereiche werden von den Kindern in Muster 3 als sehr ähnlich wahrgenommen. Die institutionelle Einbindung in Betreuungs-, Bildungs- oder Freizeitangebote sowie die soziale Einbindung der Kinder ist aufgrund der räumlichen Nähe der elterlichen Wohnungen über beide Lebensbereiche hinweg konstant. Sie sorgt für ein hohes Maß an Kontinuität im Alltag der Kinder. Die Anforderungen an die Kinder, die beiden Lebensbereiche zu verknüpfen, sind hier eher gering.

Muster 4: „Ich führe dasselbe Freizeit- und Sozialleben an zwei unterschiedlichen Orten!

Auch für Muster 4 ist die Grundlage die große Ähnlichkeit zwischen den Lebensbereichen von Vater und Mutter. Die Praktiken der Kinder zielen darauf ab, in zwei separaten Lebensbereichen ein sehr ähnliches Leben zu führen. Dieselben Freizeitaktivitäten werden an zwei verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Personen und anderer institutioneller Einbindung ausgeübt. Diese Art der multilokalen Lebensführung erfordert besonders stark die Herstellung von Kontinuität innerhalb der Lebensbereiche.

 

b) aus Sicht der Eltern

In der Mehrzahl der Familien haben Eltern nach der Trennung bzw. Scheidung das gemeinsame Sorgerecht. Sie haben daher die Möglichkeit und die Pflicht, auf der Grundlage der rechtlichen Rahmenbedingungen das alltägliche Sorgearrangement gemeinsam auszuhandeln. Somit stehen die Eltern vor der komplexen und paradoxen Aufgabe, trotz Beendigung der Paarbeziehung ihre Rolle als Eltern fortzuführen, neu auszugestalten und die Beziehung zu ihren Kindern trotz nun eventuell großer Distanzen zwischen den Familienwohnorten aufrechtzuerhalten.

Eltern in Nachtrennungsfamilien sind u.a. mit vier wichtigen Anforderungen konfrontiert:

Koordination des kindlichen Alltags zwischen zwei Wohnorten
Obwohl teilweise auch Eltern in Nachtrennungsfamilien mobil werden und pendeln, um ihre Kinder zu besuchen, sind begründeten Annahmen zufolge meistens die Kinder die aktiv multilokalen Akteure. Sie wechseln in verschiedenen Zeitrhythmen zwischen den Wohnorten ihrer Eltern. Den Müttern und Vätern als in diesem Fall passiv multilokalen Akteuren obliegt die Organisation und Koordination dieser Mobilität. Auf der raum-zeitlichen Ebene geht es dabei um die langfristige Planung des Aufenthalts der Kinder, etwa, bei wem das Kind seinen Geburtstag oder die Weihnachtsfeiertage verbringt und wie diese jeweils gestaltet werden. Auf der sozio-emotionalen Ebene steht der Austausch über Belange des Kindes im Mittelpunkt, also z.B. seine Schulleistungen oder seine Freundschaften.

Wichtig für Eltern, die weiter voneinander entfernt leben, ist dabei auch das Mobilitäts- und Gepäckmanagement. Wann fährt das Kind? Welches Verkehrsmittel nutzt es, und wer kauft die Fahrkarten? Fährt das Kind alleine oder soll es begleitet werden? Muss das Kind zum Bahnhof oder Flughafen gebracht und abgeholt werden?

Viele Elternteile etablieren eine institutionalisierte Form des Austauschs miteinander, um diese Koordinationsaufgaben zu leisten.

Die sozialräumliche Verortung des Kindes an zwei Wohnorten fördern
Die Väter und Mütter der Studie möchten, dass sich ihre Kinder bei ihnen zuhause und zugehörig fühlen – auch wenn sie vielleicht nur wenig Zeit bei ihnen verbringen. Dabei geht es nicht nur um die unmittelbare Wohnung der Eltern, sondern auch das sozialräumliche Wohnumfeld. Leben die Eltern ein asymmetrisches Wohnarrangement, in dem das Kind vorrangig bei einem Elternteil – meist bei der Mutter – lebt, sind insbesondere die Väter mit der Anforderung konfrontiert, ihre Kinder bei ihnen sozialräumlich zu verorten und ein Zuhause für sie zu schaffen. Darüber hinaus sind vor allem diejenigen Eltern mit dieser Anforderung konfrontiert, die umziehen und deren sozialräumliche Umgebung sich verändert. Manche Eltern sind sehr erfindungsreich, um die sozialräumliche Verortung ihrer Kinder zu fördern. Besonders relevant ist für sie, dass ihre Kinder jeweils ein eigenes Zimmer zur Verfügung haben. In dessen Gestaltung werden die Kinder oft einbezogen. Die Elternteile versuchen zudem, den Kindern soziale Kontakte an ihrem Wohnort zu vermitteln oder ihnen Möglichkeiten zu bieten, an beiden Wohnorten ihren Hobbys nachzugehen und so ihre soziale Integration hier und dort zu fördern.

Die Herstellung von Nähe bei räumlicher Distanz
Zu einer qualitativ guten Eltern-Kind-Beziehung gehört, dass Eltern und Kinder emotionale und körperliche Nähe zueinander herstellen können. Vor allem im multilokalen Familienalltag mit wechselnden Anwesenheitszeiten und -orten muss diese Nähe auch über die raum-zeitliche Distanz aufrecht erhalten werden. Zudem gilt es, manchmal sehr kurze Zeiten der physischen Kopräsenz qualitativ hochwertig miteinander zu nutzen. Bei der Überbrückung der voneinander getrennten Zeiten greifen die Familien auf elektronische Kommunikationsmedien zurück. Die Elternteile, insbesondere Väter in asymmetrischen Wohnarrangements, die ihre Kinder seltener sehen, nutzen in unterschiedlichem Ausmaß Telefon, Handy, E-Mail, Chats etc., um mit ihren Kindern in Kontakt zu bleiben und eine stete Ansprechbarkeit und Erreichbarkeit zu signalisieren.

Die Nutzung von Kommunikationsmedien ist an das Alter der Kinder gebunden. Während ältere Kinder im Umgang mit Telefon und E-Mail kompetent sind, sind Telefonate mit Kleinkindern aus Sicht der Eltern wenig zufriedenstellend. Außerdem fällt es Kindern schwer, spontane Bedürfnisse nach Nähe aufzuschieben und in einem Telefonat auszudrücken.

Insgesamt kann der Kontakt über Kommunikationsmedien nach Einschätzung der Eltern die physische Kopräsenz mit ihrem Kind keineswegs ersetzen.

Gefühlsarbeit in Schlüsselsituationen: Abschied und Ankunft
Gefühlsarbeit spielt in multilokalen Nachtrennungsfamilien in mehrfacher Hinsicht eine Rolle. Als Schlüsselsituationen, in denen Gefühlsarbeit gefordert ist, können Abschiede, Zeiten der Abwesenheit, die Wiederankunft der Kinder sowie Kontakte mit dem Ex-Partner betrachtet werden. Eltern, die beispielsweise die Situation des Abschieds als emotional sehr belastend empfinden, versuchen sich unmittelbar nach dem Abschied von ihren Kindern mit besonderen Aktivitäten abzulenken. Beispielsweise konzentrieren sie sich auf ihre Erwerbsarbeit oder versuchen, gezielt mehr Zeit mit ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin zu verbringen. Während der Abwesenheit der Kinder umgeben sie sich mit Erinnerungsgegenständen, Fotos oder Lieblingsspielsachen der Kinder.

Multilokalität als Chance für neue Lebensführung und Geschlechterarrangements
Die multilokale Nachtrennungssituation bietet neben Herausforderungen auch neue Spielräume, um z.B. eine geschlechtergerechtere Arbeitsteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Eltern zu entwickeln. Väter können die Vaterrolle neu ausfüllen und die Beziehung zum Kind intensivieren, während die Mütter mehr Eigenzeit haben, die sie beispielsweise in ihre Erwerbsarbeit investieren können. Dies gilt in besonderem Maße für das symmetrische Wohnarrangement, in dem beide Elternteile, Mütter und Väter, in gleichem Ausmaße Alltags- und Wochenend-Zeit mit ihrem Kind verbringen. 

2. Einflussfaktoren für das multilokale „Doing Family“ nach einer Trennung

In der Studie wurden eine Reihe von Faktoren identifiziert, die die familiale Lebensführung in multilokalen Nachtrennungsfamilien beeinflussen:

Konkurrenz oder Kooperation als Elternkonzept
Die interviewten Eltern folgen entweder einem eher konkurrierenden oder einem eher kooperativen Konzept der Nachtrennungselternschaft. Eltern mit einem konkurrierenden Konzept sehen die beiden familialen Lebenswelten als getrennt voneinander an und ziehen eher undurchlässige Grenzen zwischen ihnen. Sie versuchen, persönliche Kontakte mit dem Ex-Partner bzw. der Ex-Partnerin zu vermeiden oder zu minimieren und tauschen eher nur die allernötigsten Informationen das Kind betreffend untereinander aus. Die Elternteile sorgen sich hier auch darum, dass die Konflikte das Kind belasten oder ihre Beziehung zu ihm verschlechtern könnten.

Bei Eltern mit einem kooperierenden Konzept sind die Grenzen zwischen den beiden Lebenswelten durchlässig, und es gibt größere Flexibilität im Umgang mit Spielräumen. Die Beziehung der Ex-Partner zueinander ist eher harmonisch, persönlicher Kontakt ist problemlos möglich und wird gepflegt.

Asymmetrisches Arrangement oder halb beim Vater, halb bei der Mutter
Des Weiteren ist das raum-zeitliche Wohnarrangement bedeutsam, welches die Eltern nach der Trennung als grundlegende Rahmung ihres multilokalen Familienalltages wählen: Im symmetrischen Wohnarrangement verbringen die Kinder etwa gleich große Zeitanteile mit beiden Elternteilen und – zumindest bei den Elternpaaren der Studie – ist die Distanz zwischen den Wohnorten der Ex-Partner eher gering. Sie wohnen beispielsweise im gleichen Stadtviertel oder sogar in der gleichen Straße. Im asymmetrischen Wohnarrangement lebt das Kind überwiegend bei einem Elternteil, meist der Mutter. Ein Elternteil, meist der Vater, muss daher mit relativ wenig gemeinsamer Zeit mit seinem Kind auskommen. Die Wohndistanzen zwischen den Ex-Partnern weisen im Sample hier eine größere Varianz auf: Zum Teil werden relativ große räumliche Distanzen von den Kindern bzw. bei Kleinkindern auch von den Eltern zurückgelegt.

Das Alter der Kinder
Darüber hinaus hat auch das Alter der aktiv multilokalen Kinder einen Einfluss darauf, wie der Alltag über Haushaltsgrenzen hinweg gestaltet wird bzw. werden kann. Während Eltern von Kleinkindern aufgrund der noch wenig entwickelten Medienkompetenzen ihrer Kinder kaum auf Telefonate, E-mails, Skype oder Chats zurückgreifen können, um mit ihren Kindern trotz des getrennten Wohnens in dichtem Kontakt zu bleiben, steht dies Eltern von Kindern im Teenageralter eher offen. Jüngere Kinder müssen selbst bei kurzen Entfernungen zwischen den Wohnorten der Eltern gebracht und geholt werden. Diese Begleitmobilität bindet Zeit und verursacht meist zusätzliche Kosten. Insgesamt wächst mit zunehmendem Alter die Agency der Kinder, sie mischen verstärkt beim „Doing Family“ mit. Sie äußern ihre Wünsche bezüglich ihres eigenen Wohnens bei ihren Eltern, schauen selbstständig bei der Mutter oder dem Vater vorbei, auch wenn sie gerade beim anderen Elternteil wohnen oder fordern die Berücksichtigung eigener Termine (z.B. die Teilnahme an einer Party) bei der Planung der Aufenthalte bei den Elternteilen ein. Da im Teenageralter die Bedeutung von Freundinnen und Freunden steigt, entstehen oftmals neue zeitliche Interessenskonflikte.

Die neuen Partner mit ihren Kindern
Schließlich sind auch die neuen Partner und gegebenenfalls deren Kinder bedeutsam für den multilokalen Familienalltag. Ihre Wünsche und Bedürfnisse gehen ebenfalls in die Gestaltung der Lebensführung mit ein und beeinflussen auf diese Weise das gesamte System der Nachtrennungsfamilie. Zum Beispiel kann auf deren Wunsch hin der zeitliche Wechselrhythmus des Kindes verändert werden, oder aber deren soziale Einbindungen und Termine wie z.B. Urlaubszeiten müssen bei der Planung der Aufenthalte der Kinder berücksichtigt werden.

Projektinformationen

Die sekundäranalytischen Auswertungen des DJI-Surveys AID:A „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ sowie die ethnographische Studie „Multilokales Familienleben nach Scheidung oder Trennung“ sind Teil des breiter angelegten Forschungsdesigns der Schumpeter-Nachwuchsgruppe „Multilokalität von Familie“. Die Nachwuchsforschungsgruppe ist am DJI in der Abteilung Familie und Familienpolitik angesiedelt und wird von der VolkswagenStiftung gefördert. Das Projektdesign umfasst darüber hinaus sekundäranalytische Auswertungen von Datensätzen sowie eine zweite qualitative Studie zur Multilokalität von Familie, die durch unterschiedliche Formen von beruflicher Mobilität bedingt ist.

Literaturhinweise

Ahrons, C. (1979): The binuclear family: Two households, one family. In: Alternative Lifestyles, 2, S. 499-515

Bernstein, A. (1988): Unraveling the tangles: children's understanding of stepfamily kinship. In: Beer, W. (Hrsg.): Relative Strangers: Studies

Hater, K. (2003): Heute hier, morgen dort – Wohnerfahrungen von Kindern nach Trennung und. Scheidung. In: Diskurs, 2, S. 42-49

Jensen, A.-M. (2009): Mobile Children: Small captives of large structures? In: Children & Society, 23 (2), S. 123-135

Levin, I. (2004): Norwegian children´s perception of divorce – one of more phenomenon? In: Forsberg, H./Lahikainen, A.R. (Hrsg.): What’s new? Nordic-Baltic perspectives on childhood and families. Tampere

Morgan, D. (1996): Family Connections : An Introduction to Family Studies. Cambridge Polity of Step family Processes. Totowa, S. 83-111

Schier, M. (2011): Doing family under multi-local conditions. Vortrag anlässlich des internationalen Workshops „The Everyday Life of Multi-Local Families: Concepts, Methods and the Example of Post-Separation Families”, 20th October 2011, Munich

Schier, M./Jurczyk, K. (2007): Familie als Herstellungsleistung in Zeiten der Entgrenzung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 34, S. 10-17

Schmitz, H. (2000): Familiäre Strukturen sechs Jahre nach einer elterlichen Trennung. Regensburg

Smyth, B. (2004) (Hrsg.): Parent-child contact and post-separation parenting arrangements. Research report, No. 9, Australian Institute of Family Studies

Tazi-Preve, M. et al. (2007): Väter im Abseits. Zum Kontaktabbruch der Vater-Kind-Beziehung nach Scheidung und Trennung. Wiesbaden

Walper, S. (2010): „Die Trennung kann für Kinder eine Erlösung sein.“ Interview. In: DJI Bulletin, 1, Heft 89, S. 10-11

Walper, S./Gerhard, A.-K. (2001): Scheidung der Eltern – ein Marker in der Biographie der Kinder? In: Behnken, I./Zinnecker, J. (Hrsg.): Kindheit und Biographie. Seelze-Velber, S. 522-535

Dr. Michaela Schier, Nina Bathmann, Sandra Hubert, Diane Nimmo, Anna Proske


Kontakt
Dr. Michaela Schier (DJI)


DJI Online / Stand: 1. Dezember 2011

Letzte Änderung: 20.01.2016 16:19 Uhr