Interview

mit Dr. Michaela Schier, Nina Bathmann, Diane Nimmo und Anna Proske (Schumpeter Nachwuchsgruppe am DJI)

„Kinder mit mehr als einem Zuhause“

Die Zahl der Trennungsfamilien steigt und damit auch die Zahl der Untersuchungen und Publikationen rund um das Thema Scheidung und Scheidungskinder. Frau Schier, können Sie kurz umreißen, worin das Besondere Ihres Forschungsansatzes liegt? 

Obwohl die mehrörtige Alltagsorganisation von Familien nach Trennung und Scheidung ein weit verbreitetes, gesellschaftlich hoch relevantes Phänomen ist, wissen wir darüber bisher noch kaum etwas. Wie sie richtig sagen, wird durchaus seit Jahren über die Folgen von Trennung und Scheidung für Familienmitglieder, die Lebenssituation von Alleinerziehenden, Patchworkfamilien oder getrennt lebenden Vätern geforscht, jedoch in der Regel mit einem haushaltszentrierten Blick. Damit blieben die vielfältigen emotionalen und sozialen Verbindungen, die finanziellen und praktischen Austauschbeziehungen, die ja auch nach der Auflösung einer Partnerschaft mit Kindern meist weiterhin bestehen bleiben, sowie die mit dem Auseinanderziehen der Eltern neu entstehenden Mobilitätsanforderungen für die Familienmitglieder lange Zeit ausgeblendet.

Mit unserer Studie richten wir den Blick gezielt auf Aspekte, denen die bisherige Forschung wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, die jedoch durch den normativen und rechtlichen Wandel in Deutschland an Relevanz gewinnen: die vielfältigen Beziehungen, Verschränkungen und Austauschverhältnisse in unterschiedlichen Formen von Nachtrennungsfamilien, familial bedingte Mobilitätsformen, Praktiken zur Organisation und Gestaltung des gemeinsamen Alltags über mehrere Wohnhaushalte hinweg sowie zur Aufrechterhaltung von emotionaler Nähe trotz nur zeitweisen Zusammenwohnens. 

Nach neuem Recht ist das Wohl der Kinder oberster Maßstab für die Umgangsregelung. In Ihrer Studie haben Sie auch mit den Kindern gesprochen, die ihnen von ihrem mehrörtigen Familienalltag erzählt haben. Frau Nimmo, konnten Sie feststellen, ob und inwieweit die Kinder sich in ihrem „Doppelleben“ wohlfühlten?

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass es relativ klare Indikatoren für eine Gefährdung des Kindeswohls gibt. Weniger klar ist hingegen, wie das „Wohl des Kindes“ gemessen werden kann. Aus alltagspraktischer Sicht zeigen unsere Ergebnisse, dass die Kinder mit dem Leben an mehreren Orten gut zurechtkommen. Zwar kann das mehrörtige Leben körperliche und auch emotionale Anstrengungen mit sich bringen und auch der Umgang mit Konflikten zwischen den Eltern stellt eine Herausforderung für die Kinder dar. Dennoch aber wollen die von uns befragten Kinder keinesfalls auf den Kontakt mit beiden Elternteilen und die gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter oder mit ihrem Vater verzichten. Manche Kinder äußern auch Vorteile des Lebens an zwei Orten. Das mehrörtige Leben ist für alle der befragten Kinder Teil ihrer Alltagsnormalität.

Es ist vermutlich nicht so leicht, bei minderjährigen Kindern herauszufinden, welche Praktiken sie für die verschiedenen Herausforderungen ihres neuen Lebens an zwei Orten entwickeln. Wie sind Sie hier zu Ergebnissen gekommen, Frau Schier? 

Ja, das ist richtig. Da wir die Perspektiven von Kindern auf ihr mehrörtiges Leben einfangen wollten, mussten wir unser methodisches Vorgehen an das Alter der Kinder anpassen. Eine besondere Herausforderung war es, Methoden zu entwickeln, mit denen räumliche Aspekte, wie die Bedeutung der Entfernungen, das Erleben des Unterwegs-Seins der Kinder zwischen den Wohnorten der Eltern sowie das „Mal hier, mal dort“-Sein thematisiert werden konnten. 

In unserer Studie haben wir mit Kindern in einem Alter zwischen 6 und 17 Jahren Interviews geführt. Unsere Fragen durften dabei nicht zu abstrakt sein. Bewährt hat es sich, situationsnah zu fragen, also die Kinder zu bitten, sich an eine konkrete Alltagssituation zu erinnern und davon zu erzählen. Die Aufmerksamkeit vor allem von jüngeren Kindern lässt bei Interviews oft nach etwa einer halben Stunde nach, deshalb haben wir in unsere Interviews zwei visuelle bzw. spielerische methodische Elemente eingebaut. Wir haben uns zum einen von den Kindern Fotos erläutern lassen, die sie vorab von ihrem Leben bei ihrer Mutter und ihrem Vater gemacht hatten. Zum anderen haben wir die Kinder gebeten, mit Bauklötzen und Spielfiguren, die für sie wichtigen Orte und die Menschen, die an diesen Orten sind, auf einer Spielunterlage aufzubauen. Die Kinder sollten dabei mit dem Ort beginnen, an dem sie zu Hause sind. Damit erhielten wir Einblicke in die sozial-räumlichen Netzwerke, in die die Kinder eingebunden sind. Schließlich haben wir elf Kinder im Alter zwischen 2 und 14 Jahren auf ihrem Weg von ihrer Mutter zu ihrem Vater oder umgekehrt begleitet. Das heißt, wir sind mit ihnen zu Fuß gegangen, im Auto oder Zug mitgefahren oder im Flugzeug mitgeflogen und haben die Vorbereitungen auf die Reise, die Reise selbst sowie das Ankommen am anderen Wohnort mittels Videokamera dokumentiert.

Ihre Ergebnisse weisen nach, dass es für Kinder leichter ist, die Mehrörtigkeit zu managen, wenn sich die Eltern trotz der Trennung noch gut verstehen. Um das Konfliktniveau der Trennungsparteien zu senken, ist z.B. in Norwegen die Hinzuziehung eines Mediators Pflicht. Halten Sie das auch in Deutschland für sinnvoll, Frau Proske?

Ja, das Konfliktniveau der Eltern spielt eine wichtige Rolle im multilokalen Alltag und ist für die Kinder von ganz besonderer Bedeutung. Das Leben an zwei Orten wird von den Kindern als unproblematischer empfunden, wenn die Eltern nach der Trennung ein harmonisch-kooperatives Verhältnis zueinander pflegen. Ist die Beziehung von Mutter und Vater dagegen sehr konflikthaft, wird das multilokale Familienleben von den Kindern als belastender erlebt. In unserer Befragung haben wir Eltern, die eine Mediation oder eine Beratung in Anspruch genommen haben. Die Mediation hat ihnen geholfen, Praktiken zu entwickeln, um mit der multilokalen Nachtrennungssituation umzugehen, unabhängig davon, ob die Eltern ein sehr konflikthaftes oder ein eher harmonisches Verhältnis zueinander haben. Die Teilnahme an einer Mediation oder einer Beratung als Angebot im Trennungsprozess halten wir deshalb für eine sehr sinnvolle Maßnahme.

Frau Bathmann, welche Rolle spielt die relative Wohnortnähe der getrennt lebenden Eltern für den multilokalen Alltag?

Die räumliche Distanz zwischen den beiden Wohnorten der Eltern ist für die Gestaltung des multilokalen Alltags von großer Bedeutung. Grob kann man sagen, je weiter die Eltern auseinander wohnen, desto höher sind die Anforderungen, denen die Familienmitglieder gegenüberstehen. Beispielsweise muss die Mobilität der Kinder anders organisiert werden, wenn größere räumliche Distanzen zu überwinden sind: Es sind Züge oder gar Flüge zu buchen, die wiederum Kosten verursachen, und es muss geklärt werden, ob das Kind allein oder in Begleitung reisen soll. Dabei ist auch das Alter der Kinder relevant. Bestehende Angebote wie „Kids on Tour“, der Begleitservice der Deutschen Bahn, können erst für Kinder im Alter ab sechs Jahren genutzt werden. Jüngere Kinder müssen daher beim Wechsel zwischen den Elternhäusern begleitet werden. In der Regel werden sie von einem Elternteil beim anderen abgeholt und auch wieder zurückgebracht. Dies bindet dann auch, je nach Wohnentfernung, zusätzliche Zeitressourcen und verursacht weitere Kosten. Es entstehen jedoch neue Unterstützungsangebote, die auf genau diese Problematik abzielen. So versucht z.B. die Münchner Initiative „Mein Papa kommt“ bzw. „Meine Mama kommt“ kostenfreie Übernachtungsmöglichkeiten für anreisende Elternteile anzubieten.

Wenn die Eltern dagegen nah beieinander wohnen, z.B. im gleichen Stadtviertel, können die Alltagsgestaltung und der Aufenthalt der Kinder bei Bedarf flexibler gehandhabt werden. Zudem fallen die Reisebelastung der Kinder und die Reisekosten weg. Sind die Kinder älter, können sie auch spontan beim jeweils anderen Elternteil vorbeischauen und den regelmäßigen Wechsel zwischen Mutter und Vater auch selbstständig organisieren.

Das Leben einer Trennungsfamilie an zwei oder sogar mehr Orten ist nicht nur emotional und logistisch anspruchsvoll. Es ist auch teuer: Neben Fahrt- oder Flugkosten werden auch Räume, Spielzeug, Kleidung zum Teil doppelt vorgehalten. Wie begegnen die von Ihnen untersuchten Eltern dieser Herausforderung, Frau Bathmann? 

Die Gestaltung des multilokalen Lebens in Nachtrennungsfamilien hängt natürlich auch von den finanziellen Ressourcen der Eltern ab. Unsere Ergebnisse zeigen, dass in der Regel die Mütter nach einer Trennung in einer schlechteren finanziellen Situation sind. Dies belegen auch andere Studien. Dennoch schaffen die Eltern in den meisten Fällen wichtige Dinge des Alltags für die Kinder wie z.B. Kleidung und Spielzeug jeweils für beide Haushalte an. Teurere Gegenstände und Dinge, die nur selten gebraucht werden, werden in der Regel nur einmal gekauft und dann getauscht wie z.B. Musikinstrumente oder Sportausrüstungen. Generell konnten wir beobachten, dass die Eltern unabhängig von ihrer finanziellen Situation kaum Kosten und Mühen scheuen, wenn es darum geht, ihrem Kind bei ihnen etwas zu bieten. Wir haben z.B. mit einem Vater gesprochen, der Arbeitslosengeld-II-Empfänger ist und auf sein Schlafzimmer verzichtet, damit beide Kinder ein eigenes Zimmer bei ihm zur Verfügung haben.

In Deutschland bleiben die Kinder in der Mehrzahl der Fälle bei der Mutter, und der Vater sieht die Kinder an den Wochenenden. In anderen Ländern gibt es eine 50/50-Regelung. Frau Nimmo, können Sie anhand der Befragungen sagen, ob Kinder einen Lebensmittelpunkt brauchen – oder ob zwei gleichwertige „Zuhause“ ebenso dem Kindeswohl entsprechen?

Dass die Kinder in Deutschland nach einer Trennung oder Scheidung ihrer Eltern in den meisten Fällen den überwiegenden Teil der Zeit bei ihrer Mutter verbringen und ihren Vater regelmäßig besuchen, liegt einerseits an der Persistenz der normativen Geschlechterrollen, deren Grenzen sich jedoch zunehmend auflösen. Des Weiteren spielt vor allem der noch immer starke Einfluss der Bindungstheorie eine große Rolle, die meist konservativ interpretiert wird. Demnach wird die Mutter vor dem Hintergrund des kindlichen Wohls und der kindlichen Bedürfnisse oftmals als primäre Bezugsperson gesehen. Ebenso sind konservative Vertreter der Bindungstheorie der Ansicht, dass Kinder ein Zuhause brauchen. Darauf basiert die weit verbreitete öffentliche Meinung, dass Kinder, die an zwei Orten leben, mit Gefühlen der Entwurzelung, Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit konfrontiert wären.

Für die von uns befragten mehrörtig lebenden Kinder aber lässt sich klar sagen, dass dies kein Problem darstellt. Sie entwickeln mehrfache Zugehörigkeiten: Sie fühlen sich an zwei Orten Zuhause, fühlen sich als Teil zweier Familien und sehen ihre beiden Eltern trotz der Trennung als Teil ihrer eigenen Familie. Dies trifft sowohl für Kinder zu, die ihren primären Lebensmittelpunkt bei einem Elternteil haben, ebenso aber auch auf Kinder, die zwei in zeitlicher Hinsicht annähernd gleichwertige Lebensmittelpunkte bei ihrer Mutter und ihrem Vater haben. Aus der Sicht der Kinder birgt das Aufenthaltsarrangement, bei dem es in zeitlicher Hinsicht zwei annähernd gleichwertige Zuhause gibt, den Vorteil, dass die Kinder gleich viel Zeit mit beiden Eltern verbringen können.

Welche Vor- und welche Nachteile hat die 50/50-Regelung aus Sicht der Eltern in Nachtrennungsfamilien, Frau Proske?

Ein symmetrisches Wohnarrangement bietet für die Eltern die Chance, eine geschlechtergerechtere Arbeitsteilung zu realisieren: Aufgrund des gleichberechtigten Sorgearrangements haben Mütter mehr Zeit, die sie in ihre Erwerbstätigkeit oder andere Aktivitäten investieren. Da die Mütter in diesen Fällen auch keinen Anspruch auf Kindesunterhalt haben, ist die stärkere Erwerbstätigkeit häufig auch notwendig.

Die Väter hingegen haben die Chance, aktiv am Alltag ihrer Kinder teilzunehmen und so die Beziehung zu ihren Kindern zu intensivieren. Ein Nachteil dieses Arrangements kann im Vergleich zum asymmetrischen Modell, in dem die Kinder überwiegend bei einem Elternteil wohnen, sein, dass die Lebensführungen der Ex-Partner, trotz des Endes der Paarbeziehung, noch stärker aufeinander bezogen bleiben müssen. Sie müssen sich häufig und regelmäßig über Aspekte des alltäglichen Lebens des Kindes intensiv austauschen, auch dann noch, wenn sie bereits eine neue Paarbeziehung eingegangen sind. Dazu kommen höhere finanzielle Kosten, da beide Haushalte für das Kind ausgestattet werden müssen. Trotzdem kann man anhand unserer Ergebnisse nicht sagen, dass ein Wohnarrangement besser ist als das andere. Auch das asymmetrische Wohnarrangement hat Nachteile: Die Mütter, bei denen die Kinder meist ihren Hauptlebensmittelpunkt haben, verfügen nur über sehr wenig Eigenzeit. Die Väter hingegen verbringen nur wenig gemeinsame Zeit mit ihren Kindern und haben nur begrenzt die Möglichkeit, am Alltag ihrer Kinder teilzunehmen.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI-Redakteurin Susanne John)

 

Kontakt
Dr. Michaela Schier
Nina Bathmann
Anna Proske
Diane Nimmo


DJI Online / Stand: 1. Dezember 2011

Letzte Änderung: 20.01.2016 16:19 Uhr