Auf einen Blick

In der Debatte um den Geburtenrückgang und die zukünftige soziale Struktur der deutschen Gesellschaft spielen zunehmend Familien mit mehr als zwei Kindern eine Rolle. Der Rückgang dieser sogenannten Mehrkinderfamilien trägt auch zu der seit Jahren konstant niedrigen Geburtenrate in Deutschland bei. Wenn in Diskussionen auf das Leben von Mehrkinderfamilien Bezug genommen wird, geschieht dies meist romantisierend oder ist mit hartnäckigen Vorurteilen behaftet.

Eine DJI-Untersuchung, die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) entstanden ist, liefert neben Informationen zur Familiengründung und –erweiterung und  zur soziostrukturellen und wirtschaftlichen Situation dieser Familien näheren Aufschluss über das Familienleben hinsichtlich Beziehungsqualität, Wohlbefinden, Belastungen sowie zu typischen Konstellationen von Mehrkinderfamilien. Berücksichtigt wird auch, welche von diesen besonderer Unterstützung bedürfen.

 

ERGEBNISSE IM ÜBERLICK

 
 

Kinderreiche Familien nicht so selten wie gedacht
Der Anteil der Familien mit drei Kindern liegt aktuell in Deutschland bei 10,6 (West) bzw. 7,5 (Ost) Prozent. Vier-Kind-Familien bilden mit 3,3 (West) bzw. 2,1 (Ost) Prozent die Ausnahme. Trotzdem wächst immerhin ein Drittel aller Kinder mit zwei und mehr Geschwistern auf.

Große Familie: Geplant oder Zufall
Die größere Gruppe der Eltern in Mehrkinderfamilien hat sich schon vor der Heirat für eine große Familie ausgesprochen und ist bereit, Einschränkungen ihrer finanziellen und zeitlichen Spielräume in Kauf zu nehmen. Je nach Studie liegen die Schätzungen bei 15 bis 35 Prozent der Paare mit mehr als zwei Kindern, bei denen die dritten und vierten Kinder eher nicht geplant waren.

Geschwister, verheiratet und religiös
Begünstigende Faktoren für eine kinderreiche Familie sind eine stabile Partnerschaft, ein aktives religiöses Engagement und die Erfahrung, mit mehreren Geschwistern aufgewachsen zu sein. Demgegenüber ist der Einfluss der Rahmenbedingungen wie Infrastruktur u.ä. auf die Entscheidung zur Großfamilie weniger deutlich untersucht.

Niedriger Bildungsstatus und traditionelle Arbeitsteilung der Eltern
Die höchsten durchschnittlichen Kinderzahlen sind bei verheirateten Frauen mit niedriger Bildung zu verzeichnen. Allerdings gibt es unter den Eltern mit drei Kindern eine Gruppe mit hohem Bildungsstatus: Bei 28 Prozent der Paare mit drei Kindern hat mindestens einer der Partner das Abitur, in 17 Prozent der Familien dieser Größe haben sogar beide Partner eine Hochschulzugangsberechtigung. (Der Durchschnitt bei allen Familien liegt bei 15 Prozent). Die Arbeitsteilung der Eltern in Bezug auf Erwerbsleben, Haushalt, Kinderbetreuung und Erziehung ist in Mehrkinderfamilien deutlich traditioneller als in Ein- und Zweikinderfamilien.

Frühe Selbstständigkeit und geringerer Bildungserfolg bei den Kindern
Kinder in Mehrkinderfamilien sind früher selbstständig und unternehmen mehr allein als Kinder in kleineren Familien. Gleichzeitig helfen sie öfter im Haushalt und bei der Betreuung von Geschwistern. In Mehrkinderfamilien bleiben die Eltern beim Spielen eher außen vor als in Einkindfamilien. Der Bildungserfolg der Kinder mit vielen Geschwistern ist im Durchschnitt geringer als in kleineren Familien.

Ab dem dritten Kind deutlicher Anstieg des Armutsrisikos
Die meisten Familien mit mehr als drei Kindern sind wirtschaftlich schlechter gestellt als kleinere Familien. Zu den Mehrausgaben für die Kinder kommt häufig der Ausstieg der Mütter aus der Erwerbstätigkeit als Kostenfaktor hinzu. Darüber hinaus gibt es spezifische Konstellationen von Mehrfachbelastungen, die kinderreiche Familien überfordern können:

  • die junge, bildungsschwache, ressourcenarme Mehrkinderfamilie;
  • die Mehrkinderfamilie in ressourcenarmen regionalen Umwelten/Wohngegenden;
  • die Patchwork-Mehrkinderfamilie sowie
  • die große Einelternfamilie
 
 

Zwei Kinder sind genug
Als Gründe, die nach dem zweiten Kind gegen eine weitere Familienerweiterung sprechen, werden am häufigsten genannt:

 
 
  • Wir haben unsere ideale Kinderzahl schon erreicht (50 Prozent)
  • Ein weiteres Kind wäre eine große finanzielle Belastung (36 Prozent)
  • Mein Partner/meine Partnerin will kein weiteres Kind (25 Prozent)
  • Unsere Wohnung/unser Haus sind zu klein (23 Prozent)
  • Wie wollen uns Freiräume erhalten (22 Prozent)
  • Es ist zweifelhaft, ob Kraft und Nerven ausreichen (21 Prozent)
  • Wäre mit meinen beruflichen Plänen nur schwer vereinbar (19 Prozent)
  • Daraus ergäben sich berufliche Nachteile für Partner/in (18 Prozent)
 
 
 

A) Mehrkinderfamilien – Daten und Fakten

B) Familiengründung und -erweiterung in Mehrkinderfamilien

C) Familienleben: Der Alltag von Mehrkinderfamilien

D) Mehrkinderfamilien mit besonderem Unterstützungsbedarf

E) Handlungsempfehlungen

A) Mehrkinderfamilien – Daten und Fakten

Mehrkinderfamilien sind Familien mit drei und mehr Kindern. Dazu gehören verheiratete und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern, Einelternfamilien, Stieffamilien sowie Patchworkfamilien. Die „typische Mehrkinderfamilie“, verstanden als spezifische Alltags- und Sozialisationsumwelt gibt es nicht. Erst die kombinierte Betrachtung von Größe und Zusammensetzung, familialer Lebensführung, Qualität der Familienbeziehungen, subjektiven Orientierungen und Einschätzungen, Familiengründungsprozess und Familienbiographie sowie der sozial-ökologischen Einbettung und der ökonomischen Situation ermöglichen ein tiefenscharfes Bild der Lebensbedingungen und des Familienalltags von Mehrkinderfamilien.

Verbreitung
In allen europäischen Ländern besteht ein Trend zur Familie mit ein oder zwei Kindern. Im europäischen Vergleich weist Deutschland gemeinsam mit einigen ost- und südeuropäischen Staaten den geringsten Anteil an Mehrkinderfamilien auf (Familienmonitor 2008). Vier-Kind-Familien bilden heute in den Geburtsjahrgängen 1969-1973 der Mütter mit 3,3 (West) bzw. 2,1 (Ost) Prozent die Ausnahme. Auch die Anteile der Familien mit drei Kindern sind in Deutschland deutlich auf 10,6 bzw. 7,5 Prozent gesunken (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung BIB 2010).

Lebensform
Eltern in Mehrkinderfamilien sind überwiegend verheiratet (85 Prozent im Jahr 2006). Dies entspricht auch den Vorstellungen der Eltern in Mehrkinderfamilien: Sie weisen der Ehe eine deutlich höhere Bedeutung zu als Personen ohne bzw. mit weniger Kindern.

Bildung und Ausbildung der Eltern
Die Ressource „schulische und berufliche Ausbildung“ ist bei Eltern mit drei und mehr Kindern deutlich unterschiedlicher verteilt als bei Eltern mit einem oder zwei Kindern: Einerseits haben sie verglichen mit dem Durchschnitt aller Eltern häufiger keinen Schul- und Ausbildungsabschluss. Eltern und vor allem Mütter von vier und mehr Kindern sind nochmals deutlich bildungsdeprivierter. Andererseits haben Eltern von drei Kindern überdurchschnittlich oft einen hohen Bildungsabschluss.

Bildungserfolg der Kinder
Zahlreiche Studien weisen auf negative Effekte der Familiengröße und der Geschwisterfolge auf schulische Leistungen und kognitive Fähigkeiten der Kinder hin. Dies wird dadurch erklärt, dass die kognitiven und materiellen Ressourcen auf mehr Kinder aufgeteilt werden müssen. In Mehrkinderfamilien variiert der spätere Lebenserfolg (Bildung und Einkommen) der Kinder stärker als in kleinen Familien. Je geringer der sozioökonomische Status der Eltern ist, umso größere Unterschiede können sich im späteren Sozialstatus zwischen den Geschwistern zeigen. In privilegierten Haushalten findet sich dagegen bei allen Geschwistern ein hoher Zusammenhang zwischen dem sozialen Status des Elternhauses und dem späteren eigenen Sozialstatus.

Erwerbskonstellationen der Eltern
Mütter in Mehrkinderfamilien sind seltener erwerbstätig als der Durchschnitt aller Frauen und der Durchschnitt aller Mütter: Die Hälfte der Mütter in Mehrkinderfamilien ist erwerbstätig, 13 Prozent von ihnen Vollzeit. Im Vergleich liegt die Frauenerwerbsquote insgesamt bei ca. 65 Prozent, die Vollzeitquote bei ca. 54 Prozent. Alleinerziehende Mütter mit drei und mehr Kindern sind deutlich häufiger und zeitlich umfangreicher erwerbstätig als Mütter in Paargemeinschaften (Zahlen für das Jahr 2007). Es zeigen sich deutliche Unterschiede nach Familienphasen: Solange das jüngste Kind noch nicht das Schulalter erreicht hat, liegt der Anteil der erwerbstätigen Mütter in Mehrkinderfamilien bei 40 Prozent. Ist das jüngste Kind 15 Jahre und älter, erhöht sich dieser Anteil auf 75 Prozent (Zahlen für das Jahr 2007).

Mütter in Mehrkinderfamilien sind überdurchschnittlich häufig schulisch und beruflich gering bzw. unqualifiziert. Gleichzeitig sind sie erheblich häufiger Hausfrauen als Mütter mit qualifizierter Ausbildung. Frauen mit Abitur bzw. Hochschulabschluss sind dagegen, selbst wenn sie drei und mehr Kinder haben, zu einem vergleichsweise hohen Anteil erwerbstätig. Die Entscheidung gegen eine Vollzeiterwerbstätigkeit fällt bei vielen Müttern bereits in der Zeitspanne zwischen dem ersten und zweiten Kind. Beim zweiten Kind schränken Mütter ihre Erwerbstätigkeit zeitlich ein, ab dem dritten Kind ist ein großer Teil der Mütter überhaupt nicht mehr erwerbstätig. Während Mütter ihre Erwerbstätigkeit mit zunehmender Kinderzahl reduzieren, sind Väter unabhängig von der Kinderzahl und dem Alter der Kinder fast ausschließlich Vollzeit erwerbstätig.

Die häufigste Erwerbskonstellation in Mehrkinderfamilien (ca. 50 Prozent) ist ein Vollzeit erwerbstätiger Vater mit einer nicht erwerbstätigen Mutter. In Mehrkinderfamilien, besonders in Familien mit vier oder mehr Kindern, sind überdurchschnittlich häufig beide Eltern nicht erwerbstätig.

Wirtschaftliche Situation
Die meisten Familien mit mehr als drei Kindern sind wirtschaftlich schlechter gestellt als kleinere Familien. Mit dem dritten Kind steigt das Armutsrisiko. Familien werden durch die Geburt eines Kindes hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Spielräume deutlich eingeschränkt. Bei Mehrkinderfamilien gilt dies besonders bei den jüngeren und gering bzw. unqualifizierten Eltern sowie bei Eltern mit kleinen Kindern. Zu den Mehrausgaben für die Kinder kommt häufig der Ausstieg der Mütter aus der Erwerbstätigkeit als Kostenfaktor hinzu.

Trotzdem leben Mehrkinderfamilien durchschnittlich häufiger in den eigenen vier Wänden als Ein- oder Zweikinderfamilien. Gleichzeitig ist der Wohnraum, der jedem Familienmitglied zur Verfügung steht, geringer als bei kleinen Familien. Nicht alle Kinder in Mehrkinderfamilien verfügen über ein eigenes Zimmer.

Region
Während Mehrkinderfamilien mit Migrationshintergrund häufiger in städtischen Regionen leben, wohnen Mehrkinderfamilien ohne Migrationshintergrund überwiegend in eher ländlichen Gebieten. Bezüglich der Verteilung auf die Lebensräume Stadt oder Land zeigen sich keine Unterschiede nach der Familiengröße. Betrachtet man aber die Verteilung auf die beiden Landesteile, zeigt sich: Mehrkinderfamilien sind häufiger im Westen als im Osten Deutschlands anzutreffen.

Familien mit Migrationshintergrund
Der Anteil von Mehrkinderfamilien ist bei Familien mit Migrationshintergrund deutlich höher als bei Familien ohne Migrationshintergrund. Migrantinnen haben seltener nur ein Kind, aber häufiger drei Kinder und erheblich öfter vier oder mehr Kinder als Frauen ohne Migrationshintergrund. Tendenziell sinkt auch bei Familien mit Migrationshintergrund der Anteil der Mehrkinderfamilien. Sie gleichen sich in ihrem generativen Verhalten zunehmend der deutschen Bevölkerung an.

B) Familiengründung und -erweiterung in Mehrkinderfamilien

Muster der Familiengründung
Die Entstehung von Mehrkinderfamilien unterscheidet sich von Anfang an von der Entstehung kleinerer Familien. Das „verdichtete“ Muster der Familiengründung von Mehrkinderfamilien ist gekennzeichnet durch einen früheren Auszug aus dem Elternhaus, frühere Erstelternschaft und eine dichtere Geburtenfolge als bei Ein- und Zweikinderfamilien.

Kinderwünsche und Familienplanung
Nur ein kleiner Teil der 20- bis 39jährigen Frauen und Männer in Deutschland (15 Prozent) wünscht sich eine Mehrkinderfamilie. Über die Hälfte orientiert sich an der Zwei-Kind-Familie als Norm.

Es lassen sich bei Mehrkinderfamilien zwei idealtypische Planungsmuster unterscheiden: Zum einen artikulieren Eltern in Mehrkinderfamilien im Vergleich zu Befragten, die später ein oder zwei Kinder haben, schon zu Beginn der Ehe einen höheren Kinderwunsch. Sie verfolgen zudem zeitlich konkretere Pläne zur Realisierung. Ein großer Teil der Eltern mit mehr als zwei Kindern hat sich schon vor der Heirat für eine große Familie ausgesprochen. Paare, die drei und mehr Kinder haben, unterschätzen keineswegs die Einschränkungen, die sie für eine große Familie auf sich nehmen müssen. Sie schätzen auch ihr Umfeld keineswegs kinderfreundlicher ein. Vielmehr sind sie häufiger bereit, die Einschränkungen ihrer finanziellen und zeitlichen Spielräume in Kauf zu nehmen. Überdies sind ihnen Konsum und Wohlstand weniger wichtig. Zum anderen sind Kinder, die in Mehrkinderfamilien geboren werden, keineswegs alle geplant. Dritte Kinder sind von ihren Eltern seltener geplant und gewollt als erste und zweite.

Günstige Bedingungen für die Gründung von Mehrkinderfamilien
Die Genese einer Mehrkinderfamilie wird durch eine stabile Partnerschaft begünstigt. Ein großer Teil der Eltern von drei und mehr Kindern ist – anders als Eltern von einem oder zwei Kindern – davon überzeugt, dass ihre Partnerschaft ein Leben lang halten wird. Eine kirchliche Bindung von Müttern steht ebenfalls in einem positiven Zusammenhang mit der Zahl der Kinder. Dabei erweist sich weniger die bloße Konfessionszugehörigkeit als relevant, sondern vielmehr die aktive Teilnahme am religiösen Leben der Kommune. Eigene Geschwister und aktuelle Kontakte mit Kindern sind förderlich für den Wunsch nach einer Mehrkinderfamilie und für dessen Realisierung. Eltern mit fünf und mehr eigenen Kindern haben beispielsweise zu 40 Prozent drei und mehr Geschwister. Dasselbe gilt nur für 11 Prozent der Kinderlosen.

Rahmenbedingungen
Gesellschaftliche und strukturelle Bedingungen spannen den Rahmen auf, in den ein Leben mit mehreren Kindern eingebettet ist. Unzureichend erlebte Rahmenbedingungen, wie z.B. mangelhafte, infrastrukturelle Bedingungen für Familien mit mehreren Kindern, ein knappes Familienbudget, enge Wohnverhältnisse sowie schlechte Vereinbarkeitsmöglichkeiten von Familie und Beruf, werden von Paaren als Hemmnis bezüglich weiterer Kinder thematisiert. Gute strukturelle Rahmenbedingungen sind für Mehrkinderfamilien für die Bewältigung des Alltags und die Entwicklung ihrer Kinder wichtig. Ob sie jedoch die aktive Entscheidung für ein drittes und weiteres Kind begünstigen, scheint eher fraglich.

 

C) Familienleben: Der Alltag von Mehrkinderfamilien

Familienalltag und Familienaktivitäten
Gemeinsame Mahlzeiten sind unabhängig von der Familiengröße und vom Alter der Kinder für den überwiegenden Teil der Familien ein wichtiger Kristallisationspunkt des Familienlebens. Familientreffen sind für größere Familien bedeutsamer als für kleinere.

Die Art der Freizeitaktivitäten unterscheidet sich nicht gravierend zwischen Kindern aus Ein-, Zwei- und Mehrkinderfamilien. Allerdings unternehmen Kinder aus Mehrkinderfamilien mehr mit ihren Geschwistern, beispielsweise musizieren sie häufiger zusammen oder sehen gemeinsam fern. Die Eltern bleiben öfter außen vor, während vor allem Mütter von Einzelkindern häufiger etwas mit ihrem Kind unternehmen. Dies gilt sowohl aus der Perspektive der Mütter als auch aus der Perspektive der Kinder.

In Mehrkinderfamilien sind die Aktivitäten von Kindern und Müttern eher haushalts- und familien- bzw. gruppenbezogen.

Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme
Kinder mit mehreren Geschwistern sind in vielen Bereichen deutlich früher selbstständig als Kinder ohne Geschwister. Sie unternehmen häufiger etwas ohne die Eltern. Diese Unterschiede nivellieren sich bei Jugendlichen. Zudem helfen Kinder aus Mehrkinderfamilien mehr im Haushalt und betreuen die jüngeren Geschwister.

Quelle: DJI-Methodenstudie (Infas) 2007 – Herbstbefragung (Mütterbefragung); N (Einkindfamilien) = 359; N (Zweikinderfamilie) = 1.462; N (Drei- und Mehrkinderfamilie) = 1.010


Arbeitsteilung
Paare mit drei und mehr Kindern leben häufiger in einem traditionellen Familienmodell, d.h. nur der Vater ist erwerbstätig und Betreuung und Erziehung liegen überwiegend bei den Müttern. Gleichzeitig streben sie seltener als Paare mit ein oder zwei Kindern eine egalitäre Aufteilung von Familie und Beruf an.

Belastungen
Eltern in Mehrkinderfamilien fühlen sich nicht nur in vieler Hinsicht benachteiligt, sondern betrachten die eigene Zukunft und die ihrer Kinder mit größerer Sorge als Eltern mit nur einem oder zwei Kindern. Sie fühlen sich auch stärker belastet durch den familialen Alltag.

Neben der erheblichen zeitlichen Beanspruchung und dem Gefühl, anderen Lebensformen gegenüber benachteiligt zu sein, fühlen sich die Eltern von Mehrkinderfamilien auch von einem schlechten Image kinderreicher Familien betroffen.


Familienklima und Paarbeziehung
Unterschiede in der Gestaltung des Familienalltags und den Belastungen wirken sich aber kaum auf die Qualität des Familienlebens aus. Im überwiegend als positiv eingeschätzten Familienklima lassen sich nur geringe Unterschiede nach der Kinderzahl feststellen. In Mehrkinderfamilien nehmen die Eltern lediglich etwas häufiger Reibereien wahr.

Die Partnerschaftsqualität hängt nicht von der Familiengröße ab. Auch das subjektive Wohlbefinden von Kindern und Eltern in ihren Familien ist unabhängig von der Familiengröße.

D) Mehrkinderfamilien mit besonderem Unterstützungsbedarf

Mehrkinderfamilien sind keine homogene Gruppe, sie weisen eine große Vielfalt auf. „Die“ Mehrkinderfamilie gibt es nicht. Diese Feststellung ist nicht nur wissenschaftlich von Bedeutung, sondern hilfreich für die Formulierung von spezifischen Bedarfen von Mehrkinderfamilien und darauf bezogener Unterstützungsleistungen. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass zum einen folgende Dimensionen bedeutsam sind:

  • Bildung und berufliche Ausbildung der Eltern
  • Wirtschaftliche Situation (Einkommen, Wohnverhältnisse, Haushaltsausstattung) und
  • Migrationshintergrund.

Darüber hinaus sind jedoch weitere differenzierende Dimensionen einzubeziehen:

  • Regionale Platzierung (Ost-West, verdichtete Regionen)
  • Lebensform (Ehe, Einelternfamilie, Nichteheliche Lebensgemeinschaft, Stiefeltern/ Patchworkfamilien)
  • Erwerbskonstellationen der Eltern
  • Arbeitsteilungsmuster in Haushalt und Familie
  • Familiale Lebensführung
  • Beziehungsqualität der Familienmitglieder
  • Einschätzung von Belastungen
  • Kinderwünsche und Planungsgrad von Elternschaft
  • Alter der Eltern und Kinder (Familienphase)
  • Familiengründungsmuster („timing“ und „spacing“).

Erst die Kombination dieser Dimensionen, also Größe und Zusammensetzung, familiale Lebensführung, Qualitäten der Familienbeziehungen, subjektive Orientierungen und Einschätzungen, Familiengründungsprozess und damit auch Familienbiographie sowie die sozial-ökologische Einbettung liefert zusammen mit der ökonomischen Situation der Familien ein tiefenscharfes Bild der Lebensbedingungen und des Familienalltags von Mehrkinderfamilien. Sichtbar werden komplexe, mehrdimensionale Typen von Mehrkinderfamilien. Bei diesen überlagern sich die einzelnen Merkmale, verstärken oder schwächen sich gegenseitig und können zu spezifischen Problemlagen und Überlastungen führen.

Gruppe 1: Die junge, bildungsschwache, ressourcenarme Mehrkinderfamilie
Eltern von drei und mehr Kindern sind überdurchschnittlich häufig besonders jung. Gleichzeitig erfolgen die Geburten dicht hintereinander. Qualifizierungsprozesse als Voraussetzung für eine Erwerbstätigkeit und Absicherung der materiellen Situation sind nicht abgeschlossen oder gar nicht erst begonnen. Frühe Schwangerschaften führen häufig zum Abbruch der Ausbildung. Besonders prekär ist die Situation von Eltern mit vier und mehr Kindern. Es häufen sich finanzielle Risiken sowie Belastungen aufgrund der Überforderung der Eltern in der alltäglichen Lebensführung, bei der Betreuung und der Erziehung der Kinder sowie aufgrund von Konflikten in der Partnerschaft. Hier besteht neben der materiellen Unterstützung vor allem Bedarf an passgenauer Beratung und Hilfe bei der Alltagsbewältigung und Kinderbetreuung, an Möglichkeiten der Weiterqualifizierung der jungen Mütter und Väter sowie an einer besseren Vereinbarkeit von beruflicher Qualifikation und früher Elternschaft.

Gruppe 2: Die Mehrkinderfamilie in ressourcenarmen regionalen Umwelten und Wohnräumen
Es macht einen Unterschied, wo die Familien leben, ob auf dem Land oder in stark verdichteten Regionen, und wie sie wohnen. Zahlreiche Angebote für Familien und deren Lebensführung, insbesondere im kulturellen und Bildungsbereich, sind in verdichteten Räumen in der Nähe von Zentren besser erreich- und erschließbar. Aber auch der Wohnraum, der Familien zur Verfügung steht (beispielsweise ein eigener Raum und damit Gestaltungsmöglichkeiten für jedes Kind), ist von Bedeutung.

Gruppe 3: Die Patchwork-Mehrkinderfamilie
Besondere Herausforderungen stellen sich für Mehrkinderfamilien, die durch Stiefelternschaft entstehen. Hier kommen zu den genannten allgemeinen Merkmalen spezielle familiendynamische Prozesse durch verschiedene Familiensysteme hinzu, nämlich die Aushandlung von Rollen, Loyalitäten und Zuständigkeiten in der zusammengesetzten Familienkonstellation. Bei Patchworkfamilien bestehen ferner besondere Anforderungen an die Organisation des Familienlebens und Familienalltags mit Kindern unterschiedlicher Eltern. Dies betrifft sowohl die Geschwisterbeziehungen als auch die Eltern-Kinder-Ebene. Besondere Herausforderungen stellen sich dabei aufgrund von Multilokalität.

Gruppe 4: Die große Einelternfamilie
Es gibt zahlreiche Hinweise dafür, dass Einelternfamilien, überwiegend alleinerziehende Mütter mit mehr als drei Kindern, besonders belastet sind und sich Risiken kumulieren. Sie leben besonders häufig in prekären materiellen Verhältnissen und sind im Durchschnitt häufiger erwerbstätig als Mütter von drei und mehr Kindern. Die Bedeutung der unterschiedlichen Lebenskonstellationen von Mehrkinderfamilien für die familiale Lebensführung und die Gestaltung des Familienalltags tritt nochmals schärfer hervor, wenn die damit verbundenen Handlungsspielräume berücksichtigt werden. In Anlehnung an das Konzept der Spielräume von Nahnsen (1970), von Chassée u.a. (2007) auf kindliche Lebenslagen übertragen, lässt sich unterscheiden zwischen dem Einkommens- und Versorgungsspielraum, dem Lern- und Erfahrungsspielraum, dem Kontakt- und Kooperationsspielraum, Regenerations- und Mußespielraum sowie dem Dispositions- und Entscheidungsspielraum. Die Spielräume, die die Familien und die einzelnen familialen Akteure haben, unterscheiden sich je nach Typus der Mehrkinderfamilie und ergeben ihre je spezifischen Ressourcen und Bedarfe.

E) Handlungsempfehlungen

Es stellt sich erstens die Frage, wie Mehrkinderfamilien in ihrem Alltag und bezogen auf die Entwicklungschancen für Kinder unterstützt werden können. Zum zweiten ist zu reflektieren, wie Paare, die eine große Familie gründen wollen, unterstützt werden können. Aufgrund der unterschiedlichen Typen von Mehrkinderfamilien erscheint ein Policy Mix (vgl. Siebter Familienbericht 2006) dringend erforderlich.

Bei der Konzipierung von Unterstützungen für Mehrkinderfamilien sind vor allem die unterschiedlichen Typen von Mehrkinderfamilien mit ihren je spezifischen Bedarfen und Belastungen zu berücksichtigen. Das bedeutet exemplarisch für einzelne Formen der Unterstützung:

  • Flexible, verlässliche und bedarfsgerechte Betreuungsmöglichkeiten für Kinder jeden Alters sind nicht nur für diejenigen Familien, in denen beide Eltern erwerbstätig sind, von großer Bedeutung. Institutionelle Betreuung ist für alle Mehrkinderfamilien wichtig. Aufgrund der je nach Alter der Kinder unterschiedlichen Eingebundenheit in Kita, Schule etc. bieten sich besonders integrierte Betreuungsangebote aus einer Hand an, wie sie von Familienzentren angeboten werden (vgl. Rauschenbach/Heitkötter/Diller 2008).
  • Die gesamte neue Literatur zur Schnittstelle Arbeitswelt-Familie zeigt, dass nicht nur Mütter, sondern auch Väter Belastungen durch Vereinbarkeitsanforderungen, vor allem auch in zeitlicher Hinsicht, erleben (vgl. dazu Jurczyk/Schier u.a. 2009; Heitkötter/Jurczyk u.a. 2009). Daher ist eine explizit auf familiale Belange abgestimmte Zeitpolitik (vgl. dazu das zeitpolitische Memorandum des BMFSFJ 2009) auch ein wichtiger Beitrag zur Förderung von Mehrkinderfamilien. Das gilt besonders in Bezug auf die zeitliche Abstimmung der Angebote in den Kommunen.
  • Junge und bildungsferne Mehrkinderfamilien in Armut sind besonders zu unterstützen: Neben der gezielten monetären Förderung ist nochmals die Notwendigkeit von (Weiter-)Qualifizierungsmöglichkeiten für die häufig jungen Mütter und Väter hervorzuheben, vor allem als Voraussetzung für eine durch Erwerbstätigkeit abgesicherte materielle Lebensbasis.

    Diesen jungen Eltern von Mehrkinderfamilien eine schulische und berufliche Ausbildung zu vermitteln, ist notwendig, um die Chance auf eine Arbeitsmarktintegration zu erhöhen. Diese hat nicht nur positive Effekte auf die ökonomische Situation der Familie und der Kinder, sondern trägt auch zur Entwicklung und Sozialisation der Kinder bei.

  • Für die familiendynamisch komplexen Mehrkinderfamilien, die im Rahmen von Patchworkkonstellationen entstehen, geht es um die Schaffung angepasster Beratungsmöglichkeiten, z.B. bezüglich der Bildungsmöglichkeiten der Kinder, der Chancen des Aufwachsens mit Geschwistern etc. Ein Schwerpunkt für die Zukunft ist dabei die Ausweitung der Beratung der Eltern im Hinblick auf ihre jugendlichen Kinder.
  • Bezogen auf die Gründung von Mehrkinderfamilien sollte Paaren ein Überblick zu den Fördermöglichkeiten vermittelt werden und die Forschungsergebnisse zur Alltagsbewältigung breit disseminiert werden, um die (unbegründeten) Vorurteile und Imageprobleme zu beseitigen.
  • Kinder am Übergang zum Jugendalter in Mehrkinderfamilien geraten meist aus dem Blick. Schulabschluss und die Übergange in Ausbildung und Erwerbsleben sind wichtige Meilensteine für das spätere Leben. Wenn gleichzeitig mehrere Kinder in einer Familie in dieser Lebensphase sind, häufen sich die Herausforderungen an die Eltern und es bestehen spezifische Unterstützungsbedarfe.
  • Abschließend ist hervorzuheben, dass die Wirksamkeit solcher speziell auf Mehrkinderfamilien bezogenen Maßnahmenbündel sich am besten entfalten kann, wenn sie Teil einer integrierten und übergreifenden allgemeinen Familienpolitik sind, die die Handlungsspielräume von Familien und damit deren Lebensqualität fördert.

Die ausführlichen Ergebnisse sind nachzulesen in: Barbara Keddi/Claudia Zerle/Andreas Lange/Waltraud Cornelißen (2010): Der Alltag von Mehrkinderfamilien – Ressourcen und Bedarfe. Forschungsbericht. München
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DJI Online / Stand: 1. März 2010