Gespräch mit Prof. Klaus Klemm, Leiter der AG Bildungspolitik an der Universität Duisburg-Essen

Professor Klemm, wie steht es um die Qualität der deutschen Hauptschulen? Gibt es dazu gesicherte Ergebnisse?

Gesicherte Ergebnisse gibt es allein schon deshalb nicht, weil dazu ein Einverständnis darüber gegeben sein müsste, was die ‚Qualität’ einer Hauptschule ausmacht. Wenn wir uns auf die Kompetenzen beziehen, die in den großen Leistungsstudien des Typs ‚PISA’ gemessen werden, also auf Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften, dann können wir zweierlei feststellen: Einerseits zählt ein großer Anteil der Hauptschüler und –schülerinnen zu der ‚Risikogruppe’ zu jener Gruppe, von der die PISA-Autoren sagen, dass sie die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Berufsausbildung nicht mitbringen. Andererseits zeigen uns all die Leistungsstudien, dass unter den Schülerinnen und Schülern der Hauptschulen beachtliche Anteile sind, die mit ihren Schulleistungen weit in das Leistungsspektrum der Realschulen, zum Teil auch noch in das der Gymnasien hinein reichen!

Wer setzt die Maßstäbe? Die Wirtschaft, die die schlechte (bzw. „falsche“) Ausbildung der HauptschulabsolventInnen bemängelt? 

Die Autoren der Leistungsstudien liefern mit ihrer wenig belegten Definition der ‚Risikogruppe’ der Wirtschaft und auch dem öffentlichen Dienst die Legitimation dafür, nicht mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Da ja durch internationale Studien ‚bewiesen’ ist, dass 20 bis 25% der Jugendlichen als Angehörige der ‚Risikogruppe’ nicht erfolgreich ausgebildet werden können, bedarf es auch keiner Ausbildungsplätze für diese jungen Leute. Ich habe allerdings an keiner Stelle der zahlreichen PISA-Studien einen Hinweis darauf finden können, warum das Nichterreichen der Kompetenzstufe II in den PISA-Tests gleichzusetzen ist mit einer nicht gegebenen Ausbildungsfähigkeit.

Ändert eine „Umetikettierung“ der Hauptschulen, wie z.B. die von einigen Bundesländern umgesetzte oder geplante Zusammenschließung von Haupt- und Realschulen etwas am Problem, dass zu viele Jugendliche nach der Schule keinen Anschluss an die Berufswelt finden?

Ja! Wir wissen aus der empirischen Schulforschung, dass die Schulen differenzielle Lernmilieus bieten. In der – was die Leistungsfähigkeit ihrer Schüler und Schülerinnen angeht – problemverdichteten Hauptschule haben insbesondere die Schüler und Schülerinnen, die dort zu den Leistungsstärkeren gehören, zu wenig Chancen, ihr Potenzial zu entfalten, sie werden in ihrer Leistungsentwicklung ‚ausgebremst’. Eine Schule, in die alle Jugendlichen eines Wohngebietes gemeinsam gehen würden, aber auch eine Schule, in der die zusammen lernen, die andernfalls in Real- und Hauptschulen getrennt lernen würden, bietet ein anregungsreicheres und entwicklungsförderlicheres Lernmilieu.

Ist die sehr heterogene Entwicklung von Hauptschulen in den einzelnen Bundesländern (von Abschaffung bis Aufwertung) überhaupt noch miteinander zu verknüpfen? Oder ist dies gar nicht notwendig?

Der Anteil der Jugendlichen am Altersjahrgang, der eine Hauptschule besucht, schwankt von Land zu Land stark: Im Schuljahr 2005/06 besuchten in Bayern 35,9% aller Achtklässler eine Hauptschule, im Bundesdurchschnitt taten dies 22,5%, in Hessen 16,6% und im Stadtstaat Berlin 11,4%. Aber auch innerhalb der einzelnen Bundesländer variiert diese Quote, z.B. zwischen den Städten im Ruhrgebiet und Schulen in Landkreisen etwa des Münsterlandes. Diese Daten zeigen, dass von ‚der Hauptschule’ kaum noch gesprochen werden kann.

Sind durch die „Abschaffung“ der Hauptschule in einzelnen Bundesländern schon so viele Steine im deutschen Bildungssystem gelockert worden, dass möglicherweise eine Lawine ausgelöst wird, die das gesamte dreigliedrige Schulsystem erfasst?

Das ‚Abbröckeln’ der Hauptschulquoten, das wir seit ihrer Begründung Ende der 1960-er Jahre beobachten, hat ein Tempo gewonnen, das vielerorts die Diskussion um ihren Fortbestand heftig belebt hat – mit der Konsequenz, dass einzelne Bundesländer die Abschaffung der Hauptschule beschlossen oder doch ins Auge gefasst haben. Diese Entscheidungen und die damit verbundenen Debatten – jüngst die in Baden-Württemberg – beschleunigen den Schrumpfungsprozess der Hauptschule und lassen erwarten, dass es diese Schulart schon sehr bald in der Mehrheit der Bundesländer nicht mehr geben wird. Ich erwarte daher, dass die Entwicklung hin zu einem zweigliedrigem Schulsystem, das Gymnasien und Nicht-Gymnasien kennt, gehen wird. Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass der jetzt zu beobachtende Prozess zu einem Verschwinden der Gymnasien führen wird.

Dort, wo es auf absehbare Zeit noch Hauptschulen geben wird, ergreift das Lehrpersonal zum Teil selbst die Initiative – wie beispielsweise in der Bodenseeschule: Es bildet sich in Eigenregie fort, geht ganz neue Wege, schafft den Fachunterricht ab und entwickelt eigene Projektmaterialien. Sind LehrerInnen ausreichend auf die speziellen Herausforderungen an Hauptschulen vorbereitet? Welche Aspekte müssten Ihres Erachtens in der LehrerInnenausbildung, stärkere Berücksichtigung finden?

Angesichts der Tatsachen, dass wir erstens wenig über die Wirksamkeit der Lehrerbildung wissen und zweitens eine andere Lehrerbildung, würde sie heute beschlossen, frühestens die in sechs bis sieben Jahren neu Einzustellenden prägen würde, also dann, wenn die Einstellungswelle schon wieder abflacht), mag ich nicht primär auf eine geänderte Lehrerbildung setzen.

Die Hauptschulen, zumal die in den problemverdichteten Teilen unserer Großstädte, benötigen jetzt mehr Unterstützung. Insbesondere muss es gelingen, die Arbeit der außerschulischen Jugendbildung und die der Schulen zusammen zu führen. Auf keinen Fall darf es dazu kommen, dass Misserfolge der Absolventen der Hauptschulen den – in meiner subjektiven Sicht – eher überdurchschnittlich engagierten Hauptschullehrerinnen und –lehrern zugeschrieben werden.

Welche Zukunft sehen Sie für die Hauptschule?

Auf Dauer: keine!

Prof. Klemm, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!


(Die Fragen stellte DJI Online Redakteurin Susanne John.)


Prof. Dr. Klaus Klemm (Jg. 1942) ist seit 1977 Professor für Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Bildungsforschung/Bildungs-planung an der Universität Duisburg-Essen.

Kontakt
k.Klemm@uni-essen.de

Internet:
Universität Duisburg-Essen

 

DJI Online / Stand: 1. Juli 2007

Letzte Änderung: 20.01.2016 16:19 Uhr