Gespräch mit Ulrike Richter, DJI Halle

Frau Richter, Sie haben im Auftrag der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) die Wirkungen des Kompetenznachweises Kultur untersucht. Worin sehen Sie den größten Nutzen für die Jugendlichen?

Die Jugendlichen lernen ihre eigenen Stärken und Schwächen besser kennen. Sie werden selbstbewusster, sie entwickeln ein realistischeres Selbstbild und ihre Fähigkeit zur Reflexion wird gestärkt. Bei der Untersuchung kam heraus, dass Jugendliche, die einen Kompetenznachweis Kultur besitzen, einen größeren Nutzen aus ihrem kulturellen Hobby ziehen als Jugendliche, die das Nachweisverfahren nicht durchlaufen haben. Jugendliche mit Nachweis äußern sich im Fragebogen insgesamt nicht nur ausführlicher, sie beschreiben auch vielfältiger und häufiger Veränderungen und Wirkungen in ihren Verhaltensweisen. Sie besitzen nachweislich eine höhere Fähigkeit und Bereitschaft zur Reflexion der eigenen Fähigkeiten.

Welche Jugendlichen profitieren am meisten vom KNK?

Ich würde drei Gruppen nennen: Es profitieren vor allem die jüngeren Jugendlichen vom KNK-Verfahren, denn gerade den 12- bis 15-Jährigen bereitet es Schwierigkeiten, sich selbst realistisch einzuschätzen. Sie befinden sich in einer Phase des Umbruchs und des Ausprobierens. Bei jüngeren Jugendlichen ist deshalb davon auszugehen, dass sie eine ausdrückliche Bestätigung ihrer Stärken und Schwächen benötigen. Und genau diese Unterstützung erhalten sie durch den KNK. Deshalb schneidet diese Altersgruppe mit Nachweis gegenüber der Vergleichsgruppe besonders gut ab.

Ähnliche Effekte haben wir bei den Mädchen im Bereich der Sozialkompetenz gefunden. Mädchen mit KNK geben an, sich besser in andere Menschen hineinversetzen zu können und sind häufiger bereit, Aufgaben zu übernehmen. Außerdem sind sie nach eigener Einschätzung kreativer als Mädchen der Kontrollgruppe.

Drittens sind es die Jugendlichen, die angeben, gelegentlich in ihrer Freizeit kulturell oder künstlerisch aktiv zu sein. Sie schätzen ihre Fähigkeiten prinzipiell in allen Kompetenzbereichen (Selbst-, Sozial-, Methodenkompetenz) höher ein als die Jugendlichen der Kontrollgruppe. Insbesondere bei der Einschätzung der Sozialkompetenz unterscheiden sie sich am stärksten von der Kontrollgruppe.

Gibt es Unterschiede zwischen den Einschätzungen von Mädchen und Jungen?

Ja! Auf die Frage, welche Fähigkeiten während der kulturellen Tätigkeit erlernt oder erworben worden sind, antworteten Mädchen und Jungen in der Gruppe, die den KNK besitzen, sehr unterschiedlich. Jungen sind öfter der Ansicht, ihre Fähigkeiten in der kulturellen Tätigkeit erworben zu haben. Mädchen sehen das anders. Mädchen schätzen insbesondere ihre Sozialkompetenzen hoch ein, sagen aber im gleichen Atemzug, dass sie diese nicht während ihres kulturellen/künstlerischen Hobbys erlernt haben. Erstaunlich ist, dass dieser Unterschied in der Vergleichsgruppe ohne KNK nicht existiert.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Dafür gibt es eine Reihe von Interpretationsmöglichkeiten. Möglicherweise spielen andere Lernorte neben der kulturellen Aktivität wie die Familie, die Schule oder weitere außerschulische Aktivitäten für den Erwerb von Sozialkompetenz eine wesentliche Rolle. Ob es daran liegt, dass Mädchen selbstkritischer sind als Jungen, konnten wir nicht überprüfen. Das wäre eher die Aufgabe der Fachkräfte in der Jugendkulturarbeit, die zusammen mit den Jugendlichen die Fähigkeitsbewertung erarbeiten.

Es kann auch sein, dass Mädchen und junge Frauen sich tatsächlich unsicherer in der Einschätzung ihrer Lernprozesse sind. Oder aber Mädchen und junge Frauen entwickeln eine differenziertere Sicht als Jungen auf die erlernten Kompetenzen, Sie sind eher in der Lage, bestimmte Fähigkeiten in Bezug zu ihrer kulturellen Aktivität zu sehen.

Soll der KNK nur an Jugendliche vergeben werden, die durch besondere Leistungen und Kompetenzen hervortreten?

Im Prinzip ist der KNK offen für Jeden. Gerade Jugendliche, die Schwierigkeiten in den schulischen Fächern haben, können damit ihre Stärken im kulturellen oder künstlerischen Bereich zeigen. Durch das Nachweisverfahren werden diese reflektiert und dokumentiert.

Wer darf den KNK ausstellen?

Bislang sind nur Fachkräfte, die eine spezielle Ausbildung absolviert haben, befugt, diesen Prozess zu begleiten. Angedacht ist aber, dass die Jugendlichen bei ihrem Betreuer, Theaterpädagogen, Musiklehrer etc., also nicht bei einer zusätzlichen Person das Verfahren zum Erhalt des KNK durchlaufen. Dafür bedarf es jedoch einer flächendeckenderen Verteilung ausgebildeter Pädagogen. Im Bereich der entsprechenden Fortbildungen besteht noch Handlungsbedarf. Der KNK muss an den zahlreichen Kunstschulen, Musikschulen, auch an den Schulen insgesamt bekannter gemacht werden. Die positiven Effekte, die die Evaluation für den Einsatz erbracht hat, können sicher unterstützend zur Verbreitung des KNK beitragen.

Wie nützlich ist der Nachweis aus Sicht der Personalverantwortlichen in Unternehmen? Nützt den Jugendlichen der KNK bei ihren Bewerbungen?

Der KNK ist von den befragten Unternehmen generell sehr lobend aufgenommen worden. Eine übergroße Mehrheit stimmt zu, dass der KNK mit der Beschreibung von Tätigkeiten und gezeigten Fähigkeiten brauchbare Zusatzinformationen für die Personalauswahl bereit stellt, die im Lebenslauf und in Zeugnissen nicht enthalten sind.

Insofern schließt er eine Informationslücke und kann bei Bewerbungen auf Ausbildungsplätze oder andere Stellen sehr hilfreich sein, weil sich die Jugendlichen damit von einer persönlicheren Seite und gleichzeitig umfassender präsentieren können. Der KNK kann beispielsweise als Zusatzseite der Bewerbung beigelegt werden.

Es gibt aber auch kritische Meinungen: Manchen Unternehmen ist die Beschreibung zu umfangreich und zu wenig strukturiert. Oder sie sind skeptisch gegenüber der Methodik der Selbsteinschätzung und bevorzugen „objektivere“ Maßstäbe. Andere Personalverantwortliche wünschen sich mehr Information darüber, wie das Nachweisverfahren genau abläuft.

Welche Unternehmen sind dem KNK gegenüber besonders aufgeschlossen?

Das sind vorwiegend Unternehmen mit wenigen, also bis zu vier Auszubildenden, die häufig Jugendliche mit Haupt- und Realschulabschluss ausbilden. Sie legen Wert auf Praktika und setzen bei der Personalauswahl Praxistests ein. Außerdem ist ihnen das freiwillige Engagement ihrer Azubis wichtig. Als weniger aussagefähig bewerten sie das Schulzeugnis und den Lebenslauf, wenn es um die Eignung für einen bestimmten Beruf geht.

Im Bewerbungsverfahren hilft zwar der Nachweis, weitere Persönlichkeitsfacetten der Jugendlichen zu präsentieren. Da alle Unternehmen dem Bewerbungsgespräch aber einen hohen Wert beimessen, reicht der KNK als Dokument allein nicht aus. Wichtiger ist es, gerade im persönlichen Gespräch überzeugend Auskunft geben zu können.

Der Kompetenznachweis Kultur wurde 2001 bis 2004 von der BKJ im Modellprojekt „Schlüsselkompetenzen durch kulturelle Bildung“ entwickelt. Welche Empfehlungen geben Sie aufgrund der Evaluationsergebnisse für den zukünftigen Einsatz?

Der geschlechtsspezifische Effekt, dass Mädchen meinen, weniger Fähigkeiten durch ihre kulturellen Aktivitäten zu erwerben als Jungen hat mich überrascht. Deswegen lautet meine erste Empfehlung zu überprüfen, wie die Fachkräfte innerhalb des Nachweisverfahrens genderspezifisch agieren. Bestärken sie eher Jungen? Welche Tätigkeiten bekommen Jungen übertragen, welche Mädchen? Inwieweit beeinflusst die Gruppenstruktur das Lernen von Mädchen und Jungen? Die Sensibilität gegenüber (unterschiedlichen) Bedürfnissen von Mädchen und Jungen sollte in den Fortbildungen für die Fachkräfte geschärft werden. Denn Mädchen wie Jungen sollten im gleichen Maße vom Kompetenznachweisverfahren profitieren.

Zweitens sollten die Rückmeldungen der Unternehmen ernst genommen und entsprechend umgesetzt werden. Sie wünschen sich ein Dokument, das in knapper übersichtlicher Form Informationen über die Jugendliche/den Jugendlichen bereit hält. Gegenwärtig umfasst der KNK jedoch ca. drei A4-Seiten. Außerdem sollte ein Weg gefunden werden, wie den Personalverantwortlichen das Verfahren besser vermittelt werden kann, damit diese nachvollziehen können, wie diese Dokumente entstehen. Bisher fehlt diese Transparenz.

Wie würden Sie den Kompetenznachweis Kultur abschließend bewerten?

Kinder und Jugendliche lernen nicht nur in der Schule, sondern auch an anderen Orten und in anderen Zusammenhängen. Der KNK ist ein wertvolles Instrument, mit dem diese Lernerfahrungen dokumentiert werden können. In der Diskussion zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen stellt der KNK deswegen einen wichtigen Baustein dar. Mit dieser Untersuchung ist es uns gelungen, die Wirkungen kultureller Bildungsarbeit auf Jugendliche klar nachzuweisen.

Frau Richter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Links

Zusammenfassung der DJI-Evaluation

DJI Forschungsschwerpunkt Übergänge in Arbeit

DJI-Projekt: ICOVET

DJI-Thema: ICOVET - Validating Informal Competencies

Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ)

Kompetenznachweis Kultur

Kontakt

Ulrike Richter, DJI Halle



DJI Online / Stand: 1. April 2007