Blick von Aussen

von Karin Gahrlichs, Gleichstellungsbeauftragte
Landkreis Wittmund

"Wege zu einer kinderfreundlichen Kommune"

Angesichts der vielen aktuellen Diskussionen zum Thema „Familienfreundlichkeit und demographischer Wandel“ beschloss auch der Landkreis Wittmund, in dieser Richtung aktiv zu werden, obwohl wir noch zu den Regionen mit einer relativ hohen Geburtenrate zählen. Dies geschah nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, dass das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit gemeinsam mit den Kommunalen Gleichstellungsbeauftragten gerade die Initiative „Balance – Familie und Beruf“ gestartet hatte. Im Rahmen dieser Initiative gewährt das Land für besondere Projekte zu diesem Thema eine finanzielle Unterstützung.

Gemeinsam mit Landrat Henning Schultz habe ich in meiner Funktion als Gleichstellungsbeauftragte erste Überlegungen zu möglichen Aktionsfeldern angestellt. Da Projekte naturgemäß mit Kosten verbunden und die kommunalen Kassen leer sind, war es zunächst einmal wichtig zu klären, welche finanziellen Rahmenbedingungen vorliegen. Die Kreissparkasse Wittmund signalisierte bereits früh ihr Interesse an dem Projekt sowie auch eine finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung einer Aktion. Nachdem mir dieser Rückenwind sicher war und das öffentliche Interesse an dem Thema immer größer wurde, begann ich konkret mit der Vorbereitung eines Aktionstags „Familienfreundlicher Landkreis Wittmund, der am 9. März 2006 statt fand.

Zunächst ging es vor allem darum, die Ziele des Landkreises Wittmund näher zu definieren. Neben der Sicherung der Einwohnerbasis sollte zugleich der Standort Wittmund gestärkt werden. Das heißt: es müssen ein positives Umfeld für Unternehmen geschaffen, die Wirtschafts- und Steuerkraft der Kommune gestärkt und Fachkräfte gewonnen werden. All dies entlastet auf Dauer die kommunalen Haushalte. Die Beschäftigung mit dem Thema „Familienfreundlichkeit“ bedeutet zudem für den Landkreis einen Imagegewinn. Die Bürger gewinnen einen positiveren Eindruck von ihrer Kommune.

Durch das spätere Einbeziehen der kreisangehörigen Gemeinden bzw. der unterschiedlichen Fachbereiche entstanden gewisse Sogeffekte. Jeder Fachbereich arbeitete unter dem Druck dieses Aktionstages und wurde aufgefordert, seine Angebote, die er zu diesem Thema präsentieren kann, besonders darzustellen.

So wurden zum Beispiel die Ergebnisse der im Landkreis durchgeführten Elternbefragung zum Thema Kinderbetreuung im Landkreis Wittmund an diesem Tag präsentiert und im Workshop „Wie sieht eine optimale Kinderbetreuung aus?“ mit der Moderatorin des Workshops, dem Jugendamt, den Vertretern von Kommunen, Eltern und pädagogischem Fachpersonal besonders diskutiert. Geplant ist inzwischen ein stufenweiser Ausbau der vorhandenen Einrichtungen für unter Dreijährige sowie eine Flexibilisierung der Öffnungszeiten.

Der zweite Workshop beschäftigte sich mit der Frage „Wie verankere ich das Leitbild der Familienfreundlichkeit in den Kommunen?“. Dieser Workshop wurde von Ministerialrätin Christa Frenzel vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit geleitet. Zielgruppe waren insbesondere die Bürgermeister und Politiker unseres Landkreises, die sich dann auch engagiert mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Die Einbeziehung der kommunalen Entscheidungsträger ist wichtig, um weitere gute Ideen zu entwickeln und so schnell wie möglich umzusetzen.

So werden jetzt in einigen Gemeinden Grundstücke für Familien zu günstigeren Preisen angeboten. Neue Kinderkrippen werden geplant bzw. vorhandene Kindergartenplätze, die nicht nachgefragt werden, in Krippenplätze umgewandelt. Das Thema „Familienfreundlichkeit“ wurde zur „Chefsache“ erklärt, denn nur wenn die Führungsebene hinter diesem Thema steht, können weitere Schritte in einer Kommune erfolgen. Daher ist es wichtig, dass die Familienfreundlichkeit zum Leitbild wird.

Die Kommune übernimmt dadurch für private Betriebe eine Vorbildfunktion. Innerhalb der Behörde bzw. des Betriebes entsteht für die Mitarbeiter ein positiveres Umfeld. Sie fühlen sich aufgehobener. Kinder gelten nicht mehr als Störfaktor, sondern ihre Bedürfnisse werden akzeptiert und berücksichtigt. Kinder werden nicht ausgeklammert, sondern man bezieht sie und die daraus entstehenden Anforderungen an die Mitarbeiter mit ein. Dadurch steigt die Zufriedenheit bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Gerade dies ist in einer von Überlastung und Unzufriedenheit geprägten Zeit ein wichtiger Faktor für einen funktionierenden Betrieb. Dies verstanden und akzeptierten die zahlreichen Vertreter von Betrieben und anderen Behörden, die an diesem Tag ebenfalls eingeladen waren. So wurde zum Beispiel von dem Personalleiter unseres größten, auch international agierenden Betriebes im Landkreis, dieses Thema besonders interessiert aufgenommen. Er wird diesbezüglich mit uns in Kontakt bleiben, um für seinen Betrieb mögliche weitere Schritte zu planen.

Daneben wurde deutlich, dass viele Betriebe noch nicht über die für sie möglichen nachteiligen Folgen des demographischen Wandels, wie zum Beispiel den drohenden Fachkräftemangel, nachdenken. Viele Betriebe beschäftigen sich noch nicht mit diesem Problem, weil wir in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit leben. Das bedeutet, derzeit können die Arbeitgeber noch mit genügend Bewerbern auf freie Stellen rechnen. Die im Verlauf des Aktionstages dargestellte demographische Entwicklung regte viele Teilnehmer dann doch zum Nachdenken an.

Der dritte Workshop, der angeboten wurde, beschäftigte sich mit dem Thema „Wie vereinbare ich Familie und Beruf?“. Er wurde von der Leiterin der Koordinierungsstelle Frauen und Beruf, Roswitha Franke moderiert. Die Teilnehmer erkannten, dass es neben einem guten Organisationstalent auch verbesserter Infrastrukturen wie flexibler Kindergärten, verlässlicher Grundschulen, Ganztagsschulen usw. bedarf, um Familie und Beruf vereinbaren zu können.

In diesem Zusammenhang wurde die Einbindung der IHK, vertreten durch Dr. Dirk Lüerßen von der IHK Ostfriesland/Papenburg, besonders von den teilnehmenden Betrieben begrüßt.

Annemarie Gerzer-Sass vom Deutschen Jugendinstitut vermittelte wichtige Erkenntnisse zur Familienfreundlichkeit, die auch Thema im noch nicht veröffentlichten 7. Familienbericht ist. Nachdenklich stimmte besonders der Punkt, dass sich der Staat zukünftig vom „Alleinverdienermodell“ abwendet und davon ausgeht, dass innerhalb der Familie ein sogenanntes „Zuverdienermodell“ gelebt wird. Konkret bedeutet dies für den Einzelnen, dass sich der Staat inzwischen bewusst ist, dass eine Familie mit einem Gehalt künftig nicht mehr finanzierbar ist. Es bedeutet aber auch, dass es in der Verantwortung der Kommunen liegt, geeignete Infrastrukturmaßnahmen usw. zu ergreifen, damit die Bürger die Möglichkeit haben, für ein ausreichendes Einkommen zu sorgen. Sonst wären die Menschen wieder auf öffentliche Hilfen angewiesen.

Ein Höhepunkt der Veranstaltung war die Ansprache der Niedersächsischen Familienministerin Mechthild Ross-Luttmann, die zum Thema „Die Familienfreundliche Kommune – ein Gewinn für alle Seiten“ sprach.

Die abschließende Podiumsdiskussion mit Landrat Henning Schultz, Bürgermeister Karl-Heinz Krüger, Samtgemeindebürgermeister Jürgen Buß, Dr. Dirk Lüerßen von der IHK Ostfriesland/Papenburg, Christa Frenzel vom Niedersächsischen Sozialministerium und Annemarie Gerzer-Sass vom DJI wurde von Klaus-Dieter Heimann moderiert. Er ist Redakteur der örtlichen Tageszeitung „Anzeiger für Harlingerland“, die unsere Aktion schon im Vorfeld unterstützend begleitet hat. Die Serie, in der die verschiedenen familienfreundlichen Projekte und Institutionen im Landkreis Wittmund besonders vorgestellt wurden, ist auf große positive Resonanz gestoßen.

In Rahmen des Aktionstages fanden wir auch Gelegenheit, auf das vielschichtige Engagement des Landkreises für mehr Familienfreundlichkeit hin zu weisen. Zum Beispiel im Bereich der Ganztagsschulen. So werden im Landkreis Wittmund für die Umwandlung der vorhandenen Schulen, die sich in der Trägerschaft des Landkreises Wittmund befinden, insgesamt 13,2 Millionen Euro investiert. Finanziert werden diese aus dem Investitionsprogramm des Bundes “Zukunft, Bildung und Betreuung 2003 bis 2007” sowie Eigen- und Kreditmitteln des Landkreises. Der Landkreis hält damit fast flächendeckend Ganztagsschulen bereit.

Lobend erwähnt sei auch die gute Ausstattung der Grundschulen. Hier wurde nach dem Grundsatz „kurze Beine, kurze Wege“ geplant. Das heißt gerade den Kleinsten sollen keine weiten Wege zugemutet werden.

Dies alles sind wichtige Standortfaktoren, wenn es um die Ansiedlung von neuen Mitbürgern bzw. um die Ansiedlung von Betrieben geht. Es sind aber auch wichtige Grundlagen für die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wenn gute Rahmenbedingungen vorhanden sind, fällt die Entscheidung für Kinder leichter.

Als Arbeitgeber bemüht sich der Landkreis deswegen, für seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein familienfreundliches Klima zu schaffen, indem zum Beispiel ein sogenanntes Familienzimmer eingerichtet wurde. Dieses Zimmer steht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Verfügung, die kurzfristig Probleme mit der Betreuung ihres Kindes haben. Dazu wurde ein Zimmer im Landkreisgebäude mit geringem finanziellen Aufwand verändert. So wurde ein arbeitstechnisch voll ausgerüsteter Schreibtisch mit PC, Telefon usw. für die Mutter oder den Vater aufgestellt. Für das zu betreuende Kind wurden Spielsachen, Bücher, Puzzle sowie ein kleiner PC mit Lernspielen auf einem gesonderten kleinen Schreibtisch bereitgestellt. Der Vorteil für den Arbeitgeber ist, dass dringende Aufgaben durch die Arbeitnehmer noch kurzfristig erledigt werden können, weil die betroffenen Eltern das Kind in ihrer Nähe betreuen können.

Des Weiteren bietet der Landkreis Wittmund seinen Mitabeitern flexible Arbeitszeiten sowie Teilzeitbeschäftigung an.

Auf Wunsch werden unter bestimmten Umständen auch Telearbeitsplätze eingerichtet.

Eine Kinderbetreuungsbörse übernimmt die Vermittlung von Tagespflegepersonen.

Es werden Qualifizierungskurse für Tagesmütter nach dem sogenannten DJI-Curriculum durchgeführt.

Eine Wohnberatungsstelle für ältere und behinderte Menschen wurde eingerichtet sowie eine Leitstelle „Älter werden“.

Derzeit wird in Esens ein Mehrgenerationenhaus eingerichtet. Ein weiteres wurde für Wittmund beantragt.

Kinderkrippen sind in Wittmund und Horsten vorhanden, weitere werden eingerichtet.

Der Landkreis Wittmund ist außerdem Kurator des „Ostfriesischen Bündnisses für Familie“. Weitere Kuratoren sind die Landkreise Aurich und Leer sowie die Stadt Emden, die Industrie- und Handelskammer IHK Ostfriesland/Papenburg, die Gewerkschaften, die Kirchen, VW Emden u.a.

Der Präventionsrat im Landkreis Wittmund bietet die Möglichkeit einer Elternschule. Hier werden Kurse für interessierte Eltern angeboten, um Erziehungsfragen zu diskutieren.

All diese positiven Beispiele aus unserem Landkreis zeigen, dass wir in Sachen Familienfreundlichkeit bereits auf einem guten Weg sind. Durch unseren Aktionstag am 9. März 2006 haben wir versucht, alle Beteiligten noch stärker in diese Entwicklung mit einzubeziehen. Mein abschließender Eindruck ist, dass wir dadurch viel angestoßen und vor allem ein Bewusstsein für Familienfreundlichkeit geschaffen haben. Nun gilt es, die konkreten Umsetzungen im Blick zu behalten und durch weitere regelmäßige Treffen immer wieder voran zu treiben. Das wird noch ein gutes Stück Arbeit sein, aber es lohnt sich.

Karin Garlichs ist verheiratet und Mutter von drei Söhnen. Die Diplom-Verwaltungswirtin ist seit fast 25 Jahren (mit Elternzeit-Pausen) beim Landkreis Wittmund beschäftigt. Während der Familienphase war sie als Teamleiterin bei einer amerikanischen Firma tätig. Vor zwei Jahren wurde Karin Garlichs in das Amt der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Wittmund berufen.

Kontakt: karin.garlichs@lk.wittmund.de

Internet: Landkreis Wittmund


DJI Online / Stand: 1. April 2006

Letzte Änderung: 20.01.2016 16:19 Uhr