Auf einen Blick

Partizipation, Selbstbestimmung und Mitgestaltung gelten als elementares Menschenrecht und Fundament demokratischer Gesellschaften. Dementsprechend fordern alle Akteure aus Politik und Praxis, die soziale und politische Beteiligung der nachwachsenden Generation möglichst umfassend zu ermöglichen und zu stärken. Das reicht auf politischer Ebene von der UN-Kinderrechtskonvention, über die EU-Jugendstrategie, das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), den Koalitionsvertrag der amtierenden Bundesregierung sowie über Richtlinien der Länder bis hin zu den Kommunen, deren Zukunftsfähigkeit nach aktuellen Diagnosen geradezu abhängig ist von der Etablierung partizipativer Strukturen (vgl. Roth 2011).

Eine aktuelle Sonderauswertung der DJI-Surveyforschung AID:A (Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten, 2009) gibt Aufschluss darüber, wie ausgeprägt soziale und politische Partizipation in Deutschland derzeit sind und welche Entwicklungen sich seit 1990 auf diesem Gebiet abzeichnen. Im Folgenden finden Sie Auswertungen zu folgenden acht Aspekten:

1) Anstieg des politischen Interesses bei jungen Menschen zwischen 13 und 32 Jahren

2) Geringes Vertrauen in die etablierte Politik

3) Hohe Bereitschaft zu politischer Partizipation

4) Unausgeschöpfte Engagementpotenziale

5) Mädchen und Jungen gleich stark engagiert in den Neuen Sozialen Bewegungen  

6) Hohe Bedeutung des Vereinsengagements bei jungen Menschen

7) Engagierte Jugendliche nutzen das Internet genauso wie nicht Engagierte

8) Seit 1990 soziale Partizipation stabil auf hohem Niveau bei Zunahme politischer Partizipation


1) Anstieg des politischen Interesses bei jungen Menschen zwischen 13 und 32 Jahren

Demokratien brauchen interessierte und engagierte Bürgerinnen und Bürger und eine lebendige politische Kultur (vgl. „Civic Culture“ Almond und Verba 1963; „Monitory Democracy“ Keane 2009). Diese ist gekennzeichnet durch positive Einstellungen der Bürger/innen gegenüber ihrer eigenen Rolle im politischen Prozess. Hierzu gehören neben dem politischen Kompetenzbewusstsein, die politische Informiertheit einer Person, ihr politisches Interesse, ihr Mediennutzungsverhalten und ihre interpersonale Kommunikationsfähigkeit. 

Das Interesse an Politik ist ein guter Gradmesser dafür, ob das politische Geschehen als etwas betrachtet wird, das wichtig genug ist, um sich darüber zu informieren und sich gegebenenfalls auch dafür zu engagieren. Das politische Interesse der Bürger/innen wird seit Beginn der 1950er Jahre in repräsentativen Bevölkerungsumfragen erfasst. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Anteil derjenigen, die sich stark oder sehr stark für Politik interessieren, immer wieder und vor allem in den jüngeren Altersgruppen sehr dynamisch verändert (vgl. Gaiser/Gille/de Rijke 2006, Hoffmann-Lange/Gille 2008). Im Vergleich sind heute mehr Bürger/innen am politischen Geschehen interessiert als noch vor gut drei Jahrzehnten. Im Zeitraum um die Vereinigung Deutschlands war das politische Interesse dabei am höchsten, allerdings hat es bald danach auch wieder deutlich nachgelassen. Mitte der 1990er Jahre war es fast wieder auf das Niveau der frühen 1980er Jahre gesunken. In Ostdeutschland sind im Durchschnitt etwas weniger Bürger/innen stark oder sehr stark an Politik interessiert als in Westdeutschland. Seit 1991 zeigt sich, dass das politische Interesse der unter 30-Jährigen immer unterhalb des Niveaus der erwachsenen Bevölkerung ab 30 Jahren liegt.

Außer der Differenz zur Erwachsenengeneration geht es beim Thema Jugend und Demokratie immer auch um Fragen nach möglichen Alterseffekten innerhalb der Jugendphase sowie nach den Einflüssen von Geschlechtszugehörigkeit und Bildungsniveau. Aufmerksamkeit für politische Belange zu entwickeln, setzt eine gewisse Lebenserfahrung voraus. Die jüngeren Altersgruppen zeigen demgemäß ein deutlich geringeres politisches Interesse als die älteren (vgl. Abbildung 1), wie der DJI-Survey AID:A zeigt. Dies hängt sicher wesentlich damit zusammen, dass das Verständnis für Politik auch das Ergebnis eines längeren Sozialisationsprozesses ist, in dessen Verlauf Jugendliche sich Wissen aneignen, zunehmend in öffentliche Räume hineinwachsen und schließlich Verantwortungsrollen im familiären, beruflichen und öffentlichen Bereich übernehmen. Trotz der Angleichung des Bildungsniveaus zwischen den Geschlechtern und des Wandels der Frauenrolle liegt das politische Interesse der Mädchen und jungen Frauen nach wie vor deutlich unter dem der jungen Männer.

Abbildung 1: Sehr starkes/starkes politisches Interesse* nach Geschlecht und Altersgruppen in Prozent (2009)

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 13- bis 32-jährige Befragte, N=10.729;

*Frage: "Wie stark interessieren Sie sich für Politik?" Antwortkategorien: sehr stark, stark, mittel, wenig, überhaupt nicht. Für die Darstellung sind die Prozentwerte für die Kategorien "sehr stark" und "stark" zusammengefasst.

Zudem begünstigen der Erwerb höherer formaler Bildung und der damit einhergehende längere Verbleib in Bildungsinstitutionen die Aufgeschlossenheit junger Menschen gegenüber der Politik. Junge Menschen mit Hauptschulabschluss sind weniger an Politik interessiert als jene mit Mittlerer Reife. Jugendliche und junge Erwachsene mit Fachhochschul- oder Hochschulreife weisen ein deutlich stärkeres politisches Interesse auf als diejenigen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen (vgl. Abbildung 2). Die differenzierende Wirkung des Bildungsniveaus zeigt sich dabei über die gesamte Altersspanne von 13 bis 32 Jahren.

Abbildung 2: Sehr starkes/starkes politisches Interesse* nach Bildungsniveau und Altersgruppen in Prozent (2009)

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 13- bis 32-jährige Befragte, N=10.729;

*) Frage: "Wie stark interessieren Sie sich für Politik?" Antwortkategorien: sehr stark, stark, mittel, wenig, überhaupt nicht. Für die Darstellung sind die Prozentwerte für die Kategorien "sehr stark" und "stark" zusammengefasst.

Betrachtet man die Entwicklung des politischen Interesses 16- bis 29-Jähriger seit Beginn der 1990er Jahre anhand von drei Wellen des DJI-Jugendsurvey und AID:A, so zeigt sich ein Anstieg des politischen Interesses zwischen 2003 und 2009 in allen Altersgruppen (vgl. Abbildung 3). Auch in der 16. Shell-Jugendstudie wird aktuell ein Anstieg des politischen Interesses bei 12- bis 25-Jährigen zwischen 2006 und 2010 konstatiert (vgl. Schneekloth 2010, S. 130f.). 

Abbildung 3: Sehr starkes/starkes politisches Interesse* nach Altersgruppen (in Prozent), 1992 bis 2009

Quelle: DJI-Jugendsurvey 1992, 1997, 2003 (gewichtet) und AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 16- bis 29-jährige Befragte mit deutscher Staatsangehörigkeit; N=27.813;

*) Frage: "Wie stark interessieren Sie sich für Politik?" Antwortkategorien: sehr stark, stark, mittel, wenig, überhaupt nicht. Für die Darstellung sind die Prozentwerte für die Kategorien "sehr stark" und "stark" zusammengefasst.

2) Geringes Vertrauen in die etablierte Politik

Das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen ist ein weiterer wichtiger Indikator für das Ausmaß an Unterstützung demokratischer Strukturen und Abläufe. Dabei erfahren die Institutionen etablierter Politik wie Bundesregierung und politische Parteien relativ geringes Vertrauen im Vergleich zu Institutionen der Judikative und Exekutive (wie beispielsweise das Bundesverfassungsgericht, Gerichte und Polizei) oder Institutionen nicht-etablierter Politik wie Menschenrechts- und Umweltgruppen (vgl. Abbildung 4). Das geringste Vertrauen erfahren die Banken. Dieses Vertrauensprofil ist weitgehend stabil seit dem Jahr 2002. Allerdings – was angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht erstaunt – geht das Vertrauen gegenüber Wirtschaft und Finanzen (Banken und große Unternehmen) weiter zurück (vgl. Schneekloth 2010, S. 139f.). Betrachtet man die Vertrauensbekundungen junger Menschen in Abhängigkeit von ihrem Alter, so wird deutlich, dass die jüngste Altersgruppe (15 bis 17 Jahre) fast allen Institutionen größeres Vertrauen entgegenbringt. Die Jüngeren sind nicht nur weniger skeptisch gegenüber einer Vielzahl gesellschaftlicher Institutionen, sie können gegenüber manchen Institutionen (wie z.B. Bürgerinitiativen, Bundesverfassungsgericht, Gewerkschaften, Menschenrechtsgruppen) auch häufiger kein Urteil abgeben, weil sie diese Institutionen nicht kennen.

Abbildung 4: Vertrauen in Institutionen bei 15- bis 25-Jährigen nach Altersgruppen  (Mittelwerte*), 2010

Quelle: Datensatz 16. Shell Jugendstudie (gewichtet), 15- bis 25-Jährige, N=2.023; eigene Berechnungen.

*) Mittelwerte einer Skala von 1=sehr wenig Vertrauen bis 5=sehr viel Vertrauen. Befragte, denen die jeweilige Institution nicht bekannt war, wurden aus den Berechnungen ausgeschlossen.

Die beschriebenen Lebensalterseffekte auf das Institutionenvertrauen können sicherlich als Ausdruck zunehmenden politischen Wissens und Kompetenzerwerbs interpretiert werden. In diese Richtung weisen auch Ergebnisse zum Zusammenhang von politischem Interesse und Institutionenvertrauen. Es zeigt sich, dass die politisch stark interessierten 15- bis 25-Jährigen deutlich größeres Vertrauen gegenüber den politischen Parteien, dem Bundesverfassungsgericht, den Gerichten und Menschenrechtsgruppen bekunden als der Durchschnitt der Befragten (vgl. Abbildung 5). Gegenüber der Bundeswehr, den großen Unternehmen und Banken haben die weniger an Politik interessierten jungen Menschen geringere Skepsis als die politisch stark Interessierten. Politisch interessierte junge Menschen, die sich häufiger in Gesprächen und mittels verschiedener Medien über das politische Tagesgeschehen informieren, nehmen die durchaus kontroverse politische Auseinandersetzung zum Einsatz der Bundeswehr in Auslandseinsätzen sowie auch die zum Teil unrühmliche Rolle der Banken in der Wirtschafts- und Finanzkrise wahr und entwickeln daher ein kritischeres Verhältnis zu diesen Institutionen. Die etablierte Politik und vor allem alternative Institutionen werden dagegen von den politisch Interessierten eher als geeignete und wirkungsvolle Institutionen im politischen Prozess gesehen.

Abbildung 5: Vertrauen in Institutionen bei 15- bis 25-Jährigen nach politischem Interesse  (Mittelwerte*), 2010

Quelle: Datensatz 16. Shell Jugendstudie (gewichtet), 15- bis 25-Jährige, N=2.023; eigene Berechnungen

*Mittelwerte einer Skala von 1=sehr wenig Vertrauen bis 5=sehr viel Vertrauen. Befragten, denen die jeweilige Institution nicht bekannt war, wurden aus den Berechnungen ausgeschlossen.

Das politische Interesse wurde durch 4 Antwortkategorien erfasst: "stark interessiert", "interessiert", "wenig interessiert" und "gar nicht interessiert". 


3) Hohe Bereitschaft zu politischer Partizipation

Unter politischer Partizipation werden „jene Verhaltensweisen von Bürgern verstanden, die sie alleine oder mit anderen freiwillig zu dem Ziel unternehmen, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen“ (vgl. Kaase 2002, S. 350). Elementare Formen der Partizipation in einer repräsentativen Demokratie sind die Wahlbeteiligung und die Mitarbeit in politischen Parteien. Über diese Aktivitäten hinaus hat sich seit den 1970er Jahren eine Erweiterung des Partizipationsrepertoires in westlichen Demokratien herausgebildet. Die enge Blickrichtung ausschließlich auf Wahlen als demokratiegarantierend hat sich erweitert. Es wird sogar davon gesprochen, dass der Charakter der Demokratie sich verändert habe, von einer repräsentativen Demokratie hin zu einer „monitorischen Demokratie“ („monitory democracy“, Keane 2009). Hierbei spielen Aktivitäten und Gruppierungen, welche die konventionelle Politik kritisch beobachten, eine zusätzliche legitimierende Rolle im politischen Prozess.

Im Folgenden wird ein breites Repertoire politischer Verhaltensweisen junger Menschen dargestellt: auf der einen Seite die Handlungsbereitschaften, also die Vorstellungen junger Menschen davon, wie sie ihre politischen Einstellungen zur Geltung bringen können; auf der anderen Seite das tatsächliche Verhalten, also die Frage, ob und wie sie sich schon einmal in das politische Geschehen eingemischt haben. Neben institutionellen (konventionellen) Partizipationsformen wie der Wahlbeteiligung oder der Mitarbeit in einer Partei spielen insbesondere nicht institutionelle (unkonventionelle) Beteiligungsformen wie Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, Proteste und politisches Konsumverhalten bei jungen Menschen eine große Rolle. Manche Partizipationsformen setzen ein kontinuierliches Engagement voraus (z.B. Mitarbeit in einer Partei), andere kommen in punktuellen Aktionen zum Ausdruck. Bei letzteren geht es um politische Handlungen und Positionsbekundungen, die nur einen zeitlich begrenzten Aufwand erfordern und der Unterstützung oder Artikulation politischer Ziele dienen.

Tabelle 1: Politische Partizipation: Bereitschaften und Aktivitäten – insgesamt und bei politisch Interessierten, 18- bis 32-Jährige (in Prozent)

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 18- bis 32-jährige Befragte, N=7.900;

Frage: "Wenn Sie politisch in einer Sache, die Ihnen wichtig ist, Einfluss nehmen, Ihren Standpunkt zur Geltung bringen wollen: Welche der Möglichkeiten käme für Sie in Frage und welche nicht?" Für alle genannten Bereitschaften erfolgte dann die Nachfrage: "Welche der genannten Möglichkeiten, haben Sie schon einmal gemacht bzw. waren Sie schon einmal beteiligt?". Dargestellt sind die Anteile von "Kommt in Frage" und "Bereits gemacht" an allen Befragten.
Spalte "Insgesamt": bezieht sich auf alle Befragte.
Spalte "Sehr stark/stark politisch Interessierte": bezieht sich nur auf diejenigen Befragten, die ein sehr starkes oder starkes politisches Interesse äußern.

Betrachtet man zunächst die Handlungsbereitschaften, so steht die Beteiligung an Wahlen mit Abstand an erster Stelle der Partizipationsformen (vgl. Tabelle 1). Von nahezu allen jungen Menschen wird offensichtlich der Wahlgang als die wichtigste und selbstverständlichste Form demokratischer Beteiligung und politischer Einflussnahme angesehen (93%). Die Beteiligung an Unterschriftensammlungen steht an zweiter Stelle der in Betracht gezogenen Partizipationsformen (88%), gefolgt von der Bereitschaft, sich an genehmigten Demonstrationen (65%) und in Versammlungen an öffentlichen Diskussionen zu beteiligen (54%). Rund die Hälfte der 18- bis 32-Jährigen wäre zudem bereit, aus politischen, ethischen oder Umweltgründen Waren zu boykottieren (Boykott) oder zu kaufen (Buykott). Ebenso viele können sich vorstellen, bei einer Online-Protestaktion mitzumachen (50%). Auch eine eher politisch motivierte Mitarbeit in einer Bürgerinitiative ziehen fast zwei Fünftel (39%) in Erwägung. Die Mitarbeit in einer Partei findet sich demgegenüber weniger im Verhaltensrepertoire junger Menschen (22%). Im Vergleich zu den meisten anderen Formen ist die Bereitschaft, sich an politischen Aktionen zu beteiligen, die sich möglicherweise an der Legalitätsgrenze bewegen, gering. Nur 19% können sich vorstellen, an einer nicht genehmigten Demonstration teilzunehmen.


4) Unausgeschöpfte Engagementpotenziale

Betrachtet man die Handlungsbereitschaften im Vergleich zum tatsächlichen Handeln, so zeigt sich, dass außer bei der Beteiligung an Wahlen und Unterschriftensammlungen erhebliche Diskrepanzen zwischen Bereitschaften und ausgeübten Aktivitäten bestehen. Diese Diskrepanzen lassen sich mit in der Vergangenheit fehlenden Anlässen und Gelegenheitsstrukturen für ein konkretes politisches Handeln erklären. Sie verweisen aber auch auf hohe Engagementpotenziale bei jungen Menschen, deren Realisierung gezielt durch Politik und Praxis gefördert werden könnten. Die hohe Wahlbereitschaft von 94% sowie die hohe Wahlbeteiligung von 88% überraschen angesichts der objektiven Daten der Wahlstatistik, die bei Erst- und Jungwählern für die Bundestagswahl 2009 eine Wahlbeteiligung von 63% bzw. 59% konstatiert. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die in AID:A erfasste Wahlbeteiligung sich nicht auf eine bestimmte Wahl bezieht, sondern nur auf die Beteiligung bei mindestens einer (möglicherweise schon länger) zurückliegenden Wahl.

Auf mögliche Hemmnisse für die Realisierung von Engagementpotenzialen bzw. Verstärker der Wahrscheinlichkeit, dass aus Partizipationsbereitschaften tatsächliche Beteiligung entsteht, können Analysen aufmerksam machen, die die Bedeutung möglicher Einflussfaktoren wie dem politischen Interesse, dem Bildungsniveau, der Geschlechtszugehörigkeit und der Region auf die Ausübung unterschiedlicher Partizipationsformen untersuchen.

Es zeigt sich, dass politisch interessierte junge Menschen eine breite Palette von Partizipationsformen häufiger in Betracht ziehen und auch öfter ausgeübt haben als jene, die sich als politisch desinteressiert bezeichnen (vgl. Tabelle 1). Ebenso erhöhen hohe Bildungsressourcen die Wahrscheinlichkeit, ein breites Spektrum von politischen Aktivitäten ausgeübt zu haben. Geschlechtsspezifische Verhaltensprofile verdeutlichen die unterschiedlichen Zugangschancen von jungen Frauen und Männern: Parteiarbeit ist eher „Männersache“, ebenso das Mitdiskutieren in öffentlichen Versammlungen wie auch die Teilnahme bei Online-Protestaktionen. Interessant ist, dass sich junge Frauen häufiger an Unterschriftensammlungen sowie an Aktionen des politischen Konsums beteiligen. West- und ostdeutsche junge Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihres Partizipationsprofils kaum. Nur im Hinblick auf den politischen Konsum zeigt sich eine größere Zurückhaltung bei den jungen Menschen aus den ostdeutschen Bundesländern.


5) Mädchen und Jungen gleich stark engagiert in den Neuen Sozialen Bewegungen

In AID:A wurde Partizipation auch in eher informellen Gruppen der Neuen Sozialen Bewegungen, die spezifische soziale, politische und ökologische Probleme thematisieren und häufig mit Mitteln öffentlichen Protests agieren, erfasst. Aufgrund ihrer Inhalte, Aktionsorientierung und flexiblen Beteiligungsmöglichkeiten genießen derartige Gruppierungen gerade bei jungen Menschen hohe Sympathien; Sie bilden eigene Organisationsformen aus und grenzen sich bewusst von den in ihren Augen eher starren und formal-rationalisierten Organisationen wie Parteien oder Gewerkschaften ab.

In AID:A wurde nach der Beteiligung in fünf solcher Gruppen gefragt (vgl. Tabelle 2). Die Beteiligung von Jugendlichen, wie sie in aktiver Mitarbeit oder im Besuch von Veranstaltungen zum Ausdruck kommt, liegt bei 10% in den Stadtteil-/Nachbarschafts- oder anderen regionalen Initiativen, bei 5% in den Umweltschutzgruppen und bei 4% in den Menschenrechtsgruppen und Friedensinitiativen. Zwei bis vier Prozent der 13- bis 32-Jährigen engagieren sich im Kontext von Globalisierungskritikern. Für den zusammenfassenden Indikator „mindestens eine Aktivität/Teilnahme“ ergibt sich eine Aktivitätsquote von 17%. Für diese Engagementformen zeigen sich innerhalb der untersuchten Altersspanne von 13 bis 32 Jahren kaum Alterseffekte. Zum Teil sind hierbei die Jüngeren etwas stärker involviert als die Älteren.

In den informellen Gruppierungen sind junge Frauen und Männer gleichermaßen engagiert. Diese strukturierten, stärker an grundsätzlichen Idealen orientierten und weniger hierarchischen Gruppierungen schaffen offensichtlich bessere Zugangschancen für Mädchen und junge Frauen. Allerdings sind junge Menschen mit niedrigen Bildungsressourcen gegenüber denen mit mittleren Abschlüssen bzw. Abitur in diesem Engagementfeld weniger aktiv. Das politische Interesse hat zudem einen starken Einfluss auf die eher politisch motivierte Partizipation in den Neuen Sozialen Bewegungen. In allen Altersgruppen liegt das Engagement der politisch Interessierten deutlich über dem Durchschnitt (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Aktivität/Teilnahme in informellen Gruppen (in Prozent)

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 13- bis  32-Jährige; N=10.729;

Frage: "Ich lese Ihnen nun eine Reihe von Gruppen und Organisationen vor. Sagen Sie mir bitte, ob Sie zurzeit bei einer solchen Organisation aktiv mitarbeiten, ob Sie ab und zu an einem Treffen bzw. an einer Veranstaltung teilnehmen oder ob Sie nicht mitmachen." Für die Darstellung werden die Kategorien "arbeite aktiv mit" und "nehme ab und zu an einer Veranstaltung teil" zusammengefasst.

* Werte beziehen sich nur auf diejenigen Befragten, die ein sehr starkes oder starkes politisches Interesse äußern.



6) Hohe Bedeutung des Vereinsengagements bei jungen Menschen

Zu den „klassischen“ Formen zivilgesellschaftlichen Engagements gehören die Mitgliedschaften bzw. Aktivitäten in Vereinen oder Verbänden. In AID:A ist die Mitgliedschaft in den verschiedenen Vereinen erfasst worden und unabhängig davon auch die Aktivität. 95% der in mindestens einer Organisation Aktiven sind auch in mindestens einer Organisation Mitglied. Dementsprechend ist  Vereinsengagement auch ohne Mitgliedschaft anzunehmen. Um das verbandliche Engagement junger Menschen möglichst umfassend darzustellen, betrachten wir daher im Folgenden nicht nur die aktiven Mitglieder, sondern alle in Vereinen aktiven jungen Menschen.

Tabelle 3: Aktivität in Vereinen nach Altersgruppen (in Prozent)

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 13- bis  32-Jährige; N=10.729;
Frage: "Ich lese Ihnen nun eine Reihe von Vereinen und Gruppen vor. Sagen Sie mir bitte jeweils, ob Sie dort aktiv sind oder nicht."
*) Prozentwerte beziehen sich nur auf diejenigen Befragten, die ein sehr starkes oder starkes politisches Interesse äußern.

Der Sportverein spielt innerhalb des Vereinsspektrums bei jungen Menschen die größte Rolle. Dies entspricht auch den Ergebnissen bisheriger empirischer Jugendstudien und Studien zum Freiwilligen Engagement (vgl. Gaiser/de Rijke 2006, 2008; Gensicke/Geiss 2010; vgl. Tabelle 3). Die Kombination von gemeinsamem Spiel, körperlicher Ertüchtigung, geregeltem Wettbewerb und Verantwortungsübernahme spielt für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen eine große Rolle. In der 2. World Vision Kinderstudie wurde das Engagement in Sportvereinen von Kindern im Alter von 6 bis 11 Jahren untersucht. 62% waren regelmäßig in Sportvereinen aktiv, wobei sich mit höherem Lebensalter eine Zunahme zeigte (vgl. Leven/Schneekloth 2010, S. 104). Bezieht man sich mit AID:A auf die Altersgruppe der 13- bis 32-Jährigen, erkennt man im Alter von 13 bis 15 Jahren das Maximum des Engagements in Sportvereinen mit 66%. Mit dem Älterwerden nimmt die Beteiligung dann wieder ab.

Tabelle 4: Aktivität in Vereinen nach Geschlecht, 13-32 Jahre (in Prozent)

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 13- bis 32-Jährige; N=10.729;
Frage: "Sagen Sie mir bitte, ob Sie in den folgenden Vereinen oder Verbänden aktiv sind."
*) Befragte ab 18 Jahre.

Ein abnehmendes Engagement mit zunehmendem Alter lässt sich ebenfalls für die beiden Aktivitätsbereiche kulturelle Vereine (wie Gesangs- und Musikvereine oder Theatergruppen) und kirchliche/religiöse Gruppen finden. Beide Beteiligungsformen werden häufiger von Jugendlichen ausgeübt, die noch zur Schule gehen. Kulturelle Aktivitäten werden im Rahmen schulischer Fächer und Interessen möglicherweise verstärkt. Auch Kommunion und Konfirmation führen insbesondere bei den jüngeren Befragten zu einer stärkeren Einbindung von Jugendlichen und deren Familien in kirchliche Aktivitäten.

Deutlich geringere Aktivitätsquoten und auch keine so ausgeprägten Alterseffekte zeigen sich z.B. für die Beteiligung bei der Freiwilligen Feuerwehr, in Heimatvereinen, politischen Parteien und Bürgerinitiativen. Die Beteiligung in Gewerkschaften und Berufsverbänden spielt für junge Menschen erst dann eine Rolle, wenn sie selbst in Ausbildung oder erwerbstätig sind – hier nimmt die Beteiligung mit steigendem Lebensalter zu. Ein ähnlicher Lebensalterseffekt zeigt sich auch für die Kategorie „anderer Verein/Verband“. Mit einer Aktivitätsquote von 13% spielt diese Restkategorie eine beträchtliche Rolle und verweist darauf, dass die in der Abfrage ausdrücklich genannten verbandlichen Engagementbereiche nicht das vielfältige Gesamtspektrum der für junge Menschen wichtigen gesellschaftlichen Aktivitätsfelder abdecken.

Einen Gesamteindruck zur Aktivitätsentwicklung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen vermittelt der Anteil derjenigen, die in mindestens einer Organisation aktiv sind: 66% der 13- bis 32-Jährigen sind mindestens in einem Verein aktiv (vgl. Tabelle 3). Einen kontinuierlichen Rückgang in der Aktivitätsquote von 82% auf 62% gibt es innerhalb der Altersspanne von 13 bis 23 Jahren. Ab dann liegt der Anteil der Aktiven stabil bei ca. 60%.

Hinsichtlich der Beteiligung von jungen Frauen und Männern zeigen sich in AID:A die bekannten geschlechtsspezifischen Muster: Mädchen und junge Frauen sind weniger häufig aktiv in einem Verein oder Verband. 61% der jungen Frauen, aber 70% der jungen Männer sind mindestens in einem Verein oder Verband aktiv (vgl. Tabelle 4). Mädchen und junge Frauen sind in Sportvereinen, in Heimat- und Schützenvereinen und bei der Freiwilligen Feuerwehr seltener aktiv. In „kirchlichen/religiösen Gruppen“ sowie in kulturellen Vereinen und Verbänden wie „Gesangs- oder Musikverein, Theatergruppe o.ä.“ sind dagegen die weiblichen Befragten häufiger engagiert. Die gegebenen Strukturen und Verfahrensweisen unterstützen wohl immer noch Prozesse der Geschlechtersegregation, die dazu führen, dass Mädchen und junge Frauen hier weniger vertreten sind.

In den ostdeutschen Bundesländern sind nach wie vor weniger junge Menschen in Vereine und Verbände eingebunden: 67% der 13- bis 32-Jährigen in Westdeutschland und nur 59% in Ostdeutschland sind mindestens in einem Verein aktiv (vgl. Tabelle 5). Dass es in den neuen Bundesländern insgesamt ein geringeres Aktivitätsniveau gibt, liegt an der nach wie vor geringeren Verbreitung dieser Vereinigungen, Verbände und Organisationen sowie möglicherweise an Vorbehalten gegenüber diesen Institutionen. Die geringere Beteiligung junger Ostdeutscher ist vor allem im Sportbereich und bei den kulturellen Vereinen zu finden, nicht dagegen bei der Freiwilligen Feuerwehr und den Rettungsdiensten.


Tabelle 5: Aktivität in Vereinen nach Region, 13-32 Jahre* (in Prozent)

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 13- bis 32-Jährige; N=10.729;
Frage: "Sagen Sie mir bitte, ob Sie in den folgenden Vereinen oder Verbänden aktiv sind."
*) Befragte ab 18 Jahre.

Nicht nur strukturelle Faktoren haben Einfluss auf die soziale Partizipation junger Menschen. Es spielen auch subjektive Orientierungen wie das politische Interesse eine Rolle. Politisch Interessierte zeigen in allen Altersgruppen ein höheres Aktivitätsniveau als der Durchschnitt der Befragten (vgl. Tabelle 5). Dabei könnte politisches Interesse als motivationaler Faktor soziale Partizipation verstärken. Aber auch die umgekehrte Wirkungsrichtung wäre plausibel: Engagement in Vereinen fördert das Interesse an öffentlichen Belangen.

Das Bildungsniveau als Indikator für kulturelles Kapital hat einen entscheidenden Einfluss auf das Ausmaß, in dem sich junge Menschen in Vereinen oder Verbänden engagieren. Mit steigender Bildung ergeben sich in der Regel höhere Beteiligungsquoten (vgl. Tabelle 6). Besonders deutlich ist dieser Bildungseffekt bei den Sportvereinen und den kulturellen Vereinen. Bei den Gewerkschaften und Berufsverbänden, den Heimat-, Bürger- und Schützenvereinen und bei der Freiwilligen Feuerwehr sind die 13- bis 32-Jährigen hingegen mit maximal mittlerem Bildungsabschluss überrepräsentiert.

Tabelle 6: Aktivität in Vereinen nach Bildungsniveau, 13-32 Jahre* (in Prozent)

Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 13- bis 32-Jährige; N=10.729;
Frage: "Sagen Sie mir bitte, ob Sie in den folgenden Vereinen oder Verbänden aktiv sind."
*) Befragte ab 18 Jahre.

Deutlich wird, dass eine bestimmte Altersgruppenzugehörigkeit, höhere Bildungsressourcen, die männliche Geschlechtszugehörigkeit sowie motivationale Faktoren wie das politische Interesse eine Integration in Vereine und Verbände erleichtern. Es wird aber auch das Problem sichtbar, dass intermediäre Organisationen insgesamt (Vereine, Neue soziale Bewegungen oder Nicht-Regierungsorganisationen) eher junge Menschen erreichen, die sich im Hinblick auf ihre Ressourcenausstattung und ihre soziale Integration in einer eher privilegierten Lage befinden.


7) Engagierte Jugendliche nutzen das Internet genauso wie nicht Engagierte

Die Befunde sind eindeutig: Das Internet mit seinen Möglichkeiten der Information, Kommunikation und Produktion ist selbstverständlicher Teil der Alltagswelt Heranwachsender geworden. Über 80% aller 13- bis 20-Jährigen besitzen einen eigenen Computer, über 90% nutzen diesen ständig oder oft. Fast alle haben Zugang zum Internet und 13% der Jugendlichen nutzen es länger als vier Stunden am Tag. 90% verfügen über (mindestens) einen Account bei den Sozialen Online-Netzwerken. Mit den technischen Möglichkeiten des sogenannten Web 2.0 kann die einseitige Konsumentenrolle verlassen werden, und es können ohne großen Aufwand eigene Inhalte produziert und weltweit verbreitet werden. Damit ist das Internet nicht nur ein alle bekannten Medien integrierendes Meta-Medium, sondern es scheinen sich auch bereits in den 1970er und 1980er Jahren erhobene Forderungen nach einer stärkeren Nutzerbeteiligung an der Gestaltung medialer Inhalte zu erfüllen.

Das Projekt Jugendliche Aktivitäten im Wandel. Gesellschaftliche Beteiligung und Engagement in Zeiten des Web 2.0 des Forschungsverbundes Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund hat sich mit der Frage beschäftigt, welche Einflüsse die Veränderungen in der digitalen Welt auf die Partizipationsbereitschaft Jugendlicher haben. Dabei ging es in erster Linie darum, ob die Beschäftigung mit den vielfältigen Möglichkeiten des Netzes eher vom Engagement im sozialen oder politischen Bereich ablenkt oder aber, ob sich mit dem Internet neue Möglichkeiten gesellschaftlicher Partizipation für Jugendliche ergeben.

Fasst man die Ergebnisse der Studie zusammen, dann lässt sich sagen, dass das Internet zum alltäglichen Handwerkszeug für Jugendliche geworden ist, welches ihnen nicht nur zur Freizeitgestaltung, zur Kommunikation mit Freunden und bei der Bewältigung schulischer Aufgaben nützlich ist, sondern sie auch im freiwilligen sozialen oder politischen Engagement unterstützt. Negative Effekte einer verstärkten Internetnutzung auf die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement konnten nicht festgestellt werden. Engagierte, aktive und nicht aktive Jugendliche zeigen ein hochgradig ähnliches Verhalten hinsichtlich ihrer Internetnutzung. Dies betrifft ihr Kommunikationsverhalten ebenso wie ihre Nutzung von Informations- und Unterhaltungsangeboten. Jugendliche, die sich stark mit elektronischen Medien beschäftigen, sind im gleichen Maße freiwillig engagiert wie diejenigen, die eher geringes Interesse an elektronischen Medien haben (je 34%). Auch hinsichtlich der Dauer und der Intensität der Internetnutzung sowie den Einstellungen zum Netz gibt es kaum Unterschiede. Das Internet ist ein geeignetes Mittel, Interessen zu formulieren, diesen nachzugehen und diese auch durchzusetzen. Es erweitert den Möglichkeitsraum der Jugendlichen, wobei die Unterscheidung zwischen virtueller und nicht-virtueller Welt kaum eine Rolle spielt. Der Zugriff auf das Internet ist hochgradig selektiv und seine Möglichkeiten werden pragmatisch genutzt.

Neben diesen eher allgemeinen Befunden zeigen sich Unterschiede im Nutzerverhalten und in den Einstellungen zum Netz, die stark mit Bildung und Geschlecht zusammenhängen, zum Teil aber auch mit dem Alter der Befragten.

Abbildung 6: Nutzung des Internets im freiwilligen Engagement nach Altersgruppen
(Engagierte, in Prozent)

**) Alle Items, p<0,01; Quelle: Freiwilligensurvey 2009; N=7.157; eigene Berechnung.

Nach den Daten des Freiwilligensurveys wird das Netz am stärksten von älteren Jugendlichen (20 bis 24 Jahre) genutzt, und sogar die 45- bis 54-jährigen Erwachsenen nutzen es häufiger als die jüngeren Jugendlichen (vgl. Abbildung 6). Blickt man auf diese Alterseffekte, dann muss berücksichtigt werden, dass die in der AID:A-Zusatzerhebung Engagement 2.0 untersuchte Gruppe der 13- bis 20-Jährigen nicht die Altersgruppe mit der höchsten Internetnutzung im Rahmen des freiwilligen Engagements ist.

Tabelle 7: Adressatenkreise der Netzaktivitäten nach Altersgruppen
(Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren, Angaben in Prozent)

Quelle: AID:A-Zusatzerhebung Engagement 2.0, 2010; N=988.

Mit dem Alter wächst das Interesse an Politik und der Adressatenkreis der jugendlichen Netzaktivitäten erweitert sich. Zu diesen Aktivitäten gehören beispielsweise das Schreiben von E-Mails, das Betreiben einer eigenen Homepage, eines eigenen Blogs, das Einstellen von Musik und Videos ins Netz oder das Verfassen von Beiträgen in Foren. Auf die Frage, an wen sich diese Aktivitäten richten, antworteten ca. 62% der 13- bis 14-jährigen: an „Menschen, die an gleichen Themen interessiert sind“. Bei den 15- bis 17-Jährigen sind dies schon ca. 67% und bei den 18- bis 20-Jährigen sogar 70%. Ähnliche Steigerungen gibt es bei „Menschen, die sich für eine gemeinsame Sache einsetzen“ als Zielpersonen (13- bis 14-Jährige: ca. 40%; 15- bis 17-Jährige: ca. 43%; 18- bis 20-Jährige: ca. 48%) sowie bei „wichtigen Personen in Politik, Kultur oder Gesellschaft“ (13- bis 14-Jährige: ca. 7%; 15- bis 17-Jährige: ca. 9%; 18- bis 20-Jährige: ca. 14%) (vgl. Tabelle 7).

Generell ist die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement in der mittleren Altersgruppe am größten. Laut AID:A-Zusatzerhebung Engagement 2.0 gibt jede/r vierte 15- bis 17-Jährige an, freiwillig und unentgeltlich in einer Organisation tätig zu sein. In der Altersgruppe der 13- bis 14-Jährigen sind dies etwa 21% und bei den 18- bis 20-Jährigen ca. 20%. Dieses Ergebnis wird von anderen Studien (vgl. z.B. Düx/Prein/Sass u.a. 2008, S. 40ff.) bestätigt, wonach ein erstes Engagement in der Regel im Alter von 13 bis 14 Jahren aufgenommen wird, die Engagementbereitschaft sich dann stabilisiert, um nach Abschluss der Schulzeit und mit der Aufnahme einer Berufsausbildung oder eines Studiums wieder zurückzugehen (vgl. auch Kapitel 6).

Dagegen nimmt das Politikinteresse mit dem Alter kontinuierlich zu. In der AID:A-Zusatzerhebung Engagement 2.0 lassen sich grundsätzlich insgesamt ca. 15% (n=146) aller befragten Jugendlichen als „politikinteressierte Internetnutzer/innen“ bezeichnen. Diese Gruppe wurde aus Jugendlichen gebildet, die (vgl. Abbildung 7) mindestens eine der Aussagen zu politischen Aktivitäten im Internet (z.B. Online-Petition unterschreiben, an einer Mailing-Aktion teilnehmen, durch Massenmails eine Website blockieren) positiv beantwortet haben, und die zudem bekunden, dass es bei den persönlichen Internetaktivitäten auch um „wichtige politische und gesellschaftliche Fragen“ geht. In der Teilgruppe der 13- bis 14-Jährigen beträgt der Anteil der Politikinteressierten 7%, bei den 15- bis 17-Jährigen ca. 13% und bei den 18- bis 20-Jährigen schon etwa 23%.

Abbildung 7: Politische Aktivitäten im Internet nach Altersgruppen

Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren (Angaben in Prozent)

Quelle: AID:A-Zusatzerhebung Engagement 2.0; 2010; N=1.049.

Blickt man auf einzelne politische Netzaktivitäten, dann zeigt sich, dass insbesondere das Unterschreiben von Online-Petitionen, die Teilnahme an Mailing-Aktionen etc. oder die Unterstützung von Online-Wahlkämpfen bei älteren Jugendlichen verbreiteter sind. Nur an Flashmobs etc. nimmt die mittlere Gruppe häufiger teil (vgl. Abbildung 7).

Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse, dass das Internet für Jugendliche längst kein „neues“ Medium mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Sie nutzen es – ihren Interessen und Kompetenzen entsprechend – auch im Rahmen eines freiwilligen Engagements (vgl. Abbildung 6) oder bei politischen Beteiligungsaktionen. Das Netz erweitert den Raum der Möglichkeiten, beschleunigt Kommunikations- und Organisationsprozesse und ermöglicht internationale Kontakte. Bei näherem Hinsehen sind auch die „neuen“ Formen internetgestützter Aktivitäten im politischen Bereich (vgl. Abbildung 7) nicht neu. Massenschreiben, Petitionen, Sit-Ins, Blockaden etc. sind nicht erst seit gestern Aktionsformen politischer Protestbewegungen. Die neue Qualität des Internets ist eigentlich eine Quantität. Mit seiner Hilfe können mehr Menschen schneller an den unterschiedlichsten Orten erreicht werden. Dies vereinfacht auch Jugendlichen den Zugang zu politischen Diskussionen und Bewegungen. Hier darf jedoch vermutet werden, dass diese in der Regel nicht von 13- bis 20-Jährigen, sondern von älteren Jugendlichen oder Erwachsenen initiiert werden.


8) Seit 1990 soziale Partizipation stabil auf hohem Niveau bei Zunahme politischer Partizipation

Abschließend werden das politische Interesse sowie die drei Partizipationsformen Mitgliedschaft in Vereinen, Mitarbeit in informellen Gruppierungen und Ausübung punktueller politischer Aktivitäten im zeitlichen Wandel betrachtet. Mit den Daten von AID:A und den drei Wellen des DJI-Jugendsurvey lassen sich Entwicklungstrends sozialer und politischer Partizipation bei jungen Menschen zwischen 1992 und 2009 analysieren.

Das politische Interesse, das eine wichtige Voraussetzung für politische Partizipation ist, hat bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 2003 und 2009 deutlich zugenommen.

Während im Jahr 2003 nur 22% der Befragten sehr stark beziehungsweise stark an Politik interessiert waren, sind es 2009 bereits 34% (vgl. Abbildung 8). Der Zuwachs im politischen Interesse spiegelt sich auch im gestiegenen Aktivitätsniveau wider. So ist die Teilnahme im Bereich der verfassten politischen Partizipation, d.h. zur Wahl gegangen zu sein oder in einer Partei mitgearbeitet zu haben, deutlich angestiegen. Noch stärker ist allerdings der Bedeutungszuwachs bei den protestorientierten Aktivitäten wie die Teilnahme an Demonstrationen, Unterschriftensammlungen oder Bürgerinitiativen. Während 1992 nur 50% der 18- bis 29-Jährigen mindestens eine protestorientierte Partizipationsform ausgeübt hatten, waren es 2009 bereits 83%. Das Engagement in den Neuen Sozialen Bewegungen ist vom Gesamtumfang zwar nicht sehr hoch, aber in bestimmten Bereichen zunehmend.

Zusammenfassend ergibt der Zeitvergleich für die verschiedenen Partizipationsformen junger Menschen ein stabiles und zum Teil sogar steigendes Beteiligungsprofil. Dabei bleiben die Ost-West-Differenzen im Hinblick auf die soziale Partizipation erhalten: Die jungen Menschen in den neuen Bundesländern sind gegenüber denjenigen in den alten Bundesländern im intermediären System deutlich unterrepräsentiert. Die stärkere politische Mobilisierung der jungen Ostdeutschen, die auch noch nach der Wende sichtbar war und in einer höheren Bereitschaft zur Beteiligung an Demonstrationen zum Ausdruck kam, ist heute nicht mehr vorhanden. Es ist in dieser Hinsicht zu einer weitgehenden Angleichung in der politischen Beteiligung Jugendlicher und junger Erwachsener in den westdeutschen und ostdeutschen Bundesländern gekommen.

Abbildung 8: Entwicklungstrends: Politisches Interesse, Partizipation und Aktivitäten bei 18- bis 29-Jährigen, 1992-2009 (in Prozent)

Quelle: DJI-Jugendsurvey 1992, 1997, 2003 (gewichtet) und AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 18- bis 29-jährige Befragte mit deutscher Staatsangehörigkeit; N=22.449;

Verfasste politische Partizipation (mindestens 1 Aktivität): Bereits an Wahlen teilgenommen oder in einer Partei mitgearbeitet.

Protestaktivität (mindestens 1 Aktivität): Bisher an (genehmigten oder nicht-genehmigten) Demonstrationen oder an Unterschriftensammlungen oder an einem Boykott teilgenommen.

Zum Indikator "mind. 1 Mitgliedschaft": Da in den DJI-Jugendsurveys die Befragten zunächst nach ihren Mitgliedschaften in verschiedenen Vereinen/Verbänden gefragt wurden und in einem zweiten Schritt nur die Mitglieder weiter befragt wurden, ob sie dort aktiv sind – in AID:A war die Reihenfolge dieser Abfrage umgekehrt: erst wurde die Aktivität in Vereinen erhoben und bei den Aktiven dann die Nachfrage nach einer Mitgliedschaft vorgenommen – wird hier für einen Zeitvergleich auf die Mitgliedschaft Bezug genommen.

Politisches Interesse: Zusammenfassung der Befragten, die sich sehr stark oder stark für Politik interessieren (5-stufige Skala: sehr stark/stark/mittel/wenig/überhaupt nicht).

Mindestens 1 Aktivität (Umwelt, Frieden, Menschenrechte): Aktivität/Teilnahme an Umweltschutz-, Friedensinitiativen, Menschenrechtsgruppen oder Bürgerinitiativen.


Fazit

Die etablierte Politik ist für junge Menschen in ihrer subjektiven Wahrnehmung ein peripherer Lebensbereich. Dennoch ist das Bewusstsein für staatliche Steuerungsnotwendigkeiten angesichts komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen (Finanzkrise, Arbeitsmärkte, Umweltprobleme, Demokratiebewegungen) gestiegen. Auch mit der Bildungsexpansion hat das Interesse jüngerer Menschen an Politik zugenommen. Während es im Zeitverlauf zu ausgeprägten Schwankungen im politischen Interesse kommt, bleiben die Differenzen der politischen Interessiertheit bei den verschiedenen Alters- und Bildungsgruppen erhalten: Jüngere und Jugendliche mit niedrigen Bildungsabschlüssen sind weniger politisch interessiert als die Älteren und Höhergebildeten. Ob das gestiegene politische Interesse als Hinweis auf eine mögliche Repolitisierung der Jugendlichen in Deutschland verstanden werden kann, lässt sich noch nicht sagen. Auch die Autorengruppe der 16. Shell-Jugendstudie bleibt in der Interpretation ihrer Ergebnisse vorsichtig: Die Jugendlichen seien zwar politikverdrossen und politikdistant, wären aber dennoch bereit, an politischen Aktionen teilzunehmen. Große, aber ebenfalls etwas unbestimmte Bedeutung messen die Shell-Autoren dabei dem Internet mit seinen verschiedenen „social media“ bei. Das Fazit schließlich lautet, dass eine Repolitisierung von Jugendlichen „vor allem über prinzipiell nicht vorhersehbare Protestbewegungen“ möglich erscheine (vgl. Albert/Hurrelmann/Quenzel 2010, S. 49f.).

Die zunehmende Beschäftigung Jugendlicher und junger Erwachsener mit dem Internet gerät unseren Ergebnissen zufolge nicht in Konkurrenz zur sozialen und politischen Partizipation: Das Internet wird sowohl für private Kommunikation und Information wie auch als unterstützendes Medium politischer oder sozialer Engagementformen genutzt.

Die Entwicklungstrends zur sozialen und politischen Partizipation in den letzten zwei Jahrzehnten geben weiterhin keinen Anlass zu der Besorgnis, dass die jungen Menschen sich zunehmend aus den gesellschaftlichen Institutionen und Mitbestimmungsstrukturen zurückziehen würden. So hat das Engagement in Vereinen und Verbänden eine unverändert hohe Bedeutung. Der Stellenwert der politischen Partizipation in Form von punktuellen Aktionen bleibt zentral. Hier zeigt sich sogar ein kontinuierlicher Anstieg insbesondere im Hinblick auf protestorientierte Aktionen. Auch beim Engagement in den Neuen Sozialen Bewegungen, das häufig auf spezifische Themen ausgerichtet, anlassbezogen und zeitlich begrenzt ist, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass diese Beteiligungsform an Bedeutung verliert.

Die verschiedenen Partizipationsformen werden von den jungen Menschen dabei nicht als zeitlich, formal oder inhaltlich konkurrierend oder einander ausschließend erlebt. Vielmehr kommt es eher zu einer gegenseitigen Verstärkung: Beteiligungserfahrungen, die aus der Mitarbeit in Vereinen und Verbänden erwachsen, werden auf andere Bereiche übertragen und umgekehrt.

Die Entwicklung der verschiedenen Partizipationsformen bei jungen Menschen bietet keinen Anlass für negative Zukunftsszenarien, die eine zunehmende Abkehr der Jugend von Gesellschaft und Politik heraufbeschwören. Die nach wie vor deutliche Abhängigkeit der Beteiligung junger Menschen von Faktoren wie Lebenslage, kulturellen Ressourcen, Geschlechtszugehörigkeit, Migrationshintergrund und Regionszugehörigkeit verweist aber darauf, dass nicht alle jungen Menschen ihre Chancen zu partizipieren in gleichem Umfang wahrnehmen (können). Mit Engagementerfahrungen gehen jedoch eine stärkere Orientierung an öffentlichen Belangen und positive Erlebnisse von Selbstwirksamkeit sowie Lern- und Kompetenzgewinnen einher.

Autorin/Autoren: Maik-Carsten Begemann, Manfred Bröring, Wolfgang Gaiser, Martina Gille, Erich Sass

Literatur

Albert, Mathias/Hurrelmann, Klaus/Quenzel, Gudrun (2010): Jugend 2010: Selbstbehauptung trotz Verunsicherung? In: Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich. Frankfurt am Main, S. 37-51

Almond, Garbriel A./Verba, Sidney (1963): The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations. Princeton

Düx, Wiebken/Prein, Gerald/Sass, Erich/Tully, Claus J. (2008): Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter, Wiesbaden

Gaiser, Wolfgang/de Rijke, Johann (2006): Gesellschaftliche und politische Beteiligung. In: Gille, Martina/Sardei-Biermann, Sabine/Gaiser, Wolfgang/de Rijke, Johann: Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland. Lebensverhältnisse, Werte und gesellschaftliche Beteiligung 12- bis 29-Jähriger. Schriften des Deutschen Jugendinstituts: Jugendsurvey 3. Wiesbaden, S. 213-275

Gaiser, Wolfgang/de Rijke, Johann (2008): Partizipation im Wandel? Veränderungen seit Beginn der 1990er Jahre. In: Gille, Martina (Hrsg.): Jugend in Ost und West seit der Wiedervereinigung. Ergebnisse aus dem replikativen Längsschnitt des DJI-Jugendsurvey. Jugendsurvey 4. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 237-268

Gaiser, Wolfgang/Gille, Martina/de Rijke, Johann (2006): Politische Beteiligung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In: Hoecker, Beate: Politische Partizipation zwischen Konvention und Protest. Eine studienorientierte Einführung. Opladen, S. 211-234

Gensicke, Thomas/Geiss, Sabine (2010): Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004 – 2009. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. München Download

Hoffmann-Lange, Ursula/Gille, Martina, 2008: Jugend und Politik. In: Andersen, Uwe/Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 6. Auflage. Wiesbaden, S. 295-300

Kaase, Max (2002): Politische Beteiligung. In: Greiffenhagen, Martin/Greiffenhagen, Sylvia (Hrsg.): Handwörterbuch zur politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden, S. 349-363

Keane, John (2009): The Life and Death of Democracy. London/New York

Leven, Ingo/Schneekloth, Ulrich (2010): Die Schule: Frühe Vergabe von Lebenschancen. In: Hurrelmann, Klaus/Andresen, Sabine/TNS Infratest Sozialforschung (Hrsg.): Kinder in Deutschland 2010. 2. World Vision Kinderstudie. Frankfurt am Main, S. 161-186

Roth, Roland (2011): Wieso ist Partizipation notwendig für die Zukunftsfähigkeit der Kommunen? BBE-Newsletter5/2011, Gastbeitrag Download

Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend und Politik: Aktuelle Entwicklungstrends und Perspektiven. In: Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich. Frankfurt am Main, S. 129-164

Links
DJI-Survey: AID:A – Kompetenzteam Jugend  
DJI-Jugendsurvey
DJI-Projekt: Jugendhilfe und sozialer Wandel - Leistungen und Strukturen (Partizipation)
DJI/TU-Projekt: Jugendliche Aktivitäten im Wandel. Gesellschaftliche Beteiligung und Engagement in Zeiten des Web 2.0
Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund
DJI Online Thema 2011/01: Perspektiven für ein kindergerechtes Deutschland
DJI Online Gespräch Juni 2011 mit Lutz Stroppe, Leiter der Abteilung 5 „Kinder und Jugend“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Eigenständige Jugendpolitik – geht das?

Kontakt
Martina Gille (DJI)


DJI Online / Stand: 15. August 2011

Letzte Änderung: 20.01.2016 16:19 Uhr