
Wie wird Familie von den einzelnen Familienmitgliedern gelebt und erlebt? Wie ist das Passungsverhältnis von Familienstruktur, Familiengröße und der sozialen Umwelt? Welche Faktoren ermöglichen ein mehr oder weniger gelingendes Familienleben? DJI Online stellt Antworten auf diese und weitere Fragen sowie die Ergebnisse der Studie im aktuellen Themenschwerpunkt "Der Alltag von Mehrkinderfamilien - Ressourcen und Bedarfe" vor.
Nur 15 Prozent der 20- bis 39-jährigen Frauen und Männer in Deutschland würden sich eine Mehrkinderfamilie wünschen. Über die Hälfte orientiert sich an der Zwei-Kind-Familie als Norm. Tatsächlich liegt der Anteil der Familien mit drei Kindern derzeit in Deutschland bei 10,6 Prozent (West) bzw. 7,5 Prozent (Ost). Vier-Kind-Familien bilden mit 3,3 Prozent (West) bzw. 2,1 Prozent (Ost) allerdings die Ausnahme.
Begünstigende Faktoren für die Gründung einer kinderreichen Familie sind eine stabile Partnerschaft, eine aktiv gelebte Religiosität und die eigene Erfahrung des Aufwachsens mit mehreren Geschwistern. Der Großteil der Eltern in Mehrkinderfamilien hat sich schon vor der Heirat für eine große Familie ausgesprochen und ist bereit, Einschränkungen bezüglich finanzieller und zeitlicher Flexibilität in Kauf zu nehmen. In 15 bis 35 Prozent der Familien - die Schätzungen differieren je nach Quelle - waren die dritten und vierten Kinder eher nicht geplant.
Als Hauptgründe, die nach dem zweiten Kind gegen eine weitere Familienerweiterung sprechen, nennen Eltern am häufigsten, dass die ideale Kinderzahl schon erreicht sei (50 Prozent) und dass ein weiteres Kind eine große finanzielle Belastung wäre (36 Prozent). 22 Prozent der Paare wollen sich Freiräume erhalten und 19 Prozent sehen Nachteile für ihre berufliche Entwicklung.
Die meisten Kinder haben im Durchschnitt verheiratete Frauen mit niedrigem Bildungsstatus. Allerdings gibt es unter den Eltern mit drei Kindern auch eine relativ große Gruppe mit hohem Bildungsstatus: Bei 28 Prozent der Paare mit drei Kindern hat mindestens einer der Partner das Abitur; in 17 Prozent der Familien dieser Größe haben sogar beide Partner eine Hochschulzugangsberechtigung.
Die Arbeitsteilung der Eltern in Bezug auf Erwerbsleben, Haushalt, Kinderbetreuung und Erziehung ist in Mehrkinderfamilien deutlich traditioneller als in Ein- und Zweikinderfamilien. Kinder mit vielen Geschwistern sind früher selbstständig und unternehmen mehr allein als Kinder in kleineren Familien. Gleichzeitig helfen sie öfter im Haushalt und bei der Betreuung von Geschwistern. Gegenüber Einkindfamilien bleiben die Eltern in Mehrkinderfamilien beim Spielen eher außen vor. Durchschnittlich betrachtet ist der Bildungserfolg von Kindern mit vielen Geschwistern geringer als in kleineren Familien.
Mehrkinderfamilien sind häufiger im Westen als im Osten Deutschlands anzutreffen. Während Mehrkinderfamilien ohne Migrationshintergrund überwiegend in eher ländlichen Gebieten wohnen, leben kinderreiche Familien mit Migrationshintergrund häufiger in städtischen Regionen. Der Anteil von Mehrkinderfamilien ist bei Familien mit Migrationshintergrund deutlich höher. In der Tendenz findet aber eine Anpassung an das generative Verhalten der deutschen Familien statt.
Es gibt spezifische Konstellationen von Mehrfachbelastungen, die Mehrkinderfamilien erheblich überfordern können. Dazu zählen die junge, bildungsschwache, ressourcenarme Mehrkinderfamilie, die Mehrkinderfamilie in ressourcenarmen Wohngegenden, die Patchwork-Mehrkinderfamilie sowie die große Einelternfamilie.
In Deutschland sind kinderreiche Familien ökonomisch deutlich schlechter gestellt als der Durchschnitt der Bevölkerung. Sie tragen auch ein höheres Risiko, in eine finanziell schwierige Lage zu geraten als kleinere Familien oder Mehrkinderfamilien in anderen europäischen Ländern. Dies unterstreichen auch die Aussagen von Erich Stutzer, Leiter der FaFo FamilienForschung Baden-Württemberg (im Statistischen Landesamt). Er beschreibt im DJI-Gastbeitrag die ökonomische Situation von Mehrkinderfamilien am Beispiel Baden-Württembergs, wo der Anteil kinderreicher Familien in den letzten 30 Jahren um nahezu 40 Prozent zurückgegangen ist und beklagt, dass es in Deutschland - anders als beispielsweise beim Familiensplitting in Frankreich - außer den Freibeträgen für Kinder, keine weiteren speziellen Komponenten zur steuerlichen Förderung kinderreicher Familien gibt.
DJI Online / Stand: 1. März 2010
Blick von außen II
von Erich Stutzer, FamilienForschung Baden-Württemberg
„Die ökonomische Situation von Mehrkinderfamilien am Beispiel Baden-Württembergs“ von Erich Stutzer, FamilienForschung Baden-Württemberg
„Die ökonomische Situation von Mehrkinderfamilien am Beispiel Baden-Württembergs“
Familienpolitische Themen stehen heute im Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Während die steigende Kinderlosigkeit und die geringen Geburtenziffern landauf, landab diskutiert werden, findet das Thema „Kinderreiche Familien“ in der öffentlichen und auch in der wissenschaftlichen Diskussion bisher kaum Beachtung. Dabei ist der Geburtenrückgang in Deutschland weniger durch die zunehmende Kinderlosigkeit als durch den Rückgang von Familien mit drei oder mehr Kindern bedingt. In Baden-Württemberg ist der Anteil kinderreicher Familien in den letzten 30 Jahren um nahezu 40 Prozent zurückgegangen und liegt heute bei 15 Prozent (bundesweit 15 Prozent)
Bildungsarmut führt zu Einkommensarmut
Die ökonomische Situation von Mehrkinderfamilien ist häufig belastet. Dieses ist vielfach auf die Bildungsarmut der Eltern in diesen Familien zurückführen. Während Eltern mit einem, zwei oder drei Kindern ein relativ hohes Bildungsniveau haben und nur ein geringer Anteil über keinen Bildungsabschluss verfügt, sind Eltern in Familien mit vier oder mehr Kindern überdurchschnittlich häufig von Bildungsarmut betroffen. Da die meisten Menschen einen Partner mit demselben Bildungshintergrund wählen, kommt es in diesen Familien häufig zu einer kumulierten Bildungsarmut. Eltern, die selbst über geringe Bildungsressourcen verfügen, sind häufig nicht in der Lage, das für die schulische Entwicklung ihrer Kinder erforderliche Maß an Unterstützung aus eigenen Kräften aufzubringen. Da sich der Bildungsstatus der Eltern in Deutschland erwiesenermaßen auf den Schulerfolg der Kinder auswirken und soziale Ungleichheit gewissermaßen „vererbt“ werden kann, gehört die frühe Förderung dieser Kinder und die Unterstützung der Eltern zu den wichtigen gesellschaftspolitischen Aufgaben.
Die beschriebenen Tendenzen in punkto Bildung setzen sich bei den beruflichen Abschlüssen fort: Während insgesamt 21 Prozent der zusammenlebenden Mütter und Väter in Baden-Württemberg über keinen beruflichen Abschluss verfügen, sind es unter den Eltern mit vier oder mehr Kindern 33 Prozent. Die Berufsperspektiven kinderreicher Frauen sind dabei oft noch deutlich schlechter als die von Männern: 40 Prozent aller Mütter mit mehr als drei Kindern verfügen in Baden-Württemberg über keine abgeschlossene Berufsausbildung, bei den Vätern sind es nur 25 Prozent. Damit sind sowohl bei Müttern als auch bei Vätern mit vier oder mehr Kindern die beruflichen Perspektiven deutlich eingeschränkter als in anderen Familien.
Kinderreiche Mütter seltener Vollzeit erwerbstätig
In Baden-Württemberg geht etwa die Hälfte aller Mütter (47 Prozent) keiner Erwerbstätigkeit nach, solange das jüngste Kind noch nicht im Schulalter ist, bei kinderreichen Müttern sind es 60 Prozent. Erwerbstätige kinderreiche Mütter mit jüngeren Kindern haben überwiegend eine Arbeitszeit von unter 20 Stunden in der Woche. Je älter das jüngste Kind ist, desto häufiger und umfangreicher sind die Mütter erwerbstätig. Insgesamt gehen drei Viertel aller Mütter in Baden-Württemberg einer beruflichen Tätigkeit nach, wenn das jüngste Kind im Schulalter ist. Bei kinderreichen Familien ist diese Quote erst erreicht, wenn das jüngste Kind 15 Jahre und älter ist. Dann ist zudem jede fünfte kinderreiche Mutter Vollzeit erwerbstätig. Diese Zahlen zeigen, dass kinderreiche Frauen seltener und in geringerem Umfang erwerbstätig sind als Mütter mit weniger Kindern. Nach wie vor ist für viele Frauen die Entscheidung für eine große Familie gleichzeitig die Entscheidung gegen eine (umfassende) Erwerbstätigkeit.
Alleinerziehende Mütter besonders betroffen
Alleinerziehende Mütter mit drei oder mehr Kindern können nicht auf das Einkommen eines Partners zurückgreifen und sind in Baden-Württemberg häufiger erwerbstätig (67 Prozent) als kinderreiche Frauen, die in einer Partnerschaft leben (57 Prozent). Nahezu 30 Prozent von ihnen gehen einer beruflichen Tätigkeit nach, deren Umfang bei 35 oder mehr Stunden in der Woche liegt.
Dennoch sind es gerade Alleinerziehende, die besonders häufig in prekären finanziellen Verhältnissen leben. Bundesweit verfügt jede fünfte Ein-Eltern-Familie mit drei und mehr Kindern nur über die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens, in Baden-Württemberg liegt der Wert vergleichbar hoch. In Baden-Württemberg stehen kinderreichen Alleinerziehenden für jedes Familienmitglied durchschnittlich 881 Euro im Monat zur Verfügung und damit 278 Euro pro Kopf weniger als kinderreichen Ehepaaren. Eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern unter 15 Jahren bestreitet beispielsweise den Lebensunterhalt der Familie durchschnittlich mit etwa 1674 Euro netto pro Monat. Damit nehmen Alleinerziehende mit drei oder mehr Kindern die niedrigsten Wohlstandspositionen ein und verfügen lediglich über 65 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens aller Lebensformen.
Kinderreichtum und Einkommensarmut korrelieren
Doch nicht nur Alleinerziehende, sondern alle kinderreichen Familien finden sich auf unterdurchschnittlichen Wohlstandspositionen. Kinderreichtum und Einkommensarmut hängen in Deutschland eng zusammen. Mit steigender Kinderzahl steht den Familien pro Familienmitglied immer weniger Einkommen zur Verfügung. Ehepaare mit ein oder zwei Kindern verfügen über durchschnittliche bis überdurchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen, wohingegen die kinderreicher Familien in allen Lebensformen deutlich unter dem Durchschnitt liegen.
Ehepaare mit drei oder mehr Kindern müssen in Baden-Württemberg mit durchschnittlich 357 Euro pro Kopf und Monat weniger auskommen als Ehepaare mit nur einem Kind. Bei einem Äquivalenzeinkommen von 1.159 Euro bestreitet beispielsweise ein Ehepaar mit drei Kindern unter 15 Jahren den Lebensunterhalt der Familie mit rund 2.782 Euro netto pro Monat. D.h. Ehepaare mit drei oder mehr Kindern verfügen lediglich über 86 Prozent des durchschnittlichen Einkommens. Allerdings gibt es auch eine kleine Gruppe kinderreicher Familien, die in sehr guten Einkommensverhältnissen lebt. Bundesweit verfügen etwa 5 Prozent der kinderreichen Familien über mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Einkommens aller Lebensformen.
Der Vergleich der Pro-Kopf-Einkommen und der Wohlstandspositionen zeigt, dass kinderreiche Familien ein höheres Risiko tragen, in eine finanziell schwierige Lage zu geraten als kleinere Familien. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen aller Lebensformen in Baden-Württemberg liegt bei 1.355 Euro. Über ein Niedrigeinkommen verfügt, wer mit weniger als der Hälfte dieses durchschnittlichen Einkommens zurechtkommen muss. Dies bedeutet, dass die wirtschaftliche Lage von Familien mit weniger als einem gewichteten Pro-Kopf-Einkommen von 678 Euro in Baden-Württemberg als problematisch gilt. Je mehr Kinder in einer Familie leben, desto häufiger verfügen die Familien nur über ein Niedrigeinkommen.
Armutsgefährdung in anderen europäischen Ländern niedriger
In Deutschland sind kinderreiche Familien ökonomisch deutlich schlechter gestellt als der Durchschnitt der Bevölkerung. Viele Familien mit drei oder mehr Kindern müssen hierzulande mit dem Einkommen eines Hauptverdieners auskommen. Dies ist nicht in allen EU-Staaten so: In Finnland, Dänemark, Schweden und Belgien liegt die Armutsgefährdung kinderreicher Familien nicht oder kaum über dem Durchschnitt. Der Grund dafür ist, dass in diesen Ländern Frauen, auch mit kleineren Kindern, deutlich häufiger einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgehen als in Deutschland.
Das Armutsrisiko von Familien ist demnach eng mit der Erwerbssituation von Müttern und Vätern verbunden. Wenn beide Eltern erwerbstätig sind, ist das Risiko von Familien, in eine ökonomisch prekäre Situation zu geraten, deutlich geringer. In Dänemark, Finnland und Schweden liegt die Armutsgefährdungsquote kinderreicher Alleinerziehender zwischen 11 und 13 Prozent (in Deutschland bei 36 Prozent) und die der Paarfamilien zwischen 5 und 13 Prozent (in Deutschland bei 21 Prozent).
Bei Armutsgefährdung erfolgreich gegensteuern
Kinderreiche Familien befinden sich in Deutschland überdurchschnittlich häufig in prekären finanziellen Lagen. Durch Investitionen in Form von Infrastruktur und Zeit kann der relativen Einkommensarmut kinderreicher Familien zwar am wirksamsten entgegengetreten werden, dies allein reicht jedoch nicht aus.
Bundesweit sind derzeit Bestrebungen erkennbar, kinderreiche Familien durch geeignete Maßnahmen finanziell stärker zu entlasten. Dazu gehören beispielsweise Überlegungen, durch die Einführung einer Kinderkomponente kinderreichen Familien eine steuerliche Erleichterung zu verschaffen. Bislang gibt es in Deutschland, außer den Freibeträgen für Kinder, keine weiteren speziellen Komponenten zur steuerlichen Förderung kinderreicher Familien. Anders ist das in Frankreich, wo über das Familiensplitting Familien mit mehr als zwei Kindern gezielt unterstützt werden. Auch die gerade erfolgte Anhebung des Kindergeldes und die Weiterentwicklung des Kinderzuschlags zielen in diese Richtung. Darüber hinaus klagen kinderreiche Familien vor dem Bundesverfassungsgericht, um von Zahlungen in die Rentenkasse befreit zu werden. Einen speziellen Bonus gibt es derzeit im Hinblick auf die Anrechnungszeiten für Kindererziehung für Mehrkindfamilien nicht. Die Mehrheit der Bevölkerung könnte sich jedoch vorstellen, das Vorhandensein von Kindern bei der Höhe der Einzahlungen in die Rentenkasse oder bei der Höhe der späteren Rentenbeiträge zu berücksichtigen.
In Baden-Württemberg werden durch das Landeserziehungsgeld, das Mehrlingsgeburtenprogramm sowie den Landesfamilienpass gezielt kinderreiche Familien finanziell unterstützt.
Junge Elternschaft fördern
Die Aufgabe von Politik und Gesellschaft ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es insbesondere jungen Menschen besser als bisher ermöglichen, den Familienwunsch in die Realität umzusetzen. Denn zahlreiche Untersuchungen belegen, dass auch das Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes Auswirkungen auf die Wahrscheinlichkeit hat, ein drittes Kind zur Welt zu bringen. Wenn das Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes niedrig ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, noch weitere Kinder zu bekommen.
Seit Jahrzehnten lässt sich in Deutschland jedoch ein Trend zur späten Mutterschaft erkennen, der sich in den letzten Jahren nochmals erheblich beschleunigt hat. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ist für hochqualifizierte Frauen die Familiengründung zu einem früheren Zeitpunkt ihres Lebens, d.h. während des Studiums, keine attraktive Option. Es überrascht daher nicht, dass in Baden-Württemberg derzeit nur 5 Prozent der Studierenden mit einem ledigen Kind im eigenen Haushalt leben.
Studieren mit Kind
Durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Studium sowie eine stärker an den Bedürfnissen von Familien ausgerichtete Hochschulkultur kann das enge Zeitfenster, das jungen Paaren derzeit zur Familiengründung bleibt, entzerrt werden. Auch hier sind bereits Ansätze vorhanden, wie beispielsweise das Projekt „audit familiengerechte hochschule“, das die berufundfamilie gGmbH im Auftrag der Hertie-Stiftung durchführt.
In Baden-Württemberg konnten mit finanzieller Unterstützung seitens des Ministeriums für Arbeit und Soziales im Rahmen des Modellprojektes „Studi mit Kids“ bislang vier Hochschulen mit dem Grundzertifikat „audit familiengerechte Hochschule“ ausgezeichnet werden. Auf diesem Wege können wir Rahmenbedingungen schaffen, die es jungen Eltern ermöglichen, sich zu einem frühen Zeitpunkt für Kinder zu entscheiden, ohne ihre berufliche Qualifikation zu gefährden.
Familienfreundlichkeit auf die Fahnen geschrieben
Da die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie finanzielle Ressourcen bei der Entscheidung für ein drittes oder viertes Kind eine Rolle spielen, richtet das Land Baden-Württemberg seine Anstrengungen insgesamt auf eine verbesserte Familienfreundlichkeit. Ein Weg dazu sind beispielsweise die „Zukunftswerkstätten Familienfreundliche Kommune“, die im Rahmen der Initiative „Kinderland Baden-Württemberg“ durch das Ministerium für Arbeit und Soziales gefördert werden. 40 Pilotkommunen haben sich bereits auf den Weg gemacht, um ihre Familienfreundlichkeit im Rahmen einer Zukunftswerkstatt weiter zu verbessern. Fachlich begleitet und unterstützt werden die Zukunftswerkstätten von der FamilienForschung Baden-Württemberg und vom Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg.
Wenn es gelingt, Kinder durch solche und andere Initiativen wieder mehr ins Zentrum unserer Gesellschaft zu stellen und an familienfreundlicheren Lebensbedingungen vor Ort zu arbeiten, dann ist die Mehrkindfamilie kein Auslaufmodell.
Der Text basiert auf Beiträgen aus: Stutzer, E. und Saleth, S. (2008): Kinderreiche Familien, Familien in Baden-Württemberg, Report 1/2008, Stuttgart
Erich Stutzer (Jg. 1954), Diplom-Volkswirt und Diplom-Soziologe, studierte Volkswirtschaft und Soziologie an den Universitäten Frankfurt und Saarbrücken. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung und im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg leitet er heute die FamilienForschung Baden-Württemberg.
Seit 1993 unterrichtet er das Fach Volkswirtschaftslehre an der Verwaltungsfachhochschule in Ludwigsburg. Zuvor war er als Dozent im gleichen Fach an der Verwaltungsfachhochschule in Frankfurt und an der Berufsakademie in Stuttgart tätig. Erich Stutzer war von 1988 bis 1994 Mitglied im European Observatory on National Family Policies bei der Kommission der Europäischen Union und ist seit 1997 Vorstandsmitglied im Landesfamilienrat Baden-Württemberg. Seit Februar 2006 ist er Mitglied des Beraterkreises „Kinderland Baden-Württemberg“ der Ministerin für Arbeit und Soziales, Frau Dr. Stolz.
Links
Familienforschung Baden-Württemberg/Familien in Baden-Württemberg
Zukunftswerkstätten Familienfreundliche Kommune
Zukunftstauglich: Familienfreundliche Hochschulen (BMFSFJ)
Ministerium für Arbeit und Soziales Baden-Württemberg
Kontakt
Erich Stutzer
FaFo Familienforschung Baden-Württemberg
Böblinger Straße 68
70199 Stuttgart
E-Mail: erich.stutzer@stala.bwl.de
DJI Online / Stand: 1. März 2010
Blick von außen I von Prof. Andreas Gestrich, Leiter des Deutschen Historischen Instituts in London 
„Mehrkinderfamilien in historischer Perspektive“
von Prof. Andreas Gestrich, Leiter des Deutschen Historischen Instituts in London
Seit den 1970er Jahren beschäftigt sich die sozialhistorische Forschung mit der Geschichte der Familie. Im Zentrum standen zunächst besonders Arbeiten zur historischen Demographie. Eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Forschungen war, dass die häufig als „vorindustrielle Großfamilie“ bezeichnete Form des familialen Zusammenlebens von drei und mehr Generationen oder von verheirateten Geschwistern in einem Haushalt in West- und Mitteleuropa auch vor dem Einsetzen von Industrialisierung und Verstädterung nicht die Regel war. Ein zweites Ergebnis dieser Forschungen war, dass auch die Zahl der Kinder pro Familie und Haushalt keineswegs so groß war, wie dies bereits im 19. Jahrhundert von konservativen Industrialisierungskritikern angenommen wurde. Mehrkinderfamilien, also Familien mit mindestens drei Kindern, waren keineswegs so häufig wie oft angenommen. Schließlich hat die historische Familienforschung in den letzten Jahren im Rahmen von Arbeiten zur historischen Sozialisationsforschung auch begonnen, sich der inneren Dynamik von Familien zuzuwenden. In diesem Zusammenhang kommt der Rolle von Geschwistern und Verwandten hohe Bedeutung zu. Haushaltsgrößen und Kinderzahlen im historischen Wandel
In Großbritannien wurde besonders intensiv zur historischen Demographie von Haushalt und Familie geforscht. Aus einer Vielzahl von Ortsstudien ergab sich bald das Bild, dass vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in England der Mittelwert der Haushaltsgrößen ziemlich konstant bei 4,75 Personen lag. Diese Zahl schloss Eltern, Kinder und Bedienstete ein (Laslett 1972). England stellte in demographischer Hinsicht jedoch keine Ausnahme dar. Besonders in vielen europäischen Städten lag die durchschnittliche Haushaltsgröße nochmals deutlich unter diesem Wert. In Antwerpen betrug sie im Jahr 1755 nur 3,04 und in Brüssel 3,2 Personen. Auch im französischen Toulouse waren es im Jahr 1695 lediglich 3,7 Personen. Den gleichen Wert wies Genf im Jahr 1797 auf (Hèlin 1972, 332; Mols 1955, 116ff.) In der Bundesrepublik liegt heute die durchschnittliche Haushaltsgröße bei 2,1 Personen.
Solche Durchschnittszahlen zur Haushaltsgröße sind ein interessanter erster Indikator dafür, dass zumindest im städtischen Kontext Familien mit mehr als drei Kindern vor dem 19. Jahrhundert nicht sehr weit verbreitet gewesen sein können. Allerdings geben Durchschnittszahlen keine exakte Auskunft über die wirkliche Verbreitung und die Größen von Mehrkinderfamilien. Zum einen umfassen sie auch die im Haushalt lebenden Bediensteten und erwachsenen Verwandten, zum anderen werden auch Einpersonenhaushalte in den Durchschnitt einberechnet. In der Bundesrepublik sind heute Haushalte mit Dienstboten praktisch verschwunden. Mehrpersonenhaushalte bestehen in der Regel ausschließlich aus Kernfamilien. Außerdem hat sich die Zahl der Einpersonenhaushalte stark erhöht. Ist der Unterschied in der Kinderzahl also gar nicht so groß?
Wie viele Kinder lebten früher mit ihren Eltern in einem Haushalt? Eine detaillierte Untersuchung von etwa 3.000 Pariser Haushalten zwischen 1640 und 1790 gibt einen genauen Einblick in die Bandbreite der Familiengrößen in einer frühneuzeitlichen Großstadt. Zunächst ist festzuhalten, dass auch im frühneuzeitlichen Paris nur 44 Prozent der untersuchten Haushalte aus Kernfamilien bestanden. 20 Prozent der Haushalte wurden von Ehepaaren ohne Kinder gebildet, weitere 14 Prozent von Witwern bzw. Witwen mit Kindern oder ohne Kinder. Immerhin 16 Prozent der Haushalte waren auch im 17. und 18. Jahrhundert bereits Einpersonenhaushalte alleinstehender Personen. In den Haushalten mit Kindern lag die Kinderzahl bei durchschnittlich 2,1 Kindern. Familien mit nur einem Kind machten 36 Prozent dieser Pariser Haushalte aus, die mit zwei Kindern 29 Prozent, mit 3 Kindern noch 16 Prozent und mit 4 Kindern 9 Prozent. Haushalte mit mehr als 4 Kindern stellten also nur eine Minderheit von knapp 10 Prozent dar (Pardailhé-Galabrun 1991, 31ff.). Weit über die Hälfte der Familien hatten also nur ein oder zwei Kinder, die zu dem Zeitpunkt der Zählung mit ihren Eltern lebten. Nur ein Drittel der Familien mit Kindern waren Mehrkinderfamilien. Diese Zahlen sagen allerdings nichts über die Gesamtgeburtenzahlen der Frauen aus. Bei einer europaweiten Säuglings- und Kindersterblichkeit von annähernd 50 Prozent müssen die Geburtenzahlen entsprechend hoch gelegen haben, um auch nur diese Werte zu erreichen. Die Erfahrung des frühen Todes von Geschwistern war ein fester Bestandteil des Familienlebens.
Das Aufwachsen in großen Familien mit einer Vielzahl von Geschwistern war also auch in der so genannten Frühen Neuzeit, der Zeit vor den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüchen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, nicht die Regel. Interessant ist nun, dass entgegen der Annahme der Familiensoziologie, die mit einer kontinuierlichen Abnahme der Kinderzahl seit der Industrialisierung rechnete, sich umgekehrt feststellen ließ, dass gerade in ländlichen Industriegebieten oder auch in Gebieten mit einer stark modernisierten Landwirtschaft während des 19. Jahrhunderts die Haushaltsgrößen zu- und nicht abnahmen. Ebenso deutlich ist, dass diese Zunahme der Haushaltsgrößen auf eine steigende Zahl im elterlichen Haushalt wohnender Kinder zurückzuführen war. In der Mitte des 19. Jahrhunderts erreichten in manchen englischen Industriedörfern die durchschnittlichen Haushaltsgrößen Werte von über 5,5 Personen (Anderson 1971). Diese Zunahme ist noch nicht auf eine sinkende Kindersterblichkeit zurück zu führen, sondern muss mit der veränderten ökonomischen Bedeutung von Kindern im Rahmen frühen Industrialisierung und der Intensivierung der Landwirtschaft in Verbindung stehen.
Das 19. Jahrhundert war in Europa somit eher eine Zeit zunehmender, nicht abnehmender Kinderzahlen und Familiengrößen. Eine Trendwende wurde allerdings bereits am Ende des Jahrhunderts deutlich. Mit Ausnahme Frankreichs, wo dieser Prozess bereits in den 1870er Jahren einsetzte, begannen in Europa die Kinderzahlen pro Familie seit der Jahrhundertwende zunächst allmählich und nach dem "Zwischenhoch" des Babybooms der Nachkriegszeit dann rasch auf die gegenwärtigen niedrigen Werte zu sinken. Im Jahr 1960 lag in England und Wales die durchschnittliche Haushaltsgröße bei 3,0 Personen, in Deutschland betrug sie in den 1950er Jahren ebenfalls 3,0 Personen, Anfang der 1990er Jahre waren es noch 2,3 Personen. Inzwischen haben sich die Haushaltsgrößen auf 2,1 Personen stabilisiert. Wie in der Frühen Neuzeit verbergen sich jedoch auch hinter diesen Durchschnittszahlen eine Vielzahl unterschiedlicher Familiengrößen und Haushaltsformen. Der Anteil der Mehrkinderfamilien ist allerdings auch noch bei diesen niedrigen durchschnittlichen Haushaltsgrößen erstaunlich hoch. In Familien mit Kindern lebten in Deutschland auch im Jahr 2002 noch in 12 Prozent der Familien drei und mehr Kinder.
Der Übergang von vorindustriellen Familienformen zur modernen Familie kann also keineswegs als ein geradliniger „Schrumpfungsprozess“ beschrieben werden. Die „vorindustrielle Großfamilie“ als angebliche Normalfamilie erwies sich als ein Konstrukt sozialkonservativer Kritiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Unter welchen Bedingungen sie dennoch entstehen konnte und wie sich der Wandel der Haushaltsstrukturen in den verschiedenen sozialen Schichten und Regionen wirklich vollzog, sind zentrale Fragen demographisch-sozialhistorischen Familienforschung, die noch keineswegs flächendeckend befriedigend zu beantworten sind.
Geburtenentwicklung in historischer Perspektive
Bewusste Geburtenplanung und -kontrolle ist ein Faktor, der mit für den Rückgang der Größen der Familien im 20. Jahrhundert verantwortlich ist. Lokalstudien bestätigen, dass dies auch in der Frühen Neuzeit neben der hohen Kindersterblichkeit zu den teilweise erstaunlich kleinen Familiengrößen beigetragen hatte. Es konnte nachgewiesen werden, dass zumindest in den protestantischen Oberschichten mancher Städte bereits im 17. Jahrhundert Geburtenkontrolle praktiziert wurde, um die Kinderzahl klein zu halten und eine allzu große Aufteilung des Familienvermögens zu verhindern. Nur so konnte die soziale Position der Familie im Wechsel der Generationen gesichert werden. In Zürich z.B. griffen die ratsfähigen Familien nach dem Aufhören der Pestzüge und der dadurch tendenziell steigenden Kinderzahl zu diesem Mittel (Pfister 1985). Auch unter protestantischen Handwerkern in südwestdeutschen Städten lässt sich dieses Verhalten bereits für das ausgehende 17. und das 18. Jahrhundert nachweisen (Zschunke 1984). Im katholischen Trier dagegen lagen in den städtischen Oberschichten im 18. Jahrhundert die Geburtenzahlen der Frauen mit durchschnittlich 8,5 Kindern pro vollständige Ehe deutlich über denen der Mittel- und Unterschichten mit 7,6 Kindern. Sie fielen erst im 19. Jahrhundert – als Folge von Geburtenkontrolle – auf das Niveau der anderen Schichten (Kohl 1985, 182ff.).
Für das ausgehende 19. Jahrhundert lässt sich dann ein allgemeiner Rückgang der Geburtenzahlen in den Städten feststellen, wobei in Deutschland in den protestantischen Oberschichten die Geburtenzahlen rascher fielen als in den katholischen und auch rascher als in den protestantischen Unterschichten. Dieser Unterschied hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert. Die niedrigste Kinderzahl hatten im ausgehenden 19. Jahrhundert in Deutschland allerdings die Familien der jüdischen Oberschicht. In den Familien der großen Bankiers, die meist protestantischer oder jüdischer Herkunft waren, fiel die durchschnittliche Kinderzahl bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert auf knapp über zwei Kinder pro Familie (Knodel 1974, 88ff.; Reitmayer 1999, 236f.)
Allerdings darf der konfessionelle Faktor nicht unbesehen verallgemeinert werden. Frankreich war trotz Katholizismus bei der Geburtenkontrolle insgesamt und natürlich auch in den Oberschichten der gesamteuropäischen Entwicklung etwa 50 Jahre voraus. Auch im katholischen Belgien fielen die Geburtenzahlen früher als in überwiegend protestantischen Ländern wie den Niederlanden, Dänemark oder Norwegen. In Belgien allerdings lassen sich beim Geburtenrückgang deutliche Unterschiede zwischen dem liberalen und kirchenkritischen wallonischen und dem eher konservativ-katholischen flamischen Bürgertum feststellen (Lesthaege 1977, 135ff.). Im 20. Jahrhundert haben sich diese religionsbezogenen Unterschiede spätestens in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur in den Oberschichten eingeebnet.
Die historischen Beispiele schärfen jedoch den Blick dafür, dass hinter bestimmten Trends oft sehr unterschiedliche soziale Logiken stehen können. Ob durch Geburtenbeschränkung das Erbe groß oder die Zahl der hungrigen Münder klein gehalten werden sollte, waren sehr verschiedene Motive für das gleiche Resultat. Und keineswegs sind es immer nur materielle Zusammenhänge, die hinter der Entscheidung für oder gegen eine größere Anzahl von Kindern standen und stehen. Der säkulare Wandel, der um die Jahrhundertwende einsetzte und zur Verringerung der Kinderzahlen führte, steht auch im Zusammenhang mit den großen Tendenzen zur Individualisierung. Dies betrifft das Verhältnis der Eltern zu den Kindern ebenso wie die Bedürfnisse der Eltern, besonders der Mütter, nach beruflicher Eigenständigkeit und Selbstentfaltung auch außerhalb der Familie. Kinder wurden in ganz anderer Weise zum Gegenstand der Investition nicht nur von Mitteln, sondern auch von Zeit und emotionaler Energie.
Individualisierung und Sozialisation in der Mehrkinderfamilie
Der Rückgang der Kinderzahl in den Familien und das Einsetzen von Geburtenkontrolle und aktiver Familienplanung setzte historisch vor dem deutlichen Rückgang der Kindersterblichkeit in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ein. Die Zunahme von Geburtenkontrolle ist also nicht eine mechanische Reaktion auf die höheren Überlebenschancen von Kindern und ist auch nicht eindimensional mit den materiellen Umständen von Familien verknüpft. Unter die Faktoren, die zur Zunahme der Geburtenkontrolle führten, ist sicher auch eine neue Wahrnehmung und Betonung der Individualität des Kindes sowie die verstärkte „Verhäuslichung“ von Familie und Kindheit von zentraler Bedeutung. Dies lässt sich an unterschiedlichen Indikatoren ablesen.
Der frühe Tod eines Kindes wurde nun zu einem einschneidenden Bruch in der Biographie einer Familie. Gestorbene Kinder hinterließen eine Lücke, die nicht mehr geschlossen werden konnte. Dies gilt im 20. Jahrhundert zunehmend für alle soziale Schichten – auch wenn aus den 1920er Jahren noch Äußerungen von überforderten Arbeiterinnen überliefert sind wie: „Das dritte Kind starb mit sieben Monaten. Das Schicksal meinte es gut mit mir, denn zwei Kinder sind genug.“ (Rosenbaum 1982, 190) Für das 20. Jahrhundert wurden noch keine systematischen Untersuchungen über den Zeitpunkt der nächsten Geburt nach dem Verlust eines Kindes durchgeführt. Es scheint jedoch so zu sein, dass im Gegensatz zur Frühen Neuzeit und zum 19. Jahrhundert, wo der Tod eines Kindes im ersten Lebensjahr dazu führte, dass die nächste Schwangerschaft rascher als üblich eintrat (da der Konzeptionsschutz des Stillens wegfiel), sich im 20. Jahrhundert der Abstand zur nächsten Geburt eher vergrößerte (Lipp 1982, 517f.). Das deutet auf eine längere Phase der Trauer und des Widerstandes gegen eine zu schnelle neue Schwangerschaft hin.
Als Zeichen einer wachsenden Aufmerksamkeit gegenüber den Bedürfnissen von Kindern lässt sich mit Einschränkungen auch die Ausdifferenzierung eigener Wohnbereiche für Kinder, also das Aufkommen von eigenen Kinderzimmern, interpretieren. Was in adeligen Haushalten schon lange üblich war, drang im 19. Jahrhundert in die bürgerliche Architektur ein und wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts zum Standard im Wohnungsbau. Man kann bei dieser Entwicklung wie der französische Historiker Philippe Ariès die Ausgliederung der Kinder aus dem Lebenszusammenhang der Erwachsenen betonen (Ariès 1979, 502ff.). Man kann allerdings auch sehen, dass Kindern und Jugendlichen dadurch die Möglichkeit zum Rückzug in eine Privatsphäre zugestanden wurde (Zeiher 1983). Räumliche Enge, der Mangel an Privatsphäre wurde zu einem starken Argument im Kontext der Familienplanung.
Diese Entwicklung war zugleich eine Folge der „Verhäuslichung“ von Kindheit. Die Straße, bis dahin in den Städten ein wichtiger Lebensraum für Kinder, wurde im gehobenen Bürgertum seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, im Kleinbürgertum im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts als Sozialisationsort disqualifiziert, das Leben des Kindes ganz in den „Schoß der Familie“ und hinter die schützenden Mauern der eigenen Wohnung verlegt. Das Kinderzimmer war somit auch ein Symbol für die zunehmende Distanz zwischen dem Bürgertum und den niedereren sozialen Schichten. Große Familien, die ihren Kindern nicht ausreichend Platz einräumen konnten, und bei denen Kinder darauf angewiesen waren, dass sie ihren Lebens- und Aktionsraum entsprechend außer Hauses erweitern konnten, galten daher in bürgerlichen Kreisen zunehmend als problematisch und sozial unerwünscht (Zinnecker 1990).
Mit der „Verhäuslichung“ der Kindheit besonders in Familien des Bürgertums wurde einerseits der Einfluss der von den Eltern kaum kontrollierbaren Gleichaltrigengruppen der Straße zurückgedrängt, andererseits wurde nun auch die Bedeutung der Geschwistergruppe als Sozialisationsinstanz in der pädagogischen Literatur intensiv diskutiert. Dies wird besonders deutlich an der seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert rasant anwachsenden Zahl an Erziehungsratgebern. Sie betonten die besondere Bedeutung (aber zugleich auch Gefährdung) der emotionalen Bindung zwischen Geschwistern. Geschwister sollten, heißt es in einem dieser Ratgeber, wie Eltern und Kinder durch ein starkes Band der gegenseitigen Zuneigung, des Vertrauens und der Verlässlichkeit verbunden sein. „Wie ruhig werden wir dann von hinnen scheiden“, meinte ein Vater im „Neuen Kinderfreund“, „wenn wir in Jedem von Euch, in seinen Brüdern und Schwestern, Freunde, Rathgeber und Tröster hinterlassen“ (zit. nach Wild 1987, 161).
In der Ratgeberliteratur der Aufklärungszeit ging es in diesem Zusammenhang außerdem um die mit hohem politischem Symbolwert behafteten Themen von Gleichheit und Brüderlichkeit. Gerade in der Interaktion der Geschwister wies für die Pädagogen der Aufklärung das Leben in der Familie sehr deutlich über den Rahmen des nur Individuellen und Privaten hinaus. Der tägliche Umgang der Kinder untereinander wurde zu einem Lernfeld für tugendhaftes Verhalten in der Öffentlichkeit. „Die geschwisterliche Solidarität ist Vorbereitung auf die soziale Tugend des Patriotismus, in der zeitgenössischen Bedeutung dieses Begriffs, mit dem (wie es in einer zeitgenössischen Definition heißt) die "herzliche Anhänglichkeit an den Staat, in welchem man lebt, und thätiges Bestreben, diesem nützlich zu seyn", gemeint ist“ (Wild 1987, 176). Neben Gleichheit und Solidarität lernte man in der Geschwistergruppe schließlich auch Differenz, vor allem die Differenz zwischen den Geschlechtern, die damals noch mit sehr unterschiedlichen Curricula, Aufgaben und Lebenschancen bedacht wurden (Trepp 1996).
Die pädagogische Diskussion des ausgehenden 18. Jahrhunderts spricht manche der Befürchtungen besonders konservativer Sozialplaner und Politiker der Gegenwart an, denen es bei der Debatte um den Rückgang von Mehrkinderfamilien keineswegs nur um die quantitative Stabilität der Bevölkerung und die Sicherung von Renten geht, sondern um die vermeintlich positive Rolle von Familie für die soziale Stabilisierung von Gesellschaft insgesamt. Die moralisierenden Debatten des 18. und 19. Jahrhunderts spiegeln jedoch ebenso wenig wie die sozialpolitischen der Gegenwart die komplexe Realität von Mehrkinderfamilien wieder. Sie sind, im Gegenteil, häufig ein guter Indikator für Verunsicherung, gerade auch hinsichtlich der sozialintegrativen Möglichkeiten von Familie in Zeiten des Umbruchs.
Eine größere Kinderzahl ist kein Garant für die Entwicklung pro-sozialen Verhaltens. Wie die Solidarität gehört auch der Konflikt zum Alltag auch der Mehrkinderfamilien. Der Streit um Zuwendung, um Essen, Ausbildungs- und Lebenschancen oder später um das Erbe oder die Versorgung von Eltern konnte zu oft tief greifenden Verwerfungen und Belastungen des Verhältnisses zwischen den Geschwistern führen. Mehrkinderfamilien waren und sind – wie alle Familien – Belastungen ausgesetzt, an denen sie oft genug auch scheitern. Früher wie heute zeigt zum Beispiel der Blick in die Akten der Armenadministration und der Sozialfürsorge, dass neben großer Solidarität Familien mit vielen Kindern auch nicht "funktionieren" konnten, dass Kinder eigene Wege gingen und zumindest der horizontale Zusammenhalt der Kinder untereinander gering war (Gestrich 1986, 67-73). Eine höhere Kinderzahl allein – das zeigt die Geschichte der Familie deutlich – war noch nie ein Garant für das Gelingen familialen Zusammenlebens und schon gar nicht für die soziale Integration von Gesellschaft über Familiensozialisation.
Literatur
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Andreas Gestrich ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Trier (beurlaubt) und leitet seit 2006 das Deutsche Historische Institut London. Seine Forschungsinteressen gelten besonders der Sozialgeschichte von Kindheit, Jugend und Familie, der Geschichte von Armut, Armenfürsorge und Philanthropie sowie der Geschichte der politischen Öffentlichkeit und der Medien. Veröffentlichungen sind u.a.: Traditionelle Jugendkultur und Industrialisierung. Sozialgeschichte der Jugend in einer ländlichen Arbeitergemeinde Württembergs, 1800 – 1920, Göttingen 1986; Absolutismus und Öffentlichkeit. Politische Kommunikation in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Göttingen 1994; Familie im 19. und 20. Jahrhundert München 1999; mit Jens-Uwe Krause and Michael Mitterauer: Geschichte der Familie in Europa, Stuttgart 2003; mit Steven A. King and Lutz Raphael (eds.): Being Poor in Modern Europe. Historical Perspectives 1800-1940, Oxford / Bern [u.a.] 2006.
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German Historical Institute London
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Prof. Dr. Andreas Gestrich
Dr. Barbara Keddi (DJI)
Barbara Keddi, Jahrgang 1957, ist gebürtige Münchenerin. Während ihrer Schulzeit ist es besonders eine Lehrerin, die sie mit ihrem Sozialkundeunterricht nachhaltig beeindruckt. Das Bemühen, mit wissenschaftlichen Mitteln das Entstehen von sozialer Ungleichheit zu verstehen und zu erklären, spricht Barbara Keddi unmittelbar an. Aber auch eine andere Wissenschaft kommt für sie als späteres Studienfach in Frage: die Archäologie. Herauszufinden, wie Menschen früher gelebt haben, wie sich die Menschheit warum entwickelt hat, wäre eine interessante Herausforderung für die Nachwuchs-Entdeckerin. Letztendlich überwiegt jedoch das Interesse an den lebenden Menschen und ihren Lebenszusammenhängen. Barbara Keddi bleibt nach dem Abitur in ihrer Geburtsstadt und beginnt 1977 mit dem Studium der Soziologie, Pädagogik und Psychologie an der Ludwig-Maximilian-Universität. Zum Schwerpunkt Soziologie der sozialen Ungleichheit tritt die Frauen- und Geschlechterforschung hinzu. Weniger aufgrund eigener Betroffenheit, denn ihre Eltern haben sie immer als Mensch und nicht primär als „Mädchen“ ernst genommen und behandelt, als vielmehr aus der Überzeugung, dass Forschung notwendig ist, um die Situation von Mädchen und Frauen zu verbessern. Beschränkungen oder vorgezeichnete Wege aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit hat sie persönlich nie erlebt.
Bereits während des Studiums sucht Barbara Keddi nach Möglichkeiten, das im Studium erworbene Wissen in praktische Arbeit und Forschung umzusetzen. Sie betreut Jugend- und Mädchenfreizeiten und bewirbt sich als studentische Hilfskraft am Deutschen Jugendinstitut (DJI). Eine gute Gelegenheit bietet das Projekt „Beruf als Institution der sozialen Platzierung. Zur Analyse von Anpassungsprozessen in der Berufsausbildung” des damaligen Sonderforschungsbereichs Arbeitskräfteforschung, an dem auch das DJI beteiligt ist.
Nach dem Abschluss der Diplomarbeit – einer historisch-soziologischen Analyse zum Thema Frau und Familie – bleibt Barbara Keddi am DJI, weil sie die Arbeit im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Praxis reizt und wird 1984 wissenschaftliche Assistentin des damaligen Direktors Prof. Dr. Hans Bertram. Gleichzeitig arbeitet sie mit an der Konzeption und Durchführung der ersten Welle des DJI-Familiensurvey, vornehmlich zum Bereich „Partnerschaft und Arbeitsteilung“ und „Familienklima“. In diesem Zusammenhang lernt sie Gerlinde Seidenspinner kennen, Leiterin der neu gegründeten Abteilung „Frauenforschung“ am DJI.
Während ihrer gemeinsamen Arbeit am Survey entsteht die Idee, die dort erhobenen quantitativen Daten durch ein qualitatives Projekt zu ergänzen, um mehr darüber zu erfahren, wie junge Frauen und ihre Partner Beziehungen leben. Der Wunsch, mehr in die Tiefe zu gehen, kann tatsächlich in die Tat umgesetzt werden. 1989 beginnen die Arbeiten an einem langfristig angelegten Projekt. Für die qualitative Panelstudie „Lebensentwürfe junger Frauen“ werden über einen Zeitraum von sieben Jahren 125 junge Frauen und ihre Partner in Bayern und Sachsen viermal interviewt. Sachsen kommt als Untersuchungsregion eher überraschend hinzu, weil die deutsch-deutsche Grenzöffnung eine einmalige historische Chance zum direkten Ost-West-Vergleich bietet.
Die Gespräche mit den Frauen und ihren Partnern werden immer vor Ort, das heißt in der direkten Lebensumgebung, geführt. Und in diesen Gesprächen zeigt sich, dass sich hinter dem Survey-Item „Kind – ja/nein“ die unterschiedlichsten Biografien, Lebensentwürfe und Lebensthemen verbergen. Wie bewusst oder unbewusst beispielsweise die Entscheidung für oder gegen ein Kind fällt, ob Region, Elternhaus, Bildung, Tradition, Partnerbeziehung oder wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle spielen, auf all diese Fragen gibt es jedenfalls nur in ausführlichen Interviews Antworten.
Dieses Projekt markiert für Barbara Keddi eine Wende in der methodischen Herangehensweise und führt auch zu einer differenzierteren Sicht auf das Thema Gender. Statt einer Gender-geleiteten Zentralperspektive rücken für sie die Frauen und Männer als Subjekte mit biografischen Erfahrungen und Deutungen immer stärker in den Blick. Der Wunsch, forschend mehr in die Tiefe zu gehen, sorgsam Schicht für Schicht freizulegen, um zu Erkenntnissen zu gelangen, erinnert nicht ohne Grund an die archäologischen Ambitionen aus der Schulzeit. Die empirische und theoretische Auswertung der Panelstudie bildet die Grundlage für Barbara Keddis Dissertation „Ordnungen der Liebe. Lebensthemen und biografisches Handeln junger Frauen in Paarbeziehungen“. Sie wird 2003 im Verlag Leske & Budrich unter dem Titel „Projekt Liebe“ veröffentlicht.
Während dieser Zeit absolviert Barbara Keddi außerdem am Institut für Kooperative Psychologie in München eine Ausbildung zur Analytischen Imaginationstherapeutin. Diese berufsbegleitende Ausbildung schärft ihr Gespür für offene Herangehensweisen: erst verstehen, dann erklären. Eine weitere Horizonterweiterung bringt ihre Tätigkeit im Referat für Öffentlichkeitsarbeit am DJI mit sich.
Die Frage, warum Erfahrungen trotz ähnlicher Eckdaten wie zum Beispiel Milieu, Bildung, Beruf oder Lebensform von den einzelnen Menschen zum Teil völlig anders bewertet und mit Bedeutung versehen werden und wie dabei personale Kontinuität möglich ist, treibt Barbara Keddi weiter um. Sie ist der Nukleus, aus dem seit 2005 die Habilitationsschrift erwächst: „Wie wir dieselben bleiben. Doing continuity als biopsychosoziale Praxis“.
Diese Arbeit treibt sie in einem Fellowship am Hanse-Wissenschafts-Kolleg in Delmenhorst voran. Das interdisziplinär angelegte Forschungszentrum bietet ihr Gelegenheit, über den soziologischen Tellerrand zu schauen und sich mit anderen Disziplinen auseinander zu setzen, mit Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie, Ethnologie und vor allem der Hirnforschung und Epigenetik. Befunde aus diesen unterschiedlichen Disziplinen zeigen, dass Kontinuität notwendig ist, um im einer dynamischen Welt als biografisches Subjekt, als biologischer Organismus, als Persönlichkeit und als soziale Person Lebenssicherheit herstellen zu können, handlungsfähig zu bleiben und für andere berechenbar zu sein.
Zurückgekehrt ans Deutsche Jugendinstitut greift Barbara Keddi in der Abteilung Familie und Familienpolitik praxeologische und akteursbezogene Herangehensweisen auf. Damit wird der Alltag von Familien in den Blickpunkt gerückt, ein Fokus, den sie in der familienbezogenen Surveyforschung am DJI umzusetzen versucht. Sie setzt Ergebnisse und Konzepte aus überwiegend qualitativen Studien zum Familienalltag und zur Herstellung von Familien in ein quantitatives Konzept „Familiale Lebensführung“ um. Gleichzeitig ist sie bemüht, die in der Familienforschung erst wenig berücksichtigte Perspektive der Kinder einzubeziehen. Als Mitinitiatorin der AG Kinderwelten am DJI versucht sie, methodische Herangehensweisen der Neuen Kindheitsforschung in Familienforschung umzusetzen. Seit Ende 2009 ist sie stellvertretende Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am DJI.
Zuletzt verfasste sie gemeinsam mit einem Team der Abteilung im Auftrag des Familienministeriums die Studie Der Alltag von Mehrkinderfamilien.
DJI Online / Stand: 1. März 2010
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DJI Online / Stand: 1. März 2010
Auf einen Blick
In der Debatte um den Geburtenrückgang und die zukünftige soziale Struktur der deutschen Gesellschaft spielen zunehmend Familien mit mehr als zwei Kindern eine Rolle. Der Rückgang dieser sogenannten Mehrkinderfamilien trägt auch zu der seit Jahren konstant niedrigen Geburtenrate in Deutschland bei. Wenn in Diskussionen auf das Leben von Mehrkinderfamilien Bezug genommen wird, geschieht dies meist romantisierend oder ist mit hartnäckigen Vorurteilen behaftet.
Eine DJI-Untersuchung, die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) entstanden ist, liefert neben Informationen zur Familiengründung und –erweiterung und zur soziostrukturellen und wirtschaftlichen Situation dieser Familien näheren Aufschluss über das Familienleben hinsichtlich Beziehungsqualität, Wohlbefinden, Belastungen sowie zu typischen Konstellationen von Mehrkinderfamilien. Berücksichtigt wird auch, welche von diesen besonderer Unterstützung bedürfen.
| Kinderreiche Familien nicht so selten wie gedacht Große Familie: Geplant oder Zufall Geschwister, verheiratet und religiös Niedriger Bildungsstatus und traditionelle Arbeitsteilung der Eltern Frühe Selbstständigkeit und geringerer Bildungserfolg bei den Kindern Ab dem dritten Kind deutlicher Anstieg des Armutsrisikos
Zwei Kinder sind genug
|
A) Mehrkinderfamilien – Daten und Fakten
B) Familiengründung und -erweiterung in Mehrkinderfamilien
C) Familienleben: Der Alltag von Mehrkinderfamilien
D) Mehrkinderfamilien mit besonderem Unterstützungsbedarf
Mehrkinderfamilien sind Familien mit drei und mehr Kindern. Dazu gehören verheiratete und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern, Einelternfamilien, Stieffamilien sowie Patchworkfamilien. Die „typische Mehrkinderfamilie“, verstanden als spezifische Alltags- und Sozialisationsumwelt gibt es nicht. Erst die kombinierte Betrachtung von Größe und Zusammensetzung, familialer Lebensführung, Qualität der Familienbeziehungen, subjektiven Orientierungen und Einschätzungen, Familiengründungsprozess und Familienbiographie sowie der sozial-ökologischen Einbettung und der ökonomischen Situation ermöglichen ein tiefenscharfes Bild der Lebensbedingungen und des Familienalltags von Mehrkinderfamilien.
Verbreitung
In allen europäischen Ländern besteht ein Trend zur Familie mit ein oder zwei Kindern. Im europäischen Vergleich weist Deutschland gemeinsam mit einigen ost- und südeuropäischen Staaten den geringsten Anteil an Mehrkinderfamilien auf (Familienmonitor 2008). Vier-Kind-Familien bilden heute in den Geburtsjahrgängen 1969-1973 der Mütter mit 3,3 (West) bzw. 2,1 (Ost) Prozent die Ausnahme. Auch die Anteile der Familien mit drei Kindern sind in Deutschland deutlich auf 10,6 bzw. 7,5 Prozent gesunken (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung BIB 2010).
Lebensform
Eltern in Mehrkinderfamilien sind überwiegend verheiratet (85 Prozent im Jahr 2006). Dies entspricht auch den Vorstellungen der Eltern in Mehrkinderfamilien: Sie weisen der Ehe eine deutlich höhere Bedeutung zu als Personen ohne bzw. mit weniger Kindern.
Bildung und Ausbildung der Eltern
Die Ressource „schulische und berufliche Ausbildung“ ist bei Eltern mit drei und mehr Kindern deutlich unterschiedlicher verteilt als bei Eltern mit einem oder zwei Kindern: Einerseits haben sie verglichen mit dem Durchschnitt aller Eltern häufiger keinen Schul- und Ausbildungsabschluss. Eltern und vor allem Mütter von vier und mehr Kindern sind nochmals deutlich bildungsdeprivierter. Andererseits haben Eltern von drei Kindern überdurchschnittlich oft einen hohen Bildungsabschluss.
Bildungserfolg der Kinder
Zahlreiche Studien weisen auf negative Effekte der Familiengröße und der Geschwisterfolge auf schulische Leistungen und kognitive Fähigkeiten der Kinder hin. Dies wird dadurch erklärt, dass die kognitiven und materiellen Ressourcen auf mehr Kinder aufgeteilt werden müssen. In Mehrkinderfamilien variiert der spätere Lebenserfolg (Bildung und Einkommen) der Kinder stärker als in kleinen Familien. Je geringer der sozioökonomische Status der Eltern ist, umso größere Unterschiede können sich im späteren Sozialstatus zwischen den Geschwistern zeigen. In privilegierten Haushalten findet sich dagegen bei allen Geschwistern ein hoher Zusammenhang zwischen dem sozialen Status des Elternhauses und dem späteren eigenen Sozialstatus.
Erwerbskonstellationen der Eltern
Mütter in Mehrkinderfamilien sind seltener erwerbstätig als der Durchschnitt aller Frauen und der Durchschnitt aller Mütter: Die Hälfte der Mütter in Mehrkinderfamilien ist erwerbstätig, 13 Prozent von ihnen Vollzeit. Im Vergleich liegt die Frauenerwerbsquote insgesamt bei ca. 65 Prozent, die Vollzeitquote bei ca. 54 Prozent. Alleinerziehende Mütter mit drei und mehr Kindern sind deutlich häufiger und zeitlich umfangreicher erwerbstätig als Mütter in Paargemeinschaften (Zahlen für das Jahr 2007). Es zeigen sich deutliche Unterschiede nach Familienphasen: Solange das jüngste Kind noch nicht das Schulalter erreicht hat, liegt der Anteil der erwerbstätigen Mütter in Mehrkinderfamilien bei 40 Prozent. Ist das jüngste Kind 15 Jahre und älter, erhöht sich dieser Anteil auf 75 Prozent (Zahlen für das Jahr 2007).
Mütter in Mehrkinderfamilien sind überdurchschnittlich häufig schulisch und beruflich gering bzw. unqualifiziert. Gleichzeitig sind sie erheblich häufiger Hausfrauen als Mütter mit qualifizierter Ausbildung. Frauen mit Abitur bzw. Hochschulabschluss sind dagegen, selbst wenn sie drei und mehr Kinder haben, zu einem vergleichsweise hohen Anteil erwerbstätig. Die Entscheidung gegen eine Vollzeiterwerbstätigkeit fällt bei vielen Müttern bereits in der Zeitspanne zwischen dem ersten und zweiten Kind. Beim zweiten Kind schränken Mütter ihre Erwerbstätigkeit zeitlich ein, ab dem dritten Kind ist ein großer Teil der Mütter überhaupt nicht mehr erwerbstätig. Während Mütter ihre Erwerbstätigkeit mit zunehmender Kinderzahl reduzieren, sind Väter unabhängig von der Kinderzahl und dem Alter der Kinder fast ausschließlich Vollzeit erwerbstätig.

Die häufigste Erwerbskonstellation in Mehrkinderfamilien (ca. 50 Prozent) ist ein Vollzeit erwerbstätiger Vater mit einer nicht erwerbstätigen Mutter. In Mehrkinderfamilien, besonders in Familien mit vier oder mehr Kindern, sind überdurchschnittlich häufig beide Eltern nicht erwerbstätig.
Wirtschaftliche Situation
Die meisten Familien mit mehr als drei Kindern sind wirtschaftlich schlechter gestellt als kleinere Familien. Mit dem dritten Kind steigt das Armutsrisiko. Familien werden durch die Geburt eines Kindes hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Spielräume deutlich eingeschränkt. Bei Mehrkinderfamilien gilt dies besonders bei den jüngeren und gering bzw. unqualifizierten Eltern sowie bei Eltern mit kleinen Kindern. Zu den Mehrausgaben für die Kinder kommt häufig der Ausstieg der Mütter aus der Erwerbstätigkeit als Kostenfaktor hinzu.
Trotzdem leben Mehrkinderfamilien durchschnittlich häufiger in den eigenen vier Wänden als Ein- oder Zweikinderfamilien. Gleichzeitig ist der Wohnraum, der jedem Familienmitglied zur Verfügung steht, geringer als bei kleinen Familien. Nicht alle Kinder in Mehrkinderfamilien verfügen über ein eigenes Zimmer.
Region
Während Mehrkinderfamilien mit Migrationshintergrund häufiger in städtischen Regionen leben, wohnen Mehrkinderfamilien ohne Migrationshintergrund überwiegend in eher ländlichen Gebieten. Bezüglich der Verteilung auf die Lebensräume Stadt oder Land zeigen sich keine Unterschiede nach der Familiengröße. Betrachtet man aber die Verteilung auf die beiden Landesteile, zeigt sich: Mehrkinderfamilien sind häufiger im Westen als im Osten Deutschlands anzutreffen.
Familien mit Migrationshintergrund
Der Anteil von Mehrkinderfamilien ist bei Familien mit Migrationshintergrund deutlich höher als bei Familien ohne Migrationshintergrund. Migrantinnen haben seltener nur ein Kind, aber häufiger drei Kinder und erheblich öfter vier oder mehr Kinder als Frauen ohne Migrationshintergrund. Tendenziell sinkt auch bei Familien mit Migrationshintergrund der Anteil der Mehrkinderfamilien. Sie gleichen sich in ihrem generativen Verhalten zunehmend der deutschen Bevölkerung an.
Muster der Familiengründung
Die Entstehung von Mehrkinderfamilien unterscheidet sich von Anfang an von der Entstehung kleinerer Familien. Das „verdichtete“ Muster der Familiengründung von Mehrkinderfamilien ist gekennzeichnet durch einen früheren Auszug aus dem Elternhaus, frühere Erstelternschaft und eine dichtere Geburtenfolge als bei Ein- und Zweikinderfamilien.
Kinderwünsche und Familienplanung
Nur ein kleiner Teil der 20- bis 39jährigen Frauen und Männer in Deutschland (15 Prozent) wünscht sich eine Mehrkinderfamilie. Über die Hälfte orientiert sich an der Zwei-Kind-Familie als Norm.
Es lassen sich bei Mehrkinderfamilien zwei idealtypische Planungsmuster unterscheiden: Zum einen artikulieren Eltern in Mehrkinderfamilien im Vergleich zu Befragten, die später ein oder zwei Kinder haben, schon zu Beginn der Ehe einen höheren Kinderwunsch. Sie verfolgen zudem zeitlich konkretere Pläne zur Realisierung. Ein großer Teil der Eltern mit mehr als zwei Kindern hat sich schon vor der Heirat für eine große Familie ausgesprochen. Paare, die drei und mehr Kinder haben, unterschätzen keineswegs die Einschränkungen, die sie für eine große Familie auf sich nehmen müssen. Sie schätzen auch ihr Umfeld keineswegs kinderfreundlicher ein. Vielmehr sind sie häufiger bereit, die Einschränkungen ihrer finanziellen und zeitlichen Spielräume in Kauf zu nehmen. Überdies sind ihnen Konsum und Wohlstand weniger wichtig. Zum anderen sind Kinder, die in Mehrkinderfamilien geboren werden, keineswegs alle geplant. Dritte Kinder sind von ihren Eltern seltener geplant und gewollt als erste und zweite.

Günstige Bedingungen für die Gründung von Mehrkinderfamilien
Die Genese einer Mehrkinderfamilie wird durch eine stabile Partnerschaft begünstigt. Ein großer Teil der Eltern von drei und mehr Kindern ist – anders als Eltern von einem oder zwei Kindern – davon überzeugt, dass ihre Partnerschaft ein Leben lang halten wird. Eine kirchliche Bindung von Müttern steht ebenfalls in einem positiven Zusammenhang mit der Zahl der Kinder. Dabei erweist sich weniger die bloße Konfessionszugehörigkeit als relevant, sondern vielmehr die aktive Teilnahme am religiösen Leben der Kommune. Eigene Geschwister und aktuelle Kontakte mit Kindern sind förderlich für den Wunsch nach einer Mehrkinderfamilie und für dessen Realisierung. Eltern mit fünf und mehr eigenen Kindern haben beispielsweise zu 40 Prozent drei und mehr Geschwister. Dasselbe gilt nur für 11 Prozent der Kinderlosen.
Rahmenbedingungen
Gesellschaftliche und strukturelle Bedingungen spannen den Rahmen auf, in den ein Leben mit mehreren Kindern eingebettet ist. Unzureichend erlebte Rahmenbedingungen, wie z.B. mangelhafte, infrastrukturelle Bedingungen für Familien mit mehreren Kindern, ein knappes Familienbudget, enge Wohnverhältnisse sowie schlechte Vereinbarkeitsmöglichkeiten von Familie und Beruf, werden von Paaren als Hemmnis bezüglich weiterer Kinder thematisiert. Gute strukturelle Rahmenbedingungen sind für Mehrkinderfamilien für die Bewältigung des Alltags und die Entwicklung ihrer Kinder wichtig. Ob sie jedoch die aktive Entscheidung für ein drittes und weiteres Kind begünstigen, scheint eher fraglich.
Familienalltag und Familienaktivitäten
Gemeinsame Mahlzeiten sind unabhängig von der Familiengröße und vom Alter der Kinder für den überwiegenden Teil der Familien ein wichtiger Kristallisationspunkt des Familienlebens. Familientreffen sind für größere Familien bedeutsamer als für kleinere.
Die Art der Freizeitaktivitäten unterscheidet sich nicht gravierend zwischen Kindern aus Ein-, Zwei- und Mehrkinderfamilien. Allerdings unternehmen Kinder aus Mehrkinderfamilien mehr mit ihren Geschwistern, beispielsweise musizieren sie häufiger zusammen oder sehen gemeinsam fern. Die Eltern bleiben öfter außen vor, während vor allem Mütter von Einzelkindern häufiger etwas mit ihrem Kind unternehmen. Dies gilt sowohl aus der Perspektive der Mütter als auch aus der Perspektive der Kinder.
In Mehrkinderfamilien sind die Aktivitäten von Kindern und Müttern eher haushalts- und familien- bzw. gruppenbezogen.
Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme
Kinder mit mehreren Geschwistern sind in vielen Bereichen deutlich früher selbstständig als Kinder ohne Geschwister. Sie unternehmen häufiger etwas ohne die Eltern. Diese Unterschiede nivellieren sich bei Jugendlichen. Zudem helfen Kinder aus Mehrkinderfamilien mehr im Haushalt und betreuen die jüngeren Geschwister.

Quelle: DJI-Methodenstudie (Infas) 2007 – Herbstbefragung (Mütterbefragung); N (Einkindfamilien) = 359; N (Zweikinderfamilie) = 1.462; N (Drei- und Mehrkinderfamilie) = 1.010
Arbeitsteilung
Paare mit drei und mehr Kindern leben häufiger in einem traditionellen Familienmodell, d.h. nur der Vater ist erwerbstätig und Betreuung und Erziehung liegen überwiegend bei den Müttern. Gleichzeitig streben sie seltener als Paare mit ein oder zwei Kindern eine egalitäre Aufteilung von Familie und Beruf an.
Belastungen
Eltern in Mehrkinderfamilien fühlen sich nicht nur in vieler Hinsicht benachteiligt, sondern betrachten die eigene Zukunft und die ihrer Kinder mit größerer Sorge als Eltern mit nur einem oder zwei Kindern. Sie fühlen sich auch stärker belastet durch den familialen Alltag.
Neben der erheblichen zeitlichen Beanspruchung und dem Gefühl, anderen Lebensformen gegenüber benachteiligt zu sein, fühlen sich die Eltern von Mehrkinderfamilien auch von einem schlechten Image kinderreicher Familien betroffen.

Familienklima und Paarbeziehung
Unterschiede in der Gestaltung des Familienalltags und den Belastungen wirken sich aber kaum auf die Qualität des Familienlebens aus. Im überwiegend als positiv eingeschätzten Familienklima lassen sich nur geringe Unterschiede nach der Kinderzahl feststellen. In Mehrkinderfamilien nehmen die Eltern lediglich etwas häufiger Reibereien wahr.
Die Partnerschaftsqualität hängt nicht von der Familiengröße ab. Auch das subjektive Wohlbefinden von Kindern und Eltern in ihren Familien ist unabhängig von der Familiengröße.
Mehrkinderfamilien sind keine homogene Gruppe, sie weisen eine große Vielfalt auf. „Die“ Mehrkinderfamilie gibt es nicht. Diese Feststellung ist nicht nur wissenschaftlich von Bedeutung, sondern hilfreich für die Formulierung von spezifischen Bedarfen von Mehrkinderfamilien und darauf bezogener Unterstützungsleistungen. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass zum einen folgende Dimensionen bedeutsam sind:
Darüber hinaus sind jedoch weitere differenzierende Dimensionen einzubeziehen:
Erst die Kombination dieser Dimensionen, also Größe und Zusammensetzung, familiale Lebensführung, Qualitäten der Familienbeziehungen, subjektive Orientierungen und Einschätzungen, Familiengründungsprozess und damit auch Familienbiographie sowie die sozial-ökologische Einbettung liefert zusammen mit der ökonomischen Situation der Familien ein tiefenscharfes Bild der Lebensbedingungen und des Familienalltags von Mehrkinderfamilien. Sichtbar werden komplexe, mehrdimensionale Typen von Mehrkinderfamilien. Bei diesen überlagern sich die einzelnen Merkmale, verstärken oder schwächen sich gegenseitig und können zu spezifischen Problemlagen und Überlastungen führen.
Gruppe 1: Die junge, bildungsschwache, ressourcenarme Mehrkinderfamilie
Eltern von drei und mehr Kindern sind überdurchschnittlich häufig besonders jung. Gleichzeitig erfolgen die Geburten dicht hintereinander. Qualifizierungsprozesse als Voraussetzung für eine Erwerbstätigkeit und Absicherung der materiellen Situation sind nicht abgeschlossen oder gar nicht erst begonnen. Frühe Schwangerschaften führen häufig zum Abbruch der Ausbildung. Besonders prekär ist die Situation von Eltern mit vier und mehr Kindern. Es häufen sich finanzielle Risiken sowie Belastungen aufgrund der Überforderung der Eltern in der alltäglichen Lebensführung, bei der Betreuung und der Erziehung der Kinder sowie aufgrund von Konflikten in der Partnerschaft. Hier besteht neben der materiellen Unterstützung vor allem Bedarf an passgenauer Beratung und Hilfe bei der Alltagsbewältigung und Kinderbetreuung, an Möglichkeiten der Weiterqualifizierung der jungen Mütter und Väter sowie an einer besseren Vereinbarkeit von beruflicher Qualifikation und früher Elternschaft.Gruppe 2: Die Mehrkinderfamilie in ressourcenarmen regionalen Umwelten und Wohnräumen
Es macht einen Unterschied, wo die Familien leben, ob auf dem Land oder in stark verdichteten Regionen, und wie sie wohnen. Zahlreiche Angebote für Familien und deren Lebensführung, insbesondere im kulturellen und Bildungsbereich, sind in verdichteten Räumen in der Nähe von Zentren besser erreich- und erschließbar. Aber auch der Wohnraum, der Familien zur Verfügung steht (beispielsweise ein eigener Raum und damit Gestaltungsmöglichkeiten für jedes Kind), ist von Bedeutung.Gruppe 3: Die Patchwork-Mehrkinderfamilie
Besondere Herausforderungen stellen sich für Mehrkinderfamilien, die durch Stiefelternschaft entstehen. Hier kommen zu den genannten allgemeinen Merkmalen spezielle familiendynamische Prozesse durch verschiedene Familiensysteme hinzu, nämlich die Aushandlung von Rollen, Loyalitäten und Zuständigkeiten in der zusammengesetzten Familienkonstellation. Bei Patchworkfamilien bestehen ferner besondere Anforderungen an die Organisation des Familienlebens und Familienalltags mit Kindern unterschiedlicher Eltern. Dies betrifft sowohl die Geschwisterbeziehungen als auch die Eltern-Kinder-Ebene. Besondere Herausforderungen stellen sich dabei aufgrund von Multilokalität.Gruppe 4: Die große Einelternfamilie
Es gibt zahlreiche Hinweise dafür, dass Einelternfamilien, überwiegend alleinerziehende Mütter mit mehr als drei Kindern, besonders belastet sind und sich Risiken kumulieren. Sie leben besonders häufig in prekären materiellen Verhältnissen und sind im Durchschnitt häufiger erwerbstätig als Mütter von drei und mehr Kindern. Die Bedeutung der unterschiedlichen Lebenskonstellationen von Mehrkinderfamilien für die familiale Lebensführung und die Gestaltung des Familienalltags tritt nochmals schärfer hervor, wenn die damit verbundenen Handlungsspielräume berücksichtigt werden. In Anlehnung an das Konzept der Spielräume von Nahnsen (1970), von Chassée u.a. (2007) auf kindliche Lebenslagen übertragen, lässt sich unterscheiden zwischen dem Einkommens- und Versorgungsspielraum, dem Lern- und Erfahrungsspielraum, dem Kontakt- und Kooperationsspielraum, Regenerations- und Mußespielraum sowie dem Dispositions- und Entscheidungsspielraum. Die Spielräume, die die Familien und die einzelnen familialen Akteure haben, unterscheiden sich je nach Typus der Mehrkinderfamilie und ergeben ihre je spezifischen Ressourcen und Bedarfe.
Es stellt sich erstens die Frage, wie Mehrkinderfamilien in ihrem Alltag und bezogen auf die Entwicklungschancen für Kinder unterstützt werden können. Zum zweiten ist zu reflektieren, wie Paare, die eine große Familie gründen wollen, unterstützt werden können. Aufgrund der unterschiedlichen Typen von Mehrkinderfamilien erscheint ein Policy Mix (vgl. Siebter Familienbericht 2006) dringend erforderlich.
Bei der Konzipierung von Unterstützungen für Mehrkinderfamilien sind vor allem die unterschiedlichen Typen von Mehrkinderfamilien mit ihren je spezifischen Bedarfen und Belastungen zu berücksichtigen. Das bedeutet exemplarisch für einzelne Formen der Unterstützung:
Diesen jungen Eltern von Mehrkinderfamilien eine schulische und berufliche Ausbildung zu vermitteln, ist notwendig, um die Chance auf eine Arbeitsmarktintegration zu erhöhen. Diese hat nicht nur positive Effekte auf die ökonomische Situation der Familie und der Kinder, sondern trägt auch zur Entwicklung und Sozialisation der Kinder bei.
Die ausführlichen Ergebnisse sind nachzulesen in: Barbara Keddi/Claudia Zerle/Andreas Lange/Waltraud Cornelißen (2010): Der Alltag von Mehrkinderfamilien – Ressourcen und Bedarfe. Forschungsbericht. München
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DJI Online / Stand: 1. März 2010
Interview mit dem DJI-Projektteam Dr. Barbara Keddi, Claudia Zerle und Prof. Dr. Andreas Lange
mit dem DJI-Projektteam Dr. Barbara Keddi, Claudia Zerle und Prof. Dr. Andreas Lange
Was unterscheidet die DJI-Studie zu Mehrkinderfamilien von anderen Studien zu diesem Thema?
BK: Die demografische und soziologische Forschung hat sich bisher vor allem auf die Ursachen bezogen, die dazu führen, dass immer weniger große Familien gegründet werden. Daneben standen die demografische Bedeutung von Mehrkinderfamilien sowie deren wirtschaftliche und sozioökonomische Lebensbedingungen im Rampenlicht, wobei auch die damit zusammenhängenden Belastungen betont wurden. Ein zweiter, psychologisch ausgerichteter Forschungsstrang fokussiert die Bedeutung von Familiengröße und Geschwisterkonstellationen für die Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern.
Zur Lebenssituation von Mehrkinderfamilien liegt dagegen nur bruchstückhaftes empirisches Wissen vor, insbesondere was den Alltag und die Gestaltung des Familienlebens mit drei und mehr Kindern betrifft. Auch die Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder, vor allem diejenigen der Kinder, werden selten berücksichtigt.
Deshalb haben wir den Alltag und die Beziehungsqualität in Mehrkinderfamilien (auf der Basis des Doing-Family-Konzepts) in den Blick genommen: Wie wird Familie von den einzelnen Familienmitgliedern gelebt und erlebt? Was unternehmen die Familienmitglieder gemeinsam, was die Kinder allein, und wie sind die Aufgaben innerhalb der Familie verteilt? Wie wohl fühlen sich Familienmitglieder von großen Familien im Vergleich zu kleineren Familien?
Wie sind Sie dabei methodisch vorgegangen?
CZ: Wir haben zum einen eine Sekundärauswertung des DJI-Kinderpanels und der DJI-Methodenstudie im Hinblick auf das Thema „Mehrkinderfamilien“ vorgenommen sowie Befunde und Ergebnisse aus dem DJI-Familiensurvey, dem DJI-Jugendsurvey und der DJI-Kinderbetreuungsstudie zusammengetragen. Zum anderen haben wir, neben Daten der amtlichen Statistik, eine Synopse aus einschlägigen nationalen und internationalen Studien und Publikationen erstellt. Das Ergebnis ist ein profunder Überblick über empirische Daten und Theorien zu Mehrkinderfamilien.
Gibt es die „typische Mehrkinderfamilie“?
AL: Die „typische Mehrkinderfamilie“ gibt es nicht. Unsere Ergebnisse zeigen, dass im Durchschnitt weder große Unterschiede im Familienalltag noch in der Beziehungsqualität nach der Familiengröße bestehen. Mehrkinderfamilien sind „ganz normale“ Familien.
BK: Die gängige Perspektive auf besondere Merkmale von Mehrkinderfamilien impliziert, dass Mehrkinderfamilien grundlegend anders sind als Ein- und Zweikinderfamilien. Es gibt jedoch weder einen Grund, Mehrkinderfamilien zu stigmatisieren noch sie als besonders günstig für das Aufwachsen von Kindern herauszustellen. Es gibt allerdings spezifische Konstellationen, die besondere Unterstützungsbedarfe haben und durchaus als prekär einzuschätzen sind: Einelternfamilien mit drei und mehr Kindern sowie Familien in Armut. Sie können Eltern und Kinder erheblich überfordern.
Ein Ergebnis der Studie ist, dass gelebte Religiosität und die eigene (positive) Erfahrung des Aufwachsens mit mehreren Geschwistern stärkeren Einfluss auf die Entscheidung haben, viele Kinder zu bekommen als offenbar die Rahmenbedingungen.
CZ: Der Einfluss der Rahmenbedingungen, beispielsweise der Betreuungs-Infrastruktur, ist schwer zu messen, da er nicht nur direkt, sondern auch indirekt wirkt: Zum Beispiel reduziert ein ausreichendes Angebot an Betreuungsmöglichkeiten die Opportunitätskosten einer Familiengründung oder -erweiterung, indem es das Aufrechterhalten der Erwerbstätigkeit „neben dem Kind“ ermöglicht. Die Wahrnehmung von guten Rahmenbedingungen kann sich also durchaus förderlich darauf auswirken, dass Familien ihren Wunsch nach mehr Kindern auch in die Tat umsetzen. Besonders, wenn weitere Faktoren wie ein hohes religiöses Engagement oder positive Erfahrungen in einer Mehrkinder-Herkunftsfamilie dazu kommen. Im Alltag von Mehrkinderfamilien können die Rahmenbedingungen dann erleichternd wirken und die Möglichkeiten beeinflussen, Familie und Erwerbsarbeit zu vereinbaren.
BK: Im Vergleich mit Kindern aus Zwei- oder Mehrkinderfamilien werden Einzelkinder häufig für die Gewinner gehalten. Unsere Ergebnisse verweisen auf einen anderen Zusammenhang: Unter den gegebenen Bedingungen der Familien-, Gleichstellungs- und Bildungspolitik sowie der Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheinen Zweikinderfamilien die besten Entwicklungsmöglichkeiten und Ressourcen für alle Familienmitglieder zu bieten – sowohl für die kognitive Entwicklung der Kinder, ihren Schul- und Erwerbsverlauf als auch für die Eltern. Insbesondere ist es für Eltern mit bis zu zwei Kindern, vor allem für die Mütter noch einigermaßen möglich, berufliche und familiale Tätigkeit miteinander zu verbinden, was dann wieder den Kindern zu gute kommt, wie die einschlägige Forschung zeigt. Dieser positive Effekt mütterlicher Erwerbstätigkeit beruht dabei zum einen auf den zusätzlichen ökonomischen Ressourcen, zum anderen aber auf den in der Arbeitswelt gewonnenen Kompetenzen und sozialen Einbettungen.
AL: Es wird damit auch nochmals sehr deutlich, dass es weniger die Familienstruktur als solche ist, die über Entwicklungsverläufe von Kindern bestimmt – vielmehr ist die Passungsfähigkeit von Familienstruktur und Ressourcenangeboten in einer Gesellschaft entscheidend. Dass Eltern dies ganz realistisch ebenso einschätzen, zeigt sich auch in der Tatsache, dass Familien mit zwei Kindern für ideal gehalten werden.
Vor allem für die Mütter scheint eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ab dem dritten Kind unter den bestehenden Bedingungen äußerst schwer durchführbar. Können Sie Aussagen darüber treffen, ob dies von den Frauen so gewollt ist, quasi als eine bewusste Entscheidung für den Hauptberuf Mutter?
CZ: Das können wir nicht. Aber wir wissen, dass sich die Eltern von drei und mehr Kindern häufig schon vor der Familiengründung größere Familien wünschen und dementsprechend früher erste Kinder bekommen.
BK: Es ist auch nicht die große Kinderzahl allein, die bei Müttern mit einer Abstinenz vom Arbeitsmarkt einhergeht, sondern erst die Verbindung mit fehlenden oder geringen Bildungsqualifikationen. Mütter mit Abitur bzw. Hochschulabschluss sind, selbst wenn sie mindestens drei Kinder haben, zu einem vergleichsweise hohen Anteil erwerbstätig. Aber dennoch sinkt auch bei Akademikerinnen die Erwerbstätigkeit mit der Anzahl der Kinder.
Könnten hier verbesserte Rahmenbedingungen helfen, das Ausscheiden aus der Erwerbstätigkeit aufzubrechen?
BK: Eindeutig ja. Hierbei sind allerdings die unterschiedlichen Typen von Mehrkinderfamilien mit ihren jeweils spezifischen Bedarfen und Belastungen zu berücksichtigen, bereits während der Familiengründung sowie im Hinblick auf ihren Alltag und die Entwicklungschancen für Kinder. Deshalb ist ein Policy Mix mit einer Bündelung der (familien-)politischen Maßnahmen erforderlich, der sich zum einen direkt an Mehrkinderfamilien wendet, zum anderen aber auch für kleinere Familien relevant ist, z.B. betriebliche Maßnahmen zur Wiedereingliederung und zur Unterstützung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter und Väter. Ebenso wichtig sind flexible, verlässliche und bedarfsgerechte Betreuungsmöglichkeiten für Kinder jedes Alters. Und zwar nicht nur für Familien, in denen beide Eltern erwerbstätig sind. Institutionelle Betreuung ist für alle Mehrkinderfamilien wichtig. Je nach Alter der Kinder und danach, wie sie in Kita, Schule etc. eingebunden sind, bieten sich besonders integrierte Betreuungsangebote aus einer Hand an, wie sie von Familienzentren vorgehalten werden.
AL: Ein weiterer Aspekt ist die schulische und berufliche Qualifizierung als Voraussetzung für eine durch Erwerbstätigkeit abgesicherte materielle Lebensbasis. Das gilt vor allem für die häufig jungen und bildungsfernen Mütter und Väter von drei und mehr Kindern, um deren Chance auf eine Arbeitsmarktintegration zu erhöhen. Diese hat nicht nur positive Effekte auf die ökonomische Situation der Familie und der Kinder, sondern trägt auch zur Entwicklung und Sozialisation der Kinder bei.
Um noch einmal auf das religiöse Engagement zurück zu kommen: Was steckt hinter dem Zusammenhang zwischen Religiosität und der Gründung größerer Familien?
CZ: Die Ergebnisse zeigen, dass gelebte Religiosität und religiöse Praxis häufig eng mit familienzentrierter Lebensführung und einer hohen Bedeutung von Kindern verknüpft sind. Dabei ist nicht nur die bloße Konfessionszugehörigkeit relevant, sondern die aktive Teilnahme am Gemeindeleben. Die Daten des DJI-Familiensurveys belegen hier Unterschiede zwischen Protestanten und Katholiken einerseits und Menschen ohne Konfessionszugehörigkeit andererseits.
Historiker wie Andreas Gestrich konstatieren, dass die Großfamilie mit vielen Kindern in der deutschen Geschichte bei weitem nicht den Verbreitungsgrad hatte, wie häufig angenommen und verweisen die Idee des früheren Kinderreichtums in das Reich der Mythen. So sei die Frage erlaubt: Ist es denn heute zeitgemäß bzw. überhaupt sinnvoll, Familien in der Breite dazu zu motivieren, wieder mehr Kinder zu bekommen?
CZ: Es geht nicht darum, die Menschen zu mehr Kindern oder auch zu Mehrkinderfamilien zu motivieren, sondern es gilt Bedingungen zu schaffen, in denen ein bestehender Wunsch nach mehr als zwei Kindern auch umgesetzt werden kann, ohne dass die gesellschaftliche Teilhabe zu kurz kommt. Für die Mehrkinderfamilien müssen Bedarfe ermittelt und Angebote geschaffen werden, die die Teilhabe von Eltern und Kindern unterstützen. Sei es nun, dass Eltern Familie und Arbeitsleben besser vereinbaren können, oder dass Kindern Ressourcen für erfolgreiches Lernen und Aufwachsen bereitgestellt werden.
Gibt es aus Ihrer Sicht noch weiteren Forschungsbedarf?
AL: Unterbelichtet sind die Entwicklungschancen in Mehrkinderfamilien: Die Prozesse der Ressourcenverteilung – Finanzen, Aufmerksamkeit, kognitive Förderung in Mehrkinderfamilien – und deren Folgen für unterschiedliche Entwicklungsbereiche der Kinder. Amerikanische Studien deuten darauf hin, dass Eltern in Mehrkinderkonstellationen bestimmte Strategien haben, ihre Kinder unterschiedlich zu fördern . Aber auch die Entwicklungsverläufe der Eltern selbst sind wenig erforscht. Ebenso sollten die Konsequenzen, die unterschiedliche Geschwisterzahlen auf den Lebenslauf haben, untersucht werden, insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklungen.
BK: Außerdem fehlen Detailstudien zum Alltag und zur Lebensführung nach Familiengröße und Lebensform. Hier bieten sich besonders qualitative Studien bzw. Studien mit „mixed methods“ an. Neben solchen Studien zum Alltag, die aufgrund zu geringer Zellenbesetzungen in Repräsentativstudien in der Regel nicht möglich sind, bestehen weitere Forschungslücken bezüglich jugendlicher Kinder und Väter in Mehrkinderfamilien. Ebenso sind Längsschnittstudien zum Familienalltag in unterschiedlichen Familienphasen von der Gründung und Geburt über die Ablösung der Kinder erforderlich. Dabei sind besonders die Paarperspektive sowie die Perspektive der Kinder zu berücksichtigen. Ein weiteres unterbelichtetes Thema sind die Beziehungen und gegenseitigen Unterstützungen zur Großelterngeneration, also die Mehrkinderfamilie im Mehrgenerationennetz.
CZ: Eine weitere wichtige Frage ist, inwieweit sich Mehrkinderfamilien ihres Mehrkinderstatus bewusst sind. Ist dies ein permanenter „Masterstatus“, oder wird dieses Bewusstsein nur aufgrund bestimmter außergewöhnlicher Bedarfslagen aktiviert? Wie unterscheiden die Kinder und die Eltern hinsichtlich dieser Selbstzuschreibungen? Inwiefern spielen bestimmte mediale Formate für die Selbstbilder der Eltern und Kinder eine Rolle? Aber auch die Wahrnehmung familienpolitischer Maßnahmen von Eltern in Mehrkinderfamilien ist differenziert zu erheben, um die „Wirksamkeit“ in Bezug auf den Alltag abschätzen zu können. Dabei sind explizit auch die nicht-monetären Komponenten in den Blick zu nehmen, auch was andere, nicht-staatliche Akteure wie beispielsweise Betriebe angeht.
Ebenfalls nicht untersucht sind ferner die Wahrnehmung und praktische Erfahrung von ExpertInnen in Kommunen und Bildungsinstitutionen mit Mehrkinderfamilien.
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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DJI-Projekt: Der Alltag von Mehrkinderfamilien
Kontakt
Dr. Barbara Keddi
Prof. Dr. Andreas Lange
Claudia Zerle
DJI Online / Stand: 1. März 2010
Menschen im Profil II
Claudia Zerle (DJI)
Claudia Zerle (DJI)
Claudia Zerle (Jg. 1979) stammt aus Bad Reichenhall. Nach dem Abitur am dortigen Gymnasium zieht sie 1998 nach Stuttgart und schreibt sich dort für das Magisterstudium der Germanistik, Anglistik und Soziologie ein. Schnell kristallisiert sich heraus, dass Claudia Zerle ihren Schwerpunkt auf das ursprünglich als Nebenfach gewählte Studienfach der Sozialwissenschaften legt.
Als Konsequenz daraus wechselt die junge Studentin nach einem Jahr zum Diplomstudiengang Soziologie an die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) nach München. Im Sommersemester 2002 leitet sie am Lehrstuhl von Prof. Jutta Allmendinger das Tutorium „Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland“. Das anschließende Wintersemester verbringt Claudia Zerle an der Venice International University in Italien. Nach ihrer Rückkehr betreut sie 2003 ein Tutorium zu „Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung“ bei Professor Norman Braun am Institut für Soziologie der LMU München.
Während ihres Hauptstudiums kann Claudia Zerle als freie Mitarbeiterin für eine Reihe von Marktforschungsinstituten sowie PR- und Werbeagenturen in diversen Projekten ihre theoretischen Kenntnisse in der Praxis einsetzen. Außerdem sammelt sie Erfahrung als Interviewerin für das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (2005) sowie im Rahmen einer Studie zu Existenzgründern im Auftrag der Stadt München (2007).
Seit 2004 ist die diplomierte Soziologin für das Deutsche Jugendinstitut in München tätig. Zunächst als freie Mitarbeiterin in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe, später als wissenschaftliche Hilfskraft im „Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden“. Seit März 2007 ist sie als wissenschaftliche Referentin in der „Abteilung Familie und Familienpolitik“ des DJI angestellt. U. a. hat sie dort gemeinsam mit ihrer Kollegin Isabelle Krok im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung die Wege in die Vaterschaft: Vaterschaftskonzepte junger Männer untersucht.
Seit 2008 hat Claudia Zerle einen Lehrauftrag an der TU Dortmund für standardisierte Befragung und Auswertung, bzw. empirische Datenanalyse und seit 2009 einen weiteren an der Hochschule Ravensburg-Weingarten zum Thema „Soziologische Theorien zu Familie“.
Claudia Zerles Veröffentlichungen beschäftigen sich mit dem Alltag und Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen sowie mit dem Thema Vaterschaft und junge Väter. Die Forschungsarbeiten zur letztgenannten Thematik bilden auch die Grundlage für ihre Dissertation, an der sie seit Ende 2009 als Promotionsstudentin am Department für Erziehungswissenschaften der Universität Potsdam schreibt. Sie hat den Arbeitstitel „Vaterschaft als Statuspassage: Der letzte Schritt ins Erwachsenenalter?“.
Zuletzt verfasste Claudia Zerle gemeinsam mit einem Team der DJI-Abteilung Familie und Familienpolitik im Auftrag des Familienministeriums die Studie Der Alltag von Mehrkinderfamilien.
DJI Online / Stand: 1. März 2010
DJI Abteilung Familie und Familienpolitik
Die Abteilung Familie und Familienpolitik führt Projekte durch zu den Entwicklungen, Leistungen, Ressourcen, Problemlagen und Bedarfen von Familien in der Spätmoderne sowie zu den Maßnahmen ihrer gesellschaftlichen und politischen Unterstützung: Wie entwickeln und verändern sich Familien? Welche Rolle spielen dabei veränderte Geschlechterverhältnisse? Wie leben und gestalten die Familienmitglieder den Alltag und wie entsteht Gemeinsamkeit (doing family)? Wie verlaufen Prozesse der Familiengründung? Was benötigen Familien, um gesellschaftliche und individuelle Erwartungen erfüllen zu können? Durch gesellschaftliche Veränderungen und gesellschaftspolitische Zielsetzungen (verbesserte Balance zwischen Familie und Beruf, mehr Geschlechtergerechtigkeit, Sicherung des Kindeswohls) braucht es einen Mix der Unterstützung durch Professionelle, bürgerschaftliches Engagement und Laien. Die Perspektiven der Abteilung richten sich besonders auf die Stärkung der Zukunftsfähigkeit von Familien und die Schnittstellen von familialer Privatheit und Öffentlichkeit. Es gilt, Bedingungen für familiale Netze von (Groß-)Eltern, Kindern und anderen zu schaffen, damit Sorge, Sozialisation und emotionaler Zusammenhalt geleistet werden können.
DJI Projekt: Surveyforschung Familie
Im Rahmen der Integrierten Surveyforschung des DJI Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten (AIDA) werden familienbezogene Analysen zum Familienalltag, zur familialen Lebensführung sowie zu familialen Risikolagen durchgeführt. Zentraler Bezugspunkt ist das Konzept der familialen Lebensführung: Familie muss umso mehr gestaltet werden, je komplexer und dynamischer das familiale Netzwerk, Familienformen, Geschlechterarrangements und familiale Vereinbarkeits- und Balanceanforderungen sind.
Diesem Zugang entspricht konzeptuell und methodologisch die Grundidee, aus individuellen Handlungsmustern und der Verbindung und Gewichtung von individuellen und familialen Aktivitäten Muster familialer Lebensführungen zu rekonstruieren. Im Fokus stehen der Alltag und die Lebensführung von Familien, ihre individuellen und gemeinsamen Aktivitäten und Gestaltungsleistungen, Praktiken, Routinen und Rituale, mit denen sie alltäglich und im Lebenslauf Familie als gemeinschaftliches Ganzes herstellen („doing family“) und das Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Bereichen austarieren.
DJI Projekt: Der Alltag von Mehrkinderfamilien. Ressourcen und Bedarfe
Familien mit drei oder mehr Kindern kommt demographisch gesehen eine wichtige Funktion zu, denn der Geburtenrückgang ist vor allem ein Ergebnis des Rückgangs großer Familien. Zur Lebenssituation von Mehrkinderfamilien und damit zusammenhängenden Belastungen, aber auch Bereicherungen des Familienlebens, existiert bisher jedoch nur bruchstückhaftes Wissen. Aus diesem Grund legt das Projekt seinen Schwerpunkt auf den Alltag von Mehrkinderfamilien: Wie wird Familie von den einzelnen Familienmitgliedern gelebt und erlebt? Wie ist das Passungsverhältnis von Familienstruktur- und -größe und der sozialen Umwelt? Welche Faktoren ermöglichen ein mehr oder weniger gelingendes Familienleben auf der Ebene von Handlungen und Bewertungen?
DJI Projekt: Karriereverläufe von Frauen
Das Projekt untersucht die berufliche Entwicklung von Frauen im Kontext von Paardynamiken, kulturell verankerten Leitbildern und institutionellen Rahmenbedingungen. Ziel ist es, die Bedingungen zu identifizieren, die für den beruflichen Erfolg von Frauen ausschlaggebend sind. Auf dieser Grundlage sollen neue Handlungskonzepte zur Unterstützung der Berufskarrieren von Frauen in Paarbeziehungen entwickelt werden.
DJI Projekt: Wege in die Vaterschaft: Vaterschaftskonzepte junger Männer
Umwege in Ausbildung, Erwerbsbiografie und Partnerschaft sind heute angesichts der Umbrüche in Arbeitswelt und Wohlfahrtsstaat eine allgemeine Erfahrung Jugendlicher und junger Erwachsener. Für junge Männer und Väter wird im Rahmen dieses übergreifenden Wandels die Orientierung am Leitbild des „Familienernährers“ brüchig. Alternative Rollenarrangements, die zu einer gleichberechtigten und geschlechtsegalitären Aufteilung der Familien- und Erwerbsarbeit und der damit verbundenen Ressourcen führen, sind weder in der Herkunftsfamilie vorgelebt noch in Gesellschaft, Öffentlichkeit und Erwerbsleben hinreichend vorbereitet und wenig institutionalisiert.
DJI Projekt: Armutsprävention bei Alleinerziehenden
Entwicklung kommunaler Strategien zur Armutsbekämpfung bei Alleinerziehenden. Prekäre Lebenslagen und die Vernetzung von Hilfen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt am Beispiel der Stadt Nürnberg.
DJI Online Thema: Doing Family – den Alltag von Familien ernst nehmen
Der aktuelle Diskurs um ein Betreuungsgeld für Familien, die ihre Kinder zu Hause aufziehen, ist auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Verständigungs- und Orientierungsbedarfs. Veränderte Arbeitswelten, ein aktivierender Sozialstaat, beschleunigte Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologien sowie veränderte Geschlechterverhältnisse haben bestehende Gesellschaftsbezüge aufgebrochen. Aufgrund dieser veränderten Rahmenbedingungen stellen sich für Familien, aber auch für Akteure aus Wirtschaft und Politik, neue Herausforderungen an die Gestaltung des Familienalltags. DJI Online widmet sich im Schwerpunktthema dem Familienalltag aus wissenschaftlicher Sicht mit zentralen Thesen, einschlägigen Forschungsprojekten und -ergebnissen sowie Publikationen des Deutschen Jugendinstituts.
DJI Online Thema: Vater werden – zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Trotz steigender Inanspruchnahme der sogenannten „Vätermonate“ gilt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch immer als klassisches Frauenthema. Angesichts fehlender attraktiver, lebbarer Rollenbilder für „neue, aktive Väter“ hat die DJI-Studie „Wege in die Vaterschaft“ untersucht, welche Vorstellungen junge Männer vom Vatersein haben und warum sich viele dagegen entscheiden, überhaupt Vater zu werden. Die Auswertung der Antworten liefert u.a. wichtige Erkenntnisse für die zukünftige Gestaltung von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen.
DJI Online WISSEN A-ZStichwort: Familiengründung
DJI Online / Stand: 1. März 2010
Menschen im Profil III
Prof. Dr. Andreas Lange (DJI)
Prof. Dr. Andreas Lange (DJI)
Andreas Lange wird 1960 in Überlingen geboren und wächst in der Linzgaugemeinde Bermatingen auf. Im nahe gelegenen Markdorf besucht er das Gymnasium bis zum Abitur. Andreas Lange erinnert sich gern an seine Schulzeit. Die kooperative Gesamtschule ist ein gut ausgestatteter Neubau mit engagierten LehrerInnen. Eine Schule mit Modellcharakter, mit der die Bildungsreserven in der ländlichen Bevölkerung, vor allem auch unter den Mädchen mobilisiert werden sollen.
Besonders der Lehrer für Gemeinschaftskunde beeindruckt den jungen Andreas Lange. Trotz dessen eindringlicher Warnung entscheidet er sich nach der 15-monatigen Bundeswehrzeit 1981, Soziologie und Psychologie zu studieren. Die vom Reformgeist geprägte Universität Konstanz bietet ideale Studienbedingungen: kleine Gruppen, intensive Betreuung durch die Professoren und Vorlesungen hochkarätiger Dozenten wie der Soziologie-Ikone Ralf Dahrendorf und des renommierten Familiensoziologen Kurt Lüscher, bei dem Andreas Lange seit 1985 erst als Hilfskraft, später als wissenschaftlicher Assistent arbeitet.
Seiner Alma Mater bleibt Andreas Lange auch nach der Magister-Abschlussprüfung treu, um dort 1994 mit einer Arbeit über das Kinderleben auf dem Lande zu promovieren. Die Idee dazu entsteht durch sein Engagement in der Sektion Kindheit der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Dort häufen sich damals Untersuchungen und Wissen über das Leben der Stadtkinder, während bei den Landkindern eine Forschungslücke klafft. Andreas Lange gehört zu denen, die diese Lücke füllen: am Beispiel der kleinen Bodensee-Gemeinde Bermatingen. Dort beginnt seit den 1960er Jahren die moderne Welt in die ländlichen Strukturen einzubrechen, was nicht ohne Einfluss auf das Leben der Kinder dort bleibt.
Über seine Dissertation entstehen erste Kontakte zum Deutschen Jugendinstitut. Gemeinsam veranstaltet man in den 1990er Jahren Tagungen zur Kindheitsforschung und 1999 entsteht so eine Publikation zu methodologischen Herausforderung in der Forschung über und mit Kindern.
2003 markiert den Schlusspunkt der Konstanzer Zeit. Andreas Lange legt seine kumulative Habilitation zum Thema differentielle Soziologie der Kindheit vor und tauscht den Bodensee gegen die Isar. Er geht als wissenschaftlicher Referent an das DJI und befasst sich seitdem mit der Entgrenzung von Arbeit und deren Konsequenzen für Familie und Kindheit sowie einer Vielzahl weiterer Themen, wie „Vaterschaft heute“, „Zeit in und für Familien“, insbesondere aus der Perspektive von Kindern sowie mit der Frage nach den besonderen Potenzialen der Bildungswelt Familie (DJI-Projekt Bildungsprozesse zwischen Familie und Ganztagsschule).
Seit 2006 ist Andreas Lange Grundsatzreferent für Familienwissenschaften, die soziale Lage von Familien, die Perspektive der Kinder, familiale Bildungsprozesse und Generationenbeziehungen in der DJI-Abteilung Familie und Familienpolitik.
Neben seiner außerplanmäßigen Professur an der Universität Konstanz war Andreas Lange von 2003 bis 2005 Gastprofessor an der Universität Innsbruck.
Zuletzt verfasste er gemeinsam mit einem Team der Abteilung Familie und Familienpolitik im Auftrag des Familienministeriums die Studie Der Alltag von Mehrkinderfamilien.
DJI Online / Stand: 1. März 2010