
Schlägereien auf Schulhöfen, jugendliche Vergewaltiger oder Messerstechereien verfeindeter Jugendgruppen alarmieren immer wieder die Öffentlichkeit in besonderem Maße und geraten ebenso in die Schlagzeilen wie Amokläufe Einzelner, die das Interesse der Medien auf sich ziehen. Aber auch unabhängig von den tagesaktuellen öffentlichen Aufmerksamkeiten ist Gewalt im Kindes- und Jugendalter ein ernst zu nehmendes Thema. Das DJI befasst sich seit Jahren in unterschiedlichen Kontexten mit Fragen der Jugendkriminalität und -gewalt, den Ursachen und Folgen sowie möglicher Prävention und den Herausforderungen der fachlichen Weiterentwicklung der Präventionsstrategien.
Die seit 1997 am DJI angesiedelte Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention nennt als entscheidende Kriterien guter Präventionsprogramme, dass sie in erster Linie zielgruppenbezogen arbeiten, ohne jedoch in die Falle der Überspezifizierung zu tappen. Zweitens ist der zeitlich angemessene Umfang entscheidend. D.h. ein einzelnes Anti-Gewalt-Training ist wenig zielführend, wenn sich Aggressionen, die zu den Gewaltausbrüchen von Jugendlichen führen, über viel längere Zeiträume hinweg entwickelt haben. Drittens fehlt vielen Präventionsprogrammen die präzise formulierte Zielsetzung, die den direkten Zusammenhang zwischen der Maßnahme und dem, was vermieden soll, erkennen lässt. Deswegen fordert die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention eine Engführung des Präventionsbegriffs. Frühe Förderung, soziales Lernen, Unterstützung und Bildung sowie der individuelle Blick auf einzelne Kinder sind wichtige und wirksame Maßnahmen, die durchaus auch gewaltpräventive Nebeneffekte haben können. Sie deswegen jedoch unter das Banner der Gewaltprävention zu stellen, ist riskant. Die ExpertInnen des DJI warnen daher vor dem flächendeckenden Einsatz zu breit angelegter Programme – die selbst dann durchgeführt werden, wenn überhaupt kein Bedarf angezeigt ist. Zu früh und zu breit eingesetzte Maßnahmen sogenannter Gewaltprävention können unter Umständen sogar eine kontraproduktive Wirkung entfalten. Wenn ErzieherInnen sich beispielsweise gedrängt fühlen, bei einem Kind, das ein anderes schubst, „gewaltpräventiv“ tätig werden zu müssen, kann dies zu einer Stigmatisierung des betreffenden Kindes führen, die wiederum eine gefährliche Eigendynamik entwickeln kann. Vielen „gut gemeinten“ Präventionsaktivitäten mangelt es nach Ansicht der DJI-Aggressions- und GewaltforscherInnen noch an der entsprechenden Abwägung, um staatliche Interventionen ausreichend zu legitimieren.
Auch der Direktor des Instituts für Kriminologie an der Universität Köln, Prof. Dr. Michael Walter, ist in seinem Beitrag der Auffassung, die Verhinderung von Gewalt müsse nicht neu etabliert werden. Er sieht eher die Gefahr, dass umgekehrt dann Schwierigkeiten erwachsen, wenn wir sie zu einem gesonderten Programm erheben. Denn Gewalt und Gewaltvermeidung sind laut Walter Bestandteile unserer gesellschaftlichen Realität und können als solche nicht zu einem jeweils herausgelösten und isolierten Bearbeitungsgegenstand mutieren. Einblicke in die praktische Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen bietet der Text von Anja Steingen, die vom Anti-Gewalt-Training für Mädchen berichtet, das die Arbeiterwohlfahrt in Köln anbietet.
Ergänzt wird das Schwerpunktthema durch ein DJI-Online-Gespräch mit der Kriminologin Prof. Dr. Britta Bannenberg von der Justus-Liebig-Universität Gießen zu ihren Analysen von Amokläufen, den Parallelen in den Persönlichkeitsprofilen der Täter, deren Umgang mit Waffen und Medien, mögliche Präventionsmaßnahmen und die fatale Sogwirkung, die eine übermäßige Medienresonanz auf potenzielle Nachahmetäter ausübt.
DJI Online / Stand: 1. April 2009
Interview mit Bernd Holthusen, Dr. Sabrina Hoops, Dr. Christian Lüders und Prof. Dr. Klaus Wahl
„Aggression und Gewalt bei Jugendlichen und wie man ihr am besten begegnet“
mit Bernd Holthusen, Dr. Sabrina Hoops, Dr. Christian Lüders und Prof. Dr. Klaus Wahl
Gewalt ist ein schillernder Begriff, über den sich ausgiebig philosophieren lässt. Wäre es eine grobe Verkürzung zu fragen, welches Gewaltverständnis das DJI in seinen Arbeiten und Verlautbarungen zu Grunde legt? Oder: ist es überhaupt möglich, „die“ Jugendgewalt auf eine kurze Formel zu bringen?
KLAUS WAHL: Das DJI konstatiert in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und außerhalb des Instituts unzählige Gewaltbegriffe. Ich würde aber mit dem Begriff der Aggression beginnen, einem in der Evolution bewährten Ensemble von Mechanismen, um sich gegen andere mit schädigenden Mitteln durchzusetzen. Das gilt auch für den Menschen. Dieses allgemeine Potenzial wird dann individuell durch die genetische Ausstattung, den Sozialisationsprozess und gesellschaftliche Umstände gefördert oder gehemmt.
Im Verlauf der Geschichte wurde eine Teilmenge von Aggression durch gesellschaftliche und staatliche, zeit- und kulturabhängige Normierungen als Gewalt konstruiert. Hierbei wird definiert, was einerseits noch geduldet und andererseits sanktioniert, bestraft wird. Oft sind dabei hierarchische Beziehungen und die Macht der Stärkeren im Spiel. Es gibt aber auch die Gegengewalt, die Rebellion oder Revolution.
CHRISTIAN LÜDERS: Das ist aus soziologischer Sicht sicher so zu unterschreiben. In unseren Publikationen haben wir versucht, es auf eine kurze Formel zu bringen. Gewalt ist ein auf Personen zielendes physisches, psychisches, soziales oder materielles schädigendes Handeln. Die Schädigung ist das zentrale Element bei den vier Dimensionen. In unseren Arbeitszusammenhängen ist dies ein auf Kinder und Jugendliche abzielendes oder von ihnen ausgeübtes schädigendes Handeln. Je nach therapeutischem, rechtlichem oder subjektiv gefühltem Rahmen kann dieses „schädigend“ natürlich im Detail unterschiedlich interpretiert werden. Gewalt gegen Sachen sowie die so genannte strukturelle Gewalt klammern wir übrigens bei unserer Arbeit ausdrücklich aus.
BERND HOLTHUSEN: Ich möchte zu der von Christian Lüders angesprochenen objektiven und subjektiven Interpretation von Gewalt ergänzen, dass das, was wir als Erwachsene unter Gewalt verstehen, sich unter Umständen deutlich von dem Verständnis unterscheidet, das die Jugendlichen selbst haben. Für einen jungen Mann kann zum Beispiel die Herabwürdigung durch einen Lehrer vor der gesamten Klasse eine schwerwiegendere und verletzendere Form von Gewaltausübung darstellen als eine Schlägerei unter Gleichaltrigen.
Sie sprechen damit schon die verschiedenen Formen von Gewalt an: die Gewalt der Jugendlichen untereinander; gegen Schwächere oder „Andere“; gegen sich selbst. Es gibt Hooligans, Amokläufer, rassistische Verbalattacken, alkoholisierte Vergewaltiger, islamistische Terroristen oder Brüder, die ihre Schwestern wegen Befleckung der Familienehre töten. Gibt es für diese Ausprägungen allgemein akzeptierte und verbindliche Kategorien, auf die sich auch das DJI bezieht?
CL: Es gibt Kategorisierungen, die aber aus den jeweiligen Funktionssystemen heraus entstehen. Zum Beispiel unterscheidet die Polizeistatistik schwere und leichte Körperverletzung, politisch motivierte Gewalttaten und sexuelle Delikte. Dieses Kategoriensystem der Polizei findet in weiten Teilen Anschluss an das des Rechts, aber nicht immer. Der Richter muss hier eigens entscheiden. Demgegenüber treffen sowohl die therapeutische als auch die pädagogische Fachpraxis andere Unterscheidungen; ganz zu schweigen von der öffentlichen Diskussion, bei der Vieles durcheinander geht. Wir haben also keine einheitliche Kategorisierung, sondern Sortierungen je nach gesellschaftlichem Teilsystem. Was ja auch legitim und sinnvoll ist, weil die gesellschaftlichen Teilsysteme sich jeweils anders auf die TäterInnen und Opfer beziehen.
SABRINA HOOPS: Dieser zum Teil verwirrenden Vielfältigkeit versuchen wir als DJI dadurch zu begegnen, dass wir in unseren Veröffentlichungen, in den Interviews immer sehr deutlich machen, auf welchen Bezugsrahmen, auf welches Kategoriensystem wir uns in unseren Einschätzungen und empirischen Ergebnissen beziehen.
Stark wahrgenommen in der Breite werden die in regelmäßigen Abständen veröffentlichten Veränderungen in der Entwicklung der Jugendgewalt. Die Zahl der schweren Körperverletzungsdelikte nähme zu. Die Täter werden immer jünger. Auf welche empirische Basis berufen sich diese Aussagen?
CL: Die einzig einigermaßen verlässliche Quelle sind die Daten der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), also die Ermittlungsergebnisse der Polizei. Das ist das sogenannte Hellfeld. Was im Dunkelfeld geschieht, wird damit nicht erfasst. Wie sich nun die Anteile zwischen Hell- und Dunkelfeld über die Jahre verschieben und aus welchen Gründen, darüber wird seit Jahren spekuliert und gestritten. Die zweite Quelle speist sich aus Versuchen, dieses Dunkelfeld näherungsweise aufzuhellen, wie es beispielsweise Christian Pfeiffer mit seiner vor kurzem veröffentlichten SchülerInnen- Befragung von rund 45.000 Fünfzehnjährigen getan hat. Ein ehrenwerter, aber durchaus diskussionswürdiger Versuch. Darüber hinaus ergänzen Verurteiltenstatistiken, Versicherungsdaten, z.B. zu Schulunfällen, sogenannten Raufunfällen, das empirische Bild. Hinzu kommt in der geführten Debatte ein starker Anteil „gefühlter“ Veränderung. Dazu zählen subjektive Einschätzungen wie diese: „Wir haben uns früher auch geprügelt, aber wir wussten, wann wir aufhören mussten.“ Dafür gibt es aber keine verlässlichen empirischen Belege.
Indizieren diese Hell- und Dunkelfeldstudien nun einen Anstieg der Jugendgewalt?
CL: Laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) hatten wir seit etwa Mitte der 1990-er Jahre bei den 14- bis 21-Jährigen tatsächlich einen kontinuierlichen Zuwachs an Gewalttaten: z.B. Körperverletzungen von Jugendlichen um etwas mehr als 4% von 2006 auf 2007; das entspricht etwa 2.800 mehr polizeilich registrierten Jugendlichen als im Jahr davor. Inwieweit sich aus einzelnen Hinweisen auf Rückgänge, wie wir sie mittlerweile in anderen Bereichen jugendlicher Delinquenz wie den Rauschgiftdelikten kennen, eine Tendenz entwickelt, wird abzuwarten sein.
BH: Außerdem ist es auf Definitionsfragen zurück zu führen, dass diese Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind. So fasst die PKS seit kurzem verschiedene Gewalttaten auf Länderebene zu unterschiedlichen Summenschlüsseln zusammen. Dadurch wird nun die einfache Körperverletzung, die die Mehrzahl der Fälle ausmacht und nicht zum Summenschlüssel Gewalttaten gezählt wird, unter der Gesamtrubrik Rohheitsdelikte subsummiert. Dieser neue Summenschlüssel führt dann auch zu Veränderungen in den Auswertungen.
SH: Interessant sind in diesem Zusammenhang empirische Studien, denen zufolge die Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung seit einigen Jahren abnimmt. Im Grunde steht das ja im Widerspruch zu manchen Interpretationen der PKS, die eine steigende Furcht vor Gewalt konstatieren.
CL: Wir müssen aber auch positiv feststellen, dass sich der Umgang mit der PKS von Seiten der Politik in den letzten Jahren erheblich verändert hat. Waren die entsprechenden Pressekonferenzen zu Anfang der 1990-er Jahre meist noch ein Anlass, um Ängste zu schüren und sicherheitspolitische Ziele durchzusetzen, so werden die Zahlen heute anders eingebettet und differenzierter dargestellt.
BH: Was ja sinnvoll ist. Denn es ist ja nachweislich so, dass die objektiven Kriminalitätszahlen und die subjektive Furcht davor, Opfer einer Gewalttat zu werden, in keiner wirklichen Korrelation zueinander stehen. Entscheidender als die Zahlenlage ist, auf welche Weise die Diskussion in der Öffentlichkeit, in den Medien gerade geführt wird. Bemerkenswert ist außerdem, dass diejenigen, die mit einer viel größeren Wahrscheinlichkeit gefährdet sind – nämlich die männlichen Jugendlichen selbst – am wenigsten Angst davor haben und kein Vermeideverhalten an den Tag legen.
Auf welche empirische Basis stützt sich das DJI bei seinen Stellungnahmen oder in seinen Publikationen? Gibt es neben der PKS und der genannten Dunkelfeldstudie eigene Langzeitbeobachtungen oder Ergebnisse z.B. aus dem DJI-Jugendsurvey?
KW: Das DJI führt keine eigenen Dunkelfeldstudien im engeren Sinne durch. Aber wir können auf annähernd repräsentative DJI-Untersuchungen mit Stichproben von mehreren 1.000 Untersuchten zurückgreifen. So können wir aus einzelnen Fragen des DJI-Kinderpanels Rückschlüsse auf Aggressionspotenziale und die Ausübung oder Erleidung von Gewalt ziehen. Diese Befragungen sind aber nicht nach juristischen oder strafrechtlichen Kriterien aufgeschlüsselt, sondern allgemeiner gehalten, z. B. geht es darum, wie sich Kinder untereinander in der Schule schlagen.
Ist geplant, den Bereich der Jugendgewalt in den Fragenkanon des in Kürze startenden Integrierten Survey des DJI aufzunehmen?
CL: In der Basiserhebung werden wir das nicht tun. Eine andiskutierte Möglichkeit besteht dahin, dies in einer AdressantInnenbefragung ein Stück weit einzubauen. Allerdings nicht unter einer Täter-, sondern stärker unter einer Opferperspektive, weil wir uns damit validere Aussagen über die Häufigkeit versprechen. Denn es ist ja in einigen Gruppen deutlich weniger chic, sich als Opfer zu outen. Deswegen versprechen wir uns durch die Möglichkeit, dies in einer anonymen Befragung äußern zu können, Zahlen, die näher an der Realität sind. Wie gesagt, dies sind erste Vorüberlegungen, aber letztlich ist dies immer auch eine Frage der Finanzierung.
SH: Hintergrund dieser Planungen ist, dass die Kinder- und Jugendhilfe für die Unterstützung der Opfer noch viel weniger Angebote bereit hält als zum Beispiel die Polizei, die hier schon viel weiter ist, mit eigens dafür ausgebildeten Kräften, mit speziell eingerichteten Räumlichkeiten für die Arbeit mit den Opfern. Da hat die Kinder- und Jugendhilfe außer einer empathischen Grundhaltung und punktuellen Programmen noch keine angemessene Konzeption. Die zahlenmäßig ja nicht viel größere Gruppe der möglichen oder auffällig werdenden TäterInnen steht bereits viel häufiger im Mittelpunkt von entsprechenden Programmen. „Loser“ und „Opfer“ ist heute ein schlimmes und häufig gebrauchtes Schimpfwort, aber den damit bedachten Jugendlichen schenken wir noch viel zu wenig Beachtung.
Eine sinnvolle Strategie, die Zahl der Opfer klein zu halten, ist es, möglichst viele Jugendliche davon abzuhalten, zu TäterInnen zu werden. Wie viel wissen wir über diese Jugendlichen? Gibt es über die großen quantitativen Längsschnittuntersuchungen hinaus am DJI andere Projekte, die Informationen zu gewalttätigen Jugendlichen sammeln und auswerten?
SH: Da gibt es eine ganze Reihe von ins Detail gehenden Untersuchungen, die in den vergangenen Jahren durchgeführt wurden. Zum Beispiel die Arbeiten von Kirsten Bruhns und Svendy Wittmann zu gewaltbereiten Mädchen und ihren Peergruppen. Oder das Projekt „Delinquenz von Kindern“ von Hanna Permien, Peter Rieker und mir vor einigen Jahren, dessen Daten von mir durch eine qualitative Follow-Up-Befragung ergänzt wurden. Das Buch dazu erscheint im Herbst, allerdings ist Gewaltverhalten von Kindern und Jugendlichen hier nur ein kleiner Ausschnitt. Straffälliges Verhalten im Kindes- und Jugendalter umfasst ja insgesamt ein breites Spektrum. Fokussiert auf den Themenkomplex „Aggression und Gewalt“ sind natürlich die von Klaus Wahl und KollegInnen durchgeführten Studien bei jungen Gewalttätern aus der fremdenfeindlichen und rechtsextremen Szene einschlägig.
Daneben haben wir gerade in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe eine Reihe von Projekten, die Jugendliche als AdressatInnen von Maßnahmen befragt haben. Ich denke hier z.B. an die Untersuchung „Freiheitsentziehende Maßnahmen im Rahmen von Kinder- und Jugendhilfe“. Bei den Biografien der hier befragten Mädchen und Jungen stellte sich der Faktor Gewalt zum Teil als ein ganz wesentlicher dar. Insgesamt haben wir am DJI also umfangreiches Material gesammelt, auf das wir bei Anfragen immer wieder zurückgreifen können.
KW: Allerdings muss ich hinzufügen, dass die Erhebungen zur Mädchengewalt und auch meine zu gewalttätigen Jugendlichen insgesamt bereits etwa zehn Jahre zurück liegen. Was die weiblichen Jugendlichen betrifft, klafft da aktuell sicher eine Forschungslücke, die geschlossen werden müsste, damit auf die derzeit von manchen Medien konstatierte „explodierende“ Zunahme der Mädchengewalt angemessen reagiert werden könnte. Nach den derzeit vorliegenden Zahlen wächst der Anteil der Mädchen leicht, die absoluten Zahlen sind aber immer noch vergleichsweise gering.
Die Mädchen sind eine von mehreren möglichen zu identifizierenden Tätergruppen. Gibt es einen hervorstechenden Typus, der vorherrscht – so wie es in der öffentlichen Wahrnehmung der Fall ist, wenn „mal wieder“ ein junger männlicher arbeitsloser Täter mit Migrationshintergrund als Verantwortlicher ausgemacht wurde?
CL: Um bei den Fakten zu bleiben: Der Großteil der Jugendlichen, die polizeilich auffällig werden, wird dies nur einmal bis sehr wenige Male. Daneben gibt es viele, unterschiedlich große, zum Teil winzig kleine und statistisch kaum mehr fassbare Gruppen bzw. Typen von TäterInnen. Die kleinste Gruppe bilden diejenigen, die im eigentlichen Sinne gar keine Gruppe sind, nämlich die Einzeltäter, die zu Amokläufern werden – und dann ein sehr großes Echo in den Medien auslösen.
Eine Gruppe beispielsweise, die mittlerweile sehr hohe Kosten verursacht, ist die der Jugendlichen, die unter der Woche großenteils unauffällig leben, aber an den Wochenenden in den Stadien und drum herum mit Ansage für Randale sorgen und nur durch mächtigen Polizeieinsatz davon abgehalten werden können, Prügeleien mittleren Ausmaßes zu veranstalten.
Eine andere Gruppe ist die der politisch motivierten Gewalttäter. Auch hier beschäftigen Überfälle von rechtsextremen Jugendlichen auf Ausländer in regelmäßigen Abständen nicht nur die Polizei, sondern auch die Medien.
Eine deutlich kleinere Gruppe bilden die der sogenannten Intensiv- und Mehrfachtäter, die sich allerdings bei genauem Hinschauen als sehr heterogen zusammengesetzt erweist, sodass man sich schon fast scheut, sie als eine Gruppe mit gemeinsamen Merkmalen zu begreifen.
Das heißt: es gibt weder den „typischen“ Täter, noch ist es sinnvoll, vorschnell all diese Jugendlichen in einen Topf mit dem Etikett „Jugendgewalt“ zu werfen. Allerdings spiegelt die öffentliche Diskussion nur sehr selten diese Differenzen und die tatsächlichen Quantitäten wider.
KW: Das ist sicher richtig, aber es gibt durchaus auch Schnittmengen zwischen diesen verschiedenen Erscheinungsformen. Und zwar sind das die allgemein aggressiven Kinder und Jugendlichen, die verschiedene Phasen durchlaufen und zu diesen Gruppen gehören können. Zum Beispiel beginnt so ein Kind damit, seine Schulkameraden zu schlagen, ist dann bei den Hooligans aktiv und landet später bei fremdenfeindlichen Skinhead-Cliquen oder rechtsextremen Kameradschaften. Der Rechtsextremismus ist für die schon vorher Aggressiven häufig nur eine Flagge, die das Loswerden übermäßiger aggressiver Impulse legitimieren soll. Hierin sind sie sich übrigens sehr ähnlich mit gewalttätigen Jugendlichen aus linksextremen Gruppen, gegen die sie ja auch kämpfen.
CL: Das stimmt, allerdings möchte ich ergänzen, dass wir diese Schnittstellen und fließenden Übergänge vor allem bei den in Gruppen begangenen Delikten finden, weniger zum Beispiel bei den Amokläufern mit ihren klassischen Einzeltäterkarrieren.
BH: Und wenn wir effektive Präventionsstrategien entwickeln wollen, müssen wir deswegen sehr genau unterscheiden, mit welchen Jugendlichen wir es zu tun haben. Sind es Jugendliche, die sich zielgerichtet zu Massenschlägereien verabreden? Oder handelt es sich um jugendtypische Auseinandersetzungen, bei denen spontan, situativ geprägt meist aus einer vermeintlichen Nichtigkeit heraus ein Konflikt zwischen Jugendlichen symmetrisch eskaliert? Übrigens können gewalttätige Jugendliche in der Vorwoche das Opfer gewesen sein und in der nächsten Woche sind sie es, die in der gewalttätigen Auseinandersetzung die Oberhand behalten und damit als Täter gelten. Wir sprechen hier vom Täter-Opfer-Status-Wechsel, den viele junge Menschen durchleben, für die Gewalterfahrungen an der Tagesordnung sind. Darauf zu reagieren, ist die pädagogische Herausforderung.
Sehen Sie einen Widerspruch zwischen den Aussagen „80 Prozent der 495 jugendlichen Berliner Intensivtäter haben einen Migrationshintergrund“ und „Jugendgewalt ist kein Ausländerthema, sondern ein Unterschichtenthema“?
KW: Nein, das ist kein Widerspruch. Die Aussagen ergänzen sich.
CL: Genau, beide Aussagen sind richtig, und zwar deshalb, weil der Großteil der aktenkundig gewordenen Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Strukturen aufwächst, die sozial benachteiligend zu nennen sind. Wir betonen deswegen immer, dass die lebensweltlichen Bedingungen von größerer Bedeutung sind als der Migrationsstatus, der allein keine erklärende Variable darstellt.
Zu den lebensweltlichen Bedingungen möchte ich einen jugendlichen Straftäter aus Berlin zitieren: „Wer hier ein Engel ist, ist morgen tot. Also muss ich selbst zum Teufel werden.“ Womit wir bei den Sozialräumen und Tatorten wären. Wo sind die roten Punkte auf der deutschen Landkarte?
CL: Es gibt in der Tat soziale Räume, die sind höher belastet als andere; in Großstädten sind die Viertel meist einschlägig als „soziale Brennpunktviertel“ bekannt. Zweitens gibt es Räume, die stehen unter stärkerer Beobachtung durch die Polizei als andere, was auch zu einer höheren Kriminalitätsrate führt ...
KW: ... weil z.B. wegen der Überwachung durch Videokameras Delikte vom Dunkel- ins Hellfeld rücken und damit statistisch erfasst werden.
CL: Ich vermute, dass der Großteil der aktenkundig werdenden Delikte solche sind, die im öffentlichen Raum stattfinden. Über die Fallzahlen in den Schulen oder Familien können wir nur spekulieren, da sie erst gemeldet werden, sobald sie ein bestimmtes Level überschreiten. Tatsache ist, dass wir im halböffentlichen Freizeitbereich die höchsten Zahlen haben und die sind lokal konzentriert auf Stadtteile, die eher benachteiligt sind.
BH: Allerdings rückt die innerfamiliäre Gewalt langsam stärker ins Blickfeld und wird zunehmend in den Erhebungen erfasst. Das ist gut so, denn die Familien können durchaus sehr gefährliche Orte sein, nicht in der Form, dass die Jugendlichen dort als Täter in Erscheinung treten, sondern eher Opfer elterlicher Gewalt werden.
CL: Zum Stadt-Land Vergleich vermute ich, dass auf dem Land bei einer Rauferei unter Dorfjugendlichen eher mal weggeschaut wird als in der Stadt.
SH: Jugendgewalt kann aber gerade auf dem Land zu einer erhöhten Aufmerksamkeit führen. Denken Sie an den Fall, als Anfang des Jahres in Oberbayern ein Grundschüler von einer Gruppe Jugendlicher an den Rand der Bahngleise gedrängt wurde. Der Junge kam nicht zu Schaden und konnte die Bahnböschung selbstständig wieder hinaufklettern, aber weil der Vater des Jungen Anzeige erstattet hat, entstand in dem kleinen Ort, in dem so etwas eben selten vorkommt, eine große Aufregung.
BH: In meinen Augen haben wir es insgesamt mit einer zunehmenden Sensibilität in der öffentlichen Wahrnehmung zu tun, sozusagen als weitere Entwicklungsstufe im Zivilisationsprozess unser Gesellschaft, in der Gewalt verstärkt als problematisch angesehen wird. Die neuen Begriffe für psychische Gewalt wie Stalking, Bullying oder Mobbing beschreiben ja auch keine wirklich neuen Sachverhalte. Auch die Phänomene der Ausgrenzung von SchülerInnen gab es ja früher schon, aber heute werden sie anders und kritischer wahrgenommen und erfahren durch die modische Etikettierung mehr Beachtung. Auch die Gesetzgebung und die Rechtsprechung haben sich verändert. Die Ächtung elterlicher Gewalt gegenüber den Kindern, also das Recht auf gewaltfreie Erziehung ist ja noch relativ neu, oder nehmen sie die erst Anfang der 1990-er Jahre ins Gesetzbuch aufgenommenen Straftatbestände wie die Vergewaltigung in der Ehe, die nicht gesetzeswidrig war. Dies sind Errungenschaften unserer Gesellschaft. Sprich: wir gehen insgesamt mit Gewalt sensibler um, und das ist auch gut so.
Ein gewisses Maß an Gewalttätigkeit, an Kräftemessen, Hahnenkampf zählt in unserer Gesellschaft zum alterstypischen Verhalten vor allem von männlichen Jugendlichen. Meist endet diese Phase von selbst, wenn sie älter werden. Wie viele gewalttätige Jugendliche bleiben aber über einen längeren Zeitraum hinweg gefährlich und gewalttätig und münden in eine Erwachsenen-Gewalt-Karriere?
BH: Gemeinhin rechnen wir rund fünf Prozent derer, die im Jugendalter und darüber hinaus Gewalttaten begehen, zu den kritischen Fällen. Aber auch diese Fälle sind nicht für ewig „verloren“. Gerade bei Jugendlichen gibt es immer wieder Abbrüche dieser „Karrieren“.
KW: Interessanter Weise entsprechen diese fünf „strafrechtlichen“ Prozent den etwa fünf Prozent, die auch in der psychologischen Aggressionsforschung zu den „langzeitauffälligen Aggressiven“ zählen; das sind Jugendliche, die vom Kindergartenalter an immer wieder durch alle Phasen hinweg auffällig sind und bleiben. Aus diesen rekrutieren sich dann vermutlich genau die juristischen fünf Prozent.
Wie steht es mit den Auslösern? Gibt es neue oder andere Auslöser – wie eine gewaltverherrlichende Medienflut, verstärkten Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum –, bei denen man mit der Prävention ansetzen könnte?
KW: Alkohol ist ein verbreiteter Katalysator bei den schweren Gewalttaten. Da gibt es natürlich Binnenverschiebungen vom Bier zu Alkopops und anderen Sorten.
CL: Nicht nur beim Alkohol hat sich etwas verschoben. Ihre Frage zielt ja darauf, ob sich bei den einzelnen Einflussvariablen etwas verändert hat. Da würde ich sagen: Nein. Aber in der Gesamtheit hat sich viel verschoben. Die Gesellschaft hat sich verändert, die Erwartungen an die Jugendlichen und das, was sie zu bewältigen haben, haben sich verändert. Erziehungsstile, Kontrollmechanismen, die medialen Einflüsse auf Jugendliche – vor 15 Jahren gab es weder Internet und Computer in Kinderzimmern noch in dem Punkt überforderte Eltern und PädagogInnen. Die Zusammensetzung der Jugendszenen war eine andere. Es gab in München vor 30 Jahren keine Jugendlichen, die eigene Kriegserfahrung hatten.
Vor 60 Jahren galt das aber für das Gros der Jugendlichen!
CL: Genau deswegen war es aber auch eine andere Situation. Denn heute treffen ja Jugendliche aufeinander, die gar keine Gewalterfahrungen haben und jene, die im Kosovo als Kinder ethnische Säuberungen mit- und überlebt haben. Ähnliche frühkindliche Prägungen bringen viele in Palästina aufgewachsene Jugendliche mit, die in Berlin wohnen. Die Osteuropäer bringen wieder andere kulturelle Hintergründe mit. Wir haben es also mit einer sehr heterogenen Gemengelage auf Seiten der jugendlichen Biografien zu tun. Zugleich schrumpft die Zahl von Angeboten für die Freizeitgestaltung der Jugendlichen und es entstehen neue Formen der Ausgrenzung. Dies sind nur einzelne Beispiele für das komplexe Geflecht, vor dessen Hintergrund sich Jugendliche entwickeln und in dem auch Gewalt entsteht. Und dieses Geflecht lässt sich nicht auf einzelne Auslöser für Jugendgewalt reduzieren.
Können Sie, Herr Wahl, dies mit den Erkenntnissen aus der Aggressionsforschung unterstreichen?
KW: Es sind immer sehr komplizierte Ursachennetze, die im Einzelnen zum Aggressionsaufbau und -ausbruch führen. Es beginnt bei Persönlichkeitsdispositionen, die schon in den kindlichen Gehirnen vorliegen und die dann in Wechselwirkungen mit den Erfahrungen mit Eltern, Erzieherinnen, Lehrerinnen und anderen Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Medien zu Verhaltensbereitschaften geformt werden. Deswegen können wir auch der Politik die Kurzformeln und einfachen Rezepte, die sie so gern hätte, nicht liefern. Man kann dem Problem eben nicht dadurch Herr werden, in dem man an einer einzigen Stellschraube dreht und zum Beispiel einmalig mehr Geld in aggressionspräventive Kurzprogramme investiert oder Computerspiele verbietet.
Gibt es Parallelen zwischen Amokläufern und Intensivtätern?
BH: Nein, überhaupt nicht. Im Gegensatz zu den Amokläufern sind die Mehrfachtäter extrem auffällige Jugendliche. Sie externalisieren sehr früh. Bei den Amokläufern ist das, was die Tat im Nachhinein so schwer nachvollziehbar macht, gerade ihre Unauffälligkeit.
KW: Allerdings gibt es – wenn man genau hinschaut – im Kindergartenalter beide Arten von Kindern, die unter Umständen aggressiv werden: sowohl die externalisierenden Kinder als auch solche, die sehr zurückgezogen und introvertiert sind – bis sie losschlagen.
CL: Bei den bis dato untersuchten Amokläufern deutet allerdings vieles darauf hin, dass es hier erst in der Pubertät zu Umbrüchen der Verarbeitungsweisen kam. Zumindest im Erfurter Fall hat sich weder im Kindergarten noch in der Grundschule etwas abgezeichnet. Ich sehe hier eher das Pubertätsphänomen als Krisenkonstellation, in der bestimmte Dynamiken angestoßen werden ...
KW: ... wie das mitunter schwierige Verhältnis zum anderen Geschlecht.
CL: Ja, genau. Insgesamt bin ich mittlerweile der Auffassung, dass wir die Pubertät als Katalysator für Gewalttaten noch viel stärker als bisher berücksichtigen müssten. In der Forschung gibt es momentan eine starke Tendenz, den Blick immer stärker auf die frühen Jahre zu richten und Linien von frühen Auffälligkeiten oder Defiziten zu späteren Straftaten zu ziehen. Dabei gerät die Adoleszenz als entscheidende und verstörende Umbruchsphase im Leben der Jugendlichen zu sehr aus dem wissenschaftlichen Blick. Meines Erachtens nehmen wir diese Phase in ihrer Risikohaftigkeit gerade für junge Männer und deren Bewältigungsstrategien im Umgang mit Belastungen, Zumutungen und Beleidigungen noch zu wenig wahr.
Wie wichtig ist für die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen in dem Kontext der Pubertät der Begriff der Ehre?
CL: Das gehört zusammen, weil wir ja aus der Entwicklungspsychologie seit Piaget wissen, dass sich der Ehrbegriff gerade in der Adoleszenz entfaltet. Bis zum 10. Lebensjahr wirkt ein konventionelles Ehr-Verständnis. Das, was die Eltern vorleben, wird unreflektiert nachgeahmt und nachgelebt. Erst ab der einsetzenden Pubertät beginnen sie, für sich einen eigenen post-konventionellen Ehrbegriff zu entwickeln, d.h. ihn entweder bewusst zu übernehmen, ihn abzuwandeln oder dagegen zu rebellieren.
Der aktuellen Dunkelfeldstudie zufolge ist jeder siebte Jugendliche „sehr ausländerfeindlich“. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Behauptung: „Türken-Machos und rechtsextreme deutsche Jugendliche sind Zwillinge im Geiste. Beide glauben an die Dominanz der Männlichkeit, spielen dieselben Computerspiele und fühlen sich anderen gegenüber überlegen“.
CL: Bei dieser Zwillings-These werden Ursachen und Bewältigungsmuster durcheinander gebracht. Ja, beide Gruppen dieser jungen Männer suchen Halt in bestimmten Männlichkeitsvorstellungen. Aber: Die Gründe dafür sind sehr, sehr unterschiedlich. An der Oberfläche suchen sie ähnliche Lösungen. Für viele junge Männer ist es heute schwer zu definieren: Wie soll und will ich als Mann sein? Männerbilder, wie sie auf Musiksendern wie MTV – oder auch in der Fußballwelt –inszeniert werden, bieten da natürlich eine willkommene Orientierung. Aus Untersuchungen zum Rechtsextremismus wissen wir, welch hohen Stellenwert in diesen Gruppierungen die Kameradschaft hat. Sich auf jemanden verlassen zu können, dies auch körperlich erproben zu können – einen Halt in der (Peer-) Gruppe finden. Das sind vergleichbare Bewältigungsmuster, aber sie sind keine Erklärung der Ursache. Deswegen verstellen solche Aussagen den Blick für die Hintergründe.
Fehlen in Deutschland neue, andere Männerbilder als Orientierungsgrößen?
CL: Ja, wir haben in Deutschland mit gutem Grund die traditionellen Männerbilder in Frage gestellt, zum Teil tabuisiert, und wir haben an vielen Ecken viele Zeigefinger aufgebaut. Ein 15-Jähriger darf kein Macho sein, aber auch kein Warmduscher, kein Weichei und kein Loser. Da müssen die jungen Männer jetzt irgendwie durch – und bekommen wenig Hilfestellung.
BH: Was zu problematischen Bewältigungsmustern – zum Beispiel in Form von gewalttätigem Verhalten männlicher Jugendlicher – führen kann. Die Herausforderung, die das Finden der männlichen Geschlechterrolle darstellt, sollten Präventionsprogramme noch stärker berücksichtigen.
SH: Wir dürfen jetzt aber nicht zu schwarz malen und nicht aus dem Blick verlieren, dass es die meisten Jungen es doch schaffen, da erfolgreich durchzukommen! Es gibt offensichtlich tragende Vorbilder, die funktionieren ...
... oder Präventionsprogramme, die schon greifen?! Trotz wiederholter populistischer Vorschläge, Gewalttaten qua Polizeistaat und härterer gesetzgeberischer Maßnahmen zu verhindern, scheint das Gros der Politiker und Fachleute ja seine Hoffnungen auf die Prävention zu richten. Es gibt ja bereits eine Vielzahl von Maßnahmen. Welche drei Kriterien sind für Sie entscheidend, um von einem guten Präventionsprogramm zu sprechen?
SH: Ein gutes Programm arbeitet zielgruppenbezogen, in zeitlich angemessenem Umfang und ...
CL: ... besticht durch seine klare Zielsetzung. Die meisten Programme versprechen viel zu viel, bewegen sich im diffusen Weltverbesserungsraum voller guter Absichten, haben aber Möglichkeiten, Grenzen und Reichweiten nicht klar genug definiert.
Gehen wir noch mal zurück zur Zielgruppenspezifik. Was heißt das genau?
BH: Die Passgenauigkeit ist wichtig ...
CL: ... wobei wir die Zielgruppen nicht immer kleiner machen dürfen. Denn die können ja unendlich spezifiziert werden. Wir brauchen keine Spezialprogramme für arabische, kurdische, palästinensische Jugendliche. Vielmehr muss klar formuliert sein: was ist das Problem, das gelöst bzw. das vermieden werden soll? Ein Beispiel: wenn ich ein spezielles Problem bearbeiten möchte wie die Gewalt, die in einem Freizeitheim immer wieder vorkommt, dann gehört dazu auch die Frage, ob und welche Migrationshintergründe mit hinein spielen könnten. Und genau dafür muss ich dann adäquate Strategien finden oder entwickeln. Ich muss aber auch klar erkennen, wo ich als SozialpädagogIn an meine Grenzen komme, wo ich unter Umständen Hilfe brauche beispielsweise durch einen Therapeuten, weil hier Psychopathologie im Spiel ist.
Und der Aspekt der zeitlichen Angemessenheit?
CL: Ist ganz entscheidend, denn die Auffälligkeiten haben sich ja auch nicht in zehn Minuten, sondern über einen sehr langen Zeitraum hinweg entwickelt. Dann kann ich nicht mit einem Wochenendseminar oder einem Anti-Gewalt-Training an einem Nachmittag Veränderungen in Verhaltensmuster bewirken. Auch für den zeitlichen Rahmen ist die Zielformulierung entscheidend: Will ich Einstellungen oder Handlungsweisen verändern? Oder will ich nur eine ganz kleine Veränderung in einem bestimmten Punkt herbeiführen – zum Beispiel Konflikt-Eskalationen verhindern. Und wenn ich ein viertes Kriterium ergänzen darf: das Programm muss in den institutionellen Gesamtkontext eingebettet sein und nicht monolithisch unverbunden in ein System hineinragen.
KW: Über die Jugend und Jugendhilfe hinaus möchte ich diese Kriterien auch für die Kindheit heranziehen. Denn auch für die Programme in den Kindergärten und Schulen sind klare Zielvorgaben und Nachhaltigkeit entscheidend. In Kindergärten und Schulen fehlt es auch oft an ausreichend Zeit für den individuellen Blick. Der Nutzen einer Maßnahme, die pauschal einer ganzen Gruppe übergestülpt wird (z. B. „den“ Jungen, „den“ Migrantenkindern), ist beschränkt. Man muss sich Zeit für die einzelnen Kinder und ihre Symptome und Ursachen nehmen. Und neben den externalisierenden auch die Kinder mit Internalisierung und Erfahrungen der Ausgeschlossenheit von anderen wahrnehmen. Für mich ist die individuelle Hilfestellung bei längerfristigen Problemen von zentraler Bedeutung.
Wie wichtig ist für Sie der Zeitpunkt für das Einsetzen präventiver Maßnahmen?
KW: Gerade weil wir wissen, dass bei den fünf Prozent der problematischen Fälle die Gewaltkarrieren in der frühen Kindheit ihren Anfang nehmen, sollten Präventionsprogramme aus meiner Sicht möglichst früh ansetzen. Denn die frühen Jahre sind prägend für die Gehirnentwicklung und das Wechselspiel zwischen kindlicher Persönlichkeitsentwicklung und den Reaktionen der Umgebung, der Eltern, der Erzieherinnen. Ein Beispiel: Auf Schreikinder, Zappelphilippe und unkonzentrierte Kinder reagiert die Umwelt mitunter sehr heftig und häufig auch aggressiv und ablehnend. Das kann zu einem Teufelskreis mit weiteren Problemen für die Kindesentwicklung führen, der möglichst früh bemerkt und unterbrochen werden müsste.
SH: Gilt das schon als Prävention?
KW: Ja. Prävention heißt doch, problematischen Entwicklungen möglichst frühzeitig zu begegnen, um sie zu verhindern.
Ist das Faustlos-Programm im Kindergarten also eine sinnvolle Maßnahme? Ich möchte hierzu aus einer Streitschlichtungs-Evaluation zitieren: „Wenn Kinder in der Grundschule Gewalt als mögliche Handlungsoption kennen lernen, wird es in späteren Entwicklungsstufen nahezu unmöglich sein, diese Handlungsstrukturen zu durchbrechen. Daher muss Gewaltprävention so früh wie möglich beginnen. Am besten ab der 1. Klasse.“
CL: Wir sind an dieser Stelle skeptischer. Gerade weil wir die präzisere Zielformulierung von den Präventions-Programmen fordern, gehört für uns auch die deutliche Beschreibung dessen dazu, was vermieden werden soll. Es muss ein Zusammenhang sichtbar werden, zwischen dem, was ich in dem Programm tue, und dem Vermeiden von etwas – in dem Fall der Gewalt. Wenn ich diesen Zusammenhang nicht plausibel herstellen kann – z.B. zwischen der ganz frühen Kindheit und der Gewalttat, die der Jugendliche mit 14 Jahren verübt –, dann ist das kein Argument dagegen, sich um Kinder zu kümmern. Aber für uns geschieht das unter dem Oberbegriff der frühen Förderung, des sozialen Lernens, der Unterstützung und Bildung.
Die Bezeichnung Prävention würde ich in diesem Zusammenhang tunlichst vermeiden, denn damit wird der Begriff entgrenzt und alles und jedes, was Kindern gut tut, kann dann unter Prävention subsummiert werden. Emotional hoch engagierte Kinder müssen natürlich beachtet und begleitet werden – aber nicht unter dem Banner der Gewaltprävention. Denn damit belaste ich diese Maßnahmen mit Erfolgsaussichten, die so gar nicht eingehalten werden können. Darüber hinaus dienen Gewaltpräventionsprogramme, die eigentlich der frühen Förderung zuzurechnen sind, ebenso der Vermeidung von Arbeitslosigkeit, von Drogenmissbrauch wie von Gewalt – und sind auf ihre Wirkung hin gesehen dann im Prinzip beliebig austauschbar.
In der Abteilung Jugend und Jugendhilfe führen wir deswegen mittlerweile einen leicht verzweifelten Kampf gegen die Aufweichung und Ausweitung des Präventionsbegriffs, weil wir natürlich viele Projektanträge – bis hin zur Weihnachtsfeier des Fußballvereins – zur Begutachtung auf den Tisch bekommen. Wir plädieren entschieden und mit Nachdruck für eine seriöse und enggeführte Verwendung des Begriffs! Wie sonst soll je eine Wirkung der Programme gemessen und bewertet werden – und die Evaluation ist trotz guter Entwicklung noch ein großes Desiderat von Seiten der Politik.
BH: Zur Verdeutlichung: Wir bestreiten ja nicht, dass die frühe Förderung später gewaltpräventive Effekte haben kann, aber wir warnen umgekehrt vor einer kontraproduktiven Wirkung, die zu früh einsetzende Maßnahmen der Gewaltprävention haben können. Wenn ErzieherInnen sich gedrängt fühlen, bei einem Kind, das ein anderes schubst, „gewaltpräventiv“ tätig werden müssen, führt das unter Umständen ja zu einer Stigmatisierung, die eine gefährliche Eigendynamik entwickelt – und zwar nicht zum Wohle des Kindes.
Deswegen betrachten wir auch die Forderung nach immer flächendeckenderen Programmen zur Gewaltprävention selbst an Orten, wo überhaupt kein Bedarf vorhanden ist oder angemeldet wird, mit einer großen Skepsis. Wir vermissen eine kritische Abwägung von notwendigem Handeln und Risiken, die mit jeder Intervention verbunden sein können. Wir wollen ja die Probleme, gegen die man vorgehen möchte, nicht erst schaffen. Unseres Erachtens bedarf es deshalb bei jeder staatlichen Intervention – und letztlich ist auch jede „gut gemeinte“ Präventionsaktivität eine solche – dieser Abwägung, um das Handeln zu legitimieren.
KW: Das verstehe ich. In diesem Sinne wäre Gewaltprävention sozusagen ein hochwillkommener „Kollateralnutzen“ einer guten Erziehung – in der Familie, in den Kindertagesstätten und Schulen. Und demnach könnte eine qualitativ hochwertige Betreuung und Förderung von Kindern und Jugendlichen quasi als Breitbandantibiotikum gegen viele Fehlentwicklungen, nicht nur Gewalt, fungieren. Denn emotional entspannte Kinder sind – simpel formuliert – weniger geneigt, an den Waffenschrank des Vaters zu gehen, Drogen zu nehmen oder anderen Personen Gewalt zuzufügen.
Worin sehen Sie beim Thema Jugendgewalt für das DJI eine besondere Herausforderung?
KW: Ich sehe das DJI als Brückenbauer. Denn wir haben definitiv eine große Lücke zwischen dem angesammelten Forschungswissen über die multiplen Risikofaktoren, die zu aggressiven Verhaltensweisen führen einerseits und dem pädagogischen Handeln auf der anderen Seite. So wissen wir beispielsweise sehr viel über die Bedeutung der Empathie, also der Einfühlung in andere Menschen, zur Vermeidung von Aggression – aber wenig darüber, wie Empathie vermittelt und gelehrt werden kann. Diese systematische Lücke in Deutschland zwischen Wissensproduktion und der Umsetzung in pädagogische Curricula, präventive Programme und Evaluations-Module kann das DJI als sozialwissenschaftliches Institut an der Schnittstelle von Forschung, Praxis und Politik überbrücken helfen ...
BH: ... wie wir es ja in der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention am DJI seit 1997 tun…
KW: …aber für diese Leistung, die weder Fachhochschulen noch Praxis allein leisten können, werden noch zu wenig Mittel bereit gestellt, insbesondere auch dafür, die langfristigen Wirkungen solcher Präventionsprogramme wissenschaftlich seriös zu evaluieren..
Frau Hoops, Herr Holthusen, Herr Lüders, Herr Wahl, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!
(Die Fragen stellte DJI Online Redakteurin Susanne John.)
DJI Online / Stand: 1. April 2009
Auf einen Blick Begriffe und Konzepte
Schlägereien auf Schulhöfen, jugendliche Vergewaltiger oder Messerstechereien verfeindeter Jugendgruppen alarmieren immer wieder die Öffentlichkeit in besonderem Maße und geraten ebenso in die Schlagzeilen wie Amokläufe Einzelner, die das Interesse der Medien auf sich ziehen.
Aber auch unabhängig von den tagesaktuellen öffentlichen Aufmerksamkeiten ist Gewalt im Kindes- und Jugendalter ein ernst zu nehmendes Thema. Das DJI befasst sich seit Jahren in unterschiedlichen Kontexten mit Fragen der Jugendkriminalität und -gewalt, den Ursachen und Folgen sowie möglicher Prävention und den Herausforderungen der fachlichen Weiterentwicklung der Präventionsstrategien.
Die folgenden Abschnitte bieten einen kurzen Überblick über grundsätzlichere Sortierungen zum Thema Gewalt und Prävention jenseits der Diskussion spektakulärer Einzelfälle.
Definition. Gewalt ist ein vielschichtiges Phänomen und erzeugt regelmäßig Debatten zu Wertfragen. In den nachstehenden Ausführungen wird Gewalt als ein auf Personen zielgerichtetes physisch, psychisch, sozial bzw. materiell schädigendes Handeln verstanden. Am Deutschen Jugendinstitut wird der Fokus insbesondere auf Gewalt von Kindern und Jugendlichen bzw. Kinder und Jugendliche betreffend gesetzt. Dabei ist zu beachten, dass es zwar gesellschaftlich anerkannte legitime und illegitime Formen der Gewalt gibt, diese Grenzen jedoch nicht nur fließend sind, sondern im Kindes- und Jugendalter erst erfahren und gelernt werden müssen. Die bewusste Auseinandersetzung mit Gewalt und Gewalterfahrungen – z.B. in den Medien oder im Alltag – stellt einen unverzichtbaren Bestandteil der pädagogischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen dar. Gewalt kann dabei objektiv wie subjektiv sehr Unterschiedliches bedeuten. Was aus Sicht der Erwachsenen als nicht hinnehmbare Gewalttat aussieht, mag aus der Perspektive der beteiligten Kinder oder Jugendlichen eine akzeptable Form des körperbetonten Ausraufens von Statuspositionen und des Austestens von Grenzen der Fairness oder schlicht als Ausagieren von Lebendigkeit erlebt werden. Derartige Unterschiede der Interpretation von Gewalt sind nicht nur eine Frage des Alters, sondern in besonderem Maße auch Ausdruck heterogener Lebenslagen.
Entwicklung der öffentlichen Diskussion. Nachdem Ende der 1980-er Jahre neben der Gewalt in Familie und Schule vor allem die Gewalt von Fußballfans (Hooligans) und die politisch motivierte Gewalt (im öffentlichen Raum) als Herausforderungen wahrgenommen wurden und sich die Diskussion nach der Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands verstärkt auf „rechte“ Jugendgewalt konzentrierte, erweiterte sich der Blick ab Mitte der 1990-er Jahre auf die Vielschichtigkeit von Gewaltphänomenen auch im Kindes- und Jugendalter. Inzwischen sind Formen sowohl häuslicher, psychischer oder struktureller Gewalt ebenso selbstverständlicher Bestandteil der Forschung wie die begrifflich neu gefassten Phänomene Mobbing, Bullying, Happy Slapping oder Stalking. Daneben haben einzelne Amokläufe Jugendlicher in den letzten Jahren Schlagzeilen gemacht.
Auskunft über das Ausmaß von Gewalt im Kindes- und Jugendalter – basierend auf Statistiken und empirischen Forschungen – gibt u.a. der 2. Periodische Sicherheitsbericht, den das Bundesministerium des Innern und das Bundesministerium der Justiz 2006 herausgegeben haben. Aktuelle Zahlen zu den polizeilich registrierten tatverdächtigen Jugendlichen werden vom Bundeskriminalamt in der Polizeilichen Kriminalstatistik veröffentlicht.
In den vergangenen 20 Jahren hat sich eine breite Palette von Präventionsprojekten unterschiedlicher Ausprägung und Zielrichtung entwickelt. Die meisten von ihnen teilen die Überzeugung, dass Erziehung, Lernen und Kompetenzerwerb gewalttätiges Verhalten von Jugendlichen erfolgreicher vermindern oder verhindern als ausschließlich repressive, kontrollierende Maßnahmen oder Sanktionen. Aktuelle Projekte setzen daher bei den Kompetenzen der Jugendlichen unter Berücksichtigung der jeweiligen sozialen und kulturellen Kontexte an, dass heißt: bei den Problemen, die die Jugendlichen haben und nicht vorrangig bei denen, die sie machen.
Begriffliche Trennschärfe. Gleichzeitig mit dem Ausbau der Prävention muss aber auch festgestellt werden, dass der Präventionsbegriff beinahe inflationär ausgeweitet wurde. Nicht jede Sportveranstaltung wie z.B. Basketball um Mitternacht kann oder sollte per se als präventives Projekt deklariert werden. Ebenso wenig haben Sprachkurse im Kindergarten für Kinder und Eltern mit Migrationshintergrund in erster Linie eine gewaltpräventive Zielsetzung. Vielmehr sind sie vorrangig Angebote zum Spracherwerb und damit auch zur gesellschaftlichen Integration, die – wenn sie erfolgreich verläuft – natürlich auch dazu führt, dass weniger Frustrationsanlässe und damit weniger Ausbrüche von Gewalt nach sich ziehen. Um diese Entgrenzung des Präventionsbegriffs zu vermeiden, werden im DJI nur jene Programme, Strategien, Maßnahmen bzw. Projekte als gewaltpräventiv bezeichnet, die vorrangig die Verhinderung bzw. Reduktion von Gewalt zum Ziel haben.
Bilanz der Präventionsstrategien. Im Jahr 2007 veröffentlichte die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention am DJI einen umfassenden Bericht zu den Strategien der Gewaltprävention im Kindes- und Jugendalter. Er geht zurück auf einen gemeinsamen Beschluss der Regierungschefs der Bundesländer im Jahre 2003 und wurde 2006 unter Federführung der Arbeitsstelle in Kooperation mit dem Deutschen Forum für Kriminalprävention (DFK) und der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) konzipiert und erstellt.
Der Bericht stellte fest, dass sich in methodischer Hinsicht, ein erfreulich breites und differenziertes Spektrum an Konzepten, Strategien und praktischen Verfahren der Gewaltprävention im Kindes- und Jugendalter entwickelt hat. Im Laufe der vergangenen Jahre sind zwischen den beteiligten Organisationen und Fachkräften eingefahrene Abgrenzungen und Abneigungen abgebaut worden. Runde Tische auf kommunaler Ebene sind Ausdruck einer wachsenden Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Polizei, Justiz und Schule. Die Einsicht, dass Risikofaktoren für Gewalt vielfach in der frühen Kindheit liegen, hat zudem zu einer Vorverlagerung der Aufmerksamkeit geführt – hin zum Erlernen friedlicher Konfliktlösungsmöglichkeiten und entsprechender Kompetenzen als Aufgabe von Familie, Kindertagesbetreuung, Schule und Jugendarbeit. Leider sind diese Strategien nicht überall dort, wo einschlägiger Bedarf besteht, bekannt und nicht soweit verbreitet, wie es wünschenswert wäre. Auch die Bereitschaft der Politik, der Öffentlichkeit sowie der Fachpraxis, die entsprechenden Probleme sachgerecht wahrzunehmen, sich damit offensiv auseinander zu setzen und sie konstruktiv als Aufgabe für das eigene Handeln zu verstehen, könnte in der Breite noch verbessert werden. Der Bericht erinnert daran, dass jede öffentliche Prävention immer auch eine staatliche Intervention und Kontrolle darstellt und plädiert deshalb für ein Ausloten der Möglichkeiten einerseits, aber auch der Grenzen von (Gewalt-) Prävention andererseits unter der Prämisse einer freiheitlichen Gesellschaft – mit Augenmaß. Ein ausführlichere Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse findet sich im dem Aufsatz Gewalt als Lernchance.
Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention. Diese am DJI angesiedelte Arbeitsstelle dient dazu, die in der Bundesrepublik vorhandenen kriminalpräventiven Ansätze und Projekte im Bereich von Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Polizei oder Justiz stärker aufeinander zu beziehen, Erfahrungsaustausch und Forschungstätigkeiten anzuregen und zu organisieren, Praxisprojekte zu erheben, zu dokumentieren und zu bewerten. Mit dem 2007 veröffentlichen Bericht zu Strategien der Gewaltprävention lieferte sie eine Arbeitsgrundlage für die Weiterentwicklung entsprechender Maßnahmen durch Politik und Fachpraxis. Wichtige Impulse für die Präventionsarbeit erhält die Arbeitsstelle durch den internationalen Austausch und die Kooperation mit anderen Institutionen.
Mit der zunehmenden Zahl gewaltpräventiver Projekte und der benötigten Ressourcen stellt sich zwangsläufig die Frage nach deren fachlicher Weiterentwicklung. Generell ist das fachliche und öffentliche Interesse an Evaluation in Politik- und Praxisfeldern seit etwa Mitte der 1990-er Jahre kontinuierlich gestiegen. Auch vor diesem Hintergrund wurde Anfang 2009 das neue Projektmodul „Logische Modelle als Instrumente der Kriminalitätsprävention im Kindes- und Jugendalter“ der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention gestartet. Dem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Vorhaben liegt die Erkenntnis zugrunde, dass für das Feld der Kriminalitätsprävention Strategien einer wirkungsorientierten Evaluation entwickelt werden müssen. Das in die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention integrierte Projektmodul hat sich vor diesem Hintergrund zum Ziel gesetzt, hierzu praxisnahe Instrumente zu entwickeln.
DJI Online / Stand: 1. April 2009
von Prof. Dr. Michael Walter, Universität Köln„Gewalt zwischen Abscheu und Faszination“ von Prof. Dr. Michael Walter, Universität Köln

Anders als in früheren Zeiten ist der Begriff der Gewalt gegenwärtig negativ besetzt. Die Qualifizierung eines Geschehens als Gewalt beinhaltet zugleich eine Disqualifizierung. Herkömmlich verbinden wir mit Gewalt durchaus verschiedene Beziehungen: Darunter fällt einmal die Gewalt des körperlich Stärkeren, der sich mit seinen Kräften durchzusetzen vermag, nicht nach rechts und nicht nach links schaut. Gemeint sein kann jedoch zum anderen ebenso die Amtsgewalt, die Macht und die Befugnis staatlicher Einrichtungen, die potestas, beispielsweise einen Bürger zu verpflichten oder auch gefangen zu nehmen. Aber selbst in legitimen Kontexten beschleicht uns ein Unbehagen. Es gibt nicht mehr die „elterliche Gewalt“ des (pater familias), sondern die „elterliche Sorge“. Zu leicht wird mit Gewalt im Sinne von Macht und Zuständigkeit auch Missbrauch assoziiert. Diese Sensibilisierung gegenüber Gewalt hat zu einer Ausweitung des Begriffs im Strafrecht geführt. Dort definierten wir früher vom Täter her, der erwarteten oder geleisteten Widerstand überwindet, heute denken wir stärker vom Opfer her, ab wann es sich genötigt und unter Druck gesetzt fühlt. So hat sich etwa das „Stalking“ (Nachstellung) als neues Delikt entwickelt, bei dem jemand durch seine Auf- und Zudringlichkeit einen anderen massiv in seiner Privatsphäre verletzt. Der Betroffene braucht das nicht hinzunehmen, selbst wenn sich der „Stalker“ selbst als „Fan“ oder Verehrer fühlt.
Zu den Widersprüchen unserer Welt gehört, dass die Abkehr von der Gewalt, ja ihre Ächtung – beispielsweise in der Erziehung – mit einer Flut neuer Gewalt in den Medien zusammentrifft. Beides vollzieht sich gleichzeitig. Wir sind von der Gewalt wie magisch angezogen, empören uns aber in höchstem Maße, wenn ein junger Gewalttäter nicht streng bestraft wird, keine als notwendig erklärte staatliche Gewalt zu spüren bekommt. Ein hoher Prozentsatz befürwortet für extreme Gewaltdelikte die Todesstrafe (als Gipfel staatlicher Gewalt). Gewalt wird so nicht überwunden, vielmehr mit Gegengewalt beantwortet. Die Gewalt ist das Lebenselixier der Print- und Bildschirmmedien. Entsprechende Darstellungen sind „Hingucker“, emotionalisieren und dramatisieren. Die Möglichkeiten, Gewalt zu visualisieren, werden bis zum äußersten Maße ausgereizt. Um Gewöhnung zu überwinden, werden immer schlimmere Szenarien dargeboten. Das Ganze ist nicht ohne den ökonomischen Hintergrund verständlich. Der Wettbewerb der Brutalitäten und Geschmacklosigkeiten ist ein Kampf um die Quote oder Werbeeinnahmen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unterliegen diesem Druck nicht direkt, jedoch indirekt, da die Konsumentenzahlen fortlaufend erhoben und verglichen werden.
Konstitution und Verständnis der Gewaltprobleme
Die öffentlichen Debatten um Gewalt spiegeln nicht die vielfältigen Phänomene in unserer Gesellschaft, die von diesem Begriff erfasst werden. Vielmehr zimmern wir uns spezifische Gewaltprobleme, die sich dann politisch bearbeiten lassen. Um nicht missverstanden zu werden: Es werden keine Tatsachen erfunden. Die Problem-Konstitution erfolgt durch deren Auswahl, theoretische Rahmung und Interpretation. Entscheidend ist oft schon die Mischung aus berichteten und weggelassenen Geschehensmomenten. Zu den anerkannten Problemen gehören vor allem Bereiche der Jugendgewalt: die „Gewalt auf der Straße“ und die „Gewalt in der Schule“. Die Straßengewalt beeinflusst das allgemeine (Un-)Sicherheitsgefühl und wird häufig umgekehrt als Parameter zur Messung von Verbrechensfurcht angesehen (Standardfrage zur Sicherheit nachts auf der Straße im eigenen Wohnviertel). Szenen der Straßengewalt, beispielsweise an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel, symbolisieren außerdem das Generationsprobleme oder – konkreter – die Furcht Älterer vor Jungen, falls etwa ein älterer Passant von Jugendlichen belästigt oder körperlich angegriffen wird. Mit der „Gewalt in der Schule“ ist regelmäßig ebenso die Gewalt außerhalb der Schule gemeint. Der Sache nach steht hauptsächlich der Umgang junger Menschen unter sich in Rede. Daneben spielen Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ eine wesentliche Rolle. Den Höhepunkt bilden gleichsam Konstellationen, in denen Kinder eingesessener Deutscher von Asylbewerberkindern drangsaliert werden.
Diese Themen bedürfen fraglos der Bearbeitung. Seitens der Kriminologie muss nur immer wieder darauf verwiesen werden, dass es sich um zeitbedingte „Zuschnitte“ mit spezifischen Sichtweisen handelt und dass ferner weitere Felder der Gewalt bestehen, die wir noch sehr wenig und unzureichend in den Blick nehmen. Das Bewusstsein der Epochen-Abhängigkeit unserer Problemsicht ermuntert zur Kritik gängiger Verständnisangebote und zur Entwicklung neuer Fragestellungen und Perspektiven. So wissen wir inzwischen, dass Medien eine Vorliebe haben, Gewaltprobleme zu personifizieren – bis hin zur Suche nach gewalthaltigen Gesichtszügen und Blicken. Das Böse wird ferner gern in externe Erscheinungen gelegt, in das Unbekannte und Finstere, das von draußen kommt. Geht man von derartigen Vorverständnissen aus, liefern sie bestechend einfache Parolen, die letztlich allemal darauf hinauslaufen, die Störer zu eliminieren, durch Ausweisung, Inhaftierung, Entfernung von der Schule u.s.f. Derartige Aufforderungen finden sich in bestimmten Boulevard-Zeitungen. Sie heizen das Klima an und setzen Politiker unter Druck, die endlich beherzt handeln sollen. Die propagierte Härte im Ungang mit jungen Straftätern wird zum Gütesiegel für die Wiederwahl.
Das Ungenügen dieser Gewaltpersonifizierung tritt besonders anschaulich hervor, sowie auch Bereiche wahrgenommen werden, für die die gängigen Klischees nicht gelten. Das ist etwa bei der Gewalt in Pflegebeziehungen der Fall, und zwar sowohl bei häuslicher als auch bei Pflege in entsprechenden Einrichtungen. Wir haben hier ein noch großes Dunkelfeld vor uns und begegnen außerdem einem Interessengeflecht, das die betreffenden Probleme gern von einer öffentlichen Erörterung fernhalten möchte. Dabei dürfte gerade insoweit eine spezifische Notlage unserer Zeit angesprochen sein, weil die Zahl pflegebedürftiger Menschen zunimmt, die nachwachsenden Kinder aus Kleinfamilien stammen, oft sogar Einzelkinder sind, und angesichts eines brutalen Globalkapitalismus die Mitmenschlichkeit nur wenig Rückhalt findet. Medien werden eigentlich nur laut, wenn einmal ein „Todesengel“ Heimbewohner serienweise umbringt, wenn also wieder die Suche nach dem Dämon eröffnet werden kann. Doch die Gewalttätigen sehen im Alltag anders aus. Es sind oft Frauen mittleren Alters, von der psychischen Ausstattung her „normal“, indessen in einer meist schwierigen und überfordernden Lage.
Hier nun scheint mir der Punkt zu sein, an dem wir eine Brücke zu den beliebten Jugendgewaltproblemen schlagen sollten. Gewalt entsteht nämlich beide Male aus gefährlichen Konstellationen. Die persönliche Ausstattung der Handelnden ist keineswegs gleichgültig, aber mit bestimmten situativen Gefahrenmomenten wird die Entwicklung gewaltsamer Ausbrüche und Aktionen wahrscheinlicher. Wer nachts allein auf einer Pflegestation für siebzig Personen zuständig ist und sich überfordert, indessen wenig kontrolliert fühlt, greift eher zu verbotenen „Beruhigungsmethoden“ als jemand, der diesen Dienst mit einer Kollegin teilt. Wie sehr bestimmte Situationen „gewöhnliche“ Menschen zu Verbrechern machen können, ist in Kriegen ebenso deutlich geworden wie in verschiedenen sozialpsychologischen Experimenten (z.B. von Milgram oder Zimbardo). Dieses Wissen muss in die eingefahrenen Diskussionen eingebracht werden, damit wir keine Rückfälle in eine Medienkriminologie erleben, die wissenschaftlichen Erkenntnissen längst nicht mehr entspricht. Doch auf diese Weise wird die Problemsicht komplexer. Es gilt dann wesentlich mehr tun, als nur darüber zu debattieren, wie der Übeltäter am schnellsten unschädlich zu machen sei. Das Beispiel der Pflegegewalt zeigt hier, dass die Verdammung des Täters - oder häufiger – der Täterin keine Lösung darstellt. Bei der häuslichen Pflege würde im Regelfall die Lebensgefährtin genommen und der ältere Mensch käme vermutlich in ein Heim. Dieser Vergleich verdeutlicht noch einmal, dass die Gewalt nicht an wenigen bösen Menschen haftet, sondern in unserer Gesellschaft und in ihren Strukturen „beheimatet“ ist.
Die Entdeckung der Gewaltprävention: Realitäten – Illusionen – Perspektiven
Gewaltprävention dient heute als Schlagwort, mit dem eine nahezu unüberschaubare Zahl von Praxis-Projekten – als „Projektlandschaft“ – in Erscheinung tritt und um finanzielle Unterstützung bittet. Leicht entsteht der Eindruck, als müsste schleunigst ein präventiver Schutzwall aufgebaut werden. Dabei gibt es nicht nur seit jeher viele alltägliche Verhaltensweisen, mit denen wir uns schützen, indem wir beispielsweise die Wohnung sichern oder in Abend- und Nachtstunden die Begleitung vertrauenswürdiger Menschen suchen. Die öffentliche Hand hat darüber hinaus längst Regelungen und Institutionen geschaffen, die allesamt Gewaltschutz bezwecken, vom Waffenrecht über das Strafrecht bis hin zur Gefahrenabwehr der Polizei. Abgesehen davon spielt die Gewaltprävention aber auch in allen Erziehungseinrichtungen bis hin zur Familie eine zentrale Rolle. Die Eltern gehen als gutes oder nicht so gutes Beispiel voran. Aus diesen einfachen Überlegungen folgt, dass die Verhinderung von Gewalt nicht neu etabliert werden muss, dass umgekehrt eher Schwierigkeiten erwachsen, falls wir sie zu einem gesonderten Programm machen. Denn Gewalt und Gewaltvermeidung sind Bestandteile unserer gesellschaftlichen Realität und können als solche nicht zu einem herausgelösten und isolierten Bearbeitungsgegenstand mutieren.
Die Initiativen, mit denen Gewaltprävention in besonderer Weise verfolgt werden soll, sehen sich mithin einem komplexen Geschehen gegenüber, in das sie gestaltend eingreifen möchten. Der Hebel lässt sich nicht überall gleichzeitig ansetzen. Und gute Ansätze brauchen nicht entsprechend gute Endergebnisse herbeizuführen, weil andere Effekte stärker sein können. Wer zum Beispiel als Jugendlicher nach fruchtbaren Gesprächen und Erfahrungen die Fragwürdigkeit provokativen Gebarens erkannt hat, besitzt deshalb noch nicht die Kraft, sich bestimmten gruppendynamischen Geschehnissen – etwa auf dem Fußballplatz – zu entziehen, die dann wieder in Gewalt münden. Außerdem wechseln die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, weshalb persönliche Änderungen beim Gewalttäter unterschiedliche Wirkungen haben können. Gelingt es, die Gewalttendenzen beruflich zu binden, wird aus der Not möglicherweise bald eine Tugend. Viele unveränderte Gefahrenmomente werden überlagert und unterdrückt, weshalb auch per se missglückte Änderungsversuche nach außen zu scheinbar erstaunlichen Resultaten führen können. In jungen Jahren sind bekanntlich die berufliche Anerkennung und eine dauerhafte Lebenspartnerschaft von zentraler Bedeutung. Die geliebte Familie ist oft, leider nicht immer, das beste Antigewaltprogramm, das ohne jegliche Absichten oder Nebenabsichten „wirkt“.
All diese Überlegungen sprechen nicht gegen gezielte Maßnahmen der Gewaltprävention. Sie begünstigen jedoch eine entspanntere Haltung gegenüber denen, die die Welt rasch untergehen sehen. Außerdem sollte eine Blickerweiterung gegenüber schnellem und reflexartigem Aktionismus sensibilisieren, der nach einem medialen Extremereignis sofort nach entschiedener „Bekämpfung“ ruft, freilich oft nur bis zur nächsten Hiobsbotschaft. Chancen ergeben sich nicht zuletzt für situationsbezogene Vorhaben. Ein vernünftiger Weg, die Unsicherheitsgefühle in öffentlichen Verkehrsmitteln und an Haltestellen oder gefährlichen Orten zu vermindern, besteht beispielsweise in einer schlichten Intensivierung von Kontrollen durch Wachpersonal, wie sie Kaufleute in Einkaufszentren schon veranlasst haben. Hier muss eine Art örtlicher Gleichberechtigung auch jenseits von Konsumtempeln erreicht werden. Anspruchsvolle personenbezogene Projekte, die den mitmenschlichen Umgang und die Bewältigung von Konflikten verbessern wollen, machen einerseits die Breite des präventiven Spektrums deutlich, sind von der Sache her allerdings oft nur schwer als singuläre und zeitlich befristete Vorhaben verständlich, sondern drängen danach, in das dauerhafte Routinegeschehen überführt und eingebettet zu werden. Sie beinhalten letztlich allgemeinere Innovationen – wenn sie denn „erfolgreich“ sind.
Der Erfolgsbegriff birgt Segen und Fluch zugleich. Er ergibt sich aus dem Gedanken der zweckgerichteten Intervention, so wie dieser hinsichtlich kriminalrechtlicher Sanktionen bereits dem großen Kriminalpolitiker Franz von Liszt im ausgehenden 19. Jahrhundert vorschwebte. Wo rational begründbare Zwecke erstrebt werden, stellt sich die Frage, ob und inwieweit denn die erstrebten Zwecke tatsächlich erreicht werden. In Verbindung mit den Sozialwissenschaften ist ein theoretisch tragfähiges Konzept zu entwickeln, das in einzelnen nachvollziehbaren Schritten deutlich macht, auf welchem Wege welche Effekte bewirkt werden sollen, die dann im Ergebnis weniger Gewalt bedingen. Durch Evaluation bleibt zu prüfen, ob die theoretische Gedankenkette in sich schlüssig ist, ob sie vor dem Hintergrund bisheriger empirischer Befunde als plausibel erscheint und ob vor allen Dingen die dort vorgesehenen Maßnahmen anschließend wirklich in die Realität umgesetzt worden sind. Die eingeleiteten Prozesse lassen sich begleitend erfassen und beschreiben, auch und gerade, soweit sie von dem erwarteten Verlauf abweichen. Schließlich kann eine Ergebnisevaluation im Sinne einer Erfolgsevaluation den Output der Programmgruppe dem einer parallelisierten Vergleichsgruppe gegenüberstellen, um zu messen, in wieweit Unterschiede – möglichst bessere Resultate – zugunsten der Programmgruppe eingetreten sind.
Das klingt zunächst alles schön. Nur passt dieses planerische Vernunft-Modell nicht recht zum gesamten gesellschaftlichen und politischen Geschehen. Als Menschen handeln wir nicht so rational, sondern sind häufig unvernünftig. Das macht einen wesentlichen Teil des Charmes des Menschlichen aus. Der programmgerechte Mensch, stehe er nun auf der Behandler- oder der Behandeltenseite, kommt uns demgegenüber teils unheimlich, teils langweilig vor. Das „Erfolgsmodell“ oder korrekter „Erfolgsprüfungsmodell“ dürfte zudem in beträchtlichem Maße an den Anliegen und Emotionen derer vorbeigehen, die die Last der Organisation und Durchführung von Gewaltpräventionsprojekten auf sich genommen haben und weiter auf sich nehmen. Sie möchten häufig am gemeindlichen Leben aktiv mitwirken, eine Aufgabe übernehmen, etwas Sinnvolles tun, Anerkennung und Bestätigung finden. Dabei steht ein prozentual bemessener Präventionsgewinn keineswegs im Mittelpunkt. Das mag man beklagen, ändern wird sich dadurch nichts. Uns begegnen also recht fundamentale Widersprüche, für deren Aufhebung kein Rezept bereit steht, insbesondere nicht durch vermittelnde Zeilen herbeigezaubert werden kann. Mit der (In-)Konsequenz, dass nüchterne Ergebnisse, die lediglich auf den Nachweis fassbarer Vermeidungen von Gewalt abheben, vielfach gar nicht so sehr gefragt, andererseits aber anzustreben sind, werden wir leben müssen.
Literatur
Walter, Michael (2008): Gewaltkriminalität. Erscheinungsformen – Ursachen – Antworten (2. Aufl.), Stuttgart
Prof. Dr. iur. Michael Walter (Jg. 1944) ist Direktor des Instituts für Kriminologie an der Universität Köln und lehrt Kriminologie, Jugendrecht sowie Strafvollzug und Strafrecht. Nach Promotion und Habilitation an der Universität Hamburg hielt der gebürtige Lübecker von 1977 bis 1984 eine Professur in Hamburg, bevor er 1984 einem Ruf an die Universität Köln folgte. Von 2002 bis 2005 war er Vorsitzender des Landespräventionsrates von Nordrhein-Westfalen.
Kontakt
Prof. Dr. iur. Michael Walter
Institut für Kriminologie
Universität Köln
Tel. 0221/470-5788
Mail: institut-kriminologie@uni-koeln.de
DJI Online / Stand: 1. April 2008
Menschen im Profil Dr. Christian Lüders, Leiter der Abteilung Jugend und Jugendhilfe (DJI)
Christian Lüders (Jg. 1953) stammt aus München. Hier geht er zur Schule und sammelt erste Erfahrungen in der Jugendarbeit. Im Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) hat er durch die über 20-jährige ehrenamtliche Tätigkeit in diversen Leitungsfunktionen die praktische Arbeit der Jugendhilfe aus nächster Nähe kennen gelernt.
DJI Online / Stand: 1. April 2009
Menschen im Profil
Klaus Wahl stammt aus Stuttgart, wo er seine Schulausbildung und den Anfang seines Studiums absolviert. Er studiert Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie und Philosophie an der Technischen Hochschule Stuttgart und an den Universitäten München (Diplom und Habilitation in Soziologie) und Bamberg (Promotion).Gemeinsam mit Prof. Gerhard Roth, dem früheren Rektor des Hanse Wissenschaftskollegs und Gehirnforscher an der Universität Bremen und anderen Kollegen aus der Neuropsychologie und Psychologie weiterer deutscher und österreichischer Universitäten initiiert Klaus Wahl ein empirisches Forschungsprojekt, bei dem junge Gewalttäter und eine Kontrollgruppe interdisziplinär untersucht werden, um der Verzahnung der bio-psycho-sozialen Mechanismen besser auf die Spur zu kommen, die in Aggression münden.
Neben der Mitwirkung an weiteren DJI-Untersuchungen (z.B. Repräsentativerhebungen bei Familien, Kinderpanel) übernimmt Klaus Wahl auch Aufgaben im Publikationsbereich (u.a. Gründung der Zeitschrift DISKURS, Redaktion eines Familienhandbuches, Initiierung von DJI-Readern zu Fremdenfeindlichkeit und einer DJI-Sachbuchreihe) und beim Wissenschaftsmanagement. Seit Ende 2004 leitet er, wie schon zuvor von 1990 bis 1994, kommissarisch das Wissenschaftliche Referat beim Vorstand des DJI. Daneben veröffentlichte er in den letzten Jahren einige Bücher über Elternkompetenzen und Elternbildung sowie über Aggression (Wahl/Hees 2007; Wahl 2007, Wahl/Hees 2008; Wahl 2009).
Kontakt
DJI Online / Stand: 1. April 2009
Menschen im Profil
Sabrina Hoops (Jg. 1970) stammt aus Heilbronn. Nach dem Abitur geht sie nach Marburg, um dort an der Philipps-Universität Erziehungswissenschaften zu studieren. Stationen ihrer studienbegleitenden Praktika sind eine geschlossen geführte Station an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie eine therapeutische Wohngruppe der Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie. Bereits während des Studiums wird ihr klar, dass sie später eine Tätigkeit ausüben möchte, die Praxis und Forschung miteinander verknüpft. Daher ist das Deutsche Jugendinstitut nach dem mit Auszeichnung bestandenen Diplom 1997 nicht nur die erste, sondern auch eine Wunschstation ihrer beruflichen Karriere. Zum Einstieg unterstützt sie die Abteilung Jugend und Jugendhilfe in der Abschlussphase des 10. Kinder- und Jugendberichts bei der Fertigstellung ausgewählter Berichtsteile.
In den folgenden – mittlerweile mehr als zehn Jahren am DJI – schließen sich Tätigkeiten in weiteren Projekten dieser Abteilung an. Eine qualitative Studie zur Delinquenz von Kindern als Herausforderung für Familie, Jugendhilfe und Politik, an der Sabrina Hoops mitwirkt, zeigt, wie entscheidend die Reaktionen der Eltern auf das Delinquenzverhalten ihrer Kinder sind. Denn von den Bewältigungsstrategien der Familien hängt ab, ob die gesetzwidrigen Aktivitäten der Kinder ein Episodenphänomen bleiben oder ob sie sich zu einer Delinquenzkarriere verfestigen. Auf die Evaluation des Pilotprojektes AIB (Ambulante Intensive Begleitung), das den Versuch unternimmt, durch eine auf zwölf Wochen befristete, individuell abgestimmte Begleitung auffällig gewordener Jugendlicher ein stabilisierendes soziales Umfeld der Jugendlichen zu (re-)aktivieren, folgt die eingehende Erforschung der Freiheitsentziehenden Maßnahmen im Rahmen von Kinder- und Jugendhilfe, Psychiatrie und Justiz mit den entsprechenden Indikationen, Verfahren, Effekten und Alternativen. Außerdem bringt Sabrina Hoops ihre Expertise in das Projekt Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe ein.
Neben ihrer Projektarbeit, in der sich das Themenfeld abweichendes Verhalten für Sabrina Hoops immer mehr zu einem langfristigen Schwerpunktthema herauskristallisiert, arbeitet sie an ihrer Dissertation, die sie im Sommer 2008 an der Universität Leipzig mit der Promotion zum Dr. phil. abschließt. Für ihre Doktorarbeit hat sie im Abstand von zwei Jahren Familien mit Kindern befragt, die wegen straffälligen Verhaltens bei der Polizei angezeigt wurden. Die Publikation erscheint im Herbst 2009 im Juventa Verlag.
Um mit Lehre und Forschung an den Hochschulen im Austausch zu bleiben, nimmt Sabrina Hoops parallel zu ihren Forschungsarbeiten am DJI Lehraufträge an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen wahr. Aktuell leitet sie ein Seminar zu „Qualitativen Methoden“ an der Universität der Bundeswehr München und ein weiteres mit dem Titel „ Was tun mit den Schwierigsten?“ an der Hochschule München. Vier Jahre lang sammelt Sabrina Hoops darüber hinaus Erfahrungen in der Praxis der Justiz als ehrenamtliche Jugendschöffin am Landgericht München und seit 2009 als Schöffin am Amtsgericht München.
Seit 2008 gehört Sabrina Hoops zum Team der 1997 am DJI gegründeten Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention. Dort ist sie insbesondere für den Bereich der Evaluation zuständig und mitverantwortlich für das 2009 gestartete Projektmodul „Logische Modelle“, mit dem alternative Strategien einer wirkungsorientierten Evaluation im schwierigen Feld der Kriminalitätsprävention entwickelt werden.
DJI Online / Stand: 1. April 2009
Menschen im Profil
Prof. Dr. Klaus Wahl, DJI
Menschen im Profil
Bernd Holthusen (Jg. 1962) stammt aus Duisburg. Nach dem Abitur studiert er Politik, Soziologie und Geschichte – zunächst in Marburg, später in Berlin. Dort, am Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin, arbeitet er auch, nachdem er sein Studium abgeschlossen hat.Bernd Holthusen ist seit Anfang 2009 Mitglied des DJI-Kuratoriums als Vertreter der MitarbeiterInnen.
DJI Online / Stand: 1. Juni 2006
DJI-Projekte
DJI-Projekt Delinquenz von Kindern
Die Delinquenz von Kindern gilt als besondere Herausforderung für Familie, Jugendhilfe und Politik. Die qualitative DJI-Studie zeigt, wie entscheidend die Reaktionen der Eltern auf das Delinquenzverhalten ihrer Kinder sind. Denn von den Bewältigungsstrategien der Familien hängt ab, ob die gesetzwidrigen Aktivitäten der Kinder ein Episodenphänomen bleiben oder ob sie sich zu einer Delinquenzkarriere verfestigen.
DJI-Projekt Evaluation des Pilotprojektes AIB (Ambulante Intensive Begleitung)
In diesem Pilotprojekt wurde der Versuch entnommen, durch eine auf zwölf Wochen befristete, individuell abgestimmte Begleitung auffällig gewordener Jugendlicher deren soziales Umfeld zu (re-)aktivieren und stabilisieren – wissenschaftlich begleitet und evaluiert durch das DJI.
DJI-Projekt Freiheitsentziehenden Maßnahmen im Rahmen von Kinder- und Jugendhilfe, Psychiatrie und Justiz
In diesem Projekt wurden zunächst die einer freiheitsentziehenden Maßnahme (FM) zugrunde liegenden Indikationsstellungen untersucht sowie die rechtlichen Vorgaben und Verfahren und deren Umsetzung. Mit fortschreitendem Verlauf des Projekts sich zunehmend die Frage nach den „Effekten“ von geschlossener Heimunterbringung, die in einem Zusatzmodul untersucht wurden.
DJI-Projekt Kooperation im Fall von Mehrfach- und Intensivtätern
Das Modellprojekt beschäftigte sich mit der Entwicklung und Erprobung von fallbezogenen tragfähigen Kooperationsverfahren zwischen Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Polizei, Justiz, Gesundheit. Die wissenschaftliche Begleitung des Projektes war bei der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention angesiedelt.
DJI-Projekt Mädchen und Gewalt
Das Projekt hat empirische Forschungsergebnisse zum Umgang von Mädchen mit Gewalt sowie der Bedeutung weiblicher Geschlechtskonzepte im Kontext gruppendynamischer Prozesse vorgelegt und darauf aufbauend Empfehlungen für die gewaltpräventive Arbeit mit Mädchen und mit gemischtgeschlechtlichen Gruppen erarbeitet.
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention
Diese Arbeitsstelle dient dazu, die in der Bundesrepublik vorhandenen kriminalpräventiven Ansätze und Projekte im Bereich von Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Polizei oder Justiz stärker aufeinander zu beziehen, Erfahrungsaustausch und Forschungstätigkeiten anzuregen und zu organisieren, Praxisprojekte zu erheben, zu dokumentieren und zu bewerten.
(s. dazu auch Auf einen Blick, Interview und Literatur)
Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit
Durch forschungsbasierte Dokumentation von Ansätzen und Praxiserfahrungen werden Fachpraxis, Politik und Wissenschaft Informationen zur Verfügung gestellt, um die Weiterentwicklung außerschulischer Angebote zur Prävention von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu unterstützen. Darüber hinaus fördert die Arbeits- und Forschungsstelle des DJI den fachlichen Austausch, indem sie Workshops mit Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis organisiert, Informationen zum aktuellen Diskussionsstand veröffentlicht und der hiesigen Fachpraxis Anregungen aus dem europäischen Ausland erschließt.
Zu den bisher bearbeiteten Schwerpunkten gehören die sozialpädagogische Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen, Ansätze Interkulturellen Lernens und Möglichkeiten der Prävention von Fremdenfeinlichkeit im Elementarbereich. Die jüngste Veröffentlichung widmet sich Präventionsansätzen und Strategien im Bereich des Fußballsports. Der im April 2009 erschienene Band Rechtsextremismus: Prävention und Intervention (Juventa Verlag) liefert einen Überblick über Ansätze, Befunde und Entwicklungsbedarf. Weitere aktuelle Themenschwerpunkte sind die Auseinandersetzung mit rechtsextremer Musik (Bericht erscheint Ende 2009) sowie Ethnozentrismus und Extremismus bei Migrantenjugendlichen.
Im Rahmen der Bundesprogramme „Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ sowie „kompetent. für Demokratie“ wird seit 2007 eine Vielzahl von Maßnahmen und Projekten gefördert, mit denen Ansätze der Prävention und Intervention gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus weiterentwickelt werden sollen. Die beiden Programme werden wissenschaftlich begleitet, sowohl durch die Programmevaluation des DJI als auch durch verschiedene Evaluationen einzelner Programmteile.
DJI-Themen
Rote Karte: Gewalt und Fremdenfeindlichkeit im Sport
Rechtsextremismus bei Jugendlichen
Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen
DJI-Gespräche
Mit Prof. Dr. Klaus Wahl, DJI: Amokläufe und Jugendgewalt - Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Mit Barbara Rink, DJI: Bewältigungsstrategien von Jugendlichen in sozialen Brennpunkten
Mit Dr. Stefan Borrmann, DJI: Soziale Arbeit mit rechten Jugendcliquen
DJI Online / Stand: 1. April 2009
Literatur Zu den Bereichen Gewalt und Prävention aus Forschungskontexten des DJI
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (1998): Literaturdokumentation von Arbeitsansätzen der Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention aus Fachzeitschriften der Bereiche Jugendarbeit, Polizei, Schule, Justiz, Bewährungshilfe, Kriminologie, Strafrecht, Jugendgerichtshilfe, Pädagogik, Psychologie, Bildungswesen, Sonderpädagogik, Sozialpädagogik, Familienrecht und Strafvollzug. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention/Bundesjugendkuratorium (Hrsg.) (1999): Der Mythos der Monsterkids – Strafunmündige 'Mehrfach- und Intensivtäter'. Ihre Situation – Grenzen und Möglichkeiten der Hilfe. Dokumentation des Hearings des Bundesjugendkuratoriums am 18. Juni 1998 in Bonn. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2000): Wider die Ratlosigkeit im Umgang mit Kinderdelinquenz. Präventive Ansätze und Konzepte. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2001): Schnelle Reaktion. Tatverdächtigte Kinder und Jugendliche im Spannungsfeld zwischen beschleunigtem Verfahren und pädagogischer Hilfe. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2002): Die mitgenommene Generation. Aussiedlerjugendliche – eine pädagogische Herausforderung für die Kriminalitätsprävention. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2002): Nachbarn lernen voneinander. Modelle gegen Jugenddelinquenz in den Niederlanden und in Deutschland. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2003): Evaluierte Kriminalitätsprävention in der Kinder- und Jugendhilfe. Erfahrungen und Ergebnisse aus fünf Modellprojekten. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2008): Evaluation in der Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention. Eine Dokumentation. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention/Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (Hrsg.) (2008): Early Prevention – Frühe Prävention. Erfahrungen und Strategien aus 12 Ländern. München Download
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2007): Strategien der Gewaltprävention im Kindes- und Jugendalter. Eine Zwischenbilanz in sechs Handlungsfeldern. München Download
Bendit, René/Erler, Wolfgang/Nieborg, Sima/Schaefer, Heiner (Hrsg.) (2000): Child and Juvenile Delinquency. Strategies of Prevention and Intervention in Germany and the Netherlands. Utrecht
Bruhns, Kirsten/Wittmann, Svendy (2002): „Ich meine, mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen“. Mädchen und junge Frauen in gewaltbereiten Jugendgruppen. Opladen
Bruhns, Karin/Wittmann, Svendy (2000): Mädchen in gewaltauffälligen Gruppen. In: Bachor, Ursula (Hrsg.): Mädchen in sozialen Brennpunkten. Dokumentation des Fachforums im Rahmen des Aktionsprogramms „Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten“ des BMFSFJ in Kooperation mit dem Bundesmodell „Mädchen in der Jugendhilfe“. Berlin, S. 109-121
Heiliger, Anita (2006): Männlichkeit und Gewalt – gesellschaftlich hergestellt und damit veränderbar. In: DJI Bulletin 75, S. 14-15
Holthusen, Bernd (2004): Modellprojekt: Kooperation im Fall von jugendlichen „Mehrfach- und Intensivtätern“. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung. München Download
Hoops, Sabrina/Permien, Hanna/Rieker, Peter (2001): Zwischen null Toleranz und null Autorität. Strategien von Familie und Jugendhilfe im Umgang mit Kinderdelinquenz. Opladen
Hoops, Sabrina/Permien, Hanna (2003): Evaluation des Pilotprojekts Ambulante Intensive Begleitung (AIB). München
Hoops, Sabrina/Permien, Hanna (2006): „Mildere Maßnahmen sind nicht möglich!“ – Freiheitsentziehende Maßnahmen nach §1631b BGB in Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie. München
Hoops, Sabrina (2008): Gewalt im Kindes- und Jugendalter. Von Tätern, Opfern und Opfern, die zu Täter werden, und Möglichkeiten, diesen Kreislauf zu durchbrechen. In: DGgKV (Deutsche Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGgKV). Interdisziplinäre Fachzeitschrift. Jg. 11, Heft 1, S.18-32
Laux, Viola/Schäfer, Heiner (2006): Jungenarbeit – ein Defizit, aber unverzichtbar! In: DJI-Bulletin 75, S. 16-17
Lüders, Christian (2001): Kriminalprävention – ein heikles Programm. Oder: der Versuch einer Gratwanderung. In: ajs-information, Heft 1 , S. 4-10
Lüders, Christian; Holthusen, Bernd (2008): Gewalt als Lernchance – Jugendliche und Gewaltprävention. In: Marks, Erich/Wiebke, Steffen (Hrsg.): Starke Jugend – starke Zukunft. Mönchengladbach, S. 153-172
Neubauer, Gunter/Winter, Reinhard (2007): Geschlechter differenzierende Aspekte in Angeboten der Gewaltprävention in der außerschulischen Jugendarbeit, DJI Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention. München Download
Wahl, Klaus (2005): Aggression bei Kindern. Emotionale und soziale Hintergründe. In: Alt, Christian (Hrsg.): Kinderleben – Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Bd. 1: Aufwachsen in Familien. Wiesbaden, S. 123-156
Wahl, Klaus (2007): Vertragen oder schlagen? Biografien jugendlicher Gewalttäter als Schlüssel für eine Erziehung zur Toleranz in Familie, Kindergarten und Schule. Berlin/ Düsseldorf/Mannheim
Wahl, Klaus/Jung, Violetta (2008): Kindliche Aggressivität im Zeitverlauf. Ausmaß und Ursachen. In: Alt, Christian (Hrsg.): Kinderleben – Individuelle Entwicklungen in sozialen Kontexten. DJI-Kinderpanel, Bd. 5. Wiesbaden, S. 99-124
Wahl, Klaus/Hees, Katja (2009): Täter oder Opfer? Jugendgewalt – Ursachen und Prävention. München
Wahl, Klaus (2009): Aggression und Gewalt. Ein biologischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Überblick. Heidelberg (im Erscheinen)
DJI Online / Stand: 1. April 2009
von Anja Steingen, AWO Köln„Ein kurzer Blick in die Praxis: Anti-Aggressivitätstraining für Mädchen“
von Anja Steingen, AWO Köln
Das Anti-Aggressivitäts-Training für Mädchen (AATM) wird bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Köln seit 2004 ambulant im Rahmen der Jugendgerichtshilfe angeboten. Zielgruppe sind weibliche Jugendliche zwischen 15 und 21 Jahren, die wiederholt durch Gewaltstraftaten auffällig wurden und meist durch das Jugendgericht die Weisung erhalten haben, an der Gruppenarbeit des AATM teilzunehmen – Mädchen wie Jasemin.
| Jasemin – ein typischer Fall Jasemin, 15 Jahre alt, ist albanischer Nationalität und wuchs zunächst mit ihren drei Geschwistern bei den Eltern auf. In dieser Zeit kam es zu massiven Gewalttaten durch ihren Vater, sowohl der Mutter als auch den Kindern gegenüber. Als J. 10 Jahre alt war, verließ der Vater die Familie und die Mutter fühlte sich mit ihren Kindern zunehmend überfordert. Sie begann die Kinder emotional extrem zu vernachlässigen und zu schädigen. Um dies zu illustrieren, sei hier eine Situation aus Jasemins Alltag beschrieben: J. hatte einen kleinen Hund, den sie sehr gern hatte. Jasemins Mutter saß, wie so oft, vor dem Fernseher und wollte ihre Ruhe haben. Der Hund, der vor die Tür wollte, bellte und bellte. Wiederholt brüllte die Mutter den Hund und die Kinder an, das „Vieh solle endlich Ruhe geben“. Als der Hund nicht aufhörte, griff sie ihn am Nacken und tauchte ihn ins Aquarium, bis er ertrank. Die Kinder, damals 7, 10, 12 und 13 Jahre alt, sahen zu. Nach der Tat setzte sich die Mutter wieder vor den Fernseher. Jasemins 10-jähriger Bruder begann daraufhin, die Fische aus dem Aquarium zu holen und zu töten. Während dessen sah die Mutter unbeeindruckt weiter fern. Jasemin, bis zur Trennung der Eltern eine gute Schülerin und nach der Grundschule auf einem Gymnasium eingeschult, ging kaum noch zur Schule und wurde Mitschülerinnen und Lehrerinnen gegenüber immer wieder gewalttätig. Außerdem begann sie, gemeinsam mit ihren Geschwistern, andere Kinder auszurauben, zu bedrohen und zusammen zu schlagen. Schulverweise und Schulwechsel folgten, dazwischen gab es immer wieder längere Zeiten, in denen J. nicht beschult wurde. Als wir J. kennen lernten, besuchte sie bereits die sechste weiterführende Schule, war dort aber nur selten anzutreffen. Seit ihrem 12. Lebensjahr wurde Jasemin von der Polizei als Intensivtäterin geführt. J. wurde bereits wiederholt wegen Gewaltstraftaten verurteilt, von ihrer Mutter jedoch in ihrem Fehlverhalten unterstützt: „Ich hab gesagt, sie soll die (Anm. das Opfer) nächstes Mal in die Telefonzelle ziehen und da schlagen, da hört sie keiner schreien.“ Die vom Jugendamt eingesetzten FamilienhelferInnen wechselten häufig, da sich niemand der Situation wirklich gewachsen fühlte. Jasemin hatte, als wir sie kennen lernten, keine verlässliche, erwachsene Bezugsperson. Ihre persönliche Betreuerin sagte, sie habe J. bereits aufgegeben. Ebenso äußerten sich Jasemins Lehrer und Lehrerinnen. |
Das Konzept
Ausgehend von Konzepten des AAT für männliche Jugendliche hat das Kölner Projektteam eine eigene Konzeption erarbeitet, um Mädchen mit Gewaltproblemen ein geschlechtsspezifisches Angebot machen zu können. Im Laufe der letzten Jahre wurde dieses Konzept fortlaufend ergänzt und verändert, um den Mädchen Wege aus ihrem Gewaltverhalten zu zeigen. Beim AATM handelt es sich um eine delikt- und defizitspezifische, sozialpädagogisch-psychologische Behandlungsmaßnahme für jugendliche Gewalttäterinnen, basierend auf dem Prinzip der Achtung und Wertschätzung ihrer Persönlichkeit und gleichzeitiger Verurteilung ihres Gewaltverhaltens.
Am AATM nehmen Mädchen zwischen 15 und 21 Jahren unterschiedlicher Nationalität teil. Die meisten Teilnehmerinnen haben vom zuständigen Jugendgericht eine Auflage bekommen, das Training zu absolvieren. In einigen Fällen erhalten Teilnehmerinnen Auflagen von Schulen oder Heimen. Vereinzelt nehmen Mädchen freiwillig am Training teil.
Das AATM umfasst in der Regel 100 Gruppenstunden und erfolgt in Gruppen mit fünf bis acht Mädchen. Vor Beginn des Trainings werden mit jeder Teilnehmerin mehrere Einzelgespräche geführt. Das Training wird von einer Diplom-Psychologin (AAT-Trainerin, Psychotherapeutin HPG) und einer Diplom-Sozialpädagogin (AGT-Trainerin) durchgeführt. Die Gruppe trifft sich über 6 Monate wöchentlich für 4 Stunden in einem Jugendzentrum der AWO Köln. Darüber hinaus sucht das Projektteam den Kontakt zu Schulen, Heimen, Bewährungshilfe und Eltern, um eine möglichst enge Kooperation zu erreichen.
Die Kernziele des AATM sind eine Reduktion des Gewaltverhaltens, Verantwortungsübernahme für das eigene Verhalten, Erkennen und Akzeptieren eigener und fremder Grenzen, Empathieentwicklung, Erlernen alternativer Konfliktlösestrategien. Um diese zu erreichen, enthalten die Kurse Trainingseinheiten zur Verhaltenssteuerung, zur Kosten-Nutzen-Analyse von Gewalt, zum Selbstbild und zur weiblichen Identität. Neben dem Umgang mit Gewalt im sozialen Nahraum, der Auseinandersetzung mit dem Leid der Opfer stehen der Abbau und das Hinterfragen von Gewaltrechtfertigungen und Persönlichkeitsentwicklung auf dem Lehrplan.
In den 20 Sitzungen des AATM kommen verschiedene Methoden zur Anwendung: Kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren, Konfrontation, themenzentrierte Interaktion, Rollenspiele, Körpersprachentraining, Körperarbeit mit Elementen aus Bioenergetik und Yoga, Malen und Gestalten.
Die Ausgangslagen der Mädchen sind zu Beginn des AATM sehr unterschiedlich. Entsprechend sind die anvisierten Ziele der Maßnahme am einzelnen Mädchen orientiert. Die praktische Arbeit konzentriert sich auf die Erreichung konkreter individueller Teilziele, dabei kommen Hilfepläne zur Anwendung. Darin werden die einzelnen Problembereiche der Mädchen erhoben und nach festgelegten Zeiten bewertet.
Die Praxis
Jasemin brüstete sich während des Kurses immer wieder mit ihren Gewalttaten, ihrem Alkoholkonsum und ihrer Schulverweigerung: „Da hab ich der Fotze (Anm.: Lehrerin) gezeigt, wo’s langgeht. Die weiß jetzt wen sie vor sich hat (Anm.: Jasemin trat der Lehrerin in den Bauch). Jasemin war sich sicher, die Anerkennung der anderen Mädchen zu haben, die sich öffentlich zwar oft schockiert, aber auch bewundernd äußerten, z.B. durch Äußerungen wie: „Für eine 15jährige bist du echt heftig drauf.“ Jasemin nahm solche Äußerungen als Bestätigung.
Gleichzeitig erlebten wir aber auch ein sehr sensibles Mädchen, das stark nach Anerkennung suchte und geradezu hungrig nach Zuwendung war. So war Jasemin im AATM die jüngste Teilnehmerin und sie fragte immer wieder ältere Mädchen oder die Trainerinnen um Rat. Wurde Jasemin kritisiert, reagierte sie mit starker Verunsicherung. Während des Kurses setzte sie sich deutlich mit den Einstellungen älterer Mädchen auseinander, die ihr eigenes aber auch Jasemins Gewaltverhalten viel kritischer sahen, als Jasemin selbst.
Während der Sitzungen distanzierte sie sich zunehmend von ihrem Verhalten. Eine Woche später hatte sie aber jeweils wieder eine Reihe von Gewalttaten verübt, die sie dann völlig unreflektiert erzählte.
Zur Vorbereitung des heißen Stuhls ging Jasemin vor die Tür und die Trainerinnen befragten die anderen Mädchen, worin sie Jasemins Probleme sehen und wie sie sich Jasemins Zukunft in fünf Jahren vorstellen. Die Liste (festgehalten auf einem Flipchart) wurde lang und traurig: Drogensucht, Prostitution, Gewaltbeziehungen, Suizid, aber auch Opfer werden von Vergewaltigung oder gar Mord.
Als nächstes befragten die Trainerinnen die Mädchen, wie sie glaubten, Jasemin erreichen zu können und ein Bewusstsein für ihre Probleme erwecken zu können. Zunächst kamen Äußerungen wie „hoffnungsloser Fall“, „die versteht gar nichts“ oder auch „die gehört mal richtig fertig gemacht“. Mit Hilfe der Trainerinnen kamen die Mädchen jedoch zu dem Schluss, dass „fertig machen“ etwas ist, was Jasemin nur zur Genüge kennt und was sie sicher gut abwehren kann. Das Gegenteil – ehrliche Zuwendung, Interesse und Sorge wären zumindest einen Versuch wert.
Jasemin wurde wieder in den Raum geholt und die Trainerinnen zogen sich weitgehend zurück, während die Mädchen die eigentliche Konfrontation übernahmen. Zunächst fragten sie Jasemin, wie sie sich ihre Zukunft wünsche und baten sie, dies auf ein Flipchart zu schreiben. Jasemin wünschte sich, wieder auf das Gymnasium zu gehen, Abitur zu machen, eine Familie zu haben, die sie unterstützt, später einen Mann und Kinder und auf keinen Fall Gewalt, weder als Opfer noch als Täterin.
Daraufhin bekräftigten die anderen Teilnehmerinnen, dass dies schöne Ziele seien, dass sie Jasemin davon jedoch sehr weit entfernt sähen. Sie konfrontierten Jasemin mit ihren zuvor erstellten Listen über ihre jetzige Situation und über ihre wahrscheinliche Zukunft, wenn Jasemin so weiter mache wie bisher. Dies geschah mit großer Ernsthaftigkeit und ehrlicher Anteilnahme.
Jasemin wurde immer stiller, begann schließlich zu weinen und verließ den Raum. Eine Weile ließen wir sie allein, bis ein Mädchen Jasemin zurück in den Raum holte. Sie hielt Jasemin im Arm und die Konfrontation wurde fortgesetzt. Jasemin wurde gefragt, ob sie die Unterschiede zwischen ihren Zielen und ihrem bisherigen Weg erkenne. Dies bejahte sie. Die anderen Mädchen fragten Jasemin dann, was sie tun müsse, um ihre Ziele zu erreichen und wann und wie sie damit anfange. Jasemin nahm als erstes ihren Schmuck ab (eine Kette in Totenkopfform und ein Anhänger in Revolverform) und sagte, damit müsse es wohl losgehen. Jasemin vereinbarte bis zur nächsten Woche konkrete Schritte, um ihre Ziele zu erreichen.
Tatsächlich erschien sie die Woche darauf deutlich neutraler gekleidet und mit neuer, neutraler Halskette. Sie ging auch wieder zur Schule und berichtete sehr stolz, dass sie dort von den Lehrern gelobt wurde.
Jasemin schloss das Training planmäßig ab. Inzwischen (6 Monate später) begeht Jasemin keine neuen Straftaten mehr. Ein Gespräch mit den Lehrern ergab, dass Jasemin zwar immer noch häufig fehle (40%), dies aber gegenüber vorher (90%) ein Fortschritt sei. Außerdem gebe es in der Schule keine neuen Gewaltvorfälle und Jasemin habe sich öffentlich vor ihrer Klasse von Gewalt distanziert. Ihr Bemühen um einen anderen Weg sei deutlich erkennbar.
Da Jasemins häusliche Situation aber unverändert ist und ihre Geschwister weiter kriminell sind, braucht Jasemin aus unserer Sicht unbedingt weiterhin Unterstützung. Gemeinsam mit ihrer Bewährungshelferin wurde vereinbart, dass Jasemin freiwillig in unsrer Einzelbetreuung bleiben kann. Damit ist Jasemin einverstanden.
Literatur
Gehring-Decker/Pfleger/Steingen (2006): Erfahrungsbericht des ersten Anti-Aggressivitätstrainings mit Mädchen bei der Jugendgerichtshilfe der AWO Köln. Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 1/06, S. 57-61.
Links
www.awo-koeln.de
www.bag-taeterarbeit.de
Anja Steingen (Jg. 1970), Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin HPG, AAT/CT-Trainerin, Triple-P Trainerin. Frau Steingen ist seit acht Jahren bei der Arbeiterwohlfahrt Köln e.V. im Fachbereich Gewaltprävention tätig. Sie leitet neben Anti-Aggressivitätstrainings für Mädchen auch Gruppen für Männer, die häusliche Gewalt ausgeübt haben und führt gewaltpräventive Programme in Schulen und Jugendeinrichtungen durch. Sie ist darüber hinaus stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt e.V.
Kontakt
Arbeiterwohlfahrt Köln e.v.
Anja Steingen
Venloer Wall 15
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Tel. 0221-88810102
Fax. 0221-88810133
e-mail: steingen@awo-koeln.de, anja.steingen@bag-taeterarbeit.de
DJI Online / Stand: 1. April 2009