Reinhild Schäfer wird am 15. Juni 1958 in Kölbingen im Westerwald geboren. An der dortigen Fachschule für Sozialpädagogik macht sie Mitte der 1970er Jahre eine Ausbildung zur Erzieherin, die prägend für ihren weiteren beruflichen Werdegang ist. Denn die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und sozialer Differenzierung, die im Unterrichtsfach Soziologie stattfindet, weckt in ihr ein nachhaltiges Interesse an der Erforschung gesellschaftlicher Strukturen und sozialen Handelns. Daraus erwächst auch der Wunsch, später Soziologie zu studieren.
Doch bevor sie diesen Wunsch verwirklicht, möchte sie neben ihren Erfahrungen in der Arbeit mit 3- bis 6-jährigen Kindern im Kindergarten – wo sie ihr berufliches Praktikum leistet – noch andere Arbeitsfelder kennenlernen und vor allem auch mit älteren Kindern arbeiten. Diese Möglichkeit bietet sich ihr in einer städtischen Einrichtung der stationären Erziehungshilfe in Frankfurt. Dort ist sie in der so genannten Aufnahmegruppe tätig mit Kindern im Alter von 4 bis 12 Jahren, die überwiegend aufgrund akuter Gefährdung (Vernachlässigung, Misshandlung, sexueller Missbrauch) ad hoc aufgenommen werden müssen. Die Bewältigung der Aufgabe, akute traumatische Erlebnisse der Kinder aufzufangen, konfrontiert sie Tag für Tag mit den gravierenden Folgen Kindeswohl gefährdender familiärer Verhältnisse.
Nach knapp zweijähriger Tätigkeit in der Aufnahmegruppe sieht Reinhild Schäfer dort für sich keine beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten mehr und greift ihren Studienwunsch wieder auf. An der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität studiert sie Soziologie. Mit einem Studienschwerpunkt in der damals noch jungen Frauenforschung kann sie soziologische und feministische Fragestellungen, mit denen sie sich bis dahin vor allem durch die Lektüre frauenbewegter gesellschaftlicher Analysen und Literatur auseinandersetzte, gut verknüpfen und sich gleichzeitig intensiv mit dem für ihr Wissenschaftsverständnis wichtigen Praxisbezug von Theorie befassen.
Im Anschluss an das Soziologiestudium ist Reinhild Schäfer als wissenschaftliche Hilfskraft und ab 1993 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Frankfurter Universität im Forschungsschwerpunkt Frauenarbeit / Frauenbewegung tätig. In Lehre und Forschung arbeitet sie vor allem zum Thema Soziale Ungleichheit, zur Frauenbewegung als einer sozialen Bewegung, die auf soziale Ungleichheit im Geschlechterverhältnis reagiert und zur Gleichstellungspolitik.
Nach der Promotion zu den politischen Strategien der Neuen Frauenbewegung gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis ist Reinhild Schäfer ab 2000 zunächst freiberuflich tätig, u.a. in der Projektberatung im gemeinsamen Frauenforschungszentrum der Hessischen Fachhochschulen (gFFZ) und mit einer Expertise zum Stand von Geschlechtergleichstellung und Chancengleichheit von Frauen und Männern am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. Im Rahmen ihrer freien Mitarbeit in der als Lobby der bundesrepublikanischen Frauenhäuser gegründeten Frauenhauskoordinierung e.V. übernimmt sie für ein Jahr die Redaktion des „Sonderinfo zum Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen“. In diesem Zusammenhang erhält sie auch Einblick in die Arbeit der ersten Runden Tische, die auf kommunaler Ebene zur Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Professionen und Institutionen gegen häusliche Gewalt eingerichtet werden.
An der Fachhochschule Wiesbaden führt Reinhild Schäfer 2002/03 ein Forschungsprojekt im Fachbereich Sozialwesen durch. Untersucht werden die Auswirkungen eines geschlechtersensibilisierenden Studienschwerpunktes auf das professionelle Selbstverständnis und berufliche Handeln von Sozialarbeiterinnen.
Im Mai 2003 steigt sie am DJI als wissenschaftliche Referentin in das Projekt „Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe“ ein. Seit Juni 2007 arbeitet Reinhild Schäfer als Referentin des DJI im Nationalen Zentrum Frühe Hilfen in Köln.
Kontakt:
Dr. Reinhild Schäfer
Stand: 1. September 2008
Menschen im Profil: Alexandra Sann, DJI/NZFH
Alexandra Sann ist gebürtige Münchenerin. Hier wird sie am 17. Oktober 1964 geboren und besucht Grundschule und Gymnasium, bevor sie 1979 mit ihren Eltern nach Neu-Ulm umzieht. Dort macht sie 1983 Abitur. Noch unentschieden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchte, probiert Alexandra Sann verschiedenes aus. Sie arbeitet als Interviewerin, studiert ein Semester Chemie und macht ein Haushaltspraktikum. Nach einer 9-monatigen Tätigkeit in einem Altenpflegeheim entschließt sie sich, eine Ausbildung zur Krankenschwester an der Universitätsklinik in Ulm zu machen. Nach erfolgreich absolvierter Prüfung arbeitet sie noch drei Jahre in der klinischen Gynäkologie.
Danach stehen erst einmal ihre beiden Töchter, die 1988 und 1991 zur Welt kommen, im Mittelpunkt. Im Anschluss an die dreijährige Erziehungszeit beginnt Alexandra Sann 1994 in ihrer Geburtsstadt München mit dem Studium der Psychologie. Studienschwerpunkte bilden die Familienpsychologie mit Diagnostik, Prävention und Intervention sowie die Arbeits- und Organisationspsychologie. Ihre Diplomarbeit, mit der Alexandra Sann 2001 ihr Studium abschließt, befasst sich mit der Evaluation eines Paarpräventionsprogramms "Erwartungen an Partnerschaft".
Seit ihrer Rückkehr nach München verwendet Alexandra Sann einen Großteil ihrer Freizeit für ihr soziales und politisches Engagement. Neben ihrem Engagement in örtlichen Vereinen, wie z.B. der Musikschule in Unterhaching, organisiert sie als Vorsitzende der SPD-Frauen im Hachingertal Veranstaltungen zu Themen wie "Vereinbarkeit von Familie und Beruf", "Gewalt gegen Frauen" oder "Frauen in der Politik". Auf ihre Initiative geht auch die Gründung der Arbeitskreise "Jugendpolitik" und "60plus" im SPD Ortsverein Unterhaching zurück, dessen Vorsitzende sie bis 2007 war. Bedingt durch die Anforderungen, die ihre aktuelle Tätigkeit für das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) stellt, musste sie jedoch ihr ehrenamtliches und politisches Engagement seither stark zurückfahren.
Im Juli 2001 beginnt Alexandra Sann als wissenschaftliche Mitarbeiterin am DJI. Im Projekt "Opstapje" der Abteilung Familie und Familienpolitik ist sie zuständig für die Entwicklung der für die Evaluation notwendigen Erhebungsinstrumente, betreut Träger und MitarbeiterInnen am Modellstandort Bremen, leitet dort die Untersuchung, kümmert sich gemeinsam mit einer Kollegin um Datenmanagement und Auswertung des Projekts sowie um die Erstellung eines „Praxisleitfadens für Träger und Kommunen“ und „Programmmaterialien für die Praxis“. Seit März 2006 wird das Konzept an den ländlichen Sozialraum angepasst. Das DJI-Projekt „Niedrigschwellige Familienbildung im ländlichen und strukturschwachen Raum“ läuft in Kooperation mit dem Landesverband des DRK Niedersachsen.
Alexandra Sann geht die Projektarbeit besonders motiviert an, weil die Zielsetzungen des Opstapje-Programms ihren persönlichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit entsprechen, sich also mit ihrem politischen Engagement hervorragend verbinden. Deswegen macht sie sich auch über das Forschungsprojekt hinaus stark für Opstapje. Als Mitbegründerin des Vereins Opstapje Deutschland e.V. hält sie seit 2005 Vorträge auf nationalen sowie internationalen Veranstaltungen und übernimmt die Schulung von Fachkräften sowie die Beratung von Kommunen und Trägern, um die Idee der Frühförderung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien weiter zu verbreiten und in die Praxis umzusetzen.
Im zweiten Halbjahr 2006 ist Alexandra Sann am DJI maßgeblich an der Erstellung der „Kurzevaluation von Projekten zu Frühen Hilfen für Eltern und Kinder und sozialen Frühwarnsystemen in den Bundesländern“ im Auftrag des Bundesfamilienministeriums beteiligt, die einen Überblick über das sich neu formierende Arbeitsfeld bietet. Diese Untersuchung stellt für sie auch den Einstieg in das Thema „Frühe Hilfen“ dar. Die mannigfachen praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen aus dem Projekt Opstapje, das sich intensiv auch mit der Erreichbarkeit von so genannten bildungsfernen Familien für präventive Maßnahmen bzw. umgekehrt befasst hat, kann sie gut in das neue Themenfeld integrieren. Denn auch hier geht es darum, Familien frühzeitig zu erreichen und bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen, wenn gleich der Fokus eher auf dem Schutz der Kinder vor Vernachlässigung und weniger auf der Förderung ihrer (kognitiven) Entwicklung liegt.
Seit Anfang 2007 arbeitet Alexandra Sann nun mit einer vollen Stelle für das Nationale Zentrum Frühe Hilfen und ist dort vor allem für die Koordination der Modellprojekte und die empirische Bestandsaufnahme der Entwicklung Früher Hilfen in Deutschland zuständig. Sie pendelt zwischen dem DJI in München und dem Sitz des Zentrums in Köln und nimmt auch viele Termine auf Fachveranstaltungen im ganzen Bundesgebiet wahr. Vor allem die Vielfalt der Aufgaben im NZFH, die Einblicke in unterschiedlichste Fachbereiche und die Chance, neue Entwicklungen mit anzustoßen sowie die Unterstützungsangebote für Familien in schwierigen Lebenslagen zu verbessern, motivieren sie, sich den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen.
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Alexandra Sann, DJI
DJI Online / Stand: 1. September 2008
Blick von außen I
Ilona Friedrich, Leiterin des Jugendamtes Werra-Meißner-Kreis
„Familien stärken! Frühe Hilfen für Familien – ein Beispiel guter Praxis“
Ilona Friedrich, Leiterin des Jugendamtes Werra-Meißner-Kreis
Die ersten Jahre eines Kindes sind für die Entwicklung seiner Persönlichkeit sowie für ein erfolgreiches Schul- und späteres Berufsleben entscheidend. Die Jugendhilfe trägt traditionell dafür Verantwortung, auch im frühen Kindesalter Hilfen für die Kinder zur Verfügung zu stellen, die in ihrer Familie einen unzureichenden Rahmen für ihre Entwicklung haben oder besonderen Gefahren ausgesetzt sind. Für Familien in belasteten Lebenssituationen setzen Unterstützungsangebote oder Interventionen häufig zu spät ein. Diese Erkenntnis hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend im Bereich der Jugendhilfe durchgesetzt, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der spektakulären Fälle von Kindstötungen und Kindeswohlgefährdungen. Hierauf reagierte die Jugendhilfe im Werra-Meißner-Kreis mit der systematischen Überprüfung und Weiterentwicklung ihrer Verfahrensweisen und Maßnahmen zum Kinderschutz.
Eine Konsequenz ist die Entwicklung und Umsetzung der Strategie, Familien generell zu stärken als beste Form der Prävention und der Vermeidung von Kindeswohlgefährdung. Darüber hinaus geht es darum, Familien so früh wie möglich zu erreichen, um gegebenenfalls gezielte Hilfen zu geben. Die Übergänge von normaler Belastung zu nicht mehr bewältigbaren Situationen mit entsprechenden Auswirkungen auf die Kinder sind oft fließend. Um sie erkennen und einschätzen zu können, sind frühe Kontakte zu den Familien von Bedeutung.
Wie kann es also gelingen, Eltern so früh wie möglich in ihren Erziehungs- und Familienaufgaben zu unterstützen? Wie schafft man es, Eltern, die mit der Versorgung und Erziehung ihrer Säuglinge und Kleinkinder überfordert sind, rechtzeitig zu erreichen und Hilfen anzubieten? Und wie müssen die Hilfen aussehen, damit sie auch von den Familien akzeptiert werden können?
Antworten hierzu kann nicht allein die Jugendhilfe geben; Familien zu stärken und ein differenziertes Beratungs-, Unterstützungs- und auch Frühwarnsystem aufzubauen, ist eine interdisziplinäre Herausforderung für Politik, Jugendhilfe und Gesundheitswesen.
Wie der Werra-Meißner-Kreis sich diesen Herausforderungen stellt, welche Erfolge sich abzeichnen, das soll im Folgenden beschrieben werden.
Etablierung einer Arbeitsgruppe „Frühe Hilfen für Familien“ im Lokalen Bündnis für Familie des Werra-Meißner-Kreises
Als erster Landkreis im Regierungsbezirk Kassel hat der Werra-Meißner-Kreis auf Initiative von Landrat Stefan Reuß im November 2006 unter dem Motto „Familie stark machen! Wir im Werra-Meißner-Kreis“ ein Lokales Bündnis für Familie gegründet und damit ein weiteres Signal für eine familienfreundliche Region gesetzt. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik, den Kirchen, den Wohlfahrtsverbänden, der Wirtschaft, der Verwaltung und weiteren gesellschaftlichen Gruppen haben erklärt, die Situation für Familien und die Potenziale für einen familienfreundlichen Werra-Meißner-Kreis in den Mittelpunkt des politischen und gesellschaftlichen Interesses rücken zu wollen.
Als ein Handlungsfeld im Rahmen der Bündnisarbeit wurde der Ausbau der Präventionsarbeit angesehen. Diese Diskussion traf sich mit den Vorstellungen der Jugendhilfe und es ergab sich die Möglichkeit, den Bereich „Frühe Hilfen“ in einer Arbeitsgruppe unter dem Dach des Lokalen Bündnisses zu etablieren, um auf breiter Basis interdisziplinär bedarfsgerechte neue Angebote für Familien zu entwickeln.
Den Verantwortlichen war klar, dass hier zusätzliche finanzielle Mittel notwendig sein würden, ohne deren Umfang bereits genau beziffern zu können. Dieser Grundkonsens ermöglichte es, dass im Rahmen des Lokalen Bündnisses einige neue Finanzierungsquellen erschlossen werden konnten. So konnten beispielsweise Spenden sowie Zuwendungen aus Stiftungen in nicht unerheblicher Höhe für den Bereich Frühe Hilfen eingeworben werden.
Als sehr produktiv erweist sich auch der regelmäßige Austausch und die Abstimmung der AG Frühe Hilfen mit den anderen vier Arbeitsgruppen unter dem Dach des Lokalen Bündnisses für Familie. So kann gerade die Arbeitsgruppe „Familienbildung in Kindertagesstätten“ etwa in sinnvoller Weise an die Arbeit der AG „Frühe Hilfen für Familien“ anknüpfen.
Im Vorfeld der Konstituierung der Arbeitsgruppe „Frühe Hilfen für Familien“ bestand vor allem seitens der freien Träger der Jugendhilfe großes Interesse an einer Mitarbeit. Hier gab es eine nahtlose Anknüpfung an die bisherige gute Tradition der Kooperation und erfolgreichen Weiterentwicklung von Angeboten.
Zu einer ersten Sitzung wurden neben diesen Vertreterinnen und Vertretern aus dem Gesundheitswesen (Gesundheitsamt, Hebammen, Kinderärzte, Gynäkologen, Entbindungsstationen der Krankenhäuser) eingeladen und für eine Mitarbeit motiviert. Bisher konnten aus dem Gesundheitswesen vor allem die Hebammen, der Fachdienst Gesundheitswesen des Werra-Meißner-Kreises und die kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz Witzenhausen für eine kontinuierliche Mitarbeit gewonnen werden.
Unter Moderation und Koordination des Fachdienstes Jugend und Familie des Werra-Meißner-Kreises hat die Arbeitsgruppe ihre Arbeit im März 2007 aufgenommen und folgende Ziele für die Arbeit formuliert:
Die Arbeitsgruppe trifft sich regelmäßig. Von März 2007 bis Juni 2008 fanden acht Sitzungen statt. Bisher haben sich drei Unterarbeitsgruppen gebildet, in denen die Vorhaben „Gesamtkonzeption“, „Familienhebammen“ und „Willkommenspaket“ konzipiert wurden und aktuell weiterentwickelt werden.
Die gemeinsame Arbeit wird getragen von dem Interesse, den eigenen professionellen Blick zu erweitern und für Familien im Werra-Meißner-Kreis frühe und auf einander abgestimmte, bedarfsgerechte Angebote zu entwickeln. Zur guten Kooperation trägt das Arbeiten auf gleicher Augenhöhe, die gegenseitige Wertschätzung und das Interesse an der Arbeit der jeweils anderen Profession bei. Die Protokollführung wird wechselseitig vorgenommen; die Treffen finden an den Orten der beteiligten Institutionen statt.
Die Arbeit in der Arbeitsgruppe hat deutlich gemacht, dass es breit angelegter Unterstützungs- und Beratungsangebote für Eltern bedarf, die nicht stigmatisierend wirken. Darüber hinaus besteht die Notwendigkeit zu verbindlicher Kooperation zwischen Gesundheitswesen und Jugendhilfe sowie spezifischen Hilfsangeboten für belastete Familien und gefährdete Kinder. Folgende drei Handlungsfelder werden aktuell verfolgt:
Handlungsfeld 1:
Verbesserung der familiären Rahmenbedingungen - Unterstützung für alle Familien
Die Phase der Schwangerschaft und Geburt, in der Mütter und auch Väter offen für Beratungsangebote sind, wird genutzt, um frühzeitig und in einer ansprechenden Form über Betreuungsangebote sowie Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten im Werra-Meißner-Kreis zu informieren.
Es wurde ein „Willkommenspaket“ konzipiert, mit dem alle Neugeborenen ganz besonders herzlich willkommen geheißen werden. Seit Oktober 2007 wird es über die Kommunen, in der Regel durch persönliche Besuche der Bürgermeister, Ortsvorsteherinnen und Ortsvorsteher oder von Bediensteten der Verwaltung, versehen mit weiteren Geschenken und Vergünstigungen der Kommunen, den Familien mit Neugeborenen überbracht. Das Willkommenspaket beinhaltet neben einer Broschüre mit einer Vielzahl von Informationen zur Entwicklung des Kindes im ersten Lebensjahr einen Gutschein für einen Elternkurs bei der Evangelischen Familienbildungsstätte. Darüber hinaus enthält es ein neu entwickeltes Faltblatt mit Adressen, Telefonnummern und Internetseiten rund um das Thema Familie sowie Informationsblätter mit spezifischen Angeboten für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, der Kinder-Tagespflege, der Erziehungsberatungsstelle und der kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz. Ein Magnetpin mit Notrufnummern und Raum für wichtige persönliche Telefonnummern sowie ein Rauchmelder sind weitere Bestandteile des Paketes mit ganz praktischem Nutzen.
Ein erstes erfreuliches Ergebnis ist, dass viele Gutscheine für ein Kursangebot der Evangelischen Familienbildungsstätte bereits eingelöst wurden.
Zu den notwendigen Rahmenbedingungen familiärer Erziehung gehört eine differenzierte Infrastruktur, die bedarfsgerechte Kinderbetreuungsangebote sowie Beratungs- und Bildungseinrichtungen für die Familie umfasst.
Die Infrastruktur für Familien hat sich bisher in den Städten und Gemeinden unterschiedlich entwickelt. Die Versorgungsquote für die Betreuung der unter Dreijährigen in Kindertagesstätten und Kindertagespflege beträgt im Werra-Meißner-Kreis gegenwärtig beispielsweise durchschnittlich über 18 Prozent und liegt damit über dem hessischen Durchschnitt, der sich um 10 Prozent bewegt. Im Interesse der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und insbesondere unter dem Aspekt der Förderung von Kindern aus belasteten Familien muss dieser Weg konsequent fortgesetzt werden.
Neben den Kindertagesstätten gibt es im Werra-Meißner-Kreis seit vielen Jahren Familienzentren in Bad Sooden-Allendorf und Neu-Eichenberg. Eschwege hat vergleichbare Einrichtungen: den Sozialen Stadtteilladen im Stadtteil Heuberg und die Evangelische Familienbildungsstätte. Diese hat sich mittlerweile konzeptionell zu einem Mehrgenerationenhaus entwickelt.
Die Angebote der genannten Einrichtungen umfassen Programme für Eltern zur Förderung der Erziehungskompetenz und zur Alltagsbewältigung sowie Spielkreise und Integrationsmaßnahmen. Sie werden von den Kommunen und dem Landkreis finanziell unterstützt, weil sie auf Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern sowie ehrenamtliche Arbeit setzen und vor allem sozialräumlich maßgeschneiderte Konzepte für Familien bieten.
Mit diesen Einrichtungen haben sich „Orte für Familien“ entwickelt, in denen ein niedrigschwelliges und in der Regel wohnumfeldbezogenes Unterstützungsangebot für Familien bereitgestellt wird. Noch haben sie aber eher punktuellen Charakter, weitere Initiativen dieser Art in den Kommunen wären wünschenswert und zu unterstützen.
Neu entstanden im Kontext der Frühen Hilfen ist das Projekt „Wellcome“, dessen Träger die Evangelische Familienbildungsstätte ist. Eltern mit Neugeborenen können vom Projektträger ehrenamtliche Helferinnen anfordern, die sie im Alltag unterstützen und damit zu einer Entlastung in der familiären Übergangssituation beitragen können.
Im Bereich der Beratungsangebote stehen werdenden Eltern und Eltern mit Neugeborenen im Werra-Meißner-Kreis zwei Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, eine Erziehungsberatungsstelle, zwei Ambulanzen der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie das Beratungsangebot des Fachdienstes Jugend und Familie zur Verfügung. Neu entwickelt wurden spezialisierte Beratungs- und Behandlungsangebote für Eltern mit Schreibabys sowie Babys und Kleinkinder mit Schlaf- und Fütterstörungen in der Erziehungsberatungsstelle Eschwege und der kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz Witzenhausen.
Diese, aber auch andere Beratungsangebote werden bisher nur von einem geringen Teil der Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern genutzt, insbesondere nicht von Hochrisikofamilien. Aus Sicht der Beraterinnen und Berater ist der Bekanntheitsgrad bei den Eltern noch nicht groß genug. Es sei also eine wichtige Aufgabe, sie besser bekannt zu machen und Brücken zu Familien zu bauen. Eine Schlüsselfunktion kommt dabei dem Gesundheitswesen zu, denn nahezu alle Eltern mit Neugeborenen haben Kontakt mit Hebammen, Gynäkologinnen und Gynäkologen und Kinderärztinnen und -ärzten. Von Bedeutung ist es daher, das Gesundheitswesen über die bestehenden Angebote zu informieren. Eine erste Informationsveranstaltung im August 2008 sowie eine neu erstellte Broschüre mit dem Gesamtangebot der Frühen Hilfen für die Familien im Werra-Meißner-Kreis richten sich an die Ärzteschaft.
Handlungsfeld 2:
Vernetzung und verbindliche Kooperation von Jugendhilfe und Gesundheitswesen
In der Arbeitsgruppe „Frühe Hilfen für Familien“ findet interdisziplinäres Lernen statt. Vertreterinnen und Vertreter aus den Bereichen Gesundheitswesen und Jugendhilfe haben ihren Dialog mit dem Kennenlernen der jeweiligen institutionellen Aufträge und Arbeitsweisen begonnen. Das Aufeinanderzugehen und das Wissen um die Kompetenzen und Grenzen der jeweiligen Profession sind Grundbedingung für die Kooperation. Die kontinuierliche und zuverlässige Beteiligung in der Arbeitsgruppe lässt vermuten, dass die Beteiligten für sich und ihre Arbeit einen hohen Nutzen in der Zusammenarbeit sehen. Hierzu trägt sicher auch bei, dass die Arbeit von den jeweiligen Leitungsebenen in den Institutionen sehr unterstützt wird.
Als wichtige zukünftige Arbeitsschritte der Arbeitsgruppe mit Blick auf die Vernetzung von Jugendhilfe und Gesundheitswesen sind anzusehen:
Zur Koordination und Weiterentwicklung des Bereichs „Frühe Hilfen“ wird der Werra-Meißner-Kreis zusätzlich eine halbe Stelle im Fachdienst Jugend und Familie ab Oktober 2008 einrichten.
Handlungsfeld 3:
Schaffung neuer Zugänge zu Familien und neuer Arbeitsansätze bei komplexen psychosozialen Belastungssituationen
Säuglinge und Kleinkinder bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit. Sie sind vollständig auf die elterliche Fürsorge angewiesen, sehr verletzlich und besonders häufig von Vernachlässigung und Misshandlung betroffen. Aber auch die ganz natürlichen hormonellen Veränderungen von Schwangerschaft und Geburt führen bei ca. 15 Prozent der Frauen zu einer postpartalen Depression („Baby Blues“), so dass sie Unterstützung bei der Versorgung ihrer Säuglinge und Kleinkinder benötigen. Das Augenmerk ist deshalb auf frühe Zeichen von Unsicherheit und Überforderung in Familien mit Säuglingen und Kleinkindern zu richten. Auch die Erfahrung, dass ein erhöhtes Risiko von Kindeswohlgefährdung in Familien mit gesundheitlichen Problemen (Alkohol- und Drogenabhängigkeit, psychische Erkrankung), mit psycho-sozialen Problemen (frühe Elternschaft, alleinerziehend, Arbeitslosigkeit) oder Gewalt in der Partnerschaft besteht, ist zu berücksichtigen.
Von der Jugendhilfe wurden viele gefährdete Kinder bisher erst dann erreicht, wenn diese Kindertagesstätten besucht und sich bei ihnen Auffälligkeiten im motorischen, sprachlichen und kognitiven Bereich oder Probleme im Verhalten oder der Beziehungsgestaltung gezeigt haben. In solchen Fällen kann die Ursache in anhaltenden familiären Belastungssituationen liegen. Es wäre besser, die Familien früher zu erreichen, um ihnen eine notwendige Unterstützung zu geben.
Ein solcher früherer Zugang zu den Familien ist im Gesundheitswesen möglich, vor allem bei Hebammen, Geburtskliniken und gynäkologischen- und kinderärztlichen Praxen. Dort können Problemlagen früher wahrgenommen werden und Hilfen könnten einsetzen, bevor es zu einer Kindeswohlgefährdung kommt.
Diese Erkenntnisse haben die Arbeitsgruppe „Frühe Hilfen für Familien“ bewogen, zusätzliche und spezialisierte neue Angebote für belastete Familien zu konzipieren. Ihre Umsetzung hängt davon ab, wie weit es gelingt, die Familie für die Hilfe zu motivieren und eine Vertrauensbasis aufzubauen. Eine Voraussetzung, Familien in belasteten Lebenssituationen erreichen zu können, ist eine aufsuchende Hilfe. Hier werden vor allem die Zugänge ab der Schwangerschaft und der Geburt genutzt.
Im Oktober 2008 startet das Projekt „Familienhebammen“. Aktuell bilden sich fünf Hebammen aus dem Werra-Meißner-Kreis zu Familienhebammen weiter. Diese können Frauen, Mütter und Kinder bis zum 1. Lebensjahr unterstützen und damit die Gesunderhaltung von Mutter und Kind fördern. Dabei liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf der psychosozialen und medizinischen Beratung und Betreuung von Risikogruppen durch eine aufsuchende Arbeit. Sie unterstützen auch Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, spezialisierte Beratungs- und Therapieangebote in Anspruch zu nehmen. Das Projekt wird koordiniert durch den Fachdienst Jugend und Familie.
Darüber hinaus gibt es aktuell im Bereich der ambulanten Erziehungshilfen konkrete Planungen von spezialisierten Angeboten für unterschiedliche Belastungssituationen in Familien.
Die Arbeiterwohlfahrt und der Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung (AKGG) werden zukünftig das in den USA entwickelte STEEP™-Programm in ihrer Arbeit einsetzen. Das Programm fördert die elterliche Kompetenz im Umgang und die Beziehungsgestaltung mit dem Kind durch Gruppenarbeit und Einzelkontakte. Die Effektivität des Programms ist empirisch nachgewiesen. Aktuell bilden sich sozialpädagogische Fachkräfte der Träger weiter.
Die Drogenhilfe Nordhessen e. V. wird im Rahmen eines auf die gesamte Region Nordhessen bezogenen Modellprojektes ambulante Hilfen und Vernetzung für Familien mit Suchtproblemen anbieten.
Die Jugendhilfe Hephata wird zukünftig ihre Angebote im Bereich der „Mutter-Kind-Betreuung“ auf den Werra-Meißner-Kreis ausdehnen und damit eine Versorgungslücke schließen.
Fazit
Es ist im Werra-Meißner-Kreis gelungen, den Dialog zwischen verschiedenen Institutionen aus dem Gesundheitswesen und der Jugendhilfe zum Thema „Frühe Hilfen“ zu beginnen.
Eine erste Bestandsaufnahme zum Hilfs- und Unterstützungsangebot wurde erarbeitet und zahlreiche neue Angebote für Familien konnten entwickelt und bereits umgesetzt werden. Weitere Vorhaben zur Verbesserung der Infrastruktur für Familien befinden sich in der Planung.
Der Werra-Meißner-Kreis wird diesen Weg konsequent weiter verfolgen mit der Zielsetzung, Familien in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken, die Stigmatisierung belasteter Familien zu vermeiden und offen zu bleiben für interdisziplinäre Kooperation und Innovation.
Eine Übersicht über die derzeitigen Angebote der an der AG „Frühe Hilfen für Familien“ beteiligten Institutionen
finden Sie hier.
Ilona Friedrich (Jg. 1961) leitete nach dem Studium der Sozialpädagogik und Wirtschaftspädagogik neun Jahre lang das Frauenbüro des Werra-Meißner-Kreises, bevor sie 1998 die Leitung des Jugendamtes des Werra-Meißner-Kreises, jetzt Fachdienst Jugend und Familie, übernahm.
Links
Familiennetz des Werra-Meißner-Kreises
Kontakt
Ilona Friedrich
DJI Online / Stand: 1. September 2008
Blick von außen II Ministerialdirektorin Dr. Annette Niederfranke, Leiterin der Abteilung 6 Kinder- und Jugendhilfe,
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
„Engmaschige Unterstützung und Frühwarnsysteme für potenziell gefährdete Kinder“
Ministerialdirektorin Dr. Annette Niederfranke, Leiterin der Abteilung 6 Kinder- und Jugendhilfe, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Die ersten Lebensjahre sind entscheidend!
Wir wissen, dass die ersten Lebensjahre eine ganz entscheidende Bedeutung für das gesamte Leben eines Menschen haben. Es ist sehr eindrücklich zu beobachten, welche Entwicklungsaufgaben Kinder in den ersten Wochen, Monaten und Jahren ihres Lebens meistern. Und auch die Entwicklungspsychologie lehrt uns auf manchmal atemberaubende Art und Weise, wie zahlreich und vielfältig diese Entwicklungsschritte sind.
Wir wissen auch, dass es bestimmte Zeitfenster gibt, in denen die ersten Meilensteine des Lebens erreicht werden sollten und dass es mit fortschreitendem Alter manchmal schwierig wird, diese nachzuholen. Dafür sind Kinder dann auf die besondere Fürsorge und liebevolle Unterstützung durch erwachsene Menschen angewiesen, die sie bei diesem Prozess an die Hand nehmen. Und in den allermeisten Fällen meistern Eltern die Herausforderung, die die Betreuung und Fürsorge eines Kindes mit sich bringt, mit beeindruckender Stärke und Zuversicht. Sie bemühen sich nach Kräften, ihre Kinder auch dann ganz besonders zu unterstützen, wenn sie Entwicklungsverzögerungen zeigen und besondere Bedürfnisse haben.
Doch manchmal werden diese Herausforderungen zur Belastung – wenn es zum Beispiel keinen Menschen gibt, der Eltern unter die Arme greift und sie für eine bestimmte Zeit entlastet. Manchmal kommen auch Bedingungen hinzu, die nicht nur eine Belastung darstellen, sondern ein Risiko für das Kind und seine Entwicklung. Eigene elterliche Gewalterfahrungen oder psychiatrische Erkrankungen eines Elternteils können schnell zu Situationen führen, die sich zur konkreten Gefahr für das Kind entwickeln.
Die komplexe Entwicklung in den ersten Lebensjahren bedeutet für Kinder also auch, dass sie besonders verletzlich sind. Ein Risiko kann innerhalb kürzester Zeit zu einer lebensgefährlichen Situation werden. Dies haben uns dramatische Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung in den vergangenen Monaten immer wieder gezeigt. Um Kinder und Familien in belastenden Lebenslagen besser zu schützen, hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Aktionsprogramm „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ entwickelt. Es basiert auf dem Koalitionsvertrag und nimmt ganz besonders Kinder in den ersten drei Lebensjahren in den Blick.
Was bedeutet Frühe Hilfen für uns?
Unser Ziel ist es, möglichst frühzeitig den Zugang zu Kindern und Eltern zu finden, um Risiken rechtzeitig erkennen und frühzeitig Hilfen anbieten zu können, die Eltern in ihrer Kompetenz stärken. Der Begriff „Frühe Hilfen“ hat im Aktionsprogramm eine Bedeutung in mehrfacher Hinsicht. Wir setzen auf Frühe Hilfen zunächst deshalb, weil Säuglinge und Kleinkinder besonders häufig von Vernachlässigung und Misshandlung betroffen sind. Darüber hinaus bringen wir damit zum Ausdruck, wie wichtig die frühe Lebenszeit ist. Schließlich können Hilfen dann besonders gute Erfolge zeigen, wenn sie frühzeitig ansetzen und Schädigungen gar nicht erst entstehen (Prävention). Wenn also Risiken für die kindliche Entwicklung bereits während der Schwangerschaft erkannt werden können, besteht darin eine Chance, diese Entwicklungen von Anfang an günstig zu beeinflussen und so zu verhindern, dass sich aus Risiken manifeste Gefährdungen entwickeln.
Das frühe Erkennen von Risiken ist also eine ganz entscheidende Voraussetzung für die Einleitung von Hilfen. Risiken können jedoch wiederum nur erkannt werden, wenn potenzielle Hilfeempfänger überhaupt vom System erreicht werden. In der Zeit der Schwangerschaft und rund um die Geburt sind junge Mütter und Väter – auch in schwierigen Lebenssituationen – besonders aufgeschlossen für Hinweise und Unterstützungsangebote zum Wohlergehen ihres Kindes. Dieser frühe Zugang besteht vor allem im Gesundheitssystem – und er ist in der Regel selbstverständlich und vertrauensvoll. Um darauf aufbauend ein sicheres Netz um Kinder zu knüpfen, verzahnen wir die Strukturen des Gesundheitssystems systematisch mit den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch mit Schwangerschaftsberatungsstellen und anderen Beratungseinrichtungen, Institutionen zum Schutz vor häuslicher Gewalt, Kindergärten und Schulen sowie Familiengerichten und Polizei.
Denn der Schutz von Kindern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, er darf nicht an Systemgrenzen scheitern.
Was tun wir konkret?
Bei der Umsetzung unseres Aktionsprogramms bauen wir auf bereits vorhandenen Strukturen und Initiativen auf. In verschiedenen Regionen Deutschlands existieren bereits Projekte und Modelle, die Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder unterstützen, um diese vor Vernachlässigung und Misshandlung zu schützen. An diese wertvollen Erfahrungen knüpfen wir an und fördern in allen Ländern gezielt die wissenschaftliche Begleitung und Wirkungsevaluation ausgewählter Modellprojekte. Auf Grundlage der wissenschaftlich gesicherten Ergebnisse kann dann Schritt für Schritt ein dichtes Netz früher Hilfen in Deutschland entstehen.
Ganz besonders wichtig war es uns, für den Austausch dieses Wissens einen Ort zu schaffen. So hat die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen im April 2007 das "Nationale Zentrum Frühe Hilfen" ins Leben gerufen. Die gemeinsame Trägerschaft der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und des Deutschen Jugendinstituts (DJI) steht beispielhaft für die Verzahnung der Kompetenzen aus dem Gesundheitssystem und der Jugendhilfe. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen betreut die im Rahmen des Programms geförderten Modellprojekte und bildet eine Plattform für alle Fragen rund um das Thema Frühe Hilfen. Es regt Kommunen an, Frühe Hilfen und soziale Frühwarnsysteme aufzubauen. Bei seiner Arbeit wird das Zentrum durch einen Wissenschaftlichen Beirat mit herausragenden Forschern sowie einen Fachbeirat mit Vertreterinnen und Vertretern von Ländern, Kommunen und Verbänden unterstützt.
Höchste politische Aufmerksamkeit für den Schutz von Kindern und neue Herausforderungen
Der Schutz von Kindern hat in den vergangenen Monaten in der gesamten politischen Diskussion einen großen Schub bekommen, er hat für die Bundesregierung höchste Priorität. So haben die Bundeskanzlerin und die Regierungschefs der Länder im Kinderschutzgipfel am 19. Dezember 2007 ein Paket mit konkreten Maßnahmen für einen aktiven Kinderschutz beschlossen. Und bereits in der Folgekonferenz am 12. Juni 2008 konnte festgestellt werden, dass zahlreiche dieser Maßnahmen bereits umgesetzt wurden. Zu nennen ist beispielsweise, dass viele Länder bereits gesetzliche Regelungen auf den Weg gebracht haben, um die Teilnahmequoten an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder zu erhöhen. Und darüber hinaus ist in die so genannte Kinderrichtlinie aufgenommen worden, dass der untersuchende Kinderarzt bei erkennbaren Zeichen einer Kindesvernachlässigung oder -misshandlung die notwendigen Schritte einzuleiten hat.
Die Bundeskanzlerin und die Regierungschefs der Länder haben am 12. Juni 2008 ebenso neue Aufträge an Bund und Länder formuliert, die neben gesetzlichen Regelungen für einen verbesserten Schutz von Kindern auch weitere konkrete Maßnahmen vorsehen. Schwerpunkte unserer Arbeit werden in den nächsten Monaten der Auf- und Ausbau vernetzter Strukturen vor Ort sowie die Initiierung eines Erfahrungsaustauschs sein, um Defizite im Kinderschutz zu identifizieren und aus problematischen und fehlerhaften Kinderschutzverläufen zu lernen. In diesem Prozess kommt dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen eine zentrale Rolle zu: Es wird in Abstimmung mit Bund und Ländern eine Plattform für das Lernen aus Fehlern im Kinderschutz aufbauen.
Dr. Annette Niederfranke, Ministerialdirektorin
Geboren 1959, verheiratet, eine 7-jährige Tochter;
Studium der Psychologie, Psychiatrie und Philosophie in Bonn und Chicago 1978-1984.
Promotion bei Prof. Dr. Dr. Ursula Lehr und Prof. Dr. Dr. Hand Thomae in Entwicklungspsychologie/Gerontologie 1986.
1987 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Heidelberg am Institut für Gerontologie.
Seit Mitte der 1990-er Jahre Referatsleiterin, später dann Unterabteilungsleiterin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in verschiedenen Bereichen.
Seit Mai 2008 Leiterin der Abteilung „Kinder- und Jugendhilfe“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Links:
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
DJI Online / Stand: 1. September 2008
Interview I mit Dr. Karin Jurczyk, Leiterin der Abt. Familie und Familienpolitik (DJI)
„Welche Erkenntnisse aus Projekten, Initiativen, Publikationen am DJI gibt es zu Frühen Hilfen?“
mit Dr. Karin Jurczyk, Leiterin der Abt. Familie und Familienpolitik (DJI)

Seit wann beschäftigt sich das DJI mit dem Thema Frühe Hilfen?
Zunächst ist eine Differenzierung des Begriffs „Frühe Hilfen“ nötig. Allgemein könnte man darunter alle präventiven, d.h. vorbeugenden Ansätze verstehen, die Familien mit kleinen Kindern einbeziehen und ein gelingendes gesundes Aufwachsen fördern und sicherstellen wollen. Folgt man diesem weit gefassten Verständnis, so hat das DJI langjährige und breite Expertise auf dem Gebiet Früher Hilfen vorzuweisen.
Beginnt man bei Primärprävention als umfassender Schaffung von förderlichen Rahmenbedingungen für alle Familien und Kinder, so sind hierzu bspw. DJI-Projekte zur Familienbildung seit Ende der 1990-er Jahre zu nennen (z.B. Pettinger & Rollick 2005), ebenso wie Ansätze lokaler Familienpolitik, wie etwa die Evaluation Lokaler Bündnisse für Familien.
Rückt man einen Schritt näher an die Familien in Risikolagen heran, so sind hier die Evaluation von HIPPY (Kiefl 1996), das Projekt Armutsprävention bei Alleinerziehenden sowie die Arbeiten des Informationszentrums Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung IzKK (laufend seit 2000), aktuell aber auch die Untersuchungen zum Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft von Bedeutung.
Insbesondere mit konkreten Hilfen für Familien in Risikolagen hat das DJI weit reichende Erfahrung, so gibt es etwa für die Bundesrepublik wegweisende Forschungen zu Pflegefamilien (Blüml et al. 1999), die derzeit aktualisiert werden, zur Sozialpädagogischen Familienhilfe (Helming et al. 2005) und zum Frühförderprogramm „Opstapje - Schritt für Schritt“ für sozial benachteiligte Familien. Eine Besonderheit des DJI ist auch, dass Informationen für die Öffentlichkeit über die Entwicklung von Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe bereitgestellt werden (durch das Projekt Jugendhilfe und sozialer Wandel und über den Forschungsverbund DJI – TU Dortmund durch die Arbeitstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik). Dies ist für die geplante Weiterentwicklung und Steuerung unseres Hilfesystems unverzichtbar.
Der gegenwärtigen Entwicklung folgend, verstehen wir unter Frühen Hilfen jedoch nicht einfach möglichst frühzeitige Prävention und Abschätzung möglicher Risikolagen, sondern spezifizieren dieses Verständnis hinsichtlich der fokussierten Begleitung und Unterstützung von (potenziellen) Familien mit mehrfachen sozialen Belastungen bereits zum Zeitpunkt der Schwangerschaft, rund um die Geburt sowie in den ersten Lebensjahren des Kindes. Diese Perspektive auf Frühe Hilfen ist in Deutschland relativ neu und etabliert sich erst seit ca. 2006 im Zuge der Entwicklung des Aktionsprogramms des Bundes zu Frühen Hilfen. Das DJI hat diese Entwicklung wesentlich unterstützt und mit vorangetrieben, beispielsweise durch die Bestandsaufnahme und erste Evaluation Früher Hilfen in Deutschland. Derzeit arbeiten wir vor allem im Rahmen des Projektes „Nationales Zentrum Frühe Hilfen“ das vom BMFSFJ gefördert wird, zu dieser Thematik.
Warum ist das Thema Frühe Hilfen in der Abteilung Familie- und Familienpolitik angesiedelt?
Das folgt konsequent aus der eben genannten Schwerpunktsetzung von Frühen Hilfen auf den Beginn einer Elternschaft. In dieser Phase geht es vor allem um das System Familie, um Konstellationen in der Partnerschaft und die Mütter und Väter als Akteure. Wenngleich Kinder bei der Verbesserung des Kinderschutzes im Mittelpunkt stehen, sind sie doch die Betroffenen und nicht die Handelnden. Sie sind aufgrund ihres Alters existenziell vom Handeln ihrer Eltern abhängig und dabei besonders verletzlich. Deshalb brauchen wir vertieftes Wissen zum einen über die Lebenslagen von Familien mit kleinen Kindern, zum andern über Familie als komplexes Beziehungssystem.
Zweitens bietet sich die Fokussierung auf Familien auch deshalb an, weil bei sich andeutenden Risikokonstellationen zum Zeitpunkt der Geburt und in den ersten Lebensjahren nicht nur ein Hilfesystem, sondern in der Regel mehrere Hilfesysteme gefordert sind. Deren gemeinsamer Bezugspunkt ist die Familie und das Wohl der darin lebenden Kinder. Beispielsweise ist die Kinder- und Jugendhilfe bei einer Schwangerschaft oft noch gar nicht auf dem Plan, selbst wenn die Familie bzw. die Mutter bereits Klientin des Jugendamtes ist. Frühe Hilfen heißt jedoch, von Beginn an Beratung und Unterstützung anzubieten und Informationen weiterzugeben. Hier ist besonders auch das Gesundheitswesen gefragt, weil dies durch die Vorsorgeuntersuchungen, die Geburtskliniken sowie die Hebammen und kinderärztliche Praxen fast alle Frauen erreicht. Noch früher setzen die Schwangerschaftsberatungsstellen ein. In diesem Zeitraum sind die meisten Mütter und Väter noch sehr offen für Unterstützung und Beratung, die ja niederschwellig und keinesfalls stigmatisierend sein soll. Freilich ist das Gesundheitswesen mit einer alleinigen Problembewältigung häufig überfordert. Deshalb gilt es, verbindliche und effektive Formen der Kooperation zu entwickeln.
Drittens gibt es in der Abteilung Familie und Familienpolitik am DJI seit den Arbeiten von Prof. Lerke Gravenhorst eine lange Tradition der Forschung zu Gewalt in Familien sowie zu Geschlechterbeziehungen. Dieses Wissen ist wichtig, um Risikokonstellationen einschätzen zu können. Ein Genderblick auf Kindeswohlgefährdungen ist unverzichtbar. Oft sind bei Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung nur die Mütter als „Täterinnen“ im Blick und es scheint, als ob Männer als Partner oder Väter dabei kaum eine Rolle spielen würden. Die Rolle der Väter und Partner im Kinderschutz ist bislang, mit Ausnahme des Bereichs sexueller Missbrauch, allzu sehr vernachlässigt.
Viertens geht es bei den sehr familiennahen Frühen Hilfen um familienstärkende und eben nicht vorrangig um familienersetzende Hilfen und Interventionen. Diese würden entlang der Arbeitsteilung zwischen den Abteilungen des DJI in den Bereich unserer Abteilung Jugend und Jugendhilfe fallen, die ihren Arbeitsschwerpunkt weniger bei den Eltern und familialen Beziehungssystemen als bei den Kindern und Jugendlichen selber hat.
Welches sind die Meilensteine, die das DJI in diesem Bereich erarbeitet hat?
Ganz wichtig sind die wissenschaftlichen Recherchen zu den Themen Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung, die das Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK) kontinuierlich seit 2000 am DJI erstellt. Hier ist inzwischen ein breites Fachwissen zusammengetragen worden, das insbesondere für den lange unterschätzten Bereich der Kindesvernachlässigung als Gefährdung gerade sehr kleiner Kinder einzigartig in der Bundesrepublik ist. Ein echter Meilenstein war zudem die Erarbeitung des „Handbuches Kindeswohlgefährdung und ASD“ (2006). Dieses wird stark von allen in der Praxis Arbeitenden nachgefragt. Es ist bereits derzeit wieder vergriffen und eine zweite, überarbeitete Auflage ist beantragt.
Das DJI-Projekt „Opstapje – Schritt für Schritt“ hat als Evaluation eines Programms der Frühförderung einen ganz anderen, weiteren wichtigen Stellenwert: Es ist nicht nur eine der ganz wenigen methodisch tragfähigen Evaluationen derartiger Programme überhaupt, sondern ermöglicht einen detaillierten Einblick in die niedrigschwellige aufsuchende Arbeit mit sozial benachteiligten Familien, wie sie jetzt im Kontext Früher Hilfen immer stärker gefordert werden. Durch die Anpassung des Programms an 1½-jährige Kinder sind wir auch vom Alter her näher an die Zielgruppe der Frühen Hilfen herangerückt.
Einen ersten, aber sehr dichten Einstieg in die Praxis Früher Hilfen haben wir durch die Kurzevaluation ausgewählter Früher Hilfen erhalten – ein Projekt im Kontext der Vorbereitung des Aktionsprogramms Frühe Hilfen des Bundes. Die dort gewonnenen Einsichten sind für die Begleitung der Modellprojekte im Rahmen des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) nach wie vor von großer Bedeutung.
Daneben haben wir in mehreren kurzen Projekten wichtige Teilschritte vollzogen: So wurde im vergangenen Jahr ein Instrument zur Risikoabschätzung bei Kindeswohlgefährdungen, der so genannte „Kinderschutzbogen“, von uns evaluiert. Aus wissenschaftlichem Forschungsinteresse untersuchen wir auf Anfrage auch Kinderschutzmaßnahmen/-abläufe im Auftrag von Kommunen. Durch derartige Expertisen erhalten wir Einblick in schwierige Fallverläufe. Das ist für unsere Arbeit wichtig. Aktuell beschäftigen wir uns mit einem kommunalen Täterprogramm für Väter, die in Partnerschaften gewalttätig werden. All diese Aktivitäten werden auf unterschiedliche Weise in die aktuelle Arbeit am NZFH eingespeist und führen dort zu neuen Impulsen. Wir hoffen, hier 2010 – der vorläufigen Befristung des Projektes – einen weiteren Meilenstein gesetzt zu haben.
Wie haben sich die Lebenslagen von Familien verändert und wie das familiäre Klima, in dem Kinder heute aufwachsen?
Man kann sicher nicht sagen, dass sich die Lebenslagen von Familien generell verschlechtert haben. Was wir jedoch feststellen müssen, ist eine Polarisierung der Lebenslagen – und hier gibt es einen deutlichen Anteil von Familien, die schwierige Lebensbedingungen vorfinden.
Man muss sich vor allem vor Augen halten, dass sich die sozialen Milieus in Deutschland aktuell offenbar in hohem Maße auseinander entwickeln: Ca. ein Viertel der Kinder – so die World Vision Studie (Hurrelmann/Andresen 2007) – werden von ihren Eltern kaum gefördert, die Eltern sind selbst äußerst resigniert, haben nur ein geringes Interesse am Bildungsweg ihrer Kinder, keine eigenen Ressourcen, um ein Interesse dafür zu entwickeln, der Schulalltag der Kinder ist ein permanenter Kampf, Lernschwächen, gesundheitliche Störungen, Verhaltensauffälligkeiten kumulieren hier. Empirische Studien konstatieren eine deutliche Polarisierung von privilegierten und deprivilegierten Familien; es gibt ein zunehmendes multiples Armutsrisiko ab dem dritten Kind und eine Zunahme von Armut bei Alleinerziehenden. Die Gruppe hoch belasteter Familien wächst also. In diesen Familien häufen sich Unterversorgungslagen: Sie sind unterversorgt mit Bildung und Berufsbildung, was zu diskontinuierlicher Erwerbsarbeit und hoher, generationsübergreifender Arbeitslosigkeit führt; durch ihre frühen Deprivationserfahrungen haben sie geringe Beziehungskompetenzen und erfahren ständig Ausgrenzung und das Gefühl von Wertlosigkeit. Die World-Vision Studie hat gezeigt, dass sich bereits Kinder im Alter von 10 Jahren aus diesen Familien komplett abgehängt fühlen und im Prinzip schon resigniert haben; der Schweizer Kinder- und Jugendbericht spricht in diesem Zusammenhang von der „Trostlosigkeit eines Lebens, das schon in seinen Anfängen keine Zukunft mehr hat.“ Für diese Kinder braucht es erweiterte Bildungsangebote wie z.B. Ganztagsschulen, damit der Kreislauf durchbrochen werden kann und aus diesen Kindern nicht wieder resignierte und zu einer Förderung ihrer Kinder nicht befähigte Eltern werden.
Möglicherweise erleben wir in Deutschland sogar eine Zunahme der Fälle von Kindesvernachlässigung, also von Unterversorgungslagen, die so schwerwiegend sind, dass eine erhebliche Schädigung des Kindeswohls droht. Zwar fehlen uns hier zuverlässige Daten. Allerdings gibt es in Form von Praxisberichten und einer Zunahme jugendamtlicher und gerichtlicher Schutzmaßnahmen entsprechende Hinweise. Befunde aus anderen Ländern deuten hier darauf hin, dass die Häufigkeit von Kindesvernachlässigung auch von der Armutsrate bei bildungsfernen Familien mit Kindern abhängt. Weiterhin können die Zunahme der Anzahl von Eltern, die allein für die Versorgung und Erziehung eines oder mehrerer Kinder verantwortlich sind sowie ein leichter Zuwachs in der Häufigkeit krankheitswertiger psychischer Beeinträchtigungen bei Eltern und Kindern als mögliche Ursachen für zunehmende Kindesvernachlässigung in Frage kommen. Zwar stellen die genannten Faktoren, mit Ausnahme schwerwiegender psychischer Erkrankungen des hauptsächlich betreuenden Elternteils, für sich genommen nur schwache Risikofaktoren für das Auftreten von Vernachlässigung dar, die im Einzelfall nur einen kleinen Teil der Genese erklären. Das Zusammentreffen mehrerer dieser Faktoren erhöht das Risiko jedoch deutlich.
Ist die Zahl von gefährdeten Kindern in den vergangenen drei Jahren tatsächlich gestiegen? Oder erscheint dies nur so, weil die Medien dieses Thema verstärkt aufgreifen?
In der Bundesrepublik Deutschland werden bislang, im Unterschied zu Ländern wie etwa den Niederlanden oder den USA, keine tragfähigen Daten über die Zahl vernachlässigter, misshandelter oder missbrauchter Kinder erhoben. Selbst zur Anzahl der Kinder, die nach Kindeswohlgefährdung in der Jugendhilfe bekannt werden, liegen – mit Ausnahme einiger Kommunen, die mit einer Erhebung aussagekräftiger Zahlen begonnen haben (z.B. Düsseldorf) – keine belastbaren Befunde vor, obwohl vonseiten der Weltgesundheitsorganisation WHO die Einrichtung eines Monitoringsystems empfohlen wurde und viele entwickelte Nationen dieser Empfehlung bereits gefolgt sind (Kindler 2007). Bereits der Zehnte Kinder- und Jugendbericht, der sogenannte „Kinderbericht“, stellte dies fest. Geändert hat sich seither jedoch nichts, wie die Sonderausgabe Oktober 2006 der KomDat Jugendhilfe konstatiert.
Stattdessen greift man mal auf großzügige, mal auf restriktive Schätzungen zurück, die jedoch nicht nur methodisch wenig tragfähig sind, sondern denen auch allesamt die Komponente der Verlaufsbeobachtung fehlt. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Schätzungen zu Kindesmisshandlungen und -vernachlässigungen wird daher einhellig von den ExpertenInnen konstatiert, dass man es mit einem erheblichen "Dunkelfeld" zu tun haben dürfte und eine seriöse Auskunft über die Zunahme, Stagnation oder Abnahme der in unserer Gesellschaft tatsächlich auftretenden Anzahl an Fällen von Kindeswohlgefährdung derzeit nicht möglich ist.
Gesichert erscheint dagegen, dass die Anzahl der bei den Jugendämtern eingehenden Gefährdungsmitteilungen sowie die Anzahl einmischender Schutzmaßnahmen gestiegen ist. Dies könnten neben einer Zunahme der tatsächlichen Häufigkeit von Vernachlässigung auch Veränderungen des Mitteilungsverhaltens von Fachkräften und der Bevölkerung allgemein widerspiegeln sowie Veränderungen bei der Abgrenzung eines zwar unterdurchschnittlichen, aber noch akzeptablen Fürsorgeverhaltens von Vernachlässigung.
Lässt sich überhaupt ein derart dichtes Netz Früher Hilfen knüpfen, durch das alle tatsächlich gefährdeten Kinder und Familien erreicht werden? Oder ist dies eine Illusion?
Die Anstrengungen, dichtere Netze Früher Hilfen zu knüpfen und dabei vor allem auch verstärkt multiprofessionell unter Einbezug des Gesundheitswesens zu arbeiten, sind auf jeden Fall weiter voranzutreiben. Man sollte aber nicht meinen, auch noch mit dem besten Netz alle Gefährdungseinlagen richtig einschätzen und Gefährdungen verhindern zu können. Dieser Wunsch ist sehr menschlich, folgt aber einer Allmachts- und Kontrollphantasie und ist deshalb illusionär. Es gibt erstens Notsituationen und Reaktionen von Betroffenen, die nicht vorhersehbar sind – wie bspw. bei einer verheimlichten Schwangerschaft – und es gibt auch im besten Hilfesystem Menschen, die verständlicherweise Fehler machen. Aber verbessern lässt sich hier noch vieles: allem voran die Verhältnisprävention, die verhindert, dass Familien überhaupt in so gravierende Notsituationen abrutschen.
Greifen Frühe Hilfen ohne Kontrolle? Oder verschreckt man durch Kontrolle gerade die Klientel, die eigentlich erreicht werden soll? Denn es hat sich gezeigt, dass es immer Möglichkeiten gibt, sich einer Kontrolle zu entziehen.
Aus der Ambivalenz von Hilfe und Kontrolle kommen wir bei den Frühen Hilfen tatsächlich schwerlich hinaus. Es ist richtig, dass gerade die mehrfach belasteten Familien für freiwillige Angebote besonders schwer erreichbar sind. Auf der anderen Seite kann ohne Einsicht und Bereitschaft zur Mitarbeit nur schwer eine positive Veränderung bewirkt werden. Eine solche Einsicht und die Bereitschaft zur Mitarbeit lassen sich aber nicht erzwingen. Deshalb bleibt uns nur, mit großem Aufwand Vertrauensbeziehungen aufzubauen und um Mitarbeit zu werben. Nur wenn das Kindeswohl gefährdet wird, tritt das Element der Kontrolle stärker in den Vordergrund.
Die schwierige Gratwanderung auf der Interaktionsebene im Einzelfall bleibt meist den einzelnen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Hilfesysteme überlassen, die jedoch hierfür wiederum der Unterstützung durch Vorgesetzte, Supervision und Fallgespräche bedürfen. Andererseits sind strukturelle Regelungen, wo Kontrolle unverzichtbar ist, nötig: um den Fachkräften Handlungssicherheit zu geben und um Grenzen eines nicht länger begründeten „blinden“ Vertrauens in die Kooperationsbereitschaft der Eltern aufzuzeigen. Hier wären verbesserte und vor allem breit und sorgsam eingesetzte Instrumente der Risikoeinschätzung bei Kindeswohlgefährdungen sehr hilfreich. Das bedarf aber wiederum ausreichender Zeit- und Personalressourcen in den Hilfesystemen.
Was ist der „Preis“, den die Gesellschaft für ein Mehr an Kontrolle zahlen muss?
Selbst engste Kontrollnetze werden Kindeswohlgefährdungen nicht im Ganzen verhindern können. Damit werden wir leben müssen. Deshalb tut eine Gesellschaft gut daran, nicht unbegrenzt in Richtung Kontrolle zu gehen. Es würde ein Klima geschaffen, in dem immer weniger Eltern bei Unsicherheit oder Überforderung freiwillig Beratung und Hilfe aufsuchen würden, aus Angst unter Generalverdacht gestellt zu werden. Stigmatisierungen und Ausgrenzungen wären hier unvermeidlich. Dies hilft zu allerletzt potenziell gefährdeten Kindern und ihren Familien.
Wir sind gut beraten, gerade jetzt im Kontext Früher Hilfen mit ExpertInnen in einen intensiven öffentlichen Diskurs über die Grenzen gesellschaftlicher Kontrolle und über die durchaus normativen Dimensionen bei der Beurteilung eines „guten“ Familienlebens einzutreten, denn diese sind nicht ein für allemal unveränderbar festgelegt und oft kaum reflektiert. Manche Medien spielen hier eine ungute Rolle, da ihre emotionalisierende Darstellung dramatischer Kinderschutzfälle Eltern einseitig an den Pranger stellt und schnell nach mehr Strafe und Kontrolle rufen lässt. Allerdings sehe ich gerade mit den Frühen Hilfen, die ja ihrem Grundgedanken nach freiwillig sind und frühzeitig ansetzen, eine besondere Chance, um spätere Eingriffe und Kontrollen in vielen Fällen überflüssig zu machen.
In der jüngeren Vergangenheit standen die Jugendämter häufig, ob zu Recht oder zu Unrecht, in der Kritik. Jugendämter scheinen mit einem negativen Image belegt, von dem sie nur schwer wegkommen. Muss sich das Image der Jugendämter wandeln? Und wenn ja, inwiefern? Und wie kann das gelingen?
Die meisten Jugendämter leisten gute und oft sehr schwere Arbeit. Gesellschaftlich ist dies wenig anerkannt, geht es doch um die „dunklen Seiten“ Deutschlands – da guckt keiner so gerne hin. Ich halte wenig von inhaltsleeren Imagekampagnen. Ich denke, es müsste mehr Information über erfolgreiche und präventive Arbeit der Jugendämter und deren Rahmenbedingungen geben. Was wir aber neben verbesserten Frühen Hilfen in den beschriebenen einzelnen Dimensionen sowie – und das sollten wir nicht übersehen – einer Ausstattung mit entsprechenden Ressourcen auch benötigen, ist ein anderer Umgang mit Fehlern. Fehler werden immer vorkommen. Gemeint ist hier eine „Fehlerkultur“, bei der Fehler als Gelegenheit betrachtet werden, um aus ihnen zu lernen und besser zu werden.
Ausblick: Was ist für das DJI im Bereich Früher Hilfen noch zu tun? Welche Projekte stehen als nächstes an?
Ich denke, wir haben gerade erst angefangen. Das Lernen aus Fehlschlägen im Kinderschutz ist ein solcher nächster Schwerpunkt, den wir im Kontext des NZFH bearbeiten werden. Hier gilt es, bisherige nationale und internationale Berichterstattungen auf Länderebene und bei Einzelfällen zu sondieren, um zu Qualitätskriterien zu gelangen und Vorschläge für ein Berichts- und Begutachtungswesen auf regionaler Ebene zu machen. Was in nächster Zeit ebenfalls konkret ansteht, ist die Entwicklung eines Vorschlags für ein kommunales instrumentengestütztes System zur Qualitätssicherung im Kinderschutz. Voraussichtlich werden sich Modellkommunen im Rahmen einer Ausschreibung des Bundes an der Erprobung eines solchen Instrumentariums beteiligen können.
Mittelfristig planen wir jedoch auch hier – wie in anderen Projekten auch – einen stärkeren Fokus auf die Väter. So wollen wir uns in einem empirischen Projekt dem Zusammenhang von Kinderschutz und häuslicher bzw. Partnerschaftsgewalt zuwenden sowie vertieft Programmen der Arbeit mit gewalttätigen Vätern/Männern widmen. Kehrt man den Blick auf die Thematiken der Kindeswohlgefährdung jedoch ins Positive, so werden wir uns mit den Bedingungen erfolgreicher Elternschaft trotz belastender Umstände, d.h. mit Fragen der Resilienz, beschäftigen.
Frau Dr. Jurczyk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Kontakt
Dr. Karin Jurczyk, DJI
DJI Online / Stand: 1. September 2008
Editorial von Thema-Redakteurin Susanne John

Wer schon einmal Kinder groß gezogen oder über längere Zeit betreut hat, weiß, dass bei den Erwachsenen die Nerven schon mal blank liegen können – besonders wenn die Anforderungen des Alltags zunehmen. Mitunter mangelt es bei Erziehungsverantwortlichen an Kraft, Geduld, Schlaf, oft auch an Geld und nicht selten an Unterstützung und Entlastung, zum Beispiel durch eine Oma, Tante, Freunde, eine Kinderkrippe oder einen Babysitter ... Kommen dann noch Risikofaktoren wie Alkohol- oder Drogensucht, Arbeitslosigkeit oder Trennungsprobleme der Eltern hinzu, kann sich die Situation für die Kinder schnell zuspitzen.
Um solchen Gefährdungen zu begegnen, gibt es Familien unterstützende Angebote, die so genannten „Frühen Hilfen“. In diesem Forschungsfeld hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in zahlreichen Projekten vielfältige Expertise erworben und in diversen Publikationen unter Beweis gestellt. Die Bandbreite des Fachwissens macht Dr. Karin Jurczyk, Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am DJI im „Interview I“ deutlich: die Palette reicht von der Evaluation von Hilfe-Programmen über das Handbuch für den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) – den Meilenstein in der Forschung zur Kindeswohlgefährdung – bis hin zu Themen wie Risikoeinschätzung sowie diversen Unterstützungsformen für Familien, wie beispielsweise Opstapje.
Als vom Bund 2007 das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) gegründet wurde, übernahm das Deutsche Jugendinstitut in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) die gemeinsame Trägerschaft dieser Koordinierungsstelle mit Sitz in Köln. Ministerialdirektorin Dr. Annette Niederfranke erläutert im „Blick von außen II“ das Aktionsprogramm Frühe Hilfen und die Motive des BMFSFJ für die Einrichtung des Zentrums. Ziel des NZFH ist die Schaffung von funktionierenden sozialen Frühwarnsystemen und die Bereitstellung von Frühen Hilfen, die auf unterschiedliche Bedarfe und Zielgruppen zugeschnitten sind. Diese reichen von vorgeburtlichen Screenings in Geburtskliniken bis hin zu ambulanten Familienhilfen.
Dr. Reinhild Schäfer und Alexandra Sann, die seitens des DJI im NZFH tätig sind, berichten im „Interview II“ von ihrer Arbeit vor Ort in Köln. Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der BZgA ist nicht nur beispielgebender Ausdruck für das Ziel einer effektiven Kooperation von Gesundheitswesen und Kinder- und Jugendhilfe, sondern in gewissem Sinne auch Gradmesser und Erprobungsfeld.
Wie eine solche Kooperation der unterschiedlichsten Gruppen in einer Region erfolgreich auf den Weg gebracht werden kann, schildert Ilona Friedrich in ihrem „Blick von außen I“. Als Fachdienstleiterin Jugend und Familie im hessischen Werra-Meißner-Kreis moderiert und koordiniert sie eine Arbeitsgruppe zu Frühen Hilfen, die im März 2007 unter dem Dach des dortigen Lokalen Bündnisses für Familie gegründet wurde. Sozialpädagogische Dienste, Suchtberatungsstellen, Baby-Ambulanzen, Hebammen, Familienbildungsstätten und andere Beratungsdienste stehen hier im kontinuierlichen Dialog – mit einem gemeinsamen Ziel: „Eltern, die mit der Versorgung und Erziehung ihrer Säuglinge und Kleinkinder überfordert sind, rechtzeitig zu erreichen und Hilfen anzubieten, die auch akzeptiert werden. Denn die Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung sowie vor Kontrolle kann gerade die Familien, die Hilfe besonders nötig haben, von der Inanspruchnahme geeigneter Angebote abhalten.“
Auch auf Seiten der Gesundheitseinrichtungen ist der Wille, durch gemeinsame Anstrengung zur Verbesserung des Kinderschutzes beizutragen, groß. Einen Grund sieht Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) darin, dass „die Beteiligung der Ärzteschaft an sozialen Frühwarnsystemen bzw. Netzwerken Früher Hilfen nicht ein Mehr an Verantwortung bedeutet, sondern vor allem die Handlungssicherheit für die Ärztinnen und Ärzte erhöht“. Im DJI-Gespräch – das das DJI-Schwerpunktthema wie immer ergänzt – betont sie weiter, dass es im Kinderschutz nicht darum gehe, Verantwortung von einem System auf das nächste „abzuwälzen“, sondern innerhalb eines Netzwerks gemeinsam Verantwortung für das Wohl gefährdeter Kinder zu übernehmen.
Menschen im Profil: Dr. Karin Jurczyk, DJI

Karin Jurczyk kommt als eine von vier Töchtern im April 1952 im kleinen Örtchen Ittenbach nahe Bonn zur Welt. Sie besucht das neusprachliche Mädchengymnasium Königswinter bis zum Abitur. Nach einem halbjährigen sozialpädagogischen Praktikum im Don-Bosco-Kindergarten in Düsseldorf geht Karin Jurczyk 1972 zum Studium nach München.
Während ihres Doppelstudiums der Soziologie und Politikwissenschaft arbeitet sie im Projekt "Frauen im Beruf" der Arbeitskräfte- und Berufsforschung. Noch als Studentin schreibt Karin Jurczyk ihr erstes Buch: "Frauenarbeit und Frauenrolle. Zum Zusammenhang von Familienpolitik und Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland von 1918-1975". Es erscheint bei Campus in drei Auflagen und wird ein persönlicher Bestseller, mit dem sie damals eine wichtige und neue Debatte eröffnete.
Karin Jurczyk interessiert sich besonders dafür, wie die Systeme von Arbeit und Wirtschaft politisch konstituiert und mit sozialen und familiären Bedarfen in Einklang zu bringen sind. Wie werden unterschiedliche Formen von Arbeit in den Alltag von Frauen und Männern integriert? Welche Rolle spielt dabei die Dimension Zeit? Wo kommt es zu Konflikten? Diese Fragen werden sich wie ein roter Faden durch ihre berufliche und politische Biografie ziehen.
Eine weitere zentrale Perspektive ist für Karin Jurczyk die Bedeutung von Geschlecht: Wie fungiert Geschlecht als gesellschaftliches Strukturierungsprinzip und als Indikator von sozialen Ungleichheiten? Welche Wechselwirkungen und Zusammenhänge gibt es zwischen Geschlechterverhältnissen, privatem Leben, Arbeit und Öffentlichkeit? Dies ist bereits das Thema ihrer Diplomarbeit ("Zur Bedeutung der Berufsarbeit für Emanzipationschancen von Frauen"), mit der sie 1978 ihr Studium abschließt. Neben dem Schreiben der Abschlussarbeit engagiert sie sich beim Aufbau der Sektion Frauenforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
Während der folgenden Jahre arbeitet Karin Jurczyk in den Sonderforschungsbereichen 101 und 333 an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität - zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei einschlägigen Projekten und später auch parallel als Lehrbeauftragte. Nach ihrer Promotion 1988 an der Uni Bremen zum Thema "Familienpolitik als Politik der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern" kommen von 1989 bis 1992 Lehraufträge am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck hinzu.
Unmittelbar umgesetzt hat Karin Jurczyk ihr theoretisches Wissen vor allem im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Aktivitäten bei der Frauenakademie München (FAM). Sie hat diese außeruniversitäre wissenschaftliche Organisation 1984 mit aufgebaut und auch sechs Jahre lang geleitet. Hier werden in einer "Schule der Einmischung" Konzepte für akademisch qualifizierte Frauen entwickelt, damit sie einen angemessenen Platz in beruflichen Organisationen einnehmen können. In dem Zusammenhang fungiert sie auch als Expertin für die wissenschaftliche Beratung des Breuninger-Kollegs "Frauen in Spitzenpositionen". Mitgearbeitet hat sie ebenfalls am Arbeitszeitgesetzentwurf für die Bundestagsfraktion der GRÜNEN im Jahr 1984.
Ihre beiden Söhne Daniel und Jakob kommen 1981 und 1985 in München zur Welt. Aus beruflichen und familiären Gründen zieht die Familie 1993 ins hessische Gießen. Im gleichen Jahr gibt Karin Jurczyk mit Maria S. Rerrich in "Die Arbeit des Alltags" eine Zusammenfassung ihrer Forschungsergebnisse zur "Alltäglichen Lebensführung" heraus. Dank eines Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft treibt sie in Gießen zwischen 1993 und 1997 ihre Habilitationsarbeit zum Thema "Moderne Lebensführung. Geschlecht und der Umgang mit Zeit" voran. Daneben übernimmt Karin Jurczyk Lehraufträge an den Universitäten Gießen, Dortmund, Marburg und an der Gesamthochschule Kassel. Quasi als "Abschiedsgeschenk" führt sie in den Jahren 2000/2001 für die Universität Gießen eine wissenschaftliche Studie zur Gründung eines interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung durch.
Im Januar 2002 kehrt Karin Jurczyk mit ihren Söhnen nach München zurück – als Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am DJI. Wichtig ist ihr auch hier, bei den Untersuchungen zu Familie die Grenzen zwischen unterschiedlichen Disziplinen und Sichtweisen zu überschreiten. Im Vergleich zur Universität schätzt sie das DJI mit seinem Praxis- und Politikbezug als auf- und anregendes Arbeitsfeld. Sie etabliert die Frage nach der "Entgrenzung“ von Arbeiten und Leben, Privatheit und Öffentlichkeit als eine der Leitperspektiven der Abteilung, die inzwischen auch im wissenschaftlichen und politischen Diskurs aufgegriffen wird (siehe DJI-Projekt zur Entgrenzung). Im breiten Themenspektrum der Abteilung werden in den letzten Jahren die Hilfen für Familien in Risikolagen immer wichtiger. Auch hierbei geht es um eine neue Mischung privater und öffentlicher Verantwortung.
Dass ihr bei der Fülle von Aufgaben und immer wieder neuen Herausforderungen nicht der Spaß an der Arbeit vergeht, führt Karin Jurczyk gern auf eine gelungene Kombination ihrer kämpferischen Widder- und rheinischen Froh-Natur zurück.
Stand: 1. September 2008
Hinter jedem „Fall“ von Kindesvernachlässigung und -misshandlung steht die Leidensgeschichte eines Kindes. Hilfen im Bereich Kinderschutz müssen früher und besser aufeinander abgestimmt sein, damit der Teufelskreis von Isolation, Überforderung und Gewalt innerhalb einer Familie möglichst erst gar nicht entsteht. Die wachsenden Anforderungen an elterliche Erziehungskompetenzen treffen in besonderem Maße Familien in schwierigen Lebenssituationen, die zur Förderung des Kindeswohls einer stärkeren Unterstützung durch die Gesellschaft bedürfen. Tragische Todesfälle von Kindern wie der kleinen Lea-Sophie, von Kevin und fünf Geschwistern in Darry haben dies einmal mehr deutlich gemacht. Ihre Schicksale haben die Diskussion um die familiale und öffentliche Verantwortung sowie die Suche nach effektiver Hilfe zwischen den Polen von zu viel Kontrolle und zu wenig Unterstützung neu entfacht.
Zahlreiche aktuelle und bereits abgeschlossene Forschungsprojekte am DJI thematisieren Fragen der Frühen Hilfen, der Risikoeinschätzung in Gefährdungsfällen (ASD-Handbuch) und der Eigenaktivierung sozial benachteiligter Familien. Im Mittelpunkt dieses Arbeitsschwerpunktes Frühe Hilfen stehen die Analyse, die theoretische Einordnung und Bewertung bestehender Praxis neben der Entwicklung von Anregungen zu neuen Ansätzen fachlichen Handelns. Am DJI ist zudem das Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK) angesiedelt, eine bundesweite, interdisziplinäre Informations-, Beratungs- und Vernetzungsstelle zur Unterstützung der primären, sekundären und tertiären Prävention von Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung. Als nationale wie internationale Schnittstelle zwischen Forschung, Praxis und Politik fördert es die Transparenz und produktive Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Feldern.
(s. zu den DJI-Aktivitäten ausführlich das Interview mit Dr. Karin Jurczyk)
Die langjährige Erfahrung und Expertise des Deutschen Jugendinstituts auf diesem Gebiet fließt auch ein in das vom Bundesfamilienministerium im Jahr 2007 eingerichtete Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH, in gemeinsamer Trägerschaft der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dem Deutschen Jugendinstitut). Es ist wesentlicher Bestandteil des Aktionsprogramms „Frühe Hilfen“ der Bundesregierung, das Ministerialdirektorin Dr. Annette Niederfranke im Blick von außen II vorstellt. Im Rahmen des Aktionsprogramms zum Schutz von Kleinkindern, zur Früherkennung von Risiken und Gefährdungen und zur Implementierung effektiver Hilfesysteme führte das DJI im Jahr 2006 eine Kurzevaluation von Programmen zu „Frühen Hilfen“ durch. Zu den Aufgaben des NZFH gehört es, die Kooperation von Gesundheitswesen und Jugendhilfe zu fördern, national und international erarbeitetes Fachwissen zu bündeln und dieses der Fachöffentlichkeit wie auch den Kommunen zur Verfügung zu stellen.
(s. zum NZFH auch das Interview mit Dr. Reinhild Schäfer und Alexandra Sann)
In den folgenden Punkten (1) bis (13) haben wir schlaglichtartig wesentliche Informationen zum Thema Kinderschutz und Frühe Hilfen zusammengestellt, u.a. zu den Rechtsgrundlagen, auf denen auch die Arbeit der Jugendhilfe fußt, die Definitionen von Kindesvernachlässigung und -misshandlung sowie zur äußerst diffizilen Frage der Risikoeinschätzung, und wie die Verantwortlichen dabei unterstützt werden können; außerdem zur Bedeutung, den Merkmalen und dem Aufbau von Netzwerken im Bereich „Frühe Hilfen“.
(1) Definitionen
Kindesvernachlässigung
Kindesmisshandlung
Unter physischer (körperlicher) Kindesmisshandlung können alle Handlungen von Eltern oder anderen Bezugspersonen verstanden werden, die durch Anwendung von körperlichem Zwang bzw. Gewalt vorhersehbar zu erheblichen physischen oder psychischen Beeinträchtigungen des Kindes und seiner Entwicklung führen (Kindler 2006).
Psychische Kindesmisshandlung
Psychische Misshandlung kann beschrieben werden als wiederholte Verhaltensmuster der Betreuungsperson oder Muster extremer Vorfälle, die Kindern zu verstehen geben, sie seien wertlos, voller Fehler, ungeliebt, ungewollt, sehr in Gefahr oder nur dazu nütze, die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu erfüllen (American Professional Society on Abuse of Children/APSAC 1995).
(2) Kindeswohl und Kindesschutz: Rechtsgrundlagen
Grundgesetz Art. 6: Elternverantwortung und staatliches Wächteramt
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
(3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.
Sozialgesetzbuch VIII §1 (3): Jugendhilfe soll (…) insbesondere
1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,
2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,
3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,
4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.
(3) Aufgabenbereiche der Jugendhilfe
1. FÖRDERUNG: Infrastruktur für Beratung, Unterstützung und Entlastung von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern sicher stellen
2. HILFE: Angebote zur Krisenbewältigung; Hilfe in besonderen Belastungssituationen, wenn eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht mehr gewährleistet ist
3. SCHUTZ: Kinderschutz durch Eingreifen bei gewichtigen Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung garantieren (Risikoabschätzung, Anrufung des Gerichts, Inobhutnahme)
(4) Hilfe bei der Erfassung von Gefährdungsrisiken
Wenn Förderung und Hilfe nicht ausreichend und rechtzeitig für die betroffenen Familien gegeben sind, kommt es immer wieder vor, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendämter in Einzelfällen zum Schutz gefährdeter Kinder vor schwierigste Entscheidungen gestellt werden. Wie groß ist der Grad der Gefährdung? Kann oder soll das Kind noch in seiner Umgebung bleiben oder muss es sofort in Obhut genommen werden? Zur Unterstützung der Risikoeinschätzung werden verschiedene Instrumente entwickelt. Eines ist der sogenannte so genannte Kinderschutzbogen. Er enthält 13 Module:
(5) Empirisch belegte Risikofaktoren für Vernachlässigung und Misshandlung
Liegen ein oder zwei dieser Faktoren innerhalb einer Familie vor, darf jedoch nicht unmittelbar auf ein Risiko für Kindesvernachlässigung oder -misshandlung geschlossen werden; erst das Zusammentreffen mehrerer dieser Faktoren erhöht die Wahrscheinlichkeit.
(6) „Frühe Hilfen“ im Aktionsprogramm der Bundesregierung
(7) Warum sind „Frühe Hilfen“ wichtig und effektiv?
(8) Merkmale von „Frühen Hilfen und sozialen Frühwarnsystemen“
1. Zugang zur Zielgruppe finden
2. Risiken frühzeitig erkennen
3. Familien zur Inanspruchnahme motivieren
4. Hilfen an Bedarfe der Familien anpassen
5. Monitoring/Begleitung der Familien
6. Verstetigung als Regelangebot
(9) Ergebnisse der DJI-Kurzevaluation von Programmen zu Frühen Hilfen
(10) Anknüpfungspunkte für „Frühe Hilfen“
In der jüngsten Zeit richtet sich das Augenmerk verstärkt auf den möglichst frühen Einsatz entsprechender Hilfen zum Schutz von Säuglingen und Kleinkindern. Da GeburtshelferInnen, Hebammen, KinderärztInnen und die Jugendhilfe die einzigen Anlaufstellen sind, bei denen gefährdete Kinder in ihren ersten Lebensmonaten zumindest kurzfristig wahrgenommen werden, müssen diese beiden Systeme zum Schutz der Kinder verknüpft und gestärkt werden. Ideal wäre hier ein funktionierendes Zusammenspiel von
(11) Aufbau eines Netzwerks „Frühe Hilfen“
Kooperation und Vernetzung stellen die zentralen Herausforderungen für die Praxis dar. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen können folgende Empfehlungen gegeben werden:
Als Hürden/Stolpersteine erweisen sich insbesondere:
(12) Potenzielle Partner im Sozialen Frühwarnsystem
(13) Wie können die betroffenen Familien besser erreicht werden?
DJI Online / Stand: 1. September 2008
Interview II mit Dr. Reinhild Schäfer (DJI/NZFH),
Alexandra Sann (DJI/NZFH)
„Aufgabenfeld und Arbeitsweise des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen“
mit Dr. Reinhild Schäfer (DJI/NZFH), Alexandra Sann (DJI/NZFH)

Frau Sann, Frau Dr. Schäfer, das DJI ist gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) Träger des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH). Sie beide bringen das sozialwissenschaftliche Forschungs-Know-how des DJI auf dem Gebiet Früher Hilfen in die Arbeit des Zentrums ein. Dessen Sitz ist in Köln, das DJI ist in München. Wie funktioniert das?
Das NZFH ist ja ein Kooperationsprojekt. Mit der Entscheidung, das Zentrum örtlich bei der BZgA in Köln anzusiedeln, war für alle an der Konzeption Beteiligten klar, dass es besonderer Anstrengungen bedarf, die Zusammenarbeit der beiden unterschiedlichen Häuser in Gang zu bringen und lebendig zu gestalten.
Daraus resultieren Regelungen, die auch im Kooperationsvertrag festgeschrieben sind: für eine der zwei wissenschaftlichen Stellen des DJI ist Köln der Dienstort. Die zweite Stelle ist am DJI in München angesiedelt, aber mit der Verpflichtung, ein- bis zweimal im Monat vor Ort in Köln präsent zu sein.
Der Vorteil davon liegt auf der Hand: die Präsenz in Köln ermöglicht einen ständigen direkteren inhaltlichen Austausch mit den BZgA-Kolleginnen und -Kollegen als dies z.B. nur im Rahmen regelmäßiger Arbeitstreffen möglich wäre. Damit wächst auch das gemeinsame Verständnis etwa für unterschiedliche Herangehensweisen an die Aufgaben, die uns als NZFH gestellt sind. Zwar wird in beiden Häusern Wissen über das Aufwachsen von Kindern in Deutschland zusammengetragen, aber eben mit unterschiedlichen Aufträgen und Schwerpunkten. So mussten wir verstehen lernen, dass in der BZgA als einer Behörde des Bundesgesundheitsministeriums der Informations- und Aufklärungsanteil zu gesundheitlichen Aspekten überwiegt. Demgegenüber ist das DJI ein Forschungsinstitut mit einem hohen Anteil an entwicklungsorientierter Praxisforschung zu verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe. Aber dieser multiprofessionelle Ansatz ist ja gerade gewünscht und eine der Stärken der Kooperation im Arbeitsfeld "Frühe Hilfen".
Alles in allem arbeiten wir hoch flexibel zwischen Köln und München und vice versa sowie auch mit Berlin (dem Sitz des zuständigen Referats im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) zusammen. Zudem sind wir auch an vielen anderen Orten in Deutschland präsent, da wir häufig zu Fachveranstaltungen eingeladen werden, um unsere Arbeit vorzustellen. Solche Einladungen nehmen wir, wann immer es uns möglich ist, an, denn sie bieten eine gute Gelegenheit für den so wichtigen fachlichen Austausch.
Das NZFH ist auf Initiative des Bundes entstanden. Mit welchen personellen, finanziellen Mitteln und mit welchem Zeitbudget ist das NZFH ausgestattet?
Insgesamt verfügt das NZFH über vier wissenschaftliche ReferentInnen-Stellen, zwei Stellen für die Sachbearbeitung und eine studentische Hilfskraftstelle. Die Laufzeit des NZFH ist bis Ende 2010 gesichert. Für den Bewilligungszeitraum vom 1.3.2007 bis zum 31.12.2010 stehen dem NZFH knapp vier Millionen Euro zur Verfügung. Mit diesem Betrag sind neben den Personal- und Sachmitteln die Kosten für Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit, Veröffentlichungen, Sitzungen mit dem wissenschaftlichen Beirat und dem Fachbeirat, die Betreuung der Modellprojekte usw. abzudecken.
Der NZFH-Auftrag lautet, die Vernetzung von Jugendhilfe und Gesundheitsdiensten zu fördern. Wie erleben Sie die angestrebte engere Verzahnung innerhalb ihrer interdisziplinär besetzten Arbeitsgruppe? Konkret: wie häufig sitzen Sie gemeinsam am runden Tisch? Sprechen Sie „eine“ Sprache? Wo hakt es?
Unsere Zusammenarbeit will sorgfältig organisiert sein; Teamsitzungen z.B. finden teilweise in Form einer Videokonferenz statt, damit wir auf diese Art und Weise alle „an einen Tisch“ kommen. Im Laufe der Zeit haben wir aber auch die Erfahrung gemacht, dass wir sehr viel effizienter arbeiten und uns besser austauschen können, wenn wir uns alle real an einem Ort und nicht nur via Bildschirm treffen. Das ist leider wegen der hohen Arbeitsanforderungen maximal einmal im Monat möglich. Dazwischen finden wie gesagt Videokonferenzen statt, und natürlich nutzen wir ausgiebig E-Mail und Telefon.
Weil wir arbeitsteilig arbeiten, gibt es einen großen Bedarf an gegenseitiger Information und Abstimmung, insbesondere, wenn es um größere, gemeinsam zu treffende Entscheidungen geht. Wir haben uns aber nicht nur als Team zu verständigen, zusätzlich sind jeweils die Leitungsebenen, also Abteilungsleitungen und im DJI der Direktor, in der BZgA die Direktorin und oft auch das Ministerium einzubeziehen. Um diese Abstimmungsprozesse effektiv zu organisieren, gibt es eine so genannte Steuerungsrunde und eine Lenkungsrunde. Die öffentliche Aufmerksamkeit in Bezug auf die Arbeit des NZFH ist hoch, das gesamte Feld Früher Hilfen ist fachlich in Bewegung. Entsprechend groß sind die Erwartungen der Politik an das NZFH. Daraus erklärt sich ein Stück weit der Wunsch nach engmaschigen Kontakten.
Von zentraler Bedeutung für eine fachübergreifende multiprofessionelle Zusammenarbeit ist eine reibungslose Informationsweitergabe. Wir erleben es häufiger, dass die einen oder anderen Beteiligten – wir selber eingeschlossen – sich nicht ausreichend über einzelne Aktivitäten informiert fühlen. Manchmal stellt sich heraus, dass tatsächlich bestimmte, relevante Informationen irgendwo liegen geblieben sind. Es zeigt sich aber auch, dass es unterschiedliche Einschätzungen gibt, was notwendigerweise an wen mitzuteilen ist und was nicht. Zwar ist vieles verfahrenstechnisch und von den Zuständigkeiten her geregelt – ohne klare Regelungen und Absprachen geht es nicht, das zeigen ja auch die bisherigen Erfahrungen aus unterschiedlichen Netzwerken Früher Hilfen. Aber bis aus Regelungen alltagstaugliche Routinen werden, das vollzieht sich in Lernprozessen.
So erleben wir immer wieder am eigenen Leib, dass „echte“ interdisziplinäre Zusammenarbeit sich zwar leicht sagt, aber in der Realität ständige harte Arbeit bedeutet. Wir arbeiten nun seit mehr als einem Jahr zusammen. In dieser Zeit haben alle Beteiligten viel von und mit einander gelernt. Das setzt aber bei allen auch die Bereitschaft zur Auseinandersetzung sowohl über organisatorische als auch inhaltliche Fragen voraus. Leider kommt unserer Meinung nach die Auseinandersetzung über inhaltliche Fragen derzeit noch etwas zu kurz. Bezogen auf unseren internen Diskussionsprozess im NZFH-Team sehen wir hier schon noch Intensivierungsbedarf.
Hilfreich ist für uns darüber hinaus der wissenschaftliche Austausch mit dem Kompetenzteam, das DJI-intern zur Unterstützung der Arbeit des NZFH eingerichtet wurde. Er bietet uns Gelegenheit zur Vertiefung unseres Verständnisses von Frühen Hilfen und den unterschiedlichen involvierten Arbeitsfeldern. Dazu trägt auch die Kooperation mit Fachkräften und WissenschaftlerInnen bei, mit denen wir im Rahmen von Fachveranstaltungen im Dialog sind.
Wie häufig wenden sich Kommunen oder Regionen mit der Bitte um Unterstützung von sich aus an das NZFH? Wie häufig werden Sie initiativ oder stoßen Initiativen an?
Nach dem offiziellen Start des NZFH mit der Pressekonferenz der Familienministerin im Juli 2007 gab es zahlreiche Anfragen aus Kommunen nach konkreter Unterstützung vor Ort. Diese kann das Zentrum mit seinen personellen und zeitlichen Ressourcen jedoch gar nicht leisten. Stattdessen führen wir zentrale Veranstaltungen wie die Tutzinger Tagung oder Workshops durch.
Wie viele Modellprojekte gibt es mittlerweile?
Mittlerweile sind es neun Modellprojekte, die vom NZFH gefördert und koordiniert werden. Unsere Aufgabe ist es, ein Forum für den Austausch zu bieten und Ergebnisse aus den einzelnen Projekten zu bündeln. Dazu haben bereits zwei Workshops mit MitarbeiterInnen aus allen Projekten stattgefunden, ein dritter steht jetzt im September an.
Aus unserer Sicht ist es eine nicht alltägliche Sache, dass ForscherInnen bereits in der Phase der Projektentwicklung und -durchführung so eng zusammenarbeiten und auch offen über Schwierigkeiten bei der Umsetzung sprechen. Das ermöglicht, frühzeitig von den Erfahrungen der Anderen zu lernen und die eigenen Arbeitsansätze und Strategien bereits im laufenden Projekt zu hinterfragen und zu verbessern. Diese Form der Synergie unterstützen wir ganz gezielt auch z.B. durch die Bereitstellung von Mitteln für eine gemeinsame Qualifizierung (Schulung zum Einsatz des von Crittenden 2004 entwickelten Verfahrens CARE-Index) und durch die Anregung von Diskussionen zu spezifischen Fragestellungen, z.B. der Rolle der Väter in der frühen Kindheit und bei der Inanspruchnahme von Hilfen für Familien.
Als ein Produkt dieser Zusammenarbeit streben wir eine gemeinsame Veröffentlichung mit Empfehlungen aus den Projekten für die Fachpraxis an.
Welche größeren Aktivitäten stehen als nächstes auf dem Programm?
Ein großes Vorhaben ist eine bundesweite Befragung der Jugendämter und der Gesundheitsämter zum Stand der Frühen Hilfen, die noch in diesem Herbst anlaufen wird. Im September veranstalten wir gemeinsam mit dem Jugendamt Sachsen und dem Netzwerk Kinderschutz Leipzig eine Regionalkonferenz zum Thema professions- und institutionenübergreifende Zusammenarbeit, zu der Fachkräfte aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt eingeladen sind. Ebenfalls noch im September findet eine große Fachtagung zu Schwangerschaftsberatungsstellen statt. Diese Beratungsstellen geraten bei den Frühen Hilfen mitunter aus dem Blick oder gar nicht erst in den Blick. Dabei sind sie häufig eine erste Anlaufstelle für Frauen, die dringend Unterstützung brauchen.
Wen laden Sie zu diesen Veranstaltungen wie ein? Wie erreichen Sie die Zielgruppen? Ist es nicht sehr aufwendig, einen gemeinsamen, aber personalisierten, differenzierten und aktuellen Adresspool aus Kinderärzten/-ärztinnen, Hebammen, Jugendämtern und freien Wohlfahrtsverbänden aufzubauen?
Entsprechend unserem Auftrag, die Vernetzung von Jugendhilfe und Gesundheitssystem im Bereich Früher Hilfen zu fördern, verschicken wir Einladungen an die Jugendämter und Gesundheitsämter. Das DJI verfügt über die Kontaktdaten der Jugendämter, die BZgA über die der Gesundheitsämter. Wenn es um bestimmte Zielgruppen geht, wie z.B. bei der Tagung zu den Schwangerenberatungsstellen, wenden wir uns auch an die jeweiligen Bundesverbände und bitten sie um Unterstützung oder planen mit ihnen gemeinsam die Veranstaltung. Dies ist auch bei der Regionalkonferenz der Fall, die wir am 5. September 2008 gemeinsam mit dem Leipziger Jugendamt und dem dortigen Netzwerk Kinderschutz durchführen. Zudem kündigen wir unsere Veranstaltungen auch jeweils auf unserer Homepage sowie den Homepages des DJI und der BZgA an.
Stehen alle Berufsgruppen der Idee der Verzahnung gleichermaßen aufgeschlossen gegenüber oder gibt es Vorbehalte? Welche Gruppe zögert am meisten, ist am schwierigsten zur Mitarbeit zu motivieren? Gibt es regionale Unterschiede?
Diese Frage lässt sich von unserem jetzigen Kenntnisstand aus nur schwer beantworten. Wir wissen schlicht noch zu wenig darüber. In einigen der neun Modellprojekte, mit denen wir zusammenarbeiten, wird diesen Fragen gezielt nachgegangen. „Guter Start ins Kinderleben“ z.B. begleitet Runde Tische in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen und wird die dabei gewonnenen Erkenntnisse mitsamt Empfehlungen in Kürze in einem Vernetzungshandbuch zur Verfügung stellen. Darauf dürfen wir gespannt sein. Denn die Ulmer KollegInnen haben explizit danach gefragt, wer mit wem gut zusammenarbeiten kann und mit welchen Stellen die Kooperation sich schwieriger gestaltet.
Wie binden Sie Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung in die Arbeit des NZFH ein?
Grundlegend in unseren Vorträgen und Veröffentlichungen zur Arbeit des NZFH und zu Frühen Hilfen beziehen wir uns selbstverständlich auf Forschungsergebnisse etwa zur Wirksamkeit unterschiedlicher Ansätze Früher Hilfen, zu möglichen Ursachen für Kindesvernachlässigung und -misshandlung, zu Risikofaktoren, zu Instrumenten zur Einschätzung von Risiken oder Gefährdungslagen. Mit der Kurzevaluation verschiedener Angebote Früher Hilfen, hat das DJI selber basales Wissen generiert, das für unsere Arbeit äußerst hilfreich ist. Das gleiche gilt für die Erkenntnisse, die im IzKK zum Thema Kindesvernachlässigung und -misshandlung gewonnen bzw. für die Fachöffentlichkeit aufgearbeitet werden. Die Definition z.B. von Kindesvernachlässigung, die wir auf der NZFH-Homepage geben oder auch die Daten und Fakten dazu, darin steckt die Expertise des IzKK.
Erfreulicherweise haben wir auch die Möglichkeit, selber Expertisen in Auftrag zu geben, die unsere Arbeit unterstützen. Bei der uns neu übertragenen Aufgabe, eine Plattform für den Austausch über Fehlschläge im Kinderschutz zu schaffen, beziehen wir uns ganz wesentlich auf Ergebnisse einer ersten Expertise zu Fehler-Analysen, um nur ein Beispiel zu nennen. Und im Hinblick auf die Modellprojekte, in denen Erkenntnisse zu spezifischen Fragen Früher Hilfen derzeit ja erst gewonnen werden, ergibt sich schon im November die wunderbare Möglichkeit, dass die Modellprojekte ihre bisherigen Ergebnisse einer großen Fachöffentlichkeit vorstellen. Denn im November veranstalten wir gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Fachtagungen im Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin die Tagung „Frühe Hilfen interdisziplinär gestalten“. Und da sind alle neun Modellprojekte vertreten.
Die Finanzierung Früher Hilfen ist in der Praxis oft nicht leicht zu bewerkstelligen, viele Kommunen haben wenig Spielraum in ihrem Haushalt. Was raten Sie den Verantwortlichen vor Ort?
Es zählt zu unseren Aufgaben, Erkenntnisse zu Finanzierungsmodellen Früher Hilfen zu bündeln und damit zur Steigerung des Wissens beizutragen, wie es gelingen kann, Angebote Früher Hilfen zu verstetigen.
Aus unserer Sicht ist die Richtung des Aktionsprogramms, nämlich Regelfinanzierung für die Frühen Hilfen anzustreben, im Prinzip richtig, aber keiner weiß bislang so genau, wie das aussehen könnte. Gerade im präventiven Bereich gibt es bislang keine Pflicht für die Kommunen: Familienbildung beispielsweise wird meistens als freiwillige Leistung gesehen und nach Kassenlage jährlich neu bewilligt – oder eben auch nicht. Auch die ressortübergreifende Finanzierung zwischen Jugendhilfe und Gesundheitsbereich ist noch mit vielen Fragezeichen versehen.
Wichtig ist auf jeden Fall, dass eine Kommune den politischen Willen hat, sich in diesem Bereich verstärkt zu engagieren, dann finden sich oft auch kreative Lösungen für die Finanzierung. Die Einrichtung von „runden Tischen“ ist dabei ein wichtiger erster Schritt, um alle relevanten Personen vor Ort mit einzubinden. Doch auch dafür müssen Mittel bereitgestellt werden, denn nur bei einer professionellen Koordinierung dieser Aktivitäten kann man sich eine nachhaltige Veränderung erhoffen. Neues Geld kann aber keiner drucken, es geht also meistens um Umverteilung von Mitteln zugunsten verstärkter Prävention für die Jüngsten.
Wir können im Moment noch nicht viel mehr tun als immer wieder darauf hinzuweisen, dass Netzwerke Früher Hilfen finanzielle Ressourcen brauchen. Und wir können einzelne Finanzierungsmodelle vorstellen, z.B. im Rahmen unserer Regionalkonferenz in Leipzig. Ein nächster Schritt wird sein, hierzu eine Expertise in Auftrag zu geben, die dann auch der Fachöffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden soll.
Sind Sie zufrieden mit den bislang erreichten Fortschritten bzw. Ergebnissen?
Als das Zentrum eingerichtet wurde, gab es von verschiedener Seite Misstrauen und Kritik etwa derart, dass es besser gewesen wäre, den Ländern die finanziellen Mittel für den Auf- und Ausbau Früher Hilfen direkt zur Verfügung zu stellen.
Mittlerweile ist die Akzeptanz des NZFH spürbar gestiegen. Mit dazu beigetragen hat sicherlich, dass wir unsere Arbeit auf zahlreichen Veranstaltungen zu Frühen Hilfen vorgestellt und transparent gemacht haben. Vielleicht auch, dass wir den Kommunen, die uns um Unterstützung bitten, wenn schon keine Beratung vor Ort, so aber doch vielfältige wesentliche Informationen bieten können z.B. zu guten Praxisbeispielen, Referentinnen und Referenten für Veranstaltungen, Materialien für Begrüßungspakete usw., also auch zu den kleinen, praktischen Dingen auf dem Weg zur Schaffung von Netzwerken Früher Hilfen.
Frau Sann, Frau Dr. Schäfer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Links
Nationales Zentrum Frühe Hilfen
Kontakt
Dr. Reinhild Schäfer
Alexandra Sann
DJI Online / Stand: 1. September 2008
Dr. Karin Jurczyk, DJI
Dr. Reinhild Schäfer, DJI/NZFH
Alexandra Sann, DJI/NZFH
Links
DJI Online-Projekte, Schwerpunktthemen und Gespräche zum Thema
Projekte
Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH)
Informationszentrum Kindesmisshandlung - Kindesvernachlässigung (IzKK)
Jugendhilfe und sozialer Wandel - Leistungen und Strukturen
Kindeswohlgefährdung und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD)
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Kinderpanel: Entwicklungsressourcen und -risiken in der Lebenswelt von Kindern
Opstapje - Schritt für Schritt
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Themen
2008/04 Alles aus einer Hand: Familie im Zentrum
2008/01 Kompetenzen entwickeln: Familienhilfe als Familienbildung
2007/12: Wenn zwei sich streiten – Risiko für Trennungskinder
2007/05: Kinderschutz verbessern – frühzeitige Hilfe durch effektive Netzwerke
2006/12 Neue kommunale Konzepte für soziale Brennpunkte im Test
2006/03 Kindesvernachlässigung: früh erkennen - früh helfen!
2005/09 Opstapje: Präventivförderung für Zweijährige
2005/07 Eltern zwischen Ratlosigkeit und "Super-Nannys"
2004/11 Familie: heile Welt oder prekäre Lage?
2004/02 Messverfahren in der sozialen Arbeit am Beispiel der Kindeswohlgefährdung
Gespräche
April 2008 mit Anna Lödermann, DJI
Unterstützung für Familien: Wie machen es die anderen?
Mai 2007 mit Angelika Diller, DJI
Allheilmittel Netzwerk?
Februar 2007 mit Boris Geier, DJI
Kompetent Erziehen
März 2006 mit Angelika Diller, DJI
Potenzial und Zukunft der Eltern-Kind-Zentren
Dezember 2005 mit Esther Rosenboom, DJI Stipendiatin aus Hamburg
Familienrichter und das Kindeswohl
September 2005 mit Sibylle Friedrich, DJI Stipendiatin aus Hamburg
Familien sind keine Inseln
Externe Links
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Politikbereich Kinder und Jugend
Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme (PDF)
Aktionsprogramm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Schutz von Kleinkindern, zur Früherkennung von Risiken und Gefährdungen und zur Implementierung effektiver Hilfesysteme
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Familienplanung, Schwangerschaft und die erste Zeit zu Dritt
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Kindergesundheit
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Weitere Grundlagenliteratur sowie Publikationen zum gesamten Feld "Kindesvernachlässigung" und „Kinderschutz“ finden sie auf den Internetseiten des NZFH (www.fruehehilfen.de) und in der Literaturdatenbank des Informationszentrums Kindesmisshandlung / Kindesvernachlässigung IzKK im
Internet unter www.dji.de/izkk
DJI Online / Stand: 1. September 2008