mit Dr. Dr. Gerhard Beisenherz, DJIBillig ist das nicht zu bekommen!
mit Dr. Dr. Gerhard Beisenherz, DJI

Herr Dr. Beisenherz, über Kinderarmut wird nicht gern offen gesprochen. Man hat den Eindruck, insbesondere Kommunen oder politische Einrichtungen auf Bundesebene vermeiden es, sich selbstkritisch dazu zu äußern. Vielleicht weil denjenigen, die das Thema ansprechen zugleich der Makel des Verursachers anhaftet?
Das mag sein. Gleichwohl gab es in der Geschichte der Bundesrepublik schon zweimal einen offiziellen Armutsbericht. Der erste wurde 1998/99 nach dem Regierungswechsel von der rot-grünen Koalition in Auftrag gegeben und erschien nach langen Vorarbeiten im Jahr 2001. Bei dessen Erscheinen wurde direkt ein zweiter angekündigt, der nach vier Jahren im März 2005 von der Bundesregierung unter dem Titel „Lebenslagen in Deutschland – Zweiter Armuts- und Reichtumsbericht“ auch veröffentlicht wurde.
Ist ein dritter Armutsbericht geplant?
Meines Wissens zur Zeit nicht. Es wird jedoch auf Grund der Beschlusslage im Bundestag jedenfalls einen Bericht geben über den Nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung.
Von wissenschaftlicher Seite wurde Kritik am Verfahren der letzten Armutsberichterstattung geäußert ...
Ja, diese Kritik ist auch berechtigt und müsste bei der Erstellung eines weiteren Berichts in meinen Augen unbedingt berücksichtigt werden. Denn im Unterschied zu Jugend- und Familienberichten, die von einer unabhängigen Kommission auf der Grundlage zahlreicher Expertisen erstellt werden, ging man beim 2. Armutsbericht anders vor. Dabei durchliefen die breit eingeholten Expertisen den Filter einer interministeriellen Projektgruppe, die letztlich den Bericht erstellt hat. Das heißt im Klartext, nicht die unabhängige Expertenkommission hat ihn vorgelegt, sondern die Bundesregierung selbst.
Dem Bericht selbst ist diese Entstehungsweise dadurch anzusehen, weil er sich im Wesentlichen darauf konzentriert, die Maßnahmen, die in der zwischen den beiden Armutsberichten liegenden Zeit von den betreffenden Ministerien ein- und durchgeführt wurden, aufzulisten. Ohne sich darum zu kümmern, die sich verschärfenden Bedingungen von Armut offen zu legen, um die dafür eventuell notwendigen politischen Instrumente zu konzipieren.
Die Schwierigkeit bei der Armutsdiskussion ist, dass Armut nicht monokausal zu erklären ist. Wo sehen Sie am ehesten die Möglichkeit, den Teufelskreis der Armut vor allem mit Blick auf die Kinder zu durchbrechen?
Bezüglich der Verursachung von Armut im Sinne einer materiellen Unterversorgung ist offensichtlich, dass in den hochmonetarisierten Gesellschaften wie der unseren die Hauptursache im mangelnden Bezug von Geld durch die einzelnen Haushalte zu sehen ist. Entscheidend dafür ist wiederum, wie die Haushalte über die Eltern in den Arbeitsmarkt eingegliedert sind.
Deswegen haben alle Konzepte Plausibilität, die sagen, wir müssen zunächst dafür sorgen, dass die Haushaltseinkommen steigen. Das ist aber eine Lösungsstrategie, die von sehr vielen Parametern abhängt, die nicht allein dem Einfluss der Politik unterliegen.
Wenn man das Problem zuspitzt auf die Kinderarmut und damit auf die Schaltstelle, an der sich möglicherweise so etwas wie die Vererbung von Armut ereignet, dann wird man an all denjenigen Facetten des Kinderalltagslebens ansetzen müssen, in denen überhaupt in Ansätzen eine Gleichstellung von Kindern erreicht werden kann.
Welche Bereiche wären das?
Die Lebensbedingungen der Kinder hängen zum Beispiel sehr stark davon ab, wie das räumliche und kommunale Umfeld gestaltet ist, also welche kulturellen, sozialen und sportlichen Möglichkeiten den Kindern dort offen stehen. Da muss man leider feststellen, dass seit das Thema Kinderarmut in der späten Hälfte der 1980er Jahre auf die Agenda kam, eine Entwicklung stattgefunden hat, die Ungleichheiten im sozialen und kommunalen Kontext eher noch verstärkt. Für Kinder aus armen Haushalten ist es heute ungleich schwieriger, an dem, was als normal oder Durchschnitt gilt, teil zu haben.
Nennen Sie uns ein Beispiel?
Ein Beispiel ist die Kommerzialisierung der kommunalen Angebote sowohl im Sportbereich als auch im Kulturbereich: Schwimmbäder erhöhen die Eintrittspreise, Musikschulen und Sportvereine die Aufnahme- oder Mitgliedsgebühren, der öffentliche Nahverkehr wird entweder ausgedünnt oder – auch für Kinder – verteuert. Hier hat eine Monetarisierung der Infrastruktur Platz gegriffen, die es gerade kinderreichen Familien in Armutslagen unmöglich macht, ihre Kinder an eben diesen Freizeitangeboten teilhaben zu lassen, die früher für solche Kinder noch selbstverständlich waren.
Welche Rolle spielen in dem Zusammenhang die karitativen Einrichtungen?
Wir beobachten in den letzten Jahren, dass karitative Einrichtungen eine doppelte Funktion haben und zunehmend auch ausfüllen. Sie übernehmen zum Einen in den Fragen der traditionellen Grundversorgung von Familien und Kindern eine immer größere Rolle. Nehmen Sie zum Beispiel die Mittagstafeln, wo warmes Essen angeboten wird bis hin zu den Kleiderkammern, in denen guterhaltene gebrauchte Kleidung gesammelt und an Bedürftige weiter verteilt wird. So schließen sie eine Lücke in der Versorgung einer wachsenden Armutsbevölkerung.
Zum anderen sind diese karitativen Einrichtungen aber auch eingebettet in größere kirchliche oder gewerkschaftliche Verbände, die kulturelle Bildungsangebote für die Freizeitgestaltung von Kindern machen. Nach unseren Erkenntnissen fehlt hier jedoch ein stärkeres Nachdenken darüber, dass gerade arme Kinder besonderer Unterstützung und Förderung auch auf diesem Gebiet bedürfen. Es geht zum Beispiel nicht an, dass Musikgruppen und Instrumentalunterricht der Kirchengemeinden unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden und ärmere Kinder dadurch der Zugang erschwert wird.
Sie sprechen das Thema Bildung an. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Einkommensarmut und Bildungsarmut?
Bei der Frage muss man zurückkommen auf die Definition von Armut. Solange Kinderarmut – wie es vor allem in der international vergleichenden Forschung der Fall ist – gemessen wird über die üblichen Einkommensrelationen und OECD- oder vergleichbare Standards in einem bestimmten regionalen Gebiet, solange man Armut so misst, ist das, was sich letztlich hinter den Zahlen verbirgt ein sehr komplexes und heterogenes Phänomen. Natürlich sehen wir in allen Zahlen, dass die Bildung der Eltern in der Regel mit steigender Armut eher abnimmt.
Daneben gibt es aber auch das Phänomen der transitorischen Armut, für das dies nicht unbedingt zutrifft. Das sind zum Teil durch den Arbeitsmarkt entstandene oder auch selbst gewählte Phasen der Armut, die bewusst in Kauf genommen werden, um bestimmte Ziele zu erreichen, zum Beispiel einen Studienabschluss. Ähnlich verhält es sich in einzelnen Fällen, wenn ein Elternteil, der die Kinderbetreuung übernehmen möchte den Beruf zeitweise aufgibt. Dadurch gibt es im armen Haushalten durchaus auch höhere Bildungsniveaus, die die Bildungsentwicklung der Kinder positiv unterstützen können.
Wenn wir nun aber darauf abzielen, den Einstieg in das, was wir Exklusionskarrieren nennen, zu verhindern, der übrigens besonders gravierend ist, wenn er in der frühen Kindheit stattfindet, dann müssen wir differenziert hinschauen und zwischen ökonomischen Armutsziffern und kulturellem Kapitel der jeweiligen Familien unterscheiden.
Denn um die Vererbung von Armut über den Bildungskanal zu verhindern, müssen wir genau da ansetzen, wo die Ausstattung der Eltern mit kulturellem Kapital das selbst nicht gestattet. Das heißt wir brauchen niedrigschwellige und möglichst aufsuchende Angebote – vergleichbar dem Ansatz des Frühförderprogramms Opstapje – für genau diese Zielgruppe der bildungsfernen und zugleich armen Familien. Sonst laufen wir Gefahr, dass auf der Abnehmerseite wieder genau diejenigen Unterstützungsangebote nutzen, die sie eigentlich nicht brauchen.
Dafür gibt es sehr erfolgreiche Modelle auch in anderen Ländern, die aber, wenn man sie ernst nimmt, auch Kosten verursachen. Billig ist das alles nicht zu bekommen.
Noch eine Frage zur empirischen Armutsforschung. Ein Grundproblem der Berichterstattung ist die exakte Isolation einer Armutsvariable. Wie gehen Sie damit um?
Das erste Problem haben Sie schon in dem Moment, wenn Sie nicht mit kleinen qualitativen Einzelstudien und Tiefeninterviews arbeiten wollen, sondern tatsächlich einen Gesamtüberblick anstreben. Da ist man gezwungen, für die quantitativen Erhebungen klare Messvariablen zu definieren.
Es gab und gibt eine breite Diskussion zum Armutsbegriff und der Notwendigkeit, den Begriff multidimensional zu fassen. Das betrifft aber nach meiner Auffassung immer die Folgenseite von Armut. Zunächst einmal müssen wir uns in großangelegten Datenerhebungen, die über längere Zeit laufen und die Wirkungen auf Kinder untersuchen auf eine eindeutig definierbare Größe festlegen. Und das ist bislang immer noch die Einkommensarmut.
Das andere ist, dass wir auf der Folgenebene im Sozialisationsprozess der Kinder eine breite Palette weiterer Variablen haben und berücksichtigen müssen, wie zum Beispiel die Bildung, den Bildungsstand der Mutter und des Vaters, der ausgeübte Beruf, die regionalen Kontexte. Darüber hinaus haben wir im DJI-Kinderpanel zum ersten Mal auch die Persönlichkeitsmerkmale der Kinder und der Eltern, die durch den Verlauf der Armutsentwicklung natürlich auch wieder beeinflusst werden, mit erfasst und einbezogen.
Somit haben Sie natürlich sofort ein sehr komplexes Bedingungsgefüge, aus dem Sie nicht so einfach monolinear auf Auswirkungen der Armut schließen können.
Aber wenn wir genügend große Datensätze haben, die es erlauben, unter Berücksichtigung der Ausprägung verschiedener anderer Variablen einzelne Untergruppen zu bilden, dann können wir mit den entsprechenden statistischen Verfahren genauer kontrollieren, ob Auswirkungen auf die Schulleistungen oder das Wohlbefinden der Kinder nun stärker von der aktuellen Armut, der schon erfahrenen Armut oder aber anderen Einflüssen abhängen.
Das führt direkt zur Frage: was brauchen wir dringend für die kommende Armutsforschung in Deutschland?
Das ist eine schwierige Frage, weil die Antwort natürlich zunächst einmal lauten muss: sehr viel weniger arme Kinder, als wir sie derzeit haben.
Aus rein wissenschaftlicher Sicht ist zu wünschen, dass wir in Zukunft in die Lage versetzt werden, mit Samples zu rechnen, die eine feinere Ausdifferenzierung der Analysen gestatten. Das sind dann aber Größenordnungen von 15.000 bis 20.000, also das 8- bis 10-Fache des DJI-Kinderpanels, das bis heute eine der wenigen großen Längsschnittstudien ist, die einen direkten Vergleich von der Entwicklung armer und nicht-armer Kinder ermöglicht.
Herr Dr. Beisenherz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Links
DJI Kinderpanel
DJI Projekt Opstapje
1. Armuts- und Reichtumsbericht 2002 „Lebenslagen in Deutschland“
2. Armuts- und Reichtumsbericht 2005 „Lebenslagen in Deutschland“
2. Armutsbericht Kurzfassung / 2. Armutsbericht auf CD
Dr. Dr. Gerhard Beisenherz im Profil
DJI Online / Stand: 1. November 2007
Editorial von Thema-Redakteurin Susanne John

Als die Bundesregierung 2005 ihren 2. Armutsbericht veröffentlichte, waren in Deutschland „1,1 Mio. Kinder unter 18 Jahren BezieherInnen von Sozialhilfe.“ Ein aktueller Armutsbericht liegt derzeit nicht vor, aber der Kinderschutzbund gibt für das Jahr 2007 mit 2,6 Mio. armen Kindern in Deutschland eine alarmierende Schätzung ab.
Doch hinter dieser erschreckend hohen und anonymen Zahl verbergen sich in Deutschland Schicksale von unzähligen Kindern, die täglich hautnah den Auswirkungen der Armut ausgesetzt sind. Ein Beispiel hierfür ist die Reaktion der kleinen Tochter der alleinerziehenden Marita, die ihre Erlebnisse auf der Internetseite „armutszeugnisse.de“ geschildert hat. „Als ich meiner Tochter einmal beim Einkaufen sagte, wir haben für diesen Monat kein Geld mehr, fragte sie mich tränenüberströmt: Mama, haben wir wirklich kein Geld mehr für Essen? Sind wir jetzt arm?“
Um die Frage der Kleinen zu beantworten: Als arm gilt in Deutschland derjenige, dessen Einkommen weniger als 60% des Durchschnittseinkommens beträgt. Diese Einkommensarmut ist als Schlüsselmerkmal von Armut zu sehen mit all ihren Auswirkungen auf weitere Lebensbereiche wie zum Beispiel Gesundheit oder Bildung.
Im Rahmen des DJI-Kinderpanels, einer Langzeitstudie des Deutschen Jugendinstituts zu den Lebenslagen von Kindern, sind mehrere Detailuntersuchungen entstanden, die die Zusammenhänge von Armut und sozialer Teilhabe, Persönlichkeit, kognitiven Leistungen und kindlichem Wohlbefinden differenziert aufzeigen. Die Ergebnisse stellen wir in „Auf einen Blick“ vor.
Dr. Dr. Gerhard Beisenherz (DJI) betont im „Interview“, dass wir möglichst im frühen Kindesalter ansetzen müssen, um die „Vererbung“ von Armut über den Bildungskanal zu verhindern. Dafür brauchen wir jedoch niedrigschwellige und möglichst aufsuchende Angebote für genau diese Zielgruppe der bildungsfernen und zugleich armen Familien.
Umfassende Förder- und Betreuungsangebote wären erste Schritte, um die Abwärtsspirale der Armut zu unterbrechen, meint auch der Sprecher der Nationalen Armutskonferenz Dr. Wolfgang Gern im „Blick von außen“. Er warnt aber gleichzeitig davor, die Armut zu pädagogisieren. „Das lenkt vom eigentlichen Problem ab. Durch Bildung allein lässt sich Armut nicht bekämpfen, solange Arbeitsplätze fehlen.“
Die Kommunen, die sich langsam, aber zunehmend selbstkritisch dem Thema Kinderarmut stellen, auf die Arbeitsmarktpolitik aber nur begrenzt Einfluss haben, sollten bei der Durchbrechung des Teufelskreises Armut dort ansetzen, wo es ihnen am ehesten möglich ist: das heißt, kommunale Angebote und Infrastruktur für alle Kinder zu öffnen und nicht den Zugang durch weitere Kostenerhöhungen zu erschweren.
DJI Online / Stand: 1. November 2007
Auf einen Blick Zahlen und Fakten aus dem DJI-Kinderpanel zum Thema Kinderarmut
Armut ist ein vieldeutiger Begriff. Man kann sie aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Armut ist immer relational. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren hat sich in den Wissenschaften eine Betrachtungsweise etabliert, die mit Armut eine spezifische und mehrdimensional zu erfassende Lebenslage meint. Diese ist immer im Kontext der unmittelbaren Umweltbedingungen zu betrachten.
Armut kann sich auch auf die konkrete Unterausstattung mit spezifischen Ressourcen beziehen. Als Beispiele dafür ist auf Begriffe wie Bildungsarmut, aber auch Beziehungsarmut zu verweisen. Damit kann Armut ganz allgemein als eine spezifische Lebenslage, als eine komplexe Mischform von ökonomischer, kultureller und sozialer Armut aufgefasst werden.
Dennoch wird man daran festhalten müssen, dass im Kern einer differenzierten Betrachtung von Armut immer zunächst der Mangel an ökonomischen Ressourcen steht. Ohne diesen zentralen Bezug auf den ökonomischen Mangel wird der Begriff der Armut schnell konturlos und es besteht die Gefahr, dass als Ursache angesehen wird, was sich in der individuellen Biografie als Folge einstellt.
Dies gilt umso mehr, wenn man versucht, die Auswirkungen eines Aufwachsens in Armut auf die Entwicklung von Kindern zu erfassen. Kinder entwickeln erst ihr zukünftiges kulturelles und soziales Kapital und sind dabei in ökonomischer Hinsicht Teil des elterlichen Haushaltes, also von der ökonomischen Lage der Eltern abhängig. Als Heranwachsende geraten sie dann leicht in die Gefahr der sozialen Ausschließung durch Armut.
Zahlen und Fakten zur Kinderarmut in Deutschland
Die Zahl und der Anteil von Kindern, die in einem elterlichen Haushalt mit (Einkommens)armut aufwachsen, hat über die letzten zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre erheblich zugenommen.
Derzeit hat die Kinderarmut in der Bundesrepublik einen historisch neuen Höchststand erreicht. Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) ist durch die Einführung von Hartz IV Anfang 2005 die Zahl der von Armut betroffenen Kinder auf eine neue Höchstmarke von 1,7 Millionen gestiegen. Das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) geht für 2006 von einer Steigerung um weitere 10% der von Sozialleistungen abhängigen Kinder aus. Aktuell leben nach Schätzungen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ca. 2,5 Millionen Kinder in Deutschland in Armut und leben auf oder nur knapp über Sozialhilfeniveau. Das betrifft jedes sechste Kind in Deutschland.
Detaillierte Zahlen liegen bislang nur für das Jahr 2005 vor. In 3.562.741 Bedarfsgemeinschaften lebten deutschlandweit 6.451.496 Leistungsempfänger von Sozialgeld. 1.630.180 unter ihnen waren Kinder unter 15 Jahren. Somit erhielten 13,4% der unter 15jährigen Sozialgeld.
In Westdeutschland war dies jedes neunte (11,3%) und in Ostdeutschland jedes vierte Kind (24,4%). Hinzu kam eine geschätzte Dunkelziffer von 225.000 Kindern, die ein Anrecht auf Sozialgeld hätten, das jedoch nicht beansprucht wurde.
14,6% der 7,6 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern mussten mit einem monatlichen Familiennettoeinkommen von unter 1300€ auskommen. 45,4% der Familien verfügte über ein monatliches Familiennettoeinkommen von 1.300€ bis 2.600€ und 31,4% hatten monatlich 2.600€ bis 4.500€. Nur 8,6% der Familien verfügten über ein Familiennettoeinkommen von über 4.500€.
52% aller alleinerziehenden Mütter mussten monatlich mit einem Nettoeinkommen von unter 1300€ wirtschaften. Bezüglich des Einkommens war 2005 ein deutliches Ost-West-Gefälle festzustellen. Während in den alten Bundesländern 12,4% der Familien ein monatliches Familiennettoeinkommen von unter 1300€ besaßen, waren es in den neuen Bundesländern einschließlich Berlin 23,5% der Familien.
Armutsforschung
Die Armutsforschung in Deutschland hat ihr Augenmerk bislang auf die Verbreitung der Armut gerichtet und blieb im Wesentlichen beschränkt auf Aussagen über die Betroffenheit spezieller Alters- oder Haushaltsgruppen. Auswirkungen von Armut auf die Lebensbedingungen finden sich dagegen überwiegend in qualitativen Fallstudien oder nicht repräsentativen Befragungen.
Um aber zuverlässige Aussagen darüber treffen zu können, welche Auswirkungen spezifische Armutslagen auf die kindliche Entwicklung haben, braucht es eine Analyse möglichst breiter Datensätze über einen längeren Zeitraum hinweg – wie es in den anglo-amerikanischen Ländern seit Längerem bereits Usus ist.
Eine Längsschnittstudie, die seit 2002 vom Deutschen Jugendinstitut durchgeführt wird, hilft genau diese bisherige Forschungslücke zu füllen. Ausgehend von insgesamt ca. 2400 Familien wurden beim DJI Kinderpanel über einen Zeitraum von fünf Jahren die Lebensbedingungen und die Entwicklung der Kinder im Alter zwischen fünf und dreizehn Jahren verfolgt und zwar durch die getrennte Befragung von Müttern, Vätern und Kindern.
Auf der Grundlage dieses umfangreichen Datenmaterials konnte das DJI die Zusammenhänge von Kinderarmut und bestimmten Aspekten der kindlichen Entwicklung genauer untersuchen – basierend auf der Grundannahme, dass die Resultate zur Antwort auf die Frage beitragen, wie der Einstieg in eine drohende gesellschaftliche Exklusion – aufgefasst als systematische Kumulation von Entwicklungsdefiziten der Kinder - abläuft und dann auch wirksam verhindert werden kann.
Im Folgenden geben wir eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse zu bestimmten Bereichen, die einzelne Bausteine dieser Exklusionsthese darstellen:
Die Frage der sozialen Teilhabe armer Kinder stellt sich heute in verschärftem Maße aus zwei Gründen: Zum einen nimmt die Zahl der Kinder, die in armen Haushalten aufwachsen, weiter deutlich zu, obwohl es insgesamt weniger Kinder gibt. Zum anderen ist die Teilhabe der Kinder am sozialen Geschehen, die Inklusion der Kinder in die Gesellschaft heute zumindest in normativer Hinsicht zum gesellschaftliche Standard in den westlichen Demokratien geworden. Diese Inklusion beruht im Wesentlichen auf den folgenden Prozessen,
Früher Ausschluss mit gravierenden Folgen
Unter diesen Bedingungen einer „Inklusions-Kindheit“ bekommt Armut von Kindern dann eine neue, biografisch besonders gravierende Bedeutung. Denn frühzeitiger Ausschluss führt zu einem Zurückbleiben, das später kaum noch aufholbar ist. Diese intuitive Einsicht steckt wohl auch in dem US-amerikanischen Programm “No child left behind”.
Die Realisierung der Teilhabe erfordert aber den Zugang und die Verfügung über die notwendigen materiellen Ressourcen, ohne die sich in hoch monetarisierten Gesellschaften eine Teilhabe nicht realisieren lässt. Die Autonomie ist ohne spezifische persönliche Humanressourcen, wie etwa ein ausgereiftes Selbstbewusstsein, nicht realisierbar. Das erfolgreiche Durchlaufen der Institutionen erfordert einerseits als Humanressource ein flexibles Anpassungsvermögen, andererseits monetäre Ressourcen, um die Institutionen unter dem Gesichtspunkt der Qualität aussuchen zu können.
Der Einsatz von Mitteln und Anstrengungen zum verspäteten Zeitpunkt, kann eine fehlgelaufene Entwicklung nur schwer korrigieren. Und schließlich ist die Basis all dieser Inklusionsformen die Einübung in die Marktteilnahme, die gesellschaftliche Inklusionsform schlechthin, die ohne die marktspezifische Ressource überhaupt, also ohne Geld, schlicht nicht möglich ist.
Empirische Voraussetzungen
Auf der Basis der Daten des DJI-Kinderpanels (2190 Mütter, 1336 Väter und 1042 Kinder in der ersten Welle) haben wir die Möglichkeiten der Teilhabe der Kinder am sozialen Leben in Abhängigkeit vom Einkommen, der Bildung oder auch der Armutslage untersucht.
Bei unseren Auswertungen unterscheiden wir innerhalb der armen Haushalte nochmals danach, ob diese in "strenger Armut" leben (Einkommen < 40% des Mittleren Familieneinkommens in der Bevölkerung, d.h. des Medians der äquivalenzbereinigten Einkommensverteilung (MÄEV), wobei Erwachsene und Kinder unterschiedlich stark in die Berechnung der Familiengröße und des Familieneinkommens eingehen. Davon haben wir diejenigen unterschieden, die in "Armut" (zwischen 40% und 50% des MÄEV) oder in "Armutsnähe" leben (zwischen 50% und 60% des MÄEV). Wir haben dann Kinder, die in einer dieser Haushaltsgruppen aufwachsen, verglichen mit Kindern, die nicht von Armut betroffen oder bedroht sind. Durch den Vergleich dieser Gruppen können wir dann Rückschlüsse auf die Auswirkung von Armut ziehen.
Wir haben für eine Reihe von Dimensionen der kindlichen Lebenswelt untersucht, wie diese entweder mit der Armut oder mit der sozialen Schicht variieren. In einigen Fällen erkennt man eine fast lineare Abhängigkeit von der Schicht, in anderen einen oft diskontinuierlichen Bruch in Abhängigkeit von der Armut. Die Zahlen beziehen sich auf Daten der ersten Welle des DJI-Kinderpanels.
Wie äußert sich für Kinder die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben? Hier sind drei Bereiche von Bedeutung: die Familie, die Freunde und die Vereine.
Aktivitäten in und mit der Familie
Im Grundschulalter steht natürlich die Familie im Vordergrund. In einigen Arbeiten zur Armut von Kindern wurde in letzter Zeit betont, dass sich Auswirkungen der Armut auf die Kinder im kulturellen und sozialen Bereich z.T. dadurch auffangen lassen, dass die Eltern häufig gemeinsame, anregende Aktivitäten mit den Kindern unternehmen. Wir haben aus den Angaben der Kinder dazu, mit wem sie häufig Sport treiben, ins Kino, Museum oder Theater gehen, Musik machen, Ausflüge unternehmen, Fernsehen oder Spielkonsole spielen, einen Indikator gebildet, der uns anzeigt, ob sie gemeinsame Aktivitäten mit den Eltern eher häufiger oder weniger betreiben.
Der Anteil der Kinder, die häufige gemeinsame Aktivitäten mit den Eltern berichten, wächst mit steigender Schicht deutlich: Über die fünf Schichten, die wir unterscheiden – Unterschicht, untere, mittlere und obere Mittelschicht und Oberschicht – finden wir die folgenden Anteile: 5,4%, 8,8%, 15,5% 20,2% und 22,7%. Danach finden die Aktivitäten, die häufig als Puffer gegen die Armutsfolgen bei Kindern genannt werden, gerade bei diesen Kindern am seltensten statt.
Klima in der Familie
Ein anderer Punkt, der für die Befindlichkeit der Kinder allgemein als bedeutsam und als die Armutsfolgen moderierend angesehen wird, ist das Familienklima. Als Indikator für das Familienklima haben wir u.a. nach der Häufigkeit von Streit mit den Eltern gefragt.
Auffällig ist zunächst, dass die Gruppe derjenigen, die überhaupt einen Streit erinnern, bei denjenigen mit Armutsrisiko am höchsten ist, mit wachsender Armut nimmt diese Gruppe dann ab. In der ärmsten Gruppe ist sie sogar kleiner als bei den nicht-armen Kindern. Wir sehen darin eine Bestätigung der These, dass insbesondere sehr arme Kinder häufig schon in der Ausbildung ihrer Wünsche beschränkt werden. Denn den Streit um Sachen kann es nur da geben, wo überhaupt noch Wünsche ausgebildet werden. Dort, wo dies jedoch der Fall ist, kommt es mit wachsender Armut häufiger zu Konflikten. Das gilt bei Konflikten um spezielle Kleidung ebenso wie bei bestimmten Markenartikeln. Die Konflikthäufigkeit ist bei den ärmsten Kindern etwa doppelt so hoch wie bei den nicht-armen Kindern.
Insgesamt geben achtjährige Kinder relativ selten an, dass sie zu Hause streiten. Umso auffälliger ist der Befund, dass Kinder aus der untersten Sozialschicht zu fast 24% berichten, dass sie in letzter Zeit Streit mit der Mutter wegen des Einkaufs spezieller Markenkleidung hatten. Demgegenüber berichten nur ca. 9%, 7,5%, 10,7% und 6,6% der Kinder in den anderen Schichten über solche Streitursachen.
Unterscheidet man die Kindergruppen nach der Armutslage, so sieht man etwa beim Streit über die Anschaffung von Computerequipment und Computerspielen, dass solche Anschaffungen vor allem bei strenger Armut zum Streitanlass werden. Rund 21% der Kinder in strenger Armut berichten über computerbezogenen Streit mit der Mutter gegenüber 6,7% bei denen in Armut, 11,3% bei den armutsnahen und 12,4% bei den nicht-armen Kindern. Offenbar wirken sich hier die erheblichen Kosten mit wachsender Armut zunehmend restringierend aus, andererseits ist jedoch die Anschlussfähigkeit an moderne Technologie für alle Kinder hinsichtlich Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe von besonderer Bedeutung.
Auffällig ist dann wieder, dass Haustiere, Essen und Trinken bei den Kindern in Armutsgefährdung besonders häufig eine Streitursache sind. Diese Dinge wie auch schon die Sportsachen sind offenbar besonders wichtig, um den Anschluss an die Kinderkultur der Gleichaltrigen zu halten. Dies entspricht der Bedeutung, die diesen Dingen generell in der Kinderöffentlichkeit zukommt. Kinder, die zumindest noch am Rande an der Mainstream-Kultur teilnehmen, sind bestrebt, nach außen zu demonstrieren, dass sie dazu gehören, indem sie mitmachen. Für die Kinder aus der ärmsten Gruppe scheint dagegen schon der Signalwert der Kleidung in Gefahr zu sein, also allein schon die expressive Zugehörigkeit zur Kinderkultur.
Konfliktverhalten
Aber nicht nur die Häufigkeit von Streit ist ein Indikator für das Familienklima, sondern auch die Art, wie der Streit beigelegt wird. Als besonders negatives Anzeichen für Stress und Ärger mit zwischen Eltern und Kindern betrachten wir es, wenn als Strategie zum Durchsetzen bei streitigen Konsumwünschen das Kind darauf setzt, die Mutter endlos zu nerven, bis es Erfolg hat. Auf die Antwortvorgabe: “Ich nerve meine Mutter so lange, bis ich Erfolg habe” antworten immerhin 38% der Kinder in strenger Armut mit ja; bei den anderen Gruppen liegt dieser Anteil nur zwischen 21% und 24%.
Insgesamt vermitteln die Zahlen den Eindruck, dass Kinder aus Haushalten in strenger Armut, die überhaupt wegen Sachen, die sie wünschen, Konflikte mit der Mutter haben, häufiger auf einen konfrontativen Kurs gehen, um mit allen denkbaren Mitteln doch noch zum Ziel zu kommen. Die Entscheidung der Mutter wird seltener akzeptiert und der Konflikt ist eine echte Streitsituation zwischen Kind und Mutter. Es ist zu befürchten, dass solche verhärteten Auseinandersetzungen bei geringen wirtschaftlichen Spielräumen der Mütter, den Familienalltag zusätzlich belasten und das Familienklima verschlechtern.
Insbesondere ist bei strenger Armut auch das Familienklima überwiegend nicht dazu angetan, Armutsauswirkungen auf die Kinder aufzufangen. Arme Kinder bedürfen daher zu ihrer Unterstützung im Bereich der Familien – neben den notwendigen finanziellen Transfers – Unterstützung zur Verstärkung gemeinsamer Aktivitäten der Familien zusammen mit den Kindern. Das kann durch Beratung ebenso wie z.B. durch verstärkte Kostenermäßigung bei Einritten, Fahrpreisen etc. geschehen. Zur Verbesserung des Familienklimas dürften auch sozialpädagogische Erziehungshilfen wichtig sein, die z.B. die Regulierung von Konsumkonflikten verbessern.
Freundschaften als Indikator für soziale Teilhabe
Ein anderer Bereich, der für die Teilhabe der Kinder am sozialen Leben mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt, sind die Peers (Gleichaltrigengruppen). Die Kinder wurden u.a. ausführlich danach befragt, mit wem sie sich außerhalb der Schule treffen, wie weit weg diese Kinder wohnen, wo sie diese kennen gelernt haben, ob sie diese meist allein oder mit anderen treffen und ob das jeweilige Kind ein guter Freund ist oder nicht.
Die Daten zeichnen das folgende Bild: Kinder aus armen Haushalten (< 50% MÄEV) geben etwas häufiger sehr viele Kinder als Peers an (ca. 22% geben mehr als acht Peers an) im Vergleich zu nicht armen Kindern (ca. 18%). Andererseits ist die – freilich niedrige – Anzahl derjenigen ohne jeden gleichaltrigen Spielfreund mit ca. 5% ebenfalls größer als bei nicht-armen Kindern (ca. 2,5%).
Vor allem fällt auf, dass 11% der Kinder in strenger Armut keine guten Freunde haben, was nur bei 7,2% der armutsnahen und bei 8,1% der nicht-armen Kinder der Fall ist. Bei nicht-armen Kindern haben wir eine etwas stärkere Konzentration auf ein bis zwei gute Freunde, sehr arme Kinder nennen dagegen, wenn sie gute Freunde habe, eher drei oder mehr.
Wir deuten diese Zahlen dahin, dass Kinder in strenger Armut grundsätzlich schwieriger Freunde oder Kontakt finden, soweit sie diesen haben, findet er tendenziell dann eher in größeren Cliquen statt. Intensivere und selektivere Freundschaften bilden dagegen zumindest im Grundschulalter etwas häufiger die nicht-armen Kinder.
Freizeit in Vereinen
Ein anderer Indikator für die Integration in die Gleichaltrigengruppe ist die Vereinszugehörigkeit – sei es ein Sportverein, ein kultureller Verein (z.B. für Musik) oder einer für soziale Veranstaltungen. Auch hier finden wir wieder, dass die Zahl der Vereinszugehörigkeit bei armen Kindern deutlich niedriger liegt als bei den nicht armen Kindern. Dies gilt vor allem für alle Kinder in Haushalten unter 50% des MÄEV.
Unterhalb dieser Schwelle wird offenbar für die Vereinszugehörigkeit der Kinder kaum noch Geld ausgegeben. Insbesondere entscheidet aber auch das Bildungsniveau im Haushalt darüber, ob für Vereine der Kinder noch Geld da ist oder nicht.
Ähnlich verhält es sich mit dem Zugang der Kinder zur kommerzialisierten Infrastruktur, zum Beispiel Musikunterricht, Tennisspielen, Ballet, Reiten etc.. Das Angebot im weiteren Umfeld der Kinder ist für 53% der nicht-armen Kinder gut, aber nur für 25% derjenigen aus der ärmsten Gruppe.
Kinder aus solchen Familien wären also in besonderer Weise angewiesen auf Möglichkeiten, außerhalb der Familie im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Einrichtungen ihren Ausgleich zu finden. Aber auch in dieser Beziehung finden wir eine Vielzahl von Anhaltspunkten dafür, dass arme Kinder zusätzlich benachteiligt statt gefördert werden.
28% der sehr armen Kinder verneinen die Frage, ob es in ihrer Wohnumgebung viele Möglichkeiten zu anregendem Spiel etc. gibt, gegenüber nur 16% der nicht-armen Kinder. Auch die Atmosphäre in der Wohnumgebung, gemessen daran, ob das Kind die Anwohner mag, ist deutlich negativer: 23,3% der sehr armen Kinder mögen die Anwohner nicht, was nur ca.10% der nicht armen Kinder von sich sagen. Auch das Haus, in dem die Kinder leben, gefällt ca.14% der sehr armen Kinder nicht (dagegen äußern sich nur 4% der nicht-armen so).
Vor allem gilt die Benachteiligung auch in der Erreichbarkeit oder Zugänglichkeit von kommerzieller und nicht-kommerzieller Infrastruktur und kulturellen Angeboten. Während z.B. nur 16% der ärmsten Kinder angeben, oft Schwimmen zu gehen, tun dies ca. 31% der nicht-armen Kinder oft, und auf die Frage, wie oft sie Sport treiben, antworten ebenfalls nur 50% der ärmsten Kinder, aber 64% der nicht-armen, sie täten dies oft. Umgekehrt sagen 72% der ärmsten Kinder, dass sie nie in Einkaufszentren spielen. Bei den nicht-armen Kindern sind dies 86%. Diese haben offenbar andere und bessere Möglichkeiten zum Spielen. Nur 6,7% der ärmsten Kinder leihen oft Bücher aus der Stadtteilbibliothek aus; 20% der nicht-armen tun dies dagegen oft.
Eventuell verhilft höhere Bildung auch dazu, Vergünstigungen bei den Vereinen überhaupt in Anspruch nehmen zu können. Die Zahlen zeigen jedenfalls, dass u.a. die Förderung der Vereinsmitgliedschaft armer Kinder – sei es durch Freigrenzen bei den Beiträgen, durch städtische Zuschüsse für diese Kinder und durch verstärkte Beratung bei bildungsfernen Eltern – einen Beitrag zur Stärkung der Teilhabe armer Kinder leisten könnte.
Inwieweit auch in Zeiten der sinkenden Einnahmen der Gemeinden eine Politik der gezielten Förderung von Kindern und Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien aufrechterhalten oder verstärkt werden kann, dürfte zu einem Prüfstein für eine Politik werden, die Integration fördern und Exklusion vermeiden möchte.
Fragt man danach, welchen Einfluss Armut auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder hat, ist es sinnvoll, zunächst von der ökonomischen Lage des Haushalts auszugehen. Erst dann sollte man danach fragen, welche Auswirkungen etwa Bildungsarmut des Haushalts oder fehlendes Sozialkapital unabhängig von der ökonomischen Armut auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes hat.
Es ist bekannt, dass sich die Lebensumstände von Kindern, die in armen Haushalten aufwachsen, in vielerlei Hinsicht von denjenigen anderer Kinder unterscheiden. Ihre materielle Grundausstattung ist in fast allen Beziehungen schlechter, sie haben früh eine beeinträchtigte Gesundheit, schon bei Schuleintritt sind ihre Bildungsvoraussetzungen schlechter und auch im Sozialverhalten zeigen sich schon Benachteiligungen gegenüber den anderen Kindern, die dann wieder zu Benachteiligungen in der weiteren sozialen Interaktion führen.
Auch wenn diese Benachteiligungen in vielen Bereichen durchaus bekannt sind, sind die Entstehungsprozesse im Einzelnen nicht aufgeklärt. Wie sich Kinder unter dem Einfluss von Armut entwickeln, gilt auch in der deutschen Forschung als weitgehend ungeklärt. Bisher standen bei diesen Untersuchungen stets die Lebensumstände der Kinder im Vordergrund, nicht aber die Frage, wie sich die Kinder selbst entwickeln oder schon entwickelt haben.
Mit den Daten des DJI-Kinderpanels lassen sich für den deutschen Sprachraum erstmalig systematisch die Analyse von Lebensbedingungen während der Grundschulzeit mit den „outcomes“ auf Seiten der Kinder kurz vor oder nach dem Übertritt in die Sekundarstufe I des Schulsystems verbinden. Wegen der Größe des Panels und der systematischen Erhebung zu Einkommen und Haushaltsstruktur und -größe und der fortlaufenden Erhebung von Persönlichkeitsmerkmalen der Kinder ist es möglich, danach zu fragen, ob sich die aktuell herrschende ökonomische Situation oder eher eine längerfristig anhaltende Armutslage des Haushalts auf Persönlichkeitsmerkmale der Kinder am Ende der Untersuchungszeit auswirkt oder ob die Persönlichkeit stärker von außerökonomischen Faktoren abhängt.
Erfassung von fünf Persönlichkeitsdimensionen
Als Ausdruck der Persönlichkeit des Kindes greifen wir auf die von uns eingesetzten Persönlichkeitsskalen zurück. Wir haben die folgenden fünf Persönlichkeitsdimensionen erhoben:
In allen fünf Dimensionen wurden diese sowohl über die Angaben der Mütter zu ihren Kindern als auch durch die Angaben der Kinder selbst erhoben. Die Armutserfahrung im Sinne der ökonomischen Armut wurde wieder über die gängige Einkommensarmut erfasst. Damit lässt sich feststellen, wie oft sich die Kinder in den letzten vier Jahren vor der letzten Befragung in Armut befunden haben.
Vergleich dauerhaft armer und nicht-armer Kinder
Verglichen werden die Kinder aus dauerhaft armen Familienverhältnissen mit Kindern, die während der letzten vier Jahre keine Armut erlebt hatten. Als weitere bedeutsame Faktoren haben wir die Bildung der Mutter als Indikator für das Bildungsniveau in der Familie und die Familienstruktur – Kernfamilie versus Alleinerziehende oder Stieffamilie – als Indikator für die alltäglichen Umweltbedingungen herangezogen.
Deutliche und zum Teil hoch signifikante Unterschiede für die Persönlichkeit der Kinder finden wir für sich genommen in sämtlichen Dimensionen, ausgenommen der sozialkognitiven Aufgeschlossenheit, für alle Faktoren. Das gilt sowohl für die Müttereinschätzung als auch die Selbsteinschätzung der Kinder.
Armut und motorische Unruhe
Dauerhafte Armutserfahrung in der Grundschulzeit bewirkt am Ende der Grundschulzeit eine deutlich erhöhte motorische Unruhe der Kinder gegenüber den Kindern, die in dieser Zeit nicht unter Armutsbedingungen aufgewachsen sind. Vergleicht man die Kinder, die aktuell in Armut leben (unter der 50%-Einkommesmedian-Grenze) mit denen, die über dem Durchschnittseinkommen leben, so finden wir ein ganz ähnliches Resultat. Allein für die motorische Unruhe können wir zuverlässig behaupten, dass diese durch die aktuelle Armut bestärkt wird. Da aktuelle Armut (unter 50%-Grenze) und dauerhaftes Prekariat (mehrfach unter 75%-Einkomensmedian) hoch korrelieren, lässt sich noch nicht feststellen, welcher der beiden Faktoren den Ausschlag gibt. Theoretisch ist zu erwarten, dass das längerfristig stabile Merkmal „motorische Unruhe” eher durch die dauerhafte Armutserfahrung als von der situativen Armut geprägt wird.
Bildungsgrad der Mutter
Ziehen wir zum Vergleich den Bildungsgrad der Mutter heran, so zeigt sich, dass erneut die „motorische Unruhe“ zu signifikanten und zuverlässigen Unterschieden führt, wenn man die unteren und die obersten Bildungsgruppen vergleicht. Allerdings besteht ein wesentlicher Unterschied zu den Einkommensgruppen: Die Differenz zeigt sich nur in der Muttersicht, nicht bei den Tests an den Kindern selbst. Mütter mit höherer Bildung schätzen ihr Kind als weniger unruhig ein als solche mit niedriger Bildung. Dies könnte eine Folge der durch die höhere Bildung ermöglichten differenzierteren Wahrnehmung des Kindes und einer damit zusammenhängenden zurückhaltenderen Bewertung des Bewegungsdrangs des Kindes sein.
Familienstruktur
Als weitere strukturelle Bedingung für das Aufwachsenn des Kindes, die einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben könnte, haben wir die Familienstruktur herangezogen, wobei wir die klassische Kernfamilie kontrastieren mit Alleinerziehenden und Stieffamilien. Es zeigt sich, dass hier signifikante Differenzen in den beiden Dimensionen „Externalisierung“ und „motorische Unruhe“ vorzufinden sind. In beiden Fällen bestehen die erheblichen Differenzen sowohl bei den Mütterangaben als auch bei den Befunden der Kinder selbst.
Die Familienstruktur wirkt sich bei der „Externalisierung“ deutlich stärker aus als die materiellen Lebensumstände. Auch bei der „motorischen Unruhe“ hat die Familienstruktur offenbar erheblichen Einfluss. Freilich ist wieder zu beachten, dass Alleinerziehende und auch Stieffamilien häufiger von Armut betroffen sind als Kernfamilien, so dass nicht auszuschließen ist, dass hier zumindest ein kumulativer Effekt vorliegt: Der Interaktionsstress ist höher und wird noch durch die materielle Lebenslage verstärkt, so dass sich höhere motorische Unruhe und Nervosität einstellen.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Schließlich haben wir überprüft, welchen Einfluss das Geschlecht der Kinder in diesem Zusammenhang hat. Jungen und Mädchen unterscheiden sich signifikant im Hinblick auf die motorische Unruhe. Gleiches gilt auch bei der Externalisierung. Darin sind sich Mütter wie ihre Söhne einig.
Armutsdauer als entscheidender Faktor
Überprüft man diese Aussagen auf ihre Zuverlässigkeit in multifaktoriellen Rechnungen, so zeigt sich aber, dass nur für die Dimension “motorische Unruhe” eine Abhängigkeit zuverlässig festgestellt werden kann.
Bei der Überprüfung der Frage, welche dieser vier Struktur-Faktoren den deutlichsten Einfluss auf die motorische Unruhe hat, ergab sich folgende Konstellation: primär wirkt die Dauer der Armut, dann erst die Bildung der Mutter, das Geschlecht und die Familienart. Neben der Dauer der Armut spielt die aktuelle Armut keine eigenständige Rolle mehr.
Bemerkenswert ist die Abhängigkeit vom Geschlecht. So zeigt sich bei den Jungen, dass im wesentlichen zwei Faktoren erheblich sind: die Dauer der Armut und der Familientyp. Für die Mädchen gilt dagegen: neben der Dauer der Armut und dem Familientyp ist auch die Bildung der Mutter von Bedeutung.
Diese wirkt sich nur bei den Mädchen stark auf das Ausmaß der Externalisierung aus. Bei niedrigerer Bildung der Mutter ist die Externalisierung stärker ausgeprägt. Untersucht man den Zusammenhang noch genauer, zeigt sich, dass die Bildung der Mutter und die Dauer der Armut in ihrem Einfluss auf die Externalisierung eine Wechselwirkung entfalten: Dauerhafte Armut fördert Externalisierung bei Mädchen insbesondere dann, wenn anhaltende Armut mit niedriger Bildung der Mütter zusammen trifft.
Bedeutung der Gleichaltrigenbeziehungen
Die Fortführung familialer Erfahrungen und Beziehungsmuster z.B. durch die Anerkennung und Unterstützung der Mutter und ein positives Familienklima, tragen wesentlich zu guten Peerbeziehungen bei. Fehlt die mütterliche Unterstützung oder herrscht ein negatives Familienklima verdoppelt sich das Risiko, nur über wenig unterstützende Peerbeziehungen verfügen zu können. Allerdings zeigte sich, dass dieser Einfluss nur in sehr beschränktem Umfang zu Auswirkungen führt. Mit anderen Worten: Familiale Erfahrungen und Beziehungsmuster determinieren nur sehr begrenzt die Gleichaltrigenwelt.
Die eigentliche Bedeutung der Peers für die Entwicklung der Kinder liegt in der Qualität und dem Unterstützungspotential der Gleichaltrigenbeziehungen. Unterstützende Beziehungen gehen stets einher mit positiven Einflüssen auf die Persönlichkeitsmerkmale der Kinder: einer höheren sozialen und kognitiven Aufgeschlossenheit, einem positiveren kindlichen Selbstbild und weniger externalisierenden Verhaltenstendenzen. Dabei trägt selbstverständlich auch die Familie ihren Teil bei.
Sozio-strukturelle Faktoren
Ergänzend sei auf die Bedeutung sozio-struktureller Faktoren hingewiesen: Schlechte Wohnverhältnisse und ein wenig kindgerechtes Wohnumfeld erweisen sich als abträglich für die kindliche Aufgeschlossenheit und ein positives Selbstbild, zudem fördern sie externalisierendes Verhalten.
Insgesamt können ein Viertel der Unterschiede in der Aufgeschlossenheit der befragten Kinder und ihrem externalisierenden Verhalten durch Unterschiede in den betrachteten familialen und Gleichaltrigenbeziehungen erklärt werden, in Bezug auf das kindliche Selbstbild liegt dieser Anteil mit einem Sechstel deutlich niedriger. Zu beachten bleibt freilich, dass die materielle Lebenslage und die Ausformung der Peerbeziehungen einen starken Zusammenhang aufweisen. Insbesondere Kinder aus ökonomisch gut situierten Haushalten haben deutlich größere und stärker unterstützende Peer-Netze als Kinder aus armen Haushalten. Wie am Beispiel der Gleichaltrigen-Beziehungen zu sehen ist, wirkt Armut also auch indirekt auf die Persönlichkeitsentwicklung ein.
Insgesamt ist festzustellen, dass sich vielfältige direkte und indirekte Zusammenhänge zwischen Armut und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder zeigen, dass es aber daneben sowohl solche Persönlichkeitszüge gibt, die nach der bisherigen Datenlage als relativ unabhängig von strukturellen Lebenslagen angesehen werden müssen. Darüber hinaus nehmen weitere Faktoren wie etwa die Gleichaltrigenbeziehungen oder das Familienklima deutlich Einfluss auf die Entwicklung der Kinder.
Offene Fragen stellen sich insbesondere nach dem Einfluss der Lebenslagen auf die frühkindliche Entwicklung und die Ausprägung von relativ stabilen Persönlichkeitsmerkmalen in dieser Phase und nach der Abhängigkeit förderlicher oder ungünstiger Entwicklungskontexte – wie dem Familienklima und den Peerbeziehungen – von strukturellen Lebensbedingungen. Wünschenswert wäre hier eine Verbesserung der Datenlage in Deutschland auf ein Niveau, wie es etwa in Groß-Britannien oder den USA längst erreicht ist.
Unabhängig davon zeigt sich jedoch schon heute, dass eine gezielte Förderung der Kinder aus armen Haushalten dringlich ist, wenn man grundlegende Entwicklungsnachteile kompensieren will, und dass diese nicht nur bei der materiellen Unterstützung ansetzen, sondern ein breites Spektrum der sozialen und kulturellen Entwicklung der Kinder anregen und fördern muss.
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Blick von außen
Dr. Wolfgang Gern, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz
Kinderarmut – ein Skandal in einer reichen Gesellschaft
Dr. Wolfgang Gern, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz

Jedes vierte Kind ist arm – und Deutschland war noch nie so reich wie heute. Die Kinderarmut in Deutschland wächst, wie auch bei Familien generell die Armutsrisiken gestiegen sind. Besonders hoch ist das Risiko arm zu sein für Alleinerziehende mit Kindern.
Die beiden bisher vorgelegten Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung belegen eine Zunahme von Armut und folglich auch von Kinderarmut. Armut ist relativ und bezeichnet ein relatives Maß an sozialer Ungleichheit, das Betroffene daran hindert, sich ihrer persönlichen Fähigkeiten gemäß zu entfalten, sich optimal zu entwickeln und selbstbestimmt am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen.
Während früher hauptsächlich Rentnerinnen von Armut betroffen waren, bilden junge Menschen seit Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre die am häufigsten und am stärksten bedrohte Altersgruppe. Deshalb spricht man heute auch von einer „Infantilisierung“ der Armut. Nach Aussage der Bundesagentur für Arbeit lebten im März 2007 von den 11,4 Millionen Kindern unter 15 Jahren, die es in der Bundesrepublik gibt, über 1,9 Millionen in Hartz-IV-Haushalten. Offenbar geht die konjunkturelle Belebung auf dem Arbeitsmarkt vor allem an den Alleinerziehenden, meist Frauen, vorbei. Im August 2007 erreichte die Zahl der Jungen und Mädchen bis 15 Jahre, die von staatlicher Unterstützung leben, mit 2,6 Millionen einen neuen Höchststand. Der Kinderschutzbund geht von etwa 2,8 bis drei Millionen armer Kinder aus, wenn die sogenannte Dunkelziffer berücksichtigt wird: Kinder in Sozialhilfehaushalten, Kinder in Flüchtlingsfamilien, die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zirka ein Drittel weniger als die Sozialhilfe erhalten, sowie Kinder von Illegalen, die überhaupt keine Transferleistungen beantragen können, weil sie sonst ausgewiesen und abgeschoben würden.
Es gibt Kinderarmut mitten im Wirtschaftsaufschwung und auf dem Höhepunkt der Reichtumsentwicklung in Deutschland. Ja, Deutschland war noch nie so reich, wie es derzeit ist. Und Reichtum in Deutschland ist vor allem privater Reichtum. Die vermögendsten zehn Prozent der westdeutschen Haushalte besitzen 45 Prozent des gesamten Nettovermögens in Deutschland. Es gibt also zugleich nicht wenige Menschen, die immer reicher werden, während immer mehr verarmen.
Kinderarmut ist Einkommensarmut – und noch viel mehr
Als Ursachen für Armut werden in Deutschland vor allem Arbeitslosigkeit, Alleinerziehung, Kinderreichtum und Migrationshintergrund genannt. Mehr als 1,2 Millionen Menschen gehen arbeiten, bekommen aber zugleich Leistungen nach den Hartz-IV-Regeln. Darunter sind zu etwa 50 Prozent auch Beschäftigte, die einen Vollzeit-Job haben. Oft reicht der Lohn für eine Person, deckt aber nicht die Kosten einer Familie.
In der Tat, das Armutsrisiko steigt mit der Geburt von Kindern – besonders dort, wo die Lebensbedingungen bereits prekär sind. Zwischen den prekären Lebenslagen von Familien, den psychosozialen Folgen für die Kinder und Sozialisationsdefiziten besteht ein Kausal- und Wechselverhältnis, das in einen »Teufelskreis der Armut« führen kann.
Kinder aus armen Familien sind also in mehrfacher Hinsicht benachteiligt und ausgegrenzt. Ihnen fehlen nicht nur materielle Dinge, sondern ihnen mangelt es auch an Entfaltungsmöglichkeiten, Spielmöglichkeiten und Chancengerechtigkeit. Sie leben häufig in beengten Wohnverhältnissen, in vernachlässigten Stadtteilen mit schlechten Schulen und fehlenden Kindertageseinrichtungen. Kurz gesagt: Arme Kinder leben in einem Kreislauf, der Armut und Ausgrenzung verstärkt. Ihre Chancen zu einem guten Start ins Leben sind deutlich geringer.
Separate Transferleistungen an Familien, losgekoppelt von Steuer-, Familien- und Bildungspolitik werden wenig oder gar nichts bewegen und sind eher kontraproduktiv. Aber eine existenzsichernde Grundsicherung für Kinder sowie umfassende Förder- und Betreuungsangebote wären erste Schritte, um Kinderarmut zu vermeiden.
Bildung allein reicht nicht – Arbeitsplätze fehlen
Dass Kinder in armen Familien aufwachsen, beengt und finanziell prekär und mit geringer Schulbildung, ist dramatisch genug. Dass sich diese Verhältnisse verfestigen, ist noch dramatischer. Die Abwärtsspirale setzt dann ein, wenn Familien in einer Welt aus Unsicherheit und Armut gefangen sind. Wenn aus Kindern armer Eltern arme Eltern werden, dann werden soziale Lebenschancen vererbt, auch dann, wenn aus Kindern reicher Eltern wieder reiche Eltern werden.
Ursächlich für Armut ist die jeweilige Erwerbsstruktur in den Familien. Arme Kinder sind Kinder armer Eltern. Kinderarmut ist dort am größten, wo Eltern Schwierigkeiten haben, sich auf dem Arbeitsmarkt zu positionieren, das heißt vor allem bei Alleinerziehenden, bei Familien mit vielen, drei oder mehr Kindern, und bei Familien mit Migrationshintergrund. Die Pädagogisierung von Armut lenkt vom Problem ab. Durch Bildung lässt sich Armut nicht bekämpfen, solange Arbeitsplätze fehlen. Es findet dann ein Wettbewerb um wenige Arbeitsplätze auf einem höheren und besseren Bildungsniveau ab. Die Mehrheit aller Arbeitslosen hat eine Berufsausbildung. Die Gründe für das vermehrte Auftreten von Armut liegen auf drei Ebenen:
Zunahme von nicht existenzsichernder Arbeit/Niedriglohnsektor: Der eigentliche Hebel für eine Lösung des Problems besteht in existenzsichernden Jobs. Im Produktionsprozess löst sich das Normalarbeitsverhältnis auf. Prekäre und atypische Arbeitsverhältnisse mehren sich, die es immer mehr Menschen immer weniger erlauben, mit ihrem Einkommen auskommen zu können. Während früher die Politik atypische Arbeitsverhältnisse zurückgedrängt hatte, werden sie jetzt politisch gefördert (Ausbau des Niedriglohnsektors, Deregulierung, Flexibilisierung).
ALG II / Hartz IV-Regelsatz zu niedrig: Der bewusst zu niedrig angesetzte ALG II-Satz sollte die Bereitschaft zur Aufnahme von Arbeit um jeden Preis und zu jedem Preis fördern. Hartz IV hat die finanzielle Lage von Arbeitslosen bewusst verschlechtert und dadurch erhebliche materielle Einschränkungen für betroffene Kinder erzeugt. Zudem fielen die sog. einmaligen Sonderbeihilfen, etwa für Kleidungsstücke, defekte Haushaltsgeräte oder Schulmaterialien, weg.
Öffentliche Armut: Die Ausstattung der sozialen Infrastruktur ist nicht unerheblich für die Bewältigung von Armutslagen. Die Öffentliche Armut, die durch eine „Politik der leeren Kassen“ (Segbers) erzeugt wurde, ist deshalb armutsverschärfend.
Familien gerecht werden – Umbau des Sozialstaates fördern
Bereits das Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen hat im Jahre 1997 darauf hingewiesen: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss ausgebaut werden, die weibliche Erwerbsbeteiligung muss gestärkt werden, der männliche Anteil an der Haus- und Erziehungsarbeit muss endlich zur gesellschaftlichen Normalität werden. Und vor allem: Kindertageseinrichtungen gehören zum festen Bestandteil einer familienfreundlichen Gesellschaft. Der Ausbau der Infrastruktur kann freilich die finanzielle Entlastung nicht ersetzen. Die monetären Leistungen des Staates müssen zielgerichtet sein auf die Vermeidung von Armut. Das Gießkannenprinzip halte ich für ungeeignet und für gesamtgesellschaftlich unzeitgemäß.
Anwaltschaft wahrnehmen – Träger der Kitas sind gefragt
Das bedeutet für die Kindertagesstätten: Auch hier müssen wir uns bewähren als Anwälte der Kinder, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Sie haben ja sonst keine Stimme oder keine Lobby. Kinderarmut ist nicht allein ein Problem der betroffenen Familien. In den Kindertagesstätten übernehmen wir mit der Dienstleistung eine weitergehende Verantwortung. Diese Verantwortung schließt ein, dass wir die Gründe der Armut kennen lernen, im Einzelfall helfen und vor allem für eine gute Integration auch der sozial benachteiligten Kinder in der Kindertagesstätte Sorge tragen. Kein Kind darf verloren gehen.
Den Paradigmenwechsel einläuten – Land für Kinder werden
An unserem Umgang mit den Kindern entscheidet sich, ob unsere Gesellschaft zukunftsfähig ist. Auch Deutschland soll ein Land für Kinder sein, ein Land, in dem wir nicht zulassen, dass Kinder verwahrlosen. So hat es auch Bundespräsident Horst Köhler in seiner Antrittsrede gesagt. Und er wollte damit sagen, dass wir – wo wir mit und für Kinder arbeiten – die Öffentlichkeit sensibilisieren müssen. Dazu können Runde Tische zu Kinderarmut helfen wie zum Beispiel in Darmstadt, dazu können Kirchenvorstände in Verbindung mit Kommunen beitragen, dazu braucht es die Beratungsangebote von Caritas und Diakonie in sozialen Brennpunkten, dazu helfen die Kindertagesstätten, die ihre Dienstleistung mit Lobbyarbeit, Elternarbeit und Öffentlichkeitsarbeit verbinden.
Fazit
Um den Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung zu überwinden, muss die Integration in existenzsichernde Erwerbsarbeit gelingen. Eine eigenständige Grundsicherung für Kinder und der Ausbau kostenloser Kinderbetreuung ist eine notwendige Unterstützung aller Familien. Ebenso muss die Vereinbarkeit von Familienarbeit und Berufstätigkeit seitens der Arbeitgeber verbessert werden. Im Übrigen müssen die Infrastruktur für Kinder und die Beratungsangebote für Familien – vor allem in sozialen Brennpunkten – öffentlich abgesichert werden.
Dr. Wolfgang Gern (Jg. 1951) studierte in Berlin und Heidelberg, ist Pfarrer der evangelischen Kirche, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau und seit 2007 Sprecher der Nationalen Armutskonferenz. Die Nationale Armutskonferenz (nak) ist ein Zusammenschluss der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, bundesweit tätiger Fachverbände und Selbsthilfeorganisationen und des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Die Konferenz gründete sich im Herbst 1991 als deutsche Sektion des Europäischen Armutsnetzwerkes.
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Dr. Wolfgang Gern
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Menschen im Profil Dr. Dr. Gerhard Beisenherz, DJI
Dr. Dr. Gerhard Beisenherz, DJI
Herr Dr. Beisenherz, Sie haben gleich in drei Fächern Studienabschlüsse vorzuweisen. Welches Fach studieren Sie denn als nächstes? Psychologie?Mit Sicherheit nicht mehr. Vielmehr interessieren mich gerade besonders die neueren Entwicklungen in den statistischen Methoden, denn die Aufarbeitung von großen Datenmengen hat ja eine rasante Entwicklung genommen, von der auch die Soziologie noch stärker profitieren könnte und sollte. Abgesehen davon werde ich mich nach meiner Zeit am DJI sicher wieder mehr der Physik widmen, denn auch dort sind ja in den letzten Jahren durch die Geräteentwicklung und neue computerisierte Auswertungsverfahren unglaublich spannende Entdeckungen gemacht worden. |
Gerhard Beisenherz (Jahrgang 1943) stammt aus einem kleinen Ort in der Nähe von Solingen im Bergischen Land. Dort wächst er gemeinsam mit seinem älteren Bruder auf. Die Mutter ist Zahnärztin, der Vater, der erst 1955 aus der Gefangenschaft heimkehrt, ist der praktische Arzt am Ort. Mit der Schule haben die beiden Brüder nicht viel im Sinn, Versetzungen sind gefährdet, mal muss ein Schuljahr in der ‚Quinta’ wiederholt werden.
Erst später auf dem Gymnasium sind es einzelne Lehrer, die es schaffen, Gerhard Beisenherz für das Lernen zu begeistern. Besonders der Lehrer für Deutsch, Kunstgeschichte und Geschichte hat einen sehr eigenen und einprägsamen Unterrichtsstil. Er nimmt seine Schüler ernst und behandelt sie schon in der Obersekunda wie Studenten, verteilt Bücher zur Heimlektüre und Vorbereitung von Referaten, macht Block- und Projektunterricht, unterrichtet drei Stunden Kunst am Stück, und weckt das Interesse für Politik und Geschichte. Dieser prägende Unterricht bringen Gerhard Beisenherz wenig später in die Zwickmühle, als es nach dem Abitur darum geht, sich 1963 für ein Studienfach zu entscheiden. Seine Begeisterung für die Philosophie und Germanistik treten in Konkurrenz zu seinem Interesse und den ebenfalls sehr guten Leistungen in Mathematik und Physik.
Letztendlich räumt Gerhard Beisenherz den Naturwissenschaften den Vorrang ein, und beschließt, die anderen Disziplinen in einer Art Studium Generale quasi nebenbei zu ihrem Recht kommen zu lassen. Eine Erbauung auf hohem Niveau, denn die Universität in Bonn kann in den 1960er Jahren mit Benno von Wiese in der Germanistik oder Heinrich Lützeler in der Kunstgeschichte Spitzenbesetzungen vorweisen. Ergänzend zum Studium der Elemententarteilchenphysik gewinnen für Gerhard Beisenherz philosophische und wissenschaftstheoretische Fragegestellungen zunehmend an Bedeutung.
Daneben engagiert er sich auch in der Hochschulpolitik, wird Sprecher der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn und ist als Mitglied des Verbandes deutscher Studentenschaften (VDS) Gründungsmitglied der Universität Bielefeld.
Nach dem Abschluss seiner Diplomarbeit in Physik sucht Gerhard Beisenherz 1968 nach einer Möglichkeit, von Bonn fort zu kommen und findet sie – in Bayern, an der Technischen Universität München (TUM) bei einem liberal eingestellten Professor, der sehr an Gerhard Beisenherz’ theoretischen Forschungsergebnissen zur Streutheorie interessiert ist.
München, das sich Ende der 1960er Jahre auf die Olympischen Spiele vorbereitet, präsentiert sich dem Zugereisten vorwiegend als Baustelle, die aber zumindest im Winter mit echtem Schnee mitten in der Stadt bedeckt ist.
Sein Interesse an der Hochschulpolitik ist nach wie vor ungebrochen. In diesem Zusammenhang liest Gerhard Beisenherz vermehrt soziologische Texte, die vor allem der Suhrkamp Verlag in seiner Regenbogen-Taschenbuchreihe stw anbietet. Beisenherz wird Mitglied des Bundesvorstandes der Bundesassistentenkonferenz (BAK) und des Bundesausschusses Hochschule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Um sein „Hobby-Soziologie-Studium“ auf eine solide Basis zu stellen, immatrikuliert er sich noch während der Arbeit an seiner Physik-Dissertation 1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität für das Studium der Sozialwissenschaften. 1974 erhält er die Promotion zum Dr. rer. nat. in theoretischer Physik.
Während seines zweiten Studiums hat Gerhard Beisenherz den Eindruck, dass für Soziologen ein gewisses Maß an juristischen Kenntnissen kein Schaden ist und beginnt daraufhin mit dem Besuch erster Vorlesungen und Seminare der Rechtswissenschaften.
Die Dissertation, mit der Gerhard Beisenherz sein zweites Studium abschließt, ist (u.a.) eine kritische Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas und trägt den Titel: Legitimation durch Vertrauen. Eine Untersuchung zum Wandel der Legitimation im fortgeschrittenen Kapitalismus.
Seine juristischen Grundkenntnisse kann Gerhard Beisenherz kurz darauf in einem spektakulären Rechtsstreit weiterentwickeln, der ihn selbst betrifft. Der Einspruch gegen die Beendigung seines Arbeitsverhältnisses an der LMU München führt ihn bis zum Bundesarbeitsgericht und endet mit einem Sieg. Der hoch kompetente und kämpferische Jurist, der ihn auf diesem Weg begleitet, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck und bestärkt Gerhard Beisenherz darin, das Jurastudium weiter zu verfolgen – auch noch, als er als frisch gebackener Vater und Ehemann 1978 nach einer Festanstellung sucht.
Die ursprünglich angedachte Hochschulkarriere lässt sich in der damaligen Situation zwar nicht weiter verfolgen, aber das Deutsche Jugendinstitut (DJI) sucht einen Wissenschaftlichen Referenten. In den ersten zehn Jahren arbeitet Gerhard Beisenherz dort im Sonderforschungsbereich 333, der sich am DJI der Jugend- und Schulforschung widmet – mit den Schwerpunkten Sozialisation, Identitätsentwicklung und Interessensentwicklung Jugendlicher. Ab 1986 kommt die Tätigkeit in der Forschungsabteilung Medien des DJI hinzu. Hier analysiert Gerhard Beisenherz – mit dem Aufkommen der ersten Computer – den Umgang Jugendlicher mit den Medien, den Einsatz von Medien im Kindergarten und die Zusammenhänge von Werbung und kindlichen Bedürfnissen.
Nach dem erfolg bestandenen 1. juristischen Staatsexamen entschließt sich Gerhard Beisenherz 1988, die Stundenzahl am DJI zu reduzieren und das juristische Referendariat zu absolvieren. Bis zum 2. Staatsexamen übernimmt er für das DJI vorwiegend redaktionelle und herausgeberische Tätigkeiten. Seit 1992 widmet sich Gerhard Beisenherz als Anwalt in seiner Kanzlei dem Zivilrecht. Neben Familien-, Miet-, Erb- und Wohnungseigentumsangelegenheiten sowie Markenrecht sind dies auch Fälle aus dem Sozial- und Arbeitsrecht.
Am DJI ist er seitdem mit einer halben Stelle tätig. In einem Ein-Mann-Projekt beginnt er 1998 mit der Vorbereitung für die Sozialberichterstattung über Kinder am DJI. Diese Vorarbeiten können später für ein DJI-eigenes Kinderpanel genutzt werden, eine Längsschnittstudie zu den Lebenslagen von Kindern über einen Zeitraum von fünf Jahren, dessen Vorbereitung Ende 2000 beginnt.
2001 stellt Gerhard Beisenherz sein Buch „Kinderarmut in der Wohlfahrtsgesellschaft. Das Kainsmal der Globalisierung“ fertig, dass 2002 erscheint – dem Startjahr für die erste Befragungswelle des DJI-Kinderpanels, das entwicklungspsychologische Instrumentarien mit soziologischen Fragestellungen verbindet. Vier Bände mit Auswertungen der Daten sind bereits erschienen, der fünfte ist in Vorbereitung. Gerhard Beisenherz wertet die gewonnenen Daten anhand unterschiedlicher Fragestellungen, vor allem im Zusammenhang mit der Armut von Kindern, aus.
Das aktuelle Projekt, an dem Gerhard Beisenherz arbeitet, heißt „Digital Divide“ und geht der Frage nach, wie sich die Benachteiligung von Kindern aus bildungsfernen Schichten in der formellen und informellen Bildungsentwicklung – zum Beispiel durch eine bestimmte Art der Mediennutzung – ausprägen und verfestigen, und welche sozial-politischen Maßnahmen einer daraus resultierenden weiteren sozialen Polarisierung entgegen gesetzt werden könnten.
DJI Online / Stand: 1. November 2007
Links DJI-Projekte, Gespräche, Themen
DJI Kinderpanel
Die Längsschnittstudie bietet im Sinne einer Sozialberichterstattung sowohl die differenzierte Beschreibung der Lebenslagen von Kindern, als auch die Untersuchung der Einflüsse von ökonomischen, familienstrukturellen und gesellschaftlichen Faktoren auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.
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DJI Projekt: Digital Divide - Digitale Kompetenz im Kindesalter
Ausgehend von der These, dass Verschiedenheiten im Zugang und Umgang mit Computer und Internet zu einer "digitalen Spaltung" der Gesellschaft beitragen, wird im Projekt untersucht, ob und wie sich im Kindes- und Jugendalter über die digitalen Medien soziale und schullaufbahnrelevante Ex- und Inklusionsprozesse vollziehen.
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DJI Projekt: Opstapje - Schritt für Schritt
Ein präventives Förderprogramm für Kleinkinder aus sozial benachteiligten Familien
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DJI Thema: Opstapje - Präventivförderung für Zweijährige
Interviews – Vorträge – Informationen
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DJI Projekt: Armutsprävention bei Alleinerziehenden
Das Projekt hat in Nürnberg die Entwicklung kommunaler Strategien zur Armutsbekämpfung bei Alleinerziehenden mittels der Vernetzung von Hilfen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt begleitet.
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DJI Gespräch: Unterstützung für Alleinerziehende
Mit Dorit Sterzing, der Leiterin des DJI Projekts „Armutsprävention bei Alleinerziehenden“.
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DJI Projekt: Familien in prekären Situationen
Die Untersuchung "Prekäre wirtschaftliche Situationen von Eltern mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt" rekrutierte ihre Zielgruppe von Befragten aus der Querschnittsuntersuchung des "DJI-Familiensurvey 2000" (Dritte Welle). In dieser Untersuchung wurde eine Teilgruppe von 3328 Eltern mit Kindern unter 18 Jahren zum wirtschaftlichen Verhalten von Eltern unter unterschiedlichen Versorgungsbedingungen befragt.
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Children's Rights Publications
DWP - Resource centre - Statistics & research - Research - Families and Children Study
First United Nations Decade for the Eradication of Poverty 1997-2006
Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren
Inequality, Poverty and Socio-Economic Performance
Institute for Research on Poverty
Joint Center for Poverty Research: Home Page
KIGGS - die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland
National Poverty Center - The University of Michigan
Sozialpolitik-aktuell: Zahlen und Schaubilder
Tacheles - Aktuelle Informationen zum Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe und Grundsicherung
UNICEF Innocenti Research Centre Home Page
DJI Online / Stand: 1. November 2007
Literatur DJI-Publikationen zum Thema Kinderarmut
Alt, Christian (2007): Kindermund tut Wahrheit kund. Sozialberichterstattung aus Sicht der Kinder. In: DJI Bulletin 77, Heft 4/2007, S. 4-7
Alt, Christian (Hrsg.) (2007): Kinderpanel - Start in die Grundschule. Bd. 3, Ergebnisse aus der zweiten Welle. Wiesbaden
Alt, Christian (Hrsg.) (2005): Kinderleben - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Bd. 1, Aufwachsen in Familien. Wiesbaden
Alt, Christian (Hrsg.) (2005): Kinderleben - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Bd. 2, Aufwachsen zwischen Freunden und Institutionen. Wiesbaden
Alt, Christian/Beisenherz, H. Gerhard (2007): Armut und Persönlichkeit. Anmerkungen zu Zusammenhängen zwischen Lebenslage und Persönlichkeitsfaktoren von Kindern. In: Jugend und Politik. (Hrsg.) Deutscher Bundesjugendring, 2007, Heft 1, 10-14
Bacher, Johann/Winklhofer, Ursula/Teubner, Markus (2007): Partizipation von Kindern in der Grundschule. In: Kinderpanel – Start in die Grundschule. Bd. 3, Ergebnisse aus der zweiten Welle. Wiesbaden, 271-298
Beisenherz, H. Gerhard (2007): Wohlbefinden und Schulleistung von Kindern armer Familien. Auswirkungen der Dauer von Armut auf Grundschulkinder. In: Kinderpanel – Start in die Grundschule. Bd. 3, Ergebnisse aus der zweiten Welle. Wiesbaden, S. 189-210
Beisenherz, H. Gerhard (2006): Wie man den gordischen Knoten schnürt. Zur Entwicklung der Kostenübernahme für die konduktive Förderung nach Petö. In: Gemeinsam Leben, 2006, Heft 1. Weinheim.
Beisenherz, H. Gerhard (2006): Concepts of Measuring Child Poverty. Paper presented at the WELLCHI Network Conference 2 Well-being of children and labour markets in Europe. Different kinds of risks resulting from various structures and changes in the labour Markets. Centre for Globalisation and Governance, University of Hamburg; March 31 – April 1, 2006. Online verfügbar unter: www.ciimu.org/wellchi/reports/conference2. Letzter Zugriff: [15.03.2007]
Beisenherz, H. Gerhard (2005): Armut gefährdet soziale Teilhabe. Ausgeschlossene fallen zurück - Ausgesuchte Resultate aus dem DJI Kinderpanel. In: Soziale Lage von Kindern und Jugendlichen. BJR (Hrsg.) Juna focus, 2005, Heft 12, 11-13
Beisenherz, H. Gerhard (2005): Ausgeschlossene fallen zurück. Soziale Lage von Kindern und Jugendlichen. In: Jugend Nachrichten. Zeitschrift des Jugendrings (KdöR) (Hrsg.). München, Jg. 59, 2005, Heft 12, 11-13
Beisenherz, H. Gerhard (2005): Kritische Analyse oder Selbstdarstellung? Anmerkungen zum zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. In: Familienpolitische Informationen (FPI). EAF Bayern., Jg. 16, 2005, Heft 3, 1-3
Beisenherz, Gerhard 2005): Sozialberichterstattung über Kinder. Ein Spagat zwischen dem autonomen Kind und gesellschaftlichen Erwartungen? In: Lutz, Ronald (Hrsg.): Kinderberichte und Kinderpolitik. Oldenburg. S. 15 -35.
Beisenherz, Gerhard (2005): Status, Education and Economic Situation as Influencing Factors to the Live Situation and Development of Children. In: Klöckner, Christian; Paetzel, Ulrich (Hrsg.): Kindheitsforschung und kommunale Praxis. Wiesbaden, 215-230
Beisenherz, H. Gerhard (2005): Wie wohl fühlst Du Dich? Kindliche Persönlichkeit und Umwelt als Quelle von Wohlbefinden und Unwohlsein bei Grundschulkindern. In: Alt, Christian (Hrsg.): Kinderleben – Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. DJI Kinderpanel Bd. 1. Wiesbaden, 157-186
Beisenherz, Gerhard (2004): Draußen vor der Tür. Wenn die Armut zum Ausschluss führt. Zur Situation der Kinder in einem reichen Land. Journal Kinderschutz Schweiz. In: Journal Kinderschutz Schweiz. Arme Kinder - armes Land., 2004, Heft 1, 12–19
Beisenherz, H. Gerhard (2004): Kinderarmut in der Wohlfahrtsgesellschaft: Zwischen Skandalisierung und Desinteresse. In: KJR Kreisjugendring München (Hrsg.): Arm dran? Dokumentation der Fachtagung der KJR München-Stadt vom 20.04.2004. München, 3-14
Beisenherz, H. Gerhard (2004): Pauvrete des enfants – la biographie, point de depart d ùne carrière d’exlusion. Moyens et strategies de lutte contre la pauvret’e et l’exclusion sociale des enfants et des jeunes. Office federal des assurances sociales. In: Aspects de la securit’e sociale. 2004, Heft 21, 23-33
Beisenherz, H. Gerhard (2003): Die ökonomische Situation des Haushaltes in Abhängigkeit von der soziodemographischen Zusammensetzung. Zur Deskription der Stichprobe der ersten Welle. Online verfügbar unter: www.dji.de/kinderpanel/Deskriptionen/Deskription_Oekonomie.pdf
Letzter Zugriff: [26.07.2007]
Beisenherz, H. Gerhard (2002): Kinderarmut in der Wohlfahrtsgesellschaft. Das Kainsmal der Globalisierung. Opladen: Leske + Budrich
Beisenherz, H. Gerhard (2001): Kinderarmut global und lokal. Armut als Exklusionsrisiko. In: Butterwegge, Christoph (Hrsg.): Kinderarmut in Deutschland 2000. Frankfurt/ New York.
Beisenherz, H. Gerhard (2001): Kinderarmut als verschämte Thematisierung sozialer Ungleichheit. In: DISKURS, Jg. 11, 2001, Heft 2, München
Betz, Tanja/Lange, Andreas/Alt, Christian (2007): Das Kinderpanel als Beitrag zur Sozialberichterstattung über Kinder - Theoretisch-Konzeptionelle Rahmung sowie methodologische und methodische Implikationen. In: DJI Kinderpanel - Start in die Grundschule. Bd. 3, Ergebnisse aus der zweiten Welle. Wiesbaden, 19-59
Haunberger, Sigrid/Teubner, Markus (2007): Familien und Schulstart. Zur Bedeutung intrafamilialer und struktureller Ressourcen für den Eintritt in die Grundschule. In: Christian Alt (Hrsg.): Kinderpanel - Start in die Grundschule. Bd. 3, Ergebnisse aus der zweiten Welle. Wiesbaden, 81-106
Steinhübl, David (2005): Sag mir wo du wohnst ... Risiken und Ressourcen unterschiedlicher Räume für Kinder. In: Christian Alt (Hrsg.) Kinderleben - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Bd.1, Aufwachsen in Familien. Wiesbaden, 239-276
Strehmel, Petra (2005): Weniger gefördert? Elterliche Arbeitslosigkeit als Entwicklungskontext der Kinder. In: Christian Alt (Hrsg.) Kinderleben - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Bd.1, Aufwachsen in Familien. Wiesbaden, 217-238
Walper, Sabine (1999): Auswirkungen von Armut auf die Entwicklung von Kinder. In: Lepenies, Annette u.a.: Kindliche entwicklungspotentiale. Normalität, Abweichung und ihre Ursachen. München: Deutsches Jugendinstitut
DJI Online / Stand: 1. November 2007
Ungleiche Startbedingungen bei Schulanfang können wesentliche Ursachen für spätere schulische Leistungsdifferenzen sein, vor allem dann, wenn Schule vorhandene Unterschiede eher verstärkt als diese auszugleichen sucht.
Ungleicher Start durch längere Armut
Die zweite Befragungswelle des DJI-Kinderpanels gibt für die jüngere Kohorte darüber Auskunft, ob Leistungsunterschiede in der Schule schon kurz nach Eintritt in die Grundschule auftreten. Für diesen Zeitpunkt haben wir die Angabe von 560 Müttern über die Lesekompetenz der erst kürzlich eingeschulten Kinder.
Insgesamt zeigt sich, dass etwa ein halbes Jahr nach dem Schuleintritt der Kinder nach der Einschätzung der Mütter noch keine deutliche armutsbedingte Leistungsdifferenzierung eingetreten ist. Ursächlich für diesen Befund kann sowohl eine noch bestehende relative Homogenität der Leistung, zufällig verteilte Erwartungen der Mütter an die Lese- und Rechenkompetenz zu diesem Zeitpunkt oder auch eine zu schwache Rückmeldung von Leistungsschwächen durch die Schule sein.
Nur Kinder, die schon länger in Armut leben, zeigen nach dem Urteil der Mütter schon deutliche Leseschwächen. Dieser Befund deutet darauf hin, dass anhaltende Armut vor dem Eintritt in die Grundschule für die Schulanfänger schon eine gravierende Benachteiligung beim Start darstellt. Zu dieser Frage sind weitere Untersuchungen mit objektivierten Leistungsbefunden dringend angezeigt.
Klarer Zusammenhang von Rechen- und Lesekompetenz und Armut
Die Schulleistungen im Rechnen und Lesen (gemessen bei der älteren Altersgruppe des Kinderpanels) werden durch die Dauer der Armut dann signifikant beeinträchtigt, wenn diese schon zwei bis drei Jahre anhält. Bereits in der erste Welle weisen Kinder der älteren Kohorte in unterschiedlichen Armutslagen zum Teil erhebliche Leistungsunterschiede in der Schule auf.
Bei Kindern, die schon vor der Erstbefragung in Armut lebten und dann darin verharrten, finden wir eine signifikante Differenz in der Rechenkompetenz zu den übrigen Kindern. Circa 46% dieser dauerhaft armen Kinder sind im Rechnen schlecht („nicht so gut“ oder „überhaupt nicht gut“) gegenüber 15% der gelegentlich armen Kinder und 20% der nie armen Kinder. Nur 8% der dauerhaft armen Kinder sind sehr gut in Rechnen gegenüber 41% bei den gelegentlich armen und 29% von den nie armen Kindern.
Die Lesekompetenz der 9- bis 10jährigen Grundschüler ist dagegen von der Armutslage generell beeinflusst. Die Kinder, deren Situation sich vor der Ersterhebung noch verschlechtert hat und/oder die seither dauerhaft in Armut verharren, weisen hochsignifikante Unterschiede in der Lesekompetenz gegenüber den dauerhaft nicht-armen Kindern auf. 48% der Kinder aus dieser Gruppe, die keine Armutsphase erfahren haben, werden als sehr gut im Lesen eingeschätzt, gegenüber 24% der Kinder in strenger Armut. Kinder, die gelegentliche Armutsphasen erfahren haben, sind immerhin noch zu 41% sehr gut.
Auswirkungen von Armut auf Selbsteinschätzung der Kinder
Interessant ist, dass die erheblichen Befindlichkeits- und Leistungsunterschiede, die sich hier in Abhängigkeit von der Dauer der Armutserfahrung zeigen, schon bei den älteren Grundschulkindern in Form der Beeinflussung kognitiver Deutungsmuster zum Schulerfolg reflektiert werden.
Um die Erfolgsattribuierung, also die Erklärung von Erfolg/Misserfolg durch eigene Leistung oder äußere Umstände, bei den Kindern zu testen, wurden diese gefragt, ob sie eine gute Arbeit schreiben, wenn sie sich vorher anstrengen. Von den Kindern, die nicht von Armut betroffen waren, bejahen 98% diese Frage; von den Kindern, die in anhaltender Armut leben, dagegen nur 89%. Einige Kinder bilden unter dem Einfluss der Armut und armutsbedingter Misserfolge also eine resignative Deutung ihrer Schulprobleme aus.
Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung ist niedriger als bei den gleichaltrigen Mitschülern. Es sind zudem wieder die Kinder, denen es vorher besser ging, bevor sie in Armut gerieten, die hier besonders reagieren. Auch oder gerade für Kinder ist demnach neben der Dauer der Armutslage selbst auch das Erleben der Verarmung ein wichtiger negativer Wirkungsfaktor auf die Schulerfahrung und -leistung.
Bestätigt hat sich unabhängig von arm oder reich die Überlegenheit der Mädchen bei den Schulleistungen. Im Rechnen, Schreiben und Lesen sind sie im Vorteil gegenüber den Jungen. Im Fach Heimat- und Sachkunde haben es insbesondere die ökonomisch deprivierten Kinder offensichtlich schwerer, eine sehr gute Note zu erhalten. Möglicherweise lässt sich dies auf die nicht im gleichen Umfang realisierbaren Aktivitäten im Freizeitbereich und auf das dadurch erschwerte Kennenlernen von lehrplanrelevanten Kenntnissen zurückführen.
Hier kann und sollte die Schule eben diesen Kindern durch spezielle Förderung, geordnete Strukturen, durch Beziehungsarbeit sowie durch kulturelle Angebote die Möglichkeit bieten, Folgen und Auswirkungen der Armut ein Stück weit zu kompensieren.
Alter und kindliches Wohlbefinden in der Schule
Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich gerade das schulische Wohlbefinden bei Kindern in Armutslagen von der 2. bis zur 4. Klasse verschlechtert. Abhängig ist das Wohlbefinden vor allem von der Intensität und Dauer der Armut. Sie spielt eine wichtige, aber differenziert zu sehende Rolle.
Fragt man Kinder danach, ob sie sich in der Familie, unter Freunden, in der Schule oder der Nachbarschaft wohl fühlen, so erhält man in der Regel eine positive Antwort. Einschränkungen werden nur selten oder vorsichtig gemacht. Daher wurden beim Indikator Wohlbefinden schon tendenzielle Einschränkungen (z. B. „Ich bin gerne in der Schule“ Antwort: eher nein) als Anzeichen für Unwohlsein gewertet. Nach dem Indikator zum Wohlbefinden fühlen sich in der 1. Welle des Kinderpanels 27,5% der achtjährigen Kinder eher unwohl. 29,4% wohl und 43,1% sehr wohl. Dabei unterscheiden sich Kinder, die an beiden Befragungen teilgenommen haben, deutlich von den dann ausscheidenden (24,4% unwohl gegenüber 29,8%).
Da in der 2. Welle der Befragung mehr Kinder teilnehmen, die in der Erstbefragung tendenziell ein höheres Wohlbefinden hatten als diejenigen, die ausgeschieden sind, ist besonders auffällig, dass sich in der 2. Welle schon 30,4% der Kinder unwohl, 35,2% wohl und 34,5% sehr wohl fühlen. Insbesondere der Anteil der Kinder, die sich sehr wohl fühlen, ist deutlich von 45,6% (nur Kinder, die an beiden Wellen teilnehmen) auf 34,5% um ca. ein Viertel zurückgegangen.
Diese Veränderung beruht auf deutlichen Verschiebungen zwischen den einzelnen Wohlbefindens-Gruppen. Zwischen der Erstbefragung und der Zweitbefragung verbleiben nur etwas mehr als ein Drittel der Kinder in der gleichen Befindlichkeitsgruppe. Am stärksten ist der Ab- und Zugang bei der mittleren Gruppe. Circa 25% derjenigen, die sich bei der Erstbefragung wohl fühlen, tun dies auch in der Zweitbefragung. 40% von ihnen fühlen sich nun sehr wohl und ca. 36% unwohl. Am stärksten ist die Beharrung bei denen, die sich unwohl fühlen. 53% aus der Erstbefragung fühlen sich auch noch bei der Zweitbefragung so.
Tab. 1: Wohlbefinden in der 1. und 2. Welle (nur deutsche Kinder) Verteilung in % der Gruppen der 1. Welle
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| Wohlbefinden 1. Welle | Wohlbefinden 2. Welle | |||
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| Unwohl | Wohl | Sehr wohl | Gesamt | |
| Unwohl | 53,3 | 25,3 | 21,3 | 100,0 |
| Wohl | 34,9 | 25,4 | 39,7 | 100,0 |
| Sehr wohl | 15,3 | 47,3 | 37,4 | 100,0 |
| Gesamt | 30,2 | 35,5 | 34,3 | 100,0 |
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(Die Tabellen addieren sich aufgrund von Rundungsfehlern nicht immer genau auf 100%)
Mit zunehmendem Alter der Grundschulkinder geht das subjektiv geäußerte Wohlbefinden deutlich zurück. Der Rückgang zwischen der ersten und der zweiten Befragung hängt aber nicht mit dem Heranrücken der Übertrittsschwelle ins weiterführende Schulsystem zusammen. In der ersten Welle signalisieren 26,2% der Kinder in der 2. Klasse Unwohlsein gegenüber nur 22,9% in der 3. Klasse. Die Jüngeren äußern hier also größeres Unbehagen als die Älteren. Spätestens in der 4. Klasse sollte sich dann aber – wenn die Übertrittsthese stimmt – diese Relation umkehren. Der Anteil derjenigen, die sich eher unwohl fühlen, nimmt in dieser Gruppe auch von 22,9% auf 29% zu. Gleichzeitig aber gilt, dass für die ehemaligen Zweit- und jetzigen Drittklässler der Anteil mit Unwohlsein von 26,2% auf 32,5% steigt. Damit scheidet die Nähe der Übertrittsentscheidung als Erklärung für den Anstieg zwischen 1. und 2. Welle aus. Denn wenn sich das Übertrittszeugnis schon in der dritten Jahrgangsstufe auswirken würde, wäre die Verteilung in der ersten Befragung nicht erklärbar.
Ein reiner Alterseffekt kann ebenfalls nicht vorliegen; dann müsste in jedem der Querschnitte schon ein Anstieg mit dem Alter zu beobachten sein. Somit dürfte es sich um einen Kohorten-Effekt handeln. Eine Erklärung wäre die Veränderung des Schulklimas nach dem PISA-Schock. Eine verstärkte Leistungsorientierung auch in der Grundschule könnte sich in der Zeit zwischen beiden Erhebungen für die Kinder spürbar durchgesetzt haben. Ein anderer Kohorteneffekt wäre mit der Ausbreitung von länger dauernder Armutserfahrung verbunden. Zwischen 1998 und 2003 ist die Armutsquote für Kinder und Jugendliche weiter angestiegen. Diverse Kohorteneffekte können zudem in die gleiche Richtung gewirkt und sich verstärkt haben.
Armut wirkt sich insbesondere auf das Wohlbefinden aus, wenn sie intensiv ist und länger anhält. Wir haben Armutsgruppen nach der Intensität der Armut unterschieden und vergleichen Haushalte, deren Äquivalenzeinkommen unter 40% des Medianeinkommens (MEK) (strenge Armut), zwischen 40% und 50% des MEK (arme Haushalte [HH]), und das zwischen 50% und 60% (armutsgefährdete HH) des MEK liegt, mit jenen, deren Äquivalenzeinkommen darüber liegt (nicht-arme HH).
Unwohlsein war in der 1. Welle für alle Kinder (inklusive der Ausländerkinder) nur leicht von der Armutsintensität abhängig. Die Differenzen sind jedoch deutlicher und im linearen Zusammenhangsmaß hoch signifikant (p < .000), wenn man die Verteilung des Wohlbefindens über die Armutsgruppen nur für die deutschen Kinder betrachtet (vgl. Tab. 2).
Tab. 2: Wohlbefinden in der 1. Welle nach Armutsgruppen (in % der Armutsgruppen; nur deutsche Kinder)
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| Armutslage | |||||
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| Wohlbefinden | strenge Armut | Armut | Armutsge- | Über 60% | Gesamt |
| Unwohl | 39,7 | 34,2 | 29,8 | 22,1 | 25,2 |
| Wohl | 23,8 | 27,4 | 29,8 | 29,4 | 28,8 |
| Sehr wohl | 36,5 | 38,4 | 40,4 | 48,5 | 46,0 |
| Gesamt | 100,0 | 100,0 | 100,0 | 100,0 | 100,0 |
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Die Befindlichkeit der Kinder in der 2. Welle ist mit der aus der 1. nicht identisch (vgl. Tab. 3). Das bestätigt die Annahme, dass das Wohlbefinden bei den Kindern eher ein situativer Parameter ist, der z. B. nicht die Konstanz von Charakterzügen hat, wie sie mit den Persönlichkeitsvariablen erfasst werden.
Überraschend hohes Wohlbefinden bei armen Kindern
Das aktuelle Wohlbefinden der Kinder zum Zeitpunkt der zweiten Befragung weist ebenfalls einen leichten Zusammenhang mit der aktuellen Armutslage auf, der sich aber deutlich nur im erhöhten Unwohlsein der beiden unteren Armutsgruppen zeigt und insgesamt nicht signifikant ist. Auffällig ist das überdurchschnittliche Wohlbefinden bei den Kindern aus armutsgefährdeten Haushalten und der unerwartet hohe Anteil der sehr armen und der armutsgefährdeten Kinder, die sich sehr wohl fühlen.
Tab. 3: Wohlbefinden in der 2. Welle (2. Kohorte inklusive Migrantenkinder) nach Armutslage
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| Armutslage | |||||
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| Wohlbefinden | strenge | Armut | Armutsgefähr- | über 60% | Gesamt |
| unwohl | 35,8 | 45,7 | 22,7 | 29,3 | 30,8 |
| wohl | 26,4 | 30,0 | 39,4 | 36,3 | 35,2 |
| sehr wohl | 37,7 | 24,3 | 37,9 | 34,4 | 34,0 |
| Gesamt | 100,0 | 100,0 | 100,0 | 100,0 | 100,0 |
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Wohlbefinden und Dauer der Armutserfahrung
Neben der Armutsintensität unterscheiden wir nach der Dauer der Armutserfahrung. Für die Zeit vor der Ersterhebung verfügen wir über keine direkte Angabe des Einkommens. Ersatzweise wurde die Angabe zu der Frage, ob sich die persönliche wirtschaftliche Situation verbessert, verschlechtert oder gehalten hat, als Indikator dafür herangezogen, ob eine Armutslage schon länger anhält oder nicht. Im Folgenden wird hinsichtlich der Dauer von Armutserfahrung von Kindern aus armen Haushalten, deren Situation sich im Jahr vor der Erstbefragung nicht verändert oder sogar noch verschlechtert hat, und solchen, deren Situation sich verbessert hat, unterschieden.
Weiter können wir an Hand der Daten der 1. und 2. Welle feststellen, welcher Haushalt zum Zeitpunkt der 2. Welle immer noch, nicht mehr oder weiterhin nicht in Armut lebt. Wir können so u. a. die Gruppe, die schon vor der Erstbefragung in Armut gelebt hat und bis zur Zweitbefragung durchgehend in Armut verharrt, vergleichen mit der Gruppe, die zu keinem Zeitpunkt in Armut lebte.
In den Fällen, in denen sich die wirtschaftliche Lage nicht verändert oder in 2001 verbessert hat, verstärkt sich der Effekt der Armut auf das Wohlbefinden mit der Dauer der Armut. In diesen Fällen bedeutet Armut, dass diese schon in der Vergangenheit mindestens ebenso stark vorgelegen haben muss.
Tab. 4: Wohlbefinden der deutschen Kinder, deren Situation vor der ersten Welle gleich oder schlechter war, in der Erstbefragung in %
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| Armutslage | |||||
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| Wohlbefinden | Strenge Armut | Armut | Armutsgefähr- dung (< 60%) | Über 60% Median | Gesamt |
| Unwohl | 41,0 | 30,3 | 23,8 | 22,0 | 24,6 |
| Wohl | 23,0 | 30,3 | 32,5 | 29,7 | 29,5 |
| Sehr wohl | 36,1 | 39,4 | 43,8 | 48,3 | 46,0 |
| Gesamt | 100,0 | 100,0 | 100,0 | 100,0 | 100,0 |
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Dagegen übt eine erst kürzlich erfolgte Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation, wenn sie zu Armut oder Armutsgefährdung führt, auf das Wohlbefinden des Kindes keinen signifikanten Einfluss aus. Nur bei denjenigen in strenger Armut, die zugleich angeben, dass sich die Situation im Vorjahr verschlechtert hat, ist das Unwohlsein überproportional häufig. Möglicherweise handelt es sich um Kinder, deren Armutssituation schon anhält, sich aber nun nochmals verstärkt hat.
Hochkomplizierter Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Armutserfahrung
Berücksichtigt man die Dauer der Armutserfahrung und die Intensität der ökonomischen Veränderung der Haushaltslage von der 1. zur 2. Welle, so zeigt sich ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Armutserfahrung. Wir vergleichen Kinder, die entweder in beiden Befragungen mindestens „arm“ waren oder im Übergang von der ersten zur zweiten Erhebung sich um zwei Armutsgruppen verschlechtert haben (also etwa von nicht-arm zu arm oder von armutsgefährdet zu strenger Armut; mit der Folge einer langen Armutsdauer) mit solchen ohne diese Erfahrungen (kurze Armutsdauer).
Tab. 5: Wohlbefinden in der 2.Welle nach Dauer der Armut in %
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| Armutsdauer | |||
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| Wohlbefinden | Lang | Kurz | Gesamt |
| Unwohl | 40,8 | 28,3 | 30,4 |
| Wohl | 29,1 | 36,4 | 35,2 |
| Sehr wohl | 30,0 | 35,4 | 34,5 |
| Gesamt | 100,0 | 100,0 | 100,0 |
| | |||
Die Gruppe der Kinder, die mindestens schon einundeinhalb Jahre in Armut leben, fühlt sich zu 41% unwohl, wogegen dies bei den anderen Kindern nur 28,3% sind.
Betrachtet man die Haushalte, die in beiden Wellen arm sind und zudem in der Erstbefragung angeben, ihre wirtschaftliche Situation habe sich nicht geändert, so haben wir die Fälle, die in relativer Dauerarmut leben. Tabelle zeigt ein überraschendes Resultat.
Tab. 6: Wohlbefinden zum Zeitpunkt der Zweitbefragung (nur Haushalte mit unveränderter Situation im Jahr vor der Erstbefragung)
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| Armutsdauer | |||
| | |||
| Wohlbefinden | Lang | Kurz | Gesamt |
| Unwohl | 22,8 | 28,6 | 27,8 |
| Wohl | 38,6 | 36,4 | 36,7 |
| Sehr wohl | 38,6 | 34,9 | 35,5 |
| Gesamt | 100,0 | 100,0 | 100,0 |
| | |||
Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Dauerarmut und dem Wohlbefinden. Die Kinder in Dauerarmut fühlen sich tendenziell sogar etwas wohler. Das Bild ändert sich, wenn wir die (N=125) Fälle betrachten, die in der ersten Befragung angeben, die Lage des Haushalts habe sich im Jahr vor der Befragung verbessert. Hierbei handelt es sich um Haushalte, die weiterhin unter der Armutsgrenze verharren, zuvor aber offenbar noch ärmer waren als während der Befragungszeit. Bei den Kindern aus diesen Haushalten finden wir mit 61,5% den höchsten Anteil von Kindern, die sich nicht wohl fühlen (p < 024).
Tab. 7: Wohlbefinden (2. Welle) in Abhängigkeit der Armutsdauer (zuvor ging es schlechter) in %
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| Armutsdauer | |||
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| Wohlbefinden | Lang | Kurz | Gesamt |
| Unwohl | 61,54 | 27,68 | 31,20 |
| Wohl | 7,69 | 38,39 | 35,20 |
| Sehr wohl | 30,77 | 33,93 | 33,60 |
| Gesamt | 100,0 | 100,0 | 100,0 |
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Eine verlässliche Erklärung dieses Befundes durch Variablen wie etwa Dauer der Arbeitslosigkeit oder Entwicklung der Erwerbskonstellation in der Familie würde höhere Fallzahlen erfordern. Die Vermutung liegt nahe, dass sich wirtschaftliche Verbesserung in der Vergangenheit mit der Aufnahme einer (weiteren) Erwerbsarbeit in der Familie verbindet. Hier wäre insbesondere an Fälle zu denken, in denen das neue Erwerbseinkommen dennoch nicht zur Verbesserung der Familiensituation führt, jedoch zu neuer Zeitknappheit, die zu erhöhten Ausgaben führt. Dann könnte es der dadurch bedingte Stress sein oder die damit verbundene Frustration, die sich auf das Wohlbefinden der Kinder auswirkt. Diese Deutung wird durch vergleichbare Resultate der Armutsforschung zur Auswirkung der Clinton-Reform von 1995 in den USA nahe gelegt (Gennetian u. a. 2005; Duncan/Chase-Lansdale 2001; Brooks-Gunn/Han/Waldfogel 2002).
Armut durch sozialen Abstieg
Schließlich haben wir noch die Kinder betrachtet, deren wirtschaftliche Situation sich in dem Jahr vor der Erstbefragung verschlechtert hat und die seitdem in Armut leben. Tabelle 8 zeigt den Zusammenhang des Wohlbefindens der Kinder mit der durch sozialen Abstieg bedingten Armutslage. Der Zusammenhang ist hochsignifikant und auch in den Prozentzahlen deutlich ausgeprägt. In dieser Berechnung haben wir die nur einmal armen (transitorisch) und die überhaupt nicht armen Kinder getrennt betrachtet.
Tab. 8: Wohlbefinden (2. Welle) in Armutslagen nach finanziellem Abstieg
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| Armutsdauer | ||||
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| Wohlbefinden | Anhaltend | Transitorisch | Keine Armut | Gesamt |
| Unwohl | 49,2 | 23,7 | 30,0 | 32,7 |
| Wohl | 27,0 | 31,6 | 37,7 | 33,5 |
| Sehr wohl | 23,8 | 44,7 | 32,3 | 33,8 |
| Gesamt | 100,0 | 100,0 | 100,0 | 100,0 |
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Bei denjenigen, die nur eine Armutsperiode angeben (transitorisch arm), ist das Wohlbefinden am höchsten. Dieser Befund ist mit den bisherigen Analysen und Daten nicht zuverlässig zu erklären. Er könnte ein Hinweis darauf sein, dass bei kurzfristigen Armutsphasen in Familien mit Grundschulkindern zunächst die protektiven Mechanismen zu Gunsten der Kinder besonders intensiv mobilisiert werden. Hier stellen sich wichtige Fragen für weitere Detailforschungen.
Fazit
Zusammenfassend ist festzustellen: Mit der Stärke der Armut nimmt das Wohlbefinden der Kinder ab. Die Dauer der Armutserfahrung spielt dabei eine wichtige, aber differenziert zu sehende Rolle. Hält die Armut auf relativ konstantem Niveau schon länger an (mindestens drei Jahre), so finden wir kaum noch eine Abweichung im Wohlbefinden der betroffenen Kinder von dem der anderen. Die aktuellen Auswertungen mit den Daten der Wellen des Kinderpanels bestätigen dieses Resultat nochmals. Dieser Befund ist vermutlich auf eine Befindlichkeitsanpassung auf Seiten der Kinder zurückzuführen. Hält jedoch eine Armut erst ca. zwei Jahre an, so sinkt das Wohlbefinden. Noch deutlicher fällt es ab, wenn sich eine wirtschaftliche Armutslage zunächst zwar verbessert, danach aber für längere Zeit (ca. zwei Jahre) anhält.
Diese Befunde verweisen darauf, dass in Zukunft die Analyse von Auswirkungen von Armutslagen auf Kinder genauer zwischen den verschiedenen Dimensionen der Folgen in Abhängigkeit von der Dauer und Intensität der Armut unterscheiden muss.
Ob sich aus den Analysen zu den Benachteiligungen in unterschiedlichen Entwicklungsdimensionen letztlich ein konsistentes Bild von „Exklusionskarrieren“ durch Kumulationsprozesse rekonstruieren lässt, das dann wiederum die Möglichkeit bieten würde, Exklusion gezielt zu bekämpfen, indem zumindest Kumulationsmechanismen unterbrochen werden können, muss beim gegenwärtigen Stand der Forschung zur Verfestigung von Kinderarmut jedoch noch als offene Frage angesehen werden.
DJI Online / Stand: 1. November 2007
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