Margit Höß, DJI
Bernd Holthusen, DJI
Viola Laux, DJI
Heiner Schäfer, DJI
DJI Online / Stand: 1. Juni 2006
Editorial von DJI-Online Redakteurin Susanne John
Wer einmal im Liverpooler Stadion mit dabei war, wenn Zehntausende von Fans die Hymne „You’ll never walk alone“ singen, wird verstehen, dass dieses Erlebnis auch hart gesottenen Schlachtenbummlern die Tränen in die Augen treibt. Das Spiel mit dem runden Leder fasziniert seit Jahrhunderten die Massen und setzt unglaubliche Emotionen frei, sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen. „Stammesritual“, „Religionsersatz“ – es gibt etliche Ansätze, die die gruppendynamischen Prozesse beim Fußball zu erklären versuchen.
Die positive Wirkung, die der Sport auf Spieler und Fans hat, wird zunehmend durch unangenehme Begleiterscheinungen in den Stadien getrübt. Besonders im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft, die vom 9. Juni bis 9. Juli in Deutschland ausgetragen wird, sind Gewalt und Fremdenfeindlichkeit im Umfeld des Sports in den Fokus der Medien geraten.
„Auf einen Blick“ formuliert Thesen zu den wichtigsten Themenfeldern, die in diesem Zusammenhang den (Fußball-)Sport tangieren. Stichwörter sind: Aggression, Gewalt, Geschlecht, Integration, Fremdenfeindlichkeit, Identität, Vorbilder, Vereinssport, Ursachen, Intervention, Prävention und Evaluation.
Zwei Arbeitsstellen des Deutschen Jugendinstituts untersuchen diese Phänomene mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Im „Profil“ stellen wir beide Arbeitsstellen und ihre MitarbeiterInnen vor: Die Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Halle und die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention in München.
Die Arbeitstelle in Halle widmet sich seit dem Jahr 2000 dem Thema Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit und hat in dem Kontext mehrere Interviews mit MitarbeiterInnen von Fan-Projekten über Bedingungen, Erfahrungen und Erfolge ihrer Arbeit geführt. Im „Interview“ geben Michaela Glaser und Silke Schuster unter anderem Auskunft über anti-rassistische Fan-Projekte in England, und was diese von deutschen unterscheidet.
Die Arbeitsstelle zur Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention unterhält seit Jahren im Rahmen ihrer Arbeit mit präventiven Praxisprojekten enge Kontakte zur Koordinationsstelle der Fan-Projekte KOS. Gemeinsam haben sie beispielsweise bei einem deutsch-ungarischen Workshop zur Arbeit mit schwierigen Jugendlichen die „Gewaltprävention beim Fassball“ thematisiert.
Ein Projekt, das gute Erfahrungen mit Konfliktmanagement und Gewaltprävention gemacht hat, ist die Münchner Straßenfußball-Initiative „buntkicktgut“. Initiator und Organisator Rüdiger Heid stellt seine Arbeit mit rund 2.000 Jugendlichen aus 70 Ländern im „Blick von außen“ vor.
Dr. Esther Lehnert wirft einen zweiten „Blick von außen“ auf das Thema unter dem Aspekt der geschlechterreflektierenden Arbeit mit männlichen Fußballfans, dem nicht nur Ihrer Ansicht nach aktuell noch zu wenig Beachtung geschenkt wird.
Links zu einschlägigen Projekten, eine ausführliche Literaturliste und Hinweise auf Veranstaltungen zu Prävention und Fanarbeit runden das Thema ab.
DJI Online / Stand: 1. Juni 2006
Auf einen Blick
Gewalt im Fußball ist alltäglich, aber nicht dominant, sagt Rainer Koch, Vorsitzender des Sportgerichts des Deutschen Fußballbundes DFB. In der Tat sind Hunderttausende von friedlichen Fans Woche für Woche der Garant für die leidenschaftliche Atmosphäre in den Stadien. Naturgemäß geraten sie mit ihrem unermüdlichen Unterstützungseinsatz viel seltener in die Schlagzeilen als einzelne Randalierer oder Gruppen von Störern.
Um der Tendenz zur zunehmenden Gewaltbereitschaft sowohl auf dem Spielfeld, als auch am Rand rechtzeitig entgegen zu treten, ist entschiedenes Handeln gefragt. Denn gewalttätige Ausschreitungen, rassistische und antisemitische Parolen stellen in deutschen und europäischen Stadien leider ein nicht zu überhörendes bzw. übersehendes Problem dar.
Einschlägige Vorfälle aus der jüngsten Zeit
Verbalattacken wie Dauerkarte statt Döner , Schiedsrichter, du Schwuchtel , Kanake , Scheißjude oder Kümmeltürke gehören zum selbstverständlichen Vokabular quer durch alle Fußball-Ligen. Dunkelhäutige Spieler werden beim Auflaufen mit Affengeräuschen begrüßt, der farbige deutsche Spieler Owomoyela auf Plakaten der NPD verhöhnt. Zuletzt wurden antisemitische Vorfälle im Dezember 2005 beim Zweitligaspiel Dynamo Dresden gegen Energie Cottbus und im Januar 2006 beim Spiel Lokomotive Leipzig gegen den FC Sachsen Leipzig bekannt, bei dem die Lokomotive-Fans ein lebendes Hakenkreuz formten. Rassistische Angriffe auf einen Leipziger Fußballspieler gab es im März 2006 beim Oberligaspiel des FC Sachsen Leipzig gegen den Halleschen FC.
Neben verbalen Ausschreitungen kommt es zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Spielern, Fangruppen oder zwischen ihnen und den Sicherheitskräften. Aber auch Schiedsrichter leben gefährlich. Bei einer Münchner Begegnung musste der Unparteiische mit blutunterlaufenen Augen ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil ihn ein Spieler von Olympic Geretsried sehr stark gewürgt hatte.
Fans und Hooliganismus in Zahlen
Eine starke Präsenz von Polizei, Sondereinsatzkräften und privaten Sicherheitsdiensten gehört heute zum Spieltag, bis hinunter in die vierte Liga. Der Polizeieinsatz an Bahnhöfen, in Innenstädten und rund um die Sportstadien ist enorm. Ein Aufgebot von 20 Sicherheitskräften bei einem Kreisligaspiel gilt mittlerweile als durchaus üblich.
Die Polizei unterscheidet drei Kategorien von Fans. Bei Kategorie A handelt es sich um friedliche Fans . Von diesen Fans deutlich zu unterscheiden sind gewaltbereite/-geneigte (Kategorie B) und gewaltgeneigte bzw. gewaltsuchende Personen (Kategorie C) die veranstaltungstypischen Störer. Bezogen auf die Gesamtzahl der Fußballfans beläuft sich der Anteil der Kategorien B und C auf ca. ein bis zwei pro Tausend.
In der Anhängerschaft der Vereine der Bundes- und Regionalligen werden derzeit ca. 10.000 Personen den Kategorien B und C zugeordnet. Von den rund 3.000 Kategorie C-Fans kommen über die Hälfte aus den neuen Bundesländern. Als Verein mit den meisten gewaltbereiten Fußballfans gilt der BFC Dynamo (Berlin). In der bundesweiten Datei Gewalttäter Sport waren Mitte 2005 rund 6.800 Personen gespeichert. Bundesweit wurden laut Stand vom September 2005 für 2.300 Personen Stadionverbote verhängt.
Hooligans rekrutieren sich aus allen Sozialschichten, unter ihnen gibt es viele Abiturienten, Studenten, Menschen mit sicherem Auskommen, auch Akademiker. Aktenkundig werden vor allem die 21- bis 25-Jährigen. Sie waren mit rund 30% am häufigsten von den insgesamt 5.000 freiheitsentziehenden Maßnahmen betroffen.
Laut Jahresbericht der Zentralstelle der Polizei für Sporteinsätze (ZIS) besuchten in der Saison 2003/2004 ca. 13 Millionen Zuschauer die Spiele der beiden Profiligen. Dabei wurden durch die Polizei 720.800 Arbeitsstunden geleistet. Zusätzlich vom Bundesgrenzschutz (jetzt Bundespolizei) 210.000 Stunden.
Den Goldenen Schlagstock hat das Bündnis aktiver Fußball-Fans (BAFF) 2005 der Stadt Freiburg verliehen. BAFF verleiht diese Auszeichnung alljährlich für besonders willkürliche oder brutale Behandlung friedlicher Fußball-Fans . In Freiburg wurden aufgebrachte Mainzer Fans von der Polizei aus dem Stadion geführt, nachdem sich Polizei und Ordnungsdienst angeblich geweigert hatten, gegen Neonazis vorzugehen, die im Mainzer Block durch rechtsradikale Äußerungen und Gesten aufgefallen waren.
Sport und Fremdenfeindlichkeit
Laut Verfassungsschutzbericht 2005 ist die Zahl der Neonazis und gewaltbereiten Rechtsextremisten in Deutschland angestiegen. Demzufolge ist die Zahl der Neonazis von 3800 im Jahr 2004 auf 4100 im Jahr 2005 sowie die der gewaltbereiten Rechtsextremisten von 10.000 auf 10.400 gestiegen.
Rechte Gruppen versuchen auch zunehmend Einfluss in der Fanszene zu gewinnen und die Mehrheit zum Schweigen oder Tolerieren zu bewegen. Beobachter der Szene konstatieren einen Anstieg von offen geäußertem Rassismus und Antisemitismus, zum Beispiel durch das populärer werdende Lied von der U-Bahn, die nach Auschwitz fährt. Rassismus wird im Zuge von Stadionfolklore salonfähig, ausgedrückt durch bestimmte Kleidercodes und Symbole wie Schals und T-Shirts mit Frakturschrift, z.T. gespickt mit verbotenen Abzeichen und der Farbpalette schwarzweiß-rot.
Eine besondere Häufung von Rassismus und politisch motivierten Gewalttätern gibt es in den neuen Bundesländern und in den unteren Ligen. Den Problemen in den niedrigen Spielklassen entgegen zu treten, ist besonders schwierig, weil Stadionverbote unterhalb der Regionalliga bislang nicht ausgesprochen werden konnten. Es gibt weniger Polizeikräfte und kaum Fanprojekte. Die meisten Vereine reagieren zu spät, nämlich erst, wenn es schon geknallt hat.
Während der Weltmeisterschaft ist mit rechten Aufmärschen beim WM-Spiel Iran gegen Angola am 21. Juni in Leipzig zu rechnen. Dort wollen die Neonazis ihre Sympathie für den iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad demonstrieren, der den Holocaust als "Lüge" bezeichnet und Israel das Existenzrecht abspricht. Geplant ist außerdem eine Demonstration am 10. Juni in Gelsenkirchen. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Konrad Freiberg hat an die Gerichte appelliert, während der WM-Spiele keine Demonstrationen in Stadionnähe zu erlauben. Er sprach von einem "polizeilichen Notstand". Die Polizei ist während der WM personell nicht in der Lage, solche Veranstaltungen zu sichern".
Sport und Aggression
Sportliche Betätigung setzt Emotionen frei. Sie kann den Abbau von Aggressionen unterstützen, aber auch aggressiv aufladen. Ähnlich wie bei brutalen Computerspielen (zum Beispiel dem Ego-Shooter) bringen auch Fußballspiele die für Aggression zuständigen Hirnregionen bei Spielern und Fans kurzfristig zum Glühen . Die derart Aufgeladenen neigen im unmittelbaren Anschluss eher dazu, einen Rempler oder einen schiefen Blick in der Straßenbahn als Kriegserklärung aufzufassen bei aggressionsbereiten Jugendlichen oft eine schon aus der Kindheit mitgebrachte Überreaktion. Entscheidend für eine differenzierende Interpretation ist es, dass im Hirn der Betroffenen auch Prozesse ablaufen, die die Gefühlsimpulse unter Kontrolle halten bzw. bringen können.
Heute hat sich aber die Gewalt der Fans und vor allem der Hooligans weitestgehend vom Kontext des Spielgeschehens gelöst und eine gefährliche Eigendynamik entwickelt. Gewaltbereite Fangruppen verabreden sich zum Teil per SMS im Umfeld des Spiels zu Schlägereien dabei ist es völlig unbedeutend, ob ihre Mannschaft gewonnen oder verloren hat.
Sport und Integration
Sport bietet den Menschen Gelegenheit sich jenseits der Berufswelt Aufgaben zu stellen, Herausforderungen zu meistern und dadurch ein gesteigertes Selbstwertgefühl unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft zu entwickeln. Die im Sportverein vermittelten Werte wie Teamgeist, Fairplay und Toleranz wirken sich insbesondere auf das Verhalten Jugendlicher im Alltagsleben positiv aus. So steht es auf der Internetseite des Bundesinnenministeriums, das nicht nur für die Innere Sicherheit, sondern auch für die Förderung des deutschen Spitzensports zuständig ist. SpitzensportlerInnen trügen dazu bei, dass ihnen junge und alte Menschen nacheifern, so dass der Sport seine soziale und integrative Kraft entfalten kann.
Es wäre schön, wenn der Sport die Menschen einander näher brächte, obwohl sie eine andere Sprache sprechen oder einer anderen Religion angehören. Manchmal klappt das auch. Doch entgegen der Vorstellung vom Sport als Insel der Seligen sind Sportplätze an Spieltagen häufig ausgelagerte Kriegsschauplätze für soziale Konflikte. Konflikte zwischen Gruppen verschiedener Kulturen sind häufig die Auslöser von Gewalt. Im Zweifelsfall ist uns der Aufstieg wichtiger als die Integration, sagte ein Münchner Trainer einmal sehr offen in einem Interview.
Es gibt aber auch positive Gegenbeispiele für Integrationsbemühungen auf spielerische Art wie den Straßenfußball. Zum Beispiel Buntkicktgut eine Initiative, die als Angebot für Flüchtlingskinder gestartet ist, und heute rund 2.000 junge Münchner aus Bosnien, der Türkei oder dem Kosovo versammelt. (Initiator und Organisator Rüdiger Heid berichtet im Blick von außen darüber).
Gruppendynamik und Identität
Die Fußballzentrierten Fans identifizieren sich sehr stark mir ihrer Mannschaft, mit ihrem Verein. Der Verein wird zum zentralen Lebensinhalt für manche Jugendlichen. So hat der Zoologe und Verhaltensforscher Desmond Morris das Fußballspiel schon vor vielen Jahren mit einem Nachfolgemodell archaischer Stammesrituale verglichen. In eine ähnliche Richtung geht die These vom Sport als Ersatzreligion.
Durch die Gruppe und seine Peers (Gruppe der Gleichaltrigen) fühlt sich der Einzelne gestärkt. Dies kann sich positiv oder negativ auswirken. Kinder und Jugendliche, die einer Clique angehören und sich häufig mit ihrer Clique treffen, sind eher zu delinquentem Verhalten bereit, als andere Kinder und Jugendliche. Diese Bereitschaft fällt darüber hinaus umso höher aus, je stärker die Kinder und Jugendlichen eine Kluft zwischen der Welt der Erwachsenen und der Welt der Jugendlichen, in der sie leben, wahrnehmen. Für die 20% der Kinder und Jugendlichen, die besonders jugendzentriert sind, erhöht sich die statistische Delinquenzwahrscheinlichkeit um das 26-Fache! Umgekehrt schützt eine Clique, in der die Mitglieder es schätzen, wenn man in der Freizeit viele Bücher liest, wenn man viel mit seinen Eltern unternimmt, oder wenn man gute Noten schreibt, vor delinquentem Verhalten. (Stecher 2001)
Jungen und Gewalt
Die deutschen Frauen sind Weltmeister im Fußball und Vorbild für viele Mädchen. Die Zahl der weiblichen Nachwuchsspielerinnen steigt beständig.
Allerdings steigt auch die Zahl der Mädchen unter den Gewalttätern. Kriminologen sprechen davon, dass sich ihre Zahl in den vergangenen 15 Jahren vervierfacht hat. Ein Fünftel der Jugendgewalt gehe heute von Mädchen aus. Dennoch sind viele Sportarten, allen voran der Fußball, nach wie vor fest in männlicher Hand. Gewalttaten sowohl im Umfeld des Sports als auch Taten mit fremdenfeindlichem Hintergrund werden vorwiegend von Männern und männlichen Jugendlichen begangen. (vgl. Kap. 10 Gender-Report)
In der Kriminologie ist ein Zusammenhang zwischen dem Geschlecht männlich und gewalttätigem Verhalten weitgehend unbestritten, findet aber im alltäglichen Handeln der Kriminalitätsprävention nur ansatzweise einen Niederschlag.
Im Auftrag des Bundesfamilienministeriums lässt die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention am Deutschen Jugendinstitut (DJI) fünf Expertisen zum Thema Jungen und Gewalt erstellen, die in Auszügen im Herbst 2006 in einer Publikation veröffentlicht werden (u.a. zu folgenden Themen: Leben mit Jungen in Kindertageseinrichtungen; geschlechtsspezifische insbesondere jungenspezifische Ansätze in der Gewaltprävention; Geschlechter differenzierende Aspekte in Angeboten der Gewaltprävention in der außerschulischen Jugendarbeit; jungenbezogene Angebote zur Gewaltprävention in der Jugendberufshilfe; Jungen und Gewalt im organisierten Sport).
Sport und Geschlecht
Männerbündlerische Facetten sind in der gesamten Fanszene stark ausgeprägt, ein immenser Sexismus etwa oder eine extreme Homophobie. Auch die Gewaltorientierung der Hools spiegelt ein Attribut von Männlichkeit wieder. so Michael Gabriel von der Koordinationsstelle für Fanprojekte in der Wochenzeitung Jungle World.
Unter anderem ist dies dadurch begründet, dass viele Jungen vor allem aus sozialen Brennpunkten - kaum Möglichkeiten haben, eine eigenständige und selbstbewusste männliche Rolle zu finden. Sie lernen als Strategie zur Lösung von Konflikten in erster Linie Kraft und Stärke in den körperlichen Auseinandersetzungen einzusetzen. Dieses Verhalten hat für ihren Rang in der männlichen Gleichaltrigengruppe große Bedeutung. Sie bekommen außerhalb der traditionellen Angebote von Männlichkeit nur wenige Vorbilder, Anregungen und Unterstützungen. Dies muss in der aufsuchenden Arbeit oder in der Fanarbeit noch stärker berücksichtigt werden.
Sportler als Vorbild?
Nicht nur die Fans, auch die Spieler selbst stehen in der Verantwortung. In der Mehrzahl der Fälle ist die sportliche Szene durch Fairness gekennzeichnet. Aber es gibt Ausnahmen von den Amateurligen bis hin zu Nationalmannschaftsbegegnungen. Spieler beschimpfen sich, bedrohen und verletzen sich gegenseitig. Viele Spieler lassen ihren negativen Emotionen auf dem Rasen allzu sehr freien Lauf. Die Zeitlupen der Fernsehbilder zeigen deutlich, wie im Namen des Wettkampfs Brutalitäten gezielt eingesetzt werden. Ein trauriges Beispiel dafür war das WM-Qualifikationsspiel der Türkei gegen die Schweiz, bei dem die Nationalspieler nach dem Abpfiff einander schlugen und traten.
Schiedsrichter, auch sie sind Ziele von Angriffen durch Spieler oder Fans (vor allem in den unteren Spielklassen), bemühen sich redlich, aber manchmal vergeblich, es durch rechtzeitiges Einschreiten gar nicht erst zu Eskalationen kommen zu lassen. Eine besondere pädagogische Schulung für sogenannte Problemspiele erhalten sie während ihrer Schiedsrichterausbildung ähnlich wie die meist ehrenamtlich tätigen Trainer der Mannschaften nicht. Schade, denn Trainer sind oft nicht nur Vorbild, sondern auch Vaterfigur. Die jungen Spieler orientieren sich an der Art und Weise, wie die Trainer Konflikte innerhalb der Mannschaft oder mit anderen lösen.
Hinter dem teilweise unfairen Verhalten der Sportler steckt ein klares Motiv: der Siegeswille manchmal eben um jeden Preis. Fairness bleibt dabei schon mal auf der Strecke. Das Wesen von Wettkämpfen und somit auch vielen Vereinssportarten besteht aber nun einmal darin, dass einer gewinnt und der andere verliert.
Mögliche Ursachen für Gewalt
Ächtung von Gewalt allein, ohne dass nach den psychischen, sozialen und kulturellen Ursachen gefragt wird, hilft nicht weiter. In der sozialen Arbeit wird Gewalt als Ausdruck eines zu Grunde liegenden anderweitigen Problems verstanden: nämlich Perspektivlosigkeit, mangelndes Selbstvertrauen und vielfach schon aus negativen Kindheitserfahrungen entstammenden mangelnden kognitiven, emotionalen und sozialen Fähig- und Fertigkeiten.
Besonders den Jugendlichen bieten sich kaum Möglichkeiten, sich durch besondere Leistungen hervor zu tun. Vielen bleibt vermeintlich nur ihr Körper als Kapital, den sie einsetzen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu finden. Es mangelt aber zugleich an geeigneten (Frei-)Räumen, in denen sie diese Kräfte ausagieren können.
Hinzu kommt eine geschlechtsspezifische Verschärfung dieser problematischen Rahmenbedingungen. Denn die Aussichten der Männer verschlechtern sich zunehmend. Sie verlieren an Macht, Prestige, Bildung und Chancen. Männliche Jugendliche stellen die übergroße Mehrheit von Schulversagern, Schulschwänzern, Problemkindern und Frühkriminellen. Hinzu kommen wachsende Rollen- und Identitätsprobleme. (Walter Hollstein, Professor für Soziologie an der Universität Bremen in seinem Buch Geschlechterdemokratie- 2006)
Die Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) Schülerbefragung 2006 identifiziert eine Kopplung von elterlicher Gewalt, Medienkonsum und Gewaltbereitschaft. Davon sind Kinder mit Migrationshintergrund stärker betroffen.
Intervention
Auf Vereinsebene sollen klare Satzungen, Hausordnungen bzw. Stadionordnungen für Ordnung sorgen. Zum Beispiel hat der Nordostdeutsche Fußballverband nach den jüngsten Ausschreitungen beim Spiel Halle gegen Leipzig angekündigt, dass in der nächsten Saison auch Stadionverbote für Fans in der Oberliga ausgesprochen werden können, was bislang nur für Erst- und Zweit- und Regionalligaspiele möglich war.
Nationale und internationale Verbände (DFB, FIFA, UEFA) wollen zukünftig mit härteren Strafen auf rassistische Ausschreitungen und Übergriffe reagieren. Dazu gehören Geldstrafen für die Vereine, Sperren für Spieler oder Mannschaften, Punktabzug oder Zwangsabstieg.
Gewalttätigen Fans drohen Stadionverbot (bis zu 5 Jahren), Vereinsausschluss oder Geldstrafen. Sie werden in einer Kartei Gewalttäter Sport erfasst. Für die Weltmeisterschaft 2006 sind verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen angekündigt; dazu zählen hohe Meldeauflagen, Hausbesuche und Schnellverfahren bei Hooliganismus.
Im Nordrhein-Westfälischen Neuss gibt es seit 1992 die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) mit bundesweiter Zuständigkeit. Hier werden alle wichtigen polizeilichen Informationen zum Thema Fußball zentral gesammelt, bewertet und aufbereitet und den an Einsätzen beteiligten Polizeibehörden zur Verfügung gestellt. Während der Weltmeisterschaft 2006 werden die Experten des ZIS mit rund 130 weiteren Kollegen aus dem In- und Ausland zusammenarbeiten.
Dass aber durch derartige Interventionen allein langfristig keine nachhaltige Abhilfe bei Gewalt und Fremdenfeindlichkeit im Sport erreicht werden kann, ist allen Beteiligten weitgehend klar. Folgende Zitate machen das deutlich:
Im Grunde genommen sind es keine Probleme der Polizei, sondern der Gesellschaft. Wir stehen nur am Ende der Kette und müssen für die Dinge gerade stehen, die durch die Politik verursacht werden. (Frederik Holtkamp, ehemaliger Polizeisprecher 1996 bei Ausschreitungen deutscher Hooligans während des Länderspiels Polen-Deutschland)
Die Justiz kann nur bestrafen. Vorbeugen kann sie eigentlich nicht. (Reinhold Baier, Stellvertretender Vorsitzender des Verbandssportgerichts des DFB, Mitglied der DFB-Kommission für Gewaltprävention)
Prävention
Wichtig für die effektive Bekämpfung von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit im Sport ist die präventive Arbeit mit den betreffenden Gruppen. Vor allem beim Fußball kann gewalttätigen Auseinandersetzungen nur angemessen begegnet werden, wenn alle beteiligten Institutionen und Gruppen Vereine, Fans, Polizei, Wissenschaft, Medien, Politik, Zivilgesellschaft verantwortlich mit einbezogen werden. Schiedsrichter oder Vereine allein sind damit überfordert.
Auf internationaler Ebene hat die FIFA 2001 eine Resolution gegen Rassismus im Fußball verabschiedet, in der alle am Fußball Beteiligten (Fußballadministration, Regierungen, Ausrichtende von Wettbewerben, Stadionmitarbeitende, Fans, Klubs, TrainerI, Vereinsoffizielle, SchiedsrichterInnen, Medien etc.) aufgefordert werden, sich vehement auf allen Ebenen gegen rassistische Kundgebungen welcher Art auch immer einzusetzen.
Die UEFA unterstützt einen 10-Punkte-Plan gegen Rassismus im Fußball, der vom gesamteuropäischen Netzwerk gegen Rassismus im Fußball (FARE) erarbeitet wurde und der allen Vereinen zur Bekämpfung des Rassismus empfohlen wird.
Auf nationaler Ebene trägt der Deutsche Fußballbund das Gewaltpräventionsprojekt ballance 2006 mit, das im Hinblick auf die WM 2006 ins Leben gerufen wurde und sich für Fairness und Toleranz im sportlichen Miteinander einsetzt. Aktionen im Rahmen von ballance 2006 finden in den drei Bundesländern Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen statt. Außerdem versandte der DFB 1998 einen 10-Punkte-Plan an alle Lizenzvereine, der auf dem 9-Punkte-Plan vom Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) aufbaute und in dem Empfehlungen und Maßnahmen gegen rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen im Fußballbereich beschrieben werden. Daneben sollen Fußballvereine ermuntert werden, öffentlichkeitswirksame Maßnahmen in den Stadien und Qualifizierungen bei OrdnerInnen und PolizistInnen umzusetzen. Weiterhin reagierte der DFB auf die rassistischen Vorfälle der letzten Monate, in dem er scharfe Maßnahmen gegen rassistische Vorfälle während der Spiele ostdeutscher Teams ankündigte. Spezifische Forderungen nach einem kontinuierlichen Engagement gegen rechtsextremistische Tendenzen und Fremdenfeindlichkeit im bundesdeutschen Fußball existieren von Seiten des DFB jedoch nicht.
Auf Vereinsebene variieren die Aktivitäten stark. Je nachdem inwieweit sich ein Verein in der Verantwortung sieht, gegen rassistische Diffamierungen und rechte Orientierung vorzugehen, reichen die Maßnahmen von entsprechenden Paragraphen in der Vereinssatzung und Verboten in der Stadien- bzw. Hausordnung. Beispielsweise verbieten die Bundesligavereine FC Schalke 04, FC St. Pauli und Hannover 96 in ihren Stadien- bzw. Hausordnungen, neben unter das Strafrecht fallenden Symbolen (z. B. Hakenkreuz) und Gesten (z. B. Hitlergruß) auch Symbole, Zeichen, Aufnäher, Schriftzüge und Parolen, die den Eindruck einer rassistischen, fremdenfeindlichen oder extremistischen Einstellung hervorrufen könnten. Erste Beobachtungen bei Hannover 96 zeigten, dass die neue Hausordnung positiven Anklang in der Fanszene fand. Im weiteren Verlauf zeigte sich, dass zusätzlich eine gezieltere OrdnerInnenschulung zur Umsetzung der Hausordnung notwendig ist.
Gewaltprävention in der Jugendhilfe
Bei der mobilen Arbeit und bei der Fanarbeit haben sich nach anfänglich größten Vorbehalten in den vergangenen zwanzig Jahren allmählich Kooperationen zwischen Jugendhilfe und Polizei entwickelt. Zusätzlich zum Sicherheitsaspekt, der polizeiliches Handeln dominiert, bringt Jugendhilfe die Perspektive der jungen Menschen ein. Sie fasst deren Handeln grundsätzlich als alterstypisch und als veränderbar auf, versucht zu unterstützen und zu entwickeln.
Eine regelmäßige, längerfristige Teilnahme an sportlichen Aktivitäten kann Jungen in ihrem Sozialverhalten positiv unterstützen: Hier haben die jungen Menschen eine Beschäftigung, sie können sich körperlich und geistig auspowern, sie lernen Sozialverhalten, sich an Regeln zu halten und können ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln und empfinden. Statt gelangweilt in ihrem Wohnviertel abzuhängen, verbringen sie ihre Zeit aktiv und konstruktiv. Sie erleben Vertrauen, Zusammenhalt, Respekt und Toleranz.
Die sportliche Aktivität von jungen Menschen findet zumeist in der Gruppe statt, auch dann,wenn es sich dabei um einen Sport außerhalb von Vereinen handelt, wie beispielsweise Skaten. Die zu einer Gruppe gehörenden Jugendlichen müssen immer wieder verhandeln, sich einigen, auch mal Streit und Frust ertragen. Dies können förderliche Situationen sein, in denen junge Menschen lernen können, nicht brutal mit Gewalt zu agieren, sondern auf konstruktive Weise ein Miteinander zu gestalten. Darüber hinaus haben körperorientierte Angebote auch den Vorteil, dass anders als in der Schule die nonverbale Kommunikationsform einen hohen Stellenwert einnimmt. So wird eine recht breite Zielgruppe angesprochen und insbesondere für Jungen, die in sprachlicher Hinsicht Schwächen haben, kann ein körperorientiertes Angebot eine große Entlastung bedeuten.
Präventionsarbeit durch Fanprojekte
In Deutschland hat sich mit der Einführung des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS) ein Repression und Prävention gut ausbalancierendes Konzept entwickelt: die auf der Grundlage sozialpädagogischer Konzepte arbeitenden Fan-Projekte zur soziale Prävention. Ihr Ziel: die selbstregulative Fankultur stärken.
Das von der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) betreute Netzwerk aus 32 lokalen Fan-Projekten kann mittlerweile Erfolge in der Eindämmung von Gewalt und Rassismus aufweisen. Die Fan-Projekte wollen quasi als Vermittlungsinstanz alle Akteure rund um den Fußball an einen Tisch bringen.
Dazu wurden konstruktive und zuverlässige Kommunikationswege zwischen Fans, Vereinen und Polizei installiert. Über diese Kommunikationswege wurden die Verhaltensweisen und Bedürfnisse der zumeist jugendlichen Fans in die Institutionen übersetzt und bei den Beteiligten eine Sensibilität für jugendliches Fanverhalten hergestellt. Diese verlässliche Kommunikation trägt zu einer Stärkung der Verhaltenssicherheit auf allen Seiten bei und wirkt Konflikt mäßigend.
Bestärkt durch die Arbeit der Sozialpädagogen schaffen die Meinungsführer in den Fankurven interne Instrumentarien der Selbstkontrolle und somit eine Eindämmung rassistischer Verhaltensweisen.
Der Erfolg dieses Ansatzes führte dazu, dass die KOS durch die Mitarbeit am Handbuch zur Prävention von Gewalt im Sport des Europarates, maßgeblich am Transfer dieses Ansatzes in andere europäische Länder beteiligt war. Im Rahmen der WM 2006 ist die Koordinierungsstelle für Fan-Projekte (KOS) vom FIFA WM Organisationskomitee mit der Umsetzung eines umfassenden Fan- und Besucherbetreuungsprogramms betraut worden.
Die Fanarbeit zeichnet sich durch eine Vielzahl an (sozial)pädagogischen Ansätzen aus. Es wird kultur- und erlebnispädagogisch, aufsuchend und mit Begegnungen der vielfältigsten Art gearbeitet. Die Ansätze reichen von Angeboten der offenen Jugendarbeit (Jugendclub, Streetwork, Beschäftigungsprojekt) bis hin zu erzieherischen Hilfen (Betreutes Wohnen, Erziehungsberatung). Auf lokale Bedarfssituationen reagieren die Fan-Projekte mit lokal angepassten Ansätzen.
Die Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit hat mehrere Interviews mit MitarbeiterInnen von Fan-Projekten zu Bedingungen, Erfahrungen und Erfolgen ihrer Arbeit geführt. Einstimmig berichten die Verantwortlichen, dass Vorgaben zur pädagogischen Arbeitsweise nicht sinnvoll seien, denn die Projekte müssten vor Ort klären und herausfinden, was gebraucht und akzeptiert wird. Ein wesentliches Ziel sei es attraktive Gegenangebote für jugendliche Fans zu gestalten, so dass diese nicht aus Alternativlosigkeit bei gewaltbereiten Hooligans landen.
Auch der zunehmenden Vereinzelung von Fußballfans soll durch integrative, vermittelnde Angebote begegnet werden. Dabei handelt es sich zum Beispiel um die Organisation und Durchführung gemeinschaftlicher Fahrten eines Fußballjahrgangs (U16) zu Auswärtsspielen, Kontaktbörsen für Auswärtsspiele, Fußballturniere, gemeinsames Kochen, Kontaktaufbau zu Profis, Begegnungen mit Fans anderer Mannschaften, Vorbereitung von Choreographien und der Erstellung von Fan-Zeitungen.
Leider sind die Fan-Projekte mit mehreren Problemen konfrontiert: Berichten von Mitarbeitenden einzelner Fan-Projekte zufolge erhält die Fanarbeit immer nur im Zusammenhang mit Problemfällen Aufmerksamkeit und Anerkennung. Meistens hat die Intensivierung der Polizei-Arbeit Vorrang. Nur im Vorfeld großer Meisterschaften oder im Zusammenhang mit rassistischen Vorfällen plädiert der DFB gern für eine Stärkung der Fanarbeit.
In direktem Zusammenhang damit steht die unsichere Finanzierung der Fan-Projekte. Sie speist sich zumeist zu einem Drittel über den DFB bzw. die jeweiligen Vereine und zu zwei Dritteln aus öffentlichen Mitteln. Häufig wird die Finanzierung der Projekte jährlich neu ausgehandelt und nur durch die Übernahme der Zwischenfinanzierung durch die Träger sind kontinuierliche Bezahlungen der Mitarbeitenden gewährleistet. Die Stellen sind bisher vorrangig ABM-Stellen gewesen. So trägt die prekäre finanzielle und insgesamt eher unattraktive Stellensituation nicht dazu bei, dass die Projekte einschlägig qualifizierte Mitarbeitende gewinnen können. Obwohl gerade das Fehlen von entsprechend qualifiziertem Personal als eine der großen Schwierigkeiten angesehen wird.
Hinzu kommt das Problem, dass Fanprojekte im Spannungsfeld zwischen sozialem Anspruch und kriminalpräventiver Instrumentalisierung stehen. Die sozialpädagogische Fanarbeit sieht sich häufig zwischen Jugendhilfe und Ordnungsauftrag. Fälle, in denen Fan-Projekte einen Ordnungsauftrag erhalten, bewerten die Mitarbeitenden als äußerst schwierig. Sie argumentieren, dass dadurch einerseits die Selbstorganisation der Fans entwertet würde. Andererseits sorge eine Polizeiarbeit im Feld, die nicht deeskalierend ausgerichtet ist, sondern repressiv agiere, für zusätzliche Gewalt im Stadion. Diese Faktoren verhindern den Aufbau tragfähiger Vertrauensverhältnisse zwischen beiden Seiten und erschweren die sozialarbeiterische Projektarbeit.
Auffällig in der Fanarbeit ist die starke Orientierung am Individuum. Wohingegen die Maßnahmeempfehlungen des DFB in eine ordnungs- und strukturpolitische sowie öffentlichkeitswirksamere Richtung weisen. Die zukünftige Herausforderung wird eine Integration all dieser Vorgehensweisen sein: d.h. sowohl öffentliche Stadiondiskurse zu besetzen, sich als Verein, Mannschaft und Verband klar gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit auf allen Ebenen des Fußballgeschehens auszusprechen und gleichzeitig die pädagogische Arbeit zu unterstützen. Zum Beispiel durch die langfristige Implementierung modellhafter Projekterfahrungen in Bereichen der interkulturellen Mediation und Anti-Gewalt Trainings für alle Beteiligten in der Vereinsarbeit (untere Klassen, jugendliche Spieler, Trainerinnen und Trainer, Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, Betreuende), die u.a. über das Bundesmodellprogramm Entimon - gemeinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus gewonnen wurden .
Wirksamkeit und Evaluation
In Interviews berichten Fan-Projekte von Erfolgen ihrer Arbeit: die Projekte wirkten durch die Stabilisierung der Fankultur einer Radikalisierung entgegen. Oftmals seien Konfliktmoderationen gelungen, und die Projektmitarbeitenden konnten respektvolle und faire Umgangsformen innerhalb der Fanszenen etablieren. Letztlich stärken die Projekte durch ihre Sozialarbeit vor Ort die selbstregulativen Kräfte der Fankultur, was zur Folge hat, dass Gewalttäter isoliert werden.
Die Fan-Projekte dokumentieren ihre Arbeit in jährlichen Berichten. Interne Erfahrungsaustausche und informelle Dienstbesprechungen dienen der projektinternen Reflexion und Weiterentwicklung der Arbeit. Häufig partizipieren die Projekte an den jährlichen Treffen der Koordinierungsstelle Fan-Projekte und beteiligen sich an Treffen der Bundesarbeitsgemeinschaft Fan-Projekte. Zu einzelnen Projektaktivitäten liegen vereinzelt Evaluationen vor. Systematische Evaluationen sind jedoch bislang nicht durchgeführt worden.
Von Evaluationen wird erwartet, Wirkungen nachzuweisen. Diese festzustellen, ist aber im Fall sozialer Arbeit äußerst schwierig und methodisch sehr anspruchsvoll. So dass die zum Teil mit Evaluationen verbundenen Erwartungen, nämlich umgehend für unterschiedliche Szenarien gleich wirksame Programme identifizieren zu können, sicherlich nicht immer eingelöst werden können.
DJI Online / Stand: 1. Juni 2006
Menschen im Profil: Heiner Schäfer, DJI
Herr Schäfer, gehen Sie gern ins Stadion?„Nein, eigentlich nicht. Fußball interessiert mich nicht so, ich bevorzuge eher den Ausdauersport. Denn ich selbst laufe gern, weniger die 100 Meter, die sind zu schnell vorbei – obwohl inzwischen auch nicht mehr so schnell – als vielmehr die längeren Strecken. Für mich gilt deshalb: lieber an der Isar schwitzen als in der Arena sitzen.“ |
Heiner Schäfer, Jahrgang 1947, arbeitet nach dem Studium der Soziologie in Münster und München seit 1974 am Deutschen Jugendinstitut.
Zunächst befasst er sich mit den Lebensbedingungen junger Arbeitnehmer. Zu Beginn der 1970-er Jahre sind sie durch die Reformbemühungen der Bundesregierung in der beruflichen Bildung verstärkt in die öffentliche Aufmerksamkeit geraten und stehen auch im Mittelpunkt des Vierten Jugendberichts, der am DJI seiner Zeit erarbeitet wird.
Später ist sein Arbeitsbereich die in Deutschland dramatisch zunehmende Arbeitslosigkeit von Jugendlichen. Er untersucht vor allem die vielfältigen lokalen, regionalen und bundesweiten Modellprogramme, die zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit entwickelt werden.
Außerdem ist er seit Mitte der 1980-er Jahre in die wissenschaftliche Begleitung des Programms „Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit“ eingebunden, mit dem Modelle zur Integration jugendlicher Arbeitsloser in den Arbeitsmarkt entwickelt und erprobt werden. Hier interessieren ihn vor allem die innovativen Versuche, eigentlich chancenlosen Schulverweigerern neue Zugänge in die Arbeitswelt zu ermöglichen.
Seit 1997 ist er Teammitglied in der damals gegründeten Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention am DJI. Seine Schwerpunkte sind derzeit die pädagogischen Ansätze im Umgang mit Jugendlichen aus verschiedenen kulturellen Milieus (z.B. junge Aussiedler aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion) und jungenspezifische Ansätze in der Gewaltprävention. Wichtig ist ihm darüber hinaus der Erfahrungsaustausch mit den Präventions-Fachleuten aus anderen Ländern – ein Bereich, der in Deutschland im pädagogischen Feld inzwischen an Bedeutung gewonnen hat.
DJI Online / Stand: 1. Juni 2006
Menschen im Profil: Viola Laux, DJI
Frau Laux, welcher Aspekt sollte in der Gewaltprävention Ihrer Ansicht nach stärker beachtet werden? „In der praktischen Arbeit und den damit verbundenen Strategien wurde bisher der Zusammenhang von Geschlecht und Gewaltverhalten weitestgehend ignoriert. Um jedoch eine gelingende Prävention leisten zu können, muss die Geschlechterspezifik in der praktischen Arbeit viel stärker Berücksichtigung finden.“ |
Frau Glaser, werden Sie mit Ihrem Sohn später Fußball spielen? "Warum nicht? Allerdings dürfte ihm das bei meinen rudimentären Spielkenntnissen ziemlich schnell langweilig werden! Aber wer weiß – vielleicht lerne ich ja durch ihn noch dazu ..." |
Herr Dr. Rieker, wären Sie gern ein Profi-Fußballer?„Oh nein, bloß nicht! Mit meinen 43 Jahren dürfe ich dann nicht mehr über den Rasen rennen, sondern müsste in wichtigen Gremien sitzen und vor laufender Kamera die Fehler der jungen Kollegen schonungslos offen legen - oder ich wäre Trainer, dann würde ich dauernd entlassen, weil man mich für das „Versagen“ meiner Mannschaft verantwortlich macht. Da bin ich schon lieber aktiver Sozialforscher am Deutschen Jugendinstitut!“ |
Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit (in Halle)
Michaela Glaser, DJI Halle
Dr. Peter Rieker, DJI Halle
Renate Schulze, DJI Halle
Silke Schuster, DJI Halle
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention
(in München)
Margit Höß, DJI
Bernd Holthusen, DJI
Viola Laux, DJI
Heiner Schäfer, DJI
Menschen im Profil: Bernd Holthusen, DJI
Herr Holthusen, wissen Sie, was eine Blutgrätsche ist?„Natürlich weiß ich das! www.blutgrätsche.de ist eine leicht satirische Webseite über den deutschen Fußball. Aber im Ernst, als hier sozialisierter Junge gehört das zur Allgemeinbildung. Da meine Jugend-Sportarten Geräteturnen und Volleyball aber einen Gegnerkontakt nahezu ausschließen, ist es mir erspart geblieben, Opfer eines so „gemeinen“ und groben Fouls zu werden oder als “Täter“ im Spiel zu so einer „Notbremse“ greifen zu müssen. Übrigens – außerhalb des Spielfeldes könnte eine Blutgrätsche strafrechtlich betrachtet auch als Körperverletzung gewertet werden.“ |
Frau Höß, sind Sie ein Fußballfan? „Ich nicht, aber mein fünfjähriger Neffe. Er ist ein richtiger, kleiner „Rabauke“ und hat gerade mit dem Fußballspielen begonnen. Der körperbezogene Aspekt – das „Austoben“ und der Wettkampf – ist natürlich besonders bei Jungen beliebt und kann helfen, angestaute Aggressionen abzubauen. Mit der richtigen Betreuung kann so spielerisch ein Verständnis der Kinder für Teamwork entwickelt und auch ihre Empathiefähigkeit geschult werden. Umso wichtiger ist deshalb die entsprechende pädagogische Begleitung des „Trainings“ – schon bei den ganz Kleinen.“ |
Frau Schulze, wie wichtig ist sportliche Betätigung für Sie? „Meines Erachtens ist ausreichend Bewegung ganz wichtig für Körper und Seele. Sie war schon immer ein Teil meines Lebens. Das begann bereits als Grundschulkind mit dem Weg über Land in die drei Kilometer entfernte Schule. Laufen und Radtouren sind neben Steppaerobic im Fitnessstudio auch heute noch ein fester Teil meiner Freizeitgestaltung.“ |
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention
Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit
Wisschschaftliche Begleitung des Programms „Entimon – gemeinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus“
Bundesarbeitsgemeinschaft Fanprojekte
KOS - Koordinationsstelle Fan-Projekte beim Deutschen Sportbund in Frankfurt
BAFF - das Bündnis Aktiver Fußball-Fans e. V., ist ein seit 1993 bestehender vereinsübergreifender Zusammenschluss von über 200 Fanclubs, -initiativen, -zeitungen, -projekten sowie Einzelmitgliedern. BAFF setzt sich ein für eine lebendige Fankultur mit sozialem Integrationswert, gegen Rassismus und Kommerzialisierung.
Dem Ball ist egal, wer ihn tritt – Verein für antirassistische Bildungs-Fanarbeit
Flutlicht - Verein für antirassistische Fußballkultur
Aktuelle Ausstellung: "Ballarbeit" zu Fußball und Migration
Wir sind Ade!
Diese Website wurde von Fans des FC Sachsen Leipzig initiiert, um den nigerianischen Fußballer Adebowale Ogungbure, der rassistisch angefeindet wurde, zu unterstützen.
Zehn-Punkte-Plan der UEFA gegen Rassismus im Fußball
Bunt kickt gut! Interkulturelle Straßenfußball-Liga in München
Sport gegen Gewalt e.V. wurde 1993 im Hamburger Stadtteil Jenfeld von Fahim Yusufzai gegründet. Über 700 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren nutzen heute die kostenlosen Sportangebote. Das Motto des Vereins: Disziplin, Respekt und Selbstbewusstsein statt Vandalismus, Drogen und Hoffnungslosigkeit
ZIP – Zuschauerverhalten im Profifußball. Notwenidigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Reaktionen. Gefördert durch das Bundesinstitut für Sportwissenschaften untersucht die großangelegte Studie die Konsequenzen für Polizei- und Sozialarbeit, die sich aus den veränderten Rahmenbedingungen der Fußballszene in den letzten Jahren ergeben haben, in drei großen Themenbereichen: Ultraszene Deutschland, Polizei und Sozialarbeit im europäischen Kontext von Fanbetreuung, Rassismus und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten und Entwicklung von Gegenstrategien.
Deutscher Präventionstag: Homepage
Schülerbefragung 2006 Hannover - Befragung von über 20.000 SchülerInnen zum Thema Jugendgewalt (Prof. Dr. Christian Pfeiffer)
Deutscher Sportbund: Integration durch Sport
Braunschweiger Präventionsprojekt der Arbeitsgemeinschaft Bildungsvereinigung Arbeit und Leben e.V. Niedersachsen
hooligans.de
Deutsches Online Magazin für Fußballfans
FARE wurde 1999 in Wien auf Initiative der Fair Play-Kampagne am Wiener Institut für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit (vidc) von Fanclubs, Faninitiativen und antirassistischen Organisationen aus ganz Europa gegründet, um Erfahrungen auszutauschen, Probleme und Strategien zu diskutieren sowie relevante Zielgruppen für weitere Kampagnen und Aktivitäten auszumachen. Heute sind mehr als 100 Gruppen in 35 Ländern im FARE-Netzwerk aktiv.
ZIS – Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze wurde 1991 auf Beschluss der ständigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder IMK gegründet, um den Informationsaustausch zwischen den Polizeibehörden bei größeren Sportveranstaltungen zu standardisieren und zu intensivieren mit dem Ziel, Gewalttätigkeiten insbesondere bei Fußballspielen zu verhindern.
NKSS – Das Nationale Konzept Sport und Sicherheit wurde 1991 von einer Arbeitsgruppe erarbeitet und wird herausgegeben von der Deutschen Sportjugend (dsj) im Deutschen Sportbund.
Europarat: Handbuch zur Prävention von Gewalt im Sport (englisch)
FIFA – die Federation Internationale de Football Association bezieht auf ihren Fairplay-Seiten eindeutig Stellung gegen Diskriminierung und Rassismus
FURD - Football Units, Racism divides. Das Projekt wurde 1995 nach rassistischen Ausschreitungen im englischen Sheffield ins Leben gerufen.
Kick It Out – Die englische Anti-Rassismus-Kampagne wurde 1993 gegründet und wird von den großen Fußballverbänden in England unterstützt.
Show Racism the red Card – Internetseiten, die englische Fußballer und Teams zeigen, die sich an antirassistischer Initiativen im englischen Fußball beteiligen.
DJI Online / Stand: 1. Juni 2006
Blick von Außen I
von Rüdiger Heid, München
"Soziales Lernen, Konfliktmanagement und Gewaltprävention durch organisierten Straßenfußball: die Münchner Initiative buntkicktgut"
weiter
Blick von Außen II
von Dr. Ester Lehnert, Berlin
"Plädoyer für eine geschlechterreflektierende sozialpädagogische Arbeit mit männlichen Fans"
Interview mit Michaela Glaser und Silke Schuster, DJI
Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit
"Rassismus im englischen und deutschen Fußball" Sie befassen sich in der DJI Arbeitsstelle mit Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Wo sehen Sie Zusammenhänge zwischen dem Hooliganismus gewaltbereiter Fans und Fremdenfeindlichkeit?
Zusammenhänge gibt es insofern, als zwar nicht alle Hooliganszenen in Deutschland, aber doch ein recht großer Teil eher rechts orientiert sind und fremdenfeindliche Parolen und Verbalattacken ein weit verbreiteter Bestandteil der Hooligan-Fankultur sind. In vielen dieser Szenen sind Skinheads aktiv beteiligt, und in manchen Gruppen existieren auch Verbindungen zum organisierten Rechtsextremismus.
Das Phänomen Fremdenfeindlichkeit im Fußball lässt sich jedoch nicht auf die vergleichsweise kleine Gruppe gewaltbereiter Fans reduzieren. Zum einen berichten betroffene Spieler, insbesondere aus den unteren Ligen, dass sie auch von gegnerischen Spielern mit diskriminierenden Ausdrücken bedacht werden. Zum anderen zeigt gerade das aktuell in den Medien zitierte Beispiel der Oberliga-Begegnung Leipzig gegen Halle, dass das Problem erheblich weitreichender ist.
Bei diesem Spiel sah sich der Spieler Adebowale Ogungbure bis weit in die zweite Halbzeit hinein rassistischen Beleidigungen von Hallenser Fans ausgesetzt, ohne dass der Stadionsprecher oder andere Verantwortliche vor Ort darauf reagierten. Ogungbure verließ das Spielfeld am Ende mit dem Hitlergruß in Richtung der Randalierer. In einer regionalen Zeitung wurde die Reaktion Ogungbures auf die kontinuierlichen Provokationen als unerfreulicher Höhepunkt des Spiels bezeichnet, ohne den fremdenfeindlichen Kontext überhaupt zu erwähnen. Mit anderen Worten: Es geht auch um die Tolerierung von fremdenfeindlichen Tendenzen durch das gesellschaftliche Umfeld und die Medien und um eine fehlende Sensibilität für solche Tendenzen.
Gibt es Ihrer Ansicht nach Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Bundesländern in punkto (rechtsextremer) Gewalt und Fremdenfeindlichkeit im Umfeld des Sports?
Das ist schwierig zu bewerten, da keine eindeutigen Erkenntnisse hierzu vorliegen. Generell lässt sich feststellen, dass rechtsextreme Gewalt im Westen häufiger auf das Konto von Einzeltätern geht, während sie im Osten überwiegend aus der Gruppe heraus verübt wird. Die rechtsextreme Szene richtet ihre Rekrutierungsbemühungen unter Jugendlichen zur Zeit verstärkt auf die ostdeutschen Bundesländer. Diese Unterschiede schlagen sich natürlich auch im sportlichen Umfeld und der Fan-Szene nieder.
In vielen auf Gesamtdeutschland bezogenen Studien wird auch ein höherer Prozentsatz an rechtsextremen und fremdenfeindlichen Einstellungen in den neuen Bundesländern verortet. Das muss aber noch nicht bedeuten, dass solchen Einstellungen in den unterschiedlichen Regionen genau dieselben Ursachen zugrunde liegen. Zudem kann man von Einstellungen nicht ohne weiteres auf tatsächliche Verhaltensweisen wie etwa fremdenfeindliche Gewalttaten schließen. Hierfür sind differenzierende Analysen nötig.
Führen Sie in der Arbeitsstelle Studien zu diesen Fragestellungen durch?
Eigene Forschung ist, neben der Aufbereitung vorhandener Informationen, ein zentraler Bereich unserer Arbeit. Dabei liegt der Schwerpunkt unserer Untersuchungen auf den Erfahrungen, die in der Praxis mit den existierenden pädagogischen Strategien und Ansätzen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit gemacht werden.
Während es relativ viel Literatur und Debatten zur Theorie und Konzeption dieser Arbeit gibt, liegen bisher nämlich nur wenige Informationen zu den praktischen Erfahrungen damit vor. Mit unseren Untersuchungen wollen wir den Transfer von Praxiswissen und -erfahrungen in die Fachdebatte befördern und auf diese Weise zu einer Weiterentwicklung des Feldes beitragen. In unserer aktuellen Untersuchung beschäftigen wir uns mit Ansätzen interkulturellen Lernens für Kinder und Jugendliche.
Mitarbeiter der Arbeitsstelle haben außerdem zu familiären Hintergründen rechtsextremer Gewalttäter sowie zur Evaluation von Bildungsmaßnahmen geforscht.
Sie waren gerade in England. Was haben Sie dort gemacht?
Neben Wissenschaftlern, die in unserem Arbeitsfeld forschen, haben wir vor allem dem Fokus unserer Arbeit entsprechend unterschiedliche Praxisprojekte, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit stark machen, besucht. Ein Schwerpunkt war dabei die Auseinandersetzung mit dem Rassismus im englischen Fußball, ein anderer lag auf Projekten von und mit Migranten, die gegen Fremdenfeindlichkeit arbeiten.
Welche präventiven Ansätze werden auf der Insel vorrangig vertreten?
In England setzt man sehr stark auf Aufklärung und insbesondere im Handlungsfeld Fußball auf die Besetzung öffentlicher Diskurse durch symbolische Aktionen und großangelegte, landesweite Kampagnen. Dazu kommen Aktivitäten, die auf eine stärkere Beteiligung von ethnischen Minderheiten, sowohl als Zuschauer, als auch als Akteure auf den verschiedenen Ebenen der Institution Fußball zielen.
Dabei wird unter anderem mit britischen Profifußballern mit Migrationshintergrund zusammengearbeitet, die beispielsweise in englische Schulkassen gehen, um dort mit den Schülern über Rassismus zu diskutieren und gleichzeitig für Schüler aus ethnischen Minderheiten als positive Vorbilder zu fungieren.
Außerdem sind Ansätze des Peer-Learnings in der antirassistischen Pädagogik recht weit entwickelt. Das heißt man setzt auf das Prinzip des Lernens von und mit Gleichaltrigen, indem junge Menschen zu sogenannten Peer Trainern ausgebildet werden, die dann in Schulen und Jugendeinrichtungen zum Beispiel als interkulturelle Konfliktmediatoren arbeiten oder antirassistische Aufklärungsarbeit leisten.
Worin liegt der markanteste Unterschied zu deutschen Fanprojekten?
Die Präventionspraxis in Deutschland konzentriert sich sehr viel stärker auf die sozialpädagogische Arbeit mit (potenziell) problematischen Jugendlichen, während die englische Antirassismusarbeit im Fußball, aber auch generell, stärker auf das soziale und organisatorische Umfeld zielt.
Außerdem umfasst das Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit dort immer auch Forderungen bzw. Maßnahmen zur interkulturellen Öffnung der jeweiligen gesellschaftlichen Institutionen. Das ist einem anderen, strukturellen Rassismusbegriff geschuldet, der in der englischen Diskussion nicht so sehr die Vorurteile von Individuen, sondern stärker die Ausgrenzungs- und Diskriminierungsmechanismen und -strukturen der Gesamtgesellschaft in den Blick nimmt.
Was können wir von den Engländern lernen?
Die Deutlichkeit und gesellschaftliche Bandbreite, mit der in England gegen Rassismus im Fußball Stellung genommen wird, ist schon beeindruckend. Auch bei uns gibt es Fan-Initiativen und Fußballvereine, die klar Position gegen fremdenfeindliche Tendenzen beziehen jedoch sehr viel vereinzelter und mit weniger Unterstützung, als dies in England geschieht.
Unter anderem findet dort einmal im Jahr eine antirassistische Aktionswoche mit bis zu 600 Einzel-Events in Stadien, an Schulen und anderen öffentlichen Orten statt, an der sich sämtliche 92 englische Profivereine mit mindestens einer antirassistischen Aktion beteiligen.
Insgesamt werden die englischen Fußballvereine und Verbände stärker in die Pflicht genommen bzw. lassen sich stärker in die Pflicht nehmen als dies bei uns der Fall ist. So hat die antirassistische Fußballinitiative "Kick it Out" auch noch einen Katalog sogenannter Racial Equality Standards erarbeitet, mit denen der Zehn-Punkte-Katalog der UEFA gegen Rassismus im Fußball weiterentwickelt und um eine Reihe von Maßnahmen erweitert wurde, die auf die gleichberechtigte Repräsentanz ethnischer Minderheiten im organisierten Fußball zielen. Die Implementierung dieser Standards in den Clubs wird von den Fußballverbänden nicht nur ideell unterstützt, sondern auch materiell, durch die Finanzierung einer Projektstelle, die die Vereine bei der Umsetzung berät und unterstützt.
Wie erklären Sie sich die breitere Verankerung dieser präventiven Ansätze in England?
Man muss sicherlich dabei in Rechnung stellen, dass zu Beginn dieser Aktivitäten Anfang der 1990er Jahre die Situation in den britischen Stadien erheblich zugespitzter war, sowohl die Gewalt als auch den Rassismus betreffend, und insofern ein ganz anderer Handlungsdruck herrschte.
Im übrigen gibt es auch Bereiche, in denen umgekehrt die Briten die deutsche Präventionspraxis als vorbildhaft ansehen nämlich die bereits erwähnte pädagogische Fanarbeit, von der unsere Gesprächspartner meinten, dass die Deutschen hier deutlich weiter wären und man in dieser Hinsicht noch von ihnen lernen könnte.
Sollen Präventionsprojekte generell mit der Polizei zusammen arbeiten? Wenn ja, wie könnte eine solche Kooperation aussehen?
Die entscheidende Frage ist, ob eine solche Zusammenarbeit fallbezogen stattfinden soll. Von einer generellen Kooperation, die den Austausch von Lageeinschätzungen und der Abstimmung von Strategien und Aktivitäten dient, können sicherlich beide Seiten profitieren.
Eine fallbezogene Zusammenarbeit, d.h. der Austausch von Informationen über eine bestimmte Person, ist dagegen insofern problematisch, als für die Polizei in Deutschland Strafverfolgungspflicht besteht. Aus Sicht der Projekte gilt es jedoch, den Vertrauensschutz ihrer Klientel zu gewährleisten, der ja die Basis für die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen ist. Wenn diese polizeiliche Strafverfolgungspflicht nicht bestünde, wären sicherlich größere Möglichkeiten auch der konkreten inhaltlichen Kooperation gegeben.
Mit der Frage, welche Ansätze erfolgversprechend sind, ist die nicht unproblematische Evaluation präventiver Maßnahmen verknüpft.
Ja genau die Frage, ob und wie sich Qualität und Wirksamkeit präventiver Arbeit messen lassen, ist schwierig. Denn zum einen findet die Arbeit nicht in einem sozialen Vakuum statt, das heißt es gibt immer auch andere Faktoren, die hier wirksam sind. Zum anderen zielt insbesondere die pädagogische Prävention auf die Verhinderung von Aktivitäten, etwa durch die Beeinflussung von Einstellungen und Verhalten. Solche Prozesse und teilweise auch ihre Ergebnisse sind jedoch nur schwer messbar.
Das sollte aber nicht davon abhalten, nach gangbaren Wegen für Wirkungsstudien zu suchen. Wie Evaluation in diesem Feld aussehen kann, ist bislang eine noch nicht befriedigend gelöste Frage. Dieser Aufgabe gilt deshalb auch ein besonders Augenmerk unserer Arbeit, indem wir Erfahrungen vorhandener Evaluationen in der pädagogischen Rechtsextremismus- und Rassismusprävention erheben, auswerten und diese Ergebnisse mit der Fachwelt diskutieren.
Wie würden Sie die Mittel für Präventionsmaßnahmen, die vom Staat, den freien Trägern und Vereinen bereit gestellt werden, einsetzen?
Effektive Prävention von Fremdenfeindlichkeit im Fußball sollte auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Eine dieser Ebenen ist die sozialpädagogische Arbeit mit problematischen Zielgruppen. Deshalb leisten die Fanprojekte hier unbestreitbar wichtige Arbeit.
Darüber hinaus und um diese Arbeit zu unterstützen, muss aber auch das gesellschaftliche und sportliche Umfeld in den Blick genommen werden. Gerade der Blick nach England macht deutlich, dass insbesondere die Vereine und Verbände in Deutschland noch stärker und auch auf andere Weise aktiv werden könnten. Das umfasst die Sensibilisierung und Schulung von Ordnern, Trainern und anderen im professionellen Fußballkontext Aktiven sowie eine größere Selbstverpflichtung und eine öffentlich stärker sichtbare Positionierung gegen fremdenfeindliche Tendenzen in diesem Sport.
Das ist sicherlich mit Kosten verbunden. Doch das sollte es uns wert sein, um Gewalt und Fremdenfeindlichkeit im beliebtesten deutschen Sport entschieden entgegentreten zu können.
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit
Menschen im Profil: Michaela Glaser, DJI Halle
DJI Online / Stand 1. Juni 2006
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DJI Online / Stand 1. Juni 2006
Blick von Außen I von Rüdiger Heid, München
„Soziales Lernen, Konfliktmanagement und Gewaltprävention durch organisierten Straßenfußball: die Münchner Initiative buntkicktgut“
Die Münchner Straßenfußball-Liga buntkicktgut versteht sich als ein Projekt der interkulturellen Verständigung und ist in seiner bestehenden Form und Dimension ein bundes- und europaweit einzigartiges Beispiel des organisierten Straßenfußballs.
Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, jungen Menschen verschiedener kultureller und nationaler Herkunft eine sinnvolle und gesunde Freizeitbeschäftigung zu geben und Möglichkeiten von sozialem und kulturellem Miteinander zu eröffnen.
Aus einer punktuellen Betreuungsmaßnahme für Kinder und Jugendliche in Münchner Gemeinschaftsunterkünften für Bürgerkriegsflüchtlinge und Asylbewerber entwickelte sich seit 1997 allmählich und organisch die Idee des erfolgreichen und mehrfach ausgezeichneten Integrationsprojektes. Der von Beginn an betont gewaltpräventive Ansatz bildet inzwischen den konzeptionellen Schwerpunkt.
Der Erfolg des ersten Jahres mit zehn Fußballteams war überwältigend. Die Reaktionen aus den Unterkünften und Erfahrungen mit den Kindern und Jugendlichen waren derart positiv, dass die Idee reifte, eine solche Straßenfußball-Liga für die ganze Stadt zu organisieren. Während der vergangenen vier Jahre expandierte das Projekt fortlaufend. Im Winter 2005/2006 zählte es über 100 teilnehmende Teams und mehr als 1.000 Jugendliche aus über 70 unterschiedlichen Herkunftsländern.
Die ursprünglich vom Flüchtlingsamt der Stadt München und heute von der Initiativgruppe Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V. sowie dem Amt für Wohnen und Migration der Landeshauptstadt gemeinsam getragene Liga hat mittlerweile ihren festen Platz im Sportgeschehen der Stadt gefunden.
Finanziert wird buntkicktgut hauptsächlich durch öffentliche und private Zuschüsse sowie Geld- und Sachspenden, aber auch durch die Startgelder der teilnehmenden Teams. Unterstützung in vielfältiger Form findet das Projekt bei allen relevanten städtischen Referaten und Ämtern und bei Trägern der Jugend- und Sozialarbeit.
Wie funktioniert buntkicktgut?
buntkicktgut ist eine das gesamte Jahr über laufende multikulturelle Straßenfußball-Liga in München. Das Spieljahr ist eingeteilt in eine Sommer- und eine Wintersaison. An bis zu fünf Nachmittagen in der Woche und vielen Wochenenden finden auf verschiedenen Bezirks- und Schulsportanlagen pro Jahr über 1.200 Ligaspiele statt. Damit sind auf das Jahr hochgerechnet an ca. 160 Spieltagen mehr als 150 Kleinfeld-Teams und über 2.000 aktive Teilnehmer in fünf Altersgruppen zwischen 8 und 21 Jahren involviert.
Die Teams, ob männlich oder weiblich, kommen aus Flüchtlings- und Notunterkünften, Tagesstätten, Freizeitheimen, aus der Schulsozialarbeit, von Sportvereinen oder einfach von der Straße . Grundsätzlich kann jeder Jugendliche ein eigenes Team anmelden. Mindestens sechs Spieler oder Spielerinnen sind zur Anmeldung nötig, bis zu 12 können im Lauf der Saison insgesamt in die Spielerliste eines Teams aufgenommen werden. Streichungen oder Teamwechsel von Spielern während der Saison sind nur in Ausnahmefällen möglich, über die der Ligarat entscheiden muss. Verbindlichkeit und sportliche Fairness sind dabei wesentliche kommunizierte Kategorien und Voraussetzung für einen funktionierenden Spielbetrieb.
Wie lässt sich der große Erfolg von buntkicktgut erklären?
buntkicktgut greift eine der aufregendsten Freizeitbeschäftigungen für Kinder und Jugendliche auf und macht sie zu einem organisierten und stetigen Angebot. Zum Fußball benötigt man keine besondere Ausrüstung: Eine ballähnliche Kugel und zwei markierte Tore reichen meist schon aus. Fußball lässt sich also mit einfachsten Mitteln spielen, ohne einen Überblick über komplizierte Regeln haben zu müssen. Kein Sport verlangt so wenig Ausrüstung bzw. Regel-Knowhow. Gerade für Kinder und Jugendliche, die in schwierigen familiären oder wirtschaftlichen Verhältnissen und häufig in problematischen Stadtteilen aufwachsen, ist das Fußballspielen auf der Straße, der Wiese und auf Bolzplätzen oft die einzige aktive Freizeitbeschäftigung.
Bei buntkicktgut erfahren die Kinder und Jugendlichen Anerkennung ihrer Person, unabhängig von ihrer Lebenslage und ihrer kulturellen Herkunft. Durch die familiäre und freundschaftlichrespektvolle Atmosphäre bei buntkicktgut wird den Kindern und Jugendlichen, die teilweise an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden (aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, Bildungsabschlüsse, finanzieller Unsicherheit) eine Art Heimatgefühl und in einzelnen Fällen ein Familienersatz geboten bzw. vermittelt und schon allein dadurch die Gewaltbereitschaft entscheidend vermindert.
Fünf Thesen zum Erfolg und zur gewaltpräventiven Wirkung von buntkicktgut!
Die präventive Wirkung von buntkicktgut ist unter Pädagogen, Sozialarbeitern, Jugendpolizei und Justiz mittlerweile unbestritten. Es existiert allerdings noch immer keine fundierte Untersuchung dazu. Da die Messbarkeit einer präventiven Wirkung von einzelnen Elementen und Instrumenten im Allgemeinen und bei buntkicktgut im Speziellen auf operationale Schwierigkeiten stößt, lassen sich die vermuteten Präventionsmechanismen am besten als Thesen formulieren und darstellen. Jede These impliziert gleichsam eine potenzielle Ursache von Gewalt und stellt die implementierte Maßnahme bzw. ein zentrales konzeptionelles Element innerhalb des Projektes vor.
1. Wettbewerb und Wettbewerbsmodus
Der sportliche Wettkampf der Mannschaften ist das zentrale Element der Straßenfußballliga. Kinder und Jugendliche wollen sich messen, testen dabei ihre Leistungsfähigkeit und ihre Grenzen aus und suchen ihren Platz in der Hierarchie der Gruppe oder gegenüber Individuen. Sehr oft findet sich hierin der Hintergrund für gewalttätige Auseinandersetzungen Einzelner oder von Stadtteil- und Straßengangs.
Die Liga und der sportliche Wettbewerb schaffen hier eine spielerische Alternative. Kinder lernen, ihre Aggressionen und gruppenbezogenen Kämpfe auf dem Platz konstruktiv und durch körperliche Leistung zu kompensieren. Durch das von allen akzeptierte Regelwerk wird gleichzeitig soziales Verhalten, Fairness und Gruppenfähigkeit geschult.
Der auch bei buntkicktgut geltende olympische Leitsatz Dabei sein ist alles! wird durch den sich über Jahre hin entwickelten Ligamodus unterstützt. Jedes Team erhält am Saisonende nicht nur einen Pokal; entscheidend für Moral und Durchhaltevermögen der Teams ist, dass das Ziel nicht nur der 1. Platz sein muss, sondern jeder Platz in Rangfolge der Tabelle eine Bedeutung besitzt. Individuelle Auszeichnungen am Saisonende, wie sportliches Vorbild , Fairnesspokal oder Beste Teamorganisation zementieren die gewaltpräventiven Grundsätze.
2. Identität, Identifizierung, Integration
Die Kinder und Jugendlichen in Flüchtlingsunterkünften, aber auch aus anderen nichtdeutschen Zuwandererfamilien, erleben täglich das Spannungsfeld eines Aufwachsens im bikulturellen Kontext. Die Konfrontation mit divergierenden Wertvorstellungen findet zudem oft vor dem Hintergrund einer Traumatisierung durch die Flüchtlingssituation und unter den Bedingungen wirtschaftlicher und sozialer Ausgrenzung statt.
Die Phase der Identitätsfindung ist in der heutigen Gesellschaft erschwert. Eine Vielzahl von Lebensformen, Medieneinflüssen und Wertvorstellungen provozieren Entscheidungs- und Orientierungsprobleme. Schulischen Anforderungen sind die Jugendlichen immer weniger gewachsen, gesellschaftliche Anerkennung bleibt ihnen oft verwehrt. Das einzige Kapital für viele sozial benachteiligte Jugendliche ist ihr Körper, mit dem sie ihre Existenz, Präsenz und ihren sozialen Status etablieren können: eine der zentralen Ursachen von Gewalt und Gewaltbereitschaft.
Die Identifikation mit einer Gruppe, in der das Individuum wieder Teil eines Ganzen ist, schafft Identität und Sicherheit in dieser Zerrissenheit, stabilisiert das aus den erwähnten Gründen nicht sehr ausgeprägte Selbstwertgefühl. Eine Tatsache, die im Übrigen auch bei gewaltaktiven Gruppen und Gruppenprozessen zum Tragen kommt.
Entscheidend ist nun, dass diese Gruppendynamik und Identitätsfindung widerstandsfähig macht gegenüber der Ausübung von Gewalt. Durch buntkicktgut wird dieser Prozess begleitet und in eine positive Richtung gelenkt. Kriminelle und gewaltprovozierende Energien werden durch das Fußballspielen abgeschwächt. Wichtig in diesem Kontext sind starke Persönlichkeiten und Vorbilder unter den Jugendlichen innerhalb einer Mannschaft, die positive Verhaltensweisen an den Tag legen und die Mannschaft (vor allem menschlich) führen und bei Rückschlägen wieder aufbauen.
Wenn diese Nevergiveup -Mentalität die Kinder erst einmal erreicht hat, überträgt sich dieses Gefühl auch auf Bereiche außerhalb des Fußballplatzes, z.B. auf die Bewältigung schulischer Misserfolge oder familiärer Probleme. Die so gesteigerte Frustrationstoleranz verhindert das Auftreten von Gewalt seitens der beteiligten Kinder und Jugendlichen erheblich.
3. Kommunikation im interkulturellen Kontext
Der Ton macht die Musik! Die Durchführung eines kontinuierlichen Ligabetriebs mit bis zu fünf Spieltagen pro Woche verlangt ein ständiges Kommunizieren zwischen allen Beteiligten. Die Kommunikation zu und zwischen den Teams stellt gleichzeitig eine der wichtigsten gewaltreduzierenden Komponenten dar, erzeugt und pflegt eine persönliche Nähe zur Liga. Spielführer oder Betreuer von Teams werden beispielsweise telefonisch über Spielplanänderungen informiert oder an ihren nächsten Termin erinnert. Aber auch schon der regelmäßige Versand der Spielpläne per Post, per Fax oder in seltenen Fällen bereits per email stellt für viele Teilnehmer einen Aufmerksamkeitsgewinn und eine Akzeptanz dar, die sie so oft nicht gewöhnt sind.
Gerade Kinder und Jugendliche, die aus bildungs- und kommunikationsarmen Familienverhältnissen stammen, erfahren bei buntkicktgut neue Möglichkeiten sich auszutauschen, ohne sich ihrer verbalen Kommunikationsschwäche schämen zu müssen. Dadurch wirkt buntkicktgut auch als Forum für Diskussionen und Austausch. Durch das Darüber-Reden werden Aggressionen und physische Gewalttendenzen abgeschwächt. Die Unsicherheit der Kinder und Jugendlichen, die für Gewalt häufig verantwortlich ist, sinkt.
4. Peer-Group und Alpha-Team
Kinder und vor allem Jugendliche sind primär peergroupbezogen, d.h. sie leben und bewegen sich in ihrer Altersgruppe. Dort finden die Jugendlichen das, was sie in anderen formellen Gruppenbeziehungen vermissen, nämlich gleiche Interessen, Verständnis und Wertschätzung. Aus diesem Verständnis heraus besitzt ein Fußballteam Gleichaltriger einen hohen Attraktivitätswert. Dieser stellt zugleich ein besonders wertvolles soziales Lernfeld dar.
Die überschaubare Teamgröße von sechs Spielern entspricht in etwa der adäquaten Gruppengröße, in der sich Jugendliche und Stadtteil- Gangs häufig organisieren. Gerade Kinder und Jugendliche, die sich gegen jede Art von Normen und Regeln stellen, können durch einen Mannschaftssport lernen, sich mit den anderen Gruppenmitgliedern auseinander zu setzen. Es entstehen im Fußball viele Reibungsfelder (der Kampf um die Spielpositionen, das Zusammenspiel, Fouls, usw.), die es zu überwinden gilt, wenn die Mannschaft, erfolgreich sein will. Die Spieler müssen lernen, an einem Strang zu ziehen , da nur so ein Freude bringendes Miteinander und sportliche Erfolge zu erreichen sind.
Mit der Pflege eines Alpha-Teams , eines erfolgreichen Gewinnerteams, das Herausforderung und Vorbild gleichzeitig sein soll ( Harras Bulls , Fredl Fighters ), wird zudem eine wichtige Orientierungsmarke für den Gruppenbildungsprozess anderer Teams gesetzt.
5. Strukturierte Partizipation
Allen Partizipationsinstrumenten ist gleich, dass sie auf eine Stärkung des Selbstvertrauens der Jugendlichen mittels Übergabe von Verantwortung und einem ressourcenorientierten Arbeiten, d.h. Fördern der Stärken des Kindes und nicht primär eines Ausmerzens der Fehler, abzielen. Ferner lernen die Kinder durch die folgenden drei präventiven Instrumente fachliche und soziale Schlüsselqualifikationen. Diese lernen sie außerhalb des Projektes ebenfalls anzuwenden. Somit werden sie sicherer im Umgang mit sich selbst, lernen ihre Stärken kennen und forcieren diese. Aggressionen und somit Gewalt, die sich aus individuellen Unsicherheiten und Insuffizienzgefühlen ergeben, werden abgeschwächt.
a) Der Ligarat
Zentrales Element der Spielerpartizipation ist der Ligarat, eine feste Institution bei buntkicktgut . Er besteht aus Spielern und Betreuern von sieben teilnehmenden Teams bzw. Einrichtungen, die sich mit mehreren Teams an der Liga beteiligen. Er behandelt in regelmäßigen Sitzungen die auftretenden Probleme in der Liga und gewährleistet damit einen reibungslosen Ablauf des Ligabetriebs.
Das unabhängige Kontrollgremium schaltet sich ein, wenn es beispielsweise zu verbalen oder physischen Verstößen und Konflikten kommt, wenn Spieler ihren Aufgaben nicht nachkommen oder Spielerwechsel zwischen zwei Teams beantragt wurden. Die Ursachen von Konflikten werden mit den Teilnehmern diskutiert, und es werden Handlungsalternativen aufgezeigt. Der Ligarat wird dadurch häufig zum Forum, in dem Vorurteile und Aggressionen im interkulturellen Kontext thematisiert und aufgearbeitet werden.
Der Ligarat soll sowohl reaktiv geschehene Unsportlichkeiten, die von Schiedsrichtern gemeldet wurden oder mit einer roten Karte geahndet wurden, sanktionieren. Darunter fällt insbesondere Gewalt verbaler oder physischer Art. Der Ligarat soll durch seine Entscheidungen aber gleichzeitig präventiv wirken.
b) Der Schiedsrichterkurs
Dieser Kurs wird von ehemaligen Mitarbeitern und Hobby-Schiedsrichtern betreut. Der Kurs beinhaltet Vorbereitungsseminare und endet mit einer schriftlichen Abschlussprüfung. Wenn diese bestanden wird, dürfen die teilnehmenden Kinder gemäß ihrem Alter Fußballspiele der Liga leiten. Dies hat mitunter große Vorteile bei Streitereien auf dem Fußballfeld, da viele der Spieler aus dem selben Milieu wie die entsprechenden Teams stammen und somit die selbe Sprache sprechen.
c) Die Internetredaktion
Die Internetredaktion soll auch als Bildungsangebot an die Teilnehmer der Liga verstanden werden. Es ist ein Ziel dieses Angebotes, den Kindern und Jugendlichen Basis-Kompetenzen hinsichtlich des Arbeitens mit PC und Internet sowie multimediale Kenntnisse zu vermitteln. Die Teilnehmer steigern somit nicht nur ihr Wissen und ihre praktischen Fähigkeiten, sondern ebenso ihre sozialen Kompetenzen beim Arbeiten in einem Team.
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Initiator Rüdiger Heid, 49 Jahre, hat Sozialgeographie, Völkerkunde und Regionalplanung in Toulouse und München studiert. Nach freiberuflichen Tätigkeiten in der Stadtplanung und der Stadtteilarbeit ist er seit 1996 Leiter von Bunt kickt gut!
Kontakt: info@buntkicktgut.de
Im Internet:www.buntkicktgut.de
Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit (in Halle) Aufgabe der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit ist es, die vorhandenen Ansätze der Prävention und der pädagogischen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit bei Kindern und Jugendlichen zu erheben, zu dokumentieren und fachlich zu bewerten. Dabei wird das ganze Spektrum von der politischen Bildung bis hin zu den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe in den Blick genommen.
Die vorhandenen Erfahrungen werden systematisiert, vor dem Hintergrund fachlicher Erkenntnisse analysiert und durch Publikationen und Veranstaltungen verfügbar gemacht, um so die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit in der Praxis zu klären und Herausforderungen für die Weiterentwicklung des Feldes zu benennen.
Darüber hinaus fördert die Arbeitsstelle den fachlichen Austausch, indem sie Workshops mit Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis organisiert. Im Interesse einer verbesserten Kooperation werden auch Kontakte ins europäische Ausland aufgebaut. Außerdem werden Informationen zum aktuellen Diskussionsstand veröffentlicht.
Eine weitere Aufgabe ist die Entwicklung von Vorschlägen und Kriterien für sachgerechte Evaluationen von Praxisprojekten im Bereich Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.
Michaela Glaser, DJI Halle
Dr. Peter Rieker, DJI Halle
Renate Schulze, DJI Halle
Silke Schuster, DJI Halle
Veranstaltung Bundeskonferenz Fanprojekte
11. Präventionstag
8./9. Mai 2006 in Nürnberg Präventionstag
Schwerpunktthema des 11. Deutschen Präventionstag war „Sport und Prävention“. Rund 1.500 ExpertInnen hatten Gelegenheit, sich bei Vorträgen, Diskussionen und Ausstellungen zum Thema zu informieren und auszutauschen. 3. bis 5. April 2006 in Dortmund Bundeskonferenz Fan-Projekte
Die 11. Bundeskonferenz der Fan-Projekte vom 3. bis 5. April 2006 im Dortmunder Stadion stand unter dem Motto „Mit Sicherheit gastfreundlich!? Die WM 2006 in Deutschland“. Neben Workshops und Diskussionen, die die Arbeit der Fan-Projekte im Ligaalltag betreffen, stand die Weltmeisterschaft im Mittelpunkt, zum Beispiel bei der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zum Thema "Fan-Feste und Public-Viewing".
DJI Online / Stand: 1. Juni 2006
Blick von Außen II von Dr. Esther Lehnert, Berlin 
Plädoyer für eine geschlechterreflektierende sozialpädagogische Arbeit mit männlichen Fans
Die Kombination Fußball und Frauen, Fußball und Weiblichkeit galt lange Zeit in Deutschland als Widerspruch an sich. So wurde bis vor kurzem den weiblichen Fans kaum Aufmerksamkeit zuteil (Selmer 2004), noch wurde der seit 1970 vom DFB erlaubte Frauenligabetrieb (vorher war der Frauenfußball vom DFB verboten) innerhalb der medialen Öffentlichkeit repräsentiert.
Nicht zuletzt durch die anhaltenden internationalen Erfolge der Frauennationalmannschaft (Weltmeisterinnen, Europameisterinnen, Olympiasiegerinnen) begann allmählich auch in Deutschland die Erkenntnis zu reifen, dass die Themen Fußball und Frauen nicht zwangsläufig einen Antagonismus darstellen müssen. Hinzu kam, dass die ausufernde Gewalt in den europäischen Fußballstadien u. a. Diskussionen über einen vermeintlichen (da zu keiner Zeit wissenschaftlich untersuchten, Wetzel 2005) Gewalthemmenden Einfluss von Frauen in den Fankurven beförderten. Dadurch gerieten weibliche Fans zum ersten Mal in den Fokus des öffentlichen Interesses.
Heutzutage verfügen viele Fußballstadien über Familienblöcke und Bundesligavereine sprechen mit ihrer Familienorientierung gezielt Frauen an. Das Bild des Fußballs erscheint geläutert: die Fußballerinnen der Nationalmannschaft erhalten als Anerkennung ihrer Leistungen vom DFB kein Kaffeeservice mehr, die Gewalt in den Stadien der ersten Männerligen ist zurückgegangen und der Einfluss des organisierten Rechtsextremismus auf die Fußballfankultur konnte in vielen bundesdeutschen Städten zurückgedrängt werden. Können wir, wie das unter anderem von Theweleit (2004) in seinem Tor zur Welt propagiert wird, gar von einer Entmännlichung des Fußballs ausgehen?
Ich möchte im Gegenzug zu derartigen Überlegungen mit diesem Beitrag herausarbeiten, dass der Fußball an sich und das Stadion als sozialer Ort seiner Inszenierung auch heute noch einen Hort der Männlichkeiten darstellt. Das Fußballstadion ist immer noch eine der letzten Bastionen echter oder archaischer Männlichkeit, oder aber, wie es von der Kulturwissenschaftlerin Suelzle interpretiert wird, ein Reservat von Männlichkeit (2005).
Auffällig erscheint ein allgemeiner und undifferenzierter Bezug affirmativer oder abwertender Art zu einer proletarischen Männlichkeit . Ich halte den unreflektierten Gebrauch dieses Begriffs für zu kurz gegriffen. Wird doch auf diese Weise einerseits das Proletariat an sich diffamiert und werden andererseits privilegierte und gesellschaftlich anerkannte Praxen von Männlichkeiten innerhalb der Fußball- und Fußballfankultur verschleiert.
Die Inszenierung und Wahrnehmung der Fußballkultur als rein männlich ist meines Erachtens insbesondere darauf zurückzuführen, dass das Zusammenspiel vieler männlicher Akteure auf vielen männlich besetzten Ebenen (Fans, Vereine, Medien, DFB, FIFA, aktive Profis, Trainer etc.) dafür sorgt, dass dieses wirklich ernste Spiel (Bourdieu 1997) ein Spiel unter Männern bleibt, bzw. ein Spiel, für das männliche Regeln gelten (Brändle/Koller 2002). Das Fußballstadion ist einer der letzten sozialen Orte, an dem das Patriarchat sich mit der Evidenz des Selbstverständlichen (Bourdieu 1997) durchzusetzen vermag, oder in anderen Worten ausgedrückt: Fußball ohne Sexismus ist nicht vorstellbar (Suelzle 2005).
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der Funktion und dem professionellen Handeln der sozialpädagogischen Fanprojekte im System der männlichen Fußballkultur. Es gilt zu hinterfragen, ob sich die Akteure ihrer Rolle im System bewusst sind oder in ihrer Unbewusstheit (und Nicht-Benennung) zur Reproduktion und Verfestigung einer exklusiv männlichen Fußballkultur beitragen. Diese Überlegungen bilden den Ausgangspunkt für die Forderung nach geschlechterreflektierenden Ansätzen in der sozialpädagogischen Fanarbeitspraxis.
Wenn ich von Männlichkeiten spreche, beziehe ich mich auf das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Robert Connell und auf das habitustheoretische Konzept der männlichen Herrschaft von Bourdieu. Diese Konzepte eignen sich insofern für die Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeiten und Fußball, all das in beiden Konzepten die hierarchischen Beziehungen von Männern untereinander vor dem Hintergrund patriarchaler Geschlechterverhältnisse in den Blick genommen werden.
Männlichkeitskonstruktionen und der Zusammenhang zu Fußballfans
Connell folgend gehe ich davon aus, dass Gewalt allen Männlichkeiten inhärent ist, und dass andererseits selbst die hegemoniale Männlichkeit als normativer Spitzenreiter der innerrelationalen Hierarchie von einer Krisentendenz berührt wird. Daher kommt dem Zusammenhang von unteren Männlichkeiten (und damit der Arbeitermännlichkeit , die in den Stadien inszeniert wird) und Gewalt insofern eine besondere Aufmerksamkeit zu, als dass sich Angehörige dieser Arbeitermännlichkeit stärker von der Infragestellung des patriarchalen Geschlechterverhältnisses bedroht fühlen.
Diese Auseinandersetzung mit der so von Connell benannten marginalisierten Arbeitermännlichkeit bietet sich von daher an, als dass der Rekurs auf eine proletarische Männlichkeit nicht nur innerhalb der Fußballfankultur selbst, sondern auch innerhalb der wissenschaftlichen Beschreibung vollzogen wird.
Nach Connell, der sich hier auf den ehemaligen Freud-Schüler Alfred Adler bezieht (Connell 2000), ist Arbeitermännlichkeit häufig verbunden mit frühkindlichen Erfahrungen der Machtlosigkeit. Hieraus speist sich eine Motivstruktur, die ein übertriebenes Machtstreben zur Folge hat, das in der westlichen Kultur mit männlichem Verhalten verbunden wird: Die jungen Männer aus der Arbeiterschaft erheben Anspruch auf einen Teil der Macht. Sie erleben sowohl den Machtanspruch als auch das Einfordern als durch ihr Geschlecht legitimiert. Sie treiben männliche Gepflogenheiten ins Extrem (physische Gewalt gegen Schwule, Aufsuchen von risikobehafteten Situationen etc.), und zwar in Form eines kollektiven Verhaltens, beispielsweise im Stadion. Diese jungen Männer erheben einen Machtanspruch, obwohl ihnen alle sozialen, ökonomischen und habituellen Grundlagen fehlen und sind bemüht, mit aller Kraft eine Männlichkeitsfassade aufrecht zu erhalten, der die Abgrenzung von Weiblichkeit immanent ist (Connell 2000).
Männliches Gehabe erscheint vor diesem Hintergrund auch als ein Ausdruck dazu gehören zu wollen , um von den männlichen Privilegien, die unsere Gesellschaft verspricht, zu profitieren. Darüber hinaus verspricht der Rekurs auf scheinbar überkommene Männlichkeitsvorstellungen Orientierungsvermögen in einer bewegten Welt. Anders ausgedrückt kann das Gefühl, ein richtiger Mann zu sein über eine Vielzahl tatsächlicher und vermeintlicher Kränkungen und Ungleichwertigkeitserfahrungen hinweg helfen.
Zusätzlich zu der Annahme, dass Gewalt für das männliche Selbstverständnis innerhalb des Musters der marginalisierten Männlichkeit eine konstituierende Rolle spielt, folgt die weitere Annahme, dass Gewalt und zwar in erster Linie die direkte, körperliche als eine Möglichkeit erscheint, sich dem Ideal und der Norm der hegemonialen Männlichkeit anzunähern. Die Gewalt der marginalisierten Männlichkeit in den Kontext von hegemonialer Männlichkeit zu setzen, verweist einerseits darauf, dass direkte, körperliche Gewalt in der Vergangenheit auch Konstituens der bestimmenden Männlichkeit war und andererseits darauf, dass heutzutage die wirklich erfolgreichen Männer, sprich Manager oder andere Entscheidungsträger für die Durchsetzung ihrer männlichen Interessen keine körperliche Gewalt anwenden müssen, da sie über ausreichend ökonomische, strukturelle und symbolische Gewaltmittel verfügen.
Eine zentrale These von mir lautet: Je drängender das Streben nach hegemonialer Männlichkeit ist, umso wahrscheinlicher wird die Akzeptanz von Gewalt als soziale Praxis zur Durchsetzung der eigenen Ziele und der eigenen Vorstellungen von Männlichkeit (bezogen auf Männer, die von der hegemonialen Männlichkeit als einer sozialen Praxis ausgeschlossen sind). Darüber hinaus wird in der Auseinandersetzung mit der im Stadion zur Schau gestellten Hypermaskulinität deutlich, dass ein zwanghaftes Aufrechterhalten einer männlichen Fassade auf die darunter liegende Fragilität verweist.
Die grundsätzliche Ablehnung alles Weichen und Weiblichen bis hin zur Vernichtung dessen, was als unmännlich angesehen wird, verweist auf einen zentralen Aspekt des Bourdieu schen Konzepts der männlichen Herrschaft. Bourdieu arbeitet heraus, dass innerhalb der patriarchalen Gesellschaft Menschen von Ehre grundsätzlich nur Männer sein können, mit denen sich Männer messen können und müssen (Bourdieu 1997). Auf die Fußballkultur übertragen wird nachvollziehbar, warum der Rekurs auf die echte Männlichkeit identitätsstiftende Effekte bereithält. Das Messen mit den gegnerischen Fans funktioniert nur dann in einer für die Fußballfans befriedigenden Weise, wenn es sich auch um richtige Männer handelt. Die Herstellung richtiger Männer funktioniert innerhalb der herrschenden Geschlechterordnung über die zeitgleiche Konstruktion richtiger Weiblichkeit.
Die Forderung nach Eindeutigkeit der Geschlechter und eindeutigen Grenzlinien innerhalb des Geschlechterverhältnisses finden sich im Habitus der männlichen Fans wieder. Ein Effekt der symbolischen Konstruktionsarbeit des männlichen Habitus ist die Degradierung und Verneinung von Frauen und Weiblichkeit. Diese Degradierung kommt u. a. in der Beschimpfung gegnerischer Fans oder Spieler als Mädchen zum Ausdruck. Ein weiterer Effekt ist die männliche Suprematie. Es ist diese Suprematie, die Männer auf versteckte Weise unterwirft, aber im Gegensatz zur Unterwerfung der Frauen ist die ihre perfekt den männlichen Interessen angepasst (Bourdieu 1997). Das Komplement des Privilegs der männlichen Suprematie jedoch besteht in einer andauernden Spannung und Anspannung, in denen die Pflicht, seine Männlichkeit zu bestätigen, jeden Mann hält . Der Mann ist ein Sein-Sollen: Mann zu sein heißt, von vornherein in eine Position eingesetzt zu sein, die Befugnisse und Privilegien impliziert, aber auch Pflichten und alle Verpflichtungen, die die Männlichkeit als Adel mit sich bringt . Um sich der Männlichkeit immer wieder zu vergewissern, bedarf es männlicher Räume (Bourdieu 1997). Das Fußballstadion ist ein solcher Ort: Hier wird der männliche Habitus konstruiert und vollendet.
Als düstere Ergänzung der exklusiven Propagierung männlicher Werte bezeichnet Bourdieu die Angst der Männer, die Weiblichkeit bei ihnen hervorruft. Allem Weiblichem wird mit Misstrauen begegnet und als potenzielle Gefahr für die männliche Ehre angesehen. So gilt auch die Bezeichnung Schwuchtel (gleichbedeutend mit weich und/oder weiblich ) als Angriff auf diese männliche Ehre.
Auf der Suche nach Ansätzen geschlechterreflektierender sozialpädagogischer Fanarbeit
Wenn wir uns nachfolgend mit dem Thema der geschlechterreflektierenden Ansätze in der sozialpädagogischen Arbeit mit Jungen und jungen Männern auseinandersetzen, wird augenscheinlich, dass seit Jahren zwar über die Notwendigkeit geschlechterreflektierender Konzepte (auf theoretischer und praktischer Ebene) geredet wird, diese Forderungen aber bisher nur in einem geringem Maße umgesetzt werden (Sturzenhecker 2002, Neubauer 2005). Grundsätzlich sind wir damit konfrontiert, dass es innerhalb von Jugendhilfe nur in geringem Maße Konzepte für die Arbeit mit Jungen und jungen Männern gibt.
Als eklatant erweist sich dieser Mangel nicht nur in der Fanarbeit, sondern grundsätzlich in der sozialpädagogischen Arbeit mit schwierigen , kriminellen, gewalttätigen oder auffälligen Jungen und jungen Männern, beispielsweise in der Straßensozialarbeit oder in der sportbezogenen Jugendarbeit, hier gibt es bis dato keine geschlechterreflektierenden Konzepten. Diese Tatsache ist vor dem Hintergrund, dass Gewalt in unserer Gesellschaft hochgradig gegendert ist und ungeachtet einer weiblichen Aufholstrategie in den letzten zehn Jahren immer noch ein männliches Geschlecht hat umso erstaunlicher.
Auch die kurze Geschichte der sozialpädagogischen Fanprojekte ist eng verknüpft mit dem Thema Gewalt oder genauer Gewalt und Männlichkeit. Die Einrichtung der ersten Fanprojekte in Bremen und Hamburg Anfang der achtziger Jahre, kann auch als sozialpädagogische Konfliktbearbeitungsstrategie der eskalierenden Gewalt männlicher, junger Fans betrachtet werden. Eine ganz zentrale Erwartung an die Fanprojekte, wie sie im Nationalen Konzept Sicherheit und Sport formuliert wird, ist auch die Eindämmung von Gewalt. Auffällig auch hier, dass es bei dem Thema Gewalt eine explizite Auseinandersetzung gibt, und dass es sie zum Thema Männlichkeiten nicht gibt, beziehungsweise bisher nur in marginaler Form (Teuter 1996). Bis dato liegen keine geschlechterreflektierenden Konzepte oder Ansätze in der Arbeit mit jungen, männlichen Fußballfans vor. Auch wenn sich die Arbeit der Fanprojekte in einem hohen Maß als Arbeit mit männlichen Fans darstellt, wird die Zielgruppe als solche zwar konzeptionell benannt. Aber weitere Schlüsse werden daraus nicht gezogen, bzw. wird die männliche Gewalt, bzw. die Frage, inwieweit Gewalt unabdingbarer Bestandteil männlicher Sozialisation ist, nicht weiter bearbeitet.
Der gewalttätige, hypermaskuline Habitus vieler Fußballfans wird als normal und gegeben hingenommen.
Erhellend erscheint mir in diesem Zusammenhang das Statement eines Fanprojekt-Mitarbeiters, der im Rahmen eines von mir angeleiteten Workshops anlässlich des diesjährigen Bundeskongresses der Fanprojekte überspitzt formulierte, ob man den jungen Männern in der Thematisierung und Reflektion eigener und gesellschaftlicher Männlichkeitskonstruktionen nicht einen wichtigen Teil ihrer Identität nähme.
Vor dem Hintergrund des von mir beschriebenen Zusammenhangs von Männlichkeiten und Fußballkultur halte ich es für zwingend erforderlich, soziale Praxen von Männlichkeiten endlich auch in der Fanarbeit zu reflektieren und vor diesem Hintergrund geschlechterreflektierende Praxen in der Arbeit mit weiblichen und männlichen Fans zu etablieren. Ich bin der Auffassung, dass geschlechterreflektierende Konzepte in der Arbeit mit männlichen jugendlichen Fans an deren Lebenswelten anknüpfen können.
Männlichkeiten, die Suche nach männlichen Identitäten und Orientierungen sind Themen, die nicht von außen an die jungen Männer herangetragen werden müssen, sondern Themen, die ihnen auf den Nägeln brennen. Für diese wichtige Auseinandersetzung bedarf es männlicher Sozialpädagogen, die sich bereits mit ihrer Männlichkeit, ihren Vorstellungen über die Geschlechterordnung auseinandergesetzt haben und aus einer kritischen Auseinandersetzung heraus einen positiven Bezug zu ihrer eigenen Männlichkeit entwickelt haben. Unter derartigen Voraussetzungen kann der Bezug und die Thematisierung von Männlichkeit zu einer wichtigen Ressource in der sozialpädagogischen Arbeit werden und das notwendige Pendant zur relevanten Mädchenarbeitspraxis innerhalb von Fanprojekten darstellen.
Literatur
Bourdieu, Pierre (1997): Die männliche Herrschaft. In: Irene Dölling/Beate Krais (Hrsg.): Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktionen in der sozialen Praxis, Frankfurt/M., 153-217
Bourdieu, Pierre (2005): Die männliche Herrschaft, Frankfurt/M.
Brändle, Fabian/Koller, Christian (2002): Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs, Zürich
Connell, Robert W. (2000): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, 2. Auflage, Opladen
Koordinationsstelle Fanprojekte bei der Deutschen Sportjugend (Hrsg.) (2005): Fanprojekte 2005, Zum Stand der sozialen Arbeit mit Fußballfans, Frankfurt/M.
Meier, Marianne (2004), Zarte Füßchen am harten Leder&. Frauenfußball in der Schweiz 1979-1999, Frauenfeld/Stuttgart/Wien
Neubauer, Gunter (2005): Geschlechtlichkeit zum Thema machen! Ergebnisse des Landesjugendberichts Baden-Württemberg zu Geschlechterdifferenzierung, Geschlechterpädagogik und Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendarbeit. In: Zeitschrift für Soziapädagogik, Jg. 3, 5, 272-287
Schneider, Thomas (2005): Soziale Arbeit mit Fußballfans, 27.12.2005, http://www.kos-fanprojekte.de/
Schwenzer, Victoria (2005): Samstags im Reservat. Anmerkungen zum Verhältnis von Rassismus, Sexismus und Homophobie im Fußballstadion. In: Antje Hagel/Nicole Selmer/Almut Sülzle (Hrsg.): gender kicks, Texte zu Fußball und Geschlecht, Frankfurt/M., 57-68
Selmer, Nicole (2004): Watching the boys play. Frauen als Fußballfans, Kassel
Sturzenhecker, Benedikt (2002): Kannze oder willze nich? Zum Stand der Jungenarbeit in Deutschland. In: Sachverständigenkommission 11. Kinder- und Jugendbericht (Hrsg.): Mädchen- und Jungenarbeit Eine uneingelöste fachliche Herausforderung, München, 298-339
Sülzle, Almut (2005): Fußball als Schutzraum für Männlichkeit? Ethnographische Anmerkungen zum Spielraum für Geschlechter im Stadion. In: Antje Hagel/Nicole Selmer/Almut Sülzle (Hrsg.): gender kicks, Texte zu Fußball und Geschlecht, Frankfurt/M., 37-56
Theweleit, Klaus (2004): Das Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell, Köln
Teuter, Leo (1997): Geschlechtsspezifische Ansätze in der Fan-Arbeit. In: KOS (Hrsg.): Nord-Süd-Gipfel, Dokumentationen der 3. und 4. Bundeskonferenz der Fanprojekte in München und Hamburg, Frankfurt/M., 45-48.
Wetzel, Steffi (2005): Die im Dunkeln sieht man nicht &Weibliche Fußballfans im Fokus von Marketing, Medien und Meinungsmache. In: Antje Hagel/Nicole Selmer/Almut Sülzle (Hrsg.): gender kicks, Texte zu Fußball und Geschlecht, Frankfurt/M., 29-36.
Dr. phil. Esther Lehnert (Jg. 1966) ist Erziehungswissenschaftlerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Nationalsozialismus, Rechtsextremismus, Gender. Zur Zeit ist sie in Berlin tätig als Fortbildnerin und Trainerin bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (mbr) mit den Schwerpunkten Kommunikation, Gender, Rechtsextremismus.
Kontakt: esther.lehnert@mbr-berlin.de
www.mbr-berlin.de
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR).
Die MBR ist ein Projekt des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK).