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Thema 2009/11
20 Jahre UN-Kinderrechtskonvention - mangelhafte Umsetzung in Deutschland

DJI-Projekt - Thema 2009/11<br>20 Jahre UN-Kinderrechtskonvention - mangelhafte Umsetzung in Deutschland

Blick von außen I

von Julia Droege (Koordinatorin European Network “Cities for Children”)

„Kinder- und Jugendbeteiligung bei der Planung und Gestaltung von Freiräumen und Spielflächen in Europa“

Öffentliche Plätze im urbanen Raum können zu Austragungsorten für Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Nutzergruppen sowie zwischen Nutzern und Anwohnern werden. Die Bedürfnisse an Bewegung, Aktivität und Erholung von Kindern, Jugendlichen und Senioren unterscheiden sich voneinander, und verschiedene soziale und kulturelle Gruppen weisen unterschiedliches Nutzungsverhalten auf. Früh ansetzende Partizipationsverfahren bei der Um- oder Neugestaltung von Freiräumen und Spielflächen können nicht nur Konflikten vorbeugen, sondern auch sozial integrierend wirken und die allgemeine Nutzerzufriedenheit erheblich steigern. Aus diesem Grund stellte die Partizipation von Kindern und Jugendlichen bei der Ausschreibung des 1st European Award of Excellence „City for Children“ ein Querschnittskriterium für die Auswertung der Bewerbungsanträge dar.

Europäische Cities for Children

Der European Award of Excellence „City for Children“ wird seit 2008 im Rahmen der jährlich stattfindenden europäischen Konferenz „Cities for Children“ von der Landeshauptstadt Stuttgart, der Robert Bosch Stiftung, dem Kongress der Gemeinden und Regionen Europas des Europarats, dem Rat der Gemeinden und Regionen Europas und dem Ausschuss der Regionen ausgelobt. Ziel ist es, den Austausch europäischer Großstädte über kinder-, jugend- und familienfreundliche Projekte zu fördern. Bewerben können sich alle europäischen Städte mit über 100.000 Einwohnern.

Beim 1st European Award of Excellence „City for Children“ 2008 war das Thema „Freiraumgestaltung und Spielflächen“ eine der beiden Bewerbungskategorien. Fast 70 Bewerbungen wurden aus 20 Länder eingereicht, davon 45 zum Thema „Freiraumgestaltung und Spielflächen“. In gut der Hälfte der Bewerbungen spielt die Partizipation von Kindern, Jugendlichen, Anwohnern sowie weiterer Nutzergruppen bei der Spiel- und Freiraumgestaltung eine wichtige Rolle. Unter dem Motto „von Kindern für Kinder“ oder „Kinder sind Experten in ihrer eigenen Sache“ werden Kinder und/ oder Jugendliche in unterschiedlichen Stadien der Ideenfindung, Planung und Umsetzung bis hin zur tatsächlichen Konstruktion von Spiel- und Freiflächen einbezogen. Deutsche Städte legen vergleichsweise größeren Wert auf Partizipationsverfahren als dies in anderen europäischen Großstädten der Fall ist. Markante Ausnahmen sind hier Städte wie Malmö in Schweden, Reims in Frankreich, Plovdiv in Bulgarien, Satu Mare in Rumänien, Zürich und Graz.

Aufruf zur Partizipation

In den meisten Fällen beginnt der Partizipationsprozess in der Planungsphase, d.h. die verantwortlichen Architekten und Planer wissen bereits, wo und in welchem Umfang ein Spielplatz/ -Raum gestaltet werden soll. In erster Linie werden die späteren Nutzer für das Partizipationsverfahren gewonnen: Kinder in den angrenzenden Kitas, oder bei der Schulhofumgestaltung die Schüler und bei Spielplätzen in Wohnsiedlungen, die dort wohnenden Kinder und weitere Anwohnergruppen. Manche Städte haben ihre Kinder- bzw. Jugendräte konsultiert oder eigens ein Bürgerbüro für die Umsetzung größerer Umgestaltungsmaßnahmen eingerichtet, das als Mittler zu Anwohnervereinigungen genutzt wird. Bei dem Bau von Skateranlagen wurden bestehende Skatervereine angesprochen.

Einige Städte haben zur Durchführung des Partizipationsverfahrens externe Agenturen herangezogen, die darauf spezialisiert sind, zum Beispiel die Stadt Graz.

Die Stadtverwaltung Malmö, Gewinner in der Kategorie Freiraumgestaltung und Spielflächen neben der Stadt Darmstadt, hat zur Planung eines der größten Skateranlagen Europas, dem „Stapelbäddsparken“, einen amerikanischen Skateboard Spezialisten engagiert, der die Gestaltung des Parks gemeinsam mit Jugendlichen eines lokalen Skateboardvereins umsetzte. Die Dauer der Partizipation variiert erheblich, von zweiwöchigen Ideenworkshops bis hin zu fast fünfjährigen Verfahren wie in der Stadt Zürich, wo Kinder von der Ideenfindung bis hin zur Bauphase wiederholt einbezogen wurden. Die größte Herausforderung bei ausgedehnten Beteiligungsverfahren besteht darin, das Interesse der Kinder, die in diesem Zeitraum älter werden und neue Bedürfnisse entwickeln, am Projekt lebendig zu halten.

Ideen sind gefragt

Für die Ideenfindung werden in Workshops altersgerechte Methoden angewandt, um die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder zu ermitteln und auf einen Konsens zu bringen. Die Methoden reichen vom Brainstorming, über Malen, Zeichnen und Photogestaltung, bis hin zu Zukunftswerkstätten. Bei thematischen Spielplätzen wird das Thema definiert, und oft wird auch die Namensfindung für Spielplätze kollektiv angegangen. Die rumänische Stadt Satu Mare hat anlässlich der Umgestaltung eines innerstädtischen Platzes einen öffentlichen Ideenwettbewerb ausgerufen, der trotz der für Rumänien neuartigen Methode, großen Zuspruch von Bewohnern erfuhr. Im Anschluss an die Ideenfindung können die Kinder und Jugendlichen bei einigen Projekten auch konkreter an den Gestaltungsentwürfen und dem Modellbau mitarbeiten. Diese Phase beinhaltet meist eine Begehung des zu planenden Geländes. Anschließend werden die erarbeiteten Ideen von professionellen Stadtplanern und/ oder Architekten umgesetzt.

In der Umsetzungs- bzw. Bauphase werden bei längeren Beteiligungsverfahren nach Möglichkeit die gleichen Kindergruppen erneut zur Rate gezogen, um den Prozess optimal steuern zu können. Einige Städte haben die Kinder oder Jugendliche hier auch selbst Hand anlegen lassen, in dem sie beispielsweise wetterfeste Kunstwerke herstellten, die später das Gelände schmückten oder sich an Malarbeiten beteiligten.

Beispielhaft sind Projekte, bei denen Kinder schon bei der Ermittlung neuer Spielflächen mit herangezogen werden. In der Stadt Hagen beispielsweise wurden sämtliche Bezirksjugendräte in den Neuentwurf des Flächennutzungsplans der Stadt beratend einbezogen, um die für Kinder und Jugendliche relevanten Flächen in der Stadt zu ermitteln und optimal auszuschöpfen. Die so genannte Gummiband-Methode hat sich bei der Bedarfsermittlung nach Spiel-, Erholungs- und Ruheräumen besonders hervorgetan. Mit Stecknadeln und Gummibändern können Kinder dabei ihre bevorzugten Bewegungsmuster in der Stadt abstecken, um Planern den am tatsächlichen Freizeitverhalten orientierten Bedarf an Erholungs- und Freizeiträumen aufzuzeigen. Auf dieser Grundlage können auch Maßnahmen zur Steigerung der Sicherheit von Kindern und Jugendlichen in der Stadt bestmöglich umgesetzt werden.

Generationenübergreifende Effekte

Auch in Darmstadt, wie Malmö ein „City for Children“ Preisträger, wurde von Anfang des Planungsprozesses an auf die Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen im Quartier eingegangen. Als die Erneuerung der 1960er Hochbausiedlung Kranichstein unter dem Bund-Länder Programm „Soziale Stadt“ anstand, wurden Bewohner, einschließlich der Kinder und Jugendlichen, zu Gesprächen geladen. Wie häufig bei Anwohnerbeteiligungen, dominierten hier die älteren Bewohner. Vor allem zwischen Jugendlichen und Senioren gab es Disparitäten. Den Einwänden der übrigen Anwohner zum Trotz wurde den Wünschen der Kinder und Jugendlichen bei der Umgestaltung von zahlreichen öffentlichen Plätzen im Stadtteil der Vorrang eingeräumt. Kinder wirkten hier auch bei konkreten gestalterischen Maßnahmen wie der künstlerischen Verzierung von Kita-Außenflächen oder dem Anlegen von Gärten in Schulhöfen mit. Für das neue, an einem zentralen Ort im Quartier platzierte Jugendcafe, wünschten sich die Jugendlichen zur Überraschung der Architekten eine weiße Fassade, samt weißer Innenausstattung. In dem Cafe arbeiten Jugendliche aus dem Quartier und bieten inzwischen Kaffeerunden für Senioren an, während gleichzeitig Musik im Tonstudio aufgenommen oder Turniere am Kickertisch ausgetragen werden. Somit können auch die Senioren von der zentralen Lage am Grünstreifen mit Seeblick profitieren, und das Cafe ist auf Initiative der Jugendlichen ein intergenerativer Ort geworden.

Die Stadt Zürich, die als eines der besten drei Projekte nominiert wurde, hat die Umgestaltung eines im sozial benachteiligten Stadtteil Hardaus gelegenen Spielplatzes von Anfang an nicht als Bau-, sondern als „gemeinschaftsbildendes Partizipationsprojekt“ konzipiert. 50 Grundschulkinder haben über zwei Jahre intensiv von der Ideenfindung bis zur Realisierungsphase mitgewirkt und die anschließende Bauphase begleitet. Unter der professionellen Anleitung von Landschaftsarchitekten fanden zunächst Begehungen anderer Spielplätze statt, woraufhin sich die Kinder für das Thema Dschungelspielplatz entschieden. Ihren vielfältigen Aktivitätswünschen sollte mittels Klettermöglichkeiten, Rutschen, Schaukeln, einer Wasserspielanlage und einer Wrestling-Arena Rechnung getragen werden. Die Kinder bauten mit Knete, Holz und Karton Modelle ihrer Vorstellungen und präsentierten sie anschließend den Verantwortlichen, ihren Eltern und Anwohnern. Auf der Basis der Modelle entwarfen die Architekten einen Bauplan, der ebenfalls mit den Kindern diskutiert wurde. In der Bauphase wurden die Kinder regelmäßig über die Entwicklung der Konstruktionsfortschritte informiert und beteiligten sich an Malarbeiten.

Wertschätzung erfahren und Demokratie lernen

Partizipation von Kindern und Jugendlichen bei der Konzeption und Umsetzung von planerischen Maßnahmen für Spielräume wird von den Städten als für alle Beteiligten gewinnbringend eingeschätzt. Durch die Teilnahme am Entstehungsprozess wird eine höhere persönliche Identifikation der späteren Nutzer mit „ihrem Spielplatz“ geschaffen. Dies bedeutet in der Regel weniger Vandalismus und Missbrauch und eine größere Nachhaltigkeit der Maßnahmen. Durch die Partizipation erlernen Kinder und Jugendliche darüber hinaus die Bedeutung von demokratischen Entscheidungsabläufen, Diskussionsrunden und Konsensfindung. Sie erhalten für ihr Mitwirken an einem politischen Prozess ein konkretes, erfahrbares Ergebnis, bei dem sie unter Umständen zum Wohle aller Beteiligten Kompromisse eingehen müssen. Gerade Jugendliche fühlen sich von der Gesellschaft oft nicht ernst genommen. Durch ihren Einbezug in planerische und gestalterische Maßnahmen erfahren sie, vor allem in sozial benachteiligten Stadtteilen, eine große Wertschätzung und werden als vollwertige gesellschaftliche Mitglieder behandelt.

Zuletzt darf das integrative Potenzial von Partizipationsprozessen nicht unterschätzt werden. Wenn von Beginn an unterschiedliche Nutzergruppen in die Planung einbezogen werden, schult dies die Kommunikation verschiedener kultureller und sozialer Gruppen untereinander, aber auch zwischen Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren. Vorurteilen kann frühzeitig in dem Verfahren begegnet und unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden, so dass die verschiedenen Nutzergruppen die neu geschaffenen Räume gemeinschaftlich nutzen können, ohne dass eine soziale Gruppe dominiert.

Partizipation als gelebte Kinderfreundlichkeit in Großstädten

Viele europäische Städte können positiv darüber berichten, dass eine Beteiligung von späteren Nutzern sowohl die Nachhaltigkeit eines Spielraumes verbessert, als auch das nachbarschaftliche Gefühl stärkt. Durch die positiven Erfahrungen mit der Partizipation in Pilotprojekten, wird Partizipation in vielen städtischen Verwaltungen nun zu einer gängigen Methode bei der Neu- oder Umgestaltung von Freiräumen und Spielflächen und wird darüber hinaus für weitere städtische Aufgabengebiete als Arbeitsmethode interessant.

Das Europäische Netzwerk Cities for Children wurde 2007 von der Landeshauptstadt Stuttgart mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung gegründet, um Kinderfreundlichkeit als vorrangigen kommunalpolitischen Schwerpunkt zu etablieren. Bis heute engagieren sich 54 europäische Großstädte aus 26 Ländern. Angesichts der demographischen Entwicklung in vielen europäischen Städten, in denen immer weniger Kinder geboren werden, während die Bevölkerung altert, ist es ihr Ziel, Strategien und Initiativen zur Erhöhung der Lebensqualität von Kindern, Jugendlichen und Familien in ihren Städten untereinander auszutauschen und weiterzuentwickeln. Dabei ist Partizipation von Kindern und Jugendlichen als Querschnittsaufgabe und Grundlage in allen Bereichen des sozialen und gesellschaftlichen Lebens definiert.

Weitere Informationen

www.citiesforchildren.eu

http://stuttgart.de/citiesforchildren


Julia Droege ist seit November 2008 Koordinatorin des Europäischen Netzwerks Cities for Children, das im Kinderbüro der Landeshauptstadt Stuttgart, in der Stabstelle des Oberbürgermeisters, angesiedelt ist. Ihr sozialwissenschaftliches Studium hat sie an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an der New School University in New York absolviert. Schwerpunkte dabei bildeten die Stadt- und Bildungssoziologie sowie die kommunale Integrationspolitik.

Kontakt

Julia Droege
Koordinationsbüro Cities for Children
Landeshauptstadt Stuttgart

Julia.droege@stuttgart.de
Tel. 0711 / 216 7291


DJI Online / Stand: 1. November 2009

bearbeitet von
letzte Änderung: 07.01.2010 10:19

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