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Thema 2008/09
Gemeinsam stärker – Kooperation im Bereich Frühe Hilfen

DJI-Projekt - Thema 2008/09<br>Gemeinsam stärker – Kooperation im Bereich Frühe Hilfen

Interview I

mit Dr. Karin Jurczyk, Leiterin der Abt. Familie und Familienpolitik (DJI)

„Welche Erkenntnisse aus Projekten, Initiativen, Publikationen am DJI gibt es zu Frühen Hilfen?“

Seit wann beschäftigt sich das DJI mit dem Thema Frühe Hilfen?

Zunächst ist eine Differenzierung des Begriffs „Frühe Hilfen“ nötig. Allgemein könnte man darunter alle präventiven, d.h. vorbeugenden Ansätze verstehen, die Familien mit kleinen Kindern einbeziehen und ein gelingendes gesundes Aufwachsen fördern und sicherstellen wollen. Folgt man diesem weit gefassten Verständnis, so hat das DJI langjährige und breite Expertise auf dem Gebiet Früher Hilfen vorzuweisen.

Beginnt man bei Primärprävention als umfassender Schaffung von förderlichen Rahmenbedingungen für alle Familien und Kinder, so sind hierzu bspw. DJI-Projekte zur Familienbildung seit Ende der 1990-er Jahre zu nennen (z.B. Pettinger & Rollick 2005), ebenso wie Ansätze lokaler Familienpolitik, wie etwa die Evaluation Lokaler Bündnisse für Familien.

Rückt man einen Schritt näher an die Familien in Risikolagen heran, so sind hier die Evaluation von HIPPY (Kiefl 1996), das Projekt Armutsprävention bei Alleinerziehenden sowie die Arbeiten des Informationszentrums Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung IzKK (laufend seit 2000), aktuell aber auch die Untersuchungen zum Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft von Bedeutung.

Insbesondere mit konkreten Hilfen für Familien in Risikolagen hat das DJI weit reichende Erfahrung, so gibt es etwa für die Bundesrepublik wegweisende Forschungen zu Pflegefamilien (Blüml et al. 1999), die derzeit aktualisiert werden, zur Sozialpädagogischen Familienhilfe (Helming et al. 2005) und zum Frühförderprogramm „Opstapje - Schritt für Schritt“ für sozial benachteiligte Familien. Eine Besonderheit des DJI ist auch, dass Informationen für die Öffentlichkeit über die Entwicklung von Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe bereitgestellt werden (durch das Projekt Jugendhilfe und sozialer Wandel und über den Forschungsverbund DJI – TU Dortmund durch die Arbeitstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik). Dies ist für die geplante Weiterentwicklung und Steuerung unseres Hilfesystems unverzichtbar.

Der gegenwärtigen Entwicklung folgend, verstehen wir unter Frühen Hilfen jedoch nicht einfach möglichst frühzeitige Prävention und Abschätzung möglicher Risikolagen, sondern spezifizieren dieses Verständnis hinsichtlich der fokussierten Begleitung und Unterstützung von (potenziellen) Familien mit mehrfachen sozialen Belastungen bereits zum Zeitpunkt der Schwangerschaft, rund um die Geburt sowie in den ersten Lebensjahren des Kindes. Diese Perspektive auf Frühe Hilfen ist in Deutschland relativ neu und etabliert sich erst seit ca. 2006 im Zuge der Entwicklung des Aktionsprogramms des Bundes zu Frühen Hilfen. Das DJI hat diese Entwicklung wesentlich unterstützt und mit vorangetrieben, beispielsweise durch die Bestandsaufnahme und erste Evaluation Früher Hilfen in Deutschland. Derzeit arbeiten wir vor allem im Rahmen des Projektes „Nationales Zentrum Frühe Hilfen“ das vom BMFSFJ gefördert wird, zu dieser Thematik.

Warum ist das Thema Frühe Hilfen in der Abteilung Familie- und Familienpolitik angesiedelt?

Das folgt konsequent aus der eben genannten Schwerpunktsetzung von Frühen Hilfen auf den Beginn einer Elternschaft. In dieser Phase geht es vor allem um das System Familie, um Konstellationen in der Partnerschaft und die Mütter und Väter als Akteure. Wenngleich Kinder bei der Verbesserung des Kinderschutzes im Mittelpunkt stehen, sind sie doch die Betroffenen und nicht die Handelnden. Sie sind aufgrund ihres Alters existenziell vom Handeln ihrer Eltern abhängig und dabei besonders verletzlich. Deshalb brauchen wir vertieftes Wissen zum einen über die Lebenslagen von Familien mit kleinen Kindern, zum andern über Familie als komplexes Beziehungssystem.

Zweitens bietet sich die Fokussierung auf Familien auch deshalb an, weil bei sich andeutenden Risikokonstellationen zum Zeitpunkt der Geburt und in den ersten Lebensjahren nicht nur ein Hilfesystem, sondern in der Regel mehrere Hilfesysteme gefordert sind. Deren gemeinsamer Bezugspunkt ist die Familie und das Wohl der darin lebenden Kinder. Beispielsweise ist die Kinder- und Jugendhilfe bei einer Schwangerschaft oft noch gar nicht auf dem Plan, selbst wenn die Familie bzw. die Mutter bereits Klientin des Jugendamtes ist. Frühe Hilfen heißt jedoch, von Beginn an Beratung und Unterstützung anzubieten und Informationen weiterzugeben. Hier ist besonders auch das Gesundheitswesen gefragt, weil dies durch die Vorsorgeuntersuchungen, die Geburtskliniken sowie die Hebammen und kinderärztliche Praxen fast alle Frauen erreicht. Noch früher setzen die Schwangerschaftsberatungsstellen ein. In diesem Zeitraum sind die meisten Mütter und Väter noch sehr offen für Unterstützung und Beratung, die ja niederschwellig und keinesfalls stigmatisierend sein soll. Freilich ist das Gesundheitswesen mit einer alleinigen Problembewältigung häufig überfordert. Deshalb gilt es, verbindliche und effektive Formen der Kooperation zu entwickeln.

Drittens gibt es in der Abteilung Familie und Familienpolitik am DJI seit den Arbeiten von Prof. Lerke Gravenhorst eine lange Tradition der Forschung zu Gewalt in Familien sowie zu Geschlechterbeziehungen. Dieses Wissen ist wichtig, um Risikokonstellationen einschätzen zu können. Ein Genderblick auf Kindeswohlgefährdungen ist unverzichtbar. Oft sind bei Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung nur die Mütter als „Täterinnen“ im Blick und es scheint, als ob Männer als Partner oder Väter dabei kaum eine Rolle spielen würden. Die Rolle der Väter und Partner im Kinderschutz ist bislang, mit Ausnahme des Bereichs sexueller Missbrauch, allzu sehr vernachlässigt.

Viertens geht es bei den sehr familiennahen Frühen Hilfen um familienstärkende und eben nicht vorrangig um familienersetzende Hilfen und Interventionen. Diese würden entlang der Arbeitsteilung zwischen den Abteilungen des DJI in den Bereich unserer Abteilung Jugend und Jugendhilfe fallen, die ihren Arbeitsschwerpunkt weniger bei den Eltern und familialen Beziehungssystemen als bei den Kindern und Jugendlichen selber hat.

Welches sind die Meilensteine, die das DJI in diesem Bereich erarbeitet hat?

Ganz wichtig sind die wissenschaftlichen Recherchen zu den Themen Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung, die das Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK) kontinuierlich seit 2000 am DJI erstellt. Hier ist inzwischen ein breites Fachwissen zusammengetragen worden, das insbesondere für den lange unterschätzten Bereich der Kindesvernachlässigung als Gefährdung gerade sehr kleiner Kinder einzigartig in der Bundesrepublik ist. Ein echter Meilenstein war zudem die Erarbeitung des „Handbuches Kindeswohlgefährdung und ASD“ (2006). Dieses wird stark von allen in der Praxis Arbeitenden nachgefragt. Es ist bereits derzeit wieder vergriffen und eine zweite, überarbeitete Auflage ist beantragt.

Das DJI-Projekt „Opstapje – Schritt für Schritt“ hat als Evaluation eines Programms der Frühförderung einen ganz anderen, weiteren wichtigen Stellenwert: Es ist nicht nur eine der ganz wenigen methodisch tragfähigen Evaluationen derartiger Programme überhaupt, sondern ermöglicht einen detaillierten Einblick in die niedrigschwellige aufsuchende Arbeit mit sozial benachteiligten Familien, wie sie jetzt im Kontext Früher Hilfen immer stärker gefordert werden. Durch die Anpassung des Programms an 1½-jährige Kinder sind wir auch vom Alter her näher an die Zielgruppe der Frühen Hilfen herangerückt.

Einen ersten, aber sehr dichten Einstieg in die Praxis Früher Hilfen haben wir durch die Kurzevaluation ausgewählter Früher Hilfen erhalten – ein Projekt im Kontext der Vorbereitung des Aktionsprogramms Frühe Hilfen des Bundes. Die dort gewonnenen Einsichten sind für die Begleitung der Modellprojekte im Rahmen des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) nach wie vor von großer Bedeutung.

Daneben haben wir in mehreren kurzen Projekten wichtige Teilschritte vollzogen: So wurde im vergangenen Jahr ein Instrument zur Risikoabschätzung bei Kindeswohlgefährdungen, der so genannte „Kinderschutzbogen“, von uns evaluiert. Aus wissenschaftlichem Forschungsinteresse untersuchen wir auf Anfrage auch Kinderschutzmaßnahmen/-abläufe im Auftrag von Kommunen. Durch derartige Expertisen erhalten wir Einblick in schwierige Fallverläufe. Das ist für unsere Arbeit wichtig. Aktuell beschäftigen wir uns mit einem kommunalen Täterprogramm für Väter, die in Partnerschaften gewalttätig werden. All diese Aktivitäten werden auf unterschiedliche  Weise in die aktuelle Arbeit am NZFH eingespeist und führen dort zu neuen Impulsen. Wir hoffen, hier 2010 – der vorläufigen Befristung des Projektes – einen weiteren Meilenstein gesetzt zu haben.

Wie haben sich die Lebenslagen von Familien verändert und wie das familiäre Klima, in dem Kinder heute aufwachsen?

Man kann sicher nicht sagen, dass sich die Lebenslagen von Familien generell verschlechtert haben. Was wir jedoch feststellen müssen, ist eine Polarisierung der Lebenslagen – und hier gibt es einen deutlichen Anteil von Familien, die schwierige Lebensbedingungen vorfinden.

Man muss sich vor allem vor Augen halten, dass sich die sozialen Milieus in Deutschland aktuell offenbar in hohem Maße auseinander entwickeln: Ca. ein Viertel der Kinder – so die World Vision Studie (Hurrelmann/Andresen 2007) – werden von ihren Eltern kaum gefördert, die Eltern sind selbst äußerst resigniert, haben nur ein geringes Interesse am Bildungsweg ihrer Kinder, keine eigenen Ressourcen, um ein Interesse dafür zu entwickeln, der Schulalltag der Kinder ist ein permanenter Kampf, Lernschwächen, gesundheitliche Störungen, Verhaltensauffälligkeiten kumulieren hier. Empirische Studien konstatieren eine deutliche Polarisierung von privilegierten und deprivilegierten Familien; es gibt ein zunehmendes multiples Armutsrisiko ab dem dritten Kind und eine Zunahme von Armut bei Alleinerziehenden. Die Gruppe hoch belasteter Familien wächst also. In diesen Familien häufen sich Unterversorgungslagen: Sie sind unterversorgt mit Bildung und Berufsbildung, was zu diskontinuierlicher Erwerbsarbeit und hoher, generationsübergreifender Arbeitslosigkeit führt; durch ihre frühen Deprivationserfahrungen haben sie geringe Beziehungskompetenzen und erfahren ständig Ausgrenzung und das Gefühl von Wertlosigkeit. Die World-Vision Studie hat gezeigt, dass sich bereits Kinder im Alter von 10 Jahren aus diesen Familien komplett abgehängt fühlen und im Prinzip schon resigniert haben; der Schweizer Kinder- und Jugendbericht spricht in diesem Zusammenhang von der „Trostlosigkeit eines Lebens, das schon in seinen Anfängen keine Zukunft mehr hat.“ Für diese Kinder braucht es erweiterte Bildungsangebote wie z.B. Ganztagsschulen, damit der Kreislauf durchbrochen werden kann und aus diesen Kindern nicht wieder resignierte und zu einer Förderung ihrer Kinder nicht befähigte Eltern werden.

Möglicherweise erleben wir in Deutschland sogar eine Zunahme der Fälle von Kindesvernachlässigung, also von Unterversorgungslagen, die so schwerwiegend sind, dass eine erhebliche Schädigung des Kindeswohls droht. Zwar fehlen uns hier zuverlässige Daten. Allerdings gibt es in Form von Praxisberichten und einer Zunahme jugendamtlicher und gerichtlicher Schutzmaßnahmen entsprechende Hinweise. Befunde aus anderen Ländern deuten hier darauf hin, dass die Häufigkeit von Kindesvernachlässigung auch von der Armutsrate bei bildungsfernen Familien mit Kindern abhängt. Weiterhin können die Zunahme der Anzahl von Eltern, die allein für die Versorgung und Erziehung eines oder mehrerer Kinder verantwortlich sind sowie ein leichter Zuwachs in der Häufigkeit krankheitswertiger psychischer Beeinträchtigungen bei Eltern und Kindern als mögliche Ursachen für zunehmende Kindesvernachlässigung in Frage kommen. Zwar stellen die genannten Faktoren, mit Ausnahme schwerwiegender psychischer Erkrankungen des hauptsächlich betreuenden Elternteils, für sich genommen nur schwache Risikofaktoren für das Auftreten von Vernachlässigung dar, die im Einzelfall nur einen kleinen Teil der Genese erklären. Das Zusammentreffen mehrerer dieser Faktoren erhöht das Risiko jedoch deutlich.

Ist die Zahl von gefährdeten Kindern in den vergangenen drei Jahren tatsächlich gestiegen? Oder erscheint dies nur so, weil die Medien dieses Thema verstärkt aufgreifen?

In der Bundesrepublik Deutschland werden bislang, im Unterschied zu Ländern wie etwa den Niederlanden oder den USA, keine tragfähigen Daten über die Zahl vernachlässigter, misshandelter oder missbrauchter Kinder erhoben. Selbst zur Anzahl der Kinder, die nach Kindeswohlgefährdung in der Jugendhilfe bekannt werden, liegen – mit Ausnahme einiger Kommunen, die mit einer Erhebung aussagekräftiger Zahlen begonnen haben (z.B. Düsseldorf) – keine belastbaren Befunde vor, obwohl vonseiten der Weltgesundheitsorganisation WHO die Einrichtung eines Monitoringsystems empfohlen wurde und viele entwickelte Nationen dieser Empfehlung bereits gefolgt sind (Kindler 2007). Bereits der Zehnte Kinder- und Jugendbericht, der sogenannte „Kinderbericht“, stellte dies fest. Geändert hat sich seither jedoch nichts, wie die Sonderausgabe Oktober 2006 der KomDat Jugendhilfe konstatiert.

Stattdessen greift man mal auf großzügige, mal auf restriktive Schätzungen zurück, die jedoch nicht nur methodisch wenig tragfähig sind, sondern denen auch allesamt die Komponente der Verlaufsbeobachtung fehlt. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Schätzungen zu Kindesmisshandlungen und -vernachlässigungen wird daher einhellig von den ExpertenInnen konstatiert, dass man es mit einem erheblichen "Dunkelfeld" zu tun haben dürfte und eine seriöse Auskunft über die Zunahme, Stagnation oder Abnahme der in unserer Gesellschaft tatsächlich auftretenden Anzahl an Fällen von Kindeswohlgefährdung derzeit nicht möglich ist.

Gesichert erscheint dagegen, dass die Anzahl der bei den Jugendämtern eingehenden Gefährdungsmitteilungen sowie die Anzahl einmischender Schutzmaßnahmen gestiegen ist. Dies könnten neben einer Zunahme der tatsächlichen Häufigkeit von Vernachlässigung auch Veränderungen des Mitteilungsverhaltens von Fachkräften und der Bevölkerung allgemein widerspiegeln sowie Veränderungen bei der Abgrenzung eines zwar unterdurchschnittlichen, aber noch akzeptablen Fürsorgeverhaltens von Vernachlässigung.

Lässt sich überhaupt ein derart dichtes Netz Früher Hilfen knüpfen, durch das alle tatsächlich gefährdeten Kinder und Familien erreicht werden? Oder ist dies eine Illusion?

Die Anstrengungen, dichtere Netze Früher Hilfen zu knüpfen und dabei vor allem auch verstärkt multiprofessionell unter Einbezug des Gesundheitswesens zu arbeiten, sind auf jeden Fall weiter voranzutreiben. Man sollte aber nicht meinen, auch noch mit dem besten Netz alle Gefährdungseinlagen richtig einschätzen und Gefährdungen verhindern zu können. Dieser Wunsch ist sehr menschlich, folgt aber einer Allmachts- und Kontrollphantasie und ist deshalb illusionär. Es gibt erstens Notsituationen und Reaktionen von Betroffenen, die nicht vorhersehbar sind – wie bspw. bei einer verheimlichten Schwangerschaft – und es gibt auch im besten Hilfesystem Menschen, die verständlicherweise Fehler machen. Aber verbessern lässt sich hier noch vieles: allem voran die Verhältnisprävention, die verhindert, dass Familien überhaupt in so gravierende Notsituationen abrutschen.

Greifen Frühe Hilfen ohne Kontrolle? Oder verschreckt man durch Kontrolle gerade die Klientel, die eigentlich erreicht werden soll? Denn es hat sich gezeigt, dass es immer Möglichkeiten gibt, sich einer Kontrolle zu entziehen. 

Aus der Ambivalenz von Hilfe und Kontrolle kommen wir bei den Frühen Hilfen tatsächlich schwerlich hinaus. Es ist richtig, dass gerade die mehrfach belasteten Familien für freiwillige Angebote besonders schwer erreichbar sind. Auf der anderen Seite kann ohne Einsicht und Bereitschaft zur Mitarbeit nur schwer eine positive Veränderung bewirkt werden. Eine solche Einsicht und die Bereitschaft zur Mitarbeit lassen sich aber nicht erzwingen. Deshalb bleibt uns nur, mit großem Aufwand Vertrauensbeziehungen aufzubauen und um Mitarbeit zu werben. Nur wenn das Kindeswohl gefährdet wird, tritt das Element der Kontrolle stärker in den Vordergrund.

Die schwierige Gratwanderung auf der Interaktionsebene im Einzelfall bleibt meist den einzelnen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Hilfesysteme überlassen, die jedoch hierfür wiederum der Unterstützung durch Vorgesetzte, Supervision und Fallgespräche bedürfen. Andererseits sind strukturelle Regelungen, wo Kontrolle unverzichtbar ist, nötig: um den Fachkräften Handlungssicherheit zu geben und um Grenzen eines nicht länger begründeten „blinden“ Vertrauens in die Kooperationsbereitschaft der Eltern aufzuzeigen. Hier wären verbesserte und vor allem breit und sorgsam eingesetzte Instrumente der Risikoeinschätzung bei Kindeswohlgefährdungen sehr hilfreich. Das bedarf aber wiederum ausreichender Zeit- und Personalressourcen in den Hilfesystemen.

Was ist der „Preis“, den die Gesellschaft für ein Mehr an Kontrolle zahlen muss?

Selbst engste Kontrollnetze werden Kindeswohlgefährdungen nicht im Ganzen verhindern können. Damit werden wir leben müssen. Deshalb tut eine Gesellschaft gut daran, nicht unbegrenzt in Richtung Kontrolle zu gehen. Es würde ein Klima geschaffen, in dem immer weniger Eltern bei Unsicherheit oder Überforderung freiwillig Beratung und Hilfe aufsuchen würden, aus Angst unter Generalverdacht gestellt zu werden. Stigmatisierungen und Ausgrenzungen wären hier unvermeidlich. Dies hilft zu allerletzt potenziell gefährdeten Kindern und ihren Familien.

Wir sind gut beraten, gerade jetzt im Kontext Früher Hilfen mit ExpertInnen in einen intensiven öffentlichen Diskurs über die Grenzen gesellschaftlicher Kontrolle und über die durchaus normativen Dimensionen bei der Beurteilung eines „guten“ Familienlebens einzutreten, denn diese sind nicht ein für allemal unveränderbar festgelegt und oft kaum reflektiert. Manche Medien spielen hier eine ungute Rolle, da ihre emotionalisierende Darstellung dramatischer Kinderschutzfälle Eltern einseitig an den Pranger stellt und schnell nach mehr Strafe und Kontrolle rufen lässt. Allerdings sehe ich gerade mit den Frühen Hilfen, die ja ihrem Grundgedanken nach freiwillig sind und frühzeitig ansetzen, eine besondere Chance, um spätere Eingriffe und Kontrollen in vielen Fällen überflüssig zu machen.

In der jüngeren Vergangenheit standen die Jugendämter häufig, ob zu Recht oder zu Unrecht, in der Kritik. Jugendämter scheinen mit einem negativen Image belegt, von dem sie nur schwer wegkommen. Muss sich das Image der Jugendämter wandeln? Und wenn ja, inwiefern? Und wie kann das gelingen?

Die meisten Jugendämter leisten gute und oft sehr schwere Arbeit. Gesellschaftlich ist dies wenig anerkannt, geht es doch um die „dunklen Seiten“ Deutschlands – da guckt keiner so gerne hin. Ich halte wenig von inhaltsleeren Imagekampagnen. Ich denke, es müsste mehr Information über erfolgreiche und präventive Arbeit der Jugendämter und deren Rahmenbedingungen geben. Was wir aber neben verbesserten Frühen Hilfen in den beschriebenen einzelnen Dimensionen sowie – und das sollten wir nicht übersehen – einer Ausstattung mit entsprechenden Ressourcen auch benötigen, ist ein anderer Umgang mit Fehlern. Fehler werden immer vorkommen. Gemeint ist hier eine „Fehlerkultur“, bei der Fehler als Gelegenheit betrachtet werden, um aus ihnen zu lernen und besser zu werden.

Ausblick: Was ist für das DJI im Bereich Früher Hilfen noch zu tun? Welche Projekte stehen als nächstes an?

Ich denke, wir haben gerade erst angefangen. Das Lernen aus Fehlschlägen im Kinderschutz ist ein solcher nächster Schwerpunkt, den wir im Kontext des NZFH bearbeiten werden. Hier gilt es, bisherige nationale und internationale Berichterstattungen auf Länderebene und bei Einzelfällen zu sondieren, um zu Qualitätskriterien zu gelangen und Vorschläge für ein Berichts- und Begutachtungswesen auf regionaler Ebene zu machen. Was in nächster Zeit ebenfalls konkret ansteht, ist die Entwicklung eines Vorschlags für ein kommunales instrumentengestütztes System zur Qualitätssicherung im Kinderschutz. Voraussichtlich werden sich Modellkommunen im Rahmen einer Ausschreibung des Bundes an der Erprobung eines solchen Instrumentariums beteiligen können.

Mittelfristig planen wir jedoch auch hier – wie in anderen Projekten auch – einen stärkeren Fokus auf die Väter. So wollen wir uns in einem empirischen Projekt dem Zusammenhang von Kinderschutz und häuslicher bzw. Partnerschaftsgewalt zuwenden sowie vertieft Programmen der Arbeit mit gewalttätigen Vätern/Männern widmen. Kehrt man den Blick auf die Thematiken der Kindeswohlgefährdung jedoch ins Positive, so werden wir uns mit den Bedingungen erfolgreicher Elternschaft trotz belastender Umstände, d.h. mit Fragen der Resilienz, beschäftigen.

Frau Dr. Jurczyk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Kontakt
Dr. Karin Jurczyk, DJI

DJI Online / Stand: 1. September 2008

bearbeitet von
letzte Änderung: 01.06.2010 14:46

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