Blick von außen IIMinisterialdirektorin Dr. Annette Niederfranke, Leiterin der Abteilung 6 Kinder- und Jugendhilfe, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend „Engmaschige Unterstützung und Frühwarnsysteme für potenziell gefährdete Kinder“ Die ersten Lebensjahre sind entscheidend! Wir wissen, dass die ersten Lebensjahre eine ganz entscheidende Bedeutung für das gesamte Leben eines Menschen haben. Es ist sehr eindrücklich zu beobachten, welche Entwicklungsaufgaben Kinder in den ersten Wochen, Monaten und Jahren ihres Lebens meistern. Und auch die Entwicklungspsychologie lehrt uns auf manchmal atemberaubende Art und Weise, wie zahlreich und vielfältig diese Entwicklungsschritte sind. Wir wissen auch, dass es bestimmte Zeitfenster gibt, in denen die ersten Meilensteine des Lebens erreicht werden sollten und dass es mit fortschreitendem Alter manchmal schwierig wird, diese nachzuholen. Dafür sind Kinder dann auf die besondere Fürsorge und liebevolle Unterstützung durch erwachsene Menschen angewiesen, die sie bei diesem Prozess an die Hand nehmen. Und in den allermeisten Fällen meistern Eltern die Herausforderung, die die Betreuung und Fürsorge eines Kindes mit sich bringt, mit beeindruckender Stärke und Zuversicht. Sie bemühen sich nach Kräften, ihre Kinder auch dann ganz besonders zu unterstützen, wenn sie Entwicklungsverzögerungen zeigen und besondere Bedürfnisse haben. Doch manchmal werden diese Herausforderungen zur Belastung – wenn es zum Beispiel keinen Menschen gibt, der Eltern unter die Arme greift und sie für eine bestimmte Zeit entlastet. Manchmal kommen auch Bedingungen hinzu, die nicht nur eine Belastung darstellen, sondern ein Risiko für das Kind und seine Entwicklung. Eigene elterliche Gewalterfahrungen oder psychiatrische Erkrankungen eines Elternteils können schnell zu Situationen führen, die sich zur konkreten Gefahr für das Kind entwickeln. Die komplexe Entwicklung in den ersten Lebensjahren bedeutet für Kinder also auch, dass sie besonders verletzlich sind. Ein Risiko kann innerhalb kürzester Zeit zu einer lebensgefährlichen Situation werden. Dies haben uns dramatische Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung in den vergangenen Monaten immer wieder gezeigt. Um Kinder und Familien in belastenden Lebenslagen besser zu schützen, hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Aktionsprogramm „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ entwickelt. Es basiert auf dem Koalitionsvertrag und nimmt ganz besonders Kinder in den ersten drei Lebensjahren in den Blick. Was bedeutet Frühe Hilfen für uns? Unser Ziel ist es, möglichst frühzeitig den Zugang zu Kindern und Eltern zu finden, um Risiken rechtzeitig erkennen und frühzeitig Hilfen anbieten zu können, die Eltern in ihrer Kompetenz stärken. Der Begriff „Frühe Hilfen“ hat im Aktionsprogramm eine Bedeutung in mehrfacher Hinsicht. Wir setzen auf Frühe Hilfen zunächst deshalb, weil Säuglinge und Kleinkinder besonders häufig von Vernachlässigung und Misshandlung betroffen sind. Darüber hinaus bringen wir damit zum Ausdruck, wie wichtig die frühe Lebenszeit ist. Schließlich können Hilfen dann besonders gute Erfolge zeigen, wenn sie frühzeitig ansetzen und Schädigungen gar nicht erst entstehen (Prävention). Wenn also Risiken für die kindliche Entwicklung bereits während der Schwangerschaft erkannt werden können, besteht darin eine Chance, diese Entwicklungen von Anfang an günstig zu beeinflussen und so zu verhindern, dass sich aus Risiken manifeste Gefährdungen entwickeln. Das frühe Erkennen von Risiken ist also eine ganz entscheidende Voraussetzung für die Einleitung von Hilfen. Risiken können jedoch wiederum nur erkannt werden, wenn potenzielle Hilfeempfänger überhaupt vom System erreicht werden. In der Zeit der Schwangerschaft und rund um die Geburt sind junge Mütter und Väter – auch in schwierigen Lebenssituationen – besonders aufgeschlossen für Hinweise und Unterstützungsangebote zum Wohlergehen ihres Kindes. Dieser frühe Zugang besteht vor allem im Gesundheitssystem – und er ist in der Regel selbstverständlich und vertrauensvoll. Um darauf aufbauend ein sicheres Netz um Kinder zu knüpfen, verzahnen wir die Strukturen des Gesundheitssystems systematisch mit den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch mit Schwangerschaftsberatungsstellen und anderen Beratungseinrichtungen, Institutionen zum Schutz vor häuslicher Gewalt, Kindergärten und Schulen sowie Familiengerichten und Polizei. Denn der Schutz von Kindern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, er darf nicht an Systemgrenzen scheitern. Was tun wir konkret? Bei der Umsetzung unseres Aktionsprogramms bauen wir auf bereits vorhandenen Strukturen und Initiativen auf. In verschiedenen Regionen Deutschlands existieren bereits Projekte und Modelle, die Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder unterstützen, um diese vor Vernachlässigung und Misshandlung zu schützen. An diese wertvollen Erfahrungen knüpfen wir an und fördern in allen Ländern gezielt die wissenschaftliche Begleitung und Wirkungsevaluation ausgewählter Modellprojekte. Auf Grundlage der wissenschaftlich gesicherten Ergebnisse kann dann Schritt für Schritt ein dichtes Netz früher Hilfen in Deutschland entstehen. Ganz besonders wichtig war es uns, für den Austausch dieses Wissens einen Ort zu schaffen. So hat die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen im April 2007 das "Nationale Zentrum Frühe Hilfen" ins Leben gerufen. Die gemeinsame Trägerschaft der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und des Deutschen Jugendinstituts (DJI) steht beispielhaft für die Verzahnung der Kompetenzen aus dem Gesundheitssystem und der Jugendhilfe. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen betreut die im Rahmen des Programms geförderten Modellprojekte und bildet eine Plattform für alle Fragen rund um das Thema Frühe Hilfen. Es regt Kommunen an, Frühe Hilfen und soziale Frühwarnsysteme aufzubauen. Bei seiner Arbeit wird das Zentrum durch einen Wissenschaftlichen Beirat mit herausragenden Forschern sowie einen Fachbeirat mit Vertreterinnen und Vertretern von Ländern, Kommunen und Verbänden unterstützt. Höchste politische Aufmerksamkeit für den Schutz von Kindern und neue Herausforderungen Der Schutz von Kindern hat in den vergangenen Monaten in der gesamten politischen Diskussion einen großen Schub bekommen, er hat für die Bundesregierung höchste Priorität. So haben die Bundeskanzlerin und die Regierungschefs der Länder im Kinderschutzgipfel am 19. Dezember 2007 ein Paket mit konkreten Maßnahmen für einen aktiven Kinderschutz beschlossen. Und bereits in der Folgekonferenz am 12. Juni 2008 konnte festgestellt werden, dass zahlreiche dieser Maßnahmen bereits umgesetzt wurden. Zu nennen ist beispielsweise, dass viele Länder bereits gesetzliche Regelungen auf den Weg gebracht haben, um die Teilnahmequoten an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder zu erhöhen. Und darüber hinaus ist in die so genannte Kinderrichtlinie aufgenommen worden, dass der untersuchende Kinderarzt bei erkennbaren Zeichen einer Kindesvernachlässigung oder -misshandlung die notwendigen Schritte einzuleiten hat. Die Bundeskanzlerin und die Regierungschefs der Länder haben am 12. Juni 2008 ebenso neue Aufträge an Bund und Länder formuliert, die neben gesetzlichen Regelungen für einen verbesserten Schutz von Kindern auch weitere konkrete Maßnahmen vorsehen. Schwerpunkte unserer Arbeit werden in den nächsten Monaten der Auf- und Ausbau vernetzter Strukturen vor Ort sowie die Initiierung eines Erfahrungsaustauschs sein, um Defizite im Kinderschutz zu identifizieren und aus problematischen und fehlerhaften Kinderschutzverläufen zu lernen. In diesem Prozess kommt dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen eine zentrale Rolle zu: Es wird in Abstimmung mit Bund und Ländern eine Plattform für das Lernen aus Fehlern im Kinderschutz aufbauen. Dr. Annette Niederfranke, Ministerialdirektorin Geboren 1959, verheiratet, eine 7-jährige Tochter; Studium der Psychologie, Psychiatrie und Philosophie in Bonn und Chicago 1978-1984. Promotion bei Prof. Dr. Dr. Ursula Lehr und Prof. Dr. Dr. Hand Thomae in Entwicklungspsychologie/Gerontologie 1986. 1987 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Heidelberg am Institut für Gerontologie. Seit Mitte der 1990-er Jahre Referatsleiterin, später dann Unterabteilungsleiterin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in verschiedenen Bereichen. Seit Mai 2008 Leiterin der Abteilung „Kinder- und Jugendhilfe“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Links: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. DJI Online / Stand: 1. September 2008 |