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Thema 2008/08
Fürs Leben lernen: Nachhaltige Kompetenzen durch informelle Bildung

DJI-Projekt - Thema 2008/08<br>Fürs Leben lernen: Nachhaltige Kompetenzen durch informelle Bildung

Blick von außen II

von Bastian Dietz, Bayerischer Jugendring

„Strategien gegen den Schiffbruch: Wie die Jugendarbeit Jugendliche aus bildungsfernen Schichten als Ehrenamtliche ins Boot holt.“

Viele Jugendverbände setzen sich mehrheitlich aus StudentInnen, GymnasiastInnen und RealschülerInnen zusammen. Mitglieder aus bildungsfernen Schichten lassen sich je nach Verbandszweck wie Sport, Religion, Umweltschutz, etc. mal mehr, mal weniger finden, in den verbandlichen Gremien und Strukturen sind sie aber regelmäßig selten vertreten. Das gleiche gilt auch für viele andere Bereiche der Jugendarbeit. Dies ist vor dem Hintergrund von Globalisierung, demografischer Entwicklung und allgemeinem gesellschaftlichen Wandel ein Problem. Die Jugendarbeit steuert in ihrer Vielfältigkeit und Gesamtheit gleichsam einer bunten Flotte verschiedener Schiffe auf ein großes Riff zu, dass es zu umschiffen gilt. Dies gelingt aber nur, wenn die Mannschaft durch Jugendliche aus bildungsfernen Schichten verstärkt wird.

Darum ist es vor allem an den Jugendverbänden, sich zunächst stärker zu öffnen, um eine heterogenere Mitgliederstruktur zu entwickeln. Nicht in einem zweiten Schritt, sondern parallel hierzu müssen eben diese neuen Mitglieder auch in Verantwortung gesetzt werden, z.B. durch ein Vorstandsamt. Wie aber kann dies gelingen? Handlungsoptionen ergeben sich, wenn wir das Blickfeld weiten, weg von der klassischen Jugendverbandsarbeit mit Gruppenstunden und Jahreshauptversammlungen hin zu neueren Formen von Projekten (auch im Rahmen von Verbänden) bis hin zu Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Gerade letztere mit ihrem Vorteil, niedrigschwellige Zugänge zu ermöglichen, kann Jugendliche aus bildungsfernen Schichten immer wieder als engagierte Akteure z.B. im Rahmen der Selbstverwaltung eines Jugendzentrums gewinnen.

Um die Frage beantworten zu können, wie mehr Jugendliche aus bildungsfernen Schichten für ehrenamtliche Tätigkeiten mobilisiert werden können, müssen zunächst die Rahmenbedingungen skizziert werden. Dabei soll an dieser Stelle nicht die aktuelle Ausgangssituation in ihrer Breite dargelegt werden, vielmehr soll der Begriff der „bildungsfernen Schicht“ konkretisiert werden, kann er doch euphemistisch darüber hinwegtäuschen, welches die Ursachen für den Mangel an Bildung sind. Eben jene Ursachen können es nämlich auch sein, die Jugendliche davon abhalten, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Folgende Parameter können für die Zuordnung zu einer sozialen Schicht herangezogen werden:
a) Finanzen (z.B. Einkommen, Besitz, Wohneigentum, Auto)
b) Bildungsniveau (z.B. Schulabschluss der Eltern / der Jugendlichen)
c) Kultureller Status (z.B. Migrationshintergrund, Arbeitslosigkeit, sprachliche Fähigkeiten)

Je schwieriger der kulturelle Hintergrund (z.B. nach einer Migration), je geringer das Bildungsniveau und je kleiner der finanzielle Spielraum, desto niedriger ist die zugeordnete soziale Schicht. Da sich die Aspekte gegenseitig bedingen, kann auch davon ausgegangen werden, dass Finanzen und kultureller Status Auswirkungen auf das Bildungsniveau haben. So ist selbst bei gleicher Kompetenz die Chance von Arbeiter- und Migrantenkindern um sieben Mal geringer, ein Gymnasium zu besuchen als die von Oberschichtkindern. Dabei steigt der Anteil der in Armut lebenden Kinder stetig. Seit 1989 hat sich ihre Zahl in Deutschland mehr als verdoppelt und liegt in Bayern nun bei den unter 15-jährigen bei 8,2 Prozent. Dass diese Entwicklung bei der Jugendarbeit nicht endet, zeigt eine Studie aus Nordrhein-Westfalen, wo schon 1996 festgestellt wurde, dass zwar 62% der männlichen Gymnasiasten im Sportverein aktiv sind, aber nur 18% der Hauptschülerinnen.           

Lassen sich in dieser Defizitanalyse viele Jugendliche z.B. mit Flüchtlingshintergrund oder deutschen Armutsverhältnissen zusammenfassen, können Lösungsansätze nur durch Differenzierung greifen. Die Jugendarbeit in ihrer Vielschichtigkeit verfügt hier eigentlich über optimale Anlagen. Dennoch gibt es keinen Königsweg oder Musterlösungen, lediglich wichtige Schritte in Richtung mehr Partizipation und (interkultureller) Öffnung


Ansatzpunkte bei der Mobilisierung von Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten für ehrenamtliche Tätigkeiten

Die wenigsten Jugendlichen melden sich initiativ bei einem örtlichen Jugendverband und bieten ihre Hilfe bzw. Mitarbeit in Gremien an. Will man Jugendliche für eine ehrenamtliche Tätigkeit gewinnen, müssen diese in ihrem (sub-)kulturellen Kontext und ihrer Lebenswelt abgeholt werden. Dazu sind drei Schritte nötig:

a) Jugendliche nehmen ein Angebot überhaupt erst wahr (z.B. Besuch einer Ferienfreizeit)
b) Jugendliche blicken „hinter die Kulissen“ und entdecken für sie attraktive Strukturen und Prozesse (z.B. Betreuerteam der Freizeit)
c) Jugendliche beteiligen sich aktiv an den entdeckten Strukturen und Prozessen (z.B. durch Mitarbeit im Betreuerteam im nächsten Jahr)

Diese Schritte lassen sich zwar nicht erzwingen, aber planen und forcieren.


Wie bekommt man Jugendliche aus bildungsfernen Schichten zunächst einmal in die entsprechenden Angebote?

Einrichtungen der offenen Jugendarbeit sind oft erste Anlaufstellen für nicht verbandlich organisierte Jugendliche. Mit niedrigschwelligen und lebensweltorientierten Angeboten wie Hausaufgabenbetreuung oder Teenie-Discos sind sie am Puls der Zielgruppe. Hier greift auch der Peer-Faktor: Jugendliche machen gern das, was ihre Freunde machen. Sie besuchen gemeinsam das Freibad, „übernehmen“ Bushäuschen oder gehen in der Clique „shoppen“. Angebote, die solche Handlungsweisen berücksichtigen (z.B. offener Cafébetrieb in einem Jugendzentrum), ermöglichen einen besonders nachhaltigen Zugang zu der beschriebenen Klientel.

Doch auch verbandliche Angebote werden gern angenommen – in der Regel je lieber, desto konkreter sie sind. So sind z.B. Sportvereine, THW oder Feuerwehr als klassische Anlaufstellen zu nennen. Hier muss nicht lange der praktische Nutzen oder die Tätigkeit erklärt werden, da sich diese aus der Sache selbst erschließt. Eine Erklärung von weltanschaulichen Hintergründen – so einfach sie z.B. im Umweltschutz sein mögen – muss nicht erfolgen. Dieser „Marketing-Vorteil“ weniger Verbände kann aber durch attraktive, zielgruppenorientierte Werbung und Aktionen verringert werden (z.B. eine Infotour durch Hauptschulen), so dass auch z.B. kirchliche Verbände Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus bildungsfernen Schichten gewinnen können.

Der nächste Schritt sind Kooperationsangebote von Verbänden gemeinsam mit Schulen, JugendsozialarbeiterInnen oder der Offenen Jugendarbeit. Dass dies ein erfolgreicher Weg sein kann, hat unter anderem die Pfadfinderinnenschaft St. Georg (PSG) im Rahmen des BJR-Projekts „MultiAction – aber wie?“ bewiesen. Die PSG bot im Giesinger Mädchentreff in München unter dem Titel „Girl Scouts“ eine regelmäßige Gruppenstunde an, die den Inhalten und Vorgehensweisen der PSG entsprach. Das Projekt beschäftigte sich mit der Einrichtung eines multikulturellen Pfadfinderinnenstammes, in dem auch multinationale Gruppenleiterinnen ausgebildet wurden.

Will man Jugendliche aus bildungsfernen Schichten ansprechen, so sind zunächst einmal Angebote in ihre Richtung zu machen. Oder in anderen Worten: vor allem muss eine „Geh-Struktur“ (im Gegensatz zu einer „Komm-Struktur“) etabliert werden.


Von der Teilnahme zur aktiven Mitarbeit im Ehrenamt

Konnten Jugendliche für ein Angebot gewonnen werden, stellt sich der Transfer von Teilnahme zu Mitarbeit nicht automatisch ein. In der Regel muss die Mitarbeit für den Einzelnen mit einem gewissen Mehrwert verbunden sein, um attraktiv zu wirken. Das bedeutet vor allem: Engagement muss Spaß machen. Dazu tragen nette Menschen, gute Rahmenbedingungen und demokratische Prozesse bei.

Nun könnte man davon ausgehen, dass sich in Angeboten der Jugendarbeit nur nette Menschen zusammenfinden, das echte Leben sieht aber anders aus. Deshalb ist der Faktor „TeilnehmerInnen“ untrennbar mit dem pädagogischen Personal verquickt. Die Fachkräfte – egal ob in der offenen, kommunalen oder verbandlichen Jugendarbeit – sorgen mit ihrem Know-how für Kommunikation und ein angenehmes „Betriebsklima“. Diese steuernde Funktion zwischen Nähe und Distanz, Autorität und Demokratie, Sorgen und Lassen, ist das Proprium pädagogischer Arbeit in diesem Bereich und aufgrund der widerstreitenden Interessen von innen und außen oft schwer auszutarieren.

Die Rahmenbedingungen sind deshalb ein weiterer wichtiger Faktor, egal ob in einer Gruppenstunde, in einem Jugentreff oder bei einer Ferienfreizeit. Auf eine Aufzählung von Qualitätsmerkmalen in Organisation und Ausstattung soll hier verzichtet werden. Folgende Punkte können aber gerade im Umgang mit Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten wichtig sein:

  • Die Angebote sollten die zeitlichen Möglichkeiten der Jugendlichen berücksichtigen. Das ist zur Zeit vor allem im G8-Betrieb umstritten, aber auch im Bereich von Förder-, Haupt- und Realschulen (und vor allem am Land mit weiten Reisezeiten zwischen Wohnort und Schule) ist eine zielgruppenorientierte Zeitplanung (inkl. Ferien- und Wochenendangeboten) wichtig. Die neuen Ganztagsangebote an Schulen können darüber hinaus auch für Jugendverbände interessante Chancen eröffnen.
  • Moderne Medien als „Kids-Catcher“: Die meisten Jugendlichen „stehen“ auf moderne Medien. Deshalb können diese besonders gut genutzt werden, um Jugendliche aus bildungsfernen Schichten anzusprechen. Betreute Informationsangebote wie internetfähige PCs kommen dabei in Jugendtreffs z.B. beim Recherchieren für Bewerbungen zum Einsatz. LAN-Partys mit Übernachtung in der Schule sind beliebte Aktionen kommunaler Träger. Die Ferienfreizeit eines Verbandes wird schließlich durch den Einsatz von Handys, Audio- und Videoaufnahmegeräten „aufgepeppt“. In diesem Zusammenhang sind übrigens auch die Angebote der Medienfachberatungen in den Bezirken zu nennen, die Medien-Seminare anbieten und Multiplikatoren ausbilden.
  • Die Angebote sollten die finanziellen Möglichkeiten berücksichtigen. Für Jugendliche aus bedürftigen Familien gibt es zwar in der Regel die Möglichkeit, Angebote der Jugendarbeit kostenlos oder zu sehr ermäßigten Preisen zu nutzen, die Hürden (z.B. Scham, unbekanntes Angebot) sind aber hoch. Wichtig ist es deshalb, Konsumzwänge zu minimieren, um Jugendliche aus bildungsfernen (und finanziell schwächeren) Familien nicht passiv-strukturell auszuschließen. Praktische Ansätze sind hier besonders wichtig, weil in unserer Konsumgesellschaft dieser Punkt oft vergessen bzw. aus Scham nicht angesprochen wird: Ein Beispiel ist ein Jugendzentrum-Café, das als reiner Treffpunkt ohne Kaufzwang genutzt werden kann (Es können z.B. Sandwiches und Getränke auch mitgebracht werden). Ein anderes eine verbandliche Ferienfreizeit, bei der die Jugendlichen kleine und größere Gruppenaktivitäten wie Eisessen oder eine Bootsfahrt gemeinsam bezahlt bekommen.
  • Die Trägerschaft sollte kein Ausschlussfaktor sein. Denn es macht (wenn auch nicht für die Jugendlichen, dann vielleicht für die Eltern) einen Unterschied, ob ein Jugendzentrum in katholischer oder kommunaler Trägerschaft ist.


Demokratische Strukturen und Niederschwelligkeit der Angebote

Der dritte Punkt, der dazu beitragen kann, dass Jugendliche ehrenamtliches Engagement in einem Angebot der Jugendarbeit als attraktiv wahrnehmen, sind die demokratischen Prozesse im Hintergrund.

Vor allem die Jugendverbände mit ihren Wahlen und Gremien auf den verschiedensten Ebenen sind das Paradebeispiel für demokratische Prozesse in der Jugendarbeit. Da jede Wahl aber nicht nur ein Partizipations- sondern auch ein Selektionsprozess ist, besteht die Gefahr, dass vor allem benachteiligte Jugendliche hier ausgeschlossen werden. Um dem entgegenzuwirken, gibt es zwei gute Ansatzpunkte: Einerseits können die haupt- und ehrenamtlichen Leitungen darauf hinwirken, dass potenzielle Vorstandsmitglieder sich trauen zu kandidieren und die Wahlversammlungen auch Kandidaten und Kandidatinnen aus bildungsfernen Schichten berücksichtigen. Andererseits können über Quoten, feste Vorstandsplätze oder durch Kooptierung benachteiligte Jugendliche beteiligt werden.

In der offenen Jugendarbeit haben sich Jugendzentrumsräte o.ä. etabliert, in denen die Nutzer und Nutzerinnen der Einrichtungen bei Entscheidungen z.B. über die Hausordnung beteiligt werden. Oft werden in diesen Räten auch Sprecher, Sprecherinnen gewählt, die zwischen den Sitzungen als Ansprechstation fungieren. Auf der „Arbeitsebene“ gibt es oft zahlreiche Gruppen (z.B. Thekengruppe, Discogruppe), in denen sich die Jugendlichen durch Mitarbeit einbringen können. Wenn diese Beteiligungsstrukturen gelebt werden, sind sie aufgrund ihrer Nähe zur bildungsfernen Klientel und ihrer Niederschwelligkeit besonders gute Vorbilder, wie Engagement zu Mitbestimmung führen kann. Darüber hinaus erleben hier Jugendliche von Gleichaltrigen Anerkennung und Respekt für ihr Handeln.

Neben den mehr oder weniger institutionalisierten Beteiligungsformen, die gerade beschrieben wurden, sind Formen von demokratischer Zusammenarbeit in Teams besonders wichtig. In allen Bereichen der Jugendarbeit sind Projektteams die Keimzelle jeder Aktion. Egal ob es darum geht, eine Party, ein Sportevent oder eine Ferienfreizeit vorzubereiten, steht und fällt die Qualität der Umsetzung mit der Qualität der Teamarbeit. Wird hier transparent, demokratisch, fair und mit Freunde gearbeitet, ist dies das beste Vorbild. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Teilnehmer und Teilnehmerinnen von Ferienfreizeiten von der (Zusammen-)Arbeit des Leitungsteams so beeindruckt sind, dass diese selbst als Teamer und Teamerinnen in die Organisation von Aktionen und Freizeiten einsteigen.


Die Rahmenbedingungen nicht aus dem Blick verlieren 

Ehrenamtliches Engagement kostet oft Geld, und sei es nur das Busticket, um zu einer Vorstandssitzung zu kommen oder die SMS, um eine Verspätung anzukündigen. Viele Ehrenamtliche berichten, dass sich so in den Jahren ihres Engagements ein stolzer Betrag summiert hat, der oft nicht erstattet wurde. Hier gibt es zahlreiche Ansatzpunkte, ehrenamtliches Engagement auch für Jugendliche aus ärmeren Familien zu erleichtern. Dies fängt ganz einfach schon damit an, dass Sitzungen nicht in Gaststätten veranstaltet werden (wo man sich mindestens ein Getränk kaufen muss) und endet in einer adäquaten Aufwandsentschädigung, die auch Kleinbeträge (die üblicherweise oft nicht abgerechnet werden) berücksichtigt.

Hauptamtliche Begleitung von Gremien und Schulungen für Ehrenamtliche ermöglichen es nicht nur, das Wissen über konkrete Inhalte zu verbreitern und zu strukturieren. Auch eine bessere Leitung und Durchführung von Sitzungen ist so möglich. Gut strukturierte und effektive Sitzungen machen nämlich nicht nur Spaß, sie sparen auch Zeit. So wird es Jugendlichen ermöglicht, sich zu engagieren, auch wenn sie z.B. längere Wegstrecken zurücklegen müssen oder gerade ein Praktikum absolvieren. Darüber hinaus sind Schulungen für ehrenamtliche Mitarbeit sowohl Belohnungen (weil z.B. Jonglieren erlernt werden kann) als auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt, der Zusammenhalt fördert und Engagierte bindet.


Der Grundsatz der Freiwilligkeit

Ob die eben angestellten Überlegungen zur Vorbildfunktion und den Rahmenbedingungen ehrenamtlichen Engagements im konkreten Einzelfall wirklich handlungsleitend wirken, wenn sich Jugendliche die Frage stellen, ob sie sich ehrenamtlich engagieren sollen, ist trotzdem fraglich. Schließlich ist es oft eine Gemengelage von Gelegenheit, Zufall, persönlicher Befindlichkeit und weiteren als den oben beschriebenen Faktoren, die zu ehrenamtlichem Engagement führen (oder eben nicht). Wenn es mir aufgrund von Krankheit, Schulproblemen oder Liebeskummer gerade nicht so gut geht, habe ich vielleicht auch keine Lust, mich heuteAbend in irgendein Amt wählen zu lassen.

Die Jugendarbeit kann wegen ihres Grundsatzes der Freiwilligkeit nur für sich werben. Wenn ein ehrenamtliches Engagement aber attraktiv ist und Beteiligungshürden abgebaut werden, ist die Chance groß, dass Jugendliche – auch aus bildungsfernen Schichten – mitmachen. Diese Chance vergrößern bereits aktive Jugendliche z.B. mit Migrationshintergrund. Sie holen über die Peer-Struktur andere Jugendliche aus dem selben Milieu in die Jugendarbeit und sind als Ansprechpartner und –partnerinnen bei anderen Jugendlichen gefragt, da sie sich mit den selben Herausforderungen wie diese konfrontiert sahen odersehen.


Augen auf und Gewohnheiten überdenken!

Wie eingangs beschrieben, treten Bildungsferne, Armut und soziale Probleme in der Regel zusammen auf. Alle drei sind Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Niemand gibt gern zu, dass er sich bestimmte Dinge nicht leisten kann oder dass ihn sprachliche Probleme hemmen. Diese Menschen werden oft strukturell ausgeschlossen, weil sie sich selbst nicht artikulieren und bei den Verantwortlichen der Blick für ihre Situation nicht geschult ist. Es wurde schon beschrieben, dass viele Maßnahmen (z.B. eine Sitzung nicht in einem Gasthaus abzuhalten) kaum Aufwand oder Kosten mit sich bringen, aber Hürden für (potenzielles) Engagement stark abbauen. Meint man es also ernst damit, Jugendliche aus bildungsfernen Schichten in das Boot „Jugendarbeit“ zu holen, muss es heißen: Augen auf und Gewohnheiten überdenken!

Alles was darüber geschrieben wurde, wie man Jugendliche aus bildungsfernen Schichten für Angebote von und ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit begeistern kann, lässt sich auf „normale“ Jugendliche anwenden. Auch die Eltern aus der immer dünner werdenden deutschen Mittelschicht sind froh, wenn sie das ehrenamtliche Engagement ihrer Kinder nicht noch durch höheres Taschengeld finanzieren müssen (auch wenn sie das gern tun!). Deshalb eignen sich viele Ansätze, Jugendliche aus bildungsfernen Schichten in die Jugendarbeit zu integrieren, gleichzeitig dazu, die Jugendarbeit generell weiterzuentwickeln. Diese Integrationsbemühungen, die als kleine Organisationsentwicklungsprozesse verstanden werden können, tun allen gut.

Jugendliche aus bildungsfernen Schichten sind zwar alle mit den selben Problemen konfrontiert, dennoch muss bei der Lösung differenziert werden. So sind z.B. bei Migrantenjugendlichen bestimmte Ethnien zu beachten, in ländlichen Gebieten muss der Kontakt zu Jugendlichen sehr intensiv gesucht werden und in Großstädten müssen die Angebote mit kommerziellen Anbietern konkurrieren können. Die Jugendarbeit hat zahlreiche differenzierte Antworten in ihrem Portfolio, mit der sie Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten entgegenkommen kann. So setzen z.B. schulbezogene Angebote direkt im lebensweltlichen Bezug an, wo Jugendliche unterm Jahr den meisten Teil ihrer Zeit verbringen und Streetwork bzw. Offene Jugendarbeit bieten niederschwellige Komm- und Gehstrukturen. Eine neue Dimension erhalten die Angebote durch die Kooperation verschiedener Träger und Verbände, wie sie z.B. im BJR-Projekt „MultiAction – aber wie?“ beobachtet wurden.

Hier liegt auch das Zukunftspotenzial für die Jugendarbeit: Durch Kooperationen und die Öffnung von Methoden und Strukturen kann nicht nur ein drohender Schiffbruch vermieden werden. Wenn alle Jugendlichen – auch aus bildungsfernen Schichten – ins Boot geholt werden können, gelingt es, die Flotte der Jugendarbeit zu überholen und weiter erfolgreich auf hoher See zu halten.


Literatur

Bayerischer Jugendring K.d.ö.R. (Hrsg.) (in Vorbereitung für August 2008): „MultiAction – aber wie?“ Projektdokumentation und Abschlussbericht. München: Bayerischer Jugendring

Brinkhoff, K.-P./Sack, H. G. (1996): Überblick über das Sportengagement von Kindern und Jugendlichen in der Freizeit. In: Kurz, D. u. a. (Hrsg.): Kindheit, Jugend und Sport in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf: Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Referat für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, S. 29–74

Brüning G./Kuwan, H./Graf-Cuiper, A. (2002): Benachteiligte und Bildungsferne. Empfehlungen für die Weiterbildung. Bielefeld: Bertelsmann

Coleman, J. S. (1988): Social capital in the creation of human capital. In: American Journal of Sociology. Nr. 94, Chicago: University of Chicago Press, S. 95–120

Loerwald, D. (2007): Ökonomische Bildung für bildungsferne Milieus. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, S. 32–33 Download

Schmid, A. M. (2008): Jeden Tag, an vielen Orten, zu jeder Zeit! In: Jugendnachrichten des Bayerischen Jugendrings, Nr. 1/2008 „Integration heute“, München: Bayerischer Jugendring, S. 5–6

Voigts, G. (2008): Jugendverbände sind keine Reparaturwerkstätten In: Jugendnachrichten des Bayerischen Jugendrings, Nr. 2/2008 „Jugend am Rande“, München: Bayerischer Jugendring, S. 11–12

Weber, K. (2008): Jugendarmut ist Realität. In: Jugendnachrichten des Bayerischen Jugendrings, Nr. 2/2008 „Jugend am Rande“, München: Bayerischer Jugendring, S. 7–8

Wenzel, K. (2008): Aus armen Verhältnissen in arme Verhältnisse In: Jugendnachrichten des Bayerischen Jugendrings, Nr. 2/2008 „Jugend am Rande“, München: Bayerischer Jugendring, S. 9–10

Zitzelsberger, H. (2008): Soziale Integration mit dem Suppenschöpfer? In: Jugendnachrichten des Bayerischen Jugendrings, Nr. 2/2008 „Jugend am Rande“, München: Bayerischer Jugendring, S. 19


Bastian Dietz (Jg. 1979) absolvierte eine Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsförderung bei der Bundesagentur für Arbeit und studierte anschließend Diplom-Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er engagierte sich viele Jahre ehrenamtlich in der Jugendarbeit und war zuletzt geschäftsführender Vorsitzender des Kreisjugendrings Deggendorf. Seit September 2007 ist Bastian Dietz als Referent für Interne Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit für den Bayerischen Jugendring K.d.ö.R. tätig.


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letzte Änderung: 01.06.2010 14:48

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