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Thema 2008/08
Fürs Leben lernen: Nachhaltige Kompetenzen durch informelle Bildung

DJI-Projekt - Thema 2008/08<br>Fürs Leben lernen: Nachhaltige Kompetenzen durch informelle Bildung

Blick von außen I

von Prof. Dr. Heinz Reinders, Universität Würzburg

„Die Kompetenten sind das Problem – die schwierige Messung sozialer Kompetenzgewinne durch gemeinnützige Tätigkeit“

Philipp und Vanessa kennen zwar die DJI-Studie zum freiwilligen Engagement nicht. Sie sind aber dennoch in ihrer Freizeit sozial engagiert. Vanessa trainiert die F-Jugend ihres Fußballvereins und Philipp engagiert sich in seiner Kirchengemeinde. Jeden Sonntag gestaltet er mit einer Freundin den Kindergottesdienst, während Vanessa auf dem Fußballplatz ihren Kickern die Daumen drückt. Vanessa und Philipp befinden sich mit ihrem ehrenamtlichen Engagement in bester Gesellschaft. Rund 37 Prozent der 14- bis 19-Jährigen haben laut Freiwilligensurvey im Jahr 2004 in irgendeiner Form unentgeltliche Arbeit zum Wohle Anderer geleistet. Dabei stehen nicht nur Unterstützung für Migranten oder Engagement für die Interessen Jugendlicher im Mittelpunkt. Auch Hilfen für Ältere, Menschen mit Behinderungen oder Aktivitäten im Umweltschutz gehören zum breit gefächerten Repertoire dieser jungen Generation (Reinders, 2005; Deutsche Shell, 2006). Kirchen-, Partei- und Gewerkschaftsarbeit runden das Bild einer mitnichten desinteressierten Jugend ab.

Der Nutzen dieses Engagements ist unmittelbar einsichtig. Dort, wo wohlfahrtstaatliche Leistungen nicht (mehr) greifen, wo das Netz sozialer Unterstützung zu grobmaschig ist oder schlicht der gesellschaftliche Bedarf nicht (an-) erkannt wird, springen die jungen Engagierten in die Bresche. Weil es ihnen Spaß macht, weil sie dort mit Gleichaltrigen zusammen etwas bewirken können und weil sie sich nicht dauerhaft für eine Tätigkeit verpflichten müssen (Deutsche Shell, 2000). Trotzdem bleiben viele von ihnen drei Jahre oder länger bei der Sache (Reinders, 2005) und stellen ihre Freizeit und Tatkraft in den Dienst des Allgemeinwohls.

Gleichwohl muss auch bedacht werden, dass die wenigsten Jugendlichen aus eigenem Antrieb zu gesellschaftlichem Engagement kommen. Die große Mehrheit wird zum Mitwirken eingeladen, zuweilen von bereits Aktiven in gemeinnützigen Organisationen. Größtenteils aber findet der Nachwuchs durch Eltern oder Freunde zum Engagement (Gaskin et al., 1996; Hofer, 1999).

Selektionsprozesse über soziale Netzwerke

Und hier entsteht ein erster Selektionsprozess. Wer als Kind und Jugendlicher in einem sozialen Umfeld sozial Engagierter aufwächst, hat eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, selbst aktiv zu werden. Und dieses soziale Umfeld ist in aller Regel ein sehr bildungsnaher Lebenskontext. Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sind unter den freiwillig Tätigen besonders häufig zu finden (Freiwilligensurvey, 2004), Hauptschüler werden am ehesten durch gezielte Mentorenprogramme für ein Ehrenamt erreicht (Landesstiftung, 2007).

Egal ob sogenanntes „altes“ oder „neues“ Engagement, obere Bildungsschichten verfügen über die notwendigen ökonomischen und zeitlichen Ressourcen, über die Motivation und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten und nicht zuletzt über soziale Netzwerke, die sie dem sozialen Engagement näher bringen (Janoski u.a., 1998).

Selektionsprozesse durch prosoziale Einstellungen

Der zweite Selektionsprozess betrifft soziale Einstellungen und soziale Kompetenzen engagierter Jugendlicher. Vor allem Jugendliche mit hoher prosozialer Einstellung, durchaus nicht unabhängig von sozialen Einstellungen der Eltern und Freunde, sind besonders geneigt, ihre Zeit der guten Sache zu widmen (Penner u.a., 1995; Kerestes u.a., 2004). Hinzu kommt die Einschätzung der eigenen sozialen Kompetenzen. Jugendliche, die sich als sozial kompetent wahrnehmen, tendieren stärker dazu, diese Kompetenz in die Unterstützung Anderer einzubringen.

Pointiert ausgedrückt funktioniert dieser Selektionsprozess relativ simpel: wer Gutes tun will und glaubt es zu können, wird Gutes tun.

Beide Selektionsprozesse sind im Grunde nicht weiter problematisch. Es lassen sich nun einmal nicht alle Jugendlichen für soziales Engagement gewinnen. Es besteht unter Umständen sogar die Gefahr, dass eine „soziale Vollbeschäftigung“ aller Jugendlichen zu einem Überangebot führen würde und gesellschaftliche Tätigkeiten ihren Sinn verlieren. Hiervon ist Deutschland allerdings noch weit entfernt (Gaskin u.a., 1996; Tourney-Purta u.a., 2001).

Fehlender Nachweis der Wirksamkeit sozialen Engagements

Problematischer werden diese Selektionsprozesse, wenn es darum geht, den Nutzen sozialen Engagements für Jugendliche zu ermitteln. Es wird im internationalen Kontext angenommen und mal mehr, mal weniger gut belegt, dass soziales Engagement der Förderung sozialer Kompetenzen zuträglich ist (zusammenfassend Reinders & Youniss, 2006). Es erscheint auch durchaus plausibel, dass engagierte Heranwachsende bei ihren Tätigkeiten Erfahrungen mit Bedürftigen sammeln, die ihre Sensibilität für soziale Ungerechtigkeiten schärfen werden (Youniss & Yates, 1997) und ihre soziale Kompetenz erhöhen.

Empirisch nachweisen lässt sich dies jedoch nur durch Längsschnittstudien, in denen geschaut wird, wie hoch die soziale Kompetenz vor dem Engagement war, und wie sie sich durch das Engagement verändert hat. Im US-amerikanischen Bereich gibt es erste Studien, die diesen Nachweis über die Zeit erbringen (Metz & Youniss, 2003). Da aber in den Vereinigten Staaten eine ganz andere Kultur des freiwilligen Engagements herrscht sind diese Ergebnisse nur begrenzt auf Deutschland übertragbar. So verpflichten eine Vielzahl an High Schools ihre Schülerinnen und Schüler zu einem freiwilligen Dienst, was in Deutschland als Obligation undenkbar wäre. Für Jugendliche in Deutschland steht der Nachweis, ob und wenn ja, unter welchen Bedingen ein Zuwachs sozialer Kompetenzen stattfindet, noch aus. Eine detaillierte Übersicht über mögliche Verfahren und Instrumente zur Kompetenzmessung in Bereichen nonformaler Bildung am Beispiel soziale Kompetenz und Selbstregulation findet sich in einer im Auftrag des DJI erstellten Expertise (Reinders, 2007).

Soziale Henne und soziales Ei

Denn: was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Der sozial kompetente Schüler, der sich sozial engagiert? Oder der ehrenamtlich Aktive, der hierdurch soziale Kompetenzen erwirbt?

Vieles spricht dafür, dass beide Mechanismen stattfinden. So profitieren auch sozial Engagierte zusätzlich von einem Ehrenamt, bei dem sie in direktem Kontakt mit bedürftigen Menschen sind und Erleben, etwas verändern zu können (Reinders & Youniss 2005). Selbst Jugendliche, die ihren Freiwilligendienst nicht ganz so freiwillig beginnen, lernen im sozialen Verhaltensbereich hinzu (Metz & Youniss 2003).

Allerdings ist diese Antwort des „Sowohl-als-auch“ gerade für die Förderung sozialen Engagements und die Organisatoren von Freiwilligenprogrammen eher unbefriedigend, weil die spezifischen Bedingungen, unter denen gemeinnützige Tätigkeiten die soziale Kompetenz fördern, unbestimmt bleiben. Wer aber soziales Engagement nicht nur als Möglichkeit der Verbesserung gesellschaftlicher und individueller Lebensqualität ansieht, sondern darüber hinaus die soziale Entwicklung Jugendlicher unterstützen will, benötigt Antworten auf die Fragen nach den besonderen Bedingungen förderlichen Engagements.

Keine Beweise, aber gute Indizien

Die vom DJI und der TU Dortmund vorgelegte, retrospektiv angelegte Studie bietet wichtige Einsichten in Tätigkeitsfelder und den Kompetenzerwerb durch soziales Engagement. Sie zeigt durch den direkten Vergleich von Erwachsenen, die in der Jugend aktiv waren mit solchen, die nicht aktiv waren, dass zwischen beiden Gruppen zum Teil deutliche Unterschiede bestehen. Auch kann die Studie durch die Ausdifferenzierung von Erfahrungsfeldern beim Engagement Hinweise darauf bieten, wann es sich biografisch um förderliches, wann um weniger förderliches Engagement handelt. Dass Menschen, die als Jugendliche sozial tätig waren, häufiger in entsprechenden Berufsfeldern münden, spricht durchaus für den nachhaltigen Einfluss früheren Ehrenamts und deckt sich mit Befunden aus den Vereinigten Staaten (zusammenfassend Yates & Youniss 1996).

Da es sich jedoch um eine Befragung handelt, bei der Erwachsene sich an ihre Jugend zurückerinnern sollen, und keine direkte Messung von Veränderungen über die Zeit vorgenommen werden kann, bietet auch diese Studie keinen Einblick in die beiden skizzierten Selektionsprozesse, bzw. sie verdeutlicht auch für Deutschland, dass Henne und Ei irgendwie beide eine Rolle spielen.

Dies war auch nicht das Ziel der Studie und muss es auch nicht zwangsläufig sein. Die Ergebnisse sind ein wertvoller Beitrag zur wissenschaftlichen Fundierung von Freiwilligen-Programmen und geben überhaupt erst differenziert Aufschluss über Erfahrungen, die beim Engagement in der Rückschau gemacht wurden. Auch die biografische Perspektive, die die Studie auf breiter Basis einschlägt, sucht in Deutschland ihresgleichen.

Das „Problem“ – aus rein wissenschaftlicher Sicht – bleiben die sozial Kompetenten. Solange empirisch nicht geklärt ist, wie sich soziale Kompetenzen durch ehrenamtliche Tätigkeiten verändern, bleibt die positive Wirkung von Engagement Spekulation. Wie aber die Studie des DJI im Kontext anderer Studien zeigt, eine äußerst gut begründete und hoch plausible Spekulation.

Vanessa und Philipp wird dies reichlich egal sein. Sie haben Spaß an ihrem Engagement, verwenden darauf ein Menge Zeit und werden auch als Erwachsene mit hoher Wahrscheinlichkeit sozial engagiert sein. So sagt es die DJI-Studie.


 

Literatur

Deutsche Shell (Hrsg.) (2000): Jugend 2000. Opladen: Leske + Budrich

Deutsche Shell (Hrsg.) (2006): Jugend 2006. Opladen: Leske + Budrich

Gaskin, K./Smith, J. D. & Paulwitz, I. (1996): Ein neues bürgerschaftliches Europa. Eine Untersuchung zu Verbreitung und Rolle von Volunteering in zehn Ländern. Freiburg i. Br.

Hofer, M. (1999): Community service and social cognitive development in German adolescents. Roots of civic identity. In M. Yates and J. Youniss (Eds.). International perspectives on community service and activism in youth. Cambridge, 114-134

Janoski, T. et al. (1998). Being volunteered? The impact of social participation and pro-social attitudes on volunteering. Sociological Forum 13(3), S. 495-519

Kerestes, M. et al. (2004): Longitudinal patterns of religious perspective and civic integration. Applied Developmental Science 8, S. 39-46

Metz, E. & Youniss, J. (2003): A demonstration that school-based required service does not deter but heightens volunteerism. PS: Political Science and Politics, 36, S. 281–286

Penner, L. A. et al. (1995): Measuring the prosocial personality. Advances in personality assessment. J. Butcher and C. D. Spielberger. Hillsdale, NJ, S. 110-132

Reinders, H. (2005): Jugend. Werte. Zukunft. Wertvorstellungen, Zukunftsperspektiven und soziales Engagement im Jugendalter. Stuttgart. Landesstiftung Baden-Württemberg

Reinders, H. (2007): Messung sozialer und selbstregulatorischer Kompetenz in Kindheit und Jugend. Expertise im Auftrag des DJI, München Download

Reinders, H. & Youniss, J. (2005): Community service and civic development in adolescence. Theoretical considerations and empirical evidence. In: A. Sliwka, M. Diedrich and M. Hofer (Eds.) Citizenship education. Theory, research, practice. Münster, S. 112-127

Reinders, H. & Youniss, J. (2005): Gemeinnützige Tätigkeit und politische Partizipationsbereitschaft bei amerikanischen und deutschen Jugendlichen. Psychologie in Erziehung und Unterricht 52(1), S. 1-19

Reinders, H. & Youniss, J. (2006): School-Based Required Community Service and Civic Development in Adolescents. Applied Developmental Science 10(1), S. 2-12

Torney-Purta/J. et al. (2001): Citizenship and education in twenty-eight Countries: Civic knowledge and engagement at age fourteen. Amsterdam: The International Association for the Evaluation of Educational Achievement

Yates, M. & Youniss, J. (1996): A developmental perspective on community service. Social Development 5, S 85-111


Prof. Dr. Heinz Reinders hat an der Freien Universität Berlin Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie studiert und dort im Jahr 2001 über politische Sozialisationsprozesse Jugendlicher promoviert. Nach dem Wechsel an die Universität Mannheim und einem sechsmonatigen Forschungsaufenthalt am Life Cycle Institute bei Prof. James Youniss rückten das soziale Engagement und seine Folgen enger in den Fokus seiner Forschungsarbeiten. In diversen Publikationen hat sich Prof. Reinders theoretisch und empirisch mit den Voraussetzungen, der Gestalt und den Auswirkungen sozialen Engagements Jugendlicher befasst. Seit 2007 lehrt er an der Universität Würzburg im Bereich empirischer Bildungsforschung und führt derzeit eine Studie zu Auswirkungen von Service Learning auf die Persönlichkeitsentwicklung Studierender durch.


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DJI Online / Stand: 1. August 2008

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letzte Änderung: 09.08.2010 16:12

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