Forschung über Kinder, Jugendliche und Familien
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Thema 2007/11: Kinderarmut: einmal arm – immer arm?

DJI-Projekt - Thema 2007/11: Kinderarmut: einmal arm – immer arm?

Auf einen Blick

Armut ist ein vieldeutiger Begriff. Man kann sie aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Armut ist immer relational. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren hat sich in den Wissenschaften eine Betrachtungsweise etabliert, die mit Armut eine spezifische und mehrdimensional zu erfassende Lebenslage meint. Diese ist immer im Kontext der unmittelbaren Umweltbedingungen zu betrachten.

Armut kann sich auch auf die konkrete Unterausstattung mit spezifischen Ressourcen beziehen. Als Beispiele dafür ist auf Begriffe wie Bildungsarmut, aber auch Beziehungsarmut zu verweisen. Damit kann Armut ganz allgemein als eine spezifische Lebenslage, als eine komplexe Mischform von ökonomischer, kultureller und sozialer Armut aufgefasst werden.

Dennoch wird man daran festhalten müssen, dass im Kern einer differenzierten Betrachtung von Armut immer zunächst der Mangel an ökonomischen Ressourcen steht. Ohne diesen zentralen Bezug auf den ökonomischen Mangel wird der Begriff der Armut schnell konturlos und es besteht die Gefahr, dass als Ursache angesehen wird, was sich in der individuellen Biografie als Folge einstellt.

Dies gilt umso mehr, wenn man versucht, die Auswirkungen eines Aufwachsens in Armut auf die Entwicklung von Kindern zu erfassen. Kinder entwickeln erst ihr zukünftiges kulturelles und soziales Kapital und sind dabei in ökonomischer Hinsicht Teil des elterlichen Haushaltes, also von der ökonomischen Lage der Eltern abhängig. Als Heranwachsende geraten sie dann leicht in die Gefahr der sozialen Ausschließung durch Armut.

Zahlen und Fakten zur Kinderarmut in Deutschland

Die Zahl und der Anteil von Kindern, die in einem elterlichen Haushalt mit (Einkommens)armut aufwachsen, hat über die letzten zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre erheblich zugenommen.

Derzeit hat die Kinderarmut in der Bundesrepublik einen historisch neuen Höchststand erreicht. Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) ist durch die Einführung von Hartz IV Anfang 2005 die Zahl der von Armut betroffenen Kinder auf eine neue Höchstmarke von 1,7 Millionen gestiegen. Das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) geht für 2006 von einer Steigerung um weitere 10% der von Sozialleistungen abhängigen Kinder aus. Aktuell leben nach Schätzungen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ca. 2,5 Millionen Kinder in Deutschland in Armut und leben auf oder nur knapp über Sozialhilfeniveau. Das betrifft jedes sechste Kind in Deutschland.

Detaillierte Zahlen liegen bislang nur für das Jahr 2005 vor. In 3.562.741 Bedarfsgemeinschaften lebten deutschlandweit 6.451.496 Leistungsempfänger von Sozialgeld. 1.630.180 unter ihnen waren Kinder unter 15 Jahren. Somit erhielten 13,4% der unter 15jährigen Sozialgeld.

In Westdeutschland war dies jedes neunte (11,3%) und in Ostdeutschland jedes vierte Kind (24,4%). Hinzu kam eine geschätzte Dunkelziffer von 225.000 Kindern, die ein Anrecht auf Sozialgeld hätten, das jedoch nicht beansprucht wurde.

14,6% der 7,6 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern mussten mit einem monatlichen Familiennettoeinkommen von unter 1300€ auskommen. 45,4% der Familien verfügte über ein monatliches Familiennettoeinkommen von 1.300€ bis 2.600€ und 31,4% hatten monatlich 2.600€ bis 4.500€. Nur 8,6% der Familien verfügten über ein Familiennettoeinkommen von über 4.500€.

52% aller alleinerziehenden Mütter mussten monatlich mit einem Nettoeinkommen von unter 1300€ wirtschaften. Bezüglich des Einkommens war 2005 ein deutliches Ost-West-Gefälle festzustellen. Während in den alten Bundesländern 12,4% der Familien ein monatliches Familiennettoeinkommen von unter 1300€ besaßen, waren es in den neuen Bundesländern einschließlich Berlin 23,5% der Familien.

Armutsforschung

Die Armutsforschung in Deutschland hat ihr Augenmerk bislang auf die Verbreitung der Armut gerichtet und blieb im Wesentlichen beschränkt auf Aussagen über die Betroffenheit spezieller Alters- oder Haushaltsgruppen. Auswirkungen von Armut auf die Lebensbedingungen finden sich dagegen überwiegend in qualitativen Fallstudien oder nicht repräsentativen Befragungen.

Um aber zuverlässige Aussagen darüber treffen zu können, welche Auswirkungen spezifische Armutslagen auf die kindliche Entwicklung haben, braucht es eine Analyse möglichst breiter Datensätze über einen längeren Zeitraum hinweg – wie es in den anglo-amerikanischen Ländern seit Längerem bereits Usus ist. 

Eine Längsschnittstudie, die seit 2002 vom Deutschen Jugendinstitut durchgeführt wird, hilft genau diese bisherige Forschungslücke zu füllen. Ausgehend von insgesamt ca. 2400 Familien wurden beim DJI Kinderpanel über einen Zeitraum von fünf Jahren die Lebensbedingungen und die Entwicklung der Kinder im Alter zwischen fünf und dreizehn Jahren verfolgt und zwar durch die getrennte Befragung von Müttern, Vätern und Kindern.

Auf der Grundlage dieses umfangreichen Datenmaterials konnte das DJI die Zusammenhänge von Kinderarmut und bestimmten Aspekten der kindlichen Entwicklung genauer untersuchen – basierend auf der Grundannahme, dass die Resultate zur Antwort auf die Frage beitragen, wie der Einstieg in eine drohende gesellschaftliche Exklusion – aufgefasst als systematische Kumulation von Entwicklungsdefiziten der Kinder - abläuft und dann auch wirksam verhindert werden kann.

Im Folgenden geben wir eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse zu bestimmten Bereichen, die einzelne Bausteine dieser Exklusionsthese darstellen:

1. Soziale Teilhabe

2. Persönlichkeit

3. Kognitive Leistungen

4. Kindliches Wohlbefinden

1. Gefährdung der sozialen Teilhabe armer Kinder in Deutschland

Die Frage der sozialen Teilhabe armer Kinder stellt sich heute in verschärftem Maße aus zwei Gründen: Zum einen nimmt die Zahl der Kinder, die in armen Haushalten aufwachsen, weiter deutlich zu, obwohl es insgesamt weniger Kinder gibt. Zum anderen ist die Teilhabe der Kinder am sozialen Geschehen, die Inklusion der Kinder in die Gesellschaft heute zumindest in normativer Hinsicht zum gesellschaftliche Standard in den westlichen Demokratien geworden. Diese Inklusion beruht im Wesentlichen auf den folgenden Prozessen,

  • Kinder werden gegenüber Erwachsenen in zunehmenden Maße autonom: Kinderrechte gewinnen an Bedeutung; Kinder sollen an Entscheidungen, die sie betreffen, partizipieren können; Erwachsene haben weniger Rechte, dafür mehr Pflichten gegenüber Kindern; in den Familien setzen sich Interaktionsformen durch, in denen zumindest die traditionelle Eltern-Kind Hierarchie zurück tritt, und schließlich gewinnen Kinder eine eigenständige Position im Gefüge der sozialpolitischen und wohlfahrtsstaatlichen Netze.
  • Parallel zu diesem Autonomiegewinn im Bereich von Familie, Öffentlichkeit und Politik greift die Institutionalisierung der Kindheit weiter um sich. Kinder werden länger beschult oder betreut, entweder in Ganztagsschulen oder in Betreuungseinrichtungen nach der eigentlichen Schule (z.B. Horte), aber auch in Vereinen, mit kommerziellem Unterricht etc. Die Ersetzung der traditionellen kindlichen Freiräume in Kinder- und Jugendcliquen auf Plätzen, Straßen und anderen freigewählten Treffpunkten durch betreute Räume rückt immer weiter in das Kleinkindalter vor. Kindergärten und Krippen werden zu Lebensräumen eines ständig wachsenden Anteils der Kinder unter sechs/sieben Jahren.
  • Kehrseite dieser Entwicklung ist eine zunehmende Alterssegmentierung der kindlichen Lebenswelt. Diese ist geprägt vom Gegensatz zwischen den erwachsenen Betreuern einerseits und relativ altershomogenen Kindergruppen andererseits sowie dem Ausschluss der jeweils anderen Kinder-Altersgruppen. Die Altershomogenität der Kinderkontakte in den Institutionen setzt sich dann häufig in die freie Zeit hinein fort. Dieser Prozess wird verstärkt durch die sinkende Kinderzahl und das Schrumpfen der Familie. Durch diese Alterssegmentierung werden Kinder frühzeitig inkludiert, indem sie in das gesellschaftlich dominante Inklusionsmuster zeitlich strukturierter Lebensläufe eingefügt werden.
  • Schließlich öffnet sich Kindheit für den Markt. Kindheit wird kommerzialisiert. Kinder werden sowohl in immer früherem Alter als auch in immer größerem Umfang aktive Marktteilnehmer. Sie verfügen zum Teil über erhebliche Kaufkraft; sie beeinflussen einen nicht unerheblichen Anteil des Ausgabeverhaltens der Haushalte; sie generieren einen wachsenden kindspezifischen Ausgabenbereich, der das Segment des traditionellen Spielzeugs längst überschritten hat. Sie sind darüber hinaus in die Welt der elektronischen Kommunikation und der Medien einbezogen, und in diesen Bereichen lassen sich thematische Grenzen, die Kinder von spezifischen Themen der Erwachsenen fern halten könnten, kaum noch ziehen.

Früher Ausschluss mit gravierenden Folgen

Unter diesen Bedingungen einer „Inklusions-Kindheit“ bekommt Armut von Kindern dann eine neue, biografisch besonders gravierende Bedeutung. Denn frühzeitiger Ausschluss führt zu einem Zurückbleiben, das später kaum noch aufholbar ist. Diese intuitive Einsicht steckt wohl auch in dem US-amerikanischen Programm “No child left behind”.

Die Realisierung der Teilhabe erfordert aber den Zugang und die Verfügung über die notwendigen materiellen Ressourcen, ohne die sich in hoch monetarisierten Gesellschaften eine Teilhabe nicht realisieren lässt. Die Autonomie ist ohne spezifische persönliche Humanressourcen, wie etwa ein ausgereiftes Selbstbewusstsein, nicht realisierbar. Das erfolgreiche Durchlaufen der Institutionen erfordert einerseits als Humanressource ein flexibles Anpassungsvermögen, andererseits monetäre Ressourcen, um die Institutionen unter dem Gesichtspunkt der Qualität aussuchen zu können.

Der Einsatz von Mitteln und Anstrengungen zum verspäteten Zeitpunkt, kann eine fehlgelaufene Entwicklung nur schwer korrigieren. Und schließlich ist die Basis all dieser Inklusionsformen die Einübung in die Marktteilnahme, die gesellschaftliche Inklusionsform schlechthin, die ohne die marktspezifische Ressource überhaupt, also ohne Geld, schlicht nicht möglich ist.

Empirische Voraussetzungen

Auf der Basis der Daten des DJI-Kinderpanels (2190 Mütter, 1336 Väter und 1042 Kinder in der ersten Welle) haben wir die Möglichkeiten der Teilhabe der Kinder am sozialen Leben in Abhängigkeit vom Einkommen, der Bildung oder auch der Armutslage untersucht.

Bei unseren Auswertungen unterscheiden wir innerhalb der armen Haushalte nochmals danach, ob diese in "strenger Armut" leben (Einkommen < 40% des Mittleren Familieneinkommens in der Bevölkerung, d.h. des Medians der äquivalenzbereinigten Einkommensverteilung (MÄEV), wobei Erwachsene und Kinder unterschiedlich stark in die Berechnung der Familiengröße und des Familieneinkommens eingehen. Davon haben wir diejenigen unterschieden, die in "Armut" (zwischen 40% und 50% des MÄEV) oder in "Armutsnähe" leben (zwischen 50% und 60% des MÄEV). Wir haben dann Kinder, die in einer dieser Haushaltsgruppen aufwachsen, verglichen mit Kindern, die nicht von Armut betroffen oder bedroht sind. Durch den Vergleich dieser Gruppen können wir dann Rückschlüsse auf die Auswirkung von Armut ziehen.

Wir haben für eine Reihe von Dimensionen der kindlichen Lebenswelt untersucht, wie diese entweder mit der Armut oder mit der sozialen Schicht variieren. In einigen Fällen erkennt man eine fast lineare Abhängigkeit von der Schicht, in anderen einen oft diskontinuierlichen Bruch in Abhängigkeit von der Armut. Die Zahlen beziehen sich auf Daten der ersten Welle des DJI-Kinderpanels.

Wie äußert sich für Kinder die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben? Hier sind drei Bereiche von Bedeutung: die Familie, die Freunde und die Vereine.

Aktivitäten in und mit der Familie

Im Grundschulalter steht natürlich die Familie im Vordergrund. In einigen Arbeiten zur Armut von Kindern wurde in letzter Zeit betont, dass sich Auswirkungen der Armut auf die Kinder im kulturellen und  sozialen Bereich z.T. dadurch auffangen lassen, dass die Eltern häufig gemeinsame, anregende Aktivitäten mit den Kindern unternehmen. Wir haben aus den Angaben der Kinder dazu, mit wem sie häufig Sport treiben, ins Kino, Museum oder Theater gehen, Musik machen, Ausflüge unternehmen, Fernsehen oder Spielkonsole spielen, einen Indikator gebildet, der uns anzeigt, ob sie gemeinsame Aktivitäten mit den Eltern eher häufiger oder weniger betreiben.

Der Anteil der Kinder, die häufige gemeinsame Aktivitäten mit den Eltern berichten, wächst mit steigender Schicht deutlich: Über die fünf Schichten, die wir unterscheiden – Unterschicht, untere, mittlere und obere Mittelschicht und Oberschicht – finden wir die folgenden Anteile: 5,4%, 8,8%, 15,5% 20,2% und 22,7%. Danach finden die Aktivitäten, die häufig als Puffer gegen die Armutsfolgen bei Kindern genannt werden, gerade bei diesen Kindern am seltensten statt.

Klima in der Familie

Ein anderer Punkt, der für die Befindlichkeit der Kinder allgemein als bedeutsam und als die Armutsfolgen moderierend angesehen wird, ist das Familienklima. Als Indikator für das Familienklima haben wir u.a. nach der Häufigkeit von Streit mit den Eltern gefragt.

Auffällig ist zunächst, dass die Gruppe derjenigen, die überhaupt einen Streit erinnern, bei denjenigen mit Armutsrisiko am höchsten ist, mit wachsender Armut nimmt diese Gruppe dann ab. In der ärmsten Gruppe ist sie sogar kleiner als bei den nicht-armen Kindern. Wir sehen darin eine Bestätigung der These, dass insbesondere sehr arme Kinder häufig schon in der Ausbildung ihrer Wünsche beschränkt werden. Denn den Streit um Sachen kann es nur da geben, wo überhaupt noch Wünsche ausgebildet werden. Dort, wo dies jedoch der Fall ist, kommt es mit wachsender Armut häufiger zu Konflikten. Das gilt bei Konflikten um spezielle Kleidung ebenso wie bei bestimmten Markenartikeln. Die Konflikthäufigkeit ist bei den ärmsten Kindern etwa doppelt so hoch wie bei den nicht-armen Kindern.

Insgesamt geben achtjährige Kinder relativ selten an, dass sie zu Hause streiten. Umso auffälliger ist der Befund, dass Kinder aus der untersten Sozialschicht zu fast 24% berichten, dass sie in letzter Zeit Streit mit der Mutter wegen des Einkaufs spezieller Markenkleidung hatten. Demgegenüber berichten nur ca. 9%, 7,5%, 10,7% und 6,6% der Kinder in den anderen Schichten über solche Streitursachen.

Unterscheidet man die Kindergruppen nach der Armutslage, so sieht man etwa beim Streit über die Anschaffung von Computerequipment und Computerspielen, dass solche Anschaffungen vor allem bei strenger Armut zum Streitanlass werden. Rund 21% der Kinder in strenger Armut berichten über computerbezogenen Streit mit der Mutter gegenüber 6,7% bei denen in Armut, 11,3% bei den armutsnahen und 12,4% bei den nicht-armen Kindern. Offenbar wirken sich hier die erheblichen Kosten mit wachsender Armut zunehmend restringierend aus, andererseits ist jedoch die Anschlussfähigkeit an moderne Technologie für alle Kinder hinsichtlich Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe von besonderer Bedeutung. 

Auffällig ist dann wieder, dass Haustiere, Essen und Trinken bei den Kindern in Armutsgefährdung besonders häufig eine Streitursache sind. Diese Dinge wie auch schon die Sportsachen sind offenbar besonders wichtig, um den Anschluss an die Kinderkultur der Gleichaltrigen zu halten. Dies entspricht der Bedeutung, die diesen Dingen generell in der Kinderöffentlichkeit zukommt. Kinder, die zumindest noch am Rande an der Mainstream-Kultur teilnehmen, sind bestrebt, nach außen zu demonstrieren, dass sie dazu gehören, indem sie mitmachen. Für die Kinder aus der ärmsten Gruppe scheint dagegen schon der Signalwert der Kleidung in Gefahr zu sein, also allein schon die expressive Zugehörigkeit zur Kinderkultur.

Konfliktverhalten

Aber nicht nur die Häufigkeit von Streit ist ein Indikator für das Familienklima, sondern auch die Art, wie der Streit beigelegt wird. Als besonders negatives Anzeichen für Stress und Ärger mit zwischen Eltern und Kindern betrachten wir es, wenn als Strategie zum Durchsetzen bei streitigen Konsumwünschen das Kind darauf setzt, die Mutter endlos zu nerven, bis es Erfolg hat. Auf die Antwortvorgabe: “Ich nerve meine Mutter so lange, bis ich Erfolg habe” antworten immerhin 38% der Kinder in strenger Armut mit ja; bei den anderen Gruppen liegt dieser Anteil nur zwischen 21% und 24%.

Insgesamt vermitteln die Zahlen den Eindruck, dass Kinder aus Haushalten in strenger Armut, die überhaupt wegen Sachen, die sie wünschen, Konflikte mit der Mutter haben, häufiger auf einen konfrontativen Kurs gehen, um mit allen denkbaren Mitteln doch noch zum Ziel zu kommen. Die Entscheidung der Mutter wird seltener akzeptiert und der Konflikt ist eine echte Streitsituation zwischen Kind und Mutter. Es ist zu befürchten, dass solche verhärteten Auseinandersetzungen bei geringen wirtschaftlichen Spielräumen der Mütter, den Familienalltag zusätzlich belasten und das Familienklima verschlechtern.

Insbesondere ist bei strenger Armut auch das Familienklima überwiegend nicht dazu angetan, Armutsauswirkungen auf die Kinder aufzufangen. Arme Kinder bedürfen daher zu ihrer Unterstützung im Bereich der Familien – neben den notwendigen finanziellen Transfers – Unterstützung zur Verstärkung gemeinsamer Aktivitäten der Familien zusammen mit den Kindern. Das kann durch Beratung ebenso wie z.B. durch verstärkte Kostenermäßigung bei Einritten, Fahrpreisen etc. geschehen. Zur Verbesserung des Familienklimas dürften auch sozialpädagogische Erziehungshilfen wichtig sein, die z.B. die Regulierung von Konsumkonflikten verbessern.

Freundschaften als Indikator für soziale Teilhabe

Ein anderer Bereich, der für die Teilhabe der Kinder am sozialen Leben mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt, sind die Peers (Gleichaltrigengruppen). Die Kinder wurden u.a. ausführlich danach befragt, mit wem sie sich außerhalb der Schule treffen, wie weit weg diese Kinder wohnen, wo sie diese kennen gelernt haben, ob sie diese meist allein oder mit anderen treffen und ob das jeweilige Kind ein guter Freund ist oder nicht.

Die Daten zeichnen das folgende Bild: Kinder aus armen Haushalten (< 50% MÄEV) geben etwas häufiger sehr viele Kinder als Peers an (ca. 22% geben mehr als acht Peers an) im Vergleich zu nicht armen Kindern (ca. 18%). Andererseits ist die – freilich niedrige – Anzahl derjenigen ohne jeden gleichaltrigen Spielfreund mit ca. 5% ebenfalls größer als bei nicht-armen Kindern (ca. 2,5%).

Vor allem fällt auf, dass 11% der Kinder in strenger Armut keine guten Freunde haben, was nur bei 7,2% der armutsnahen und bei 8,1% der nicht-armen Kinder der Fall ist. Bei nicht-armen Kindern haben wir eine etwas stärkere Konzentration auf ein bis zwei gute Freunde, sehr arme Kinder nennen dagegen, wenn sie gute Freunde habe, eher drei oder mehr.

Wir deuten diese Zahlen dahin, dass Kinder in strenger Armut grundsätzlich schwieriger Freunde oder Kontakt finden, soweit sie diesen haben, findet er tendenziell dann eher in größeren Cliquen statt. Intensivere und selektivere Freundschaften bilden dagegen zumindest im Grundschulalter etwas häufiger die nicht-armen Kinder.

Freizeit in Vereinen

Ein anderer Indikator für die Integration in die Gleichaltrigengruppe ist die Vereinszugehörigkeit – sei es ein Sportverein, ein kultureller Verein (z.B. für Musik) oder einer für soziale Veranstaltungen. Auch hier finden wir wieder, dass die Zahl der Vereinszugehörigkeit bei armen Kindern deutlich niedriger liegt als bei den nicht armen Kindern. Dies gilt vor allem für alle Kinder in Haushalten unter 50% des MÄEV.

Unterhalb dieser Schwelle wird offenbar für die Vereinszugehörigkeit der Kinder kaum noch Geld ausgegeben. Insbesondere entscheidet aber auch das Bildungsniveau im Haushalt darüber, ob für Vereine der Kinder noch Geld da ist oder nicht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Zugang der Kinder zur kommerzialisierten Infrastruktur, zum Beispiel Musikunterricht, Tennisspielen, Ballet, Reiten etc.. Das Angebot im weiteren Umfeld der Kinder ist für 53% der nicht-armen Kinder gut, aber nur für 25% derjenigen aus der ärmsten Gruppe.

Kinder aus solchen Familien wären also in besonderer Weise angewiesen auf Möglichkeiten, außerhalb der Familie im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Einrichtungen ihren Ausgleich zu finden. Aber auch in dieser Beziehung finden wir eine Vielzahl von Anhaltspunkten dafür, dass arme Kinder zusätzlich benachteiligt statt gefördert werden.

28% der sehr armen Kinder verneinen die Frage, ob es in ihrer Wohnumgebung viele Möglichkeiten zu anregendem Spiel etc. gibt, gegenüber nur 16% der nicht-armen Kinder. Auch die Atmosphäre in der Wohnumgebung, gemessen daran, ob das Kind die Anwohner mag, ist deutlich negativer: 23,3% der sehr armen Kinder mögen die Anwohner nicht, was nur ca.10% der nicht armen Kinder von sich sagen. Auch das Haus, in dem die Kinder leben, gefällt ca.14% der sehr armen Kinder nicht (dagegen äußern sich nur 4% der nicht-armen so).

Vor allem gilt die Benachteiligung auch in der Erreichbarkeit oder Zugänglichkeit von kommerzieller und nicht-kommerzieller Infrastruktur und kulturellen Angeboten. Während z.B. nur 16% der ärmsten Kinder angeben, oft Schwimmen zu gehen, tun dies ca. 31% der nicht-armen Kinder oft, und auf die Frage, wie oft sie Sport treiben, antworten ebenfalls nur 50% der ärmsten Kinder, aber 64% der nicht-armen, sie täten dies oft. Umgekehrt sagen 72% der ärmsten Kinder, dass sie nie in Einkaufszentren spielen. Bei den nicht-armen Kindern sind dies 86%. Diese haben offenbar andere und bessere Möglichkeiten zum Spielen. Nur 6,7% der ärmsten Kinder leihen oft Bücher aus der Stadtteilbibliothek aus; 20% der nicht-armen tun dies dagegen oft.

Eventuell verhilft höhere Bildung auch dazu, Vergünstigungen bei den Vereinen überhaupt in Anspruch nehmen zu können. Die Zahlen zeigen jedenfalls, dass u.a. die Förderung der Vereinsmitgliedschaft armer Kinder – sei es durch Freigrenzen bei den Beiträgen, durch städtische Zuschüsse für diese Kinder und durch verstärkte Beratung bei bildungsfernen Eltern – einen Beitrag zur Stärkung der Teilhabe armer Kinder leisten könnte.

Inwieweit auch in Zeiten der sinkenden Einnahmen der Gemeinden eine Politik der gezielten Förderung von Kindern und Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien aufrechterhalten oder verstärkt werden kann, dürfte zu einem Prüfstein für eine Politik werden, die Integration fördern und Exklusion vermeiden möchte.

2. Zusammenhang zwischen Armut und Persönlichkeit des Kindes

Fragt man danach, welchen Einfluss Armut auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder hat, ist es sinnvoll, zunächst von der ökonomischen Lage des Haushalts auszugehen. Erst dann sollte man danach fragen, welche Auswirkungen etwa Bildungsarmut des Haushalts oder fehlendes Sozialkapital unabhängig von der ökonomischen Armut auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes hat.

Es ist bekannt, dass sich die Lebensumstände von Kindern, die in armen Haushalten aufwachsen, in vielerlei Hinsicht von denjenigen anderer Kinder unterscheiden. Ihre materielle Grundausstattung ist in fast allen Beziehungen schlechter, sie haben früh eine beeinträchtigte Gesundheit, schon bei Schuleintritt sind ihre Bildungsvoraussetzungen schlechter und auch im Sozialverhalten zeigen sich schon Benachteiligungen gegenüber den anderen Kindern, die dann wieder zu Benachteiligungen in der weiteren sozialen Interaktion führen.

Auch wenn diese Benachteiligungen in vielen Bereichen durchaus bekannt sind, sind die Entstehungsprozesse im Einzelnen nicht aufgeklärt. Wie sich Kinder unter dem Einfluss von Armut entwickeln, gilt auch in der deutschen Forschung als weitgehend ungeklärt. Bisher standen bei diesen Untersuchungen stets die Lebensumstände der Kinder im Vordergrund, nicht aber die Frage, wie sich die Kinder selbst entwickeln oder schon entwickelt haben.

Mit den Daten des DJI-Kinderpanels lassen sich für den deutschen Sprachraum erstmalig systematisch die Analyse von Lebensbedingungen während der Grundschulzeit mit den „outcomes“ auf Seiten der Kinder kurz vor oder nach dem Übertritt in die Sekundarstufe I des Schulsystems verbinden. Wegen der Größe des Panels und der systematischen Erhebung zu Einkommen und Haushaltsstruktur und -größe und der fortlaufenden Erhebung von Persönlichkeitsmerkmalen der Kinder ist es möglich, danach zu fragen, ob sich die aktuell herrschende ökonomische Situation oder eher eine längerfristig anhaltende Armutslage des Haushalts auf Persönlichkeitsmerkmale der Kinder am Ende der Untersuchungszeit auswirkt oder ob die Persönlichkeit stärker von außerökonomischen Faktoren abhängt.

Erfassung von fünf Persönlichkeitsdimensionen

Als Ausdruck der Persönlichkeit des Kindes greifen wir auf die von uns eingesetzten Persönlichkeitsskalen zurück. Wir haben die folgenden fünf Persönlichkeitsdimensionen erhoben:

  • die Internalisierung (die Neigung, sich in sich zurück zu ziehen);
  • die Externalisierung (die Tendenz, aus sich heraus zu gehen, z.T. auch aggressiv zu werden);
  • die motorische Unruhe;
  • das Selbstbild, insbesondere Selbstvertrauen und Vorstellung von Selbstwirksamkeit;
  • und die soziale/kognitive Aufgeschlossenheit.

In allen fünf Dimensionen wurden diese sowohl über die Angaben der Mütter zu ihren Kindern als auch durch die Angaben der Kinder selbst erhoben. Die Armutserfahrung im Sinne der ökonomischen Armut wurde wieder über die gängige Einkommensarmut erfasst. Damit lässt sich feststellen, wie oft sich die Kinder in den letzten vier Jahren vor der letzten Befragung in Armut befunden haben.

Vergleich dauerhaft armer und nicht-armer Kinder

Verglichen werden die Kinder aus dauerhaft armen Familienverhältnissen mit Kindern, die während der letzten vier Jahre keine Armut erlebt hatten. Als weitere bedeutsame Faktoren haben wir die Bildung der Mutter als Indikator für das Bildungsniveau in der Familie und die Familienstruktur – Kernfamilie versus Alleinerziehende oder Stieffamilie – als Indikator für die alltäglichen Umweltbedingungen herangezogen.

Deutliche und zum Teil hoch signifikante Unterschiede für die Persönlichkeit der Kinder finden wir für sich genommen in sämtlichen Dimensionen, ausgenommen der sozialkognitiven Aufgeschlossenheit, für alle Faktoren. Das gilt sowohl für die Müttereinschätzung als auch die Selbsteinschätzung der Kinder.

Armut und motorische Unruhe

Dauerhafte Armutserfahrung in der Grundschulzeit bewirkt am Ende der Grundschulzeit eine deutlich erhöhte motorische Unruhe der Kinder gegenüber den Kindern, die in dieser Zeit nicht unter Armutsbedingungen aufgewachsen sind. Vergleicht man die Kinder, die aktuell in Armut leben (unter der 50%-Einkommesmedian-Grenze) mit denen, die über dem Durchschnittseinkommen leben, so finden wir ein ganz ähnliches Resultat. Allein für die motorische Unruhe können wir zuverlässig behaupten, dass diese durch die aktuelle Armut bestärkt wird. Da aktuelle Armut (unter 50%-Grenze) und dauerhaftes Prekariat (mehrfach unter 75%-Einkomensmedian) hoch korrelieren, lässt sich noch nicht feststellen, welcher der beiden Faktoren den Ausschlag gibt. Theoretisch ist zu erwarten, dass das längerfristig stabile Merkmal „motorische Unruhe” eher durch die dauerhafte Armutserfahrung als von der situativen Armut geprägt wird.

Bildungsgrad der Mutter

Ziehen wir zum Vergleich den Bildungsgrad der Mutter heran, so zeigt sich, dass erneut die „motorische Unruhe“ zu signifikanten und zuverlässigen Unterschieden führt, wenn man die unteren und die obersten Bildungsgruppen vergleicht. Allerdings besteht ein wesentlicher Unterschied zu den Einkommensgruppen: Die Differenz zeigt sich nur in der Muttersicht, nicht bei den Tests an den Kindern selbst. Mütter mit höherer Bildung schätzen ihr Kind als weniger unruhig ein als solche mit niedriger Bildung. Dies könnte eine Folge der durch die höhere Bildung ermöglichten differenzierteren Wahrnehmung des Kindes und einer damit zusammenhängenden zurückhaltenderen Bewertung des Bewegungsdrangs des Kindes sein.

Familienstruktur

Als weitere strukturelle Bedingung für das Aufwachsenn des Kindes, die einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben könnte, haben wir die Familienstruktur herangezogen, wobei wir die klassische Kernfamilie kontrastieren mit Alleinerziehenden und Stieffamilien. Es zeigt sich, dass hier signifikante Differenzen in den beiden Dimensionen „Externalisierung“ und „motorische Unruhe“ vorzufinden sind. In beiden Fällen bestehen die erheblichen Differenzen sowohl bei den Mütterangaben als auch bei den Befunden der Kinder selbst.

Die Familienstruktur wirkt sich bei der „Externalisierung“ deutlich stärker aus als die materiellen Lebensumstände. Auch bei der „motorischen Unruhe“ hat die Familienstruktur offenbar erheblichen Einfluss. Freilich ist wieder zu beachten, dass Alleinerziehende und auch Stieffamilien häufiger von Armut betroffen sind als Kernfamilien, so dass nicht auszuschließen ist, dass hier zumindest ein kumulativer Effekt vorliegt: Der Interaktionsstress ist höher und wird noch durch die materielle Lebenslage verstärkt, so dass sich höhere motorische Unruhe und Nervosität einstellen.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Schließlich haben wir überprüft, welchen Einfluss das Geschlecht der Kinder in diesem Zusammenhang hat. Jungen und Mädchen unterscheiden sich signifikant im Hinblick auf die motorische Unruhe. Gleiches gilt auch bei der Externalisierung. Darin sind sich Mütter wie ihre Söhne einig.

Armutsdauer als entscheidender Faktor

Überprüft man diese Aussagen auf ihre Zuverlässigkeit in multifaktoriellen Rechnungen, so zeigt sich aber, dass nur für die Dimension “motorische Unruhe” eine Abhängigkeit zuverlässig festgestellt werden kann.

Bei der Überprüfung der Frage, welche dieser vier Struktur-Faktoren den deutlichsten Einfluss auf die motorische Unruhe hat, ergab sich folgende Konstellation: primär wirkt die Dauer der Armut, dann erst die Bildung der Mutter, das Geschlecht und die Familienart. Neben der Dauer der Armut spielt die aktuelle Armut keine eigenständige Rolle mehr.

Bemerkenswert ist die Abhängigkeit vom Geschlecht. So zeigt sich bei den Jungen, dass im wesentlichen zwei Faktoren erheblich sind: die Dauer der Armut und der Familientyp. Für die Mädchen gilt dagegen: neben der Dauer der Armut und dem Familientyp ist auch die Bildung der Mutter von Bedeutung.

Diese wirkt sich nur bei den Mädchen stark auf das Ausmaß der Externalisierung aus. Bei niedrigerer Bildung der Mutter ist die Externalisierung stärker ausgeprägt. Untersucht man den Zusammenhang noch genauer, zeigt sich, dass die Bildung der Mutter und die Dauer der Armut in ihrem Einfluss auf die Externalisierung eine Wechselwirkung entfalten: Dauerhafte Armut fördert Externalisierung bei Mädchen insbesondere dann, wenn anhaltende Armut mit niedriger Bildung der Mütter zusammen trifft.

Bedeutung der Gleichaltrigenbeziehungen

Die Fortführung familialer Erfahrungen und Beziehungsmuster z.B. durch die Anerkennung und Unterstützung der Mutter und ein positives Familienklima, tragen wesentlich zu guten Peerbeziehungen bei. Fehlt die mütterliche Unterstützung oder herrscht ein negatives Familienklima verdoppelt sich das Risiko, nur über wenig unterstützende Peerbeziehungen verfügen zu können. Allerdings zeigte sich, dass dieser Einfluss nur in sehr beschränktem Umfang zu Auswirkungen führt. Mit anderen Worten: Familiale Erfahrungen und Beziehungsmuster determinieren nur sehr begrenzt die Gleichaltrigenwelt.

Die eigentliche Bedeutung der Peers für die Entwicklung der Kinder liegt in der Qualität und dem Unterstützungspotential der Gleichaltrigenbeziehungen. Unterstützende Beziehungen gehen stets einher mit positiven Einflüssen auf die Persönlichkeitsmerkmale der Kinder: einer höheren sozialen und kognitiven Aufgeschlossenheit, einem positiveren kindlichen Selbstbild und weniger externalisierenden Verhaltenstendenzen. Dabei trägt selbstverständlich auch die Familie ihren Teil bei.

Sozio-strukturelle Faktoren

Ergänzend sei auf die Bedeutung sozio-struktureller Faktoren hingewiesen: Schlechte Wohnverhältnisse und ein wenig kindgerechtes Wohnumfeld erweisen sich als abträglich für die kindliche Aufgeschlossenheit und ein positives Selbstbild, zudem fördern sie externalisierendes Verhalten.

Insgesamt können ein Viertel der Unterschiede in der Aufgeschlossenheit der befragten Kinder und ihrem externalisierenden Verhalten durch Unterschiede in den betrachteten familialen und Gleichaltrigenbeziehungen erklärt werden, in Bezug auf das kindliche Selbstbild liegt dieser Anteil mit einem Sechstel deutlich niedriger. Zu beachten bleibt freilich, dass die materielle Lebenslage und die Ausformung der Peerbeziehungen einen starken Zusammenhang aufweisen. Insbesondere Kinder aus ökonomisch gut situierten Haushalten haben deutlich größere und stärker unterstützende Peer-Netze als Kinder aus armen Haushalten. Wie am Beispiel der Gleichaltrigen-Beziehungen zu sehen ist, wirkt Armut also auch indirekt auf die Persönlichkeitsentwicklung ein.

Insgesamt ist festzustellen, dass sich vielfältige direkte und indirekte Zusammenhänge zwischen Armut und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder zeigen, dass es aber daneben sowohl solche Persönlichkeitszüge gibt, die nach der bisherigen Datenlage als relativ unabhängig von strukturellen Lebenslagen angesehen werden müssen. Darüber hinaus nehmen weitere Faktoren wie etwa die Gleichaltrigenbeziehungen oder das Familienklima deutlich Einfluss auf die Entwicklung der Kinder.

Offene Fragen stellen sich insbesondere nach dem Einfluss der Lebenslagen auf die frühkindliche Entwicklung und die Ausprägung von relativ stabilen Persönlichkeitsmerkmalen in dieser Phase und nach der Abhängigkeit förderlicher oder ungünstiger Entwicklungskontexte – wie dem Familienklima und den Peerbeziehungen – von strukturellen Lebensbedingungen. Wünschenswert wäre hier eine Verbesserung der Datenlage in Deutschland auf ein Niveau, wie es etwa in Groß-Britannien oder den USA längst erreicht ist.

Unabhängig davon zeigt sich jedoch schon heute, dass eine gezielte Förderung der Kinder aus armen Haushalten dringlich ist, wenn man grundlegende Entwicklungsnachteile kompensieren will, und dass diese nicht nur bei der materiellen Unterstützung ansetzen, sondern ein breites Spektrum der sozialen und kulturellen Entwicklung der Kinder anregen und fördern muss.

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letzte Änderung: 01.06.2010 15:02

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