Blick von außen Ivon Nurgül Altuntas, Lehrerin an einer kooperativen Gesamtschule in Hessen Dazu gehört man nur Stückchenweise – ein Beispiel für eine gelungene Integrationsbiografie Ich komme ursprünglich aus der Türkei. Geboren bin ich in Elazig, einer Großstadt in Ostanatolien. Mit vier Jahren kam ich nach Deutschland. Ich habe kaum Erinnerungen an meine Kindheit in der Türkei. Ich weiß nur, dass ich in einem anatolischen Dorf groß geworden bin. Aber an was ich mich genau erinnern kann, sind die Zwiebeln und der Käse, die wir auf dem Hausdach meiner Tante väterlicherseits gegessen haben. Ich liebe rohe Zwiebeln mit Käse und einem Stück Brot heute noch, muss aber eingestehen, dass ich den Genuss mittlerweile gerne mit einem Glas Rotwein abrunde. Die Eltern Mein Vater lebte und arbeitete bereits seit Anfang der 1960-er Jahre in Deutschland. Er arbeitete bei Degussa. Wenn mein Vater von Degussa sprach, dann klang es so in unseren Kinderohren, als hätte er die Firma eigenhändig gebaut und gegründet. Mein Vater war stolz auf seine Firma und auf Deutschland. Er kam mit großen Hoffnungen, Träumen und Wünschen. Meine Mutter, meine sechs Geschwister und ich zogen erst 1979, als es die deutschen Gesetze erlaubten, nach. Als wir nach Deutschland kamen, lebten wir in einer Degussa-Werkswohnung mit vier Zimmern in Hanau-Wolfgang. Zwei Sprachen und ein Stadtteil Dort, in diesem kleinen Hanauer Stadtteil wuchsen ich und meine Geschwister auf. Ich lernte schnell viele deutsche Kinder kennen, mit denen ich spielte. Türkische Familien gab es damals sehr wenige. Auf der Straße habe ich die deutsche Sprache von meinen deutschen Freunden gelernt. Fernsehen schauten wir nicht, Radio hörte mein Vater jeden Tag und las die türkische Zeitung. Wenn wir Fernsehen schauten, dann nur die Öffentlichen Sender. Es gab nur diese, das Erste und das Zweite Programm. Die Fernsehabende waren immer schöne Familienereignisse. Wir verstanden nichts, aber vermittelt durch die Mimik und Gestik der Menschen litten oder lachten wir mit. Meine Eltern verlangten von uns, dass wir zu Hause türkisch und draußen (in der Schule, beim Bäcker, etc…) Deutsch sprachen. So beherrsche ich heute beide Sprachen sowohl schriftlich, als auch mündlich. Die Grundschulzeit und ein Wörterbuch Mein erster Schultag verlief sehr aufregend für mich. Ich hatte meine rote Schultüte auf dem Arm und lief an der Hand meines Vaters in meinem besten, ebenfalls roten Kleid, stolz wie eine Prinzessin zur Schule. Es wurde auch ein Foto an diesem Tag zusammen mit all meinen neuen Schulkameraden und Kameradinnen gemacht. Ich glaube wir waren 25 Kinder, die eingeschult wurden, weiß aber genau, dass ich und ein anderes Kind die einzigen Türken waren. Da ich keinen Kindergarten besucht hatte und auch nicht in der Vorschule war, sprach ich das „Straßendeutsch“, d.h. das Deutsch der Kinderspielplätze, der Rollschuhbahn und Bolzplätze. Aufgeschnappte Wörter, Redewendungen, das eine oder andere Schimpfwort, kurz, die Umgangssprache meiner deutschen Freunde, war mein Sprachvorbild. Das stellte meine Grundschullehrerin vor die große Aufgabe, mir die deutsche Sprache beizubringen. Als sie bemerkte, dass ich mit den Artikeln nichts anfangen konnte, schenkte sie mir ein kleines Wörterbuch. Die Wörter darin waren groß geschrieben und jedes Wort hatte einen Artikel. Dieses Buch begleitete mich bis zum vierten Schuljahr. Es war für mich ein sehr bedeutsames Buch, erstens weil ich dies von meiner Lehrerin geschenkt bekommen hatte und zweitens immer in diesem Buch den gesuchten Artikel nachschlagen konnte. Leider habe ich es heute nicht mehr. Zu welcher Gruppe gehören wir? Wie gesagt, gab es in der damaligen Zeit nicht viele türkische Familien in unserem Ort. Da es nur zehn oder zwölf Familien waren, kannten wir alle türkischen Familien und deren Namen. Aber wenn wir über sie sprachen, dann war es nicht die Familie Öztürk oder Familie Simsek, von der wir redeten, sondern „der Kurde“, „der Laze“, „der Tscherkese“ oder „der von der Ägäis“. Sie wurden nach ihrer Ethnie bezeichnet. Umgekehrt regte sich meine Mama immer auf, wenn sie hörte, dass wir als Kurden bezeichnet wurden. Für Mama, aber auch für meinen Vater waren wir Türken. Zu Hause sprachen meine Eltern nur türkisch mit uns Kindern, mit meinen Onkeln und Tanten aber sprachen sie kurdisch. Wenn wir auch kurdisch sprechen wollten, hieß es: „Redet türkisch! Wir sind Türken!“ Sehr früh begriff ich, dass ein Teil der kulturellen Identität die Sprache ist. So waren meine Eltern und meine Schwester und ich, bei den Eltern meiner türkischen Freundin (die von der Ägäis!“) zum Essen eingeladen. Mein Vater trank Tee und war sich nicht sicher, wie diese Sorte Tee auf Türkisch benannt ist. Also fragte er nach: „Ist es Lahanna (Weißkraut)?“ Die Mutter meiner Freundin lachte ihn aus und belehrte ihn: „Nein, das ist „Nane Cayi (Pfefferminztee)“. Dieses gemeine Kichern und verächtliche Lachen dieser Frau über „den Kurden“ hallt immer noch in meinen Ohren. Wir alle haben diese Frau nach diesem Abend gehasst und unsere Eltern haben sich nie wieder getroffen. Von innen betrachtet, gab es und gibt es die Differenz unter den scheinbar Gleichen. Von außen betrachtet scheinen aber alle „Türken“ gleich zu sein. Sprachlosigkeit, Diskriminierung und Verzweiflung Ich habe sehr früh erfahren, was es heißt, missverstanden, nicht verstanden oder sich nicht in einer gemeinsamen Sprache verständigen zu können. Für meine Mutter war ich „ihre Zunge“. Ich sprach für sie, wenn sie Schmerzen hatte, mit dem Arzt, ich dolmetschte, wenn sie sich mit einer deutschen Nachbarin über die Hausflurreinigung verständigen musste oder sie einem deutschen Kind ein Bonbon schenkte, weil wir Ramazan hatten. Vieles und mehr musste ich für meine Mutter fragen, beschreiben und erklären. In der 2. Klasse hatte ich ein besonders eindruckvolles Erlebnis. Ich hatte mich in der Schule wieder Mal mit einer deutschen Mitschülerin geschlagen, weil sie mir gesagt hatte, dass ich stinken würde. Mit Gestik und Mimik zeigte sie mir, was sie von mir hielt. Worauf ich ihr mit hoher Treffsicherheit meine Faust in den Bauch schlug und ihr einen Tritt vor das Knie gab, was bestimmt sehr wehgetan hat. Sie heulte und schrie, bis eine Aufsichtslehrerin ihr zur Hilfe eilte und mich zur Schulrektorin brachte, die gleichzeitig auch meine Klassenlehrerin war. Unser Streit wurde vor der ganzen Klasse besprochen. Sie fragte mich, ob ich zugeschlagen hatte. Ich konnte ihr nicht die ganze Situation berichten, weil mir die deutsche Sprache fehlte und konnte mich gegenüber der Version meiner „Gegnerin“, die sich mittlerweile von meiner Attacke erholt hatte, nicht wehren. In dem Augenblick des ohnmächtigen, hilflosen Zorns und dem Gefühl der Ungerechtigkeit, zeigte ich mit dem Finger auf meine Kontrahentin und stieß hervor: „Du Deutschschwein!“ Kaum hatten diese Worte meinen Mund verlassen, erhielt ich von meiner Klassenlehrerin einen schmerzhaften Schlag ins Gesicht. In diesem Moment brach eine Welt in mir zusammen. Ich schämte mich so, wie ich glaube niemals später in meinem Leben. Ich konnte niemanden mehr anschauen. Ich wollte weinen und konnte es nicht. Ich habe nur auf den Boden geschaut. Diese Geschichte erzähle ich um zu verdeutlichen, wie wichtig es für Menschen ist, die Sprache des Landes zu beherrschen in dem sie leben, um damit in der Lage zu sein, Sachverhalte darzustellen, seine Interessen zu verteidigen und wenn es notwendig wird, sich zu wehren und sein Recht einzufordern. In Auseinandersetzung unter Freunden, Schulkameraden oder auch mit Lehrern gibt es immer Momente im Leben, die prägend sind. Oft führt das Fehlen der Sprache dazu, dass Vermeidungsstrategien aufgebaut werden, um nicht aufzufallen, um Demütigungssituationen zu vermeiden. Die Ohrfeige meiner Grundschullehrerin verfolgt mich bis heute. Es war ein Moment der schlimmsten Erniedrigung und Scham. Integrationsraum Schule Aber es gab auch andere wunderbare Lehrerinnen und Lehrer in meinem Leben: Menschen, die mich respektiert, gestärkt und mir in wichtigen Phasen meines Schullebens auf die Sprünge geholfen haben. Auf diese Lehrer, die auch Menschen waren und es hoffentlich noch heute sind, bin ich an der Integrierten Gesamtschule in Hanau gestoßen. Dort habe ich meine besten Schulerfahrungen gemacht, dort wurde ich gefördert unterstützt und ermutigt. Diese Schule war für mich eine wunderbare Einrichtung. Ich nahm fast an allen Nachmittagsangeboten teil. War in der Theater-AG, und habe an der Handball-AG teilgenommen. Die Schule bot mir einen Platz zum Ausleben meiner Hobbys an. Ich liebte es, nachmittags in der Schule zu bleiben und zu lernen. In dieser Schule hatte ich bis zur siebten Klasse auch nur deutsche Freunde. Ich lernte immer mit meiner Lieblingsfreundin Elena. Sie war meine beste Freundin. Sie hat inzwischen Jura studiert und wir haben uns leider aus den Augen verloren. Aber auch die anderen. Zum Beispiel Esther, die mir nach dem Abitur geholfen hat. Sie hat mit mir gemeinsam meinen Stundenplan für mein Studium an der Uni erstellt. Sie alle haben einen sehr großen Einfluss auf meine Lebensweise gehabt. Mit ihnen habe ich im Verein Handball gespielt und bin mit ihnen ausgegangen. Nur privat war ich mit einzelnen türkischen Freundinnen und meiner Schwester zusammen. Ich habe von beiden Kulturen profitieren können sowohl in kultureller als auch menschlicher Hinsicht. Gesamtschule heute Die Jugendlichen, die bei mir an der Schule sind, wollen auch nicht nach Schulschluss sofort nach Hause. Sie bleiben in der Schule mit der Begründung, dass auf sie zu Hause niemand wartet oder dass zu Hause Hausarbeit auf sie wartet. Sie lieben es, auch außerhalb des Unterrichts Zeit miteinander zu verbringen. Dem stehen aber oft kulturelle und familiäre Zwänge entgegen. Schule, als Ganztagsschule, kann hier als Ort der Begegnung eine wichtige soziale Aufgabe erfüllen und Kinder und Jugendlichen Raum geben, sich außerhalb der Lehrpläne kennen zu lernen. Aufgrund meiner Erfahrungen freue ich mich Lehrerin an einer Schule zu sein, an der es ein Mittagessen gibt, eine pädagogische Betreuung gegeben ist und Nachmittagsangebote bestehen. Waren meine Erfahrungen an der Integrierten Gesamtschule für mich sehr positiv, so lernte ich nach der zehnten Klasse in der gymnasialen Oberstufe des Wirtschaftsgymnasiums die „Ellenbogengesellschaft“ kennen. Konkurrenz, Neid und eine verlogene Angepasstheit gegenüber den Lehrern kennzeichneten für mich die dortige Lernkultur. Auch dort habe ich mit meinen Schulkameraden häufig gestritten, aber jetzt kam ich ohne Fußtritte und Fausthieb aus. Ich hatte gelernt mich durchzusetzen, gut zu diskutieren und mir genau zu überlegen, mit wem ich Bündnisse eingehen kann und wen ich meiden muss. Lehrende als wichtige Wegbegleiter Aber auch dort traf ich eine Lehrerin, die Einfluss auf mich nahm. Meine Deutschlehrerin, die eine sehr emanzipierte Lehrerin war, lehrte mich, dass ich aus meinem Leben etwas machen muss. Immer besser zu sein als die anderen, war ihr Motto. Sie sagte mir: „Schau dir genau die Jungs an, worin liegt der Unterschied zwischen dir und ihnen? Du musst immer einen Schritt voraus sein. Um den Unterschied zu ihnen heraus zu finden, muss du dich selbst befragen und für dich die Antworten finden. Was kann ich besser machen, damit ich mich von ihnen abgrenzen kann?“ Auch, wenn ich diese Ratschläge mit dem heutigen Abstand kritischer beurteile als damals, so hat sie mir doch dabei geholfen, die drei gymnasialen Jahre zu überstehen und am Ende mit dem Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife, dieser Anstalt den Rücken zu kehren. Die folgende Zeit an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität, wo ich mich in Französisch und Geschichte für das Lehramt an Haupt- und Realschulen eingeschrieben hatte, war der beste Zeitabschnitt meines Lebens in Bezug auf die Integrationsfrage. Dort habe ich all meine Fragen über meine Herkunft, Identität, Zugehörigkeit, und Zukunft analysieren, hinterfragen, bewerten und für mich klären können. Eine große Hilfe war das Studieren in den Erziehungswissenschaften bei Herrn Professor Dr. Frank-Olaf Radtke, Betriebseinheit Migration und Minderheiten. Eine zeitlang war ich bei ihm wissenschaftliche studentische Hilfskraft als Protokollantin im Bereich der Schulbuchforschung und untersuchte das Bild der Fremden in den Schulbüchern für Politik und Wirtschaft. Ich habe dann auch bei ihm meine erste Examensarbeit über das Bild der türkischen Frau in türkischen und deutschen Sozialkundebüchern geschrieben. Positive Erfahrungen weitergeben Ich wollte immer Lehrerin werden, das war und ist mein Traumberuf. In diesem Beruf kann ich wirken, kann das Erlebte und Gelernte weitergeben. Aus meinem privaten Erfahrungsrepertoire und aus meinen Schulerfahrungen weiß ich, dass ich durch die Institution Schule für mein Leben Veränderungen auf den Weg bringen kann und andere dazu befähige, ihr Leben zu verändern. Das klingt möglicherweise zu idealistisch. Aber Schule aus nächster Nähe betrachtet, ist ein einzigartiger Ort der Begegnung und für viele Kinder und Heranwachsende oftmals die einzige Möglichkeit, mit anderen Kulturen in Kontakt zu kommen. In der Schule haben sie die Möglichkeit sich zu orientieren, sich weiter zu bilden und sich gegebenenfalls mit dem Gedankengut ihre vertrauten Umgebung auseinanderzusetzen und andere Perspektiven zu entwickeln. Vorurteile und Tabus An der Universität dachte ich, ich wäre jetzt Mitglied einer freiheitlich, demokratisch denkenden Gemeinschaft, die alle Vorurteile und Stereotype nicht in die Heiligen Hallen hinein lässt. Ich hatte mich getäuscht. Ich musste feststellen, dass die Kinder der Arbeitsmigranten der ersten Generation als Objekte betrachtet werden. Es gab für mich schon eine Schablone, in die man versuchte mich einzupassen. Ich stieß auf die gleichen Vorurteile wie außerhalb. Es gab Bücher, in denen konnte ich lesen, dass wir (die Türken) uns separieren würden, nicht integrieren wollten. Es gibt die Sorge, wir würden die Traditionen und Bräuche unserer Eltern weiterführen und unseren Kindern der dritten Generation, also meinen Schülerinnen und Schülern, die jetzt in meiner Klasse sind, weitergeben. Diese intellektuelle Gesellschaft fängt leider erst jetzt langsam an zu merken, dass die zweite Generation weitere Ressourcen schlummern, die nicht nur darin bestehen, Kinder in die Welt zu setzen und die tradierte Kultur weiter zu geben. Nur so ist es zu verstehen, dass sich mein Lieblingsprofessor, nach dem er erfahren hatte, dass ich meinen heutigen Mann (einen Deutschen!) kennen gelernt hatte, um die psychische Befindlichkeit meiner Eltern zu sorgen begann und dies in die Frage fasste: „Frau Altunta_, wissen Ihre Eltern, wie ihre Lebensweise ist?“ Offensichtlich hatte er ein ganz bestimmtes Bild von mir. Eine fleißige Studentin, konservativ und traditionsbewusst, hat aber jetzt einen deutschen Freund. Wie ist es möglich? Was sagen die Eltern dazu? Was sagt die Familie dazu? Was soll ich davon halten? Diese Unsicherheiten begegnen meinem Mann und mir heute noch, aber nur wenige trauen sich offen zu fragen. Binationale Ehen, besonders Ehen zwischen muslimischen und nicht muslimischen Ehepartnern, sind immer noch ein Tabu-Thema, vor allem dann, wenn eine Türkin einen Deutschen heiratet. Wer gehört „dazu“? Im Referendariat in Frankfurt 2000 bis 2002 hatte ich zwei ganz besondere Erlebnisse, die ich immer noch erschreckend und fürchterlich finde. Ich saß als Neuankömmling im Lehrerzimmer und wartete auf meinen zukünftigen Schulleiter, damit er mir meinen Stundenplan zeigt und mich den Kolleginnen und Kollegen vorstellt. Ein Kollege kam rein, sah mich vor der Informations-Pinnwand stehen und schrie: „Raus hier, du hast hier nichts zu suchen!“ Obwohl der Kollege möglicherweise gedacht hatte, dass ich eine Schülerin bin und nichts im Lehrerzimmer zu suchen habe, war das im ersten Augenblick für mich wieder ein bekanntes Déjà-vu Erlebnis: „Du gehörst nicht dazu!“ Dieses Empfinden bestätigte sich, als ich bei diesem Kollegen im PoWi-Unterricht (Politik und Wirtschaft) hospitierte. Es ging in der 8. Klasse um das Thema „Das Miteinander leben und Demokratieverständnis“. Zu Beginn des Unterrichts forderte der bewusste Kollege die Schülerinnen und Schüler auf: „Es stehen mal die auf, die Deutsche sind!“. Einige Schüler standen auf. „Und jetzt, stehen die auf, die nicht Deutsche sind!“ Fast die ganze Klasse stand auf. Nun den Blick auf mich gerichtet am hinteren Ende der Klasse, fragte er mich, „Und was ist mit Ihnen.“ Warum sind sie nicht aufgestanden?“ Viele soziale Identitäten Jeder Mensch erwartet von dem anderen Menschen etwas anderes. Meine deutschen Freunde erwarten nicht von mir, dass ich deutsch werde. Sie möchten mich als ihre Freundin mit meinen Stärken und Schwächen wissen. Genauso ist es mit einigen Kollegen, sie erwarten von mir, dass ich Lehrerin bin und meine Aufgabe möglichst gut löse. In meiner Funktionsrolle als Lehrerin agiere ich an der Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule in Wiesbaden-Biebrich und repräsentiere diese gegenüber den Eltern und der Schulöffentlichkeit. Aber wenn es um Fragen geht, wie Fasten, Schwimmunterricht und Klassenfahrten, bin ich zumeist die Ansprechpartnerin. Diese Rolle als Vermittlerin, Übersetzerin und Brückenbauer zwischen zwei Kulturen habe ich in letzter Zeit gern übernommen, weil ich weiß, welch ein Potenzial in unseren Schülerinnen und Schülern steckt. Es lohnt sich, die eigene Sozialisation in anderer Situation wieder zu erkennen und diese reflektiert mit den Kollegen und Kolleginnen zu erörtern. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, sollen Kinder während der Schulzeit fasten oder nicht? Denn wir schreiben Arbeiten, unsere Schülerinnen und Schüler stehen kurz vor der Projektprüfung oder bereiten sich auf die Abschlussarbeiten vor. Wenn sie fasten, können sie sich nicht konzentrieren und sind morgens völlig matt, deshalb beteiligen sie sich nicht am Unterrichtsgeschehen. Somit schaden sie sich selbst, indem sie den Lehrinhalt nicht adäquat aufnehmen und lernen. Gemeinsam Lösungen finden Aus diesen Überlegungen und Gesprächen heraus, haben wir uns vorgenommen, uns mit den Eltern in unserem regelmäßig stattfindenden internationalen Elterncafé darüber auszutauschen, wie wir als Erziehungspartner damit umgehen können und im Dialog gemeinsame Lösungen finden. An Beispielen aus dem schulischen Alltag mangelt es nicht, um zu zeigen, dass wir immer wieder in unserer Schule für unsere Schüler Vereinbarungen treffen und Rahmenbedingungen schaffen, damit das Zusammenleben in der Schule und in der Schulöffentlichkeit durch Toleranz und gegenseitigen Respekt, ohne dabei unseren Bildungs- und Erziehungsauftrag zu vernachlässigen getragen werden kann. Wenn eine gewisse Schulkultur mit festen Normen und Werten an einer Schule geschaffen werden soll, so muss diese ständig im wechselseitigen Diskurs ausgehandelt und bestätigt oder verändert werden. Nur so werden Beziehungen entstehen, die es den Kindern erlauben sich mit der Schule und ihrer Schulgemeinschaft, sogar mit ihrem Stadtteil, zu identifizieren. Betroffenheit, Empathie, Identifikation Es gibt Stichworte, die für mich als Lehrerin von großer Bedeutung sind: Das erste ist Betroffenheit, das zweite Empathie, und das dritte Identifikation. Wenn diese Trias zum Wechselspiel kommt, im Unterricht, in der Schule wie auch in der Schulgemeinde, so entwickeln die Schüler für sich das Gefühl dazu zu gehören. Sie verlieren ihre Unsicherheiten und den Zweifel am Wert der eigenen Person und können ihre Fähigkeiten entfalten und wirksam werden lassen. Es geht nicht um das Deutsch sein, sondern um das Integriert sein. Wenn man integriert ist, geht es um die Frage, inwieweit akzeptiere ich die Verfassung Deutschlands und die Menschenrechte. Viele meiner Schüler und Schülereltern finden Deutschland schön und sagen auch, dass es wunderbar ist hier zu leben. Sie müssen sich aber auch die Fragen stellen: Inwieweit gehöre ich dazu? Inwieweit ist es anerkannt, dass ich dazu gehöre? Was kann ich tun, um anerkannt zu sein? Lehrerfortbildung Hierzu ein Beispiel aus der Lehrerfortbildung im Rahmen der Sommerakademie in Alexandria/Ägypten zum Thema „Trialog der Kulturen“, die von der Herbert-Quandt-Stiftung organisiert und finanziert wurde und an der ich teilnehmen durfte: So bin ich davon ausgegangen, ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus den arabischen Ländern zu haben, da meine Familie und ich aus einem ähnlichen Kulturraum stammen, der im weitesten Sinne als Orient bezeichnet wird. Das Gegenteilige ist eingetroffen. Meine deutschen Kollegen waren mir vom Denken, Fühlen und Urteilen viel näher als die Kolleginnen und Kollegen aus den arabischen Ländern. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich begriffen, dass nicht der gemeinsame kulturelle Ursprung oder die gemeinsame Religionszugehörigkeit Menschen verbindet, sondern die ausgehandelten, gelebten Wertmaßstäbe, Lebens- und Denkweisen die entscheidende Prägung bilden. Unterschiede traten zu den ägyptischen Kolleginnen auf, wenn es sich um Fragen der Kindererziehung, der Kleidung, der Heirat oder um Religionsrituale handelte. Der Aufenthalt in Alexandria hat in mir bewirkt, vieles bewusster in seinem Wert zu kennen und in seiner Bedeutung zu begreifen. Seither schätze ich meine eigene, freiheitliche Lebensweise mehr als zuvor. Darüber hinaus habe ich feststellen können, dass ich dem europäischen Wertesystem tiefer verhaftet bin als ich angenommen hatte, wodurch der Einfluss von Bildung und Erziehung unterstrichen wird. Integration und Bildung Meines Erachtens hat Integration in großem Maße mit Bildung zu tun, aber nicht nur mit schulischer, sondern auch mit menschlicher Bildung. Deswegen müssen wir versuchen, uns Stereotypisierungen und Klischees über andere bewusst zu machen und sie zu durchbrechen. Wir alle ertappen uns im Alltag, dass wir mit Hilfe bestimmter kultureller Muster und Bedeutungsperspektiven Situationen und Menschen beurteilen. Äußere Merkmale dienen uns dabei, Fremde in wenigen Bruchteilen von Sekunden als solche zu erkennen und unser Verhalten ihnen gegenüber abzustimmen. So genügt das Bild einer Frau mit Kopftuch, diese sofort dem islamischen Glauben zu zuordnen, und darüber eine Assoziationskette in Gang zu bringen, die ihre Unterdrückung durch ihren Mann als selbstverständliche einschließt, ihr mindestens sieben Kinder anhängt, ihr die Beherrschung der deutschen Sprache abspricht und ihr Analphabetentum zumindest in Betracht zieht. Obwohl wir dies alles nicht wissen können, bringen wir ihr die Haltung entgegen, die diesem zugeschriebenen Bild entspricht und verhalten uns so. Seit September 2006 bin ich, neben meiner Tätigkeit in der Schule, auch in der Lehrerausbildung als Ausbildungsbeauftragte im Studienseminar Wiesbaden. In dieser Funktion ist es mir ein großes Anliegen den zukünftigen Kolleginnen und Kollegen die Wichtigkeit des Interkulturellen Lernens im Unterricht und im Schulalltag zu vermitteln. Ängste abbauen und Begegnung ermöglichen Das Interkulturelle Lernen beinhaltet, dass Berührungsängste abgebaut und Begegnungen ermöglicht werden sollen. In unseren Köpfen haften bestimmte Verhaltensmuster und Wertmaßstäbe und doch fehlen uns eigene Erfahrungen, weil die wirkliche Begegnung mit dem Fremden nicht stattgefunden hat. Dazu kann ich nur sagen, ohne die tatsächliche Begegnung bleibt ihre Offenheit eine intellektuelle Attitüde, die die eigene Lebenswirklichkeit nicht verändert. Diese Erfahrungen musste mein Mann machen. Als wir zusammengezogen sind, musste ich mich um meine Einbürgerung nicht nur wegen der Verbeamtung, sondern auch wegen unserer geplanten Hochzeit kümmern. Wir waren diesbezüglich auf der Ausländerbehörde, um mich beim Einwohnermeldeamt registrieren zu lassen. Ich weiß nicht mehr, um welche genauen Verfahrensweisen es ging. Aber wir brauchten vom Ausländeramt unbedingt einen Stempel. Mein Mann, der deutscher ist, war noch nie auf einer Ausländerbehörde. Der Gang dorthin war für ihn sehr mysteriös. Er wollte nicht in den Flur hineingehen, in den wir geschickt worden waren. Beim Betrachten der Räumlichkeiten sagte er nur: „Hier sind wir falsch.“ Als ich aber die vielen bekannten nicht-europäischen Gesichter sah, wusste ich, hier bin ich richtig. Wir gingen zum zuständigen Sachbearbeiter und wollten den Stempel für unsere Vermieterin haben, zur Bestätigung, dass ich angemeldet bin. Der Sachbearbeiter sah meinen Mann ungläubig mit leichter Verachtung an, sprach nicht mit mir und sagte: „Ah, die hält sich bei Ihnen auf?“ Meinem Mann fehlten die Worte, schaute mich zweifelnd an und konnte es nicht fassen, dass dieser Kreis-Angestellte so dumm und unverschämt sein konnte. Eigentlich kann man meine bisherige Biografie als ein Beispiel für eine gelungene Integration heranziehen. Für mich ist aber rückblickend feststellbar, dass meine Integration in den verschiedenen Lebensabschnitten immer nur Stückchenweise vorangekommen ist. Dabei ist es nicht nur die Frage, wie ich mich fühle, sondern auch, wie ich gesehen und angenommen werde. So habe ich doch immer wieder in verschiedenen Situationen den Eindruck, dass ich noch nicht alle Stückchen beisammen habe. Nurgül Altuntas wurde am 22. Mai 1975 in Elazi (Türkei) geboren und kam mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern im Alter von vier Jahren nach Deutschland. Sie studierte von 1995 bis 2000 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main Französisch und Geschichte für das Lehramt an Haupt- und Realschulen. Heute ist sie als Lehrerin an der Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule in Wiesbaden-Biebrich tätig. Durch ein Online-Studium im Jahre 2004/05 qualifizierte sie sich zur Ethik-Lehrerin. Neben ihren Fächern hat sie sich dem Interkulturellen-Lernen (Migration und Minderheiten, Geschlechtererziehung, Umgang mit Differenz im Schulalltag) als pädagogischem Schwerpunkt zugewandt und ist seit 2003 in diesem Zusammenhang als Referentin beim World University Service, der Körber Stiftung und anderen Institution tätig. Seit dem Schuljahr 2006/07 ist sie mit diesen Themen als Ausbildungsbeauftragte am Studienseminar Wiesbaden mit der Lehrerbildung betraut. Links Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule Schulprojekt: Wie viel Heimat braucht der Mensch? Schulprojekt: Biebricher ist, wer Biebricher sein will! Projektvorstellung im Wiesbadener Tagblatt Kontakt Nurguel.Altuntas(a)gmx.de DJI Online / Stand: 1. Oktober 2007 |