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Thema 2007/07: Hauptschulen in Deutschland - Ein Auslaufmodell oder besser als ihr Ruf?

DJI-Projekt - Thema 2007/07: 	Hauptschulen in Deutschland - Ein Auslaufmodell oder besser als ihr Ruf?

Interview

mit Dr. Nora Gaupp und Birgit Reißig, DJI

Die Befragung von HauptschülerInnen: ein Blick hinter die methodischen Kulissen

In vielen Untersuchungen sind Jugendliche aus bildungsfernen Schichten unterrepräsentiert: Aussagen von Haupt-, Sonder- und FörderschülerInnen kommen kaum vor, Stimmen von jugendlichen MigrantInnen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch fehlen fast völlig. Wie konzipiert man Forschungsbefragungen von Jugendlichen aus diesen Gruppen? 

Eine Befragung von bildungsfernen Jugendlichen oder von jungen Migrantinnen uns Migranten ist schwieriger, als z.B. die Befragung von Gymnasiasten. Sie ist aber durchaus möglich. Man muss nur genug Zeit und Mühe in die Erhebungsmethodik investieren.

Ein Knackpunkt ist oft schon der Zugang zu den Jugendlichen. In Befragungen, die in der Schule durchgeführt werden, fallen beispielsweise schulmüde Jugendliche und Schulverweigerer häufig durch den Rost, weil sie am Erhebungstag schlicht nicht anwesend sind. Um realitätsgerechte Ergebnisse zu bekommen, muss man nach alternativen Zugängen zu diesen Jugendlichen suchen. Ein Beispiel könnten Projekte der offenen Jugendarbeit sein.

Ein weiterer Aspekt ist die Entwicklung von exakt auf die Zielgruppe zugeschnittenen Erhebungsinstrumenten. So ist es eine echte Herausforderung, Fragestellungen, die von sozialwissenschaftlichem Interesse sind, in eine jugendgerechte und leicht verständliche Sprache zu übersetzen. Hier kommt man um sorgfältige Pretests der Befragungsinstrumente nicht herum.

Ein dritter Aspekt, den man bei schriftlichen Untersuchungen mit  spezifischen Zielgruppen beachten muss, sind die zeitlichen Rahmenbedingungen. Insbesondere bei FörderschülerInnen und Jugendlichen, die deutsch nicht als Muttersprache haben, variiert die Lesegeschwindigkeit in erheblichem Maße. Hier muss man dafür Sorge tragen, dass auch die langsamsten SchülerInnen den Fragebogen in einer akzeptablen Zeit beantworten können. In Anbetracht des häufig sehr unterschiedlichen Leseverständnisses hat es sich zudem bewährt, bei schriftlichen Befragungen zwei InterviewerInnen pro Klasse einzusetzen. So stehen genug Kapazitäten für die Beantwortung von eventuell auftretenden Verständnisfragen zur Verfügung.

Allerdings gibt es auch Erhebungsmethoden, in denen die Befragung von Jugendlichen mit schlechten Deutschkenntnissen kaum ein Problem darstellt: mündliche Interviews. In aller Regel können auch junge MigrantInnen auf Deutsch geführte Interviews gut beantworten.

Dennoch ist es sehr hilfreich, wenn für den Notfall muttersprachliche Interviewer zur Verfügung stehen. Im Einzelfall können sie einzelne schwierige Begriffe oder Fragen in der Muttersprache der/des Jugendlichen klären.

Eine Untersuchung, die genau diese Zielgruppe der benachteiligten Jugendlichen im Blick hat, ist das DJI-Übergangspanel.

Richtig. Im Übergangspanel werden die Übergänge in Ausbildung und Arbeit von Jugendlichen mit schlechten Startchancen untersucht. Um der Bildungspolitik genaueres Wissen über die Bildungs- und Ausbildungswege von Jugendlichen mit Hauptschulbildung bereit zu stellen, führt das DJI diese bundesweite Längsschnittuntersuchung zu den Wegen von Jugendlichen mit Hauptschulbildung durch. Das DJI-Übergangspanel  ist als „echtes Panel“ mit insgesamt zehn Befragungswellen vom Frühjahr 2004 bis zum Herbst 2009 angelegt.

Wie viele Jugendliche werden insgesamt bei dieser Längsschnittstudie befragt?

Die Basisbefragung fand im März 2004 statt. Insgesamt wurden in diesem ersten Schritt 3.922 SchülerInnen an 126 Schulen befragt. In der Regel waren die Jugendlichen zwischen 15 und 16 Jahre alt. Sie befanden sich damals im letzten Schulbesuchsjahr auf der Hauptschule bzw. auf dem Hauptschulzweig von Gesamtschulen oder Schulen mit integrierten Bildungsgängen.

Welche Befragungsform haben Sie für die Basiserhebung gewählt?

Die Basiserhebung fand in der Schule im Klassenverband statt. Wir haben uns daher für eine Befragung mit einem schriftlichen Fragebogen entschieden. Der Vorteil dieser Methode ist, dass dieses Verfahren für die Jugendlichen bekannt ist und schriftliche Fragebogen bei entsprechender Konstruktion leicht und schnell zu beantworten sind. Zudem sind Klassenzimmerbefragungen ein ökonomisches Verfahren, da man mit einer geringen Zahl von Interviewern (i.d.R. 1 bis 2 Interviewer pro Klasse) in kurzer Zeit eine große Zahl an Jugendlichen befragen kann.

Wie führen Sie die Anschlussbefragungen durch?

Für die Folgebefragungen mussten wir eine neue Erhebungsmethode wählen. Die Jugendlichen verlassen die Schule und gehen individuelle Wege in Ausbildung, Berufsvorbereitung oder eine weitere Schule. Der Klassenverband löst sich auf und die Jugendlichen können nicht mehr in der Gruppe befragt werden. Um den weiteren Werdegang der Jugendlichen zu verfolgen, setzen wir Telefoninterviews ein. Insbesondere computergestützte CATI-Interviews (Computer Assisted Telephone Interviewing) sind eine sehr flexible und kostengünstige Erhebungsmethode. Wenn man dazu noch wie wir das Glück hat, mit einem erfahrenen Telefonlabor mit sehr engagierten Interviewern zusammenzuarbeiten, eröffnen CATI-Interviews viele Möglichkeiten, zum Beispiel umfangreiche Filterführungen einzubauen, die es erlauben, bestimmte Fragen nur bestimmten Personengruppen zu stellen.

Hat die Form der Befragung nicht auch Einfluss auf die Antworten selbst? Und ist ein Wechsel der Befragungsmethode damit nicht problematisch?

Prinzipiell stehen für Befragungen ja unterschiedliche Erhebungsmethoden zur Verfügung: schriftliche Fragebogen, telefonische Interviews, persönliche face-to-face Interviews, Online-Fragebogen. Jede dieser Methoden hat ihre spezifischen Vor- und Nachteile. Eine telefonische Befragung kann insgesamt kurzweiliger und interessanter erlebt werden als ein schriftlicher Fragebogen. Oder ein face-to-face Interview als individueller und flexibler. Vielleicht ist aber auch das Medium Internet bei einer Online-Befragung für Jugendliche besonders attraktiv.

Um zu überprüfen, ob verschiedene Erhebungsmethoden einen systematischen Einfluss auf die Antworten der Jugendlichen haben, haben wir eine eigene Methodenstudie zum Vergleich von drei Erhebungsmethoden durchgeführt. Darin wurden ein schriftlicher Fragebogen, ein telefonisches Interview und ein Onlinefragebogen verglichen.

Uns interessierte, ob sich die Antworten der Jugendlichen in ihrem Inhalt je nach Erhebungsmethode unterscheiden. Dies ist, wie der Methodenvergleich gezeigt hat, nur in sehr geringem Ausmaß der Fall. Es deutet sich lediglich an, dass die Auskunftsbereitschaft zu persönlich sensiblen Themen im Telefoninterview im Vergleich zu den beiden schriftlichen Methoden etwas geringer ist. Allerdings hat sich gezeigt, dass mündliche Verfahren wie das Telefoninterview den Vorteil haben, dass durch die unmittelbare Kontrolle durch einen Interviewer weniger Fragen unbeantwortet bleiben, es also einen geringeren Item-Nonresponse gibt. Zudem entfällt beim Einsatz von Telefoninterviews die Problematik der mangelnden oder zumindest sehr unterschiedlichen Lesegeschwindigkeit und Leseverständnisses.

Da es keine substantiellen Effekte der drei untersuchten Erhebungsmethoden auf das Antwortverhalten der Jugendlichen gab, ist es auch unproblematisch, die Befragungstechnik während der laufenden Untersuchung zu wechseln. Nichts desto trotz, sollte ein Methodenwechsel im Allgemeinen nur vorgenommen werden, wenn er absolut notwendig ist. Diese Situation lag im Übergangspanel vor, da die Jugendlichen nach dem Verlassen der Schule nicht mehr im Gruppenverband befragt werden konnten und wir deshalb auf ein individuelles Verfahren umsteigen mussten. Dabei bot sich das Telefoninterview eher an als ein postalisches Verfahren per Fragebogen, da die Rücklaufquoten hier erfahrungsgemäß sehr gering sind.

Es ist sicher nicht leicht, die Antwortbereitschaft bei den Jugendlichen über Jahre hinweg zu erhalten?

Mit ihrer Frage sprechen sie das Stichwort „Panelpflege“ an. Der erste Schritt ist, bei den Jugendlichen überhaupt die Bereitschaft zur Teilnahme zu wecken. Dazu ist es zwingend notwendig, dass den Jugendlichen der Sinn der Erhebung einsichtig ist. Zudem kann man durch die Verlosung von Sachpreisen einen weiteren materiellen Anreiz zur Teilnahme setzen. Der zweite Schritt ist, die entstandene Teilnahmebereitschaft zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Daher bekommen die Jugendlichen, die im Übergangspanel mitmachen, regelmäßig nach jeder Befragungswelle ein kurzes Feedback über die Hauptergebnisse. In dieser schriftlichen Rückmeldung werden zentrale Ergebnisse jugendgerecht aufbereitet und dargestellt. Die Jugendlichen werden so vom „Datenlieferanten“ zum „Datenempfänger“.

Und dann ist es natürlich notwendig, eine für die Jugendlichen attraktive Erhebungsmethode mit einem hohen Motivierungspotenzial einzusetzen.

Wie viele Jugendliche sind Ihnen seit der Basiserhebung „verloren“ gegangen?

Die meisten Jugendlichen haben wir von der Basiserhebung zur ersten Folgebefragung verloren. Dies waren Jugendliche, die von Anfang an nicht zur Teilnahme an den weiteren Erhebungswellen bereit waren. Seitdem verlieren wir von Welle zu Welle zwischen 2% und 9%. Das sind angesichts unserer besonderen Zielgruppe sehr wenige. In der bislang letzten Erhebung im November 2006 haben noch 1688 Jugendliche teilgenommen.

In Paneldesigns, d.h. der wiederholten Befragung der identischen Personen stellt sich immer die Frage nach möglichen Veränderungen in der Stichprobenzusammensetzung infolge des Ausfalls von Teilnehmern. Fallen mehr Mädchen weg als Jungen, oder mehr Jugendliche mit als ohne Migrationshintergrund? Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Panelausfälle sorgfältig methodisch analysiert. Erfreulicherweise zeigt sich, dass das Ausmaß an Verzerrungen relativ gering ist. Wir finden in geringem Ausmaß ein erhöhtes Ausscheiden von deutschen Jugendlichen und eine geringere Verweigerungsneigung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Es ist allerdings möglich, dass künftig mit zunehmender Differenzierung der Entwicklungswege der befragten Jugendlichen ein so genannter Erfolgsbias entsteht. Das würde bedeuten, dass die im Übergang erfolgreichen Jugendlichen eher dabei bleiben und die weniger erfolgreichen nicht mehr mitmachen. Wir werden in Zukunft genau prüfen, ob es zu einer solchen Entwicklung kommt, um dann methodisch angemessen darauf zu reagieren.

Die Ergebnisse der ersten Wellen sind publiziert und Sie haben sie auf vielen Veranstaltungen vorgestellt. Wie ist die Resonanz?

Die Rückmeldungen sind oft sehr positiv. Mit den Ergebnissen des Übergangspanels treffen wir genau die zurzeit hochaktuelle Diskussion um die Chancen von HauptschulabsolventInnen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.

Ein besonders großes Interesse gibt es häufig seitens der Städte. Übergangspolitik, d.h. die Förderung und Unterstützung von Jugendlichen in den Jahren zwischen Schule und Erwerbsarbeit liegt zu großen Teilen in der Hand der Kommunen. Um die Angebote der  Übergangspolitik vor Ort zu überprüfen und weiterzuentwickeln, sind Daten, wie die des bundesweiten Übergangspanels auf regionaler Ebene für die Kommunen als Planungsdaten hochinteressant. Aus diesem Interesse der Städte sind inzwischen fünf kommunale Ableger des Übergangspanels entstanden.

Wie gehen Sie bei den „Panel-Ablegern“ methodisch vor?

Das Konzept der kommunalen Panels ist dem Übergangspanel sehr ähnlich. Wir führen eine Ersterhebung in den Abschlussklassen der Förder-, Haupt- und Sekundarschulen durch und wollen die Jugendlichen dann bis ins zweite Übergangsjahr begleiten.

Anders als in der bundesweiten Studie haben wir hier aber die Möglichkeit, echte Vollerhebungen durchzuführen. Das bedeutet, dass wir alle Förder-, Haupt- und Sekundarschulen der jeweiligen Stadt in die Untersuchung einbeziehen. In einigen Städten ist uns das zu 100% gelungen, in anderen konnten sich einzelne Schulen nicht zur Teilnahme entschließen. Insgesamt können wir mit dem Design der Vollerhebung ein sehr exaktes Bild der Situation der Jugendlichen in den Städten zeichnen.

Frau Reißig, Sie betreuen die Panels in den neuen Bundesländern. Ich dachte, dort gibt es gar keine Hauptschulen?

Tatsächlich gibt es in den neuen Bundesländern keine separaten Hauptschulen, aber es gibt dennoch Hauptschülerinnen und Hauptschüler. In der Tradition der Polytechnischen Oberschulen, die Jugendliche maximal bis zur Mittleren Reife führte, sind in den neuen Bundesländern im Sekundarbereich Schulen entstanden, in denen Real- und Hauptschulzüge unter einem gemeinsamen Dach existieren. Das erleichtert die Wechsel zwischen den beiden Sekundarschulzügen. Die bisherigen Untersuchungen der kommunalen Panels in den vier ostdeutschen Kommunen haben deutlich gemacht, dass lediglich ein relativ geringer Teil der Jugendlichen einen Hauptschulabschluss, aber ein großer Teil einen Realschulabschluss anstrebt.

Nicht zuletzt aufgrund der regionalen Gegebenheiten (z.B. eine höhere Jugendarbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern im Vergleich zu den alten) ist davon auszugehen, dass sich die Übergänge aus der Schule in Ausbildung und Beruf sowohl für die HauptschulabsolventInnen als auch für die RealschulabsolventInnen schwierig gestalten können. Vor allem auch aus diesem Grund richtet sich der Blick der kommunalen Panels in den neuen Bundesländern nicht nur auf die Haupt- und FörderschülerInnen.

Frau Gaupp, wie ist derzeit der Stand bei den kommunalen Studien und gibt es schon erste Ergebnisse?

Nachdem wir mit den kommunalen Panels erst in diesem Frühjahr begonnen haben, liegen gerade die ersten Ergebnisse der Basiserhebung im letzten Schuljahr vor. Es geht um die Frage, wie die Jugendlichen auf das Verlassen der Schule vorbereitet werden, in welcher Form in den Schulen Berufsorientierung stattfindet und welche Pläne die Jugendlichen für die Zeit nach der Schule haben.

Diese Ergebnisse stellen wir zurzeit in den fünf Kommunen vor. Anhand der Ergebnisse entwickeln sich spannende und konstruktive Diskussion zwischen den an der Übergangspolitik beteiligten Institutionen wie Schulämter, Jugendämter, Arbeitsagenturen, ARGEn und Träger der Jugendhilfe. Aus diesen Diskussionen werden sicher Anstöße für die Weiterentwicklung der Übergangspolitik vor Ort entstehen. Und dies kommt schließlich den Jugendlichen zugute.

Frau Dr. Gaupp, Frau Reißig, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Kontakt:

Dr. Nora Gaupp, DJI

Birgit Reißig, DJI Halle


DJI Online / Stand: 1. Juli 2007

bearbeitet von
letzte Änderung: 02.07.2007 12:19

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