Blick von Außen IIvon Birgit Berendes, Schulleiterin an der Möhnesee-Schule, Gewinner des Hauptschulpreises 2007Die Rolle der Lehrenden an den Hauptschulen
Der Erfolg eines gegliederten Schulsystems ist nur so gut, wie die qualitative Arbeit jedes einzelnen Schultyps es ermöglicht. Stellt man – wie es zur Zeit in zahlreichen Bildungsdebatten geschieht – ein Teilsystem in Frage, muss man in Konsequenz auch die Zukunft der anderen Säulen des Systems überdenken, damit das Bildungsangebot nicht in eine Schieflage gerät. Denn die Schülerinnen und Schüler, die eine Hauptschule besuchen, werden durch derartige Diskussionen nicht zu anderen „Lerntypen“ und können nicht beliebig und folgenlos verschoben werden. Aus der Sicht der Lehrenden an der Möhnesee-Schule, Gemeinschaftshauptschule der Gemeinde Möhnesee, wird die Hauptschuldiskussion sehr einseitig auf der Grundlage von Negativbeispielen geführt. Die große Zahl gut funktionierender Hauptschulen im ländlichen Bereich taucht bisher selten – zumindest nicht im argumentativen Bereich – auf. Wir stehen für gute, sinnvolle und damit gesellschaftlich wichtige Schularbeit, deren „Abgesang“ zur Zeit und in nächster Zukunft nicht aufgefangen werden kann. Unser klares Ziel ist es, die uns anvertrauten Schülerinnen und Schüler „fit“ zu machen für den Übergang in eine Ausbildung oder in eine passende schulische Weiterbildung. Schwerpunkte der Arbeit an unserer Hauptschule Mit der Stärkung der Schülerpersönlichkeit beginnen wir im 5. Schuljahr. Ein kleines Lehrerteam begleitet die Kinder, so dass die Entwicklung des Lern- und Sozialverhaltens in ständiger Absprache begleitet wird. Der Aufbau der „Starken Seiten“ einer Schülerin/eines Schülers ist für die betreuenden Lehrerinnen und Lehrer eine positive Erfahrung, die das Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrenden verstärkt zum Miteinander führt. Zahlreiche Verantwortungsprojekte geben unseren Schülerinnen und Schülern im Laufe ihrer 6-jährigen Schulzeit Gelegenheit, sich im außerunterrichtlichen Bereich zu bewähren und Fähigkeiten und Fertigkeiten unter Beweis zu stellen. Lob und Anerkennung erhalten die Beteiligten von den Lehrerinnen und Lehrern sowie durch Schulzertifikate von der Schulleitung. Den Lebensraum Schule gestalten wir an der Möhnesee-Schule sehr bewusst. Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer bleiben mit ihren Schülerinnen und Schülern über mehrere Jahre in einem Klassenraum, den sie nach ihren Bedürfnissen passend zu den Unterrichtseinheiten gestalten. Materialien für selbstständiges Lernen schaffen hier die Grundlage für methodische Vielfalt. Flure und Aufenthaltsräume geben anhand von Schülerarbeiten einen guten Einblick in die projekt- und praxisorientierte Arbeit unserer Schule. Auch für Schulgarten, Gewächshaus und Pavillon übernehmen Schülerinnen/Schüler gemeinsam mit Lehrerinnen/Lehrern Verantwortung. Die bewusste, individuelle Betreuung der Schullaufbahn unserer Schülerinnen und Schüler gehört zum Kernbestandteil der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer. An unserer Schule gilt deshalb das durchgängige Klassenlehrer/-innenprinzip. Aus der „Starke Seiten-Mappe“ (Klasse 5-7) und dem „Stärken und Interessen-Zukunftsseminar“ (Klasse 8) ergeben sich berufliche Richtungen, die wir durch gezielte Praktikumssuche und Aufzeigen notwendiger schulischer Voraussetzungen fördern. Durch die Unterstützung von Kooperationsbetrieben erhalten wir die Möglichkeit, Schülerinnen und Schülern zusätzliche Projektangebote zur persönlichen Qualifizierung zu machen. Ein hauseigenes, komplett für berufsorientierende Maßnahmen eingerichtetes Zentrum bildet das Herz der Begleitung für Schülerinnen und Schüler im Jahrgang 9 und 10. Unser Projektleiter für Berufsorientierung steht hier täglich in einzelnen Pausen oder Stunden und nach Vereinbarung bereit. In jahrgangsbezogenen Teilkonferenzen entwickelt er mit den zuständigen Lehrerinnen und Lehrern die jeweils nächsten Schritte im Rahmen unseres besonderen Profils, der Berufsorientierung. In Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur führen die Klassenlehrerinnen/Klassenlehrer Eltern-, Schülergespräche über den weiteren schulischen oder ausbildungsbezogenen Werdegang. Das Einfordern und Erreichen fachlicher Kompetenzen gehört zur Basisarbeit als Grundbildung für sehr verschiedene Berufsfelder. Nicht erst seit den zentralen Überprüfungen in Klasse 8 und 10 setzen sich die Lehrerinnen und Lehrer für den Erhalt und Ausbau guter Lernergebnisse ein. Schuleigene Standards werden in den Jahrgängen verbindlich gefordert und mit vergleichbaren Schulen abgeglichen. Rückmeldungen von Kooperationspartnern fließen in den Unterricht ein. Die regelmäßige Arbeit der Fachkonferenzen garantiert ein einheitliches, transparentes Leistungsniveau. Ohne Einbeziehung der Eltern können Lehrerinnen und Lehrer ihre Erziehungs- und Bildungsarbeit nicht effektiv gestalten. Zahlreiche – oft Zeit intensive – Gespräche sind unerlässliche Bausteine einer gemeinsamen Begleitung der Schülerinnen und Schüler, die nicht von gegenseitiger Schuldzuweisung, sondern von der Erkenntnis beiderseitiger Verantwortung getragen sind. Es gilt in vielen Fällen, Defizite in den Bereichen Wertevermittlung und allgemeine Anforderungen an Erziehung aufzuarbeiten. Hier ist die „gerechte Gemeinschaft“ der Lehrenden gefragt, die diese langfristigen Ziele nur gemeinsam verwirklichen kann. Eltern unterstützen die schulische Arbeit nicht nur bei Festen und Feiern, bei der Planung und Durchführung unseres Schüleraustauschprogramms mit einer polnischen Schule oder Klassenfahrten sondern auch bei Unterrichtsprojekten und berufsorientierenden Maßnahmen. Die Möhnesee-Schule ist stark verankert in der Gemeinde und in der Region. In der regionalen Vernetzung zu leben und zu handeln, ist wesentlicher Teil des Schulprofils. Lehrerinnen und Lehrer beziehen die örtlichen Gegebenheiten, Kontakte und Möglichkeiten in ihre unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Planungsschritte ein. Kurze Wege zur Verwaltung und zum Gemeinderat, offene Türen bei regionalen Unternehmen, Unterstützung seitens der Mitbürger geben der Schule Rückenwind. Voraussetzungen für erfolgreiche Hauptschularbeit aus unserer Sicht Wenn die Lehrenden über die besonderen Voraussetzungen, Grenzen und Möglichkeiten sowie Notwendigkeiten und Herausforderungen bezüglich ihrer Schule Konsens geschaffen haben, wenn Schüler und Eltern, Schulkonferenz und Gemeinde diese Schwerpunkte und Zielvorgaben als wesentliche Aspekte der Schulentwicklung erkennen, dann kann die Schule ein eigenes typisches Profil erstellen, das die allseits anerkannte Grundlage ihrer Arbeit bildet. Ein solches Schulprofil zieht sich wie ein Leitfaden durch alle Bereiche schulischer Arbeit, schafft Synergieeffekte, stärkt die Identifizierung mit der Schule und das Wir-Gefühl und erleichtert manchen Entscheidungsprozess. Je nach regionalen Voraussetzungen werden Hauptschulen andere Notwendigkeiten und Möglichkeiten erkennen und dementsprechend ihr Profil bilden. So wird sich erfolgreiche Hauptschularbeit unterschiedlich gestalten und ist zu messen an der positiven Weiterentwicklung im Hinblick auf die angestrebten Ziele. Hauptschularbeit hat eine deutliche pädagogische Verpflichtung. Der Lehrende muss den „ganzen“ Schüler in seine Arbeitsplanung einbeziehen. Also ist Teamarbeit im Kollegium tägliche Praxis. Der Lehrer als Einzelkämpfer ist kein Garant für effektives, erfolgreiches Handeln und erlebt viel stärker Frustrationen und Grenzerfahrungen. Die Vielfalt der Lehrerinnen- und Lehrerpersönlichkeiten schafft Ideenreichtum und Lebendigkeit, genauso notwendig ist aber der Konsens im Hinblick auf Schulprogramm und Schulentwicklung sowie die gemeinsame Umsetzung von Konferenzbeschlüssen und geltenden Regelwerken. Die Rolle der Schulleitung ist vor allem eine lenkende. Sie sollte geprägt sein von einer deutlichen Nähe zu allen Beteiligten. Hauptschulen sind in der Regel überschaubare Einheiten (Möhnesee-Schule: 265 Schülerinnen/Schüler) und können diese Voraussetzung bewusst als Arbeitsgrundlage nutzen. Jedes Kind zu kennen, heißt, kaum Anonymität aufkommen zu lassen. Aufgrund der Schülerzahlen sind Schulleitungen an Hauptschulen immer auch Lehrende – oft mit einer respektablen Stundenzahl. Erziehen, bilden, beurteilen, verwalten, gestalten stellen eine Mehrfachbelastung dar, deren Umfang enorme Einsatzbereitschaft verlangt. Der Einblick in alle schulischen Bereiche ermöglicht andererseits bessere Einsicht in die Belange von Lehrenden und Lernenden und stärkere Förderung notwendiger Entscheidungsprozesse. Die Unterstützung neuer Ideen einzelner Kollegen oder einer Kollegengruppe und Offenheit gegenüber Kooperationsangeboten aus der Region bringen Hauptschularbeit voran – auch eingedenk des Risikos, dass nicht jeder innovative Schritt kurzfristig zu Erfolgen führt und Umgang mit Widerstand ein wichtiges Thema wird. Ein hohes Maß an Transparenz und eine ausgeprägte Gesprächskultur helfen allen Beteiligten, Ängste zu überwinden und sich auf Veränderungen einzulassen. Die Beteiligung an Schulnetzwerken gibt Lehrenden Gelegenheit, sich über positive und negative Erfahrungen aus ihrem Arbeitsalltag auszutauschen und neue Erkenntnisse in die eigene Schularbeit einfließen zu lassen. Wichtig bei der Netzwerkarbeit ist die Teilnahme des Kollegiums und nicht nur die der Schulleitung. Eine solche Zusammenarbeit kann auf regionaler Ebene geschehen – Schulform übergreifend oder Schulform immanent und startet sinnvollerweise mit einem Schwerpunkt (Aufnahme in die Klasse 5; Strategien zum Lernen lernen u.ä.), zu dem sich die betroffenen Kolleginnen und Kollegen zusammenfinden. An zentraler Stelle im erfolgreichen Schulentwicklungsprozess steht aber immer der Lehrende. Im Hauptschulbereich ist ein großes Interesse an der Entwicklung der einzelnen Schülerpersönlichkeit Voraussetzung und Grundlage für das Maß an beruflicher Zufriedenheit, das der Lehrende in einem Beruf dringend benötigt, der täglich hohe Professionalität und Ich-Stärke erfordert. Fachliche und erzieherische Aspekte zählen gleichermaßen zu den Anforderungen, wobei der pädagogische Einsatz oft überwiegt. Die Persönlichkeit der Lehrenden wird von Schülerinnen und Schülern stark wahrgenommmen. Vor allem in der Funktion der Klassenlehrerin/des Klassenlehrers ist sie/er Bezugsperson und Orientierungshilfe in Zeiten fehlender verlässlicher Familienstrukturen. Klare Absprachen und Zielvereinbarungen eröffnen Hauptschülerinnen und Hauptschülern Wege und Chancen zu einem passenden zukunftsweisenden Schulabschluss. Diesen Prozess maßgeblich zu steuern und zu begleiten, bedeutet sinnvolle, erfolgreiche, von Schülern und Eltern geschätzte Arbeit zu leisten, die von Politik und Gesellschaft eine stärkere Würdigung verdiente. Schule kann sich nur soweit bewegen und verändern, wie der gesetzliche Rahmen es zulässt. Mehr Spielräume hinsichtlich der Entwicklung und Ausarbeitung des Schulprofils könnten für viele Hauptschulen bei der Umsetzung zukunftsfähiger Konzepte hilfreich sein – auch im Hinblick auf die Standortsicherung. Birgit Berendes (Jg. 1949) ist seit 1976 Lehrerin mit den Schwerpunkten Berufsvorbereitung, Sozialisationskomponenten, pädagogische Schulentwicklung, Moderatorin für Schulprogrammentwicklung und seit 2001 Rektorin der Möhnesee-Schule in Nordrhein-Westfalen. Sie zeichnet verantwortlich für Fortbildungsveranstaltungen im Bereich Berufsorientierung für Mädchen sowie den Ausbau des Schulprofils „Stärkung der Schülerpersönlichkeit / Übergang Schule-Beruf“ und war bis 2003 Mitglied der Stadtteilkonferenz sowie des Jugendhilfeausschusses. Kontakt Birgit Berendes Links Möhnesee-Schule Kurzfilm: Möhnesee-Schule als Bundessieger des Hauptschulpreises 2007 (.wmv-Format; Sie benötigen zur Ansicht den Windows MediaPlayer oder ein anderes geeignetes Abspielprogramm) Der Hauptschulpreis wird im Rahmen der Initiative Hauptschule von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände verliehen. DJI Online / Stand: 1. Juli 2007 |