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Thema 2007/07: Hauptschulen in Deutschland - Ein Auslaufmodell oder besser als ihr Ruf?

DJI-Projekt - Thema 2007/07: 	Hauptschulen in Deutschland - Ein Auslaufmodell oder besser als ihr Ruf?

Blick von Außen I

von Dr. Donate Kluxen-Pyta, Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)

Was wünscht sich die Wirtschaft von der Hauptschule?

Schulabgänger aus dem Bildungsgang Hauptschule bilden nach wie vor einen großen Teil der Auszubildenden und Fachkräfte in den Unternehmen. Die Arbeitgeber brauchen ausbildungsreife und -willige Hauptschulabsolventen. Allerdings lässt die Qualität der Schulbildung oft zu wünschen übrig: Es mangelt vielfach an Grundwissen, an Kulturtechniken, auch an bestimmten Einstellungen - und damit an Ausbildungsreife. Unsere Schulen und vor allem die Hauptschulbildungsgänge müssen dringend besser werden.


Kompetenzorientierung im Unterricht

Stellen die Betriebe nicht zu hohe Ansprüche an die Hauptschülerinnen und -schüler? So wird es den Arbeitgebern nicht selten vorgeworfen. Die Erwartungen der Wirtschaft an das Können und Wissen der Hauptschulabsolventen sind aber keineswegs überdimensioniert. In Baden-Württemberg haben die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie (Südwestmetall) und das Kultusministerium, wissenschaftlich begleitet durch die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, systematisch die Anforderungen der Betriebe an ihre Ausbildungsplatzbewerber aus der Hauptschule mit den Anforderungen der Hauptschulabschlussprüfungen verglichen. Es stellte sich heraus, dass diese Anforderungen weitgehend deckungsgleich waren, ja dass die Anforderungen der Betriebe bei ihren Einstellungstests und -gesprächen sogar eher unter dem lagen, was die Schüler bei ihren Abschlussprüfungen leisten mussten und geleistet hatten. Auch ein wissenschaftlicher Abgleich des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Landesarbeitgeberverbände 2003 zeigte eine hohe, ja fast vollständige Übereinstimmung der Lehrpläne aller Bundesländer mit den Inhalten, die aus Sicht der Wirtschaft erforderlich sind und sich in den Umfragen bei Betrieben als Erwartungen herausgeschält hatten.

Die Schulabgängerinnen und -abgänger müssten also am Ende ihrer Schulzeit ein adäquates Wissen und Können haben – haben es zum Teil durch ihre erfolgreichen Schulabschlüsse sogar bereits demonstriert -, das sie aber bei den Betrieben nicht vorweisen konnten. Der Grund wurde in der baden-württembergischen Untersuchung rasch gefunden: Es fehlte den Jugendlichen an der Fähigkeit, den gelernten Stoff jenseits der üblichen Schulaufgaben in außerunterrichtlichen Situationen, in einer neuen Fragestellung und einem anderen Zusammenhang anzuwenden. Dies bestätigen auch Betriebe immer wieder: Jugendliche, die sich im Unterricht oder schulischen Leistungsüberprüfungen durchaus bewährt haben, sind dennoch oft nicht zum Transfer des Gelernten in die betriebliche Wirklichkeit in der Lage. Der Schulstoff kann nicht produktiv angewandt werden und er „sitzt“ in der Regel nicht. Bezeichnend dafür war es, dass in Umfragen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) die Betriebe mehr Wert auf „selbstständiges Lernen“ legten, als dies in den Landescurricula angelegt oder zumindest erkennbar war.

Diesen Zusammenhang bestätigen die großen Vergleichsstudien wie PISA und TIMSS: Den getesteten Schülern fehlte es meistens an anwendbarem Wissen, an Transfer- und Problemlösefähigkeit, sprich an wirklichen Kompetenzen. Genau diese Transferfähigkeit ist aber für die Unternehmen wichtig, ja entscheidend. Im Mittelpunkt des Unterrichts, gerade in der Hauptschule, muss daher nach Meinung der Arbeitgeber ein Lernen stehen, das von Anfang an auf Anwendungsfähigkeit und Praxisorientierung setzt. Nicht das Abhaken von Stoff und Erledigen der dazu gehörigen Aufgaben und Prüfungen ist entscheidend, sondern das Entwickeln von Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern. Dies ist eine Forderung, die in der Konsequenz tief greifende Auswirkungen für die Systematik des Lernens und Lehrens in der Hauptschule hat. Der Unterricht ist das Herzstück der Schule, und eine deutliche Qualitätsverbesserung der Hauptschulleistungen wird erst mit einer Revision der weitgehend üblichen Unterrichtsschemata und ihrer Lehr-Lern-Struktur gelingen.

Das eigenständige Lernen der Kinder und Jugendlichen, initiiert, begleitet und kontrolliert durch die Lehrkräfte, muss dabei im Mittelpunkt stehen. Selbst erarbeitetes und ausprobiertes Wissen und Können „sitzt“ besser und schult die Anwendungs- und Problemlösefähigkeit. Die Wirtschaft wünscht sich von der Hauptschule daher eine Qualitätsverbesserung vor allem des Unterrichts. Die Hauptschule Weinbergerstraße im bayerischen Neumarkt und die Martinus-Schule in der Mainzer Innenstadt, Träger des Hauptschulpreises 2007 bzw. 2005, sind Beispiele für Schulen, in denen ein solcher innovativer Unterricht bereits praktiziert wird, der das eigenverantwortliche Lernen der Schülerinnen und Schüler zum Dreh- und Angelpunkt macht und die gesamte Schulorganisation darauf abstellt.

Dafür brauchen die Lehrkräfte an der Hauptschule allerdings eine Aus- und Fortbildung, die es ihnen ermöglicht, den Unterricht im Sinne eigenständigen Lernens der Schüler zu gestalten. Dass die Lehrerbildung ihnen dieses methodisch-didaktische Know-how nicht oder zu wenig mitgibt, wird heute nicht mehr bestritten. Lehrkräfte brauchen eine Aus- und Fortbildung, die wissenschaftlich fundiert ist und dem Stand der Lehr-Lern-Forschung entspricht, die aber ebenso praxisnah konzipiert ist und ihnen konkrete Hilfen und Instrumente an die Hand gibt, ihren Unterricht weiter zu verbessern und die Schülerinnen und Schüler individuell und optimal zu fördern. Im Schulalltag können sich die Lehrkräfte auch gegenseitig effektiv unterstützen: In erfolgreichen Hauptschulen sind systematische Besprechungen und Beratungen der Lehrkräfte, gegenseitige Unterrichtsbesuche oder Teamteaching bis hin zur Supervision oder zum Coaching selbstverständlich. Eine gezielte Personalführung und -entwicklung durch die Schulleitung muss hinzukommen. Dafür ist eine größere Selbstständigkeit der Schule und eine Ausweitung der Kompetenzen der Schulleitung allerdings Voraussetzung, wie sie leider noch keineswegs überall üblich ist.

Ein „Wunsch“ der Wirtschaft ist aber ebenso die Stärkung der persönlichen und sozialen Kompetenzen der Jugendlichen. Insbesondere die Konzentrationsfähigkeit und das Durchhaltevermögen sind persönliche Fähigkeiten, die für die erfolgreiche Arbeit im Betrieb notwendig sind, an denen es aber immer öfter mangelt und die schon in der Schule gefördert werden können und müssen.

Wo Menschen zusammenarbeiten, zusammenwirken und – einen großen Teil des Tages – sogar zusammenleben, sind das persönliche Verhalten und die Art des Umgangs miteinander von zentraler Bedeutung. Wo ein Produkt oder Werk im Zusammenspiel der Mitarbeiter hergestellt wird, wo ein Kunde bedient wird, wo eine Dienstleistung für andere Menschen erbracht wird – da sind Zuverlässigkeit und Sorgfalt, Freundlichkeit und Höflichkeit, Kommunikations-, Konflikt- und Teamfähigkeit elementar für das Gelingen. Gerade an Hauptschulen sind heute immer mehr Kinder und Jugendliche zu finden, die aus ihren eigenen Familien in dieser Hinsicht wenig mitbekommen, so dass die Vermittlung dieser elementaren sozialen Kompetenzen in neuem Maße zu einer Aufgabe der Schule geworden ist und dies auch bleiben wird. Die Erziehung der jungen Menschen zu selbstständigen und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten und die Wertevermittlung sind daher wichtige Aufgaben der Schule, bei der die Hauptschule oft in besonderem Maße gefordert ist. Im Rahmen des Preises „Werteerziehung an Hauptschulen“, den die Alfred Toepfer Stiftung FVS und die BDA gemeinsam ausgeschrieben und verliehen haben, sind uns viele gute, ja hervorragende Beispiele dafür begegnet, wie Kinder und Jugendliche im Schulleben Verantwortung und Eigenständigkeit lernen und eine Werteorientierung entwickeln können.

Berufsorientierung als Profil der Hauptschule

Markenzeichen der Hauptschule und ihr „Alleinstellungsmerkmal“ unter den Schulformen ist die starke Berufsorientierung. Sie ist an keiner allgemein bildenden Schule so intensiv und praxisnah wie im Bildungsgang Hauptschule. Begleitung und Beratung beim Berufswunsch, Berufserkundungen, Betriebsbesichtigungen, Praktika in Betrieben, Unterricht in Arbeitslehre und anderes mehr sind an den Hauptschulen gang und gäbe. Dennoch gibt es auch in diesem Bereich erhebliche Qualitätsunterschiede. Die Berufsorientierung muss und kann schon sehr früh anfangen, zum Beispiel mit den ersten Berufserkundungen und Selbsteinschätzungen gleich zu Beginn des Bildungsgangs Hauptschule. Die Berufsorientierung gelingt zudem besser, wenn sie systematisch strukturiert ist und die vielen verschiedenen Aspekte der Berufsfindung umfassend aufgreift. Entscheidend ist auch, dass die Berufsorientierung in der Schule nicht nur einem einzelnen Lehrer oder einem kleinen Lehrerteam als „Spezialfeld“ überlassen und isoliert bleibt, sondern das gesamte Lehrerkollegium die Aspekte der Berufsorientierung aufgreift und abgestimmt zusammenarbeitet.

Praktika dürfen nicht im luftleeren Raum stehen oder nur als erledigt abgehakt werden, sondern müssen gut vor- und nachbereitet sein und die Erfahrungen damit intensiv ausgewertet werden. Die Kooperation mit Betrieben unterschiedlichster Art ist notwendig und muss kontinuierlich stattfinden, auch mit kontinuierlichen Gesprächspartnern. Die Zusammenarbeit mit der betrieblichen Praxis ist geradezu das „Geheimnis des Erfolgs“ der Berufsorientierung und der Hauptschule insgesamt. Ein Großteil des Engagements der Betriebe bei der Berufsfindung und -vorbereitung der Jugendlichen wird gebündelt und befördert durch die Arbeit von SCHULEWIRTSCHAFT: Im Rahmen von rund 450 regionalen Arbeitskreisen initiiert und gestaltet SCHULEWIRTSCHAFT den Dialog und die Kooperation von Schulen und Betrieben. Diese Arbeit kann und muss in Zukunft sicherlich noch weiter intensiviert werden.

Immer wieder stellen Betriebe - und auch die Auszubildenden selbst - fest, dass sich Jugendliche falsche Vorstellungen vom Beruf gemacht haben oder sich auf einen bestimmten „Traumberuf“ fokussieren, von dem sie nicht ablassen, auch wenn ihnen die Eignung fehlt oder der Markt diesen Beruf am Zeitpunkt oder Ort der Suche nicht hergibt, statt sich nach Alternativen umzusehen. Aus rund 350 Ausbildungsberufen konzentrieren sich die meisten Jugendlichen auf die beliebtesten „top ten“ und haben in der Folge in einem derart eng gezogenen Segment weniger Chancen auf einen Ausbildungsplatz als nötig oder hängen an festgefahrenen oder unrealistischen Berufswünschen fest. Bei Besuchen in den Hauptschulen, die einen „Hauptschulpreis 2007“ erhalten haben, antworteten die Schüler auf die Frage von Jurymitgliedern nach dem Berufswunsch standardmäßig „Kfz-Mechatroniker“ und die Schülerinnen „Einzelhandelskauffrau“. Den Jugendlichen das breite Spektrum der Optionen nahe zu bringen und sie stets auch Alternativmöglichkeiten entwickeln zu lassen, ist eine wichtiger gewordene Aufgabe der Berufsorientierung an der Hauptschule.

Hinzu kommt die richtige Selbsteinschätzung der Jugendlichen – bei der Frage „Für welchen Beruf passe ich?“ kommt es nicht nur auf den Beruf, sondern auch auf das „Ich“ und seine Fähigkeiten und Interessen an. Bewerberprofil und Ausbildungsplatzprofil müssen zusammenpassen. Frühzeitige und systematische Potenzial-Analysen, wie sie zum Beispiel die Bundesagentur für Arbeit anbietet, Assessment-Center und andere Formen der Stärken-Schwächen-Diagnostik sind daher für die Schülerinnen und Schüler sehr wichtig.

Der Bundessieger beim „Hauptschulpreis 2007“, die Möhnesee-Schule aus dem Kreis Arnsberg in Nordrhein-Westfalen, hat ein sehr systematisches Konzept der Berufsvorbereitung entwickelt, bei dem die Entwicklung der Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler den ersten entscheidenden Baustein bildet. Schon die neuen Hauptschüler fangen an, eine persönliche Mappe mit allen positiven Leistungen, Eigenschaften und Aktivitäten zu füllen – die „starken Seiten“, wie es in der Möhnesee-Schule heißt. Der Ansatz bei den eigenen Stärken gibt den Hauptschülern dabei das Selbstvertrauen wieder, das sie durch die „Zuweisung“ auf diese Schulform oft verloren haben. Immer weiter kristallisiert sich in Stufen die berufliche Ausrichtung der Jugendlichen aus dieser ersten Potenzialanalyse heraus: Das „Sieben-Säulen-Modell“ der Berufsvorbereitung mit Information, Beratung, Förderung, Praktika, Bewerbung und Nachbetreuung der Jugendlichen an der Möhnesee-Schule ist vorbildlich. Großen Wert legt die Schule in den Praktika besonders auf Schlüsselkompetenzen – wie Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Höflichkeit. Die Übergangsquote in Ausbildung liegt in der Folge bei überdurchschnittlichen 64%. Vorausgegangen war der Neukonzeption eine detaillierte Analyse der wirtschaftlichen Struktur der Region und des langjährigen Verhaltens der Schulabsolventen bei der Ausbildungsplatzsuche und ihren Erfolgen.

Allerdings gibt es auch Hauptschulen, die vor einer detaillierten Berufsfindung erst einmal überhaupt den Willen zum Beruf bei ihren Schützlingen wecken müssen, wenn diese beispielsweise in einem Umfeld aufwachsen, in dem man auch ohne Arbeitsplatz „über die Runden“ kommen kann. Im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, vor allem der Medienberichterstattung, stehen oft eher solche und ähnliche Fälle, also Jugendliche mit Problemen, schwierigen Startbedingungen oder Verweigerungshaltung. Auch für sie erweist sich die Kooperation mit der betrieblichen Praxis als elementar, wenn nicht sogar als „Durchbruch“. Betriebe erleben die in der Schule unlustigen Jugendlichen oft als motivierte Praktikanten, die durch die persönliche Begegnung und die Bewährung bei der Arbeit dann auch eine neue, reale Chance auf einen Ausbildungsplatz haben. Gerade Schulverweigerer begreifen plötzlich, wozu das Lernen in der Schule gut ist, und verbessern sich in der Folge auch im Schulalltag. Für Jugendliche, bei denen sich in der Schullaufbahn abzeichnet, dass sie nicht ohne weiteres den Hauptschulabschluss schaffen werden, gibt es in vielen Bundesländern das Modell der Praxisklassen, bei denen die Schülerinnen und Schüler als Teil des wöchentlichen Stundenplans Praxistage im Betrieb verbringen. In schwierigen Fällen sind für die Betriebe dabei flankierende Maßnahmen hilfreich, zum Beispiel eine zusätzliche sozialpädagogische Begleitung der Jugendlichen.

Für den Erfolg der Hauptschularbeit sind natürlich noch weitere Faktoren notwendig, die nicht mehr in der Hand der Hauptschule selbst liegen. Dazu gehört die angemessene finanzielle und personelle Ausstattung, aber auch die Qualität der Unterstützung, die eine Schule durch die Schulaufsicht, die Fortbildungsangebote, durch die staatliche Seite erhält, auch die Unterstützung durch die Eltern, die Partner der Schule und die Kommunen sowie die „Vorarbeit“ in Kindergarten und Grundschule. Ebenso wichtig ist die Frage der Durchlässigkeit hin zu weiterführenden Schulformen und Abschlussmöglichkeiten. Die Entscheidung für den Bildungsgang Hauptschule muss eine Entscheidung für ein pädagogisches Konzept und klares Profil sein, nicht aber schon die Entscheidung für einen bestimmten Abschluss.


Dr. Donate Kluxen-Pyta, Jg. 1961, ist nach beruflichen Stationen an der Universität Bonn und in der CDU-Bundesgeschäftsstelle seit 1997 bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) tätig, seit 2003 als stellvertretende Leiterin der Bildungsabteilung. Sie ist Vorsitzende der "Initiative Hauptschule" und Jurymitglied beim "Hauptschulpreis" von Hertie-Stiftung, Robert Bosch Stiftung und BDA sowie beim Preis "Werteerziehung" von Alfred-Toepfer-Stiftung und BDA.


Kontakt:

Dr. Donate Kluxen-Pyta

 

DJI Online / Stand: 1. Juli 2007

bearbeitet von
letzte Änderung: 02.07.2007 12:19

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