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Thema 2007/07: Hauptschulen in Deutschland - Ein Auslaufmodell oder besser als ihr Ruf?

DJI-Projekt - Thema 2007/07: 	Hauptschulen in Deutschland - Ein Auslaufmodell oder besser als ihr Ruf?

Auf einen Blick

Die Hauptschule ist eine Schulart im Sekundarbereich I, die eine grundlegende allgemeine Bildung vermittelt - so lautet die offizielle Definition des Sekretariats der Kultusministerkonferenz.

Jedoch haben Negativschlagzeilen, die einzelne Schulen in den letzten Jahren machten, die Hauptschule insgesamt und die SchülerInnen, die diese Schule besuchen, in ein schlechtes Licht gerückt. Sie leiden besonders darunter, dass von Hauptschulen vielfach als „Brennpunktschulen“ die Rede ist, die Schulform als „Restschule“ diffamiert und der Hauptschulbesuch in der öffentlichen Wahrnehmung als Makel empfunden wird.

Die Diskussion um die Hauptschule ist Teil einer Strukturdebatte, die seit Jahren zwischen Gegnern und Befürwortern des dreigliedrigen deutschen Schulsystems geführt wird. Einzelne Bundesländer haben die Hauptschulen mittlerweile bereits abgeschafft, andere wollen sie hingegen durch Reformen aus dem Image-Tief herausholen und stärken.

Unabhängig von der mittel- und langfristigen Entwicklung muss jedoch im Interesse der SchülerInnen, die jetzt diese Schulen besuchen, gefragt werden, wie verhindert werden kann, dass sie Opfer einer Abwicklungsdebatte werden und was getan werden muss, um ihren Bildungsweg trotz allem fruchtbar zu gestalten.

1. Zahlen und Fakten: Die Hauptschule ein Auslaufmodell?

2. Die HauptschülerInnen: Null bock oder leistungsorientiert?

3. Der Unterricht: von Praktika bis Praxisklassen

4. Die Ganztagsschule: Chance für eine „neue“ Hauptschule?

5. Wie kann die Zukunft der Hauptschule aussehen?



1) Zahlen und Fakten: Die Hauptschule ein Auslaufmodell?

Die Hauptschule ist Ende der 1960er-Jahre aus der sogenannten Oberstufe der Volksschule hervorgegangen. Sie ist als allgemeinbildende weiterführende Schule Teil des dreigliedrigen Schulsystems. Die Hauptschule ist eine Schulart im Sekundarbereich I, die eine grundlegende allgemeine Bildung vermittelt. Sie umfasst in der Regel die Klassenstufen 5 bis 9 bzw. 10 im Bereich der Sekundarstufe I und wird mit dem Hauptschulabschluss abgeschlossen.

In den Bundesländern, in denen die Hauptschule als eigenständige Schulform existiert, gilt diese als Regelschule, muss also von den Schulträgern obligatorisch angeboten werden, d.h. sie ist Pflichtschule für alle schulpflichtigen SchülerInnen, die keine andere Vollzeitschule besuchen.

Lernziel Berufsvorbereitung

Der Unterricht der Hauptschule zielt auf die Berufsreife der SchülerInnen, er ist sehr stark praxisbezogen, handlungs- und methodenorientiert, ohne aber auf Wissenschaftsorientierung zu verzichten. Der Fächerkanon entspricht grundsätzlich dem der anderen Schulformen. Ausnahme: Das Fach Arbeitslehre wird verstärkt unterrichtet und ist in einigen Bundesländern Hauptfach anstelle der ersten Fremdsprache (in der Regel Englisch).

Neben der Vermittlung von schulfachlichen Inhalten soll den Jugendlichen insbesondere die Problematik der Berufsorientierung als lebenslanger Handlungs- und Entscheidungsprozess vermittelt werden. Im Mittelpunkt steht hierbei das Thema „Berufswahlvorbereitung“, das als Querschnittsaufgabe in verschiedenen Fächern bearbeitet wird. In der Regel wird nach erfolgreichem Besuch der 9. Klasse der Hauptschulabschluss vergeben. Dieser berechtigt zum Beginn einer beruflichen Ausbildung im Rahmen des dualen Ausbildungssystems, d.h. der parallelen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule.


Unterschiedliche Ausprägungen in den Ländern

Verweildauer, Fächerkanon, Ausprägung der Praxisinhalte, Abschlussvoraussetzungen, Prüfungen und Abschlüsse variieren dabei aufgrund der föderalen Struktur von Bundesland zu Bundesland. In immer mehr Ländern ist die Hauptschule als eigenständige Schulform abgeschafft oder soll abgeschafft werden oder aber sie ist, wie im Fall der neuen Bundesländer, gar nicht erst errichtet worden. Sie existiert dort jedoch weiterhin in Form eines teilintegrierten Bildungsganges, d. h. die Bundesländer müssen durch ihr Schulsystem sicherstellen, dass der Hauptschulabschluss erworben werden kann.

Im Saarland wurden die Hauptschulen durch die Erweiterten Realschulen ersetzt, in denen die SchülerInnen in den Klassen 5 und 6 gemeinsam unterrichtet und ab der 7. Klasse in den Haupt- bzw. Realschulzweig aufgeteilt werden. Einen ähnlichen Weg gehen Thüringen mit der Einführung der Regelschule, Sachsen mit der Errichtung der Mittelschule, Mecklenburg-Vorpommern mit der Einrichtung Regionaler Schulen. Sachsen-Anhalt und Bremen reagieren mit der Zusammenlegung des Haupt- und Realschulbildungsganges in sogenannten Sekundarschulen. Hamburg wird bis zum Jahr 2009 die Haupt-, Real- und Gesamtschulen in Stadtteilschulen zusammenführen. Dort kann der Hauptschulabschluss als integrierter Bildungsgang, aber auch nach 9 Jahren das Abitur erworben werden. Hessen soll laut Presseberichten erwägen, Haupt-, Real- und Gesamtschulen zusammenzulegen. Das hessische Kultusministerium dementierte den Bericht. Bayern und Berlin bereiten gerade den flächendeckenden Ausbau der Hauptschule in Ganztagsschulen vor.


Verteilung auf die Schularten

Was die Verteilung der SchülerInnen auf die unterschiedlichen Schulformen betrifft, wurde die Oberstufe der Volksschule (und in den folgenden Jahren auch die Hauptschule) vor 50 Jahren ihrem Namen noch durchaus gerecht: Etwa 80% der Siebentklässler in der alten Bundesrepublik Deutschland befanden sich damals in der Volksschule, 6% in der Realschule und etwas mehr als 13% im Gymnasium.

Heute zeigt sich ein anderes Bild: Laut Mitteilung des Statistischen Bundesamtes vom März 2007 sind Hauptschulen immer weniger gefragt. Im laufenden Schuljahr 2006/07 besuchen rund 953.000 SchülerInnen in Deutschland eine der ca. 5.000 Hauptschulen. Das sind 10% aller SchülerInnen in allgemeinbildenden Schulen. Seit dem Schuljahr 2001/02 ist die Zahl der Hauptschüler um 14,4% (- 161.000) gesunken.

Besuchten im Schuljahr 2001/02 noch 14% aller Schüler eine Hauptschule, so waren es 2006/07 nur noch 12%. Im selben Zeitraum ist der Anteil der SchülerInnen in Realschulen um 1,5 Prozentpunkte auf 16% gestiegen, der in Gymnasien um 3,7 Prozentpunkte auf 26%.

In den Bundesländern ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler in Hauptschulen - soweit sie eingerichtet sind - sehr unterschiedlich: Die Spanne reicht von 0,3% im Saarland und 0,7% in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 14% in Baden-Württemberg und 18% in Bayern.


DJI-Panel entdeckt keine „typischen“ HauptschülerInnen

Das DJI begleitet seit 2004 in einer Längsschnittstudie SchülerInnen auf dem Weg von der Hauptschule in die Arbeitswelt. Obwohl sie keine repräsentative Untersuchung zur Hauptschule ist, sondern vor allem die benachteiligten Jugendlichen im Blick hat, kann die Befragung Aufschluss über die Einstellungen der SchülerInnen geben, weil diese vorwiegend Hauptschulen besuchen.

Da die Zuordnung der Jugendlichen zu den unterschiedlichen Formen zum dreigliedrigen Schulsystems der Sekundarschule auf einer Auslese beruht, für die - wie die aktuellen PISA-Ergebnisse zeigen - ein maßgebliches Kriterium die soziale Herkunft ist, sind in der Hauptschule Kinder aus „bildungsfernen" Schichten sowie aus Zuwandererfamilien überproportional stark vertreten.

Jedoch zeigen die Ergebnisse des DJI-Übergangspanels, dass diese Schülerpopulation in ihren Merkmalen heterogener ist, als das Bild von der sogenannten Restschule vermuten lässt: Heterogen in Bezug auf vorgängige Schulbiografien, die soziale Einbindung in die Schule, verfügbare Ressourcen zur Bewältigung schulischer Anforderungen, Bildungs- und Ausbildungsziele, das Engagement im Freizeitbereich mit den damit einhergehenden Möglichkeiten informellen Lernens. D.h. in vielen Hauptschulklassen sitzen SchülerInnen an der Grenze zur Lernbehinderung neben durchschnittlich begabten und leistungsfähigen Jungen und Mädchen; Kinder und Jugendliche mit zufriedenstellender sprachlicher Kompetenz neben Jugendlichen mit geringem deutschen Sprachvermögen. Ebenso heterogen sind die familialen Hintergründe der SchülerInnen. Vielerorts unterscheiden sich die soziokulturellen Lebenslagen hinsichtlich ihres kulturellen bzw. ethnisch-religiösen Hintergrundes ebenso stark voneinander wie hinsichtlich der sozialen Situation innerhalb ihrer Familien. Diese Heterogenität verbietet es, an den Hauptschulen einen bestimmten Typus von Lern- oder Bildungsfähigkeit zu erwarten.


Durchlässigkeit des gegliederten Schulsystems

Politischer Wille ist es, die Schullaufbahn nach oben hin durchlässig zu gestalten, um HauptschülerInnen weiterführende Bildungschancen zu ermöglichen und damit das geringe gesellschaftliche Ansehen des Hauptschulbildungsganges zu verbessern.

Allerdings ist die Durchlässigkeit bei den Übergängen zwischen den verschiedenen Schularten derzeit vor allem abwärts gerichtet. Während in den neuen Ländern auf jeden Abwärtswechsel noch ein Aufwärtswechsel in eine höher qualifizierende Schulart kommt, liegt laut Nationalem Bildungsbericht das Verhältnis von Ab- und Aufstiegen in den alten Ländern bei 4:1.


Zu wenig Lehrstellen für HauptschülerInnen

Etwa 20% eines Altersjahrgangs gelten nach Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) als „bildungsarm“. Rund 10% eines Hauptschulentlassjahrgangs verlassen die Schule ohne Abschluss. Bei 20% bis 25% eines Altersjahrgangs ist nach PISA die berufliche Integration durch das (geringe) erreichte Kompetenzniveau gefährdet.

Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) waren Ende 2006 fast 50 000 Jugendliche ohne Lehrstelle. Besonders betroffen sind hier AbsolventInnen von Hauptschulen. In Zeiten knapper Ausbildungsplätze werden Realschüler und Gymnasiasten bei der Ausbildungsplatzvergabe bevorzugt berücksichtigt. Nur jede dritte Lehrstelle ist mit einem Hauptschüler besetzt. Mehr als die Hälfte der HauptschulabsolventInnen dreht deswegen Warteschleifen: Sie wiederholt die letzte Klasse oder besucht berufsvorbereitende Maßnahmen.

Dr. Frank Braun / Susanne John

2) Die HauptschülerInnen: Null Bock oder Leistungsorientiert?

Sind die HauptschülerInnen wirklich „RestschülerInnen“, die durch Lebensumstände, Orientierungen und Kompetenzen zwangsläufig vom Bildungs- und Ausbildungssystem abgekoppelt sind und von denen nicht viel zu erwarten ist? Oder gibt es doch Potenziale, die nur nicht gesehen und genutzt werden?

Vor diesem Hintergrund untersucht das „DJI-Übergangspanel“, wie motiviert und realistisch HauptschülerInnen den Übergang in das Berufsleben angehen. Diese Studie des Deutschen Jugendinstituts sucht Antworten vor allem auf folgende Fragen: Wie bereiten die HauptschülerInnen sich auf den bevorstehenden Wechsel in Ausbildung und Erwerbsarbeit vor? Zeigen sie eine Null-Bock-Haltung, oder sind sie trotz ihrer schlechten Startbedingungen motiviert? Resignieren sie angesichts drohender Schwierigkeiten beim Übergang, oder treten sie dieser Entwicklungsaufgabe mit Engagement und Aktivität entgegen? Welche Pläne haben sie für die Zeit nach der Schule, und wie realistisch sind diese?


Das DJI-Übergangspanel

In der ersten Erhebung im März 2004 wurden knapp 4000 HauptschülerInnen im Alter von durchschnittlich 16 Jahren im letzten Pflichtschuljahr an Hauptschulen (oder Hauptschulzweigen an Schulen mit mehreren oder integrierten Bildungsgängen) befragt. 58 Prozent waren Jungen und 42 Prozent Mädchen. Über die Hälfte der befragten Jugendlichen stammt aus Zuwandererfamilien, jede/r vierte aus dieser Gruppe ist nicht in Deutschland geboren.


Motiviert statt teilweise schlechter Schulleistungen

Die Studie findet – nicht unerwartet – eine Reihe von Hinweisen auf schulische Probleme: Knapp die Hälfte hatten eine oder mehrere Klassen wiederholt, bei gut einem Viertel lag der Notendurchschnitt für die Fächer Mathematik und Deutsch bei Vier oder darunter. Diesen Schwierigkeiten stehen allerdings überwiegend positive Einstellungen zu Lerninhalten, Lehrkräften und MitschülerInnen sowie eine relativ hohe Schulzufriedenheit gegenüber. Die HauptschülerInnen kommen überwiegend gut mit ihren MitschülerInnen aus, fühlen sich von den Lehrkräften respektiert und gehen in der Regel gern zur Schule.


Ausbildungsziele

Welche Pläne haben die befragten Jugendlichen im März des letzten Pflichtschuljahres für die Zeit nach der Schule? Die Hälfte der SchülerInnen orientiert sich am „Königsweg“ in die Facharbeit: die Schule abschließen, eine Ausbildung machen, (erst) dann arbeiten. Ein Viertel plant, weiter zur Schule zu gehen, um über bessere Schulabschlüsse die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Dies ist zumindest der Plan der befragten HauptschülerInnen, in dem sie die Schule abschließen.

Allerdings ist bereits zu diesem Zeitpunkt vielen klar, dass es im unmittelbaren Anschluss nichts wird mit einer Ausbildung, sondern dass sich nach der Schule zunächst eine Berufsvorbereitung – in der Berufsschule oder in einer Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit – als Zwischenstation anschließen wird. Nur zwei Prozent wollen gleich nach der Schule arbeiten, ohne eine Ausbildung zu absolvieren. Nur jede/r Zehnte ist noch unentschlossen oder hat noch keine konkrete Vorstellung über den weiteren Weg. Dabei planen eher Jungen und Jugendliche deutscher Herkunft eine berufliche Ausbildung, während umgekehrt mehr Mädchen und Jugendliche mit Migrationshintergrund weiter zur Schule gehen wollen.

Insgesamt deuten die Bildungs- und Ausbildungsziele auf eine realistische Einschätzung der Lage: Die Jugendlichen wissen, dass Schulabschlüsse und berufliche Qualifikationen für das Gelingen des Übergangs in das Arbeitsleben wichtig sind. Bildung und Qualifizierung stehen im Mittelpunkt ihrer Zukunftspläne und ihr Ziel ist ein möglichst „normaler“ Verlauf dieses Übergangs.


Vorbereitung auf die Bewerbung

„Was kommt nach der Schule?“ Diese Frage beschäftigt die HauptschülerInnen stark und sie bereiten sich durch vielfältige Aktivitäten auf den Eintritt in Ausbildung oder Arbeit vor. Jeweils gut zwei Drittel der Jugendlichen haben in der Schule geübt, wie man Bewerbungsunterlagen erstellt und wie man sich in Bewerbungsgesprächen verhält. Jede/r Dritte übte mit den Eltern das Erstellen von Bewerbungsunterlagen und jede/r Fünfte das Auftreten in Bewerbungsgesprächen. Das oft behauptete Desinteresse der SchülerInnen konnte in der Untersuchung nicht festgestellt werden. 78 Prozent haben bereits persönliche Bewerbungsunterlagen erstellt und 63 Prozent schon Bewerbungen verschickt. Von denen, die sich beworben haben, haben knapp die Hälfte bis zu fünf Bewerbungen platziert. Zwischen sechs und zwanzig Bewerbungen haben rund 40 Prozent verschickt, mehr als 20 Bewerbungen gut jede/r Zehnte.


Viele suchen aktiv Unterstützung

Viele Jugendliche suchen das Gespräch mit Eltern, Lehrern, aber auch mit Freunden, um für sich zu klären, wie es angesichts eigener Leistungen, Fähigkeiten und Interessen und der realen Situation am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nach der Schule weitergehen kann. BerufsberaterInnen wurden von knapp der Hälfte als wichtige Gesprächspartner genannt, SozialpädagogInnen von etwa einem Viertel der Jugendlichen.


Fast jede HauptschülerIn absolviert Praktika

Fast alle Jugendlichen haben im Laufe ihrer Schulzeit mindestens ein Praktikum absolviert. Zwei Drittel haben zwei bis vier Praktika abgeleistet, jede/r Zehnte sogar fünf Praktika oder mehr. Etwa drei Viertel der Jugendlichen bewerteten ihre Praktika als wichtige Entscheidungshilfe für die berufliche Zukunft. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Jugendlichen Praktika für ihre eigene Berufsorientierung gezielt nutzen. Tatsächlich haben sechs von zehn Jugendlichen, die nach der Schule eine betriebliche Ausbildung begannen, im Ausbildungsbetrieb zuvor ein Praktikum absolviert. Bei den Auszubildenden ohne Schulabschluss war das eine unabdingbare Voraussetzung – fast 90 Prozent haben im Ausbildungsbetrieb zuvor als Praktikanten gearbeitet.


Insgesamt positive Einstellung zur Hauptschule

HauptschülerInnen sind also in ihrer Motivation, in ihrem Engagement und ihren Kompetenzen weit vielfältiger, als dies ihr Image als vermeintliche „Restschüler" vermuten ließe. Sie haben ein eher positives Verhältnis zur Schule und zum Lernen. Weitere Bildung und Qualifizierung im Anschluss an die Hauptschule haben für sie höchste Priorität. Sie planen ihre berufliche Zukunft realistisch und flexibel unter Einbeziehung ihrer Chancen auf dem Ausbildungsmarkt. Bei entsprechender Unterstützung entwickeln sie realistische Berufspläne, informieren sich über Berufsfelder sammeln Praxiserfahrungen und entwickeln Orientierungs- und Bewerbungsaktivitäten.

Sie werden dabei durch die Schule und Lehrkräfte unterstützt: eine wachsende Zahl von Hauptschulen unternimmt große Anstrengungen, alle Jugendlichen mindestens auf ein Kompetenzniveau zu bringen, das eine Basis für eine Berufsausbildung bildet. An einem Mangel an Motivation, Flexibilität und Lernbereitschaft auf Seiten der HauptschülerInnen sollte das nicht scheitern.

Dr. Nora Gaupp / Birgit Reissig

3) Der Unterricht: von Praktika bis Praxisklassen

In einer „Gemeinsamen Erklärung" hat im Januar 2005 neben den Partnern des „Nationalen Paktes für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland" (die Bundesregierung und die Verbände der Wirtschaft) auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz die fehlende Ausbildungsreife der SchulabgängerInnen thematisiert und einen verstärkten Beitrag der Schulen zur Verbesserung der Ausbildungsreife eingefordert. Ist dies eine Anerkennung der Tatsache, dass Jugendliche die Hauptschule abschließen, ohne „reif" für eine anschließende Berufsausbildung zu sein?

Offen bleibt, was die Gründe für die fehlende Ausbildungsreife der Hauptschülerinnen und Hauptschüler sein könnten. Hat sich die Vorbereitung auf eine Ausbildung in der Hauptschule verschlechtert? Sind durch die Neuordnung von Ausbildungsberufen die Anforderungen an die BewerberInnen gestiegen? Haben sich die sonstigen Rahmenbedingungen der betrieblichen Ausbildung so verändert, dass neue Anforderungen an die Ausbildungsreife der BewerberInnen gestellt werden?


Berufsvorbereitung als Zwischenschritt

Zwischen Schule und Berufsausbildung hat sich die Berufsvorbereitung als ein Zwischenschritt etabliert, der für HauptschülerInnen zu einer Art Normalweg geworden ist. Wird Berufsvorbereitung auf Dauer diese Funktion erfüllen? Oder wird die Vorbereitung auf die Anforderungen der Berufsausbildung in die allgemein bildende Schule, insbesondere in die Hauptschule, zurückgeholt?

Die Daten des DJI-Übergangspanels deuten auf ein Aufgreifen kompensatorischer Funktionen, auf eine „Renaissance" des Berufsbezugs hin. Funktionen, die an die Berufsvorbereitung abgegeben wurden, werden wieder in den Alltag der Hauptschulen zurückgeholt. Dies wird anhand von drei Indikatoren deutlich:

• die Teilnahme von HauptschülerInnen an kompensatorischen Lernangeboten in zentralen Unterrichtsfächern;

• die Funktion der Lehrkräfte als Bildungs- und Berufswegbegleiter;

• das Angebot bzw. das Absolvieren von Betriebspraktika, insbesondere von Praktika von längerer Dauer im letzten Hauptschuljahr.


Förderangebote ergänzen den Stundenplan

Kompensatorische Lernangebote im letzten Jahr der Hauptschule wurden im DJI-Übergangspanel als „Förderangebote in kleinen Lerngruppen von maximal zwölf Schülerinnen und Schülern" definiert. Weiter wurde erhoben, in welchen Fächern die SchülerInnen eine solche gezielte Förderung erhielten und wie sie deren Wirkung im Hinblick auf die Verbesserung ihrer Schulleistungen bewerteten.

Fast ein Viertel aller Befragten hatte an Förderunterricht in kleinen Lerngruppen in einem oder mehreren Fächern teilgenommen. Das deutet auf einen hohen Grad von Normalität dieser Angebotsformen hin, selbst wenn der Umfang gemessen am Bedarf unzureichend sein könnte. Überwiegend wurde dieser Förderunterricht in den Hauptfächern, die für das Erreichen eines Hauptschulabschlusses Voraussetzung sind, absolviert. In Mathematik waren es 13% aller Befragten, in Deutsch 9% und in Englisch 8%. Berücksichtigt man die Tatsache, dass die befragten Jugendlichen gut zur Hälfte aus Zuwandererfamilien stammen, so überrascht der geringe Anteil von SchülerInnen (1%), die eine besondere Förderung in Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache erhielten. Dies überrascht angesichts der oft behaupteten Sprachprobleme der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Auch wenn die Jugendlichen in allgemeinen Förderkursen für das Fach Deutsch mit berücksichtigt werden, steht ein Anteil von insgesamt 10% der Jugendlichen, die in Deutsch zusätzlich gefördert werden, in keinem Verhältnis zur (vermeintlichen) Bedeutung der Sprachprobleme dieser Jugendlichen als zentralem Hindernis für das Gelingen der Berufseinmündung.

Etwa zwei Drittel der TeilnehmerInnen haben nach eigener Einschätzung durch am Förderunterricht eine Verbesserung ihrer schulischen Leistungen erreicht. Erwartungsgemäß haben sich nur für einen verschwindend geringen Anteil die Leistungen eher verschlechtert. Keine Auswirkungen auf ihre schulischen Leistungen nennt ca. ein Drittel der Jugendlichen.


Berufsbegleitende Funktion der Lehrkräfte

Fast alle Jugendlichen im letzten Jahr der Hauptschule weisen Familienmitgliedern (87%) und/oder Freunden (71%), d.h. Personen aus ihrem engen persönlichen Umfeld, die wichtigste Rolle als Bildungs- und Berufswegbegleiter zu. An dritter Stelle rangieren mit 63% der Nennungen bereits die LehrerInnen.

HauptschullehrerInnen haben eine wichtige Funktion als Bildungs- und Berufswegbegleiter ihrer SchülerInnen. In deren Wahrnehmung beschränken sich die Lehrkräfte nicht auf das „Stunden Geben“, und ihre Anteilnahme an den Lebensläufen der Jugendlichen endet nicht mit dem Ende des letzten Hauptschuljahres. Dem entsprechen in Fallstudien erhobene Befunde, nach denen LehrerInnen an Hauptschulen systematisch ihre SchülerInnen über die „erste Schwelle“ hinweg begleiten, bis diese im Ausbildungssystem sicher Fuß gefasst haben.

Zum Vergleich: Auf MitarbeiterInnen der Arbeitsagenturen entfallen 45% und auf sozialpädagogische Fachkräfte 22% der Nennungen.

Unterschiede gibt es zwischen Jugendlichen aus Zuwandererfamilien und Jugendlichen deutscher Herkunft: Mehr Jugendliche aus Zuwandererfamilien (in Klammern jeweils der Vergleich zum Anteil bei den Jugendlichen deutscher Herkunft) nennen die folgenden Personen als Gesprächspartner: LehrerInnen(67% zu 58%), SozialpädagogInnen (23% zu 20%), FreundInnen (74% zu 68%).

Familienmitglieder sind für Jugendliche deutscher Herkunft etwas häufiger wichtige Bildungs- und Berufswegbegleiter (90% zu 85%). Die Daten deuten darauf hin, dass für einen Teil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Eltern nicht die benötigte Unterstützung bei Entscheidungen über den weiteren Weg durch das Bildungs- und Ausbildungssystem geben können, weil sie nicht über eigene Erfahrungen mit und nur über geringere Kenntnisse der deutschen Schul- bzw. Ausbildungsstrukturen verfügen. Deshalb haben hier Lehrkräfte und Freunde eine wichtige Unterstützungsfunktion.


Zentrale Bedeutung von Praktika

Ein dritter Indikator für die (wachsende) Bedeutung des Berufsbezuges in der Hauptschule ist die Teilnahme der SchülerInnen an Betriebspraktika. Die Schulgesetze der Länder sehen weitgehend übereinstimmend die Teilnahme an Betriebspraktika in den Jahren vor dem Eintritt in die Abschlussklasse der Hauptschule vor. Dies resultiert aus der Einsicht, dass die Vorbereitung auf die Berufswahl ein Prozess ist, der frühzeitig einsetzen muss, wenn im Übergang Schule-Berufsausbildung eine fundierte Entscheidung getroffen werden soll.

Allerdings haben sich, angesichts des Lehrstellenmangels, die Rahmenbedingungen für die Teilnahme an Praktika für Jugendliche und Betriebe verändert. Neben das Ziel, frühzeitig Erfahrungsgrundlagen in einem mehrjährigen Prozess der Berufsorientierung zu erwerben, sind die folgenden Funktionen getreten. Praktika haben für eine eher kurzfristige Orientierung, Umorientierung oder Neuorientierung im letzten Jahr des Schulbesuchs an Bedeutung gewonnen, z.B. wenn wegen unklarer Zugangschancen bis zu einem relativ späten Zeitpunkt konkrete Berufswünsche nicht entwickelt wurden oder sich die entwickelten Berufswünsche mit dem Näherrücken des Schulendes als nicht realisierbar erwiesen.

Im Praktikum können unentschlossene SchülerInnen Ausbildungsbetriebe kennen lernen. Durch Praktika, so die Erwartung, können sich die Betriebe für die Jugendlichen als potenzielle Auszubildende interessieren. So könnten über „Klebeeffekte" Jugendliche mit „schlechter Papierform" Zugang zu betrieblicher Ausbildung finden. Schließlich könnte Risiken von Schulmüdigkeit und Schulabbruch dadurch begegnet werden, dass im letzten Jahr oder in den letzten beiden Jahren des Schulbesuches Praxiserfahrungen im Betrieb systematisch in den Unterricht eingebaut und für den Unterricht in Fächern wie Deutsch und Mathematik genutzt werden.

An manchen Schulen wird dieser Praxisbezug noch intensiviert durch die Arbeit in Schülerfirmen, in denen die SchülerInnen selbst wirtschaften, managen, produzieren und vermarkten und sich auf diese Weise beruflich orientieren und  Arbeitstugenden aneignen. Durch das praktische Lernen unter „Marktbedingungen" sollen Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit und Lernmotivation der Jugendlichen gefördert werden.

Insgesamt ist die Teilnahme an Betriebspraktika im Verlauf des Hauptschulbesuches Standard: 96% der HauptschülerInnen haben in ihrer Schulzeit an mindestens einem Praktikum teilgenommen. Etwa zwei Drittel haben noch im letzten Schuljahr mindestens ein Praktikum absolviert. Bei rund jeder/m Zehnter/n hatten diese Praktika eine Dauer von 26 oder mehr Tagen, wobei die Praktika entweder zusammenhängend als Blockpraktika oder als „Jahrespraktikum“ an einem oder zwei Tagen pro Unterrichtswoche absolviert wurden.

Das Spektrum der Praktikumstätigkeiten reichte vom Zuschauen über die Ausführung einfachster Hilfstätigkeiten (Aufräumen, sauber machen) bis hin zu anspruchs- und verantwortungsvollen Aufgaben (z.B. Reparatur- und Wartungsaufgaben an Kraftfahrzeugen oder Patientenbetreuung in Arztpraxen).

Einen sehr hohen berufsbezogenen Praxisanteil haben die sogenannten Praxisklassen. Dieses Schulkonzept wird mittlerweile in mehreren Bundesländern realisiert. Hier besuchen die Jugendlichen in der Regel an drei Tagen den regulären Unterricht. An den zwei Praxistagen absolvieren sie ein betriebliches Langzeitpraktikum. Zusätzlich ist in die Praxisklassen eine sozialpädagogische Betreuung integriert.

Vier von fünf Jugendlichen waren mit den von ihnen geleisteten Praktika zufrieden. (Dabei spielt die Anzahl der absolvierten Praktikumstage bezüglich Zufriedenheit und Relevanz für die Zukunftsplanung übrigens keine Rolle.) Nur geringfügig weniger Jugendliche (74%) sahen in den Praktika auch eine wichtige Entscheidungshilfe für ihre beruflichen Pläne nach der Schule. Aus der Sicht vieler Jugendlicher spielen die Praktika somit eine Schlüsselrolle im Prozess der Berufsorientierung und -findung.

Irene Hofmann-Lun



4) Die Ganztagsschule: Chance für eine „neue“ Hauptschule?

In der Diskussion um die Zukunft der Hauptschule spielt auch der Ausbau der Ganztagsschulen eine besondere Rolle. Gerade für Hauptschulen werden oft die besonderen Möglichkeiten des Förderns durch Ganztagschulen betont. Dies ist insofern nicht überraschend, als dass (zusätzlicher) Förderunterricht, systematische Berufswegbegleitung und Langzeitpraktika zwangsläufig den zeitlichen Rahmen der „Vormittagsschule“ sprengen und Schulen vor die Entscheidung stellen, die neuen Angebote entweder in ein integriertes Ganztagskonzept einzubauen oder aber als Fremdkörper an den Halbtagsbetrieb anzuhängen. Entsprechend haben die meisten Bundesländer, in denen die Hauptschule als eigenständige Schulform erhalten bleiben soll, die Hauptschule explizit zum Schwerpunkt der Förderung des Ausbaus von Ganztagsschulen gemacht:

So legte das Niedersächsische Schulgesetz zwar fest, dass alle allgemein bildenden Schulen als Ganztagsschulen geführt werden können. Hauptschulen sind jedoch bei der Errichtung von Ganztagsschulen und Ganztagsschulzweigen besonders zu berücksichtigen (§23 NSchG).

In Nordrhein-Westfalen lag mit Einführung des IZBB der Förderschwerpunkt zunächst auf offene Ganztagsschulen im Primarbereich. Im Rahmen der „Qualitätsoffensive Hauptschule“ werden derzeit aber auch verstärkt Hauptschulen zu Ganztagshauptschulen umgebaut. Diese Ganztagshauptschule ist als gebundene Ganztagsschulen mit einem Angebot an fünf Tagen in der Woche konzipiert.

Das Land Bayern fördert den Ausbau gebundener und offener Ganztagsschulen. Eine besondere Schwerpunktsetzung erfuhr der Ausbau an Hauptschulen dadurch, dass das bayerische Regierungskabinett im Mai 2007 als Maßnahme zur „Weiterentwicklung der Hauptschule“ beschloss, bis 2012/2013 ein bedarfsgerechtes und flächendeckendes Angebot gebundener Ganztagsschulen an Hauptschulen aufzubauen.

In Baden-Württemberg ist der Aufbau von Ganztagsschulen mit zwei Förderprogrammen vorgesehen, zum einen die Förderung in offener und zum anderen in teilgebundener/gebundener Form. Gerade im Rahmen der Förderung von „Ganztagsschulen mit besonderer pädagogischer und sozialer Aufgabenstellung“, die in gebundener bzw. teilgebundener Form (mindestens 4 Tage á 8 Zeitstunden) organisiert werden, sind Hauptschulen angesprochen.

Auffällig ist, dass in einigen Bundesländern für Hauptschulen explizit gebundene Ganztagsorganisation vorgesehen ist, während ansonsten auch offene Ganztagsangebote gefördert werden.

Schaut man anhand der Statistik der Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Zahl der Ganztagsschulen, so fällt im Schulformvergleich zunächst auf, dass der Anteil der Ganztagsschulen an der jeweiligen Schulform bei den Hauptschulen im Jahr 2005 eher unterdurchschnittlich war (vgl. Abb. 1): rund 23% aller Hauptschulen sind als Ganztagsschulen organisiert.

Abb.1: Anteil der Ganztagsschulen im Sekundarbereich I einer Schulform im Jahr 2005 (in %)

Quelle: KMK-Statistik


Unterschiedlicher Stand in den Bundesländern

Für die westdeutschen Hauptschulen finden sich beachtliche Unterschiede zwischen den Ländern. So war der Anteil der Ganztagshauptschulen in Berlin 2005 besonders niedrig, wo nur 1,7% der Hauptschulen im Ganztagsbetrieb durchgeführt wurden. Das Land mit dem größten Anteil war 2005 Hessen, dort hat fast jede zweite Hauptschule (44,8%) ein ganztägiges Angebot. Ähnlich hohe Ganztagsanteile von über 40% der Hauptschulen fanden sich in Rheinland-Pfalz (43,7%) und Niedersachsen (41,5%). In Bayern und Bremen erreichten die Ganztagshauptschulen hingegen nur Anteile von 16,7% bzw. 21,6% (Bremen).


Entwicklung in den letzten Jahren

Die Unterschiede im Versorgungsgrad mit Ganztagshauptschulen sind teilweise auf unterschiedliche Schwerpunktsetzungen der Länder im Ausbau der Ganztagsschulen zurückgeführt werden.

Generell kann über alle Bundesländer für die unterschiedlichen Schularten der Sekundarstufe beobachtet werden, dass sich der Anteil der Ganztagsschulen von 2002 bis 2005 beinahe verdoppelt hat.

Besonders viele Hauptschulen wurden in diesem Zeitraum in Schleswig-Holstein, wohl im Rahmen der Landesinitiative „Mehr Ganztagsangebote an Haupt-, Sonder- und  Gesamtschulen“, zu Ganztagsschulen ausgebaut. Während es im Jahr 2002 dort nur eine Ganztagshauptschule gab, waren es 2005 bereits 87.

Bezogen auf den Bundesdurchschnitt der Hauptschulen weist die KMK-Statistik für die Länder Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Bayern überdurchschnittliche Ausbauraten aus. In Bayern kommt es in dem Zeitraum zu einer Verdoppelung der Ganztagshauptschulen. In Bremen und Hamburg nimmt der Anteil deutlich (Faktor 4,4 bzw. 3,7) zu. In beiden Ländern dominiert aber der Ausbau der Gymnasien (Faktor 10,6 bzw. 22,5). Anders in Niedersachsen, wo die Hauptschule, im Vergleich zu Realschulen und Gymnasien, geringfügig stärker ausgebaut wird.


Organisationsformen der Ganztagsschulen

Grundsätzlich ist innerhalb der Ganztagsschulen deren Organisationsform, also zwischen offenen (freiwillige Teilnahme am Ganztagsbetrieb), teilgebundenen (verpflichtenden Teilnahme für die SchülerInnen, die in Ganztagsklassen gehen) oder gebundenen (verpflichtende Teilnahme für alle SchülerInnen) Ganztagsschulen, zu unterscheiden. Diese Unterscheidung erscheint vor allem aus dem Grund wichtig, da nur eine teilgebundene oder gebundene Organisationsform eine neue Zeitstrukturierung des Schulalltages wie z.B. die Rhythmisierung von Angeboten und eine Verpflichtung zu bestimmten Angeboten möglich macht. Hier liegen besondere Potenziale sowohl für eine besondere Förderung als auch für ein konzeptionelles Zusammenwirken unterschiedlicher Lernformen.

Schaut man auf die Angaben der KMK für das Jahr 2005, so zeigt sich, dass eine Mehrheit der Hauptschulen in teilgebundener oder gebundener Form organisiert war (vgl. Abb. 2).

Abb. 2: Verteilung der Organisation des Ganztags auf die Schulformen in 2005 (in %)

Quelle: KMK-Statistik


Die Integrierten Gesamtschulen sind demgegenüber noch deutlich häufiger in vor allem gebundener bzw. teilgebundener Form organisiert, alle anderen Schulformen setzten stärker auf freiwillige Teilnahme an Ganztagsangeboten.


Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen (StEG)

Als weitere Datenquelle zur Lage der Ganztagshauptschulen kann die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschule (StEG), ein vom BMBF und dem europäischen Soziafond gefördertes Forschungsprojekt des Deutschen Instituts für Pädagogische Forschung (DIPF), des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund (IFS), hinzugezogen werden, die derzeit die Einwicklung der Ganztagsschulen mit einer Stichprobe von insgesamt 371 Schulen in 14 Bundesländern untersucht.

Die Daten der StEG-Schulleitungsbefragung zeigen, dass viele der Hauptschulen in der Stichprobe auf eine längere Tradition als Ganztagsschulen zurückblicken können: 53% waren bereits vor dem Jahr 2000 Ganztagsschule. Damit unterscheiden sie sich zusammen mit der Gesamtschule erheblich von anderen Schularten. Geradezu diametral dazu steht die Verteilung bei den Grundschulen und Gymnasien der Stichprobe, die zum überwiegenden Teil erst im Schuljahr 2004/2005 den Ganztagsbetrieb aufgenommen haben.


Noch keine vollständigen Ganztagsangebote

Die einleitend genannten bildungspolitischen Ziele der Länder spiegeln sich allerdings noch nicht ganz in der Praxis wider. 51% der Hauptschulen führen den Ganztagsbetrieb an vier oder fünf Tagen pro Woche, alle anderen Schulformen haben in dieser Kategorie – zum Teil deutlich – höhere Prozentwerte (z.B. 86% der Realschulen). Gleichzeitig sind Hauptschulen die Schulform, bei der der Anteil der Schulen, die nur an ein oder zwei Tagen Ganztagsangebote bereitstellen, mit 8% am höchsten ist.

Die Teilnahmequote der SchülerInnen am Ganztagsbetrieb der Hauptschulen ist aufgrund der vorwiegenden gebundenen Organisationsform mit 67% relativ hoch. Nur die Gesamtschulen erreichen mit 82% eine höhere Teilnahmequote, was sich wiederum durch den hohen Anteil gebundener Gesamtschulen erklärt. Zu bedenken ist jedoch, dass die HauptschülerInnen bislang die geringste Schulzufriedenheit äußern. Daher ist im Längsschnitt zu beobachten, ob diese sich durch die Teilnahme am Ganztagsbetrieb verbessert.


Geringe Teilnahmequoten

Die besonders für Hauptschulen gewünschten Förderangebote sind dort auf den ersten Blick ausreichend vorhanden: 97% bieten einen Hausaufgabenbetreuung an, 90% Förderangebote bezüglich der Fachleistungen sowie 91% spezifische Förderangebote z.B. für Jugendliche mit nichtdeutscher Muttersprache. Im Vergleich zu den anderen Schulformen werden diese Angebote jedoch selten durchgeführt, nämlich überwiegend zwei bis drei Mal pro Woche. Auch unter Betrachtung der Teilnahmequoten relativiert sich das hohe absolute Vorhandensein der Förderangebote: nur jeweils rund ein Fünftel der GanztagsschülerInnen an Hauptschulen berichtet, an Hausaufgabenbetreuung oder Förderangeboten teilzunehmen. Dies ist auch im Vergleich zu den Aussagen von Jugendlichen anderer Schulformen wenig.

Zusammenfassend zeigen die Befunde, dass die Hauptschulen bereits seit längerem mit besonderen Maßnahmen bedacht sind, den dort kumulierenden Problemlagen zu begegnen. Hierbei stellt sich die Frage, ob Lösungen schulformimmanent gefunden werden können oder ob die besondere Förderung der HauptschülerInnen besser gelingen würde, wenn diese Schulform in einem anderen Schulmodell (wie es manche Bundesländer bereits praktizieren) bzw. anderen Schulstrukturen aufgehen würde. Die Daten von StEG liefern Hinweise dafür, dass die Hauptschule nicht allein dadurch verbessert wird, dass sie als Ganztagsschule geführt wird. Um ein adäquates Angebot durchführen zu können, müssen entsprechende Konzepte und Ressourcen vorliegen – dies gilt allerdings für alle (Ganztags)schulen.

Bettina Arnoldt / Holger Quellenberg / Ivo Züchner


5) Wie kann die Zukunft der Hauptschule aussehen?

In den Ländern, die sich derzeit noch für den Fortbestand der Hauptschulen aussprechen, sind zwei unterschiedliche Richtungen zu beobachten, in die sich Hauptschulen entwickeln:

In der ersten Entwicklungsoption setzt sich der Trend fort, dass die Hauptschule zur Schule der Jugendlichen wird, denen der Übergang in die „weiterführenden Schulen“ misslingt bzw. von den „weiterführenden Schulen“ in die Hauptschulen zurück geschickt werden. Diese Entwicklungsoption geht mit der Vorstellung einher, dass HauptschülerInnen die Grenzen ihrer kognitiven Möglichkeiten erreicht haben. Praktische Erfahrungen in Betriebspraktika werden in dieser Option tendenziell als Alternative zum theoretischen Lernen in der Schule gesehen. Angenommen wird, dass die Zukunft der Hauptschule in einer Ausbildung in „einfachen Berufen“ oder einer Befähigung für die Ausübung „einfacher Berufe“ liegt. Berufsbezug der Hauptschule bedeutet dann die Vorbereitung auf eine Qualifizierung für einfache Arbeit. Allerdings macht uns die Qualifikationsforschung wenig Hoffnung, dass diese Jugendlichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben werden.

Die zweite Entwicklungsoption versteht Berufsbezug so, dass durch praktisches Lernen theoretisches Lernen gefördert wird. In dieser Option sollen z.B. Betriebspraktika die Aneignung von schulischen Unterrichtsinhalten unterstützen. Diese zweite Entwicklungsoption macht Lernen im Arbeitsprozess zu einem didaktischen Prinzip eines Unterrichts, der Praxiserfahrungen nicht als Alternative zu theoretischem Lernen sieht, sondern praktisches und theoretisches Lernen zu verbinden sucht. Dabei werden die Möglichkeiten des ganztägigen Lernens genutzt, um ausreichend Raum für Betriebspraktika, schulischen Unterricht und für eine ergänzende Förderung in kleinen Lerngruppen zu gewinnen. Es ist ein Ansatz, der versucht, das Potenzial informellen Lernens außerhalb der Schule zu nutzen und auch eine Öffnung zu Lernmöglichkeiten in anderen Kontexten - im Verein, im Jugendverband, im freiwilligen Engagement - systematisch betreibt.

Das Ziel ist, alle Jugendlichen mindestens zu einem Kompetenzniveau zu bringen, das eine Basis für eine Berufsausbildung bildet. Der Heterogenität der Motive und Potenziale der Jugendlichen würde man dadurch gerecht, dass die Möglichkeit des Erwerbs eines Mittleren Bildungsabschlusses selbstverständlich wird. Aus Gründen der Demographie werden in vielen Bundesländern bereits jetzt Hauptschulen und Realschulen zumindest organisatorisch in einer Schulform zusammengefasst.

Wohin die Richtung gehen kann, zeigen die von der Hertie-Stiftung, der Bosch-Stiftung und der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) mit dem Hauptschulpreis ausgezeichneten Schulen. Sie setzen auf eine individualisierte Förderung ihrer SchülerInnen, sie holen das Arbeitsleben in die Schule und schicken ihre SchülerInnen hinaus ins Arbeitsleben. Sie engagieren sich im künstlerischen und kulturellen Bereich. Sie fördern ehrenamtliches Engagement und orientieren sich an Zielen wie Solidarität, Schutz der Umwelt und einem guten Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Sie holen das Leben in die Schule und schicken die Jugendlichen hinaus in das Leben mit seinen vielfältigen Lernpotenzialen.

Dr. Frank Braun / Dr. Tilly Lex


DJI Online / Stand: 1. Juli 2007

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letzte Änderung: 02.07.2007 12:19

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