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DJI-Online Gespräch

mit Dr. Matthias Schilling, Forschungsverbund DJI/TU Dortmund

Innerhalb der letzten fünf Jahre hat ein erheblicher Ausbau des Platzangebots in der Betreuung unter Dreijähriger stattgefunden. Dennoch fehlen nach den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes mit Blick auf das gesetzte Ausbauziel für August 2013 weitaus mehr Krippenplätze als angenommen. Bundesweit müssen noch 220.000 Plätze geschaffen werden. DJI Online hat mit Dr. Matthias Schilling über die Ausbaudynamik in Ost und West sowie auf Länderebene und in den Kommunen gesprochen.

Herr Dr. Schilling, gerade hat das Statistische Bundesamt die jüngsten Zahlen zur Bereitstellung von Betreuungsplätzen für unter Dreijährige veröffentlicht. Zum letzten Stichtag (1.3.2011) besuchte ein Viertel der Kinder unter drei Jahren eine Kita bzw. Krippe. Wie sieht es 2012 aus?

Im März letzten Jahres wurden in Deutschland bereits 517.000 Kinder im Alter von unter drei Jahren in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege betreut. Etwa 2.500 nutzten die Angebote in einer Kita und in Tagespflege. Somit wurden ca. 514.500 unter 3-Jährige versorgt und die Quote der Inanspruchnahme erreichte den Wert von 25,2 Prozent.

Der Ausbau der Angebote für unter 3-Jährige ist weiter vorangeschritten. Das Statistische Bundesamt hat die Ergebnisse der Erhebungen der Statistischen Landesämter dieses Jahr sehr schnell zusammengetragen und am 6. November im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt. Die Anzahl der Kinder im Alter von unter drei Jahren, die Angebote der Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege Anfang März dieses Jahres genutzt haben, beläuft sich auf 558.208 unter 3-Jährige. Die Quote der Inanspruchnahme ist somit auf 27,6 Prozent gestiegen. Demzufolge nutzen 43.724 mehr unter 3-Jährige diese Angebote. Innerhalb der letzte fünf Jahre hat also ein erheblicher Ausbau stattgefunden: Insgesamt werden jetzt 272.191 mehr Kinder im Alter von unter drei Jahren betreut als noch 2006.

Hat der Ausbau an Dynamik gewonnen?

Der Zuwachs ist dieses Jahr ähnlich hoch ausgefallen, wie die vergangenen Jahre. Schon letztes Jahr hatten wir darauf hingewiesen, dass die Ausbaudynamik erheblich anziehen muss. Dies ist bis März 2012 nicht passiert. Das Statistische Bundesamt hat daher in seiner Pressekonferenz den vom Bundesfamilienministerium zu erwartenden Bedarf gegenübergestellt und kommt zu der schlichten Aussage, dass noch 220.000 Plätze in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege fehlen. Damit ist die aktuelle Herausforderung benannt.

Ist dies zu schaffen?

Es scheint fast unwahrscheinlich, dass im Zeitraum von März 2012 bis August 2013 so viele Plätze geschaffen werden, wie in den vergangenen vier Jahren. Allerdings muss auch bedacht werden, dass viele Neubau- und Erweiterungsbaumaßnahmen auf die Einführung des Rechtsanspruchs terminiert sind. Daher müssen wir schon damit rechnen, dass zum 1. August 2013 noch einmal ein erheblicher Zuwachs an Plätzen stattfinden wird. Entscheidend wird aber ab August 2013 nicht sein, ob 780.000 Plätze zur Verfügung stehen, sondern ob die Betreuungswünsche der Eltern für ihre unter 3-Jährigen erfüllt werden können.

Haben sich die Versorgungsquoten in Ost und West, die 2011 noch sehr deutliche Unterschiede zeigten, weiter angeglichen?

Die Quote der Inanspruchnahme ist in den westlichen Ländern im Durchschnitt von 9,8 Prozent im Jahr 2007 auf inzwischen 22,3 Prozent angestiegen. Somit hat eine Verdoppelung des Angebotes stattgefunden. Allerdings ist die durchschnittliche Quote in den östlichen Ländern ebenfalls angestiegen und zwar von 40,7 Prozent im Jahr 2007 auf 49,0 Prozent. Somit hat sich der Abstand zwischen den Quoten West und Ost von 30,9 Prozentpunkten auf 26,7 Prozentpunkten verringert. Daher kann schon von einer langsamen Annäherung gesprochen werden.

Die DJI-Länderstudie zu den Betreuungswünschen der Eltern unterstreicht, wie unterschiedlich die Bedarfslage auf Länderebene aussieht. Was bedeutet das beispielsweise für die Ausbauziele in Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern?

Erst einmal ist zu betonen, dass mit der neuen Elternbefragung ganz wichtige Daten zur Verfügung stehen, die uns in den letzten Jahren in der Ausbaudebatte gefehlt haben. Bisher hatten wir nur Durchschnittswerte für den Betreuungsbedarf bei Einführung des Rechtsanspruchs für West- und Ostdeutschland. Konkrete Aussagen, wie denn der Elternwunsch in den einzelnen Ländern aussehen wird, waren nicht möglich. Hilfsweise wurde dann schon mal pro Land der Durchschnittswert für West bzw. Ostdeutschland genommen. Allerdings war diese Herangehensweise immer unbefriedigend. Jetzt liegen die Daten vor und bestätigen erst einmal, dass es in den westlichen und östlichen Ländern doch nennenswerte Unterschiede gibt. Zwischen den westlichen Bundesländern reicht die Spanne von 31,5 Prozent in Bayern bis hin zu 40,3 Prozent in Rheinland-Pfalz, und in den östlichen Flächenländern reicht die Spanne von 52,4 Prozent bis 61,1 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern. Somit können erstmals konkret landesspezifische Ausbaubedarfe berechnet werden.

Das heißt für Bayern?

Für Bayern ergibt sich beispielsweise, dass die aktuelle Quote von 23 Prozent um 8,5 Prozentpunkte angehoben werden muss. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass noch 26.000 Plätze in einem Zeitraum von 1,5 Jahren geschaffen werden müssen. Da in Bayern zurzeit ca. 10 Prozent der Angebote über die Kindertagespflege gedeckt werden, bedeutet dies, dass noch ca. 2.600 Plätze in Kindertagespflege und 23.400 Plätze in Einrichtungen zu schaffen sind. Der zahlenmäßig umfangreichste Ausbaubedarf ergibt sich voraussichtlich im bevölkerungsstärksten Land.

In Nordrhein-Westfalen?

Genau. In Nordrhein-Westfalen sind noch 15,8 Prozentpunkte aufzuholen. Bezogen auf die altersgleiche Bevölkerung sind dies immerhin 68.000 Plätze. Allerdings fördert das Land NRW im laufenden Kita-Jahr bereits ca. 37.000 dieser aus Sicht des 1. März 2012 fehlenden Plätze. Somit sind in NRW bis August 2013 noch ca. 30.000 Plätze zu schaffen. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sind noch Ausbaubedarfe von etwas über 6 Prozentpunkten zu erwarten. Aufgrund der deutlich unterschiedlichen Bevölkerungsstärke sind dies in Mecklenburg-Vorpommern 840 fehlende Plätze, und in Sachsen fehlen 2.700 Plätze.

Jetzt haben sie ausführlich die länderspezifischen Bedarfsquoten erläutert. Können denn die Länder davon ausgehen, dass diese Quote auch Orientierung für jede Gemeinde bzw. Stadt bietet?

Dies ist nicht so. Die nun vorliegenden Quoten sind eine wichtige Hilfestellung für die Planung auf der Landesebene. Somit können die Landesministerien die notwendigen Fördervolumen des Landes bestimmen. In den einzelnen Kommunen sind die Betreuungswünsche der Eltern doch wieder sehr unterschiedlich. Die Elternbefragungen in 17 Kommunen haben dies jetzt ans Licht gebracht. Die Untersuchung wurde vom Forschungsverbund DJI/TU-Dortmund in Kooperation mit dem Institut für Soziale Arbeit durchgeführt. Die konkreten Ergebnisse werden bald von Herrn Dr. Begemann veröffentlicht.

Die Aufmerksamkeit richtet sich derzeit hauptsächlich auf die Kleinkinder. Ähnlich dramatisch ist für viele Familien jedoch die Betreuung der Schulkinder am Mittag und Nachmittag. Gibt es neue Erkenntnisse zum Stand der Betreuung der anderen Altersgruppen?

Wir stehen jetzt erst am Anfang der Auswertungen und haben nur einen kurzen Blick auf die anderen Themenfelder geworfen. Bei der Anzahl der betreuten Kinder im Kindergartenalter haben sich keine Veränderungen ergeben. Die Anzahl ist für Deutschland konstant bei 2,24 Millionen Kindern geblieben. Allerdings konnte der Anteil der Ganztagsangebote etwas ausgeweitet werden mit einer Steigerung von 38 Prozent auf 40 Prozent. In der Betreuung der Kinder im Schulalter zeigt sich, dass die Angebote leicht zugenommen haben. Die Anzahl ist von 440.000 Kindern auf 452.000 Kinder gestiegen. Somit gibt es auf den ersten Blick keine Anzeichen, dass die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in Kindertageseinrichtungen für Schulkinder (in der Regel der Hort) zu Gunsten der Ganztagsschule aufgegeben werden.

Die nächsten Wochen werden durch intensive statistische Analysen geprägt sein und wir erwarten in der Arbeitsstelle vielfältige Erkenntnisse über die Landschaft der Kindertagesbetreuung in Deutschland. Ich selber bin gespannt.

Herr Dr. Schilling, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)


Dr. Matthias Schilling (Jg. 1960) ist Geschäftsführer der Dortmunder Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat). Die Arbeitsstelle bereitet die Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik (KJH-Statistik) nutzerfreundlich auf und liefert regelmäßig fachliche Kommentierungen. Sie gibt dreimal jährlich den Informationsdienst KomDat Jugendhilfe – Kommenterte Daten der Jugendhilfe heraus. Die AKJStat ist Teil des Forschungsverbundes Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund. Dieser wurde im September 2002 als Forschungs­einrichtung des damaligen Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Soziologie an der Universität Dortmund gegründet. Ziel des Forschungsverbunds ist es heute, Forschungs- und Entwicklungs­projekte sowie Fachveranstaltungen im Themenspektrum von Kinder- und Jugendhilfe, Familie, Kindheit, Jugend und Geschlechterforschung, Soziale Dienste und soziale Berufe, Formen des Engagements jenseits von Lohn- und Familienarbeit durchzuführen.


Links
Forschungsverbund DJI/TU Dortmund
Dortmunder Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik
Jugendamtsspezifische Elternbefragung zum Betreuungsbedarf von unter 3-jährigen Kindern
DJI-Länderstudie zu Elternwünschen und Bedarf bei der U3-Betreuung

Literatur
Rauschenbach, Thomas/Schilling, Matthias (2010): Der U3-Ausbau und seine personellen Folgen. Empirische Analysen und Modellrechnungen. WiFF Studie Nr. 1

Kontakt
Dr. Matthias Schilling
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat)

Telefon: 0231/755-5556

E-Mail: Matthias Schilling

DJI Online / Stand: 7. November 2012

 

bearbeitet von
letzte Änderung: 07.02.2013 14:51

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