Sibylle Hübner-Funk, DJI
"Aufgrund meiner Geburt unter dem Zeichen des Hakenkreuzes und als Kind des Zweiten Weltkriegs sowie meiner Sozialisation in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft habe ich mein internationales Engagement nie nur als persönliche Aufgabe, sondern immer auch als politisches Vermächtnis dieser katastrophenreichen Zeit verstanden. Ich habe also versucht, mit Hilfe meiner wissenschaftlichen und kulturellen Interessen und Kompetenzen Brücken zu den KollegInnen jener Länder zu schlagen, die während des Zweiten Weltkriegs und als dessen Folge zu den Gegnern und Opfern NS-Deutschlands gezählt haben." Sibylle Hübner-Funk wurde am 6. Januar 1943 - zur Zeit der Schlacht um Stalingrad - in der schlesischen Hauptstadt Breslau geboren. 1945 flüchtete die Mutter mit Sibylle und deren fünf Jahre älteren Bruder in Richtung Westen. Mit dem Vater, den sie zufällig in Berlin trafen, setzten sie die Flucht fort. Ziel war der väterliche Geburtsort Beuern bei Giessen in Hessen. Dort wurde Sibylle im Frühjahr 1949 eingeschult, in einer Zeit, in der es für die notleidenden Kinder noch "Schulspeisungen" gab und in der die US-Besatzungsarmee zu Weihnachten "Care Pakete" verteilte. Durch die Mutter ergab sich die Möglichkeit, Beziehungen zu befreundeten Familien in Großbritannien und Frankreich wieder aufzunehmen. 1960 nahm Sibylle an einem Schüleraustausch mit Frankreich teil. Die Begeisterung für die englische und französische Sprache und fremde Kulturen wurde so schon frühzeitig geweckt. Nach dem Abitur ging Sibylle Hübner-Funk für ein halbes Jahr als "Au-pair" nach England. Ihre akademische Karriere begann mit dem Studium der Volkswirtschaft an der Universität Heidelberg. Nach zwei Semestern wechselte sie an die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Freien Universität Berlin, um dort Soziologie zu studieren. Nach dem Diplom 1969 folgte eine befristete Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professor Dietrich Goldschmidt am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Nach ihrer Heirat mit dem Diplom-Ingenieur Helmut Hübner 1971 (in Berlin) wanderte Sibylle Hübner-Funk gemeinsam mit ihrem Mann nach Toronto/Canada aus, wo sie jedoch beruflich nicht Fuß fassen konnten und daher kurz entschlossen nach Deutschland (München) re-migrierten. Im November 1971 begann Sibylle Hübner-Funk ihre Tätigkeit beim Deutschen Jugendinstitut, wo sie von 1975 bis 1981 das DFG-Projekt "Sozialisation und Umwelt. Jugendliche im sozial-ökologischen Kontext" leitete. Seit Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn im Feld der Jugend- und Sozialisationsforschung hat sie sich dem internationalen Wissenstransfer und -austausch verschrieben. Im Vorfeld des UN-Jahres der Jugend (1983-1985) nahm sie zum Beispiel als Vertreterin der Bundesrepublik an dem Projekt "Participation, Development, Peace" des Europäischen Zentrums für soziale Wohlfahrt in Wien teil. Seit dem Ende des Studiums besuchte Sibylle Hübner-Funk regelmäßig die Weltkongresse für Soziologie der International Sociological Association (ISA). 1974 gehörte sie (in Toronto) zu den MitbegründerInnen des ISA-Forschungskomitees (34) "Sociology of Youth", an dem sie seit 1982 als Board-Mitglied, seit 1986 als Vize-Präsidentin für West-Europa und in den Jahren1990 bis 1994 als Präsidentin aktiv war. Im Jahre 1987 organisierte Sibylle Hübner-Funk für das DJI eine internationale Sektionstagung der ISA zum Thema "Blickpunkt: Jugend und Familie". Im selben Jahr promovierte sie mit der Studie "Strategien der Lehrstellensuche von Hauptschulabsolventen" an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Freien Universität Berlin. Mit dem Habilitationsprojekt "Deutsche Jugend im Umbruch politischer Systeme" begab sie sich sodann ab 1989 auf das Feld der zeitgeschichtlich orientierten Sozialisationsforschung. Von 1991 bis 1994 war sie Mitglied des Geschäftsführungsteams zum 9. Jugendbericht der Bundesregierung, der die Lage der Jugend und Jugendhilfe in den neuen Bundesländern zum Thema hatte. 1994-1996 nahm Sibylle Hübner-Funk Lehrstuhlvertretungen für Soziologie an der TH Darmstadt und der Universität Hamburg wahr, und im Dezember1996 habilitierte sie sich mit den Ergebnissen ihrer zeitgeschichtlichen Studie, die unter dem Titel "Loyalität und Verblendung. Hitlers Garanten der Zukunft als Träger der zweiten deutschen Demokratie" erschienen sind, an der Universität Paderborn im Fach Soziologie. Neben ihrem Engagement in der Jugendkommission des Europarates Ende der 1980-er Jahre hat Sibylle Hübner-Funk 1990 zusammen mit europäischen Kolleginnen ein eigenes Netzwerk gegründet und bis 2000 geleitet: CYRCE (Circle for Youth Research Cooperation in Europe e.V.). Dieses hat zehn Jahre lang aktiv am Aufbau und der Stärkung der europäischen Jugendforschung mitgearbeitet. Von 1999 bis 2001 wurde Sibylle Hübner-Funk am DJI die kommissarische Leitung der Abteilung "Jugend und Politik" übertragen; danach hat sie die abteilungsübergreifende Konzeptgruppe Jugendforschung koordiniert. Seit 2002 ist sie für internationale Beziehungen und Forschungskooperationen am DJI zuständig, nachdem sie seit drei Jahrzehnten als Netzwerkerin und Organisatorin internationaler Tagungen für einschlägige Kontakte über die deutschen Landesgrenzen hinaus gesorgt hat. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang vor allem ihre Kontakte zu SoziologInnen aus den USA, Canada, Australien und Israel, die sich durch die International Society for Political Psychology (ISPP) ergeben haben.
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