Die Bindungslücke
Für Jugendliche ergeben sich außerhalb von Familie und Schule nur selten Gelegenheiten, mit Menschen anderer
Generationen in Kontakt zu treten. Dabei gehen bedeutende Lern- und Unterstützungschancen verloren.
Von Tabea Schlimbach
Der 22-jährige Steven musste schon einige Misserfolge in seinem Leben einstecken. Nach der Hauptschule fand er keinen Ausbildungsplatz. Er besuchte ein Angebot zur Berufsvorbereitung, doch seine Jobsuche war anschließend wieder vergebens. Der Sprung ins Berufsleben gelang ihm erst mit Hilfe eines 58-jährigen Mentors. »Mein Mentor hat mir den Rücken freigehalten. Wir stehen eigentlich in regelmäßigem Kontakt, auch wenn ich jetzt in der Schule bin oder so, ruft er regelmäßig an, ob alles in Ordnung ist. Nicht nur als Ausbilder, sondern auch als Mensch«, resümiert Steven in einem Interview, das in einer kleinen qualitativen Untersuchung mit dem Titel »Lernen im Generationenverbund« im Rahmen eines Stipendiums am Deutschen Jugendinstitut (DJI) geführt wurde.
Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es einen anhaltenden Gründungsboom von Projekten, die Begegnungen zwischen verschiedenen Generationen gezielt fördern wollen. Denn im
institutionalisierten Alltag ergeben sich selten Gelegenheiten, bei denen sich Jung und Alt miteinander austauschen können. Hinzu kommt, dass Jugendliche dazu neigen, ihr Leben außerhalb der Familie vor allem mit Gleichaltrigen zu verbringen. Andere Altersgruppen wie Kinder, Erwachsene oder Senioren geraten dabei aus dem Blickfeld.
Intergenerationelle Projekte können dazu beitragen, dass aus der Distanz zwischen den Generationen keine Fremdheit wird – und das lohnt sich: zum einen für die Gesellschaft, da in der Begegnung mit Jüngeren und Älteren Barrieren für ein solidarisches und konstruktives Miteinander abgebaut werden können, zum anderen aber auch für die Jugendlichen selbst. Zumindest weisen die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung darauf hin, dass Jugendliche im Austausch mit Vertretern anderer Altersgruppen wertvolle Kenntnisse und Fähigkeiten für ihre weitere persönliche und berufliche Entwicklung sammeln können.
Der Horizont weitet sich
Im Rahmen des Projekts wurden Interviews mit sieben Jungen und drei Mädchen im Alter von 14 bis 21 Jahren ausgewertet, die außerhalb von Familie und Schule in generationenübergreifenden Projekten, bei ehrenamtlichen Tätigkeiten oder in der Freizeit regelmäßig Kontakte zu Menschen anderer Altersgruppen hatten. Wie die Ergebnisse zeigen, erfahren Jugendliche beim Engagement für oder gemeinsam mit anderen Generationen vor allem Anerkennung. Diese Bestätigung machte den Befragten zuweilen erst eigene Stärken bewusst und unterstützte ihr positives Selbstbild. Im Umgang mit Jüngeren und Älteren wurden die Jugendlichen aber auch mit ihren eigenen Grenzen konfrontiert. Sie mussten lernen, diese zu akzeptieren oder an ihnen zu arbeiten.
Die Jugendlichen berichteten auch von neuen Themen,
Ansichten, Lebens- und Lernstrategien, die sich ihnen im Austausch mit den anderen Altersgruppen eröffnet haben. Sie waren in den intergenerationellen Wissenstransfer eingebunden, konnten ihr Wissen weitergeben und sich Kenntnisse anderer aneignen. Nicht selten erhielten sie dabei Impulse zur Lösung eigener Aufgaben, Fragen und Probleme. Wie die Interviews deutlich machen, kann beispielsweise der Erfahrungsschatz Älterer eine bedeutende Fundgrube für die eigene Bewältigung lebenspraktischer Herausforderungen sein. Drei der befragten Jugendlichen erlebten alte Menschen auch als Zeitzeugen, die ihnen lebendige Geschichte und einen kritischen Blick auf
historische Ereignisse vermittelten. Im Umgang mit Kindern wiederum wurde den Jugendlichen bewusst, wie sich Kinderwelten wandeln.
Eine Brücke ins Berufsleben
Intergenerationeller Austausch bedeutet stets »Vielfalt üben«. Die befragten Jugendlichen berichteten nicht nur von Unterstützung und Konsens, sondern auch von ihren Berührungsängsten, von unterschiedlichen Wünschen und Vorstellungen sowie von Konflikten. Die Begegnungen boten ihnen aber zugleich die Gelegenheit, Bedürfnisse und Ängste von Menschen in anderen Lebensphasen zu verstehen und Empathie zu entwickeln. Nicht zuletzt erweiterte der intergenerationelle Kontakt den Aktionsradius der Studienteilnehmenden und unterstützte ihre gesellschaftliche Integration in Bereiche, zu denen sie bislang kaum Zugang hatten.
Intergenerationeller Austausch bedeutet auch Biografiearbeit: Der Kontakt mit Älteren inspirierte die Interviewpartner offenbar dazu, das eigene Alter zu antizipieren und darüber nachzudenken, wie sie selbst einmal alt werden möchten. Der Kontakt mit Kindern wiederum weckte oft Erinnerungen an die eigene Kindheit oder regte dazu an, über den eigenen Kinderwunsch nachzudenken. Dass die Jugendlichen Menschen in unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Lebensspanne erlebten, kann als wichtige Voraussetzung dafür angesehen werden, sich der wechselnden Rolle im Generationengefüge und der Gesellschaft bewusst zu werden. Jenseits der klassischen Rollenverteilungen institutioneller (Lern-)kontexte erlebten sich die Jugendlichen oft als Schüler und Lehrer gleichzeitig.
Ein besonderer Fokus lag bei der Untersuchung auf der
Frage, inwiefern erworbene Kenntnisse und Erfahrungen von Jugendlichen als relevant für den Berufseinstieg und das spätere Arbeitsleben reflektiert werden. Die Ergebnisse unterscheiden sich je nach Art des Kontakts: Jugendliche, die in Praktika, bei ehrenamtlichen Aktivitäten oder in der Freizeit mit Kindern beziehungsweise mit älteren Menschen arbeiteten, erwarben zum einen konkrete Fähigkeiten in bestimmten beruflichen Feldern, zum Beispiel in der Kinderbetreuung oder in der Altenpflege. Gleichzeitig half diese Arbeit ihnen, berufliche Neigungen und Abneigungen zu identifizieren. Bei älteren Kollegen und Mentoren erhielten sie berufspraktische Tipps und wurden bei ihren Bemühungen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, unterstützt.
Die Qualität der Projekte ist entscheidend
Die Auswertung zeigte außerdem, dass beim intergenerationellen Austausch besonders Schlüsselkompetenzen vermittelt werden können. Ein systematischer Abgleich der Ergebnisse mit den Kompetenzbereichen, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) definiert hat, offenbart zumindest viele Parallelen. Lernen jenseits von Altersschranken scheint demnach besonders in den Bereichen »Interaktion in sozial heterogenen Gruppen« und »Autonome Handlungsfähigkeit« Lernpotenziale zu bergen.
Die Untersuchung hat somit vielfältige Lern- und Unterstützungschancen des intergenerationellen Settings offenbart. Einige sind exklusiv an den Austausch mit anderen Generationen gebunden. Allerdings weiß die Wissenschaft noch wenig über konkrete Einflussgrößen auf Generationenbeziehungen und ihre Wirkungen. Unintendierte negative Effekte zeigen, dass gelungene Generationenbeziehungen keine Selbstläufer sind. Ebenso wenig gibt es eine Garantieformel für sie. Die Interviewpartner berichteten auch über misslungene Begegnungen, die Irritationen und Missverständnisse erzeugten.
Als Barrieren beziehungsweise Ursachen für kontraproduktive Effekte wurden persönliche Neigungen und Abneigungen,
Unsicherheiten, Vorurteile und teilweise auch die Bestätigung negativer Stereotype genannt.
Die Qualität der vielfältigen Projektansätze zu prüfen und abzusichern ist damit eine wichtige Aufgabe für die Zukunft. Dazu gehört zum einen, günstige Bedingungen zu definieren, die einen vertrauensvollen und fairen Dialog ermöglichen. Zum anderen müssen aber auch Grenzen und Hindernisse thematisiert und in allen Phasen der Projektpraxis vergegenwärtigt werden, denn intergenerationelle Projekte sind niemals Selbstläufer. Darüber hinaus hat die Orientierung Jugendlicher an Gleichaltrigen ihre Berechtigung und Notwendigkeit. Der Austausch zwischen Alt und Jung ist aber eine nicht zu unterschätzende Erweiterung der Lern- und Unterstützungsmöglichkeiten.
Studie: »Lernen im Generationenverbund. Potenziale informellen
intergenerationellen Lernens für die Entwicklung von Kompetenzen
im Jugendalter« (ILIS) im Rahmen eines Gastaufenthalts am DJI,
Außenstelle Halle
Projektanbindung: EU-Projekt Iconet
Methoden: Erhebung: Qualitative problemzentrierte Interviews mit zehn Jugendlichen; Auswertung: qualitative Inhaltsanalyse
Kontakt: schlimbach@dji.de
Veröffentlichung: www.iconet-eu.net (voraussichtlich im November 2009)