Interdisziplinäre Forschung
Auch Kinder brauchen den Anderen – zur Konstruktion von Kontinuität im Lebenslauf
Das Gefühl von Kontinuität ist notwendig, um handlungsfähig zu bleiben und für andere berechenbar zu sein. Dies gilt bereits für Kinder. Sie wachsen in Umwelten auf, die sich ständig verändern. Doch wie gelingt Kontinuität? Wie lässt sich beispielsweise das Verhalten eines Kindes verstehen, das zu Hause eher schüchtern und zurückgezogen, in Kindergarten oder Schule aber wie ausgewechselt ist? Wie bleiben wir dieselben, unabhängig von Brüchen? Wie bleiben wir die gleichen, trotz Vielheit und Widersprüchlichkeit von Erfahrungen? Welche Rolle spielt dabei die soziale Umwelt? Die folgenden Überlegungen sind während eines Forschungsaufenthalts am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst zum Thema »Wie veränderbar ist der Mensch im Lauf seines Lebens« entstanden.
Kontinuität ist Konstruktion
Forschungsergebnisse unterschiedlicher Disziplinen wie Neurowissenschaft, (Entwicklungs-)Psychologie, Biografieforschung oder Soziologie belegen, dass das Gefühl von Kontinuität uns nicht einfach zufällt, sondern wir seine Fortdauer immer wieder von Neuem herstellen, sei es unbewusst oder bewusst. Wie Kontinuität hergestellt wird, ist je nach Perspektive, aber auch individuell unterschiedlich. Es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel aus
- biologischer Entwicklung und Reifung,
- sozialer Situation (soziokultureller und historischer Bezugsrahmen, Geflecht von Beziehungen),
- subjektiven Interpretationen und Deutungen der eigenen Entwicklung als Biografie.
Das Gedächtnis – neuronaler Baukasten, um Kontinuität herzustellen
Das Gedächtnis hat die Funktion, unser Leben auf unterschiedlichen Ebenen mit Kontinuität zu versehen. Es liefert ein zusammenhängendes Bild der Welt und entschädigt dafür, dass Wissen immer nur bruchstückhaft ist. Nicht einmal Sehen ist nur Abbildung oder Rekonstruktion, sondern immer Konstruktion. Zur Orientierung sucht das Gehirn nach etwas, auf das es zurückgreifen kann, und spielt dabei Erfahrungen zusammen. Kontinuität wird ständig (neu) hergestellt. Auch Gedächtnisinhalte haben keinen Ort, sondern eine Erinnerung aktiviert neuronale Netzwerke und setzt ein einzelnes Ereignis zu einer Kette von Ereignissen in Beziehung – eine Voraussetzung für die Fähigkeit, Ereignisse als selbst erlebt zu verstehen. Erinnern ist nie identisch, auch wenn wir glauben, die Erinnerung gebe das Vergangene kontinuierlich und exakt wieder. Das Gedächtnis stellt für einen selbst wie für andere sicher, dass man es trotz der verstreichenden Zeit sowie der physischen und psychischen Veränderungen über die Lebensspanne hinweg immer mit ein und demselben Ich zu tun hat.
Für aktives und bewusstes Erinnern sowie für ein Ich-Gefühl ist vor allem das autobiografische Gedächtnis zuständig. Es ermöglicht Zeitreisen in die eigene Vergangenheit und vermittelt das Gefühl, eine relativ einheitliche und kontinuierliche Person zu sein. Evolutionär hat dies zu einer enormen Vergrößerung des menschlichen Handlungsspielraums beigetragen.
Das autobiografische Gedächtnis als Voraussetzung für die Kontinuität einer Person muss sich bei Kindern erst entwickeln:
- Kinder unter drei Jahren haben ein stärker episodisches Gedächtnis.
- Ab drei, vier Jahren entwickeln sie zunehmend ein autobiografisches Gedächtnis: das, was sie selbst erlebt haben, fließt in ihre Erinnerungen ein.
- Ab dem sechsten Lebensjahr entwickeln sie darüber hinaus ein narratives Selbstverstehen, ein Selbst mit erzählbarer Geschichte.
Das biografische Ich – Parallele zu neuronalen Prozessen
Menschen greifen ständig auf bisherige Erfahrungen zurück und machen gleichzeitig und fortwährend neue Erfahrungen. Dieser biografische Prozess prägt
sie ebenso wie soziale oder nationale Herkunft, Geschlecht und Bildung. Die Aneignung von Welt ist mehr als ein Anhäufen von Erfahrungen. Sie ist mit subjektiven Deutungen verbunden, häufig nicht bewusst, rational und direkt zugänglich sowie verbunden mit Emotionen. Neue Erfahrungen machen Entwicklung oder Veränderung notwendig, um das bisher Bewährte zu bewahren und, wenn notwendig, zu korrigieren, zu revidieren oder zu verwerfen. Frühere Erfahrungen bleiben präsent und bilden den Horizont der Interpretation für neue Erfahrungen.
Biografische Konstruktionen haben aber auch Grenzen. Bei gravierenden Ereignissen, Krisen oder schweren Krankheiten reichen beispielsweise bisherige Erfahrungen und bewährte Verhaltensroutinen nicht mehr aus, um neue Situationen zu bewältigen, denn die neuen Erfahrungen können nicht an die alten anschließen. Wir können das Gefühl von Kontinuität nicht mehr herstellen. Brüche können sich im Lebenslauf zu jeder Zeit ereignen, beispielsweise beim Eintritt in den Kindergarten oder in die Schule, durch Tod von Familienmitgliedern oder durch Krankheiten. Gleichzeitig ist es individuell höchst unterschiedlich, welche Ereignisse zu Brüchen führen.
Kontinuität bedeutet nicht, dass das
Leben eine Einbahnstraße ist
Menschen sind und entwickeln sich von Anfang an unterschiedlich. Auch deshalb wirken sich Lebensereignisse sowie Lebensumstände so verschieden aus. Herkunftsfamilie, Kindheit und Schulabschlüsse sowie daraus abgeleitete Zukunftsaussichten sagen nicht zwangsläufig etwas über den Lebensweg aus. Unauffällige Entwicklungspfade in der Kindheit schützen beispielsweise nicht vor späteren Problemen.
Die Resilienzforschung untersucht, was Kinder in einem risikobelasteten Umfeld so widerstandsfähig macht, dass sie Belastungen wie Gewalterfahrungen, Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern oder schwere Erkrankungen erfolgreich meistern können. Es wird heute davon ausgegangen, dass Widerständigkeit (Resilienz) kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal bezeichnet, sondern erworben wird. Bedeutsamer als isolierte Traumata, einzelne Lebensereignisse oder Risikokonstellationen sind die Qualität von Beziehungen mit wichtigen Menschen und die Gesamtheit der Erfahrungen.
Studien zu den psychobiologischen Ursachen körperlicher Gewalt bestätigen die Bedeutung von Wechselwirkungen. In der Regel verstärken sich Risikofaktoren (erbliche Neigung, Elternhaus, Erfahrungen) gegenseitig, während einzelne Faktoren wie genetische Disposition oder hirnorganische und neurochemische Defizite nicht zwangsläufig zu gewalttätigem Verhalten führen.
»Nur wer sich ändert, bleibt sich treu« (Wolf Biermann)
Frühe Erfahrungen haben eine Bedeutung, Lebenslaufforscher bezweifeln jedoch, dass sie automatisch von höherer Bedeutung für Entwicklungsprozesse sind als spätere Erfahrungen. Diese Erkenntnis steht im Gegensatz zu Vorstellungen vom Wachsen und Reifen in Kindheit und Jugend sowie erreichter Stabilität im Erwachsenenalter. Die Fähigkeit zu lernen, sich weiterzuentwickeln und zu verändern, ist nicht für bestimmte Altersstufen reserviert, sondern bleibt das ganze Leben lang erhalten. Dies bestätigen auch die Neurowissenschaften.
Die neuronale Entwicklung ist nie abgeschlossen. Im ersten Lebensjahr, in der späteren Kindheit und während der Pubertät, aber auch beim Erwachsenen verändern Erfahrungen fortgesetzt das Gehirn und seine Architektur. Gehirne sind abhängig von Erfahrung und Tätigkeit (Klavierspieler oder Taxifahrer bilden beispielsweise ganz spezifische Gehirnarchitekturen aus). Die Strukturen der Persönlichkeit sind längst nicht so stabil und gefestigt wie angenommen. Auch wenn die Befunde der neueren Entwicklungspsychologie nicht eindeutig sind: Persönlichkeit ist weder ausschließlich genetisch noch frühkindlich geprägt.
Identität – der soziologische Blick
auf Kontinuität
Jede Gesellschaft (er)schafft eigene Lebenslaufmodelle. Dies wirkt sich auch auf die Definition von Kontinuität aus. In einer immer komplexer werdenden Welt ist es nahezu unmöglich, die eigenen Erfahrungen zu einer glatten und konsistenten Identität und Lebensgeschichte zusammenzufügen. Konsistenz ist nicht nur unerfüllbar, sondern unnötig geworden, denn sie sichert nicht mehr die Identität. Früher bewährte und erprobte Identitätsmuster scheitern häufig. Je weniger Kontinuität eine Gesellschaft kennzeichnet, umso mehr Bedeutung erhält jedoch die Sicherung individueller Kontinuität. Sie ist nicht mehr innerer Kern einer handelnden und wissenden Person, sondern fragmentiert, brüchig, unabgeschlossen, nie ganz, und sie erfordert beständige »alltägliche Identitätsarbeit« (Keupp).
Die Bedeutung des Sozialen
Die Entwicklung des autobiografischen Gedächtnisses sowie des Gefühls, man selbst zu sein, ist kein autonom ablaufender biologischer oder ausschließlich individueller Vorgang, sondern findet in Wechselbeziehungen mit Personen und Gruppen statt. Für die Entwicklung von kognitiven Strukturen und Bewusstsein ist die Interaktion mit anderen von großer Bedeutung – dies zeigen nicht nur sozialpsychologische, sondern auch neurowissenschaftliche Untersuchungen sehr deutlich:
Schon im Alter von neun Monaten entsteht Intersubjektivität, also die Fähigkeit, andere als zielgerichtet zu verstehen. Die Fähigkeit des »mind reading«, sich in andere hinein versetzen zu können, entwickelt sich jedoch erst ab dem Alter von drei Jahren. Dann beginnt auch das autobiografische Gedächtnis allmählich zu entstehen. Gedächtnisentwicklung verläuft vom Sozialen zum Individuellen.
Auch die Entwicklung von Persönlichkeit hängt in hohem Maß mit dem sozialen Kontext zusammen. So kann beispielsweise nicht vorhergesagt werden, wie ein zu Hause schüchternes und gehemmtes Kind sich in einer Kindergartengruppe verhalten wird, denn in neuen Situationen entwickeln sich »neue Verhaltensweisen«, die dann auch mit der Bewertung in der Gruppe zusammenhängen. Entsprechend haben in ihrer Persönlichkeit konsistente Kinder häufiger sozial erwünschte Eigenschaften als inkonsistente Kinder, bei denen der Anteil sozial unerwünschter Eigenschaften höher liegt. Daraus folgt aber auch, dass Kontinuität nicht bei jedem Menschen nur über die Persönlichkeit hergestellt wird, denn mit zunehmendem Alter haben Kinder beispielsweise auch die Möglichkeit, die eigene Umwelt so auszuwählen oder zu verändern, dass sie zu ihrer Persönlichkeit passt und diese verstärkt.
Das Gefühl von Kontinuität ist notwendig, um im Alltag und Lebensverlauf handlungsfähig zu sein. Was bedeutet dies nun für Kinder, die von Geburt an zwischen unterschiedlichen Welten wechseln, beispielsweise:
wenn ihre Familie multilokal, also an unterschiedlichen Orten lebt;
wenn sie unterschiedlich und flexibel betreut werden (Betreuungsmix);
wenn sie in unterschiedlichen Kulturen leben;
wenn sie sich zwischen Familie,
Schule, Gleichaltrigen-Gruppe, Hort, Sportverein und sonstigem bewegen;
wenn sie mit der Fülle von multimedialen Angeboten umgehen?
Welche Form von Unterstützung brauchen Kinder, um ein Gefühl von Kontinuität herstellen zu können und sich in diesen Welten kognitiv, emotional und sozial auf ihre individuelle Art entwickeln zu können?
Es ist noch offen, wie Entwicklung im Zusammenspiel biopsychosozialer Prozesse abläuft. Hier sind interdisziplinäre Forschungen gefragt. Deutlich ist jedoch, dass Kinder dafür »den Anderen« brauchen sowie eine Kompetenz, um biografische Übergänge und Brüche zu bewältigen.
Barbara Keddi
Weiterführende Literatur und Themenaufriss unter:
DJI-online: dji.de Thema des Monats 10/2006: Veränderung und Kontinuität im
Lebenslauf
Kontakt: keddi@dji.de