ADEPT
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Das Projekt ordnet sich dem Forschungsstrang zum „informellen Lernen“ zu, der im DJI mit Vorlage der Konzeption zum nationalen Bildungsbericht (vgl.) (Rauschenbach et al. 2004) unter jugendspezifischem Blickwinkel gebündelt wurde. In der Abteilung Familie und Familienpolitik ist vor allem der Aspekt der biografischen Kompetenzentwicklung in und durch Familienarbeit – auch in Initiativen der Familienselbsthilfe (Projekt „Evaluation der Familienselbsthilfe“) – in Projekten mit dem Leitthema „Familienkompetenzen“ konzeptionell und empirisch bearbeitet worden (zuletzt: „Familienkompetenzen als Potenzial einer innovativen Personalentwicklung“). Entlang dieses Leitthemas arbeitet das ADEPT - Projekt mit der Entwicklung eines Lernportfolios (anknüpfend an das europäische Kooperationsprojekt zu Familienkompetenzen und Arbeitswelt „Kompetenzbilanz“ genannt) für Migrant/innen weiter. Übergreifendes Projektziel für alle Partner war die Entwicklung einer innovativen Anwendung von Methoden zur Anerkennung und Validierung biografischen Lernens (Accreditation of Prior –Experiential – Learning, AP-E-L) als Instrument, um benachteiligten Erwachsenen Zugang zu formellen Bildungsgängen (und zum Arbeitsmarkt) zu eröffnen. Die Arbeit an der Entwicklung eines solchen Instruments war als Modul angekoppelt an das Projekt „Der soziale Nahraum in seiner Integrationsfunktion für Familien ausländischer Herkunft – ein innovativer Ansatz der Familienbildung."
Mitarbeiter/innen: Wolfgang Erler, Annemarie Gerzer-Sass (Konsultantin), Monika Jaeckel (Konsultantin)
Ausgangssituation In Forschung und Praxis zur Integration von Migrant/innen hat sich in den letzten Jahren eine Verschiebung der Perspektive vom „Defizitblick“ (mit der überwundenen „Ausländerpädagogik“) zu einer ressourcenorientierten Betrachtungsweise ausgeprägt. Zugewanderte werden darin als Akteure ihrer eigenen Biografie und als Konstrukteure ihrer sozialen Lebensumwelt verstanden und Ernst genommen. Viele Migrant/innen erleben, dass sich die Aufnahmegesellschaft in Deutschland für ihr biografisch-lebensweltlich erworbenes Kompetenz 'Gepäck' nicht interessiert; als Reaktion darauf werten sie – ganz ähnlich wie das Familienfrauen mit ihren familienbezogenen Kompetenzen tun – Ihre eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen ab. Im Dialog mit MigrantInnen kann es für Akteure aus der Integrationsarbeit (z.B. in der Beratung, in Sprachkursen, in offenen Treffpunkten) deshalb eine wichtige Hilfe gegen diese Selbst- und Fremdabwertung Zugewanderter sein, anhand eines Arbeitsinstruments eine Kompetenzbiografie zu erarbeiten, in der die eigene Herkunft als Bildungsgeschichte, der Aufbruch zu Flucht und/oder Migration und die ersten Erfahrungen im Zuwanderungsland Deutschland als Herausforderungen und Lernchancen begriffen und verarbeitet werden. Diese Kompetenzbiografie wird im Projekt „Kompetenzbilanz“ genannt – sie steht methodisch parallel zu den von den internationalen Partnern entwickelten Lernportfolios. In der Debatte um kommunale Integrationskonzepte ist in einem vom Bundesverwaltungsamt, später dem Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge geförderten Projekt ein verwandter Ansatz, „Kompetenzanalyse“ genannt, verwandt worden; er war dort mit der Erprobung sogenannter Integrationsvereinbarungen verknüpft. Das Konzept wurde an 8 Standorten umgesetzt und evaluiert. (vgl. Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung mbH 2002)
Zielsetzung Die Perspektive der Anwendung der Kompetenzbilanz ist so angelegt, dass daraus auch innovative Impulse für die Bildungs- und Arbeitsmarkt-Institutionen in Deutschland ausgehen können. Mit den Fähigkeiten, Interessen und dem lebendigen Potenzial der Zugewanderten soll in Zukunft weniger abwertend und eindämmend, sondern stärker anerkennend, wertschätzend und fördernd umgegangen werden - z.B. durch die Öffnung von Wegen in anerkannte Berufe, die die bisherige Lebensleistung und Berufspraxis berücksichtigen, aber auch durch die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Praxisfelder, vor allem im sozialen Nahraum.
Konzeption und Methode Auf der Grundlage biografischer Interviews (aus dem Projekt „Integration im sozialen Nahraum“) mit MigrantInnen wurde ein Leitfaden für die Erarbeitung einer Kompetenzbilanz Biografie erstellt, der mit PartnerInnen aus der Migrationsarbeit systematisch abgeglichen und nach der Erprobung mehrerer Versionen in Gruppen von MigrantInnen unterschiedlicher Herkunft erprobt und in mehreren Rückkoppelungsschleifen, unterstützt durch einen Arbeitskreis aus der Praxis, verändert wurde.
Partner waren ein Netzwerk von Bildungsträgern, die Qualifizierungsprojekte für Flüchtlinge in Bayern durchführen; darüber hinaus wirkten Träger von Sprach- und Orientierungskursen für neu Zugewanderte in München, der Träger eines Fortbildungskurses für hoch qualifizierte Frauen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion in Berlin sowie Träger von Beratungsstellen für MigrantInnen an dieser Erprobungsarbeit mit. Neben den Akademikerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion gehörten Frauen aus arabischen Ländern (Sudan und Irak), aus der Türkei sowie eine geschlechtergemischte Gruppe von Schwarzafrikanerinnen und Schwarzafrikanern den Gruppen an, mit denen die Kompetenzbilanz - Biografie erarbeitet wurde.
Ergebnisse Als Arbeitsmaterial wurde die Kompetenzbilanz für Migrant/innen im Mai 2003 auf einer Tagung im DJI einer interessierten Fachöffentlichkeit vorgestellt. In vielen Projekten ist die Kompetenzbilanz für Migrant/innen als methodische Anregung und in Teilen eingesetzt worden – so z.B. in der Evaluation des bayerischen EQUAL-Netzwerks „Flüchtlinge qualifizieren – FLUEQUAL“, wo sie dazu verwandt wurde, in einer quantitativen Auswertung die Bandbreite an informell erworbenen Kompetenzen der ProjektteilnehmerInnen – von der Mehrsprachigkeit bis zu Kompetenzen und Erfahrungen bei der Pflege Älterer und im musischen Bereich – darzustellen (vgl. (Erler/Früchtl/Spohn 2004). Das Instrument ist inzwischen im praxisbezogenen und auf Auswertungen und Erfahrungen gestützten Dialog mit Anwendern weiter überarbeitet worden und wird ab Sommer 2004 in einer neuen Version über das Internet verfügbar sein. Die Umarbeitung des Leitfadens auf die Lebenssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird derzeit von einem Projektpartner vorbereitet.
Die individuell-biografischen Erträge der Arbeit mit der Kompetenzbilanz werden in der nächsten Zeit in Kooperation mit den bisherigen – und weiteren – Partnern dokumentiert und evaluiert. Dabei wird besonderes Gewicht auf die Frage gelegt, ob und wie die Arbeit mit der Kompetenzbilanz dazu beiträgt, berufliche Entwicklungspfade zu öffnen und ob und wie sie dazu beiträgt, Wege zur sozial-kommunikativen Integration in die Gesellschaft des Zuwanderungslands Deutschland zu bahnen.
Für an der Anwendung der Kompetenzbilanz Interessierte führen die ehemaligen Projektmitarbeiter/innen auf Nachfrage Einführungsseminare zur Arbeit mit der Kompetenzbilanz durch. Teilnehmer/innen an solchen Seminaren, die selbst praktische Erfahrungen mit der Kompetenzbilanz sammeln wollen bzw. gesammelt haben, können im bundesweiten Netzwerk „KomBiNet“ mitwirken, in dem die Erfahrungen und Perspektiven biografisch kompetenzorientierter Arbeit mit Migrant/innen gebündelt werden.
Im Rahmen des europäischen Beschäftigungsprogramms „EQUAL“ wurde die Kompetenzbilanz für Migrant/innen auch weiteren internationalen Partnern aus der Qualifizierungsarbeit für Flüchtlinge, die unter dem Titel „Skills Audit“ mit ähnlichen Methoden von Lernportfolios arbeiten, vorgestellt. Ein Diskussionsprozess unter Flüchtlingsprojekten über die methodische Annäherung der in verschiedenen EU-Mitgliedsländern entwickelten biografischen Lernportfolios hat begonnen, in den die weiteren Erfahrungen mit und Erkenntnisse aus der Arbeit mit der Kompetenzbilanz für Migrant/innen einfließen können.
weiterführende Literatur
Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung mbH (2002): „Wissenschaftliche Begleitung der mit Mitteln des Bundesministers des Innern vom Bundesverwaltungsamt geförderten Modellprojekte zum Abschluss von Eingliederungsverträgen“. Bericht, 17.12.2002 o.O.
Rauschenbach, T. et al. (2004): Non-formale und informelle Bildung im Kindes- und Jugendalter. Konzeptionelle Grundlagen für einen Nationalen Bildungsbericht, Reihe
Projektliteratur
Jaeckel, Monika; Erler, Wolfgang (2003): Die Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en – Ein Instrument zur Selbsteinschätzung eigener Fähigkeiten und Möglichkeiten. München: DJI
Erler, Wolfgang; Früchtl, Martina; Spohn, Margret (2004): „Lernen ist das größte Tor, um überhaupt in dieser Gesellschaft Einzug zu finden“. 1. Evaluationsbericht zur Arbeit von FLUEQUAL – Flüchtlinge qualifizieren. Augsburg
Jaeckel, Monika; Erler, Wolfgang (2003): Handreichung zur Kompetenzbilanz. München: DJI
Kooperationen
Cork Institute of Technology CIT, Department of Education Development - DEIS, Cork/Ireland (Ray Coughlan, Head of Department, ProjektkoordinationUniversity of Ulster, Belfast, Northern Ireland (Prof. Anne Moran
ERGON KEK, Athen/Griechenland (Bildungsträger mit Standorten in ganz Griechenland), (Margarita Defingou)
Community Women’s Education Initiatives CWEI, Cork, Ireland (Maire Dorgan)